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Full text of "Deutsche Vierteljahrsschrift Für Öffentliche Gesundheitspflege 15.1883 Michigan"

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Deutsche Vierteljahrsschrift für 
öffentliche Gesundheitspflege 


Carl Heinrich Reclam, Georg Varrentrapp, 
Alexander Spiess, Deutscher Verein für ... 






























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Deutsche Vierteljahrs schritt 


für 


öffentliche Gesundheitspflege. 


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Deutsche Vierteljahrsschrift 


für 


öffentliche Gesundheitspflege. 


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Holzstiche 

aus dem xylographischen Atelier 

von Friedrich Vieweg und Sohn 

in Braunschweig. 


Papier 

aus der mechanischen Papier - Fabrik 
der Gebrüder Vieweg zu Wendhausen 
bei Braunschweig. 


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Deutsche Yierteljahrsschrift 

für 

öffentliche Gesundheitspflege. 

Herausgegeben von ‘ ’ 

Prof. Dr. Finkelnburg in Bonn, Dr. Göttisheim in Basel, 
Prof. Dr. August Hirsch in Berlin, Baurath Hobrecht in Berlin, 
Prof. A. W. Hofmann in Berlin, Prof. M. y. Pettenkofer 
in München, Gen.-Arzt Prof. Dr. Roth in Dresden, San.-Rath 
Dr. A. Spiess in Frankfurt a. M., Geh. San.-Rath Dr. G. Yarren- 
trapp in Frankfurt a. M., Ministerialrath Dr. Wasserfuhr in 
Strassburg, Oberbürgermeister y. Winter in Danzig. 


R e d i g i r t 
von 


Dr. Georg Varrentrapp und Dr. Alexander Spiess 

in Frankfurt a. M. 


Fünfzehnter Band. 


Braunschweig, 

Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 

1 8 8 3. 


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Alle Rechte Vorbehalten. 


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Inhalt des fünfzehnten Bandes. 


Erstes Heft. 


Seite 


Ueber die in fremder Pflege untergebrachten Kinder vom Standpunkte der 

öffentlichen Gesundheitspflege. Von Prof. Dr. J. Uffelmann in Rostock 1 

Ueber die bisherigen Ergebnisse der Ferienkolonien. Von Dr. G. Varren- 
trapp. Vortrag, gehalten auf dem internationalen hygienischen Con- 

gress in Genf, 6. September 1882 .... 37 

Vaccine und Variola. Von Dr. Leonhard Voigt, Oberimpfarzt zu Ham¬ 
burg. 3. Impfschutz und Pockeuschutz. 58 

Oeffentliche Schlachthofanlage für die Stadt Halle entworfen von Stadtbau¬ 
rath Lohausen. 84 

Die Goldner’sche Abtritterfindung. Gutachten von ßaurath und Professor 
Baumeister, Hofrath und Professor Dr. K. Birnbaum, Oberbaurath 

Lang. 87 

Weitere Bemerkungen zu vorstehendem Gutachten von R. Bau¬ 
meister . 95 

[Kritiken nnd Besprechungen.] Prof. Dr. M. v. Pettenkofer und Prof. 

Dr. H. v. Ziemssen: Handbuch der Hygiene und der Gewerbe¬ 
krankheiten. Besprochen von Prof. Dr. J. v. Fodor (Budapest) . . 99 

Dr. Julius Uffelmann, Professor der Medicin in Rostock: Handbuch 
der privaten und öffentlichen Hygiene des Kindes. Besprochen von 

Dr. Baginsky (Berlin).?.101 

Dr. med. Hermann Ploss:- Ueber das Gesundheitswesen und seine 
Regelung im Deutschen Reiche. Besprochen von Medicinalrath 

Dr. Bockendahl (Kiel).. 104 

Dr. C. Rockwitz, Regierungs- und Medicinalrath: Geueralbericht über 
das öffentliche Gesundheitswesen des Regierungsbezirks Cassel für 
die Jahre 1875 bis 1879. Besprochen von Dr. E. Marcus (Frank¬ 
furt a. M.).109 

Dr. PiBtor, Regierungs- und Medicinalrath: Das öffentliche Gesund¬ 
heitswesen im Regierungsbezirk Oppeln während der Jahre 1876 
bis 1880. Besprochen von Dr. E. Marcus (Frankfurt a. M.) . . . 113 

E. Beyer, Regierungs- und Medicinalrath: Zweiter Bericht über das 
öffentliche Gesundheitswesen des Regierungsbezirks Düsseldorf für 

das Jahr 1880. Besprochen von Prof. Dr. Hirt (Breslau).115 

Dr. C. Skrzeczka, Regierungs- und Geheimer Medicinalrath: General¬ 
bericht über das Medicinal- und Sanitätswesen der Stadt Berlin in 
den Jahren 1879 und 1880. Besprochen von Dr. Guttstadt (Berlin) 118 


383318 


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VI Inhalt des fünfzehnten Bandes. 

Seite 

Dr. Robert Hoeniger: Der schwarze Tod in Deutschland. Besprochen 

von Prof. Hirsch (Berlin).131 

Dr. Otto Kuntze: Motivirter Entwurf eines deutschen Gesundheits- 

Baugesetzes. Besprochen von Prof. Baumeister (Karlsruhe) ... 137 
Ludwig Degen, Fürstlich von Thurn und Taxis’scher Baurath: Das 
Krankenhaus und die Caserne der Zukunft. Besprochen von Prof. 

Dr. W. Roth, Generalarzt I. CI.138 

[Zur Tagesgeschichte*] Die „Section für Gesundheitspflege und Staats- 
arzneikuude“ in der Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte 
zu Eisenach 1882 . 144 

[Hygienische Gesetze, Verordnungen und Entscheidungen.] 

I. Gesetze und Verordnungen. Königlich Sächsische Ministerialver- 

fügung vom 28. März 1882, betreffend Maassregeln gegen die Ver¬ 
unreinigung der fliessenden Wässer durch Einführung von gesund¬ 
heitsschädlichen oder ekelerregenden Stoffen.157 

Polizeiverordnung der Königl. Regierung zu Bromberg vom 23. April 

1882, betreffend Fleisch schau im Regierungsbezirk Bromberg ... 159 
Grossherzoglich Hessische Ministerialverfügung vom 13. Juni 1882, be¬ 
treffend Maassregeln gegen die Verbreitung von Scharlachfieber 

und Rachenbräune (Diphtherie) im Kreise Giessen.166 

Grossherzoglich Sächsische Ministerialverfügung vom 4. Juni 1882, be¬ 
treffend Verhütung der Verbreitung ansteckender Krankheiten 

durch die Schulen und Kinderbewahranstalten.168 

Herzoglich Anhai tsche Polizei Verordnung vom 6. Juni 1882, betreffend 

Weiterverbreitung ansteckender Krankheiten durch Leichen ... 170 
Grossherzoglicb Badische Ministerialverfügung vom 20. Juli 1882, be¬ 
treffend Begräbnissplätze und Beerdigungen.170 

II. Entscheidungen deutscher Gerichtshöfe. Genussmittelfalschung 172 
[Kleinere Mittheilnngen*] Vertragbarkeit der Masern, des Scharlachs und 

der Blattern durch dritte Personen.176 

Ueber die im Jahre 1881 in Preussen auf Trichinen und Finnen unter¬ 
suchten Schweine.177 

Sterblichkeit an Pocken in Bayern. 178 

Neu erschienene Schriften über öffentliche Gesundheitspflege. 26. Ver¬ 
zeichniss . 179 

Zweites Heft. 

Vierter, internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf vom 4. bis 

9. September 1882 . 193 

Allgemeine Sitzungen. Berichterstatter Dr. G. Haltenhoff (Genf) 196 

I. Section. Allgemeine, internationale und öffentliche Hygiene. 

Berichterstatter Dr. J. Soyka (München).234 

II. Section. Oeffentliche Hygiene, Militärhygiene, Spitalhygiene. 

Berichterstatter Dr. Sonderegger (St. Gallen) . ..248 

III. Section. Beziehungen der Gesundheitspflege zur Physik, Chemie, 

Baukunde und Ingenieurwissenschaft. Berichterstatter Dr. G. 

Varrentrapp (Frankfurt a. M.).271 

IV. Section. Hygiene des Kindesalters, Privat-Hygiene, Veterinär- 

Hygiene. Berichterstatter Dr. R. Blasius (Braunschweig) . . 291 

V. Section für Demographie und Medicinalstatistik. Berichterstatter 

Dir. J. Körösi (Budapest) und Geh. Medicinalrath Pfeiffer 

(Weimar).302 

Anhang: Die hygienische Ausstellung des Genfer Congresses . . . 315 


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Inhalt des fünfzehnten Bandes. vn 

Seite 

Das Separatsystera der Städtereinigung. Nach amerikanischen Quellen dar- 

gestellt von Prof. Baumeister.317 

[Kritiken nnd Besprechungen.] Dr. Hermann Eulenberg, Geh. Ober- 
medicinal- und Vortragender Rath im Ministerium der geistlichen, 
Unterrichts- und Medicinalangelegenheiten: Handbuch des öffent¬ 
lichen Gesundheitswesens. Besprochen von Dr. A. Wernich (Berlin) 332 
Wiehl und Gnehm: Handbuch der Hygiene, hauptsächlich für Mit¬ 
glieder von Gesundheitsämtern. Besprochen von Prof. Dr. L. Hirt 

(Breslau).-.336 

Dr. med. Felix Beetz: Die Gesundheitsverhältnisse der kgl. bayer. 
Haupt- nnd Residenzstadt München. Besprochen von Dr. Neid¬ 
hardt (München).336 

Harald Westergaard: Die Lehre von der Mortalität und Morbidität. 

Besprochen von Dr. Guttstadt (Berlin).337 

Dr. Paul Gerhard, Civil- and Sanitary-Engineer: House drainage and 
Sanitary plumbing. Besprochen von Prof. Baumeister (Karls¬ 
ruhe) .338 

B. Küssner und R. Pott: Die acuten Infectionskrankheiten. — J. No- 
wack: Die Infectionskrankheiten vom ätiologischen und hygieni¬ 
schen Standpunkte. Besprochen von Dr. A. Wernich (Berlin) . . 840 

Dr. R. Koch, Geh. Regierungsrath: lieber die Milzbrandimpfung. 

Besprochen von Dr. Libbertz (Frankfurt a. M.).343 

Dr. Paul Güterbock: Die öffentliche Reconvalescentenpflege. Be¬ 
sprochen von Stabsarzt Dr. Gross heim (Berlin).345 

Dr. G. Rauchfass, Director und Oberarzt des Kinderspitals des Prin¬ 
zen Peter von Oldenburg in St. Petersburg: Die Kinderheilanstalten. 

Besprochen von Prof. J. Uffelmann (Rostock).347 

H. Goullon, praktischer Arzt in Weimar: Gesundheitspflege derjenigen 
Berufsarten, welche vorwiegend mit geistiger Arbeit beschäftigt 
sind oder eine sitzende Lebensweise führen. Besprochen von Prof. 

Dr. Hirt (Breslau).350 

M. Popper: Lehrbuch der Arbeiterkrankheiten uud Gewerbehygiene. 

Besprochen von Prof. Dr. Hirt (Breslau).351 

F. Elsner: Die Praxis des Nahrungsmittelchemikers (Dr. H. Vogel) 352 
J. König: Chemische Zusammensetzung der menschlichen Nahrungs¬ 
und Genussmittel (Dr. H. Vogel).353 

Ariberto Tibaldi: Societä per la cura climatica gratuita ai fanciulli 
gracili alunni delle scuole elementari comunali di Milani. Besprochen 

von Dr. Altschul (Frankfurt a. M.).. . 354 

Dr. A. Oldendorf f: Grundzüge der ärztlichen Versicherungspraxis . . 356 

[Zar Tagesgeschichte.] Entwässerung von Frankfurt a. M.357 

[Hygienische Gesetze, Verordnungen und Entscheidungen.] 

I. Gesetze und Verordnungen. Königlich Württerabergische Mini- 
sterialverfügung vom 14. September 1882, betreffend ärztliche Visi¬ 
tationen der Gemeinden in Absicht auf Gesundheitspflege .... 364 
Grossherzoglich Hessische Ministerialverfugung /vom 2. November 1882, 

betreffend die Bildung von Kreisgesundheitsräthen.365 

Erlass der Königlichen Regierung zu Wiesbaden vom 28. August 1882, 

betreffend Anzeige der Fälle von ansteckenden Krankheiten . . . 367 
Erlass der Herzoglich Anhaitischen Regierung vom 15. October 1882, 

betreffend die Verhütung des Verbreitens ansteckender Krankheiten 367 
Verordnung Herzoglich Sächsischen Landrathsamts zu Coburg von* 

9. November 1882, betreffend Verhütung der Weiterverbreitung 
von Scharlach und Diphtherie.369 


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VIII 


Inhalt des fünfzehnten Bandes. 


Seite 

Königlich Sächsische Ministerialverfügung vom 8. November 1882, be¬ 
treffend Verhalten der Schulbehörden bei dem Auftreten anstecken¬ 
der Krankheiten in den Schulen.370 

Erlass Königlicher Regierung zu Breslau vom 30. October 1882, betref¬ 
fend die Wirkungsweise der essbaren Morchel.371 

II. Entscheidungen deutscher Gerichtshöfe. Nahrungsmittelver¬ 
kehr .372 

Fahrlässiger Verkauf gesundheitsschädlicher Nahrungsmittel.373 

Verdorbenheit der Nahrungsmittel.376 

Nahrungsmittelfälschung.377 

Verkauf gefälschter Weine. Betrug.379 

[Kleinere Mittheilungen.] Enthält der Kartoffelzucker gesundheitsschäd¬ 
liche Stoffe? Von Dr. J. Nessler.380 

Erfurt.381 

Zur Ehrenrettung Jenner’s humanisirter Lymphe.383 

Leichenverbrennung in Frankreich.383 

Deutscher Verein für Öffentliche Gesundheitspflege. Zehnte Versammlung 

zu Berlin vom 16. bis 19. Mai 1883 . 384 

Drittes Heft. 

Ueber die italienischen Institute für rhachitische Kinder. Von Prof. Dr. 

Uffelmann (Rostock).385 

Ueber Vereine zum Schutze der Haltekinder, insonderheit den zu Altona 

und Ottensen. Von Kreisphysicus Dr. Wallichs (Altona).401 

Die neueren amtlichen Kundgebungen in der Schulhygiene. Von Professor 

Baumeister (Karlsruhe).413 

Uebungen in hygienischer Chemie als Unterrichtsmittel. Von C. E. Hel big 451 

Vaccine und Variola. (Schluss.) Von Dr. Leonhard Voigt, Oberimpfarzt 

zu Hamburg.461 

[Kritiken und Besprechungen.] Tenth annual report of the Local Govern¬ 
ment Board 1880—1881. Besprochen von Professor Dr. W. Roth, 

Generalarzt I. CI. 468 

N. Pirogow: Das Kriegssanitätswesen und die Privathülfe auf dem 
Kriegsschauplätze in Bulgarien und im Rücken der operirenden 
Armee 1877 bis 1878. Besprochen von Stabsarzt Dr. Zimmern 

(Frankfurt a. M.).475 

Dr. Schwartz, Geh. Medicinal- und Regierungsrath: Die Gesundheits¬ 
verhältnisse und das Medicinalwesen des Regierungsbezirks Trier. 

Besprochen von Dr. E. Marcus (Frankfurt a. M.).480 

Dr. Richard Wehm er: Die Gesundheitsverhältnisse der Stadt Frank¬ 
furt an der Oder. Besprochen von Dr. E. Marcus (Frankfurt a. M.) 483 
Dr. Karl Schiedermayr, Statthaltereirath: Die Sanitätsverhältnisse 
der Landeshauptstadt Linz. Besprochen von Dr. E. Marcus 

(Frankfurt a. M.).484 

Jahresbericht über die Verwaltung des Sanitätswesens und den allge¬ 
meinen Gesundheitszustand des Cantons St. Gallen im Jahre 1880. 
Desgleichen im Jahre 1881. Besprochen von Dr. E. Marcus 

(Frankfurt a. M.).486 

[Zur Tagesgescliiclite.] Section für öffentliche Gesundheitspflege des Wiener 

medicinischen Doctorencollegiums.487 

Ueber Milchcontrole. Mittheilungen aus der Polizeipraxis vou Stadt¬ 
rath F. Schlatt er in Zürich.488 


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Inhalt des fünfzehnten Bandes. 


IX 


Seite 


[Hygienische Gesetze, Verordnungen und Entscheidungen.] 

I. Gesetze und Verordnungen. Königlich Preussische MinisterialVer¬ 
fügung vom 1. Januar 1883, betreffend Abwehr der durch die 
Ueberschwemmung bedingten Gefahren für das öffentliche Gesund¬ 
heitswohl .495 

Grossherzoglich Hessische Ministerial Verfügung vom 7. December 1882, 
betreffend die durch die Ueberschwemmung verursachten Gefahren 

für den allgemeinen Gesundheitszustand \.499 

Grossherzoglich Hessische Ministerial Verfügung vom 10. Januar 1883, 
betreffend Gefährdung des allgemeinen Gesundheitszustandes durch 

die Ueberschwemmungen.500 

Grossherzoglich Hessische Ministerialverfügung vom 10. Januar 1883, 
betreffend Maassregeln gegen gesundheitsgefährdende Folgen der 

Ueberschwemmungen. 504 

Grossherzoglich Hessische Ministerialverfügung vom 24. Januar 1883, 
betreffend Anleitung zur Ausführung von Desinfectionen der Woh¬ 
nungen im Ueberschwemmungsbezirke.506 

Erlass Königlicher Regierung zu Trier vom 23. December 1882, betref¬ 
fend Wiederbeziehen überschwemmt gewesener Wohnungen . . . 509 

Verordnung Königlichen Polizeipräsidiums zu Frankfurt a. M. vom 
3. December 1882, betreffend sanitäre Maassnahmen vor Wieder¬ 
beziehung überschwemmt gewesener Wohnungen.610 

Kaiserliche Verordnung vom 6. März 1883, betreffend Verbot der Ein¬ 
fuhr von Schweinen, Schweinefleisch und Würsten amerikanischen 

Ursprungs.511 

II. Entscheidungen deutscher Gerichtshöfe. Verbotener Verkehr 

mit Arzneimitteln. 512 

Nahrungsmittel.613 

[Kleinere Mittheilnngen.] Preisausschreiben.515 

Zur Schulkurzsichtigkeitsfrage. Von Dr. Ph. Steffan.616 

Die Revaccination in der preussischen Armee. Von Dr. Zimmern . . 518 

Ueber den Gebrauch der Salicylsäure zur Conservirung von Nahrungs¬ 
mitteln . 620 


Neu erschienene Schriften über öffentliche Gesundheitspflege (27. Verzeichniss) 521 
Nachtrag und Berichtigungen zu dem Berichte über die Verhandlungen 

des Genfer Congresses für Gesundheitspflege und Demographie .... 543 


Viertes Heft. 

Erste Hälfte. 

Bericht des Ausschusses über die zehnte Versammlung des „Deutschen Ver¬ 
eins für öffentliche Gesundheitspflege* 4 in Gemeinschaft mit dem „Verein 


für Gesundheitstechnik“ zu Berlin vom 16. bis 19. Mai 1883 . 545 

Erste Sitzung. 

Eröffnung der Versammlung.545 

Rechenschaftsbericht.548 

Tagesordnung.550 

Nr. I. Ueber die hygienische Beurthcilung der Beschaffenheit des 

Trink- und Nutzwassers.552 

Referat von Regierungsrath Dr. Wolffhügel (Berlin) 552 

Correferat von Professor Dr. Tie mann (Berlin) . . . 574 

Thesen.580 

Discussion.080 


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X Inhalt des fünfzehnten Bandes. 

Seite 


Zweite Sitzung. 

Nr. II. Ueber Städtereinigung und die Verwendung der städti¬ 
schen Unreinigkeiten.583 

Thesen.583 

Referat von Geh. Medicinalrath Prof. Dr. Virchow 584 

Discussion.601 

Resolution. 618 

Dritte Sitzung. 

Nr. III. Ueber künstliche Beleuchtung.619 

Referat von Dr. Ferdinand Fischer (Hannover). . 619 

Referat von Prof. Dr. Hermann Cohn (Breslau) . . 623 

Referat von Ingenieur Herzberg (Berlin).642 

Discussion.647 

Schluss der Versammlung.649 

Neuwahl des Ausschusses.651 

Besichtigungen.651 

Beitrag zur Kenntniss der Trichinenschau. Von Physicus Dr. Ermann in 

Hamburg.653 

Zur Impffrage. Von Bezirksarzt Dr. W. Hesse in Schwarzenberg.660 

Der Nachweis des Zusatzes kleiner Mengen Wassers zur Milch. Von Prof. 

Dr. J. Uffelmann in Rostock.663 

[Kritiken nnd Besprechungen.] Prof. Dr. Aug. Hirsch: Handbuch der 
historisch-geographischen Pathologie. II. Abtheilong. Besprochen 

von Dr. A. Wern ich in Berlin.672 

Dr. Adolf Wern her: Das erste Auftreten und die Verbreitung der 
Blattern in Europa bis zur Einführung der Vaecination. Das Blat¬ 
ternelend des vorigen Jahrhunderts. Besprochen von A. Hirsch 

(Berlin).674 

Prof. Dr. Hermann Cohn: Die Hygiene des Auges in den Schulen. 

Besprochen von Dr. Adolf Weber (Darmstadt).676 

Dr. Bo ehr, Marine-Stabsarzt: Ueber Schiffsluft, ihre Verunreinigung 
und die Mittel sie zu verbessern. Besprochen von Dr. Reineke 

(Hamburg).679 

Burrill, T. S., Ph. D.: The Bacteria (Libbertz, Frankfurt a. M.) . . 680 

[Zur Tagesgeschichte.] Ministerialschreiben, betreffend das Liernur’sche 

Städtereinigungssystem.681 

Section für öffentliche Gesundheitspflege des Wiener medicinischen 

Doctorencollegiums.684 

Vom elften deutschen Aerztetag (22. und 23. Juni 1883). Von Dr. 

E. M a r c u 8.686 

[Hygienische Gesetze, Verordnungen und Entscheidungen.] 


I. Gesetze und Verordnungen. Erlass des königlich preussischen Mi¬ 
nisters der geistlichen, Unterrichts- und Medicinalangelegenheiten 
und des Ministers für Handel und Gewerbe vom 5. Juli 1883, betr. 
die gesundheitspolizeiliche Controle der einen preussischen Hafen 

anlaufenden Seeschiffe.689 

Erlass des königlich preussischen Ministers der geistlichen, Unterrichts¬ 
und Medicinalangelegenheiten und des Ministers für Handel und 
Gewerbe vom 11. Juli 1883, betr. Desinfection von Seeschiffen, 
welche gemäss Verordnung vom 5. Juli 1883 zu desinficiren sind . 693 
Erlass Königlicher Regierung zu Oppeln vom 6. März 1883, betr. Ueber- 


tragung des Milzbrandes von Tbieren auf Menschen.695 

Erlass Grossherzoglich Hessischen Ministeriums vom 15. März 1883, 

betr. Schutz der Sehkraft der Schüler und Schülerinnen.697 


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Inhalt des fünfzehnten Bandes. 


XI 


Seite 

Erlass Grossherzoglich Hessischen Ministeriums vom 25. Mai 1883, 

betr. die in den Volksschulen gebrauchten Schulbänke.698 

II. Entscheidungen deutscher Gerichtshöfe. Nahrungsmittelfäl- 

schung.699 

Fleischbeschau.703 

[Kleinere Mitthellungen.] Mehlzusatz zur Wurst.704 

Statistica delle cause delle morti etc., Roma 1882 . 704 

Zweite Hälfte. 

Ueber die Thätigkeit niederer Organismen im Boden. Vortrag, gehalten am 
30. Juni 1883 in der hygienischen Ausstellung zu Berlin von Professor 

Dr. E. Wollny in München...705 

Gesundheitliche Verbesserungen in Paris. (Schlechte Gerüche daselbst.) Von 

Dr. Georg Varrentrapp.726 

Niederlagen der öffentlichen Gesundheitspflege in der Schweiz. Von Dr. 

G. Custer in Rheinek (St. Gallen).747 

[Kritiken und Besprechungen.] Archiv für öffentliche Gesundheitspflege 
in Eisass-Lothringen. Besprochen von Prof. Dr. Uffelmaun in 

Rostock. 766 

Die Prophylaxe der Blindheit nebst einem Referate über: Dr. H. Magnus: 

Die Blindheit, ihre Entstehung und ihre Verhütung. Von Dr. Stef- 

fan (Frankfurt a. M.).770 

Dr. Grandhommc: Die Theerfarbenfabriken der Actiengesellschaft 
Farbwerke vorm. Meister, Lucius & Brüning zu Höchst a. M., in 
sanitärer und socialer Beziehung. Besprochen von Prof. L. Hirt 

(Breslau).775 

[Hygienische Gesetze, Verordnungen und Entscheidungen.] 

I. Gesetze und Verordnungen. Erlass königl. preussischen Ministe¬ 
riums der geistlichen, Unterrichts- und Medicinalangelegenheiten 
vom 19. Juli 1883, betreffend prophylactische Maassregeln gegen 

die Cholera.777 

Erlass des Schweizer Bundesrathes vom 9. Iuli 1883, betreffend pro¬ 
phylactische Maassregeln gegen die Cholera.778 

Erlass königl. preussischen Ministeriums der geistlichen, Unterrichts¬ 
und Medicinalangelegenheiten vom 3. April 1883, betreffend Anzeige 
und sanitätspolizeiliche Maassregeln bei Pocken in Krankenanstalten 780 
Erlass Königlicher Regierung zu Minden vom 7. März 1883, betreffend 
Anzeigepflicbt bei Erkrankungen an Rachenbräune (Diphtherie) und 

Kindbettfieber im Regierungsbezirk Minden.781 

Erlass königl. Polizeipräsidiums zu Berlin vom 20. Januar 1883, betr. 

Einrichtung und Benutzung von Bierdruckvorrichtungen in Berlin 782 
II. Entscheidungen deutscher Gerichtshöfe. Nahrungsmittelver¬ 
kauf .784 

Handel mit Giften. 785 

Aerztliche Approbationen. 786 

Neu erschienene Schriften über öffentliche Gesundheitspflege (28. Verzeich¬ 
niss) .787 

Repertorium der im Laufe des Jahres 1882 in deutschen und ausländischen 
Zeitschriften erschienenen Aufsätze über öffentliche Gesundheitspflege. 
Zusammengestellt von Dr. Alexander Spiess.801 


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Ueber 

die in fremder Pflege nntergebrachten Sinder rom 
Standpunkte der öffentlichen Gesundheitspflege. 

Von Prof. Dr. J. UfFelmann in Rostock. 


Von den in fremder Pflege nntergebrachten Kindern haben 
wir zwei Classen zn unterscheiden. Die eine umfasst die sogenannten 
Halte- oder Ziehkinder. Es sind das solche, welche Seitens privater 
Personen auf deren Kosten untergebracht werden. Bei uns in Deutsch¬ 
land ist die Mehrzahl dieser Kinder unehelich; nur ab und zu kommt es 
vor, dass eine eheliche Mutter bei Tod oder Siechthum des Mannes, oder 
ein Mann bei Tod oder Siechthum der Frau eins resp. mehrere der Kinder 
in fremde Pflege geben. Anders ist es bekanntlich in Frankreich, wo 
die traurige Sitte unter den wohlhabenden Familien der Städte eingerissen 
ist, die Säuglinge sehr bald nach der Geburt aufs Land zu geben und hier 
von Ammen beziehungsweise Pflegerinnen aufziehen zu lassen. Dort sind 
die bei Weitem meisten Haltekinder gerade eheliche. Die gleiche Sitte 
findet man hier und da in Belgien, auch in Italien; doch hat sie in 
keinem dieser Länder, nicht einmal annähernd, zu jenen haarsträubenden 
Uebelständen geführt, wie in Frankreich. 

Die zweite Classe der Pflegekinder umfasst alle diejenigen, welche auf 
Veranlassung und Kosten einer Gemeinde, Behörde oder Anstalt 
in fremde Pflege gegeben werden. Es sind das bei uns fast aus¬ 
schliesslich arme, verwaiste, halbwaise, verlassene und auch wohl solche, 
deren Erziehung den Eltern genommen werden musste. Die Zahl dieser 
letztbezeichneten und der verlassenen ist in den grossen Städten nicht un¬ 
bedeutend. So hatte Berlin während des Jahres 1881 = 380 verlassene 
und 95 den Eltern aus Erziehungsrücksichten abgenommene zu verpflegen. 
Alle diese Kinder bringt man jetzt fast überall, wo die Umstände es irgend 
gestatten, nicht mehr in Anstalten, sondern in Familien unter, weil sich 
herausgestellt hat, dass sie so, besonders in gesundheitlicher Beziehung und 
zum Mindesten die Mädchen auch in moralischer Besiehung, besser gedeihen. 
Dasselbe System beginnt jetst in England festen Fuss zu fassen, nachdem 
die JSoarding • out Act 1862 dasselbe für ein in der Armenpflege zulässiges 

VtortttyahrMchrift ftkr Gesundheitspflege, 1883. j 


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2 


Prof. Dr. J. Uffelmann, 

erklärt hat. Die Generalarmenverwaltung von Paris bringt es schon seit 
geraumer Zeit zur Ausführung, auch bezüglich der Findelkinder. Diese 
letzteren werden ja ebenfalls in Italien und in Oesterreich der über¬ 
wiegenden Mehrzahl nach an Ammen und Pflegepersonen vergeben. 

Zwischen beiden Glossen von Kostkindern wird sehr häufig kein Unter¬ 
schied gemacht. Dies ist aber durchaus nöthig. Kann es doch nicht einerlei 
sein, ob ein Pflegling auf öffentliche Kosten oder auf private untergebracht ist! 
In ersterem Falle wird die Pflegerin der regelmässigen Zahlung des Pensions¬ 
betrages sicher sein können, im anderen Falle einer solchen Garantie der 
Regel nach entbehren. Und das ist von grossem Belange, wie Jedem sofort 
einleuchtet, und wie weiter unten noch näher besprochen werden soll. Ausser¬ 
dem können die Controlmaassregeln für beide Classen durchaus nicht die 
nämlichen sein. 

Besteht aber auch ein Unterschied, so erscheint es doch sehr zweck¬ 
mässig, die Hygiene der Haltekinder und der armen Kostkinder gemeinsam 
zu betrachten. Denn es kommt erstens gar nicht selten vor, dass Halte¬ 
kinder in die Kategorie der auf öffentliche Kosten untergebrachten über¬ 
gehen , und zweitens ist es sehr lehrreich, die gesundheitliche Lage beider 
Classen mit einander zu vergleichen. 

Die hohe Bedeutung der öffentlichen Hygiene der in fremder Pflege 
untergebrachten Kinder darf nicht von der Hand gewiesen werden. Es 
handelt sich ja um eine ungemein grosse Zahl von Pfleglingen. Die nach¬ 
folgenden Data werden dies belegen: In Berlin zählte man 1880 = 2853 
Haltekinder und 3090 arme Kostkinder, in Dresden während des näm¬ 
lichen Jahres 833, in Chemnitz 199, in Freiberg i. S. 122, in Cöln 152 
Haltekinder. Hamburg hat seit einer Reihe von Jahren durchschnitt¬ 
lich pro anno gegen 900 arme Kostkinder zu verpflegen. Sieben Kreise des 
Grossherzogthums Baden verpflegten 1877 in Summa 4203 Kinder auf öffent¬ 
liche Kosten, die bei Weitem meisten bei Privaten. Eine Gesammtstatistik 
fehlt bislang; aber man bleibt wohl noch hinter der Wahrheit zurück, wenn 
man die Zahl der Halte- und armen Kostkinder in Deutschland auf 200 000 
abschätzt. Jedenfalls ist sie viel bedeutender, als diejenige der in Fabriken 
beschäftigten Kinder, für welche die öffentliche Hygiene — und mit Recht — 
so sehr eintritt 

Es kommt hinzu, dass die gesundheitliche Lage der in fremder 
Pflege befindlichen Kinder eine sehr traurige ist. 

Die armen Kostkinder Hamburgs zeigten folgende Sterblichkeit: 


1870 waren untergebracht 859, 

1871 „ * 871, 

1872 „ * 851, 

1873 „ „ 859, 

1874 „ „ 890, 

1875 „ „ 891, 


davon starben 53 


n 

n 

n 

» 

» 


» 

» 

n 

n 

7 » 


73 

61 

67 

47 

59 


Die grösste Sterblichkeit fand sich natürlich bei den Säuglingen. Von 
ihnen wurden 1870 bis 1875 aufgenommen 783; davon starben 189 
= 29*4 Proc. Die mittlere Säuglingssterblichkeit in Hamburg betrug aber 
in demselben Zeitraum = 22*6Proc.; und dabei ist noch zu bedenken, dass 


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Ueber die in fremder Pflege untergebrachten Kinder. 3 

circa */$ der Kostkinder ausserhalb der Stadt auf dem Lande untergebracht 
waren, wo die allgemeine Sterblichkeit sicherlich eine noch geringere als 
in Hamburg selbst gewesen ist. 

In Rostock wurden nach einer Zusammenstellung, welche ich auf 
Grund der Listen unserer Armenbehörde angefertigt habe, von 1864 bis 
1881 auf städtische Kosten in fremde Pflege gegeben: 

1427 Kinder von 0 bis 7 Jahren, unter diesen befanden sich 
428 u „ 0 „ 1 Jahr, und von letzteren starben 

156 „ oder 36 Proc. 

Nun betrag die Sterblichkeit der Säuglinge hierorts während der letzten 
sieben Jahre im Mittel nur 18*2 Proc., im Jahre 1881 sogar nur 14*2 Proc. 
Demnach ist diejenige der Säuglinge unter den armen Kostkindern um das 
Doppelte zu hoch. Die Mortalität der letzteren aus dem zweiten Lebens¬ 
jahre stellte sich erheblich geringer, nämlich nur auf 6*2 Proc. 

Im Departement de Ja Seine giebt es über 26 000 auf Kosten der Stadt 
Paris in fremder Pflege untergebrachte enfants trouvts, abandonnis et 
orphelins *). Ihre Sterblichkeit, früher 40 bis 44 Proc., beträgt immer noch 
gegen 25 Proc.; und doch sind jene Kinder keineswegs bloss Säuglinge 
— selbst dann noch wäre der Procentsatz ungemein hoch —, sondern solche 
von 0 bis 12 Jahren. Die Säuglingssterblichkeit der bezeichneten 
Classe beträgt jetzt circa 30 Proc.; diese Ziffer wird wenigstens von 
d’Haussonville notirt (Revue des deux mondes 1876 , 17, p. 502). 

Noch reichlich so traurig lauten die Mittheilungen über die Sterblich¬ 
keit der Haltekinder. Es starben in Berlin 8 ): 

1876 von 1481 = 454 im ersten Lebensjahre, oder 46 Proc. 


1877 

T» 

1682 

= 421 

T) 

V 

n 

n 

42 

n 

1878 

» 

1732 

= 434 

1) 

n 

» 

r» 

40 

n 

1879 

71 

1661 

= 637 

n 

n 

n 

r» 

44 

n 

1880 

1) 

1894 

= 708 

n 

n 

n 

n 

47 

n 


Während dieser Jahre schwankte die allgemeine Säuglingssterblichkeit 
in Berlin von 28 Proc. bis 31 Proc. 

In München zählte man von 1853 bis 1868 in Summa 9837 Halte¬ 
kinder. Von diesen starben 3653 oder 37 Proc. 

Dabei ist zu beachten, dass die Haltekinder allen Altersclassen an¬ 
gehörten. 

Ebendort hatte man 1876 869 Haltekinder. Von ihnen waren: 

331 im ersten Jahre, Todesfälle 103 oder 31 Proc. 


227 

V 

zweiten 

n 

71 

49 

n 

21-5 „ 

87 

n 

dritten 

71 

1) 

4 

n 

4-5 „ 

66 

71 

vierten 

i) 

71 

2 

TJ 

3 „ 

35 

n 

fünften 

V 

71 

1 

7) 

3 „ 

123 

n 

6. bis 10. 

71 

V 

0 

n 



l) Im Jahre 1875 26 508 von 37 563 überhaupt auf Armenkosten verpflegten Kindern 
de« Departements. 

*) Skrzeczka, Generalbericht über das Medicinal- und Sanitäts wesen der Stadt Berlin 
1879 und 1880, S. 181. 

X* 


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4 


Prof. Dr. J. Uffelmann, 

Im Jabre 1880 zäblte man 954 Haltekinder. Von ihnen standen: 

479 im ersten Jabre, Todesfälle bei denselben 182 oder 38 Proc. 

208 „ zweiten „ „ „ „ 67 „ 32 * 

Zu Strassburg sollen nach Villemin 87 Proc. der Säuglinge unter 
den Haltekindern dabin gerafft sein. In Chemnitz starben 1879 von 200 
Haltekindern trotz Controle 97, d. h. 50 Proc.; in Freiberg i. S. von 
122 = 60, d. h. ebenfalls fast 50 Proc. Auch aus Cöln berichtet 
Schwartz von gleich hoher Sterblichkeit. 

Die ungemein ungünstigen 6esundheitsVerhältnisse der französisches 
Haltekinder sind oft genug besprochen worden, so dass ich auf die Mitthei¬ 
lung weniger Data mich beschränken kann. Nach dem Berichte Monot’s 
starben 71 Proc. aller in seinem Canton untergebrachten Haltekinder des 
ersten Jahres. Bergeron meldete, dass von 20 000 Säuglingen, die all¬ 
jährlich aus Paris aufs Land in private Pflege gegeben werden, gegen 15 000 
vor Ablauf des ersten Lebensjahres versterben; das wäre =75 Proc. 
Brochard berechnete die allgemeine Säuglingssterblichkeit der französischen 
Haltekinder auf 70 Proc. Broca taxirte sie zwar niedriger, nämlich nur 
auf 48 Proc.; doch berücksichtigte er nur einen kleinen Theil derselben, 
so dass seine Angabe keinen bedeutenden Werth hat. Aber, selbst wenn 
seine Ziffer der Wahrheit am nächsten käme, so wäre sie noch immer ein 
Beweis ganz excessiver Sterblichkeit, da diejenige der Säuglinge in Frank¬ 
reich überhaupt nur 17*3 Proc., auf dem Lande gar nur 16 Proc. beträgt. 

Ein völlig zutreffendes Bild von der traurigen Lage der armen Kost- 
und Haltekinder vermögen übrigens die statistischen Data über ihre Sterb¬ 
lichkeit gar nicht einmal zu geben. Dazu bedarf es einer Morbiditäts¬ 
statistik. Eine solche besitzen wir aber zur Zeit nur in wenigen Bruch¬ 
stücken. 

Ueber die armen, stadtseitig in fremder Pflege untergebrachten, Kinder 
Rostocks habe ich durch persönliche Nachforschung in jedem einzelnen 
Falle jüngsthin nachfolgende gewiss nicht uninteressante Data erlangt* 

Untersucht wurden bislang in Summa 98 Kinder von 0 bis 14 Jahren. 


Von ihnen waren: 

völlig gesund.50 

rhachitisch . . ; .19 

scrophulös. 12 


allgemein schwächlich.10 

an sonstigen Krankheiten leidend . 7 

Diese Zahlen sprechen ohne Commentar. Wenn demnach auch die 
hiesigen armen Kostkinder nach Ablauf des ersten Lebensjahres nur geringe 
Sterblichkeit zeigen, so sind sie doch gesundheitlich nur schlecht gestellt. 
Ich will damit gar nicht sagen, dass sie alle jene Constitutionsanomalieen in 
Folge des Uebergangs in fremde Pflege erworben haben; viele sind gewiss 
vorher schon kränklich gewesen. Aber jene Data zeigen doch, wie hoch- 
nothwendig eine angemessene Obsorge und Ueberwachung ist. 

Belangreiche Erhebungen über die Morbidität der Haltekinder wur¬ 
den 1875 und 1876 in Breslau angestellt. Sie ergaben Folgendes: Im 
Jahre 1875 waren von 276 Haltekindern 72 mit Constitutionsanomalieen, 


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Ueber die in fremder Pflege untergebrachten Kinder. 5 

mit Scrophulo8e, Rhachitis, T über c ul ose, Anämie and Syphilis behaftet, im 
Jahre 1876 von 247 Kindern 134. Auch diese Ziffern werfen ein ungemein 
trübes Licht auf die Lage der Unglücklichen Dabei muss noch berück¬ 
sichtigt werden, dass mehr als ein Dritttheil der vorhandenen Haltekinder 
zur Untersuchung gar nicht präsentirt wurde, und dass dieser Rest höchst¬ 
wahrscheinlich diejenigen umfasste, welche gesundheitlich am'schlechtesten 
standen. Wenn aber die Verhältnisse so liegen, wenn Constitutions- 
anomalieen in so ausserordentlicher Zahl unter den Haltekindern herrschen, 
dann wird die sanitäre Lage derselben in der That noch viel ungünstiger 
aufgefasst werden müssen, als es bislang auf Grund der Sterblichkeitsziffern 
geschehen ist. Wie traurig sich die Zukunft solcher Kleinen gestaltet, die 
scrophulös oder tuberculös sind, ist ja nur allzugut bekannt. Wenn irgend 
wo, so gilt es hier, dem Uebel vorzubeugen. 


Ursachen der gesundheitlich ungünstigen Lage der armen 
Kost- und Haltekinder. 


Haben wir die Thatsache hoher Morbidität und Mortalität der armen 
Kost- und Haltekinder kennen gelernt, so handelt es sich weiterhin um die 
Feststellung der Ursachen dieser Thatsache. Zunächst ist nun so viel klar, 
dass als wesentlicher Grund mangelhafte Ernährung und Pflege angeschuldigt 
werden muss. Dies ergiebt sich schon aus dem Umstande, dass überhaupt das 
kindliche Leben, zumal im frühesten Alter, durch hygienische Fehler besonders 
schwer gefährdet wird, und dass auf letztere die überwiegende Mehrzahl der 
Erkrankungen zurückgeführt werden kann. Aber auch aus der Erfahrung 
erhellt die Richtigkeit jenes Satzes. Ich verweise nur auf die eben citirte 
Breslauer und die von mir selbst aufgestellte Rostocker Statistik. Die unge¬ 
wöhnlich zahlreichen Constitntionsanomalieen, welche notirt werden mussten, 
sind doch allermeistens Folge einer fehlerhaften Hygiene. Es ist richtig, 
dass manche der Kinder mit dem Keim der Scrophulose und Tuberculose 
ins Leben eintraten; aber die grössere Mehrzahl derselben hat das Lei¬ 
den sicherlich erst erworben. Sehr lehrreiches Material bietet auch die 
jüngste Statistik über die Haltekinder zu Berlin 1 ). Dort starben 1880 
708 Haltekinder des ersten Lebensjahres, von ihnen: 


415 — 58*6 Proc. an Durchfallskrankheiten, 

52 = 7*3 „ 

91 = 11-4 „ 

35 = 4'5 „ 

17 = 2'5 „ 

13 = 1*8 „ 

176 = 24*8 „ 


Abzehrung und Schwäche, 
Gehirnkrankheiten und Krämpfen, 
Bronchitis und Pneumonie, 
Schwindsucht und Lungencatarrh, 
Infectionskrankheiten, 
allen anderen Krankheiten 2 ). 


Man sieht hieraus, dass die Haltekinder ausserordentlich stark an 
Verdauungskrankheiten litten. Fast 6 /io aller Verstorbenen unter 


') Skrzeczka, Generalbericht über das Medicinal- und Sanitätswesen der Stadt Berlin 
pro 1879 und 1880, S. 181. — s ) Die Ziffern stimmen in der Zusammenrechnung nicht! 


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6 


Prof. Dr. J. Uffelmann, 

ihnen waren von diesen Krankheiten befallen gewesen, während an letzteren 
im nämlichen Jahre zu Berlin nnr 39 Proc., fast 4 /i0f der verstorbenen 
Säuglinge zu Grunde gingen. Ja, wir sind Wohl berechtigt, auch den 
grössten Theil der an Abzehrung und Krämpfen Verstorbenen mit unter 
die Rubrik der von Verdauungskrankheiten Dahingerafften zu setzen. Dann 
würden wir das Facit erhalten, däss dort gegen */ 3 aller Todesfälle der 
Haltekinder durch Affectionen der Verdauungsorgane bedingt waren. Dass 
an diesen Affectionen in der Hauptsache eine fehlerhafte Ernährung und 
Pflege Schuld ist, brauche ich nicht erst zu beweisen. 

Es entsteht nun aber die wichtige Frage, weshalb die armen Kost- und 
Haltekinder der Mehrzahl nach nicht hygienisch gehalten werden? Die 
vornehmste Ursache ist zweifellos mangelhaftes Interesse am Ge¬ 
deihen des Kindes. Dass eine Pflegerin aus reiner Menschenliebe, aus 
Theilnahme für ein armes, verlassenes Kind desselben sich annimmt, kommt 
gewiss vor, und Jeder von uns wird Fälle solcher Art aufzählen können. 
Aber immerhin darf dies nur als Ausnahme angesehen werden. Die meisten 
Kost- und Ziehmütter betrachten die Pflege fremder Kinder als ein Geschäft, 
bei dem sie verdienen wollen. In der Regel ist nun der Pensionssatz 
so niedrig, dass von einem nennenswerthen Verdienst gar nicht die Rede 
sein kann. Dies gilt bezüglich der armen Kostkinder ebenso gut, wie be¬ 
züglich der Haltekinder. Es beträgt in Rostock die Summe, welche 
für die auf Kosten der Armenbehörde untergebrachten Kinder gezahlt wird: 

10 Mark monatlich für Kinder des ersten Jahres, 

7 „ n i» » n zweiten „ 

« t» » » i) dritten „ 

4 2 / 3 „ „ „ „ „ vierten bis vierzehnten Jahres. 

In Hamburg wurde für die Kostkinder gezahlt: 

1870 pro Kopf und Jahr = 85 Mark im Durchschnitt 

1874 „ „ „ „ = 96 „ für alle 

1875 „ „ „ „=113 „ Altersclassen. 

In Berlin wurde für stadtseitig bei Familien untergebrachte Kinder 
gezahlt (1880) pro Kopf und Jahr 72 Mark. 

Im GroBsherzogthum Baden kostete die Pflege eines armen Kost¬ 
kindes während der letzten fünf Jahre pro anno nur 31 Mark im Durchschnitt. 

Die Armenverwaltung von Paris entrichtet: 


für Kostkinder des ersten Jahres pro anno. 300 Frcs. 

„ „ „ zweiten Jahres pro anno. 240 „ 


„ „ dritten bis vierten Jahres pro anno . . 96 „ 

„ „ vierten bis sechsten Jahres pro anno . 84 „ 

„ „ sechsten bis zwölften Jahres pro anno . 72 „ 

Für Halte- oder Ziehkinder wird gezahlt pro Monat: 


in Berlin . . . . 18 Mk. im Durchschnitt, 

„ Breslau . . . . 12 bis 24 Mk. im Durchschnitt, 

„ Dresden .... 12 Mk. im Durchschnitt, 

„ Cöln.10 bis 15 Mk. im Durchschnitt, 

„ Rostock .... 8 bis 15 Mk., 10 Mk. im Durchschnitt, 

„ Basel.6*4 bis 19*2 Mk., 12 a 8 Mk. im Durchschnitt. 


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Ueber die in fremder Pflege untergebrachten Kinder. 7 

Es wird weiter unten gezeigt werden, dass auch für die mittleren Pen¬ 
sionsbeträge nur bei billigen Milchpreisen (Liter 12 bis 14 Pf.) eben eine 
angemessene Pflege beschafft werden kann, und dass bei den niedrigeren 
Sätzen oder höheren Milchpreisen ein Verdienst nur auf Kosten der Ernäh¬ 
rung des Kindes zu gewinnen ist. Von einem besonderen Interesse für das 
Gedeihen desselben aber kann unter solchen Umständen nicht die Rede 
sein. Dies gilt noch weit mehr von den ungemein zahlreichen Fällen, in 
welchen jene niedrigen Sätze nicht einmal erreicht werden, oder in denen 
die Bezahlung ganz, beziehungsweise theilweise ausbleibt. Giebt ein Dienst¬ 
mädchen, eine Fabrikarbeiterin ihr uneheliches Kind in fremde Pflege, so 
ist sie ja ausser Stande, aus eigenem Erwerb monatlich zehn bis zwölf Mark 
für dasselbe zu zahlen. Sie zahlt fünf, sechs, vielleicht acht Mark; erkrankt 
sie oder wird sie temporär erwerbslos, so bleiben der Pflegerin die Beträge 
aus, auf die sie gerechnet hatte und rechnen musste. Die natürliche Folge 
ist, dass das Interesse der letzteren, wenn sie ein solches für das Kind noch 
hatte, vollends verloren geht. Sie wollte ja verdienen, und dies ist ihr 
nunmehr unmöglich gemacht. 

Mit diesen Erwägungen stimmt vollständig die Thatsache, dass es den 
Kostkindern, gleichviel ob sie auf öffentliche Kosten oder auf private unter¬ 
gebracht waren, am besten bei solchen Ziehmüttern beziehungsweise Pflege- 
eltera ergeht, welche kinderlos sind oder geworden sind, oder welche das 
fremde Kind zur Gesellschaft für ein eigenes annehmen. Bei derartigen 
Pflegepersonen besteht meistens ein Interesse für den Pflegling; sie gewin¬ 
nen ihn allmälig sogar lieb und zwar gar nicht selten in dem Maasse, dass 
sie ihn adoptiren. Ich habe dies nicht bloss selbst erlebt, sondern zahlreiche 
gleiche Wahrnehmungen in den Berichten von Armenbehörden, z. B. in 
demjenigen der Assistance publique de Paris , in den Reports englischer 
Armenbehörden über die bqarded-out children gelesen. Es ist wichtig, 
dies zu wissen, weil es einen Anhaltspunkt für die Auswahl von Pflege¬ 
personen giebt. 

Sehr geringes Interesse findet man, oft sogar das Gegentheil von 
Interesse, bei Verwandten von Haltekindern, bei Tanten, Gross- 
müttera derselben l ). Es ist dies eine Thatsache, die Jedem bekannt sein 
dürfte, der mit der Lage solcher Kleinen sich beschäftigt, und die zum 
Theil wiederum aus dem Umstande sich erklärt, dass die Verwandten meist 
gar keine oder sehr niedrige Pflegesummen bekommen, zum Theil aber auch 
mit viel schlechteren, strafbaren Motiven Zusammenhängen dürfte. Leider 
ist hierauf bislang fast gar keine Rücksicht genommen; ja, vielfach hat man 
bei Anordnung einer Controle die nahen Verwandten von der Verpflichtung, 
sich letzterer zu unterziehen, ausdrücklich ausgenommen 3 ). Dies ist ein 
entschiedener Fehler, wennschon rühmliche Ausnahmen ganz gewiss nicht 
selten sind, in denen Verwandte mit grösster Liebe auch eines unehelichen 
Kindes sich annehmen. 

Ein zweiter Grund der gesundheitlich-ungünstigen Lage der Pflege¬ 
kinder ist der Mangel an Verständniss für die Handhabung der 

*) Vergl. Soltmann in Breslauer ärztliche Zeitschrift 1879, 14. Juni, S. 103. 

*) Z. B. in England durch die Infant Life Protection Act 1872 und in Sachsen- 
Weimar durch den Ministerialerlass von 1879. 


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8 


Prof. Dr. J. Uffelmann, 

Pflege. Fast sämmtliche Kostmütter and Kosteltern gehören den niederen 
Ständen an, sind nicht besser als andere ihresgleichen in der Kinderpflege 
bewandert, auch nicht freier als andere von Vorurtheilen und fehlerhaften 
Gewohnheiten. Es ist dies eine Beobachtung, die man täglich machen 
kann und die von allen Aerzten bestätigt werden wird. Da begeht die eine 
aus blossem Unverstand die gröbsten Fehler in der Ernährung, die andere 
in der Hautpflege. Wie wenige von ihnen wissen, dass Kinder der ersten 
Lebensmonate keine Amylaceen verdauen, dass allen Säuglingen consistente 
Nahrung schlecht bekommt, dass die Reinhaltung der Flasche eine der Grund¬ 
bedingungen des Gedeihens ihrer Pfleglinge ist, dass regelmässiges Baden 
und Waschen für dieselben als unerlässlich betrachtet werden muss! Darum 
aber, weil so wenige der Pflegerinnen N dies wissen, muss man auch nicht in 
den Fehler fallen, ihre Handlungen und Unterlassungen als der Regel 
nach aus strafbaren Beweggründen hervorgegangen anzusehen. Es giebt 
Engelmacherinnen — ich werde dies unten weiter begründen —, aber ihre 
Zahl ist doch nicht so überaus gross, wie von mancher Seite angegeben wird. 
Nach meinen eigenen Wahrnehmungen sündigen die Pflegerinnen weniger 
oft mit Absicht, als aus Interesselosigkeit und mangelhaftem Wissen. Eine 
gleiche Meinung vertritt bezüglich der Berliner Verhältnisse Skrzeczka 1 ), 
der in folgender Weise sich äussert: „Dass die Berliner Haltefrauen als 
Engelmacher die ihnen übergebenen Kinder absichtlich zu Grunde gehen 
lassen, ist nicht anzunehmnn. — Sicherlich leiden die Kinder sehr unter 
der Dürftigkeit der Pflege und ebenso an dem Unverstand der Haltefrauen, 
bei denen man nicht mehr Sachverständniss voraussetzen darf, als bei dem 
Durchschnitt der Frauen der ärmeren Classen.“ Auch Schwartz 3 ) berichtet 
aus dem Regierungsbezirk Cöln, dass dort die grosse Sterblichkeit der Halte¬ 
kinder nicht auf die Schlechtigkeit der Pflegerinnen, sondern auf Fehler 
der Ernährung zurückzuführen sei. Man muss auch festhalten, dass unter 
den Frauen, welche die auf öffentliche Kosten untergebrachten Kinder ver¬ 
pflegen , ebenfalls sehr viele sind, welche, mit der Hygiene der letzteren 
wenig bekannt, ungünstige Resultate erzielen. Und doch spricht man nicht 
von Engelmacherinnen unter dieser Classe von Pflegerinnen. 

Ein dritter Grund für die grosse Morbidität und Mortalität der Kost¬ 
kinder ist darin zu suchen, dass die Pflegerinnen zu viele derselben an- 
nehmen. Ich weiss, dass dies in zahlreichen Orten verboten worden ist; 
wo aber kein Statut oder Gesetz erlassen wurde, da herrschen in dieser 
Beziehung sehr arge Uebelstände. Göttisheim 3 ) erwähnt ausdrücklich, 
dass eine Pflegerin fünf, eine andere sechs Kinder zu gleicher Zeit in Obhut 
genommen hatte. Ich selbst kann von einer Frau berichten, die selten 
unter fünf Kinder verpflegte. Aus England wird gemeldet, dass dort, wo 
ein Schutzgesetz lediglich für Kinder des ersten Jahres besteht, für unehe¬ 
liche Kinder etwas höheren Alters besondere Pensionate eingerichtet sind, 
die, von einer einzigen Frau geleitet, eine unbeschränkte Zahl von Pfleg- 

*) Skrzeczka a. a. 0. S. 183. 

3 ) Schwartz, Generalbericht über das öffentliche Gesundheitswesen des Regierangs¬ 
bezirks Cöln pro 1880. 

s ) Göttisheim, Deutsche Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege 1879, 
S. 408. 


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Ueber die in fremder Pflege untergebrachten Kinder. 9 

lingen aufnehmen. Ja, ich lese in einem Berichte des Albert-Vereins über 
Ziehkinderwesen, dass man 1880 in Dresden ein Ziehkinderasyl mit 7 Pfleg¬ 
lingen unter einer Ziehmutter gegründet hat. Mit einem ebensolchen Asyl 
machte man hier in Rostock vor nicht langer Zeit sehr trübe Erfahrungen. 
Es kann eben eine einzige Frau nicht eine grosse Zahl Säuglinge gleichzeitig 
so verpflegen, wie es nothig ist, am allerwenigsten, wenn sie noch nebenher 
ihre häusliche Arbeit zu verrichten hat, wie dies doch bei der Mehrzahl 
notorisch der Fall ist. Man denke nur an die viele Mühewaltung, die 
bei einem einzigen Kinde unabweislich ist, an die Bereitung der Nahrung, 
die Darreichung derselben, an die Reinhaltung und Trockenlegung! Wie 
wird es da möglich sein, vier, fünf und noch mehr Pfleglinge gut zu besor¬ 
gen? Man versetze sich auch einmal in die Lage einer solchen Frau zur 
Nachtzeit. Am Tage durch Arbeiten aller Art ermüdet, verlangt der Kör¬ 
per Ruhe; diese wird durch die Pflege eines Kindes nur wenig, diych 
diejenige mehrerer aber immer aufs Neue gestört werden. Kein Wunder, 
wenn die Frau die Pfleglinge durch künstliche Mittel ira Schlaf zu halten 
sich bestrebt, damit derselbe nur ihr nicht entzogen werde. Und welchen 
Schaden solche Mittel bringen, brauche ich nicht näher auseinanderzusetzen. 

Ein vierter Grund für die grosse Morbidität und Mortalität der Kost¬ 
kinder liegt in der Beschaffenheit der Wohnung. Die hohe sanitäre 
Bedeutung der letzteren gerade für die Jugend wird Niemand verkennen. 
Ist doch bekannt, dass die Kindersterblichkeit in den Kellerwohnungenin 
den Mansarden, in den lichtarmen Hofwohnungen sehr gross, in den 
trockenen, hellen, reingebaltenen Wohnungen von Baugesellscbaften niedrig 
ist. Wir wissen, dass der Mangel an Licht Keinem mehr, als dem Kinde 
schadet, dass er die häufige Ursache von Anämie und Scrophulose ist. Die 
Untersuchungen von Milne-Edwards *), von Moleschott, Pflüger und 
Platen, Selmi, Piacentini und Anderen haben gezeigt, dass unter dem 
Einflüsse des Lichts die Sauerstoflaufnahme wie die Kohlensäureabgabe 
vermehrt, der Stoffwechsel angeregt, die Munterkeit erhöht wird, und 
Dem me stellte fest, dass der Aufenthalt in dunklen Räumen bei kleinen 
Kindern eine Temperaturabnahme von Va 0 ^. zur Folge hat. Solche Be¬ 
obachtungen erklären uns den hohen Werth des Sonnenlichtes für das 
normale Gedeihen des Kindes, nicht minder aber auch die Häufigkeit der 
oben erwähnten Krankheiten desselben in lichtarmen Wohnungen. 

Welche Bedeutung die Reinheit der Zimmerluft für die Gesund¬ 
heit des Kindes hat, braucht nicht weitläufig erörtert zu werden. Vielleicht 
ist es aber nicht überflüssig, auf die directen Gefahren der Unreinheit 
der Luft hinzuweisen. Beobachtungen in der Bonner Versorgungsanstalt 
für uneheliche Kinder haben gelehrt, dass eine Epidemie von Brechdurch¬ 
fall im Winter auf das Trocknen von schmutzigem Kinderzeug in den Stuben 
zurückgeführt werden musste 3 ). Ferner hat bereits vor zwanzig Jahren 
Bartels darauf aufmerksam gemacht, dass capilläre Bronchitis und catarrha- 
lische Pneumonie zu Masern und Keuchhusten vorzugsweise bei den Kindern 
sich hinzugesellen, welche in insalnbren, schlecht gelüfteten Räumen gehalten 


*) Die Literatur ist angegeben in des Verfassers „Hygiene des Kindes“, 1881, S. 293. 
9 ) Peters, Jahrbach für Kinderheilkande, 1876, S. 314 ff. 


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10 


Prof. Dr. J. Uffelmann, 

werden. Ich selbst habe in der „Deutschen Zeitschrift für praktische Me- 
dicin“ 1878, S. 457 über gleiche Wahrnehmungen berichtet. Es muss da¬ 
nach alsThatsache angesehen werden, dass schlechte Binnenluft nicht bloss 
langsam den Organismus deteriorirt, sondern unter Umständen auch acute 
Krankheiten zu erzeugen vermag. 

Dass eine allzuhohe Temperatur der Binnenluft besonders den 
Kindern schadet, ist bekannt. Wir führen wenigstens vornehmlich auf dies 
Moment ihre ungemein hohe Sterblichkeit in den Mansarden und den 
höheren Etagen zurück, eine Sterblichkeit, die noch höher ist, als diejenige 
der Kellerwohnungen, und vorzugsweise auf die grosse Frequenz der som¬ 
merlichen Darmcatarrhe zurückgeführt werden muss. Die Feststellungen 
Schwabens 1 ) haben in dieser Beziehung eine bedeutsame Aufklärung 
gebracht und enthalten, da sie vielfach bestätigt worden sind, eine drin¬ 
gende Mahnung auch für die Behörden, welche Kosteltern auszuwählen, 
Ziehmütter zu concessioniren haben. 

Thatsächlich sind die Wohnungen, in denen die fremden Kinder ge¬ 
halten werden, zum grössten Theil iu der einen oder anderen Weise anti¬ 
hygienisch. Ich erinnere nur an die Schilderung, welche Götti 8 he im 2 ) 
über die betreffenden Zustande in Basel publicirt hat. Derselbe berichtet 
unter Anderem von einem Logis, welches auf zwei Seiten von Misthaufen 
umgeben war, dessen Schlafzimmer ein langgestrecktes, dunkles, feuchtes 
Verliese darstellte, von einem anderen, welches, ganz feucht, tiefer als der 
Erdboden lag, von einer alten, dunklen, ganz baufälligen Hütte, deren 
Boden gleichfalls unter dem Strassenniveau sich befand und welche durchweg 
feucht war, u. s. w. Der angezogene Bericht spricht auch von Betten, die von 
Schmutz starrten, von arger Unsauberkeit in den Zimmern, von einem 
Wohnraume, in welchem neben den Kindern die Hühner verkehrten. „Ar- 
muth und Unreinlichkeit theilten sich in die Herrschaft.“ Aehnlich aber 
ist es überall, wo nicht durch Ortsstatute und Controle eine Aenderung 
herbeigeführt wurde. Und selbst, wo eine regelmässige Ueberwachung statt¬ 
hat, finden sich doch oft erhebliche Uebelstände hinsichtlich der Wohnung. 
Es wird vielerorts bei Auswahl der Pflegepersonen lediglich auf ihren Leu¬ 
mund, auf ihre moralische Unbescholtenheit Rücksicht genommen, nicht 
auch auf die in hygienischer Hinsicht so wichtigen WohnungsVerhältnisse. 
Dies gilt keineswegs bloss bezüglich der sogenannten Ziehmütter, son¬ 
dern auch bezüglich derjenigen Personen, welchen Kinder auf öffentliche 
Kosten in Pflege gegeben werden. Zum Beweise lasse ich hier das Er¬ 
gebnis jener Nachforschung folgen, welche ich hier in Rostock über arme 
Kostkinder anstellte. 

Besichtigt wurden im Ganzen: 

94 Wohnungen, von diesen waren 
49 Wohnungen nach der Strasse gelegen, 

41 Hofwohnungen, grösstentheils schmutzig, 

4 Kellerwohnungen, 

0 Dachwohnung. 


') Bericht über die Versammlung d. D. Ver. f. öff. Gesundheitspflege in Danzig 1874. 
2 ) Göttisheim, Deutsche Vierteljahrsschrift f. öff. Gesundheitspflege, 1879, S. 408. 


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Ueber die in fremder Pflege untergebrachten Kinder. 11 

Die Soblafkammer fehlte bei 14 Wohnungen. Ohne Fenster war 
die Schlafkammer in 9, unmittelbar unter den Dachziegeln in 8 Fällen. 
Kein eigenes Bett hatten 39 Pfleglinge. Mehrfach konnte ich feststellen, 
dass die fremden Kinder, ja selbst ein Knabe im zehnten Jahre, bei der 
Pflegerin im Bette schliefen. 

In einem Falle lag der 14jährige Knabe Nachts in einer sogenannten 
Schräge innerhalb der Küche, in einem anderen der 12jährige Knabe in 
einem völlig dunkeln, sehr engen Bretterverschläge unter der Corridortreppe, 
ein 12jährige8 Mädchen in einem gleichfalls absolut dunklen, stinkenden 
Alkoven, ein anderes 12jähriges Mädchen in einer dunklen Kammer des 
Souterrain, ein 13jähriger Knabe mit einem 16jährigen Lehrburschen, ein 
anderer 13jähriger Knabe mit einem 18jährigen Mädchen in einem Bette. 

Ein fünfter Grund der grossen Sterblichkeit der Kostkinder ist der 
Mangel an rechtzeitiger ärztlicher Hülfe. Dies Moment darf nicht 
gering geschätzt werden, da bei kleinen Kindern, zumal in den so häufigen 
und bedrohlichen Erkrankungen der Verdauungsorgane, die frühe Anord¬ 
nung einer richtigen Diät und event. richtiger Medicamente noch um Vieles 
wichtiger ist als bei Erwachsenen. Durch verständige Diätetik wird der 
beginnende einfache Darmcatarrh eines Säuglings meist rasch beseitigt, der 
Uebergang in Brechdurchfall, sowie überhaupt der schwere Verlauf ver¬ 
hütet. Ist aber die Krankheit bereits mehrere Tage alt, ehe sie zur Be¬ 
handlung kommt, so lässt sich ein ungünstiger Ablauf oft durch kein Mittel 
mehr fernhalten. Dasselbe gilt von der Diphtheritis und dem Bronchial- 
catarrh, die vielfach nur deshalb tödtlich endigen, weil nicht rechtzeitig 
eingeschritten wurde, und gilt mehr oder weniger von allen Erkrankungen 
des Kindesalters, z. B. auch von der Rhachitis, der Scrophulose. Nun ist 
es aber Thatsache, dass die frühzeitige ärztliche Hülfe den Kostkindern 
unendlich häufig fehlt. Selbst die auf öffentliche Kosten untergebrachten 
müssen dies fühlen. Ihnen hat ja freilich der Armenarzt unentgeltlich 
Hülfe zu leisten; aber Sorglosigkeit und Unverstand der Kosteltern verhin¬ 
dern sehr oft seine rechtzeitige Herbeiholung, und ausserdem wolle man 
wohl bedenken, dass unendlich viele arme Pfleglinge auf dem Lande unter¬ 
gebracht sind und mit dem bedeutsamen gesundheitlichen Vortheil desselben 
auch den Nachtheil nicht prompter ärztlicher Hülfe theilen. Immerhin 
liegen für diese armen Kostkinder die Verhältnisse noch relativ günstig, 
sehr viel trauriger jedenfalls für die Haltekinder. Erkranken sie, so wirkt 
nicht bloss Mangel an Interesse und Unverstand dem Nachsuchen ärztlicher 
Hülfe entgegen, sondern auch das Unvermögen, diese sowie die nöthigen 
Arzneien zu bezahlen. Oft hat sogar die Pflegemutter in Folge ihrer 
mangelhaften Obsorge Furcht davor, den Arzt zu citiren. So kommt es 
denn, dass die armen Kleinen in haarsträubender Weise vernachlässigt 
werden. Soltmann 1 ) berichtet, dass zahlreiche Haltekinder bereits ster¬ 
bend in die Poliklinik gebracht wurden; von Göttisheim 2 ) hören wir, 
dass ein Kind von sechs Monaten volle zehn Wochen an schwerem Bronchial- 
catarrh litt, ohne je behandelt zu sein, ja dass in einem Hause vier Fälle 
von Blattern, zwei bei Kostkindern, vorkamen, ohne dass ein Arzt benach- 


*) Soltmann a. a. 0., S. 105. — *) Göttisheim a. a. 0. 


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14 


Prof. Dr. J. Uffelmann, 

gelegt werden muss, ist die Ausbeutung der Pfleglinge. Derselbe 
Schutz, welcher den in Fabriken und gewerblichen Anlagen beschäftigten 
Kindern zu Theil wird, sollte auch den armen zu Theil werden. Es ist 
unzulässig, dass man diese in allerfrühester Zeit, im Alter von sieben bis 
neun Jahren, anhaltend und mit schwerer Arbeit drückt. Ich bin, als 
Armenpfleger meiner Heimathstadt, leider in der Lage gewesen, betrübende 
Wahrnehmungen nach dieser Richtung hin zu machen und habe sie auch 
bereits der competenten Behörde mitgetheilt. Muss es denn nicht gesund¬ 
heitlich in hohem Maasse schädigen, wenn ein Knabe von elf bis zwölf Jahren 
früh Morgens von 5 bis 7 2 / 2 Uhr mit Austragen von Brot resp. Backwerk 
und dann noch eine ganze Reihe von Stunden ausser der Schulzeit mit 
Zusammenreiben von Farben u. s. w. beschäftigt wird! Abgehetzt, oft 
durchnässt und durchgefroren kommen solche armen Kinder früh zur Schule, 
auf die sie sich kaum je vorzubereiten die Müsse haben, und müssen dann 
noch Mittags sowie Nachmittags bis zum späten Abend unausgesetzt arbeiten. 
Das ist zu viel, ist unzulässig und muss verhindert werden. Nicht minder 
unstatthaft ist es, dass die Kostkinder Seitens der Pflegemütter oder Pflege¬ 
eltern zum Hausiren, zum Betteln angehalten werden; denn das vagi- 
rende Leben untergräbt nicht bloss die Moral, sondern auch die Gesundheit. 
Leider findet man diese Art der Ausbeutung gar nicht selten. Der Jahres¬ 
bericht des Albert-Vereins pro 1880 giebt hierfür (S. 61) Belege und mahnt 
zu grosser Vorsicht. 


Mittel zur Bekämpfung der Uebelstände. 

Aus der vorstehenden Darstellung der Ursachen, welche die gesund¬ 
heitlich - ungünstige Lage der Kostkinder bedingen, lässt sich schon im 
Allgemeinen entnehmen, was zur Beseitigung der Uebelstände geschehen 
muss. Es liegt auf der Band, dass neben einer sorgsamen Wahl der 
Pflegepersonen und einer Berücksichtigung der Wohnungsverhält- 
nisse vor Allem die Hebung des Interesses für das Gedeihen des 
fremden Kindes, eine Belehrung über die zweckmässigste Art der Pflege, die 
Sorge für rechtzeitige sachverständige Hülfe in Krankheits¬ 
fällen und eine rationelle, fortlaufende Controle erstrebt werden sollte. In 
welcher Weise aber und mit welchen Mitteln diese Gegen maassregeln ins 
Werk zu Betzen sind, wird im Folgenden gezeigt werden. Zuvor möchte 
ich nur noch mit wenigen Worten hervorheben, dass man niemals die wichtige 
Aufgabe, welche zugleich der Humanität und der Gesundheitspflege gestellt 
ist, ausser Acht lassen darf, das Kostkinderwesen wenigstens in so 
weit einzuschränken, als es eingeschränkt werden kann. 

Gewiss ist es richtig, was in der Einleitung gesagt wurde, dass arme, 
hülflose, verlassene Kinder, ganz besonders die Mädchen, in Familien 
gesundheitlich und moralisch besser gedeihen, als in Anstalten, Aber eben 
deshalb wird man auch solche Kinder nur, wenn die eigene Familie ihnen 
fehlt, oder sie verkommen lässt, in fremder Pflege unterbringen dürfen. Die 
Kinder sollen also den auf öffentliche Kosten unterstützten Eltern bleiben, 
so lange sie von diesen nicht verwahrlost werden. Selbst die halbverwaisten 


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Ueber die in fremder Pflege untergebrachten Kinder. 15 

wird man gern der verarmten Matter lassen, wenn diese ihren Pflichten 
nachzukommen vermag und thatsächlich nachkommt. — Man wird ferner 
dahin streben müssen, dass keine ehelichen Kinder mehr als Halte - 
kinder untergebracht werden. In Deutschland sind nach dieser Rich¬ 
tung hin besondere Anstrengungen kaum erforderlich, viel mehr in Frank¬ 
reich. Was die unehelichen betrifft, so scheinen einzelne Berichte dafür 
zu sprechen, dass sie bei fremden doch besser gedeihen, als bei der eigenen 
Mutter. In München, wo allerdings Haltekindercontrole besteht, starben 
in den Jahren 1853 his 1868 von den bei der Mutter verbliebenen unehe¬ 
lichen 63 Proc., von den in fremder Pflege untergebrachten nur 37 Proc. 
Auch in Berlin konnte nach Skrzeczka Aehnliches constatirt werden; die 
Haltekindersterhlichkeit, an sich sehr hoch, war in allen Jahren (von 1876 
an) niedriger, bis zu 6 Proc., als die Sterblichkeit der unehelichen überhaupt. 
Dies gilt dort schon für eine Zeit, in der keine Controle 
existirte. Aber die eine wie die andere Statistik darf als eine absolut 
beweisende noch nicht betrachtet werden, wie dies auch von Skrzeczka 
bezüglich der von ihm angegebenen geradezu betont ist. Man wird des¬ 
halb weitere Erhebungen abwarten müssen und dies um so mehr, als fran¬ 
zösische Berichte Entgegengesetztes gemeldet haben 1 ). Da wir aber wissen, 
dass die Sterblichkeit der unehelichen Kinder nicht schon in der ersten 
Lebenswoche excessiv ist, so sollte man ernsthaft dahin streben, dass sie 
wenigstens nicht vor Ablauf des ersten oder der ersten 
Hälfte des zweiten Monats in fremde Pflege gegeben würden. 
Das wäre eine praktisch wohl erreichbare Einschränkung des Haltekinder¬ 
wesens, die zweifellos „von den bedeutsamsten Folgen sein würde. 

Bereits ist Einiges geschehen, was diesen Principien entspricht. Die 
Pariser Armenverwaltung, die so viel Tüchtiges leistet, schuf die Secours 
aux filles-mbres , das sind Geldunterstützungen, die den Mädchen, falls sie 
ihre unehelichen Kinder bei sich behalten und selbst stillen, meist in monat¬ 
lichen Raten von 10 bis 30 Frcs. überwiesen werden. Diese Beihülfe, die 
sich z. B. im Jahre 1875 auf etwa 130 000 Frcs. in Summa belief, wirkt 
ausserordentlioh günstig. Die Sterblichkeit der betreffenden Säuglinge ist 
stets um ein Erhebliches niedriger, als diejenige der auf öffentliche Kosten 
in fremde Pflege gegebenen. Ferner unterstützt dieselbe Armen Verwaltung 
solche Eltern, welche verlassene Kinder an Kindesstatt annehmen. Die 
SodHS de charite matemelle , welche in jedem französischen Arrondissement 
vertreten ist, giebt unbemittelten Wöchnerinnen, mögen sie verheirathet 
sein oder nicht, Beihülfen, wenn sie ihre Kinder bei sich behalten, und ein 
Pariser Verein n pour la propagation de Vallaitement materncl“ gewährt 
mittellosen Müttern Unterstützungen in Geld und Naturalien für den Fall, 
dass sie ihre Kinder nicht fortgeben, sondern selbst stillen. 

Auch die Unterstützungen aus Arbeitercassen haben in den 
industriellen Centren entschieden segensreich gewirkt, indem sie mindestens 
zur Folge gehabt haben, dass die Kinder nicht mehr innerhalb der ersten 
Wochen ausgethan werden, in denen ihre Widerstandskraft so schwach, ihre 
Sterblichkeit so gross ist. Im Canton Glarus zahlen die Arbeitercassen 


*) Cfr. d’Haussonville in Revue des deux mondes 17, p. 508. 


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Prof. Dr. J. Uffelmann, 

gelegt werden muss, ist die Ausbeutung der Pfleglinge. Derselbe 
Schutz, welcher den in Fabriken und gewerblichen Anlagen beschäftigten 
Kindern zu Theil wird, sollte auch den armen zu Theil werden. Es ist 
unzulässig, dass man diese in allerfrühester Zeit, im Alter von sieben bis 
neun Jahren, anhaltend und mit schwerer Arbeit drückt. Ich bin, als 
Armenpfleger meiner Heimathstadt, leider in der Lage gewesen, betrübende 
Wahrnehmungen nach dieser Richtung hin zu machen und habe sie auch 
bereits der competenten Behörde mitgetheilt. Muss es denn nicht gesund¬ 
heitlich in hohem Maasse schädigen, wenn ein Knabe von elf bis zwölf Jahren 
früh Morgens von 5 bis Uhr mit Austragen von Brot resp. Back werk 
und dann noch eine ganze Reihe von Stunden ausser der Schulzeit mit 
Zusammenreiben von Farben u. s. w. beschäftigt wird! Abgehetzt, oft 
durchnässt und durchgefroren kommen solche armen Kinder früh zur Schule, 
auf die sie sich kaum je vorzubereiten die Müsse haben, und müssen dann 
noch Mittags sowie Nachmittags bis zum späten Abend unausgesetzt arbeiten. 
Das ist zu viel, ist unzulässig und muss verhindert werden. Nicht minder 
unstatthaft ist es, dass die Kostkinder Seitens der Pflegemütter oder Pflege¬ 
eltern zum Hausiren, zum Betteln angehalten werden; denn das vagi- 
rende Leben untergräbt nicht bloss die Moral, sondern auch die Gesundheit. 
Leider findet man diese Art der Ausbeutung gar nicht selten. Der Jahres¬ 
bericht des Albert-Vereins pro 1880 giebt hierfür (S. 61) Belege und mahnt 
zu grosser Vorsicht. 


Mittel zur Bekämpfung der Uebelstände. 

Aus der vorstehenden Darstellung der Ursachen, welche die gesund¬ 
heitlich-ungünstige Lage der Kostkinder bedingen, lässt sich schon im 
Allgemeinen entnehmen, was zur Beseitigung der Uebelstände geschehen 
muss. Es liegt auf der Hand, dass neben einer sorgsamen Wahl der 
Pflegepersonen und einer Berücksichtigung der Wohnungsverhält¬ 
nisse vor Allem die Hebung des Interesses für das Gedeihen des 
fremden Kindes, eine Belehrung über die zweckmässigste Art der Pflege, die 
Sorge für rechtzeitige sachverständige Hülfe in Krankheits¬ 
fällen und eine rationelle, fortlaufende Controle erstrebt werden sollte. In 
welcher Weise aber und mit welchen Mitteln diese Gegenmaassregeln ins 
Werk zu setzen sind, wird im Folgenden gezeigt werden. Zuvor möchte 
ich nur noch mit wenigen Worten hervorheben, dass man niemals die wichtige 
Aufgabe, welche zugleich der Humanität und der Gesundheitspflege gestellt 
ist, ausser Acht lassen darf, das Kostkinderwesen wenigstens in so 
weit einzuschränken, als es eingeschränkt werden kann. 

Gewiss ist es richtig, was in der Einleitung gesagt wurde, dass arme, 
hülflose, verlassene Kinder, ganz besonders die Mädchen, in Familien 
gesundheitlich und moralisch besser gedeihen, als in Anstalten, Aber eben 
deshalb wird man auch solche Kinder nur, wenn die eigene Familie ihnen 
fehlt, oder sie verkommen lässt, in fremder Pflege unterbringen dürfen. Die 
Kinder sollen also den auf öffentliche Kosten unterstützten Eltern bleiben, 
so lange sie von diesen nicht verwahrlost werden. Selbst die halbverwaisten 


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Ueber die in fremder Pflege untergebrachten Kinder. 15 

wird man gern der verarmten Matter lassen, wenn diese ihren Pflichten 
nachzukommen vermag und thatsächlich nachkommt. — Man wird ferner 
dahin streben müssen, dass keine ehelichen Kinder mehr als Halte - 
kinder untergebracht werden. In Deutschland sind nach dieser Rich¬ 
tung hin besondere Anstrengungen kaum erforderlich, viel mehr in F r a n k - 
reich. Was die unehelichen betrifft, so scheinen einzelne Berichte dafür 
zu sprechen, dass sie bei fremden doch besser gedeihen, als bei der eigenen 
Mutter. In München, wo allerdings Haltekindercontrole besteht, starben 
in den Jahren 1853 bis 1868 von den bei der Mutter verbliebenen unehe¬ 
lichen 63 Proc., von den in fremder Pflege untergebrachten nur 37 Proc. 
Auch in Berlin konnte nach Skrzeczka Aehnliches constatirt werden; die 
Haltekindersterblichkeit, an sich sehr hoch, war in allen Jahren (von 1876 
an) niedriger, bis zu 6 Proc., als die Sterblichkeit der unehelichen überhaupt. 
Dies gilt dort schon für eine Zeit, in der keine Controle 
existirte. Aber die eine wie die andere Statistik darf als eine absolut 
beweisende noch nicht betrachtet werden, wie dies auch von Skrzeczka 
bezüglich der von ihm angegebenen geradezu betont ist. Man wird des¬ 
halb weitere Erhebungen abwarten müssen und dies um so mehr, als fran¬ 
zösische Berichte Entgegengesetztes gemeldet haben ] ). Da wir aber wissen, 
dass die Sterblichkeit der unehelichen Kinder nicht schon in der ersten 
Lebenswoche excessiv ist, so sollte man ernsthaft dahin streben, dass sie 
wenigstens nicht vor Ablauf des ersten oder der ersten 
Hälfte des zweiten Monats in fremde Pflege gegeben würden. 
Das wäre eine praktisch wohl erreichbare Einschränkung des Haltekinder¬ 
wesens, die zweifellos „von den bedeutsamsten Folgen sein würde. 

Bereits ist Einiges geschehen, was diesen Principien entspricht. Die 
Pariser Armenverwaltung, die so viel Tüchtiges leistet, schuf die Secours 
aux filles-möres , das sind Geldunterstützungen, die den Mädchen, falls sie 
ihre unehelichen Kinder bei sich behalten und selbst stillen, meist in monat¬ 
lichen Raten von 10 bis 30 Frcs. überwiesen werden. Diese Beihülfe, die 
sich z. B. im Jahre 1875 auf etwa 130 000 Frcs. in Summa belief, wirkt 
ausserordentlioh günstig. Die Sterblichkeit der betreffenden Säuglinge ist 
stets um ein Erhebliches niedriger, als diejenige der auf öffentliche Kosten 
in fremde Pflege gegebenen. Ferner unterstützt dieselbe Armenverwaltung 
solche Eltern, welche verlassene Kinder an Kindesstatt annehmen. Die 
SocUti de charite matemelle , welche in jedem französischen Arrondissement 
vertreten ist, giebt unbemittelten Wöchnerinnen, mögen sie verheirathet 
sein oder nicht, Beihülfen, wenn sie ihre Kinder bei sich behalten, und ein 
Pariser Verein n pour la propagation de Vallaitement matemel u gewährt 
mittellosen Müttern Unterstützungen in Geld und Naturalien für den Fall, 
dass sie ihre Kinder nicht fortgeben, sondern selbst stillen. 

Auch die Unterstützungen aus Ar bei t ercass en haben in den 
industriellen Centren entschieden segensreich gewirkt, indem sie mindestens 
zur Folge gehabt haben, dass die Kinder nicht mehr innerhalb der ersten 
Wochen ausgethan werden, in denen ihre Widerstandskraft so schwach, ihre 
Sterblichkeit so gross ist. Im Canton Glarus zahlen die Arbeitercassen 


1 ) Cfr. d’Haussonville in Revue des deux mondes 17, p. 508. 


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IG 


Prot Dr. J. Uffelmann, 

Wochenbettsgelder auf sechs Wochen. Die Association des mbes en couche 
zu Mülhausen i. Eis. gewährt gleichfalls jeder Arbeiterin, wenn sie vor¬ 
her ihre Beiträge zahlte, während voller sechs Wochen nach der Entbindung 
eine Unterstützung von wöchentlich 9 Frcs. 

Ebenso haben die Krippen, indem sie den Müttern die Kinder für 
den Tag abnehmen, sohon vielfach die Ueberführung der letzteren in fremde 
Pflege verhütet. Es giebt ja überall Frauen und Wittwen, die aus Erwerbs¬ 
rücksichten um die Ihrigen sich nicht kümmern kötanen und deshalb nicht 
selten ihre Kleinen bei Anderen unterbringen. Sie werden dies zu vermeiden 
in der Lage sein, wenn eine Einrichtung jener Art an ihrem Wohnorte sich 
findet. Leider verbietet man uneh»liehen Kindern vielerorts den Einlass 
in die Krippen, indem man der Ansicht ist, die.letzteren könnten dadurch 
sehr bald Findelanstalten ähnlioh werden, oder es würde durch den Zulass 
eine Abschreckung ehelicher Frauen stattfinden. Ich erkenne dies letztere 
Moment in gewisser Beziehung als berechtigt an, möchte aber doch glaubeu, 
dass es nicht gut ist, allzu rigorös zu verfahren, dass es sich vielmehr 
empfiehlt, Ausnahmen zu machen und auch solche uneheliohe Kinder zuzu¬ 
lassen, die von übrigens ehrenwerthen Müttern präsentirt werden. Es 
giebt thatsächlich manche derselben, welche eine solche Erlaubniss wohl 
verdienen und welche das Kind bei sich behalten würden, wenn sie es am 
Tage anderswo in gesicherter Obhut unterbringen könnten. , 

Was nun die direct en Maassnahmen zur Bekämpfung der Uebel- 
stände anbelangt, so ist eine der vornehmsten die richtige Auswahl der 
Pflegeperson. Es muss in Betracht gezogen werden die Moralität 
derselben, auch diejenige der Familienmitglieder, die pecuniäre Lage, das 
Alter, die Körperbeschaffenheit der Pflegerin, das Verständniss der¬ 
selben in der Kinderpflege, ihr Reinlichkeitssinn, die Zahl der eigenen 
Kinder beziehungsweise der Pfleglinge. Im Allgemeinen empfehlen 
sich nicht zu jugendliche, aber auch nicht zu alte Frauen, dagegen beson¬ 
ders Wittwen und kinderlose Ehefrauen, oder solche, die nur ein 
Kind haben. Bei alten alleinstehenden Frauen ist der Pflegling fast im¬ 
mer schlecht untergebracht; entweder fehlt es an Reinlichkeit oder an der 
Exactheit dos Beobachtena, oder an der nöthigen Strenge, auch oft an der 
körperlichen Leistungsfähigkeit. In kinderreichen Familien nimmt das 
fremde Kind fast immer die Stelle des Aschenbrödels ein, das von Allen 
gehänselt, gequält, hintangesetzt wird. In kinderlosen oder mit nur einem 
Kinde gesegneten Familien aber, zumal kleiner Handwerker, sei es in der 
Stadt oder auf dem Lande, haben die Pfleglinge es fast durchweg gut, oft 
sehr gut, und zwar in jeder Beziehung. Voraussetzung ist nur, dass eine 
solche Familie, beziehungsweise eine einzelne Frau, auch ohne die Pension 
des Pflegekindes ein leidliches Einkommen hat. Dann darf angenommen 
werden, dass der Pflegling nicht ausschliesslich des Verdienstes halber reci- 
pirt wurde. Frauen, deren Männer trunksüchtig oder liederlich sind und 
in derangirten Vermögensverhältnissen leben, kann man als Kost- oder 
Ziehmütter durchaus nicht empfehlen. Dasselbe gilt von solchen, welche 
als unsauber sich ausweisen, oder welche körperliche Gebrechen haben, und 
solchen, denen das Verständniss für Kinderpflege abgeht. Letzteres wird 
man meist erschlossen müssen, und anzunehmen berechtigt sein, wenn ihnen 


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Ueber die in fremder Pflege untergebrachten Kinder. 17 

bei sonstiger Unbescholtenheit mehrere Pfleglinge nach einander verstarben. 
Aeusserst vorsichtig sei man, wie schon oben betont wurde, bei der 
Wahl von Verwandten. Man entschliesse sich za ihr, oder gestatte sie 
nur dann, wenn man nach reiflicher Erkundigung die Ueberzeugung voll¬ 
ster Rechtschaffenheit derselben gewonnen hat. Hat man die Wahl zwischen 
Stadt und Land, so ziehe man letzteres vor, falls eine gesicherte Con- 
trole sich ermöglichen lässt. 

Bei der Auswahl der Pflegeperson soll auch stets die Wohnung be¬ 
rücksichtigt werden. Hochgehende Forderungen wird man allerdings nicht 
stellen dürfen, aber doch darauf sehen müssen, dass gravirende Uebelstände 
nicht vorliegen. Kellerwohnungen, Hofwohnungen, Mansarden 
sind als nicht geeignet anzusehen, ebenso alle dumpfen, feuchten, schmutzi¬ 
gen, lichtarmen Räume. Auch muss darauf gehalten werden, dass das 
Schlafzimmer gut ventilirt ist, und dass jeder Pflegling sein eigenes ge¬ 
sundes Bett bekommt. 

Dringend wünschenswerth erscheint es, dass Armenbehörden, 
Armenpfleger, Vorstände von Anstalten nach diesen Grundsätzen 
und nicht lediglich nach dem Leumunde ihre Wahl treffen, um so mehr, 
wenn es sich um die Unterbringung noch kleiner Kinder, vielleicht gar 
solcher des ersten Lebensjahres handelt. Es versteht sich von selbst, dass 
auch da, wovon einer Wahl nicht die Rede sein kann, wie bei der Unterbrin¬ 
gung von Haltekindern, die ja den Müttern beziehungsweise Angehörigen frei 
steht, also bei der Concessionirung von Pflegemüttern resp. Pflegeeltern, 
obige Principien zu beachten sind, so weit dies den Umständen nach nur irgend 
möglich ist. Den Concessionszwang aber müssen wir als einen absoluten 
fordern, um bezüglich der Haltekinder einigermaassen gleiche Garantieen 
za erlangen, wie sie bezüglich der auf öffentliche Kosten untergebrachten 
Kinder die freie Wahl gewährt. Es genügt nicht, dass es den Localbehörden 
freigestellt wird, ob sie für den Bereich ihrer Verwaltung den Zwang aus¬ 
sprechen wollen oder nicht. Dann kommt es dahin, dass in den Orten, in 
denen derselbe nicht besteht, Kinderkosthäuser eingerichtet werden, und 
dass man in diese die Pfleglinge aus solchen Orten bringt, an denen das 
Gewerbe des Aufziehens von Kindern nicht frei ist. Man lese doch nur 
einmal den Jahresbericht des Albert-Vereins für 1880 über Ziehkinder- 
wesen. Dort wird (Seite 59) dringend darüber geklagt, dass Ziehmütter, 
um der Ueberwachung aus dem Wege zu gehen, mit ihren Pfleglingen aus 
Dresden fortzogen und in die benachbarten Dörfer übersiedelten, und dass 
die eigenen Mütter ihre unehelichen Kinder, um sie der schärferen Controle 
in der Stadt zu entziehen, zu Pflegefrauen aufs Land brachten! Den abso¬ 
luten Concessionszwang haben England und Frankreich ausgesprochen, 
ln Deutschland fehlte bis vor Kurzem eine allgemeine, d. h. für das 
ganze Reich geltende, Bestimmung. Die Novelle zur Gewerbeordnung vom 
23. Juli 1879 erklärt nun aber, dass die Gewerbefreiheit keine Anwendung 
ferner finden solle auf das Gewerbe des Erziehens von Kindern gegen Ent¬ 
gelt. Darnach dürfte man erwarten, dass jetzt der Concessionszwang überall 
in Stadt and Land ausgesprochen und gehandhabt würde. Das ist aber 
thatsächlich nicht der Fall. Doch haben viele Regierungen ihn decretirt; 
siehe darüber unten. Im Grossherzogthum Hessen ist nicht die Pflegeper- 

VierUljfthruchrift für Gesundheitspflege, 1888. 2 


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18 


Prof. Dr. J. Uffelmann, 

8on, sondern diejenige, welche ein Kind in fremde Pflege geben will, gehal¬ 
ten, um die Erlaubniss einzukommen; — eine Bestimmung, welche sich 
wohl daraus erklärt, dass dort zur Zeit ihres Erlasses der Concessionszwang 
für die Pflegepersonen noch nicht ausgesproAen werden konnte. 

Concessionspflichtig sollen alle diejenigen sein, welche fremde Kinder 
Seitens Privater gegen Entgelt in Kost und Pflege nehmen; also auch 
Verwandte. Dass letztere nicht ausgeschlossen werden dürfen, ist oben 
begründet worden. 

Die meisten Gesetzgebungen haben die Goncessionspflicht beschränkt 
auf solche Personen, welche Kinder der ersten Lebensjahre in Pflege nehmen. 
Ein Grund ist hierfür in ihrer schwächeren Gesundheit und grösseren Sterb¬ 
lichkeit zu suchen. Da aber auch für die älteren Kinder ein Schutz sich 
entschieden vernothwendigt, so sollte man keinen Unterschied machen, wie 
ja auch die Armenbehörden einen solchen nicht machen, wenn sie Pflege¬ 
eltern auswählen. 

Die Ertheilung der Erlaubniss muss unter allen Umständen eine wider¬ 
rufliche sein. Es ist dies nöthig, damit den Folgen etwaiger bei Ver¬ 
leihung der Concession untergelaufener Täuschungen vorgebeugt und nach¬ 
theilige Einflüsse einer etwaigen Verschlechterung der Verhältnisse nach 
Ertheilung der Concession beseitigt werden können. 

Vor der Concessionirung sind also die Umstände zu prüfen, die oben 
berührt wurden, bei der Concessionirung aber Bedingungen zu stellen, 
deren Erfüllung für das Gedeihen des Pfleglings zu fordern ist. Diese Be¬ 
dingungen müssen sich zunächst beziehen auf die Behandlung des 
letzteren im Allgemeinen und Besonderen. Es bedarf hierüber 
einer näheren Erörterung nicht. Sie müssen ferner die Maximalzahl der 
zu verpflegenden fremden Kinder berücksichtigen. In Bezug auf diesen 
Punkt darf man sagen, dass eine Kostmutter höchstens zwei Säuglinge 
und, wenn sie selbst ein Säuglingskind hat, nur noch ein fremdes gegen 
Entgelt in Pflege nehmen soll. Als Regel ist überhaupt aufzustellen, dass 
die Kostmutter zur Zeit nur ein Pflegekind annehmen, als Amme nur ein 
Kind stillen darf. Die Bedingungen der Concessionirung sollen sich ferner 
auf die Wohnung (Reinhaltung, Lüftung etc.) beziehen und einen Paragra¬ 
phen über die Gestattung der Controle enthalten. 

Nicht minder wichtig als richtige Wahl der Pflegeperson und grösste 
Vorsicht bei der Concessionirung ist die Hebung des Interesses der 
Pflegeperson für das ihr an vertraute Kind. Fehlt dies Interesse oder ist es 
in nur schwachem Grade vorhanden, so wird der Pflegling immerwährend 
Gefahren ausgesetzt sein, da das Gedeihen des heranwachsenden Geschlechts 
wesentlich von dem Schutze abhängt, den liebende, stets wachsame Für¬ 
sorge ihm zukommen lässt. Da nun die meisten Pflegerinnen ein fremdes 
Kind um des Verdienstes halber aufnehmen, so ist in erster Linie die Geld¬ 
frage für ihr Interesse entscheidend. Der Pensionssatz muss"um des 
Kindes willen so bemessen sein, dass die Pflegerin ohne Beein¬ 
trächtigung des letzteren noch einen, wenn auch geringen Lohn 
für ihre Mühe zu erzielen vermag. An diesem Satz darf schlechter¬ 
dings nicht gerüttelt werden; denn die Regelung der Kostgeldfrage ist ein 
wichtiges, vielleicht das wichtigste Stück der Regelung des Kostkinder- 


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lieber die in fremder Pflege untergebrachten Kinder. 19 

wesens. "Wie hoch soll nun die Pension bemessen werden? Nun, eine 
allgemeine Norm lässt sich hierfür nicht aufstellen; man wird das Alter der 
Kinder und die örtlichen Verhältnisse in Betracht zu ziehen haben, bei 
ersterem aber bedenken müssen, dass die Pfleglinge, je jünger sie sind, desto 
mehr Mühe machen, desto aufmerksamerer Fürsorge bedürfen. Aus letzte¬ 
rem Grunde ist es nöthig, das Kostgeld am höchsten für Säuglinge zu 
bemessen. Ja, man sollte eigentlich noch weiter gehen und dasselbe für 
den ersten, zweiten und zwölften Monat des ersten Jahres höher normiren, 
als für die übrigen Monate. Es würde dies ein Hinweis auf die, den 
grösseren Gefahren der betreffenden Perioden entsprechende, Nothwendig- 
keit sorgfältigerer Fürsorge und gewiss auch für Manche ein Sporn zu letz¬ 
terer sein. 

Lässt sich nun auch eine bestimmte Regel für die Höhe des Pensions- 
satzes nicht wohl angeben, so vermag man doch gewisse Anhaltspunkte für 
die Berechnung zu liefern. Man muss dabei von der Voraussetzung aus¬ 
gehen, dass das Kind ausreichend und zugleich zweckmässig, der Säugling 
z. B. mit guter Kuhmilch ernährt wird, und dass ihm in Bezug auf Rein¬ 
haltung des Körpers beziehungsweise der Kleidung Nichts abgeht. (Die 
Beschaffung der Kleidung und des Bettchens mag dabei ausser Acht 
gelassen werden.) 

Für einen Säugling muss, wenn die Kuhmilch pro Liter 12 Pf. kostet 
und diese regelrecht zubereitet wird, jährlich gezahlt werden im Minimum 
die Summe von 115 Mark, nämlich im Einzelnen 


1. für Milch, der unvermeidliche Verlust ist mitgerechnet . 73 Mk. 

2. „ Zucker.-. 10 „ 

3. „ Spiritus, Docht. 9 „ 

4. „ Flaschen und Gummisäuger. 5 „ 

5. „ Beinahrung vom Ende des zehnten Monats an . . 6 „ 

6. „ Schwämme, Seife etc. 12 „ 

Summe . . 115 Mk. J ) 

pro Monat im Durchschnitt . . 9 Mk. 58 Pf. 


Nimmt man an, dass gute Kuhmilch, wie hierorts in der Molkerei¬ 
genossenschaft, mit 14 Pf. pro Liter bezahlt werden muss, so kostet ein 
Säugling jährlich 127 Mk., monatlich 10 Mk. 58 Pf. 

In grösseren Städten wird für 14 Pf. ein Liter guter Milch nicht zu 
beschaffen sein, auf dem Lande dagegen vielfach nur mit 9 bis 10 Pf. be¬ 
zahlt werden. Darnach muss den verschiedenen localen Verhältnissen ent¬ 
sprechend die Berechnung sich modiflciren. Im Allgemeinen dürfte diejenige, 
welche hier gegeben wurde, als eine verwerthbare angesehen werden kön¬ 
nen, da sie auf Grtxnd sorgfältigster Buchung aufgestellt und nicht theore¬ 
tisch ist. Ich gebe zu, dass sich bei grosser Sorgsamkeit der Verlust an 


*) Pfeiffer berechnet die Kosten der Ernährung und Pflege des aufgefütterten Kindes 
einer Proletarierfamilie für die ersten zwanzig Wochen mit nur 9'57 Mk. Aber man darf 
sicher sagen, dass einem solchen Kinde an Milch (auch von Pfeiffer mit 14 Pf. pro Liter 
berechnet) nicht das genügende Quantum zugeführt wurde; dazu ist die Ausgabe für Zucke^ 
für Flaschen, Gummisäuger, Seife nicht veranschlagt. 

2 * 


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20 


Prof. Dr. J. Uffelmann, 

Milch vielleicht etwas verringern lässt; dagegen wird aber die Ausgabe für 
Reinhaltung des Körpers fast durchweg noch ein wenig höher sioh gestalten, 
als angenommen ist. 

Im Durchschnitt würde also ein künstlich ernährter Säugling pro Mo¬ 
nat 9 Mk. 58 Pf. im Minimum Kosten verursachen, sofern aufgewendet 
wird, was zu seinem Gedeihen erforderlich ist. Daraus ergiebt sich dann 
aber, dass die Kostmütter bei dem Pensionssatze von 10 Mark pro Monat 
kaum Etwas verdienen, wenn sie nicht entweder dem Kinde einen Abzug 
an der Quantität resp. Qualität des Nährmateriales machen, oder in Bezug 
auf Hautpflege und Reinhaltung der Wäsche ungebührlich sparen. Jeden¬ 
falls aber dürfte in Städten mittlerer Grösse der Pensionssatz von 10 Mk. 
pro Monat als derjenige anzusehen sein, bei dem es eben noch möglich ist, 
die Kinder angemessen zu verpflegen. Ihn herabdrücken zu wollen, wäre 
verkehrt, weil dies Vorgehen ein geringeres Interesse erzeugen und die 
Pflegerin, die doch einmal verdienen will, geradezu veranlassen würde, dem 
Kinde von dem zu entziehen, was ihm zukommt. Dies sollten auch unsere 
Armenbehörden wohl bedenken. Freilich dürfte gleichfalls nicht anznrathen 
sein, den Pensionssatz über das mittlere Maass in nennenswerter Weise zu 
erhöhen; denn den Kindern würde daraus schwerlich der Vortheil erwach¬ 
sen, den man sich etwa versprochen hätte. 

Für Kinder des zweiten Lebensjahres bedarf es nach Aufzeichnungen, 
die ich habe machen lassen, eines minimalen Aufwandes von 75 Mark pro 
Jahr, die Kleidung ungerechnet. Es ist dabei angenommen, dass sie Kuh¬ 
milch im Mittel pro Tag zu 750*0 erhalten, was ja zum Gedeihen durchaus 
nöthig ist. 

Für Kinder des dritten Lebensjahres bedarf es eines minimalen jähr¬ 
lichen Aufwandes von 73 Mk., die Kleidung ungerechnet. Es ist dabei 
angenommen, dass sie an Kuhmilch pro Tag im Durchschnitt 500*0 be¬ 
kommen. 

Für Kinder des fünften Lebensjahres bedarf es eines minimalen jähr¬ 
lichen Aufwandes von 70 Mk., die Kleidung ungerechnet. Es ist dabei 
angenommen, dass sie pro Tag an Kuhmilch nicht weniger als 250*0, im 
Uebrigen aber die gewöhnliche Kost der Kinder einfacher Handwerksleute 
erhalten. 

Für ältere Kinder besitze ich keine Aufzeichnungen, die ich hier 
benutzen könnte. Sie würden auch keinen Werth haben, weil, wie schon 
früher gesagt wurde, die Pflegepersonen von solchen Kindern bereits Bei¬ 
hülfe erwarten im Hause, im Handwerke, im Garten oder Felde, und in 
Folge dessen den Pensionssatz niedriger bemessen, als er ohne Anrechnung 
der Hülfe sich stellen müsste. 

Es kommt übrigens nicht bloss darauf an, dass das Kostgeld, wenigstens 
für die kleinen Kinder, dem für ihr Gedeihen nothwendigen Minimalauf- 
wande entspricht, sondern auch darauf und zwar sehr wesentlich, dass es 
regelmässig, sowie voll bezahlt wird. Gerade weil dies stets der Fall 
ist, haben es die auf öffentliche Kosten untergebrachten Kinder der Regel 
nach besser, als diejenigen, für welche Privatpersonen aufkommen. Es 
ist dies bereits oben erörtert worden; ich beschränke mich desshalb an die¬ 
ser Stelle darauf, die NothWendigkeit der regelmässigen Zahlung des Kost- 


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Ueber die in fremder Pflege untergebrachten Kinder. 21 

geldes auch für Haltekinder noch einmal zu betonen. Sache der Commune 
und der Vereinsthätigkeit wird es sein, da, wo die betreffende Mutter 
einen angemessenen Pensionssatz nicht voll oder temporär gar nicht zu ent¬ 
richten im Stande ist, einzutreten. Nie und nimmer darf eine Unter¬ 
brechung in der Zahlung Platz greifen, wenu nicht der Pflegling Schaden 
leiden soll. Den richtigen Modus für die Handhabung solcher Beihülfe zu 
Anden, ist allerdings recht schwer, da stets die Gefahr nahe liegt, dass 
zahlreiche Mütter sich bald ihren Verpflichtungen ganz entziehen. Lässt 
es aber die Behörde in den betreffenden Fällen an Aufmerksamkeit nicht 
fehlen, sucht sie insbesondere den alimentationspflichtigen Vater mit voller 
Strenge heranzuziehen, so dürfte die eben beregte Gefahr fast stets zu 
umgehen sein. 

Wann soll das Kostgeld und in welchen Raten soll es gezahlt werden? 
Zweifellos ist es rathsam, es nicht prae- sondern postnumerando zu ent¬ 
richten und zwar für Säuglinge allwöchentlich oder alle .vierzehn Tage. 
Unter solcher Voraussetzung bleibt entschieden das Interesse am besten 
erhalten. Für ältere Kinder kann man die Zahlung quartaliter, natürlich 
gleichfalls postnumerando, leisten, wie dies auch dem allgemeinen Gebrauche 
entspricht. 

Eine wesentliche Hebung des Interesses der Pflegeperson für das fremde 
Kind wird aber durch das Versprechen von Prämien für gute Pflege 
erzielt werden. Es ist dies ein Mittel, welches bezüglich der Findelkin¬ 
der vortreffliche Resultate zur Folge gehabt hat. Die meisten italienischen 
Ospizi degli esposti machen von demselben Gebrauch. In Oesterreich wurde 
es durch den verdienten Director der Gebär- und Findelanstalt zu Wien, 
Dr. Fridinger, eingeführt. Er veranlasste die Bildung eines Unter- 
stützuugsfonds und die Auszahlung von Prämien aus demselben an solche 
Pflegerinnen, die durch Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit sich Äervorthaten. 
Im Jahre 1878 wurden aus diesem, bereits 200 000 Mark betragenden, Fonds 
83 Pflegerinnen und 222 Ammen mit Summen bedacht. Für Mähren be¬ 
stimmte schon der Statthaltereierlass vom 14. September 1870 (Landes¬ 
gesetzblatt Nr. 62), dass für gute Pflege und Erziehung der Findelkinder 
Prämien gezahlt werden sollten. In Frankreich hat die SociM protectrice 
de Vewfatice dasselbe Mittel für Haltekinder vorgeschlagen und stellen¬ 
weise bereits zur Anwendung gebracht. 

Bezüglich dieser letzterwähnten Classe von Kindern empfiehlt es sich, 
denjenigen Pflegerinnen eine Prämie zu versprechen, welche einen über¬ 
nommenen Säugling der ersten sechs Lebensmonate gesund über das erste 
Jahr hinausbringen. Es empfiehlt sich ferner, eine Wiederholung der Prä¬ 
mie für den Fall zuzusagen, dass das nämliche Kind gesund den dritten 
Geburtstag erreicht. Gestatten es die verfügbaren Mittel, so würde es 
ungemein zweckmässig sein, allen Pflegerinnen von Haltekindern bei dauernd 
guter Führung, deren Thatsächlichkeit durch Controle festgestellt wurde, 
zu bestimmten Terminen Prämien zu entrichten. 

Ich möchte auch dazu rathen, das gleiche Princip auf diejenigen armen 
und verwaisten Kinder der ersten Lebensjahre anzuwenden, welche in fremder 
Pflege untergebracht werden. Dass ihre Sterblichkeit eine viel zu hohe ist, 
wurde oben mit Ziffern belegt. Deshalb dürfte es den Armenbehörden wohl 


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22 


Prof. Dr. J. Uffelmann, 

zu empfehlen sein t dass sie die Hebung des Interesses für die Pfleglinge 
durch Versprechen von ExtraBummen in Erwägung ziehen. Ich bin über¬ 
zeugt, dass die letzteren sehr günstig wirken werden, und nicht bloss bezüg¬ 
lich einer Verminderung der Sterblichkeit, sondern auch bezüglich einer 
Stärkung der Gesundheit eines grossen Theils der Pfleglinge. 

Eine entschiedene Verminderung des Interesses ist durch häufigen 
Wechsel der Pflegerin bedingt. Derselbe sollte demnach, soweit es 
nur irgend möglich, vermieden werden. Zu dem Ende muss man in der 
Wahl der betreffenden Frau und der Concessionirung nur mit grosser Vor¬ 
sicht zu Werke gehen, andererseits aber durch die soeben besprochenen 
Mittel zu erreichen suchen, das die Pflegerin das Kind nicht sobald wieder 
abgiebt. Für die Gesundheit des letzteren ist, solange es noch innerhalb 
der ersten beiden Jahre sich befindet, der Wechsel fast immer gefährlich. 
Denn derselbe hat zur Folge, dass auch eine veränderte Art der Ernährung 
eintritt, und diese Aenderung bringt erfahrungsgemäss ungemein oft ernste 
Verdauungsstörungen zu Wege 1 ). Trotzdem wird man selbstverständlich 
bei offenkundiger schlechter Pflege und Behandlung eines Kindes, falls 
andere Mittel fruchtlos sich erweisen, einen Wechsel anordnen müssen. 

Unumgänglich nöthig ist es, dass die Pflegepersonen über alle wichtigeren 
Punkte der Kinderpflege, über die Ernährung, Hautpflege, Kleidung, 
Bett und Wohnung orientirt sind, damit sie erstens wissen, was sie 
zu thun, beziehungsweise zu lassen haben, und damit sie zweitens in vor¬ 
kommenden Fällen sich nicht mit Unkenntniss entschuldigen können. Zu 
dem Ende empfiehlt es sich, ihnen gedruckte Instructionen einzuhän¬ 
digen, die in sehr leicht fasslichen Sätzen und in nicht misszuverstehenden 
Worten das Wichtigste der Kinderpflege enthalten. Wir besitzen bereits 
eine Anzahl solcher Instructionen, wie sie von den Polizeibehörden erlassen 
wurden. Ich erwähne nur die Münchener vom 23. December 1880, die 
23 Paragraphen umfasst, die Chemnitzer vom 1. December 1875 und die 
Dresdener vom 1. Juli 1865. Letztere, obgleich die älteste, scheint mir 
die beste zu sein; sie ist sehr präcise und geht von ungemein verständigen 
Principien aus. Einer besonderen Beachtung seien die §. 8 und folgende 
empfohlen. Vortreffliche Rathschläge ertheilt auch die Berliner Anleitung 
vom 2. December 1879. 

Voll genügend ist aber das einfache Einhändigen einer Instruction noch 
nicht. Es muss eine Erläuterung und eine praktische Belehrung 
hinzukommen. Nach dieser Richtung könnten nun die Vereine für Kinder¬ 
schutz, für häusliche Gesundheitspflege, die Frauenvereine sich 
grosse Verdienste erwerben. Wo sie auch nur, sei es bei armen Kost- oder 
bei Haltekindern, zur Controle herangezogen werden, sollten sie bei ihren 
Besuchen jede Gelegenheit zur Belehrung der Pflegerinnen ergreifen, ihnen 
die zweckmässige Aufbewahrung und Zubereitung der Nahrung, die Rein¬ 
haltung der Saugflaschen und Säuger, das Ankleiden der Kinder, die Her- 

*) Man vergleiche hierbei den Jahresbericht des Albert-Vereins über Ziehkinderwesen 
pro 1880, S. 62. Dort heisst es: „Uns wurde ein Ziehkind bekannt, das im Laufe des Som¬ 
merhalbjahrs bei fünf verschiedenen Ziehmüttern war, bei jeder schwächer und sch'wäeher 
werdend, bis es endlich erlag, obgleich sich bei keiner einzigen Ziehmutter eine wirkliche 
Vernachlässigung beweisen Hess. 


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Ueber die in fremder Pflege untergebracliten Kinder. 23 

Stellung der Bäder u. s. w. praktisch zeigen, dabei etwaige Vorurth eile, üble 
Gewohnheiten als fehlerhaft bezeichnen und erklären. Dadurch würden sie 
in der segensreichsten Weise wirken und sicherlich manchem Kinde Leben 
und Gesundheit erhalten. 

Wir haben oben gesehen, dass zahlreiche in fremder Pflege befindliche 
Kinder gerettet werden könnten, wenn ihnen in Erkrankungen rechtzeitige 
ärztliche Hülfe zu Tbeil würde. Diese muss ihnen deshalb unter allen 
Umständen gesichert sein. Für die aus öffentlichen Mitteln untergebrach¬ 
ten Pfleglinge haben nun ja die Armenärzte vorkommenden Falles zu sor¬ 
gen. Was aber die Haltekinder betrifft, so liegt den Müttern, beziehungs¬ 
weise den Pflegerinnen die Pflicht ob, die nöthigwerdende ärztliche Hülfe 
za bezahlen. Dies ist entschieden der wunde Punkt. v Sehr oft wird der 
Arzt nicht geholt, weil es an Mitteln fehlt, ihm sein Honorar zu ent¬ 
richten und die Kosten für Arznei zu bezahlen; oft freilich wird die angeb¬ 
liche Mittellosigkeit nur als Vorwand gelten. Den Uebelstand kann man 
sehr einfach dadurch beseitigen, dass man die Armenärzte verpflichtet, gegen 
entsprechende Erhöhung ihres Gehaltes auch die Behandlung der Halte¬ 
kinder zu übernehmen, zu denen sie gerufen werden, und dass man dies 
öffentlich bekannt macht. Den Kost- und Ziehmüttern aber ist in der 
präcisestenForm vorzuschreiben, dass sie bei jeder Erkrankung, insbesondere 
beim Auftreten von Erbrechen oder Durchfallen, so wie bei jedem Fieber 
sofort ärztliche Hülfe rcquiriren, sich des Selbstcurirens und der Citirung 
von Nichtärzten enthalten. Versäumniss des rechtzeitigen Nachsuchens ist 
mit Strafe, selbst mit Entziehung des Kindes, beziehungsweise mit Entzie¬ 
hung der Concession rücksichtslos zu ahnden. Nur durch die grösste Strenge 
wird man die Sorglosigkeit und Nachlässigkeit auf der einen, die absicht¬ 
liche Fahrlässigkeit auf der anderen Seite erfolgreich zu bekämpfen ver¬ 
mögen. 

Von bedeutsamem Einflüsse auf das Verhalten der Pflegerinnen in 
Krankheitsfällen fremder Kinder, ja wohl auf ihr gesammtes Verhalten 
den letzteren gegenüber, wird aber auch das Verfahren sein, welches Seitens 
der Behörden bei etwaigen Todesfällen der Kostkinder befolgt 
wird. Verlangt man mit grösster Strenge ein ärztliches Zeugniss 
über die Todesursache, so wird die Pflegerin schwerlich in Krankhei¬ 
ten mit der Herbeiholung eines Arztes so lange säumen, als wenn ein der¬ 
artiges Gebot nicht besteht. Auch wir<j sie durch dasselbe sicherlich von 
groben Vernachlässigungen und von Misshandlungen zurückgehalten. Man 
sollte deshalb Meldung des erfolgten Todes binnen 24 Stunden und jenes 
ärztliche Zeugniss überall von den Pflegerinnen fordern, für den Fall aber, 
dass letzteres nicht zu erlangen ist, die gerichtliche Leichenschau 
zur Ausführung bringen. 

Aus allem diesem erhellt, dass der Schwerpunkt des ganzen Schutzver¬ 
fahrens eine fortlaufende scharfe Controle sein wird. Ohne eine 
solche müssen die meisten hier empfohlenen Maassnahraen ihren Zweck ver¬ 
fehlen. Die Controle aber soll sich insbesondere befassen: 

1. mit der Art und Weise, wie die Kinder gepflegt, wie sie in Bezug 
auf Ernährung, Kleidung, Bett und körperliche Reinlichkeit gehal¬ 
ten werden; 


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24 


Prof. Dr. J. Uffelmann, 

2. mit der Pflege des Kindes in Krankheitsfällen; 

3. mit der Hygiene der Wohnung; 

4. mit dem moralischen Verhalten der Pflegeperson und der Familien¬ 
mitglieder derselben. 

Sie wird aber auch ins Auge fassen müssen: 

5. die Höhe des Kostgeldes und den Modus der Zahlung desselben; 

6. die Todesfälle von Pfleglingen. 

Die berufenen Organe der Controle über die Pflege der auf öffentliche 
Kosten untergebrachten Kinder sind die Armenbehörden und die Wai- 
senräthe. Da, wo das bekannte Elberfelder System der Armenpflege, das 
der Individualisirung, eingeführt wurde, ergiebt sich die Pflicht des Armen¬ 
pflegers, die armen Kostkinder seines Bezirks streng zu überwachen, ganz 
von selbst. Er hat sie in kurzen Zwischenräumen — hier in Rostock z. B. 
alle 14 Tage einmal — zu besuchen und über ihren körperlichen Zustand, 
beziehungsweise ihr sonstiges Verhalten sich zu informiren. Gravirende 
Uebeistände können ihm wohl kurze Zeit, aber schwerlich auf die Dauer 
entgehen. Den armen verwaisten Kindern haben ausserdem die Waise n- 
räthe, sowie auch die Vormünder ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden. 
Die ersteren wurden in Preussen durch die Vormundschaftsordnung vom 
5. Juli 1875 installirt. Sie sind Organe des Vormundschaftsamtes und aus 
Vertrauensmännern der Gemeinde zusammengesetzt, sollen sich über die gei¬ 
stigen, wie körperlichen Zustände durch eigene Anschauung genau unter¬ 
richten, Missstände der competenten Behörde zur Anzeige bringen und dar¬ 
auf achten, dass die Vormünder den übernommenen Pflichten gewissenhaft 
nachkommen. Am Schlüsse des Jahres 1881 bestanden in Berlin nicht 
weniger als 163 Waisenrathscommissionen mit 768 Mitgliedern, zu denen 
noch 360 weibliche hinzukamen. Sie üben die Aufsicht über die in der 
Hauptstadt selbst untergebrachten Waisenkostkinder und erstatten über das 
Wahrgenommene regelmässige Berichte, während jenes Jahres in Summa 
4032. In Frankfurt a. M. giebt es jetzt neun Waisenrathscommissionen, 
deren jede drei Mitglieder zählt und die alle der Leitung einer Centralstelle 
unterstehen. 

Für die ausserhalb der Gemeinden in fremder Pflege untergeKrach- 
ten Armen- und Waisenkinder sind vielfach besondere Inspectoren 
oder Ueberwachungscommissionen bestellt worden. So ist für die 
Dresdener Waisenkinder, welche in sogenannten Kolonien bei Familien auf 
dem Lande verpflegt werden, der Pfarrer der Parochie ihr Inspector und 
zugleich der Rechnungsführer, welcher die regelmässige Auszahlung der 
Kostgelder besorgt und an die Armenbehörde Bericht erstattet. Ueber die 
Berliner in Aussenkostpflege befindlichen Kinder üben meist Geistliche, 
Lehrer, Bürgermeister, Gemeindevorsteher die Aufsicht. Im Jahre 1881 
waren 2040 Kinder in 118 (?) Städten und 247 Dörfern der Provinz Bran¬ 
denburg untergebracht. Unter den Inspectoren zählte man 238 Prediger, 
25 Lehrer, 12 Bürgermeister resp. Ortsvorsteher, 4 Beamte, 2 Gutsbesitzer, 
1 Seminardirector und 1 Kaufmann. Seitens der Armenbehörde der Resi¬ 
denz findet eine Superinspection statt, die sich in dem nämlichen Jahre über 
117 Ortschaften und 974 Kinder, also fast über die Hälfte derselben erstreckte. 


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Ueber die in fremder Pflege untergebrachten Kinder. 25 

Im Grossherzogthum Baden ist die allgemeine Ueberwachung der 
Seitens der Kreise in fremde Pflege gegebenen armen Kinder dem Landes- 
commissar, den Pfarrern und Kreisabgeordneten, die speoielle Aufsicht aber 
den Bezirksräthen übertragen, welche letztere über den Gesundheitszustand 
der Pfleglinge, über Ernährung, Kleidung und sittliche Aufführung Nach¬ 
forschungen anstellen, auch über das Wahrgenommene berichten sollen. 

* Durchaus empfehlenswerth aber scheint es mir, dass zu der Ueber- 
wathung der armen Kostkinder, wo es irgend möglich ist, auch Frauen 
herangezogen werden. Wennschon Armenpfleger, Waisenräthe, Vormünder, 
Pfarrer und Lehrer bei der Aufsicht ihre volle Pflicht thun, so haben sie 
doch für so Vieles Einzelne und Wichtige cler Kinderpflege kein Auge und 
kein Verständniss, während die Frauen das Detail zu controliren in vor¬ 
züglicher Weise geeignet sind. Es ist deshalb durchaus richtig, dass man 
sie in Berlin zu den Waisenrathscommissionen hinzugezogen hat. Nicht 
minder nachahmungswerth dürfte die zu Carlsrnhe eingeführte Methode 
der Armenkinderpflege sein. Dort bringt man die verwaisten Kinder gleich¬ 
falls bei Pflegeeltern unter und lässt die Halbwaisen der Mutter, welche 
man aus öffentlichen Mitteln unterstützt. Die Ueberwachung wird von den 
Armenpflegern und von Damen des Badischen Frauen Vereins geübt, welche 
mit der Localarmenverwaltung Hand in Hand gehen. Jede Dame hat nur 
einige wenige Kinder, zwei oder drei, zu besuchen und zwar alle vierzehn 
Tage mindestens einmal. Bei ihren Visiten muss sie sich informiren, ob 
- die Pflege eine genügende ist, und muss das Wahrgenommene an Ort und 
Stelle auf einer besonderen Karte notiren. Diese wird in dringlichen Fällen 
sofort an den Geschäftsführer des Frauenvereins zum Zwecke weiterer Ver¬ 
anlassung abgegeben, für gewöhnlich aber in bestimmten Terminen abge¬ 
holt. Ist eine Nachlässigkeit in der Pflege constatirt, so kann auf desfall- 
sige Anzeige die Ortsbehörde den Beschluss fassen, das Kind alsbald bei 
einer anderen Kostmutter unterzubringen. Zeigt sich aber eine Mutter, 
der man das eigene halbwaise Kind in Pflege liess, nachlässig, so kann ihr 
Seitens der Behörde die Unterstützung entzogen werden. 

Diese Mitwirkung von Frauen hat dort thatsächlich grossen Segen 
gebracht. In dem ersten mir zugegangenen Berichte wird über 122 waise 
und halbwaise Kinder Mittheilung gemacht. Von ihnen starb nur eins; 
86 waren sehr gut bis gut, 8 sehr gut, 33 gut bis mittelmässig, nur 3 
mittel massig bis schlecht verpflegt. • 

Ueber die Berliner, in der Hauptstadt selbst verpflegten armen 
Kostkinder, die, wie eben erwähnt, ebenfalls von Frauen mit beaufsichtigt 
werden, lege ich folgende zwei Berichte vor, die dem Generalberichte 
Skrzeczk&’s entnommen sind. Im Jahre 1880 waren 1673 Kinder in Pflege; 
über sie liefen 4096 Meldungen ein; diese bezeichneten die Pflege: 

in 3407 Fällen als' gut, 

n 623 „ „ sehr gut, 

„ 61 „ „ mittelmässig, 

„ 5 „ „ schlecht. 

Im Jahre 1881 waren 1446 Kinder in Pflege; über sie liefen 4032 Mel¬ 
dungen ein; diese bezeichneten die Pflege: 


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26 


Prof. Dr. J. Uffelmann, 

in 3200 Fällen als gut, 

TT 813 „ „ sehr gut, 

„ 13 „ „ mittel massig, 

„ 6 „ „ schlecht. 

Nicht voll so gut war das Resultat der Superrevision der auswärts 
untergebrachten, nur von Männern überwachten Berliner Kostkinder. Denn 
von den 974 derselben, welche im Jahre 1881 inspicirt wurden, waren 
verpflegt: 

51 sehr gut, 

834 gut, 

75 mittelmässig, 
r 14 schlecht. 

Auch in England und Schottland werden die boarded-out childrcn 
regelmässig durch Commissionen beaufsichtigt, zu denen die betreffenden 
Ortspfarrer und Damen gehören. Die Resultate dieser Ueberwachung sind 
dort nicht minder gut, als in Deutschland. So liegt mir ein Bericht von 
dem Edinburgh City Parochidl Board vor, welches mittheilt, dass vom Mai 
1875 bis Juli 1878 bei 274 auf dem Lande untergebrachten armen Kin¬ 
dern (im Alter von 11 Monaten bis zu 14 Jahren) kein Todesfall vorkam> 
Auch die Berichte der Stadt York, der Armenbehörden verschiedener Kirch¬ 
spiele aus der Nähe Londons sprechen sich äusserst vortheilhaft über dies 
System der Pflege und der Controle aus, ohne jedoch bestimmte Data mit- 
zutheilen. 

Wie soll aber nun die schwierigere Ueberwachung der Haltekinder 
bewerkstelligt werden. Man könnte sagen, dass bei uns, wo dieselben fast 
ausnahmslos unehelich sind, die Vormünder und Waisenräthe die Aufsicht 
handhaben müssten. Zweifellos ist dies ihre Pflicht. Aber es wurde schon 
vorhin betont, dass, selbst wenn sie dieser letzteren in aufopferndster Weise 
nachkommen, doch die Controle unvollkommen bleibt, weil es eben um Kin¬ 
der sich handelt, deren Pflege nur von kundiger Seite beaufsichtigt werden 
kann. Ueberdies lehrt die Erfahrung, dass die Ueberwachung der unehe¬ 
lichen Kinder durch die Vormünder derselben Vieles zu wünschen übrig 
lässt. Man wird deshalb officiell bestimmte, sachverständige Personen mit 
der Beaufsichtigung betrauen müssen, um so mehr, da ja die Haltekinder 
fast durchweg in. einer noch ungünstigeren Lage sich befinden, als die armen 
Kostkinder. Geeignete Sachverständige sind nun in erster Linie die Physici 
und die Armenärzte, sodann die weiblichen Mitglieder von Kinderschutz- 
und von Frauenvereinen. Sollen sie die Controle üben, so muss dieselbe 
durch die Ortspolizeibehörde legal organisirt werden. Da, wo Kinderschutz- 
und Frauenvereine bestehen, müsste man ihre Mitwirkung unter allen Um¬ 
ständen erstreben. Die Frauen derselben würden dann die eigentliche 
Aufsicht üben, etwa in der Weise, wie die Damen deB Badischen Frauen¬ 
vereins diejenige der armen Kostkinder zu Karlsruhe üben. Sie hätten den 
Armenärzten bei Erkrankung eines Pfleglings Nachricht zu geben; diesen 
Aerzten aber wäre nicht bloss die Pflicht der unentgeltlichen Behandlung, 
sondern auch das Recht zuzusprechen, die Haltekinder zu jeder Zeit zu in- 
spiciren. Den Physicis müsste die Oberleitung übertragen werden; sie 


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Ueber die in fremder Pflege untergebrachten Kinder. 27 

hätten auch aus den Berichten der überwachenden Damen die General¬ 
berichte zusammenzustellen. Wo keine Kinderschutz- und Frauenvereine 
bestehen, wäre die Aufsicht und Behandlung den Armenärzten, die Ober¬ 
aufsicht den Physicis zu überweisen. 

Letztere haben in Bayern schon seit 1808 das Recht und die Pflicht 
der Controle. In Schleswig-Holstein war bis vor nicht langer Zeit 
Gleiches angeordnet. In Hessen-Darmstadt wurde durch das Gesetz 
von 1878 10. September, beziehungsweise durch die zu demselben erlassene 
Instruction von 1880 1. Juli die Aufsicht im Allgemeinen den Kreisämtern 
unter Zuziehung der Kreisgesundheitsämter überwiesen, die specielle Con¬ 
trole aber in die Hände der Ortspolizeibehörde gelegt, die sich dabei der 
Mitwirkung der Gemeinde- und Armenärzte, so wie der zu erhoffenden 
Beihülfe der Ortspfarrer und etwaiger Kinderschutzvereine zu bedienen 
hätten. Diese Localbehörde sollte insbesondere dafür sorgen, dass den 
Kindern nach allen Richtungen hin die gebührende Pflege zu Theil werde, 
und dass bei Erkrankungen stets die Hülfe eines approbirten Arztes zur 
Hand sei. Es wurde ihr auch zur Pflicht gemacht, auf die Art der Ernäh¬ 
rung, Behandlung und Erziehung, sowie auf den Zustand der Wohnung zu 
achten, den Gemeinde- oder Armenarzt von dem Zugänge eines Pflegekindes 
zu unterrichten und ihn mit der Controle zu beauftragen. Diese soll© darin 
bestehen, dass er zuerst innerhalb der nächsten fünf Tage nach erfolgter 
Anzeige und späterhin mindestens alle Vierteljahr einmal das Kind besuche 
und über den jedesmaligen Befund, die Art der Pflege, die Beschaffenheit 
der Wohnung in einem besonderen Ueberwachungsbogen x ) berichte. Ausser¬ 
dem wurde den Kreisärzten die Verpflichtung auferlegt, die Pflegekinder 
ihres Kreises bei jeder sich darbietenden Gelegenheit, jedenfalls aber einmal 
im Jahre zu besichtigen und alsdann von dem Ueberwachungsbogen Kennt- 
niss zu nehmen. Beim Ableben eines Kindes soll die Ortspolizeibehörde 
alsbald ein Todesattest verlangen, das von einem approbirten Arzte aus¬ 
gestellt eine Angabe der Veranlassung der Krankheit und der Ursache des 
Todes enthalten muss. 

Absolut unzulässig ist es, die Controle den Polizeiorganen lediglich 
oder auch nur wesentlich zu überlassen; sie sind eben bezüglich der Kinder¬ 
pflege nicht sachverständig. Es muss aber auch davon abgerathen werden, 
dass private Vereine, wie die vorhin genannten, eine Beaufsichtigung für 
sich ohne Anlehnung an Behörden und beamtete Personen unternehmen. 
Wo dies versucht wurde, hat es in der Regel keinen rechten Erfolg gehabt. 
Ich erinnere nur an die Geschichte des Frankfurter Vereins für Zieh¬ 
kinder. Derselbe wollte zuverlässige Kostfrauen ausfindig machen, sie 
controliren, die bewährten durch Prämien aufmuntern, belehren. Eine 
Reihe von Damen übernahm bereitwillig die Verpflichtung, die Kostfrauen 
in Bezug auf Qualification zu prüfen und zu überwachen. Im Jahre 1871 
begann die Thätigkeit, aber schon 1875 wurde sie wieder eingestellt, der 
Verein aufgelöst. Eine regelmässige Controle scheint nach den Publicationen 
nicht stattgefunden zu haben. (Auch die vielen Kinderschutz vereine Frank- 


*) Das Formular eines solchen Ueberwachungsbogens findet sich der Instruction zur 
Ausführung des Kinderschutzgesetzes beigegeben. Regierungsblatt Nr. 17 von 1880, S. 21. 


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28 


Prof. Dr. J. Uffelmann, 

reiche sind bezüglich der Haltekinder zu bedeutsamen Resultaten nicht 
gelangt, wo sie sich nicht an Behörden anlehnten. Dies geht aus den vor¬ 
liegenden Berichten deutlich genug hervor.) 

Eine erfreuliche Ausnahme macht unter den vielen Vereinen der Berliner 
Kinderschutz verein, welcher schon seit 1869 besteht und eine völlig freie 
Thätigkeit entfaltet. Er überweist — jährlich etwa 150 — uneheliche Kin¬ 
der sorgfältig ausgewählten Pflegemüttern und überwacht diese, so wie die 
Kinder, sorgt auch für rechtzeitige ärztliche Hülfe, sowie für Medicamente 1 ). 
Die Controle üben Aerzte und Frauen gemeinsam. Ihrer unermüdlichen Arbeit 
verdankt der Verein seine Erfolge, die darin sich documentiren, dass die 
Sterblichkeit der von ihm beaufsichtigten Kinder eine relativ geringe ist 
(1879 = 16 Proc.). Doch ändert das günstige Resultat dieses einen Vereins 
nichts an der Thatsache, dass im Allgemeinen eine Anlehnung an Behörden 
zu erstreben ist, weil nur diese eine Sicherheit des Erfolges gewährleisten kann. 

Eine solche Anlehnung hat im Königreich Sachsen seit einer 
Reihe von Jahren stattgehabt und gute Resultate erzielt. Es ist deshalb 
wohl der Mühe werth, über das dort geübte System einige näheren Mitthei¬ 
lungen zu bringen. — Schon im Jahre 1865 war in Dresden das Zieh¬ 
kinderwesen durch polizeiliche Erlasse geregelt worden. Gleiches geschah 
später in einigen anderen Städten desselben Landes. Ich erinnere nur an 
die bekannte Chemnitzer Ortspolizeiverordnung von 1875, deren 
für die Ziehmütter bestimmte Instruction schon oben erwähnt worden ist. 
In ein neues Stadium trat die Angelegenheit dadurch, dass im Jahre 1878 
vom sächsischen Staatsministerium ein Ersuchen an den Albert-Verein 
gerichtet wurde, derselbe möge die Zweigvereine ermächtigen, mit den be¬ 
treffenden Behörden behuf Ueberwachung der Haltekinder sich ins Einver¬ 
nehmen zu setzen. Der obererzgebirgische und der voigtländische 
Frauenverein hatten dem Ministerium bereits ihre Hülfe zugesagt. Dasselbe 
wünschte aber nicht weiter vorzugehen, ohne den über das ganze Land sich 
ausbreitenden Albert-Verein gewonnen zu haben. Fast sämmtliche Zweig¬ 
vereine desselben sagten auch alsbald und bereitwilligst zu; doch wurden 
nicht alle sofort von den betreffenden Ortsbehörden um Mitwirkung an¬ 
gegangen. Deshalb liess das Ministerium dem Hauptverein das weitere 
Ersuchen zukommen, derselbe möge durch seine Zweigvereine eventuell auch 
ohne Aufforderung der Ortsbehörde die Controle in die Hand nehmen. Dies 
ist nun in der That geschehen; so weit ich aus den Berichten ersehen kann, 
findet in elf Städten eine regelmässige Ueberwachung statt, wie es scheint, 
jetzt auch überall in Verbindung mit der Ortspolizeibehörde. In der Haupt¬ 
stadt wurde zu dem Zwecke folgende Einrichtung getroffen, die allgemeine 
Nachahmung verdient und deshalb hier ausführlich beschrieben werden soll: 

Damen des Albert-Vereins (1881 deren 34) üben als Beauftragte der 
Polizeibehörde die Aufsicht über alle Haltekinder. Jede derselben ist durch 
eine Karte legitimirt, welche ihren Namen trägt und die Anweisung enthält, 
dass die Inhaberin das Recht des freien Zutritts und der Inspection habe, 
dass ihr auch auf Fragen Auskunft zu ertheilen sei, und dass Weigerung 
der Antwort oder Nichtbefolgung der Anordnungen, sowie unbescheidenes 


1 ) Die Statuten dieses Vereins siehe: Stolp’s Ortsgesetze, Band 171. 


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Ueber die in fremder Pflege untergebrachten Kinder. 29 

Benehmen eine Zurückziehung der Concession des Aufziehens von Kindern 
zur Folge habe. Die Aufsichtsdame hat das Wahrgenommene in ein Journal 
einzutragen, das alle drei Monate dem Vorstande des Albert-Vereins zuge- 
»tellt wird. Allmonatlich ßnden Sitzungen desselben statt; in diesen wer¬ 
den die Erfahrungen ausgetauscht, etwa beobachtete Unregelmässigkeiten 
zur Sprache gebracht. In jedem Dringlichkeitsfalle muss die Dame dem 
Polizeiinspector ihres Bezirks Anzeige erstatten, in Erkrankungsfallen den 
Armenarzt benachrichtigen. Als sehr belangreich darf es bezeichnet wer¬ 
den, dass für jedes unter Controle stehende Haltekind ein Journal angelegt 
ist, das, wenn durch Wohnungsänderung der Ziehmutter die Aufsichtsdame 
eine andere wird, in die Hände der neuen übergeht und deshalb fortlaufend 
über die Aufsichts- und Erziehungsergebnisse Mittheilung macht. Eine 
derartige Einrichtung bietet, wie auch der jüngste Bericht hervorliebt, den 
grossen Vortheil, dass die neue Aufsichtsdame sofort und vollständig über 
die körperlichen und geistigen Zustände bei den Kindern aufgeklärt wird. 
Auch gewähren die Journale ein vortreffliches Material für die Bericht¬ 
erstattung über die Erfolge der Controle im Allgemeinen. 

In Berlin hat man, seit dem Erlass einer Polizeiverordnung (1879 
2. December) über die Concessionspflicht der Haltefrauen ein ähnliches 
Controle verfahren, wie in Dresden eingeführt. Bei der Ueberwachung 
nicht bevormundeter Haltekinder wird nämlich die Polizei durch einen neuen 
Kinderschutz verein unterstützt, dessen Aufsiohtsdamen Legitimationsscheine 
erhalten und durch letztere die Berechtigung bekommen, die Wohnungen 
der Haltefrauen zu betreten und sich „im Aufträge des Polizeipräsidiums“ über 
den Zustand der Kinder Kenntniss zu verschaffen. 

In Frankreich ist durch das neue Kinderschutzgesetz von 1874 
gleichfalls die Mitwirkung von Frauen bei der Ueberwachung der Haltekinder 
sngeordnet worden. Die Oberleitung der Controle hat dort der Präfect; 
die letztere selbst ist in den Händen besonderer localer Commissionen. Zu 
diesen gehören ausser dem Maire der Gemeinde ein Pfarrer und zwei ver- 
beiratbete Frauen. Ausserdem aber sollen besondere Inspectionsärzte die 
Haltekinder überwachen, und zwar sollen sie dieselben innerhalb der ersten 
acht Tage nach der Aufnahme, später allmonatlich wenigstens einmal be¬ 
suchen, auch allemal in einem Büchelchen das Wahrgenommene bemerken, 
alljährlich einen Generalbericht erstatten, bei Erkrankungen der Kinder # 
ihnen Hülfe leisten, bei Todesfällen die Ursache derselben angeben. 

Dies ist eine kurze Darstellung der Art und Weise, wie jetzt in den 
verschiedenen Ländern und Städten die Controle gehandhabt wird. Detail- 
lirte Mittheilungen über die Resultate der letzteren liegen noch nicht vor. 
Wir sind demnach zur Zeit ausser Stande, aus der Praxis ein Urtheil dar¬ 
über zu fallen, welches die beste Methode und ob es richtiger ist, lediglich 
Aerzte oder Frauen und Aerzte mit der Ueberwachung zu betrauen. Dieser 
letztere Modus hat nach den, leider ganz allgemein gehaltenen, Angaben 
des Albert^Vereins in Sachsen durchaus zufriedenstellende Erfolge gehabt. 

Ich schliesse hieran eine Zusammenstellung der bis zur Stunde erlasse¬ 
nen Gesetze und Verordnungen zum Schutze der in fremde 
Pflege gegebenen Kinder und schicke nur einige Worte über die 


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30 


Frof. Dr. J. Uffelmann, 

Geschichte dieser Vorschriften vorauf. Gewöhnlich nimmt man an, dass das 
englische Kinderschutzgesetz von 1872 das zuerst erlassene sei. Dies ist 
nur in so fern richtig, als es das erste für ein ganzes Land erlassene Gesetz 
ist. Den schon 1865 (1. November) erschien, wie oben erwähnt wurde, die 
polizeiliche Verordnung von Dresden über Ziehkinderwesen. Auch enthielt 
bereits das bayerische Polizeistrafgesetz von 1861 Bestimmungen über das 
Aufziehen fremder Kinder gegen Entgelt, belegte insbesondere mit Geld¬ 
strafe bis zu 25 Gulden denjenigen, welcher ohne Consens der Polizeibehörde 
solche Kinder unter 8 Jahren gegen Bezahlung in Pflege oder Erziehung 
nahm. Im Uebrigen soll nicht geleugnet werden, dass der Erlass des eng¬ 
lischen Gesetzes einen heilsamen Anstoss gegeben hat. Zwei Jahre nach 
demselben erschien das französische Gesetz, im folgenden Jahre (1875) das 
Kinderschutzstatut von Chemnitz, 1878 das grossherzoglich-hessische Gesetz, 
1879, 1880 und 1881 eine ganze Reihe Ministerialerlasse und Regierungs¬ 
verordnungen, so z. B. der Erlass für Sachsen-Weimar, derjenige der Re¬ 
gierung zu Magdeburg, zu Hannover, zu Frankfurt a. M., zu Stettin, zu 
Breslau, und die Verfügung des Polizeipräsidiums zu Berlin, diese letzteren 
eine unmittelbare Folge der Novelle zur Gewerbeordnung, nach welcher 
das Gewerbe des Erziehens von Kindern nicht mehr frei sein sollte. 

Die englische Infant Life Protection Act 1872 enthält folgende Be¬ 
stimmungen : 

1. Keine Person darf gegen Entgelt mehr als ein Kind und bei Zwil¬ 
lingen mehr als ein Paar unter dem ersten Lebensjahre getrennt 
von den Eltern beziehungsweise Angehörigen derselben länger als 
24 Stunden zum Zwecke der Ernährung und Pflege aufnehmen, 
wenn nicht das von ihr bewohnte Haus vorher registrirt wurde. 

2. Die Ortsbehörde soll ein Register führen, in welches der Name jeder 
Person, welche sich mit der Pflege solcher Kinder beschäftigen will 
und die Lage des Hauses, in welchem sie wohnt, eingetragen wird. 
Die Ortsbehörde boII behuf Festsetzung der Zahl der Kinder, welche 
in jedes eingetragene Haus aufzunehmen ist, von Zeit zu Zeit noch 
Regulative erlassen. Die unentgeltlich zu vollziehende Eintragung 
bleibt ein Jahr in Kraft. Wer ein Kind gegen die Gesetzesvor¬ 
schrift aufnimmt oder zurückbehält, macht sich eines Vergehens 
schuldig. 

3. Die Ortsbehörde soll ein Haus nicht eintragen, wenn sie sich nicht 
vorher von der passenden Beschaffenheit desselben überzeugte und 
durch Einsicht in Zeugnisse sich vergewisserte, dass die einzutra¬ 
gende Person einen guten Charakter und Geschicklichkeit in der 
Pflege solcher Kinder besitzt. 

4. Die eingetragene Person ist verpflichtet, in einem ihr unentgeltlich 
zugestellten und mit Tabellen versehenen Buche das Datum der 
Uebergabe des Kindes, Namen, Geschlecht, Alter desselben, Namen 
und Adresse der Person, von welcher sie es annahm, Datum der 
Rücknahme und Namen des Abnehmers zu notiren, dasselbe auch 
der Behörde jederzeit vorzuzeigen. Weigert sie sich dessen oder 
hat sie die gesetzlichen Registrationen vernachlässigt, so verfällt 
sie in Geldstrafe. 


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Ueber die in fremder Pflege untergebrachten Kinder. 31 

5. Eine Person, die wissentlich falscher Angaben und Zeugnisse sich 
bedient, macht sich eines Vergehens gegen dies Gesetz schuldig. 

6. Wird constatirt, dass eine Person, deren Haus vorschriftsmässig 
registrirt wurde, sich grober Vernachlässigung und gänzlicher Un¬ 
geschicklichkeit in der Pflege der ihr anvertrauten Kinder schuldig 
macht, oder dass das betreffende Haus sich für die Aufnahme von 
Kindern nicht eignet, so hat die Ortsbehörde das Recht, sowohl den 
Namen der Person als das Haus aus dem Register zu entfernen. 

7. Jeder Todesfall eines Pflegekindes ist binnen 24 Stunden, nach dem 

er erfolgte, dem Leichenbeschauer des Bezirks zu melden, damit 
derselbe eine Leichenschau abhält, falls nicht von, einem approbir- 
ten Arzte, der das Kind selbst behandelte und die Todesursache 
angab, ein Attest beigebracht wird. * 

8. Jeder, welcher diesen Vorschriften zuwiderhandelt, verfällt in eine 
Geld- oder entsprechende Gefängnisstrafe. 

NB. Dies Gesetz soll keine Anwendung finden auf die Verwandten oder 
den Vormund eines Kindes, welches von ihnen in Pflege genommen, 
auch nicht auf öffentliche Anstalten, die arme Kinder in Pflege 
nehmen, endlich auch nicht auf eine Person, die unter Controle 
eines Unterstützungsvereins ein Kind aufnimmt, um es zu stillen 
oder zu erziehen. 

Die Infant Life Protection Act enthält viel Gutes; man wird dahin 
rechnen die Forderung, dass die Pflegerin und deren Wohnung registrirt 
werden, und dass erstere als eine moralisch tadellose, sowie als eine zur 
Pflege geeignete, letztere als eine gesunde constatirt sein muss, ehe die be¬ 
treffende Frau die Erlaubuiss hat, ein fremdes Kind gegen Entgelt in Obhut 
und Pflege zu nehmen. Wichtig erscheint nicht minder, dass die Registri- 
rung eine jederzeit widerrufliche ist, dass die Pflege sich auf ein Kind oder 
ein Zwillingspaar beschränken soll, wichtig endlich das bestimmte Gebot, 
den etwaigen Tod binnen 24 Stunden dem Leichenschauer anzuzeigen. 
Aber das Gesetz hat auch unverkennbare und grosse Mängel. Zunächst ist 
zu tadeln, dass es nur auf solche Pfleglinge Anwendung findet, die im ersten 
Lebensjahre stehen. Diesen Fehler erkennen auch die englischen Aerzte 
und Hygieniker rückhaltlos an. Zu wiederholten Malen haben sie in ernste¬ 
ster Weise die Nothwendigkeit der Ausdehnung des Gesetzes auf ältere 
Kinder hervorgehoben und zwar an der Hand böser Erfahrungen. Trotz¬ 
dem ist es beim Alten geblieben. Die Infant Life Protection Act hat aber 
noch einen anderen ebenso schlimmen Fehler, nämlich den, dass es die Con¬ 
trole der Haltekinder, die einmal untergebracht sind, unberücksichtigt lässt, 
dass es mit keinem Worte denjenigen namhaft macht, dem die Ueberwachung 
als Recht und Pflicht zusteht. Dieser letztbezeichnete Mangel lässt den 
praktischen Nutzen des ganzen Gesetzes als einen sehr fraglichen erscheinen. 


Das fr&azösische Kinderschutzgesetz, das auf fortwährendes 
Drängen der Kinderschutzvereine und der medicinischen Presse bald nach 
dem Kriege von 1870 und 1871 berathen und am 23. December 1874 er¬ 
lassen wurde, bestimmt im Wesentlichen Folgendes: 


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32 


Prof. Dr/J. Uffelraann, 

Wer ein Kind in fremde Pflege geben will, muss dies dem 
Maire seines Wohnortes Anzeigen; wer ein solches aber gegen 
Entgelt in Pflege nehmen will, hat ein Zeugniss vorzttlegen, in 
welchem der Maire die betreffenden Angaben über Personalien, 
Leumund, Beschaffenheit der Wohnung macht, und hat ein anderes 
Zeugniss beizubringen, in welchem ärztlich bescheinigt wird, dass 
die Inhaberin frei von ansteckenden Krankheiten, eventuell taug¬ 
lich zum Stillen ist. Ohne Erlaubniss des Inspectionsarztes darf 
keine Frauensperson mehr als ein Kind gegen Entgelt stillen, auch 
darf keine mehr als zwei Kinder gegen Entgelt in Wartung und 
Pflege nehmen, wenn nicht der Maire und die locale Ueberwachungs- 
commission es besonders genehmigt. 
m Für jed$8 gegen Entgelt in fremder Pflege untergebrachte Kind 
unter zwei Jahren, wird eine Aufsicht angeordnet, welche die 
Präfecten durch locale Commissionen handhaben sollen. (Siehe 
darüber oben.) 

Das Gewerbe der Ammenvermiether ist concessionspflichtig. 
Nur derjenige erhält die Concession, dessen Lebenswandel zu Be¬ 
denken keinen Anlass giebt. Sie kann auch widerrufen werden, 
sobald der Inhaber nicht die Vorschriften erfüllt, welche über Am- 
menvermiethung erlassen sind. 

Dies Gesetz blieb mehrere Jahre ein todtes. Erst 1877 wurde die Aus¬ 
führungsverordnung erlassen, mit welcher es dann in Wirksamkeit trat. 
Mangelhaft ist es dadurch, dass es, zwar weiter als das englische sich er¬ 
streckend, sich doch auf Kinder der ersten beiden Lebensjahre beschränkt; 
mangelhaft ist ferner, dass die Entscheidung über wichtige Punkte, z. B. 
über die Salubrität der Wohnung, dem Maire anheimgegeben wurde, mangel¬ 
haft auch die Umständlichkeit des Verfahrens für den Fall, dass behörd¬ 
licherseits ein geschritten werden soll. In Bezug auf letzteren Punkt be¬ 
stimmt die Ausführungsverordnung, dass der Arzt dem Maire und dieser 
dem Präfeoten Bericht zu erstatten hat, ehe etwas von Belang — es sei 
denn in ansteckenden Krankheiten — angeordnet werden kann. Dagegen 
muss als ein Vorzug des Gesetzes bezeichnet werden, dass es zur Controle 
der Haltekinder neben den offlciellen Inspektionsärzten auch Frauen beruft, 
und dass es die Obliegenheiten dieser Aufsichtspersonen im Detail festsetzt. 

Das grossherzoglich-hessische Kinderschutzgesetz von 
1878 lautet folgendermassen: 

1. Wenn ein Kind vor vollendetem sechsten Jahre bei Lebzeiten eines 
elterlichen Ehetheils oder der unehelichen Mutter ausser im Wege 
der öffentlichen Armenpflege ausserhalb der elterlichen Wohnung 
in Verpflegung gegen Entgelt gegeben werden soll, so ist die vor¬ 
gängige Genehmigung der Ortspolizeibehörde des elterlichen Wohn¬ 
ortes einzuholen. 

2. Bei der Entschliessung über die Ertheilung oder Versagung dieser 
Genehmigung ist in Betracht zu ziehen, ob nach allen Umständen, 
insbesondere nach den Persönlichkeiten und den Verhältnissen der 


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Ueber die in fremder Pflege untergebrachten Kinder. 33 

gewählten Pfleger zu erwarten ist, dass dem Kinde die gebührende 
Pflege in jeder Beziehung zu Theil werde. Die Genehmigung 
kann zurückgezogen werden, wenn sich diese Erwartung nicht be¬ 
stätigt. In diesem Falle muss das Kind alsbald aus der betreffen¬ 
den Pflege genommen werden. - 

3. Wird ein Kind entgegen der Vorschrift des Art. 1 in Pflege ge¬ 
geben oder der Vorschrift des Art. 2 zuwider nicht aus der Pflege 
genommen, so trifft die Eltern sowie die etwaige Mittelsperson, 
welche das Kind in Pflege gegeben hat, eine Strafe von 20 bis 
150 Mark. Auch ist die elterliche Ortspolizeibehörde befugt, in 
solchem Falle das Kind, bis für anderweite Pflege ordnungsmässig 
gesorgt ist, zu den Eltern zurück oder auch auf deren Kosten einst¬ 
weilen in eine sonst geeignete Pflege verbringen zu lassen. 

4. Diejenigen, welche ein fremdes Kind unter sechs Jahren gegen 
Entgelt in fremde Pflege genommen haben, sind verpflichtet, ihrer 
Ortspolizeibehörde sowie den von dieser beauftragten oder amtlich 
berufenen Personen jederzeit Einblick in die Art der Verpflegung 
und den Zustand des Pflegekindes zu gewähren und jede geforderte 
Auskunft zu ertheilen. Im Weigerungsfälle trifft sie Geldstrafe 
von 20 bis 150 Mark. 

5. Sobald ein Kind unter sechs Jahren in eine fremde Gemeinde in 
entgeltliche Pflege gegeben wird, haben die Eltern ausserdem von 
dem wirklichen Wegzüge desselben ihrer Ortspolizeibehörde binnen 
24 Stunden persönlich oder schriftlich Anzeige zu machen. Wer 
ein ortsfremdes Kind unter sechs Jahren in Pflege nimmt, hat 
binnen gleicher Frist und in gleicher Weise dasselbe bei seiner 
Ortspolizeibehörde anzumelden, als auch bei Beendigung der Pflege 
oder zeitweiliger Unterbrechung derselben unter Angabe, wohin das 
Kind verbracht wird, abzumelden. Zuwiderhandlungen gegen diese 
Vorschriften unterliegen einer Strafe von 2 bis 30 Mark. 

6. (Umwandlung von uneinbringlichen Geldstrafen in Haft nach Art. 2, 
Ziffer 5, des Gesetzes von 1871, 10. October), 

Das hessische Gesetz hat vor den bisher besprochenen den grossen 
Vorzug, dass es auf Kinder bis zum Alter von sechs Jahren Rücksicht 
nimmt, vor dem englischen den anderen Vorzug, dass es die Controlpersonen 
bezeichnet und die Art der Controle angiebt. Ein Mangel aber ist die Vor¬ 
schrift, dass die eigentliche Aufsichtsperson, der Gemeinde- oder Armenarzt, 
die Pflegekinder seines Bezirks nicht öfter als alle Vierteljahr zu besuchen 
braucht. Dies muss für alle diejenigen Fälle als ungenügend bezeichnet 
werden, in denen nicht andere geeignete Personen bei der Ueberwachung 
mitwirken. Keinen Nachtheil wird es bringen, dass das Gesetz ein Nach- 
snchen um Genehmigung nicht der Pflegeperson, sondern dem vorschreibt, der 
ein Kind in Pflege geben will. Denn es ist ausdrücklich gesagt, dass bei der 
Entschliessung über die Genehmigung in Betracht gezogen werden soll, ob 
nach allen Umständen zu erwarten sei, dass dem Kinde bei der betreffenden 
Pflegeperson die gebührende Pflege zu Theil werde, und dass die Genehmi¬ 
gung zurückgezogen werden könne, wenn diese Erwartung sich nicht be¬ 
stätige. Es sind demnach alle Garantieen gegeben, welche man sonst bei 

Vi ertel jahreschrift für Gesundheitspflege, 1883 3 


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34 


Prof. Dr. J. Uffelmann, 

Concessionirung der Pflegeperson zu erlangen strebt. Sehr belangreich ist 
endlich der Artikel 5, welcher das Erforderliche über Meldung bei Abgang, 
Weggang, zeitweiser Unterbrechung der Pflege regelt. Das bei Todesfäl¬ 
len der Kinder einzuschlagende Verfahren ist nicht im Gesetze berührt wor¬ 
den; dagegen findet sich darüber das Nöthige in der Ausführungsordnung. 

Die Poli zei verordnun gen deutscher Städte und die Regierungs¬ 
erlasse, deren vorhin Erwähnung geschah, statuiren die widerrufliche Con- 
cessionspflicht für alle Pflegepersonen, weisen den Beamten der Polizei und 
den von dieser beauftragten Persönlichkeiten das Recht zu, in die Woh¬ 
nungen der Pflegepersonen einzutreten und nach Allem sich zu erkundigen, 
was auf die Pflege der fremden Kinder Bezug hat, und bestimmen, dass bei 
Aufnahme, Abgang und Tod derselben der Polizei sofort Meldung zu machen 
ist. Ein wesentlicher Unterschied besteht nur in Bezug auf das Alter der 
Pflegekinder. So erstreclri; sich der Erlass für Sachsen-Weimar auf die¬ 
jenigen von weniger als sieben Jahren, die Regierungsverordnung von 
Magdeburg auf diejenigen von weniger als sechs, die Verordnung des 
Polizeipräsidiums von Berlin auf diejenigen von weniger als vier Jahren. 

Schon dieser letztbetonte Umstand lässt es mehr als wünschenswerth 
erscheinen, dass ein einheitliches Kinderschutzgesetz für ganz Deutschland 
erlassen wird. Es ist doch wahrlich nicht abzusehen, weshalb in einem 
Orte und einem Lande nur Kinder bis zu vier, in einem anderen solche zu 
acht Jahren beaufsichtigt werden sollen. Dazu kommt, dass jetzt ganze 
Länder, beziehungsweise Provinzen, in manchen wenigstens das gesammte 
platte Land von den Vorschriften über Kinderschutz gar nicht berührt 
Werden. Und doch wissen wir, dass gerade aus den grossen Städten viel¬ 
fach die Pflegemütter mit ihren Pfleglingen sich auf die nahegelegenen 
Dörfer zurückziehen, um hier unbehelligt zu sein. Es ist demnach wohl 
am Platze, wenn man die Nothwendigkeit eines allgemeinen Kinderschutz¬ 
gesetzes öffentlich urgirt, nachdem England und Frankreich ein solches seit 
einer Reihe von Jahren erhalten haben. 

Ich schliesse hieran noch eine andere Mahnung, nämlich an die Presse. 
Es ist ihr Recht und ihre Pflicht, Uebelstände aufzudecken, strafbare Be¬ 
gehungen oder Unterlassungen ans Licht zu bringen. Möge sie dessen auch 
bezüglich des Kostkinderwesens eingedenk sein. Dann würden Fälle von 
schlechter Behandlung der Pflegekinder sicherlich bald um ein sehr Erheb¬ 
liches seltener werden. Publicität und fortlaufende sachverständige Con- 
trole sind die Mittel, Uebelstände zu beseitigen, wie sie in Vorstehendem 
besprochen wurden. 

Und endlich noch eine Frage. Wird man durch grossere Fürsorge für 
die armen Kost- und Haltekinder nicht den Leichtsinn und die Sittenlosig- 
keit in den unteren Classen vermehren? Die Gefahr ist zweifellos vorhan¬ 
den; aber sie kann, wie schon bei der Erörterung der Kostgeldfrage betont 
wurde, durch eine vernünftige und streng gehandhabte Armenpflege sehr 
verringert werden. Auch darf man jene Gefahr nicht zu hoch schätzen. 
Wo eine gesteigerte Fürsorge für Findelkinder eintrat, wo man durch humane 
Einrichtungen, wie Gebärhäuser und Krippen den niedersten Classen Hülfe 
brachte, hat sich wenigstens die gefürchtete Wirkung noch nicht gezeigt. 
Aber selbst, wenn sie zu Tage getreten wäre, würde doch der Gesellschaft, 


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Ueber die in fremder Pflege untergebrachten Kinder. 35 

der Gemeinde and dem Staate die Pflicht bleiben, in angemessener, d. h. 
auch das körperliche Wohl genügend berücksichtigender Weise für die in 
fremder Pflege untergebrachten Kinder Sorge zu tragen. Dies ist eine Forde¬ 
rung der Humanität und zugleich eine solche des öffentlichen Wohles, welches 
von jeder Vernachlässigung der gesundheitlichen Lage des heranwachsenden 
Geschlechts, insbesondere auch der ärmeren Classe so schwer berührt wird. 


Nachschrift. Die vorstehende Abhandlung war bereits im Druck 
hergestellt, als die „Studien zur Frage der Findelanstalten“ von 
Epstein mir zugingen. Der Inhalt dieser lesenswerthen Arbeit veranlasst 
mich zu folgender Nachsohrift, die von der Redaction mir allerfreundlichst 
verstattet wurde. Ich hatte in meiner Abhandlung der Findelanstalten 
nur gelegentlich gedacht, weil sie in Deutschland nicht mehr bestehen, und 
besonders weil ich mir, nach eigener Anschauung der italienischen Anstalten, 
von einer Wiederherstellung derselben in Deutschland einen Vortheil für 
die hülflosen Kinder, sowie für die Allgemeinheit gegenüber den jetzt ein¬ 
geführten beziehungsweise angebahnten Reformen unseres Kostkinderwesens 
nicht zu versprechen vermag. Epstein legt nun in seiner Denkschrift 
energisch eine Lanze ein für die Findelhäuser und hebt hervor, dass sie 
nicht bloss viel besser seien als ihr Ruf, sondern in specie auch bessere 
Resultate erzielten, als die Fürsorge nach dem sogenannten germanischen 
Systeme. Es steht mir der Raum nicht mehr zu Gebote, um ausführlich 
auf seine Darstellung au antworten und meine Bedenken bezüglich der 
Findelanstalten so zu motiviren, wie ich wohl möchte. Aber ich will wenig¬ 
stens versuchen, die Angaben jenes Autors über das „germanische“ 
System richtig zu stellen. 

Epstein sagt, dass bei letzterem Systeme Demoralisirung und Ent¬ 
fremdung der Mütter eintrete, dass bei demselben das in Entbindungs¬ 
anstalten geborene Kind der Willkür der unehelichen Mutter oder vielmehr 
dem gänzlich uncontrolirten Treiben gewerbsmässiger Ziehmütter überlassen 
sei. Hierauf muss man doch antworten, dass die armen Kinder, welche von 
den unehelichen Müttern nicht ernährt werden können, oder die von ihnen 
verlassen werden, bei uns nicht der Willkür überantwortet sind. Es muss 
ihnen ein Vormund gesetzt werden, die Armenbehörde hat sich ihrer anzu¬ 
nehmen und sie durch ihre Armenpfleger beaufsichtigen zu lassen. In 
Preussen ist ausserdem das Wai9enamt zu einer Controle officiell verpflichtet. 
Dass auch das Treiben der Ziehmütter nicht mehr ein gänzlich uncontro- 
lirtes, dass es vielerorts sogar ein recht gut controlirtes ist, glaube ich oben 
gezeigt zu haben. — Es wird ferner auf S. 52 von Epstein gesagt, „dass 
die aus den Entbindungsanstalten Berlins, Münchens, Dresdens mit 
ihren Kindern entlassenen Personen ihre Kinder, da ihnen Besseres nicht 
übrig bleibe, gegen ein privates Uebereinkoramen den im Volk^munde 
benannten Engelmacherinnen übergeben, die sich von den verheiratheten 
Pflegefrauen der von der (Prager) Fiodelanstalt fortgegebenen Kinder ganz 
wesentlich unterschieden“. Was werden die Polizeibehörden jener drei 
Städte, in denen das Ziehkinderwesen so gut geregelt ist, zu jenem Satze 
sagen? Skrzeczka tbeilt in Bezug auf Berlin keineswegs die Klage über 

3* 


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36 Prof. Dr. J. Uffelmann, Ueber die untergebrachten Kinder. 

Engelmacherinnen, und die Berichte des Albert-Vereins über das Ziehkinder¬ 
wesen in Dresden heben lobend die im Allgemeinen gute Qualification der 
dortigen Ziehmütter hervor. Deshalb enthält die erwähnte Behauptung 
Epstein’s mindestens eine grosse Uebertreibung, die wohl vermieden wäre, 
wenn ihm die Berichte jenes Vereins und das treffliche Buch Skrzeczka’s 
Vorgelegen hätten. 

Ich komme nun zum Capitel der Mortalität. Die Prager Findel¬ 
anstalt — von ihr ist vorzugsweise die Bede — verlor 1880 = 15*7 Proc., 
1881 = 10*5 Proc. aller Pfleglinge und 1880 = 50*7 Proc., sowie 1881 
= 45*37 Proc. aller Pfleglinge des ersten Jahres. Es sind das Ziffern, 
welche zwar erfreulicher lauten als vor zwei bis drei Decennien, welche 
aber doch keineswegs eine Ueberlegenheit des Findelhaussystems illustriren 
können. Die armen Kostkinder in Deutschland — nur diese sollte man zum 
Vergleich heran ziehen — zeigen hohe Sterblichkeit, aber doch nirgends eine 
so hohe, wie die Prager Findelkinder. Die Belege findet der Leser in meiner 
vorstehenden Darstellung. 

Was endlich den Kostenpunkt betrifft, so ist ein wesentlicher Unter¬ 
schied zwischen dem Findelhaus- und dem „germanischen“ System wohl 
nicht vorhanden. Für die Prager Findelkinder wurden während des ersten 
Lebensjahres 72 Gulden, während des zweiten 48, während des dritten bis 
sechsten 36 Gulden gezahlt. Dies sind aber Sätze, welche annähernd auch 
bei uns die Regel ausmachen. 

Genau genommen ist ja überhaupt die Findelhauspflege der Gegen¬ 
wart der Pflege unserer armen Kostkinder ganz nahe verwandt. Nur der 
Unterschied besteht, dass die Findelkinder zuerst der Anstalt zugeführt und 
von ihr aus, wenn sie gesund sind, alsbald an Kostmütter vergeben werden, 
und dass diese für Säuglinge allerdings meistens Brustraütter sind. Letzteres 
muss zweifellos von vornherein als ein Vorzug geschätzt werden; und doch 
wissen wir, dass die Findlingssäuglinge im Allgemeinen nicht günstigere 
Sterblichkeitsverhältnisse darbieten, als die gut controlirten Kostkindersäug- 
linge bei uns, die von der Armenbehördo der Regel nach nicht an Brust¬ 
mütter vergeben werden können. Die Haltekinder aber und die Findel¬ 
kinder darf man, wie schon angedeutet, nicht mit einander vergleichen, da 
sie unter ganz verschiedenartigen Verhältnissen aufgezogen werden. Ich 
gebe nur zu, dass bei uns viele Kinder in private Pflege gegeben werden, 
die man in romanischen Ländern den Findelhäusern überweist. Aber auch 
da giebt es neben den Findlingen Haltekinder, die stets besonders zu be¬ 
trachten sind. — Im Uebrigen erkenne ich gern die bedeutsamen Reformen 
des Findelhauswesens an, auf welche Epstein in so warmen Worten hin¬ 
weist, und stimme ebenso sehr mit ihm darin überein, dass die Fürsorge 
für die bei uns in fremder Pflege untergebrachten Kinder vielfacher Ver¬ 
besserungen bedarf. 


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Dr. Gr. Varrentrapp, Bisherige Ergebnisse der Ferienkolonien. 37 


Ueber die bisherigen Ergebnisse der Ferienkolonien. 

Von Dr. G. Varrentrapp. 

Vortrag, gehalten auf dem internationalen hygienischen Congress in Genf, 

# 6; September 1882 a ). 


Meine Herren! Dem ehrenvollen Aufträge des Vorstandes unseres 
Congre8ses nachkommend, gestatte ich mir, über das Capitel der „Ferien¬ 
kolonien“ einige Worte an Sie zu richten. Ich thue dies um so lieber, als 
erstens diese Einrichtung zwar in der Schweiz und in Deutschland sehr 
rasch Verbreitung gefunden hat, ausserhalb dieser beiden Länder aber noch 
so gut wie unbekannt ist, und Zweitens weil bisher noch keinerlei Zusam¬ 
menstellung der Ergebnisse der Ferienkolonien geliefert worden ist, wir 
vielmehr nur Berichte über die einzelnen Jahre der einzelnen Anstalten 
besitzen. 

Mit der Zunahme der Erkenntniss der Wichtigkeit der präventiven 
Medicin ward auch dem jugendlichen Alter immer grössere Aufmerksamkeit 
zugewendet, sowohl in der Richtung, der Jugend in Haus und Schule die 
Gesundheit möglichst unversehrt zu erhalten, als auch dem ersten Auf¬ 
treten einer Störung der Gesundheit oder auch nur Hemmung der normalen 
Entwickelung entgegen zu wirken, ln mannigfachster Weise ward dies 
Ziel ins Auge gefasst. Ich beschränke mich für heute auf das, was in 
neuerer Zeit bei bereits gestörter körperlicher Entwickelung armer Schul¬ 
kinder geschehen ist. In erster Reihe ist hier zu nennen die Versetzung 
solcher Kinder für einige Zeit in gute freie Luft, wo nöthig mit gleich¬ 
zeitigem Gebrauch von Seebädern oder Soolbädern. So sind schon seit 
einer Reihe von Jahrzehnten, zuerst in England * Seehospitäler für zarte, 
insbesondere für scrophulöse Kinder hergerichtet worden. Frankreich und 
Belgien folgten diesem Beispiele. Am vollständigsten hat in neuester Zeit 
in dieser Richtung Italien Vorsorge getroffen, wo nunmehr fast jede Provinz 
ein zur Aufnahme von mehreren Hundert Kindern berechnetes Seehospiz 
besitzt, welches wesentlich durch Jahresbeiträge der einzelnen Gemeinden 
unterhalten wird (vgl. Uffelmann, Bd. XII, S. 697 dieser Vjhrschr). Deutsch¬ 
land beginnt nacbzufolgen, zumal auf Beneke’s Anregung. Die Einrichtung 
von Kinderhospitälern an Soolbadeorten ist in letzterer Zeit, besonders in 


*) Diesen Vortrag liefern wir hier etwas ausführlicher ausgeführt unter Zufügung der 
tabellarischen Zusammenstellungen, auf welche der Vortrag sich stützt. 


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38 


Dr. G. Varrentiapp, 

Deutschland, in erfreulichem Aufschwünge begriffen. An ihre Seite sind 
nun neuerlich die sogenannten Ferienkolonien getreten. Sie beabsich¬ 
tigen für einige Zeit, zumal während der Sommerferien, kränkliche, arme 
brave Schulkinder aus den Städten unter Leitung und steter Aufsicht 
tüchtiger Lehrer oder Lehrerinnen bei reichlicher, kräftiger, wenn auch 
einfacher Kost, aus ihren dumpfen engen Wohnungen hinaus in die Höhe, 
in Berg- und Waldluft oder auch an den ^eeresstrand zu versetzen und 
sie dort zu möglichst vieler Bewegung im Freien anzuhalten. Selbst ge¬ 
sunde kräftige Kinder, die, obgleich in günstigen Verhältnissen lebend, nach 
einem langen Schulsemester etwas schlaff und welk geworden sind, ebenso 
wie rüstige aber geistig etwas überarbeitete Männer suchen und finden 
in solcher vollkommener Umkehr der bisherigen Verhältnisse und Lebens¬ 
weise erneute Kraft. Um wie vieles grösser wird der Erfolg sein, wenn 
man schwächlichen armen Kindern ungesunde Wohnung, fehlerhafte oft 
selbst ungenügende Kost für einige Wochen durch das Gegentheil ersetzt! 

Diese theoretische Voraussicht hat sich in der Wirklichkeit vollständig 
bestätigt. Es liegt uns aus einer ziemlichen Anzahl von Städten eine 
mehrjährige Erfahrung vor, welche sogar die weitere Hoffnung als begrün¬ 
det bewährt hat, dass nämlich die verhältnissmässig kurze Zeit von 3 bis 
4 Wochen, während welcher die Kinder in nach jeder Richtung hin gesunde 
Verhältnisse versetzt werden, nicht etwa nur einen vorübergehenden Ein¬ 
fluss ausübt, sondern von einem dauernden Erfolg begleitet ist. 

Wir werden dies nachweisen; es ist dies unsere heutige Aufgabe. Zu¬ 
vörderst aber haben wir noch etwas näher die Ferienkolonien zu schildern. 
Es hat sich in kürzester Zeit eine merkwürdig gleichmässige Einrichtung 
herausgebildet im Norden wie im Süden unseres Vaterlandes, in Fabrik- 
wie in Handels- und Residenzstädten und zwar in folgenden Punkten. 

Es hat sich herausgestellt, dass das Alter von 8 oder 9 Jahren bis 
zum 14. Jahre das geeignetste ist. Noch jüngere Kinder bedürfen zu sehr 
der Beihülfe des Lehrerpersonals und sind in Kräften und Leistungsfähig¬ 
keit zu verschieden von den etwas älteren Kindern. Im Ganzen scheinen 
die Mädchen solcher Nachhülfe ihrer Gesundheit nach bedürftiger zu sein 
als die Knaben; es begreift sich dies auch leicht, wenn man bedenkt, dass 
die Mädchen während der freien Stunden jeden Tages, wie besonders während 
der ganzen Ferienzeit vielfältig zu häuslichen Arbeiten, zur Beaufsichtigung 
jüngerer Geschwister herangezogen zu werden pflegen, während die Knaben 
sich vielmehr im Freien, und wenn es auch nur auf den Strassen ist, herum- 
tunimelu. 

Man hat sich allwärts in erster Linie an die Directoren (Oberlehrer) 
der Volksschulen gewandt, welche nach Besprechung mit den einzelnen 
Classenlehrern eine Liste derjenigen Schulkinder aufstellen, die ihnen als 
vorzugsweise der Wohlthat der Ferienkolonien bedürftig erscheinen. Es 
findet sodann eine Untersuchung des Gesundheitszustandes der einzelnen 
Kinder durch Aerzte statt, wobei auf den allgemeinen Eindruck, das 
äussere Ansehen, den Ernährungsgrad, auf Gewicht und Grösse des Kör¬ 
pers, auf Brustumfang u. s. w. geachtet wird. Die bedürftigsten wer¬ 
den ausgewählt bis zu der durch die vorhandenen Geldmittel gestatteten 
Zahl. Auszuschliessen sind positiv kranke Kinder — stark scrophulöse, bei 


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Ueber die bisherigen Ergebnisse der Ferienkolonien. 39 

welchen eine Soolbadkur oder dergleichen angezeigt ist —, Augenkranke, 
welchen das helle Tageslicht, der Wind und eventuell auch Staub, denen 
die Ferienkolonienkinder nicht entzogen werden sollen, nachtheilig sein 
würden, das ßett nässende, namentlich auch an Epilepsie, Veitstanz u. s. w. 
leidende Kinder. Die ausgesuchten Kinder werden sodann in einzelne 
Kolonien von 10, 12, 15 bis höchstens 20 Kindern eingetheilt, welche 
einem Lehrer, beziehungsweise einer Lehrerin unterstellt werden. Es 
empfiehlt sich, so viel als möglich Kinder derselben Schule in einer Kolonie 
zu vereinigen, ihr wenn thunlich auch einen Lehrer derselben Schule vor- 
znsetzen. Es erleichtert die Arbeit des Lehrers j wenn ihm die Kinder 
schon zuvor nicht ganz fremd waren, und fördert wesentlich seine spätere 
Einwirkung auf die Kinder. Es bietet mancherlei Vortheile, Kinder ver¬ 
schiedenen Alters zu mischen, namentlich bei Mädchen, die sich dann 
gegenseitig hülfreich an die Hand gehen. 

In Betreff der Auswahl und Stellung des Lehrers ist man noch 
nicht zu allseitiger Uebereinstimmung gelangt. Dass der Lehrer ein frischer, 
rüstiger Mann sein muss, von lebhafter Liebe zu den ihm anvertrauten 
Kindern, wie zu dem ihm übertragenen Werke erfüllt, versteht sich von 
selbst. An manchen Orten hielt man es für nützlich, wenn er etwa von 
seiner Frau begleitet werde, üm solchergestalt den Kindern mehr das Ge¬ 
fühl, sich in einer Familie zu befinden, zu geben; an anderen Orten dachte 
man in einer zahlreichen Kolonie von 20 bis 40 Kindern, welchen 2 Leh¬ 
rer vorstehen, diesen ihre Arbeit erleichtern und angenehmer zu machen. 
Andere dagegen meinten, alles dieses ziehe die den einzelnen Schülern zu¬ 
zuwendende Aufmerksamkeit des Lehrers ab, ein Lehrer beaufsichtige z. B. 
während eines Spazierganges 20 bis 30 Knaben besser, als zwei Lehrer, die 
sich gar leicht einem lebhaften Gespräch hingäben. Eine bestimmtere Er¬ 
fahrung wird hierüber noch zu entscheiden haben. Wir in Frankfurt hal¬ 
ten vorerst noch an dem Grundsätze fest, jeder Kolonie nur einen Lehrer 
vorzusetzen, diesem aber auch die volle und stete Verantwortlichkeit zuzu¬ 
weisen. 

Die Ausrüstung der Kinder verlangt Aufmerksamkeit. Ein voller 
Anzug neben dem auf dem Körper getragenen ist erforderlich. Besonders 
das Schuhwerk muss derb und in gutem Zustande sein. Hieran fehlt es 
sehr vielfach. Es ist seitens der Unternehmer des Kolonienwerks hierin 
theilweise etwas nachzuhelfen, man muss aber in dieser Richtung sehr vor¬ 
sichtig sein, da von gar manchen Eltern die Tbeilnahme ihrer Kinder an 
den Ferienkolonien wesentlich aus dem Grunde nachgesucht wird, den Kin¬ 
dern eine gute Ausrüstung an Kleidung und Schuhwerk zu verschaffen. 

Der Landaufenthalt der Kinder soll eine wirkliche Ferienzeit 
sein,, in nichts aü Unterricht oder an ein Repetiren derselben erinnern. 
Vor allem ist die Pflege gesunder körperlicher Entwickelung im Auge zu 
hehalten, also in erster Linie möglichst vieler Aufenthalt in freier Luft, 
Marschiren, Turnen, Spielen (auch nach eigener Angabe der Kinder), An¬ 
gewöhnung an kalte Abwaschung des Körpers, Baden im Bache. Ungün¬ 
stigere Witterung wird genug Müsse geben zum Lesen, zum Singen, zum 
Briefschreiben an die Eltern, zum Ordnen der eingesammelten Pflanzen oder 
Thiere. Das Stadtkind hat ausser dem lärmenden Treiben in den Strassen 


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40 


Dr. G. Varrentrapp, 

der Stadt gar oft recht wenig von der Pracht der Landschaft, von der Herr¬ 
lichkeit eines Morgens, Mittags oder Abends in Gottes freier Natur, von der 
Mannigfaltigkeit und verschiedenartigen Bedeutung von Thier und Pflanze 
mit Aufmerksamkeit beobachtet oder überhaupt nur gesehen. Wird solchem 
Kinde nun seiner Auffassungs- und Urteilsfähigkeit entsprechend, der Sinn 
und das Verständniss für alle diese neuen Eindrücke durch den Lehrer 
eröffnet, so geht neben der körperlichen Kräftigung eine Erschliessung 
neuen geistigen Lebens vor sich, wie sie in den Schulzimmern der Stadt 
nicht in gleichem Maasse möglich war» Nicht zu übersehen sind die viel¬ 
fachen fortwährend dem Lehrer gebotenen Gelegenheiten, dem Kinde den 
Sinn für Folgsamkeit, für Verträglichkeit mit den Kameraden, für Höflich¬ 
keit gegen Alle, für anständiges Betragen bei Tisch, im Zimmer und auf 
der Strasse, für Ordnung bei der Reinigung des Zirümers und der Kleidung, 
beim Herrichten der Betten beizubringen; so darf man wahrlich auch den 
Lehrer glücklich preisen, dem ein so Bchönes Arbeitsfeld mit so reicher 
Aussicht auf gesegneten Erfolg geboten wird. 

Die Auswahl des Ortes, wohin eine Ferienkolonie zu verbringen ist, 
verlangt grosse Sorgfalt. Er darf nicht zu nahe der Stadt gelegen sein, 
weil der Verkehr mit den Eltern möglichst zu beschränken ist, auch nicht 
zu ferne, wegen der unnöthigen Vermehrung der Kosten, nicht in einer 
eigentlichen Touristengegend, möglichst hoch, in der Nähe von Wald. So¬ 
dann muss er die Sicherheit bieten, gute Kost im Allgemeinen, namentlich 
frisches Fleisch und Milch jederzeit geboten zu bekommen. Das auszu¬ 
wählende Haus muss eine gesunde, freie Lage haben, helle, grosse luftige 
Zimmer, namentlich Schlafräume besitzen; in dieser Hinsicht darf man sich 
auf blosses Ansehen der Räume nicht beschränken, sondern muss sie aus¬ 
messen; an Schlafraum ist für jedes Kind als Minimum wohl 10 cbm zu 
fordern. Ein getrenntes anstossendes Zimmer für den Lehrer ist wünschens¬ 
wert, ebenso ein grosses Zimmer zum Aufenthalt bei ungünstiger Witte¬ 
rung, eine offene Halle, eine Kegelbahn oder dergleichen. Solche Räume 
werden sich finden in Gasthöfen, wo mehr Landwirtschaft als Gastwirt¬ 
schaft betrieben wird, oder in Schulhäusern, Gemeindehäusern, wie solche 
an mehreren Orten von den Behörden auf einige Wochen freundlichst zur, 
Verfügung gestellt worden sind. Es ist uns in Frankfurt nicht schwer ge¬ 
worden die geeigneten Oertlichkeiten zu finden. 

Für die Kinder ist mindestens 5- bis 6mal wöchentlich frisches Fleisch 
zum Mittagessen zu verlangen, Morgens und Abends Milch nach Bedarf 
mit Brot, um 10 und 4 Uhr abermals Brot. Morgens ist für einzelne 
Fälle Kaffee statt der Milch vorzubehalten, Abends statt der Milch auch 
Suppe, Salat und dergleichen, Mittags öfter Gemüse. Wir haben es sehr 
nützlich befunden, alle Punkte, auch ausser der Kost, möglichst genau durch 
schriftlichen Vertrag festzusetzen. Wir haben die Befriedigung gehabt, 
unsere Verträge und die mit den Lehrern, wie auch die Eintragslisten der 
einer ärztlichen Prüfung zu unterwerfenden Kinder sammt ihren verschie¬ 
denen Rubriken an anderen Orten angenommen zu sehen. 

Neben der Einrichtung eigentlicher Kolonien, wo eine grössere An¬ 
zahl von Kindern einem Lehrer zu steter Beaufsichtigung und bei dessen 
voller Verantwortlichkeit für die Verpflegung wie für körperliche und gei- 


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Ueber die bisherigen Ergebnisse der Ferienkolonien. 41 

stige Beschäftigung unterstellt werden t hat sich eine etwas verschiedene 
Methode der körperlichen Pflege der Schuljugend auf dem Lande ausgebil¬ 
det. Sie geht namentlich von Dänemark aus. Dort hat man seit einigen 
Jahrzehnten eine stets wachsende Zahl von Schulkindern bei rechtschaffenen 
kleinen Landwirthen für einige Wochen untergebracht. Meist kommen nur 
einige Kinder * in der Regel zwei* in eine Familie, in welcher sie wie 
Familienglieder aufgenommen und wie solche verpflegt und behandelt, auch 
etwas zur Mithülfe bei den häuslichen oder landwirtschaftlichen Arbeiten 
herangezogen werden. In der Regel wird eine kleine Vergütung geleistet, 
gar manche aber werden auch bei wohlhabenderen Gutsbesitzern unentgelt¬ 
lich aufgenommen. Da die Eisenbahnen und die Dampfschiffe die Kinder 
anentgeltlich befördern und die Tagesblätter alle Veröffentlichungen Unent¬ 
geltlich in ihre Spalten aufnehmen, so sind die Kosten äusserst geringfügig. 
Diese Unternehmung ist von wahrhaft nationalem Interesse getragen; in 
den letzten Jahren wurden in Dänemark jährlich etwa 7000 Kinder auf 
diese Weise für einige Wochen versorgt. 

In Deutschland hat zuerst Hamburg (und zwar „der Wohlthätige 
Schulverein“) diesen Weg eingeschlagen. Im Jahre 1876 bemühte er sich 
zuerst, einige rechtschaffene wohlgesinnte Landleute in der Nähe von &am- 
bnrg anzuregen, je 2 bis 3 arme kränkliche Schulkinder für einige Wochen 
in ihre Familien aufzunehmen; es geschah dies in den Jahren 1876 bis 1881 
mit je 7, 11, 12, 19* 14 und 11 Kindern. Da man mit dem Erfolg zufrie¬ 
den war, suchte man das Werk in der Richtung auszudehnen, dass geeignete 
Landwirthe öffentlich aufgefordert wurden, sich zur Aufnahme solcher Kin¬ 
der in ihren Familien gegen mässige Entschädigung (es scheint 10 bis 15 Mk. 
für 2 bis 3 Wochen) zu melden; Geistliche, Lehrer, andere Beamte und 
sonst geeignete Personen ertheilten willig Rath bei Auswahl der zweckent¬ 
sprechenden Familien und Oertlichkeiten ihres Heimathsortes und über¬ 
nahmen die häufige, fast tägliche Inspection der Kinder. Man sucht an 
demselben Orte womöglich 10 bis 15 solcher Familien aufzufinden, weil 
solchergestalt die Aufsicht durch die freiwilligen Inspectoren wesentlich 
erleichtert wird. In den letzten sechs Jahren sind auf diese Weise 700 Kin¬ 
der verpflegt worden (s. Tabelle I.). Dem Beispiel von Hamburg ist Bremen 
gefolgt,wo dies Werk besonders von Herrn Realschullehrer Reddersen so¬ 
wohl schriftstellerisch als praktisch trefflich gefördert worden ist. (S. Red- 
dersen’s Berichte, auch im Nordwest.) 

Etwas verschieden von der gewöhnlichen Einrichtung der Kolonien 
i*t Bern vorgegangen. Hier wurden grössere Kolonien bis zu 40 Kindern 
gebildet und diese nicht in Wirthshäusern, sondern in anderen grösseren 
Gebäuden untergebracht und verköstigt. ’ An der Spitze einer solchen Ko¬ 
lonie steht ein Lehrer (nebst seiner Frau) als Director, welcher die ganze 
Oberleitung und das Rechnungswesen besorgt, die Lieferungsvertrage mit 
Bäcker, Metzger und Milchhändler abschliesst, Reis, Maccaroni, Kartoffeln, 
Erbsen, Schmalz, das nöthige Hausgeräthe und Bettzeug herbeischafft und 
die Räumlichkeiten überwacht. Ihm zur Seite steht ein zweiter Lehrer, 
bei Mädchenkolonien eine Lehrerin, ferner ist ihm eine Köchin untergeord¬ 
net; letztere allein erhält eine Besoldung. Morgen- und Abendessen besteht 
aus Brot und Milch, das Mittagessen 4 Mal in der Woche aus Fleisch nebst 


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42 


Dr. G. Varrentrapp, 

1 oder 2 Gemüsen, 2 Mal ans kräftigem mit Eiern gekochtem Reisbrei 
nebst dürrem Obst, dabei täglich ans kräftiger Fleisch- oder Mehlsuppe, 
Samstag Erbssnppe mit Milch; Brot nach Verlangen. Eine Kolonie zählte im 
Jahre 1880 52 Mädchen, eine zweite 45 Knaben and 3 Mädchen, letztere 
um in der Küche und beim Flicken behülflich zu sein. Im Jahre 1881 
zählte die eine Kolonie 50 Knaben, die andere 48 Mädchen, die dritte 
32 Mädchen von 6 bis 15 Jahren und 16 Knaben von 6 bis 9 Jahren. 
Zum Unentgeltlichen Transport der Kinder boten sich hinreichend zahlreiche 
Fuhrherren an. 

Barmen hat nach einer anderen Seite hin die Sorge für kränkliche 
Schulkinder während der Ferien ausgedehnt. Diejenigen nämlich, welche 
weder in Soolbäder, noch in eigentliche Kolonien aufs Land versandt wer¬ 
den konnten , wurden in einer Schule (Turnhalle oder dergl.) versammelt 
und erhielten daselbst Morgens und Abends reichlich gute Milch und Brot, 
das Mittagessen nahmen sie zu Hause ein* vor und nach diesem machten 
sie unter der Aufsicht von Lehrern grössere Spaziergänge; Elberfeld sorgte 
durch solche Milchkur im Jahre 1881 für 130, im Jahre 1882 für 220 Kinder, 
Düsseldorf im Jahre 1881 für 20 Kinder unter Zufügung eines guten 
Mittagessens. Noch etwas weiter ging Posen mit seiner Stadtkolonie: Die 
um neun Uhr in der städtischen Turnhalle sich versammelnden Kinder erhiel¬ 
ten zum zweiten Frühstück Milch und Butterbrot, zu Mittag Suppe, Gemüse 
und Fleisch; dann wurden sie entlassen um zwischen 4 und 5 Uhr wieder zu 
kommen, zum Vesper abermals Milch und Butterbrot und zum Abendessen 
Milch und Butterbrot mit Käse, kaltem Aufschnitt oder Eiern zu erhalten. — 
Im Jahre 1882 hat Barmen in dem Soolbad Königsborn bei Unna ein eigenes 
Kinderkolonienheim erbaut und eingerichtet. 

Die erste Ferienkolonie ward 1876 durch Pfarrer Biron von Zürich 
aus eingerichtet. Für Deutschland ward die erste von Frankfurt aus ins 
Werk gesetzt. Da durch die vielfach versandten Frankfurter Jahresberichte 
die Sache rasch allgemein bekannt wurde, verbreitete sich diese Einrichtung 
sehr schnell über eine grosse Anzahl deutscher Städte: 1879 folgten dem 
Vorgänge Frankfurts Dresden, Stuttgart, Wien, — 1880 Barmen, Köln, 
Leipzig, — 1881 Breslau, Chemnitz, Düsseldorf, Elberfeld, Hannover, 
Karlsruhe, Kiel, Königsberg* Lübeck, Magdeburg, Nürnberg und Posen. 
In demselben Jahre folgte auch Mailand. — Von' Hamburg wurden im 
Jahre 1875 sieben arme Kinder bei unentgeltlicher Aufnahme zu Bauers¬ 
familien in der Nachbarschaft von Hamburg geschickt, wie oben erwähnt; 
in den letzten Jahren ward die Zahl der ausgesandten Kinder bedeutend 
vermehrt; mit sehr geringen Ausnahmen ward ein kleines Kostgeld bezahlt. 
Bremen folgte 1880 dem Hamburger Beispiel. — In der Schweiz folgten 
dem Vorgang von Zürich 1878 Basel, 1879 Aarau und Bern, 1880 Genf 
und 1881 Neufchatel und Winterthur. 

Hamburg hat wie Zürich die Kinder anfangs für 14 Tage hinaus¬ 
gesandt, in den letzten Jahren, ebenfalls wie Zürich für drei Wochen; letz¬ 
tere Zeitdauer ward auch von Dresden, Leipzig, Magdeburg und Nürnberg 
angenommen, von den anderen Städten ward eine Ferienzeit von 23 bis 
29 Tagen gewählt. 


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Ueber die bisherigen Ergebnisse der Ferienkolonien. 


43 


Tabelle I. Ferienkolonien* 



Jahre 

Knaben 

Mäd¬ 

chen 

Summa 

in Kolo¬ 
nien 

... 

für 

Tage 

Barmen . . . 






K: I 

7 

17 

24 


2 

25 

» • • • 



* 




51 

64 

115 


9 

25 

Berlin . . . 






m\ 

50 

59 

109 


8 

27 

9 * * * 

i 





I 

87 

141 

228 


16 

27 

Braunschweig 

t 





M J 

22 

20 

42 


2 

27 

Bremen . . * 

« 






12 

12 

24 



24 

• « • . 







56 

63 

119 



24 

Breslau . . « 

4 





1881 

45 

53 

98 


8 

25 

Chemnitz . . 

4 





1881 

15 

23 

38 


3 

28 

Dresden. . « 






1879 

40 

36 

76 


6 

20 

» • • • 







75 

77 

152 


io 

20 

■» • • * 

• 






99 

in 

210 


14 

21 

Düsseldorf. . 






1881 

37 

60 

9 1 


6 

25 

Elberfeld . * 






1881 




75 

— 

21 bis 28 

Frankfurt . . 






1878 

97 

— 

97 


8 

25 

n • • 






1879 

85 

48 

133 


11 

n 

n 4 • 






1880 

89 

76 

165 


13 

a 

» 4 • 






1881 

89 

90 

179 


15 

n 

Hamburg . . 

4 





1876 

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14 

• • 






1877 

4 

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1878 

15 

29 

44 

STS 12 


14 

» • • 






1879 

41 

69 

110 

19 

OB fl 1 


14 

» • • 

4 





1880 

94 

114 

208 

§2 14 


21 

» • • 






1881 

159 

203 

362 

11 


21 

Hannover . . 






1881 

55 

60 

115 


6 

29 

Karlsruhe . . 


4 


4 

4 

1881 

20 

12 

32 


3 

23 

Kiel. «... 






1881 

20 


20 


1 

20 

Köln . « . . 




• 


1880 

26 

34 

60 


5 

27 

« • • * • 






1881 

61 

59 

120 


6 

28 

Königsberg < 




4 


1881 

17 

42 

59 


5 

27 

Leipzig * . . 




• 


1880 

66 

64 

130 


8 

21 

i» • • • 






1881 

79 

100 

179 


11 

21 

Lübeck . « . 



• 



1881 

12 

20 

32 


3 

28 

Magdeburg . 



4 

l 

4 

1881 

33 

32 

65 


6 

21 

Nürnberg . . 



* 


4 

1881 

46 

14 

60 


5 

21 

Posen.... 






1881 

21 

3Ö 

51 


1 

26 

Stuttgart . . 

« 




. 

1879 

44 

11 

55 


5 

25 

» • • 





4 

mm 

55 

45 

100 


9 

n 

f> • • 

4 




• 

H9 

56 

45 

101 


9 

n 

Wien .... 

• 

4 



4 

Kga 

20 

— 

20 




n • • • • 





. 

H 

20 

23 

43 




9 .... 





* 

m 

22 

38 

60 











1942 

2004 

3946 

149 













4095 




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44 


Dr. G. Yarrentrapp, 


Tabelle I (Fortsetzung). Ausserdeutsche Ferienkolonien. 



Jahre 

Knaben 

Mäd¬ 

chen 

Summa 

in Kolo¬ 
nien 

für 

Tage 

Aarau . ; 






1879 



30 

1 

___ 

» • • 

. i 





1880 

15 

14 

29 

1 

— 

TI • • 






1881 

10 

21 

31 

1 

20 

Basel . . . 






1878 

73 

73 

146 

12 

14 

» . • * 






1879 

86 

88 

174 

14 

n 

» • • • 




* 


1880 

92 

96 

188 

15 

i) 

n • • * 






1881 

112 

99 

211 

18 

» 

Bern . . . 






1879 

13 

31 

44 

1 

20 

i» ... 



i 



1880 

45 

55 

100 

2 

n 

n • • . 






1881 

66 

80 

146 

3 

n 

Genf . . . 

; • 





1880 

— 

27 

27 


22 

» ... 

• • 





1881 

26 

57 

83 

4 

22 

Nenfchatel 

4 • 





1881 

16 

14 

30 



Winterthur 






1881 

51 

62 

113 

4 

19 

Zürich . * 

t i 





1870 

34 

34 

68 

5 (10) 

14 

» • • 

• i 





1877 

39 

55 

94 

3 (13) 

» 

n « * 

; . 





EU 

43 

53 

96 

4 (12) 

n 

» • * 

• ; 





R 

48 

66 

114 

5 (15) 

*20 

■ • • 

; . 





ESI 

45 

71 

110 

4 (15) 

21 

» • • 

• • 

i 




iü 

57 

90 

147 20 *) 

5 (16) 

19 

Süinina 

. 




871 

1086 

1957 50 










l 


2007 



Mailand. ; 

; • 

• 

• 


• 

1881 

60 

— 

60 

2 

30 


Die Kosten dieser Unternehmungen sind sehr verschieden* Für die 
18 deutschen Städte, welche eigentliche Kolonien aussenden und für welche 
hinlänglich klare Mittheilungen vorliegen, schwanken die täglichen Kosten 
für je ein Kind (sämmtliche Kosten, auch Unterhalt und Öonorar des Lehrer¬ 
personals, Anschaffung der Bettung, Transport u. 8. w. mitgerechnet) zwi¬ 
schen 1*30 und 2*90 Mk. und betragen im Durchschnitt ettea 2 Mk.; sie 
werden sich in einigen Jahren zweifellos um etwas geringer stellen, da ein¬ 
zelne Posten, wie namentlich Anschaffung der Bettung* wegfallen oder doch 
wesentlich sich verringern werden. In Hamburg betrugen die Kosten nur 
0*30 bis 1*03 Mk., in Bern 1*10 bis 1*30 Frcs., in Genf 1*95 bis 2*55 Frcs.; 
in Mailand 2*28 L. 


*) Zwanzig zahlende Kinder, deren Geschlecht in dem betreffenden Berichte nicht an¬ 
gegeben ist. 


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Ueber die bisherigen Ergebnisse der Ferienkolonien. 45 


Tabelle II. Kosten. 





pr. 

Tag 

Tage 

Berlin . . . 

m 9 





1880 

62*57 Mk. 

2*31 

Mk. 

27 

9 • • • 

. . 





1881 

51*54 

» 

1*90 

n 

27 

Braun schweig . 





1881 

48*27 

» 

1*79 

B 

27 

Bremen . . 

. . 

• 




1880 






B • • 






1881 

19*20 

» 

0*80 

B 


Breslan . . 






1881 

39*68 

n 

1*58 

B 

25 

Chemnitz 






1881 

53*20 

n 

1*89 

B 

28 

Dresden . . 






1879 

52*80 

n 

2*64 

8 

20 

> • 

• f 





1880 

47*25 

b 

2*36 

B 

20 

* • • 






1881 

44*12 

» 

2*10 

B 

21 

Düsseldorf . 

• • 





1881 

53*74 

B 

2*15 

B 

25 

Frankfurt a. 

M. 





1878 

55*24 

8 

2*21 

B 

25 

■ 






1879 

57*27 

n 

2*29 

B 

25 

» 






1880 

53*73 

n 

2*15 

B 

25 

» • 

• t 





1881 

54*65 

Ml 

2*18 

B 

25 

Hamburg 

• • 








0*31—1 

•03 M. 


Hannover . 

t • 





1881 

37*00 

n 

1*30 Mk. 

29 

Karlsruhe . 

• T 





1881 

66*80 

n 

2*90 

B 

23 

Kiel .... 






1881 

48*00 

n 

2*40 

B 

20 

Köln . . . 

• • 





1880 

62*09 

b 

2 33 

8 

27 

■ ... 

• f 





1881 

54*65 

B 

1*96 

B 

28 

Königsberg 

» • 





1881 

48*70 

n 

1*80 

n 

27 

Leipzig . , 

. , 





1880 

54*84 

» 

2*61 

B 

21 

« • • 

♦ • 





1881 

46*59 

B 

2*21 

n 

21 

Lübeck . . 

• • 





1881 

40*00 

B 




Magdeburg 


• 




1881 

52*08 

B 

2*48 

n 

21 

Nürnberg . 






1881 

43*12 

B 

2*05 

B 

21 

Posen . . . 

m • 





1881 

69*56 

n 

2*67 

B 

26 

Stuttgart 

t • 


i 



1879 

50*40 

B 

1*96 

B 

25 

* • 

• • 





1880 

47*13 

B 

1*88 

B 

25 

B • 






1881 

61*43 

n 

2*45 

• 

25 

Aarau . • , 






1881 

2*56 Frcs. 




Basel . . . 

• • 

f 





2*31 

n 




Bern . . . 

• • 

f 




1879 

1*20 

a 




B ... 

• • 

• 




1880 






B ... 



» 



1881 

1*10 

» 




Genf . . . 






1879 

2*55 

B 




B ... 






1880 

2*16 

B 




B • • • 






1881 

1*95 

n 




Winterthur 






1881 

1*88 





Zürich . . . 






1876 






B ... 






1877 






B ... 






1878 






a ••• 






1879 

2*29 

n 




» ... 






1880 

2*54 

„ 




B ... 






1881 

2*29 

n 




Mailand . . 

• • 





1881 

2*28 

Lire 





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46 


Dr. G. Varrentrapp, 

Von nicht nnwesentlichem Einfluss auf die Kosten ist auch das den 
Begleitern der Ferienkolonien (Lehrern und Lehrerinnen) gewährte Honorar. 
Es beträgt für die Dauer der Ferien 

120 Mk. in Köln und Frankfurt, 

100 „ „ Braun schweig und Nürnberg, 

90 „ „ Magdeburg, 

81 „ „ Berlin (3 Mk. täglich), 

75 „ n Düsseldorf, Hannover, Karlsruhe und Leipzig, 

63 n „ Dresden, 

60 „ ■ Kiel, 

50 „ „ Breslau, Königsberg und Stuttgart (in Stuttgart ausserdem 

1 Mk. täglich Zuschlag an den Lehrer zur Verköstigung), 

4 „ n Chemnitz (täglich, dagegen keine Kost), für die begleitende 

Frau 2 Mk. 

Die den Wirthen gezahlte Entschädigung für Verköstigung für Tag 
und Kind schwankt meist zwischen 1*20 Mk. und 1 Mk. (in Chemnitz belief 
sie sich 1881 auf 1*40 Mk., dagegen inpi Jahre 1882, wo man etwas weiter 
ins Gebirge hineinging, 1 Mk.). 


Wir besitzen jetzt mehr oder weniger eingehende Berichte aus 23 deut¬ 
schen Städten mit einer Erfahrung von 1 bis 6 Jahren; zusammen von 
42 Jahren. 


Städte ✓— 

Erfahrung 

zusammen von 

Knaben 

Mädchen 

unbest. 

Gesch). 

Kinder 

23 deutsche von 

1 bis 6 Jahren 

42 Jahren 

1942 

2004 

149 

4095 

7 schweizer „ 

1,6 , 

20 „ 

871 

1086 

50 

2007 

1 italienische „ 

1 

1 , 

60 

— 

— 

60 

31 

1 bis 6 

63 

2873 

3090 

199 

6162 


Die Beobachtungen an mehr als 6000 Kindern, nach gleicher Methode 
gemacht und aus den einzelnen Orten übereinstimmend lautend, dürften 
wohl bereits einen gültigen Schluss darüber gestatten, in wie weit das in 
Aussicht genommene Ziel erreicht worden ist. 

Der Zweck der ganzen Unternehmung war, wie gesagt, armen kränk¬ 
lichen Stadtkindern durch Aufenthalt in freier Luft, durch vermehrte Körper¬ 
bewegung und durch reichlichere kräftige Nahrung während der Sommer- 
ferien eine allgemeine Kräftigung ihres Körpers angedeihen zu lassen. Die 
Erfahrung hat diese Hoffnung in vollem Maasse bestätigt. Aus allen Kolo¬ 
nien wird übereinstimmend berichtet, dass die Kinder vortrefflichen Appetit 
und Schlaf hatten, an Frische ihres Aussehens und in ihrer Leistungs¬ 
fähigkeit zugenommen haben, so z. B. mehr oder weniger bald Spaziergänge 
von mehrstündiger Dauer mitmachen konnten, während sie in den ersten 
Tagen schon nach einer Stunde, einzelne selbst nach einer wesentlich kür¬ 
zeren Zeit völlig ermüdet waren. Man musste suchen, dieser Kräftezunahme 
statt eines allgemeineren, immerhin mehr oder weniger subjectiven Urtheils 
einen präciseren Maassstab angedeihen zu lassen. Demgemäss hat man 
zuerst in Frankfurt das Körpergewicht der nach Geschlecht und Jahrgängen 


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Ueber die bisherigen Ergebnisse der Ferienkolonien. 47 

eingetheilten Kinder festgestellt, mit dem Normalgewicht anderer gleich¬ 
altriger Kinder verglichen und schliesslich das Gewicht der einzelnen Kinder 
bei der Rückkehr aus den Ferienkolonien dem Gewicht derselben bei dem 
Abmarsch gegenübergestellt. Es ergab sich hierbei alsbald die sehr erfreu¬ 
liche Thatsache, dass die Kinder in ihrer grossen Mehrzahl, je nach deren 
Alter verschieden, eine ansehnliche Zunahme ihres Körpergewichts erfahren 
batten, eine Zunahme, welche die normale Zunahme gleichaltriger in ihrer 
Entwickelung nicht zurückgebliebener Kinder um das vier- bis achtfache 
übertraf. Diese Erfahrung hat um so mehr Werth, als fast alle Kolonien 
die Beobachtungsmethode der Frankfurter Kolonien bis in die Einzelheiten 
genau nachahmten, das gemeinsame Resultat demnach ein sehr gut verwert¬ 
bares und werthvolles ist. Es drängte sich dabei aber die Frage auf, 
ob diese Körpergewichtszueahme wirklich der Ausdruck einer bleibenden 
Kräftigung sei oder etwa nur das Ergebniss einer vermehrten, kaum nützlich 
verwerteten Anhäufung von Nahrungsstoffen darstelle, welche dem Körper 
in ungewohnter Menge zugeführt worden waren. Um dies zu prüfen, 
nahmen wir vier Wochen nach der Rückkehr eine dritte, und abermals vier 
Wochen später eine vierte Wägung der Kinder vor. Diesem unserem Vor¬ 
gang folgten zu unserer grossen Genugtuung sehr viele der anderen Kolo¬ 
nien, ja Breslau nahm noch nach V? Jahre eine abermalige Prüfung vor. 
Es ergab sich bei diesen Untersuchungen sehr übereinstimmend eine weitere 
Erfahrung, dass nämlich allerdings während der ersten vier Wochen nach 
der Rückkehr in die früheren Ernährungs- und sonstigen Lebensverhältnisse 
die Zunahme langsamer voranschritt, ja manchmal selbst ein kleiner Rück¬ 
gang sich zeigte, dass aber von dem dritten Monate an bei fast ausnahms¬ 
los allen Kindern eine weitere und wiederum raschere Zunahme Platz griff. 

Die Zunahme während der Ferienzeit (Tabelle III, S. 48) überstieg in 
drei deutschen Kolonien (jedesmal den Durchschnitt einer Kolonie genommen) 
2 kg, betrug nämlich in Düsseldorf 2*12, in Barmen 2*25, ja in Köln 4*69 kg. 
Von den übrigen Kolonien ward die geringste Zunahme einmal mit 0*62, 
einmal mit 0,79, dreimal mit 0,93 bis 0,98 kg beobachtet, einundvierzigmal 
schwankte sie zwischen 1 und 2 kg; — im grossen Durchschnitt betrug sie 
bei den Knaben 1*31, bei den Mädchen 1*48 kg oder mit Einschluss von 
Köln 1*43 und 1*63 kg. Sehr interessant ist die in Posen gemachte Er¬ 
fahrung. Dort nahmen nämlich die 44 auf das Land geschickten Kinder je 
um 1*94 kg, die 16 in der Stadtkolonie (äusserst reichlich) verköstigten 
Kinder je um 1*47 kg zu. Die Zahl der Kinder ist allerdings noch zu 
gering, um einen feststehenden Schluss zu gestatten. Jedenfalls lenkt aber 
der angegebene Unterschied unsere Aufmerksamkeit darauf, weiter zu be¬ 
achten, ob wirklich als Resultat sich ergäbe, dass bei der Körpergewichts- 
zunahme nicht die reichlichere und bessere Kost allein, sondern auch und 
vielleicht in noch grösserem Maasse die Versetzung in eine bessere Luft bei 
Tag und bei Nacht von günstigem Einfluss sei. — Es scheint mir bis jetzt 
unaufgeklärt, worin die viel grössere Gewichtszunahme in den drei nieder¬ 
rheinischen Kolonien bedingt ist. 

Die Gewichtszunahme in den schweizer Kolonien ist um etwas geringer, 
was wohl hinreichende Erklärung darin findet, dass der Ferienaufenthalt 
kürzer war als in den deutschen. 


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48 


Dr. G. Varrentrapp, 


Tabelle III % Gewichtszunahme bia zum Schluss der Ferien. 




— 









durchschnittlich 
in Kilogrammen 

Minimum bis Maximum 




a 

s 

CS 


fl 

CS 

Bemerkungen 



i 


s 

O) 


c 





y 

52 


o 





a 

3 

c 

0 

1 3 

q 

3 






CO 


s 

CO 


Bannen. 

1881 

_ 

_ 

2*25 

_ 

_ 

0—5*25 


Berlin. 

1880 

— 

— 

1*75 

— 

— 

0—3 


. 

1881 

— 

— 

1*80 

— 

— - 

— 


Braunschweig . . 

1881 

— 

: 

—r 

o 

T 

to 

0*5—4 

— 


Breslau. 

1881 

1*75 

1*32 

— 

_ 

_ 

_ 

Gewicht noch 









V* Jahr gut. 

Chemnit?. 

1881 

1*22 

1*50 

— 

0*4—2*5 

0*5—2*8 

—r 


Dresden. 

1870 

1*94 

1*40 

— 

— 

— 

— 



1880 

T38 

1*57 

_ 

0*3 

0*5—4*4 

_ 

3 Monat nach Ab- 









(lang: Knab. 1'77, 
Mädchen O’Oß kg 









Zunahme. 

. 

1881 

1*24 

1*50 

— 

— 

— 

— 


Düsseldorf .... 

1881 

— 


2*12 

— 

— 

0—5 


Elberfeld. 

1881 

1*22 

1*74 

— 

0 *2—3*2 

0*5—3*5 

— 


Frankfurt. 

1878 

1-03 

— 

1*03 

— 

— 

— 


.... 

1870 

098 

0*62 

0*83 

— 

— 

— 


. . . 

1880 

1*44 

1*34 

1*40 

— 

— 

-r- 


. 

1881 

1-32 

P51 

1*42 

— 

— 

— 


Hamburg. 

1881 

0*93 

1*18 

— 

— 

— 

0—4*5 


Hannover. 

1881 

1*26 

1*54 

— 

— , 

— 

— 


Karlsruhe. 

1881 

1*82 

1*91 


0*7—3*0 

1 *8—3*2 

— 

Weitere Zunahme 
nach 8 Monaten: 
Knaben 20: Mäd¬ 









chen 2*7 kg. 

Kiel. 

1881 

1*44 

— 

— 

0*15—3*56 

— 

O-lfi—3*56 


Köln. 

1880 

4-26 

5*14 

— 

0*7—3*5 

0*5—5 

— 


V *••••••• 

1881 

— 


—. 

0*5—4*5 

1*5—5*5 

— 


Königsberg .... 

1881 

0*79 

0*98 

— 

— 

— 

— 


Leipzig. 

1880 

1*29 

1*24 

— 

— 

— 

— 


„ . 

1881 

— 

— 

— 

— 

— 

0—2*5 


Lübeck. 

1881 

1*94 

1*90 

— 

— 

— 

— 


Magdeburg .... 

1881 

0*93! 

1*62 

— 

0—2*1 

0*3—3.0 

— 

Nach 8 Monaten: 
Knab. T16; Mild- 









chen 0*73. 

Nürnberg . 

1881 

1-48 

1*34 

— 

— 

— 

0*5—3*5 


Posen . 

1881! 

1-85| 

1*85 

1*85 


— 

— 


Stuttgart . 

1879 

1*00 

1*53 

1*22 

— 

— 

0*5—5 


9 • • • • • 

1880 

1*41 

1*73 

1*5 

— 

— 

— 



1881 

1*30 

2*00 

1*6 

— 

— 

— 


Wien. 

1879 

—. 

— 

— 

— 

— 

0*1 —2*2 


n 

1880 

1-20 

1*30 

— 

0—2*2 

0—4*3 

— 


9 ••••••• 

1881 

1*37 

1*88 

— 

0*2—3*7 

0*5—4*6 

— 


Basel. 

1878 

—- 

-; 

1*25 

— 

— 

— 


» •••••••• 

1870, 

— 

— 

(2-3.72 o/o) 

— 

— 

0*65—2 



1881 

— 

— 

— 

— 

— 

0*5—1 


Bern. 

1880 

1*56 

1*4 

1*47 

rr- 

— 

0*2—3*7 


n . 

1881 

— 

— 

1*58 

— 

— 

— 


Genf. 

1881 

1*72 

0*93 

— 

— 

— 

— 


Winterthur .... 

1881 

1*03 

1*30 

1*17 

0—3*0 

0—3*0 

0*0—0*3 


Zürich. 

1879 

— 

— 

0*70 

— 

— 

0*5—3*5 


» . . . 

1880 

— 

— 

1*00 

— 

— 

0*5—3*5 


n . 

1881 

— 

— 

1*10 

— 

— 

0*0—3*0 


Mailand. 

1881 

— 

— 

— 

0*5—4*5 

— 

0*5—4*5 



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Ueber die bisherigen Ergebnisse der Ferienkolonien. 49 

Eine Anzahl der deutschen Kolonien begann später auch das Längen- 
wachsthum der Kinder in Betracht zu ziehen. Es liegen hierüber aber 
aus weniger Kolonien und für weniger Jahre Beobachtungen vor, überdies 
ftbereteigt das Wachsthum während drei Monaten kaum 2 cm, eine bestimmte 
Erfahrung liegt sonach hierüber bis jetzt nicht vor. 

Einige Kolonien haben auch den Brustumfang und die Lungen- 
eapacität in den Bereich ihrer Beobachtungen gezogen. Es scheint bis jetzt 
noch fraglich, ob bei der Schwierigkeit, bei darin ungeübten Kindern ein 
genaues Ergebniss zu erhalten, die hierauf verwendete Mühe sich wirklich 
lohnt und wahrhaft zuverlässige Ergebnisse liefert. Mailand hat neuer¬ 
dings noch eine Prüfung der Muskelkraft hinzugefügt. 

Gehen wir nun zu den übrigen Errungenschaften über, welche 
wir den Ferienkolonien verdanken, so ist, an das vorhergehend Gesagte 
anschliessend, zunächst zu erwähnen, dass selbst die das Wasser und zumal 
das kalte Wasser scheuenden Kinder gar rasch sich mit den kalten Ab¬ 
waschungen des Körpers befreunden und bald ein Bad im Bach oder Teich 
lieben lernen. Hierdurch wird ihr Sinn für Reinlichkeit des Körpers geweckt, 
hierdurch sowie durch das Bettmachen, das Reinigen der Kleider und der¬ 
gleichen auch der Sinn für Ordnung im Allgemeinen. Unter der steten 
Aufsicht und Leitung tüchtiger verständiger Lehrer und Lehrerinnen stellt 
sich gar bald an Stelle des anfangs noch vorherrschenden lauten, barschen, 
unfreundlichen Betragens ein bescheidenes, gesittetes Auftreten ein, Ver¬ 
träglichkeit unter einander, vielfältig eine dauernde Anhänglichkeit an den 
Lehrer. Nach der Rückkehr in die Schule wird vielfältig ein angeregteres 
Wesen, grösseres Interesse an dem Unterricht gerühmt. 

Wir dürfen demnach wohl heute schon als durch die Erfahrung satt¬ 
sam festgestellt aussprechen, dass die Ferienkolonien in körperlicher wie 
erziehlicher Beziehung die auf sie gesetzten Hoffnungen erfüllt haben. Es 
entledigt uns dies aber nicht der Pflicht, weiter zu prüfen, ob, was und wie 
an denselben je nach den örtlich gegebenen Verhältnissen zu ändern und 
zu bessern sei. 

Das allgemein den Ferienkolonien entgegengebrachte Interesse hat 
manche analoge, sehr anerkennenswerthe Bestrebungen hervorgerufen. Man 
hüte sich aber, Sachen, die recht gut neben einander bestehen können, zu 
vermengen oder gar einen Streit über relativ grössere Nützlichkeit dieser 
oder jener Art der Einrichtung hervorzurufen. Nicht zu bestreiten ist der 
vielfältige Nutzen der Sool- und der Seebäder. Bei Skrofulöse und etlichen 
anderen Krankheiten ist ihnen ein Erfolg fast gesichert, den es sehr ver¬ 
kehrt wäre von Ferienkolonien zu erwarten. Deshalb aber brauchen letztere 
nicht in ersteren aufzugehen; nicht jedem Kind ist die See zugänglich, für 
gar manches Kind ist ein Soolbad nicht erforderlich. 

Von Anderen wird das erziehliche Moment in den Vordergrund 
gestellt, der sanitäre Gesichtspunkt habe zurückzutreten. Wir sagen da¬ 
gegen: Für die „Ferienkolonien“ ist die wichtigste Rücksicht die auf 
Kräftigung der körperlichen Gesundheit; wegen ihr ist in Zürich wie in 
Frankfurt, von dem Geistlichen wie von dem Arzt, das Institut der Ferien¬ 
kolonien ins Leben gerufen worden. Diese Rücksicht braucht aber nicht 
im mindesten die erziehliche Fürsorge in den Hintergrund zu drängen, wie 

Vierteljahmchrlft für Getundhrntspflege, 1883. 4 


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50 


Dr. G. Varrentrapp, 

wir dies auch in sämmtlichen Berichten über die Frankfurter Ferienkolonien, 
von dem ersten Bericht an, stets betont haben. Wo aber das erziehliche 
Moment einseitig in die erste Reihe gedrängt wird, weil es überhaupt für 
manche Kinder wichtiger ist, ihrem Betragen, ihrer ganzen Sinnesart helfend 
und umändernd unter die Arme zu greifen, da wird es wahrscheinlich sehr 
fraglich werden, ob die Form der Ferienkolonien überhaupt noch beizu¬ 
behalten ist. 

Ein ganz unmotivirter Streit scheint uns ferner der zu sein, welcher 
von einigen Freunden der Unterbringung von je ganz wenigen Kindern in 
einzelnen Familien auf dem Laude gegen die gewöhnliche Art der Ferien¬ 
kolonien erhoben worden ist. Wer in mässiger Entfernung von der Stadt 
Gelegenheit findet, in dazu geeigneten Familien grösserer oder kleinerer 
Grundbesitzer unter entsprechender Ueberwachung Kinder unterzubringen, 
der wird sehr wohl daran thun, bei dieser Art des Vorgehens zu verharren 
und sie allmälig immer besser auszubilden. Aber man suche sie nicht da¬ 
durch zu fordern, dass man seinen Scharfsinn anstrengt, nachzuweisen, sie 
sei die vorzüglichere, ja die einzig richtige. Jedenfalls verdient diese Methode 
die grösste Beachtung schon deshalb, weil das Kind etwa halb so viele 
Kosten veranlassen wird, man also der doppelten Zahl von Kindern die 
gleiche Wohlthat zu Theil werden lassen kann. Diesen Punkt halte man fest 
im Auge und von ihm aus möge auch allerwärts sonst ernstliche Umschau ge¬ 
halten werden, ob nicht in genügender Zahl geeignete Bauernfamilien aufgefun¬ 
den werden können, welchen man zwei bis drei Kinder mit vollem Vertrauen 
für einige Wochen übergeben kann. Wo ein ansehnlicher Stock selbststän¬ 
diger kleinerer oder grösserer Grundbesitzer besteht, mögen die richtigen 
Familien unschwer zu finden sein; wo aber die Ortschaften in der Nähe 
grösserer Städte wesentlich die Wohnorte der Arbeiterbevölkerung sind, 
welche täglich ihrem Broterwerb in der Stadt nachgeht, da liegen die Ver¬ 
hältnisse anders. Bei der übertriebenen Hervorhebung der Farailienver- 
sorgung scheinen zwei wesentliche irrthümliche Ansichten obzuwalten: 
1) als ob alle Familien, welchen die für die Ferienkolonien bestimmten Kin¬ 
der entnommen werden, ganz ungeordnete Familien Verhältnisse hätten und 
nach keiner Richtung hin ein erträgliches Heim böten und 2) als ob die 
Familien der Dorfbewohner an und für sich schon das ideale Bild eines ein¬ 
fachen, sittsamen, arbeitsamen, stillgenügsamen Lebens lieferten. Ausnah¬ 
men giebt es nach beiden Seiten. Andererseits unterschätze man auch nicht 
den gesegneten Einfluss, den unendlichen Werth eines intelligenten Lehrers, 
der in vier Wochen zumal in einer nicht zu zahlreichen Kolonie in erzieh¬ 
licher Beziehung viel mehr leisten kann, als eine Bauernfamilie, welche 
dem Ferienkinde stets nur eine zeitlich recht beschränkte Aufmerksamkeit 
widmen kann; ausserdem übersehe man nicht, dass in einer Kolonie die 
gleichfalls gut beaufsichtigten und geleiteten Kameraden ein weiteres treff¬ 
liches Mittel der Erziehung abgeben. — Diese Fragen finden sich übrigens 
bereits in den Protokollen der Berliner Ferienkolonien-Conferenz vom No¬ 
vember 1881 eingehend behandelt und scharf und gut betont in dem Bericht 
des Hamburger wohlthätigen Schul Vereins für 1881. Das beste für das 
Familien System zu sagende findet sich wohl in verschiedenen Aufsätzen 
Reddersen’s in der Wochenschrift Nordwest. 


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Ueber die bisherigen Ergebnisse der Ferienkolonien. 51 

Eine besondere Beachtung verdient jedenfalls der Vorgang von Bern. 
Man hat sich daselbst bemüht, die Vorth eile directer Beaufsichtigung der 
Kinder durch tüchtige Lehrer mit der möglichst wohlfeilen Verköstigungs- 
weise zu vereinen. Es scheint nach dem oben Mitgetheilten, das sich in 
den Berner Berichten ausführlicher dargelegt findet, grösstentheils gelungen 
zu Bein. Fraglich bleibt allerdings, ob man auch anderwärts geeignete 
grosse Locale, Lehrer, die zu solcher ökonomischen Direction geeignet sind, 
und die allgemeine Theilnabme finden wird, welche die nöthige Zahl von 
Besitzern von Fuhrwerken veranlasste, letztere unentgeltlich zur Verfügung 
zu stellen, und von Landwirthen, Bäckern, Metzgern u. s. w., welche reich¬ 
liche Gaben an Frucht, Kartoffeln, Fleisch, Brot u. s. w. spendeten. 

Man sieht, es gilt die durch die Erfahrung bereits sanctionirten Ferien¬ 
kolonien nicht nur auf eine grössere Anzahl von Städten und von Kindern 
auszudehnen, sondern auch in deren innerer Einrichtung vieles noch zu 
ergründen und zu verbessern. 

Meine Herren! Ich habe Ihnen hiermit Bericht erstattet nicht über 
etwas neues oder gar eine neue Entdeckung, wohl aber die bisher nur zer¬ 
streut und nur in Deutschland und der Schweiz theilweise bekannt geworde¬ 
nen Erfahrungen einer Einrichtung zusammengestellt, die sehr wohl weitere 
Verbreitung verdient und die so ziemlich allerwärts nachgeahmt werden 
kann. Möchten Sie Alle im kommenden Winter an Ihrem Hei mathsorte 
mit Ihren näheren, Freunden die Vorbereitung zu einer solchen Ferienkolo¬ 
nie treffen. Sie werden in dem den verpflegten Kindern gewährten Segen 
eine grosse Befriedigung finden bei Verhältnissesässig geringer Mühe. 


Nachtrag. 

Ich erlaube mir hier noch einen Punkt zur Sprache zu bringen, der 
zu richtiger Beurtheilung der Ergebnisse der Ferienkolonien von Einfluss 
ist. Zu solcher Beurtheilung ist nicht nur ein Vergleich des Körpergewichts 
und der Körpergrösse der in die Ferienkolonien versandten Kinder vor und 
nach der Ferienzeit erforderlich, sondern auch ein Vergleich dieser Kinder 
mit den gleichaltrigen Kindern der Bevölkerung überhaupt. Ich legte 
diesem letzteren Vergleich die von Quetelet schon vor etlichen Jahrzehnten 
gelieferten Tabellen *) als die bekanntesten zu Grunde. Sie beruhen aber 
auf verbältniBsmässig wenigen Zahlen, deren Grösse nur theilweise genau an¬ 
gegeben ist; sie haben also ihren hauptsächlichen Werth darin, dass sie von 
einem hervorragenden Statistiker herrühren und jedenfalls mit Verständnis 
ausgewählt worden sind. Ueberdies theilt Quetelet verschiedene Tabellen 
mit, ohne dass genau zu unterscheiden wäre, worin die Ursache des Unter¬ 
schiedes liegt, jedenfalls wie weit der angegebene Grund des Unterschiedes 
zur Geltung gelangt. Bei den vier nachstehenden Tabellen IV, V, VI und 
VII ist nämlich die erste der Colonnen von Quetelet’s Angaben, der S. 84 
und 85 seines Werkes entnommen, zumeist aus directer Beobachtung her- 


x ) A. Quetelet, Sur l’homme et de d6?eloppement de ses facultas ou essai de phy- 
aique sociale, 2 vols, Bruxelles, 8., 1835. 


4* 


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r>2 


Dr. G. Varrentrapp, 

vorgegangen, die zweite der Colonnen aber, der S. 87 entsprechend, ist da¬ 
durch construirt, dass ein gleichbleibendes Verhältnis zwischen Grösse und 
Gewicht gefunden und als Grundlage angenommen worden ist, um darauf 
hin nebst dem Abzüge eines allerdings mehr oder weniger willkürlich an¬ 
genommenen Gewichtes der Kleidung, diese zweite Tabelle zu construiren. 
Dabei ergiebt sich denn, dass die zweite Tabelle von S. 87 trotz des Ab¬ 
zuges der Kleidung doch für sehr viele Altersstufen eine geringere Grösse 
und ein geringeres Gewicht ergiebt als die Colonnen, welche den S. 84 
und 85 des Qu et eiet 9 sehen Werkes entnommen sind. 

Wir haben seitdem zahlreichere genau bezeichnete und unserer Kritik 
zugänglichere Zusammenstellungen erhalten. Die wichtigsten rühren von 
Dr. H. P. Bowditch her 1 ). Eine fernere wichtige Schrift verdanken wir 
dem englischen Arzte Charles Roberts 3 ). Endlich ist neuerlichst noch 
von Professor Beneke, dem unermüdlichen Forscher auf dem Gebiete der 
Anthropometrie, eine Zusammenstellung des Gewichts und der Körperlänge 
der männlichen und weiblichen Jugend veröffentlicht worden 3 ). 

Einige Worte über die wichtigsten Ergebnisse dieser Veröffentlichungen 
schicke ich hier einer Zusammenstellung derselben voraus. 

Bowditch liefert in dem erstgenannten Aufsatze auf Seite 313 bis 323 
Tabellen Über die Körperlänge und das Gewicht von 13 691 Schulknaben 
von 5 bis 18 Jahren und von 10 904 Schulmädchen derselben Altersstufen, 
sämmtlich den Schulen Bostons entnommen. Bis zum Alter von 11 oder 12 
Jahren sind die Knaben etwas grösser und schwerer als die Mädchen. In 
dieser Lebensperiode entwickeln sich die Mädchen sehr rasch und für die 
nächsten zwei Jahre übertreffen sie die Knaben an Grösse und Gewicht; 
sie haben mit dieser Zeit so ziemlich ihr volles Wachsthum erreicht. Von 
da an erwerben und behalten dagegen die Knaben das Uebergewicht über 
die Mädchen. (In Belgien stehen die Mädchen mit 12 Jahren den Knaben 
nur im Gewicht gleich, S. 283.) Die Kinder amerikanischer Eltern sind 
(in Boston) grösser und schwerer als die Kinder von auswärts geborenen 
Eltern, was theilweise durch die durchschnittlich günstigere sociale Lage 
der amerikanischen Familien, theilweise auch durch den Rassenunterschied 
bedingt zu sein scheint. Die amerikanischen Kinder in den höheren Schulen 
übertreffen, wahrscheinlich aus demselben Grund, die in den niederen 
Schulen. Die Kinder jener höheren Schulen sind im Ganzen grösser und 
namentlich schwerer als die englischen Knaben der nicht arbeitenden 
Classen. Das Verhältniss zwischen Gewicht und Grösse, welches einer sehr 
genauen Einzelabwägung unterzogen ist (S. 302 u. ff.), lehrt, dass Knaben 
unter 58 englischen Zoll = 147*9 Centimeter Körperlänge im Verhältniss 


*) The growth of children by H. P. Bowditch, M. D., professor of physiology, in 
dem 8. animal report of the state board of health of Massachusetts, 1877, p. 275 bis 323, mit 
vielen Tafeln. — H. P. Bowditch, The growth of children, a supplementary investigation, 
with snggestions in regard to methods of research, in dem 10. annual report, 1879, p. 33—62. 

3 ) Manual of anthropometry or a guide to the physical examination and measurement 
of human body, containing a systematic table of measurements, an anthropometrical chart 
or register, and instructions for making measurements on a uniform plan, illustrated by 
Itumerons diagrams, charts und Statistical tables. London, Churchill, 1878, 8., XXIV u. 113 S. 

8 ) Institute für Körpergewichtswägungen von F. W. Beneke, „Nordwest“, 1882, Nr. 12. 


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Ueber die bisherigen Ergebnisse der Ferienkolonien. 53 

za ihrer Grösse schwerer sind als die Mädchen. Das amgekehrte Verhält- 
nisß gilt bei einer Grösse von mehr als 58 Zoll (S. 307). (Deutsche Knaben 
sind im Yerhältniss zu ihrer Grösse schwerer als amerikanische (S. 304), 
oder vielleicht noch richtiger ausgedrückt: Deutsche Knaben sind bei 
gleichem Gewicht etwas kleiner von Statur.) Unter den untersuchten 
13 691 untersuchten Schulknaben und 10904 Schulmädchen finden sich 


Kinder von 

Kuaben Mädchen 

amerikanischen Eltern. 4327 3681 

irischen Eltern. 5235 3623 

amerikanischen und irischen Eltern . . 570 418 

deutschen Eltern. 752 585 

einem oder zwei englischen Eltern . . . 1061 979 


In der zweiten Arbeit untersucht Bowditch zunächst und wesentlich 
genauer den Unterschied der Rasse (zumal der amerikanischen und irischen) 
und der Wohlhabenheit, der arbeitenden und der nichtarbeitenden Classe, in¬ 
dem er diese wiederum nach Professional , mercantile , skilled labor und unskilled 
läbor theilt. Er kommt dabei zu folgenden Schlüssen, S. 50: Die Söhne 
nicht arbeitender amerikanischer Eltern sind in fast allen Altern grösser und 
schwerer als die Söhne arbeitender Eltern derselben Nationalität; dasselbe 
Yerhältniss gilt auch für die Töchter, doch in geringerem Maasse. In 
Massachusetts mag dies zum Theil davon abhängen, dass sich in der arbei¬ 
tenden Classe ein grösserer Procentsatz von Iren findet als in der nicht 
arbeitenden. Immerhin übt die Beschäftigung hierauf geringeren Einfluss 
als die Rasse. — Die Annahmen Quetelet’s für die Kleidung bei Knaben 
= l /i 9 des Körpergewichts = 5*5 Procent und bei Mädchen Y 2 4 des Kör¬ 
pergewichts = 4*17 Procent, erscheint allerdings wohl als zu gering 
(vielleicht wegen mangelhafterer Kleidung in Belgien als in Nordamerika und 
England); Bowditch nimmt wohl richtiger die Kleidung bei Knaben mit 
8 Procent des Körpergewichts und bei Mädchen mit 6*8 Procent an (S. 306). 
Am Schluss dieses Aufsatzes S. 59 bis 62 empfiehlt Bowditch dringlich 
und eingehend die „in Deutschland vielfach angewandte Methode“ der 
Zählkarten. 

Charles Roberts liefert die Körpergrösse von 13931 männlichen 
Personen aus englischen Grossstädten und aus der artisan dass im Alter 
von 4 bis 50 Jahren, darunter 9020 in dem uns zunächst beschäftigenden 
Alter von 7 bis einschliesslich 15 Jahren (S. 80), — und die Gewichts¬ 
angaben über 12 392 männliche Personen aus englischen Gressstädten von 
4 bis 50 Jahren, darunter 9650 im Alter von 7 bis 15 Jahren (S. 83). 
Für die Mädchen legt er seinen weiteren Erörterungen die Zahlen von 
Bowditch aus Amerika zu Grunde (S. 88). 

Roberts bestätigt den Einfluss der Beschäftigung. Die englischen 
Yerhältnisse lassen den Classenunterschied (Arbeitende und nicht Arbeitende) 
schärfer feststellen als in Amerika, wo diese Grenze vielfach recht schwer 
zu ziehen ist. Nach Roberts zeigt sich der sociale Unterschied von grösse¬ 
rem Einfluss als der Rassenunterschied. 

Ich stelle nun die erwähnten Zahlenangaben der vier Forscher zum 
Yergleich neben einander. 


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Alter am letzten h- h- ^ h- Alter am letzten 

Geburtetage m^wto-ocooc-j Geburtstage 


Dr. G. Varrentrapp, 

Tabelle IV. Knaben, Körper grosse. 


Quetelet 


mit ohne 
Schuhen Schuhe 



Bowditch 

X, 52 

ohne Schuhe 

Boberts 

S. 78 8. 80 

ohne 8chuhe 

Beneke 

non 

labouring 

favoured 

artisan 

Nord¬ 

labouring 

classes 

dass 7709, 

dass 

west 12 

3147, 
davon 
2457 von 

7 b. 15 J. 

9914, da¬ 
von 8016 
von 7 bis 
15 Jahren 

davon 
1963 von 

7 bis 15 
Jahren 

12391, 
davon 
9801 von 
7 b. 15 J. 

! 





Quetelet 

II, 84 

11, 87 

mit 

ohne 

Kleidern 

Kleider 






























Ueber die bisherigen Ergebnisse der Ferienkolonien. 55 


Tabelle VI. Mädchen, Körpergrösse. 


mit dem 
Jahr 

Alter 

am 

letzten 

Geburtstage 

Qnetelet 

II, 85 II, 87 

Beneke 

Bowditch 

X, 53 

ohne Schuhe 

non labou- 
ring classes 
2646, dar¬ 
unter 2032 
im Alter von 
7 bis 15 J. 

labouring 
classes 7943, 
darunter 
6330 im Al¬ 
ter von 7 bis 
15 Jahren 

mit 

Schuhen 

! 

ohne 

Schuhe 



cm 

cm 

cm 

om 

cm 

7 


109*6 

108*6 

109*0 




7 




116*3 

115*4 

8 


113*9 

114-1 

114-5 




8 




121*8 

120*6 

9 


120*0 

119*5 

120*0 




9 




127*5 

125*2 

10 


124*8 

124-8 

125*0 




10 




131*3 

130*3 

11 


127*5 

129*9 

130*5 




11 




. 136*4 

135*7 

12 


132*7 

135*3 

136*5 




12 




142*7 

141-5 

13 


138*6 

140*3 

142-5 




13 




149*1 

147*4 

14 


144*7 

145*3 

146 




14 




153*2 

152*1 

15 


147*5 

149*9 

149 




15 




155-2 

155*0 


Tabelle VII. Mädchen, Gewicht. 


mit dem 
Jahr 

Alter 

am 

letzten 

Geburtstage 

Quetelet 

n, 85 n, 87 

Beneke 

Bowditch 

X, 53 

in gewöhnl. Kleidung 

non labou¬ 
ring dass 
2646, davon 
2032 im Al¬ 
ter von 7 bis 
15 Jahren 

labouring 
dass 7934, 
davon 6330 
im Alter von 

7 bis 15 
Jahren 

mit 

Kleidern 

ohne 

Kleider 



kg 

kg 

kg 

kg 

kg 

7 


18*45 

17*54 

17-8 




7 




21*73 

21-39 

8 


19*82 

19-08 

19*5 




8 




23*94 

23*50 

9 


22*44 

21*36 





9 




26*66 

25*74 

10 


24*24 

23-52 

23*2 




10 




28*92 

28-11 

11 


26*25 

25*65 

25*5 




11 




31*97 


12 



29*81 

30-0 




12 




36*37 

35*16 

13 


34*65 

32*94 

33*0 




13 




41*13 

39*66 

14 



36*70 





14 




45*09 

44-42 

15 



40-37 

41*0 




15 

i i 



48*55 

47*68 


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56 


Dr. G. Varrentrapp, 

Ueber die Zahlen Quetelet’s habe ich bereits gesprochen. Beneke 
liefert uns nicht hinreichend genauen Nachweis, aus welchen Grundzahlen 
er die aufgestellten Normalzahlen ausgezogen hat. Roberts liefert eigene 
Zahlen zwar nur für die Knaben, seine Zahlen für Körpergrösse und Gewicht 
sind verhältnissmässig noch hoch, zumal bis zum 10. Jahre, doch entfernen 
sie sich von den für Deutschland und die Schweiz gütigen Zahlen zweifel¬ 
los weniger als die Bowditch’sehen Zahlen. E? erscheint demnach für 
einen guten Vergleich zwischen der ärmeren Schuljugend und den gleich¬ 
altrigen Kindern unserer Gesammtbevölkerung für heute wohl das richtigste, 
die von Bowditch für die der arbeitenden Glasse angehörigen Mädchen 
der Schulen Bostons, sowohl von amerikanischen als von irischen, deutschen 
und englischen Eltern abstammend, als Grundlage zu nehmen, — für die 
Knaben aber die Zahlen der arbeitenden Clossen von Roberts. 

Darnach möchte ich mir erlauben, für die Ferienkolonien 
Deutschlands und der Schweiz nachstehende Tabelle als 
Normalvergleichstabelle zu empfehlen. 

Tabelle VIII. 

Grösse und Gewicht von Schulkindern aus der arbeitenden 
Classe, zum Vergleich mit den Kindern der Ferienkolonien, 
als Normaltabelle zu benutzen. 


Alter 

am 

letzten 

Geburts¬ 

tage 

Knaben 

Mädchen 

Grösse 

(nach Boberta 

Gewicht 

i, artisan class) 

Grösse 

(nach Bo 

Gewicht 

iwditch) 


cm 

kg 

cm 

kg 

7 

114-3 

25-81 

115*4 

21-39 

8 

119*3 

26*75 

120*6 

2350 

a 

125-0 

2837 

125-2 

25*74 

10 

128*3 

30*07 

130*3 

28*11 

n 

130*8 

31'50 

135*7 

30*85 

12 

134*6 

33*41 

141*5 

35*16 

13 

142*0 

35-49 

147*4 

39*66 

14 

1467 

38*38 

152-1 

44*42 

15 

153*8 

43*89 

155*0 

47*68 


Möchten meine Herren Collegen, welche in den Vereinen für Ferien¬ 
kolonien thätig sind, die vorstehenden Betrachtungen und Vorschläge freund- 
lichst prüfen. Zu grosser Befriedigung würde es mir gereichen, wenn 
fortan allerwärts dieselben Grundlagen zur Vergleichung angenommen 
würden. 


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Ueber die bisherigen Ergebnisse der Ferienkolonien. 57 

Zum Schluss reihe ich noch die Form des Zählblättchens an, das wir 
in Frankfurt seit 1882 eingeführt und sehr zweckmässig befunden haben: 


Frankfurter 

Ferienkolonien 1882 . 

Name: Fwebel, Catharine , 

Schule: Annasch ? le - 

Classe: 6 - Alter: 11 . J. 

Religion: evan 9 elis + Kolonie-Nro . 7 - 


Gewicht:!. 

25-7 

k g 

Differenz 

+ *2 

2 

26-9 



77 


77 

— 01 

V 3. 

26-8 

7? 

+ 0-2 

„ 4 

27-0 

77 


Grösse: 1. 

130-8 

cm. 


„ 2. 

131-2 

77 



Bemerkungen: 


In Frankfurt seit Geburt, seit.Jahren. ßign. Cf 1 . 


Das in Cursivschrift Gedruckte wird bei den verschiedenen Messungen (bei 
der 1., 2., 3. und 4.) eingetragen. 

Die letzte Zeile ist zugefügt, um zu controliren, ob es etwa Kinder eben erst 
zugezogener Eltern sind. 

Die Sign, soll die Bezeichnung der Classification aufhehmen, welche die 
Aerzte bei ihrer erstmaligen Untersuchung in Betreff der körperlichen Bedürftig¬ 
keit dem angemeldeten Kinde gegeben haben. 


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58 


Dr. Leonhard Voigt, 


Vaccine und Variola. 

Von Dr. Leonhard Voigt, Oberimpfarzt za Hamburg. 


3. Impfschutz und Pockenschutz 1 ). 

Gegenüber den sich immer erneuernden Angriffen auf das sogenannte 
Impfdogma (ich erinnere an die Schriften von A. Vogt in Bern und Böing 2 ) 
ist es gut einmal wieder daran zu erinnern, dass in der Impffrage nicht der 
Glaube, sondern die Erfahrung gilt. 

Die Erfahrung lehrt, dass Menschen, welche gewisse contagiöse Krank¬ 
heiten durchgemacht haben, gegen eine zweite Invasion desselben Con- 
tagiums zwar nicht absolut, aber doch relativ geschützt sind. Demnach 
überrascht es uns, wenn einer unserer Patienten binnen wenigen Jahren 
zweimal von den Masern, den Pocken u. s. w. befallen wird. Ebenso fürch¬ 
ten blatternarbige Leute sich nicht vor den Pocken; sie übernehmen ruhig 
die Pflege der Blatternkranken und bleiben gewöhnlich frei von Ansteckung. 
Zweite Blatternfälle sind indessen keine Unica, sie kommen in jeder 
grösseren Epidemie vor und verlaufen durchaus nicht immer günstig. Weil 
nun dem Vaccineprocess als der schwächeren Blatternform eine weniger 
dauerhafte Nachwirkung als der wirklichen Variola zuzutrauen ist, so 
erwartet Niemand, dass die Geimpften gegen die Blattern absolut geschützt 
seien. 

Wir impfen aber, gestützt auf die erfahrungsmässige Immunität der 
Geblätterten, und wir erwarten für die Geimpften einen annähernd ähnlichen 
Schutz. Demnach kommt es darauf an zu erweisen, auf wie lange bei den 
Geimpften der Impfschutz und bei den Geblätterten der Pockenschutz gegen 
die Variolainvasion vorhält. Der Kürze des Ausdrucks wegen nenne ich in 
dieser Arbeit den Schutz, welchen die Impfung, resp. das einmalige Ueber- 
stehen der Blattern uns gegen das Blatterncontagium gewähren: Impf¬ 
schutz, resp. Pockenschutz. 

Die Impfgegner behaupten, gestützt auf eine unverdauete Statistik, 
dieser Schutz sei fast illusorisch. Böing z. B. berechnet (a. a. 0. S. 74) 
aus Heim’s klassischer Schrift: „ Pockenseuchen in Württemberg tf folgendes 
Unsinnige, indem er sagt: „Von einem Geschütztsein der zum ersten Male 
von den Blattern Befallenen gegen fernere Erkrankungen an dieser Krank- 

*) Siehe unter gleicher Ueberschrift meine Arbeit 1. über Variolavaccine, 2. über Ab- 
schwfichung der animalen Lymphe, in dieser Zeitschrift 1882, Bd. XIV, S. 385 ff. 

2 ) A. Vogt, Pocken und Iropffrage im Kampfe mit der Statistik, Bern 1877. A. Vogt, 
Für und wider Kuhpockenimpfung und Impfzwang, Bern 1879. A. Vogt, Der alte und 
der neue Impfglaube, Bern 1881. Böing, Thatsachen zur Pocken- und Impffrage, Leipzig 1882. 


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Vaccine und Variola. 59 

heit kann keine Rede sein“, und er hält es sogar einige Zeilen vorher für 
nicht unmöglich, dass Leute verhältnissmässig häufiger zum zweiten, als 
zum ersten Male an den Pocken erkranken. Hätte Böing gründlicher 
gearbeitet, so würde er bei dieser Gelegenheit etwa Folgendes gefunden 
haben: 

Württemberg machte Anno 1831 bis 1836 kleine von Heim möglichst 
genau controlirte Pockenepidemieen durch, welche keinen sehr ernsthaften 
Charakter annahmen. Das Publicum war gut geimpft, ungeimpfte drei¬ 
jährige Kinder gab es eigentlich gar nicht, und zur Zeit des Ausbruches der 
Blattern wurden alle Ungeimpften sofort vaccinirt. Die älteren Leute hatten 
zur Zeit schwerer Blatternepidemieen gelebt und waren durchseucht, denn 
nach Cles8 l ) 





demnach haben 

davon sind 




starben in 

mindestens etwa 

bis 1831 

im Jahre 1831 



Württemberg 

5mal 2 ) so viele 

gestorben 

lebten in 



an den Blat¬ 

die Blattern glück¬ 

höchstens 

Württemberg 

in den Jahren 

tern 

lich überstanden 

etwa 

Geblätterte 

1780 bis 1789 . 

. . 13 364 

66 820 

Vi 

14 205 

1790 „ 

1799 . 

. . 36 933 

184 665 

V* 

92 332 

1800 „ 

1810 . 

. . 17018 

85 090 

Vs 

56 627 

1810 „ 

1830 . 

300 

1500 

l U 

1125 



67 615 

338 075 


164 289 


Aus dieser Berechnung kann man schliessen, dass zur Zeit der von 
Heim beschriebenen Blatternepidemieen ungefähr 150 000 Gepockte in 
Württemberg vorhanden waren; doch will ich, um etwaige Einwürfe zu 
vermeiden, annehmen, es seien deren nur 100 000 gewesen. Ferner sind 
von den damals 1500 000 Bewohnern Württembergs etwa 10 Proc. (was 
sehr hoch gerechnet ist) als nicht Geimpfte und nicht Geblätterte, also 
gegen die Variola Ungeschützte anzunehmen. Wir haben demnach 


Bewohner 

1500 000 

von diesen 
erkrankten an 
den Blattern über¬ 

oder auf 

100 000 Lebende 
kamen Blattern¬ 

Geimpfte . . 

. . 1250 000 

haupt Menschen 

1055 

kranke 

84*4 

Geblätterte . 

. . 100 000 

57 

57*0 

Ungeimpfte. 

. . 150 000 

391 

260*6 


Ich kann es nicht leugnen, dass diese Berechnung etwas willkürlich 
aufgemacht ist, aber die Willkür ist nur dazu angewendet, um den Werth 
der Impfung möglichst klein darzustellen. Trotzdem ergiebt die Berech¬ 
nung den guten Nutzen der Impfung und des Pockenschutzes, insofern auf 
je 100 000 Lebende mindestens dreimal so viel Ungeimpfte als Geimpfte 
und fünfmal so viel Ungeimpfte als früher Geblätterte von den Blattern 
ergriffen wurden. Ausserdem sieht man aber auch, wie die früher Ge¬ 
blätterten um 0*27 pro mille besser geschützt waren als die Geimpften. Die 
grössere Stärke dieses Pockenschutzes wird aber erst recht gewürdigt, wenn 


*) Cless, Impfung etc. in Württemberg 1871, Stuttgart 1872. 

*) Duvillard (bei Oesterlen, Medicin. Statistik, S. 473) giebt an, es sei — vor 
Jenner — der siebente bis achte Blatternkranke gestorben. 


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CO 


Dr. Leonhard Voigt, 

man bedenkt, dass er schon vor Decennien erworben worden ist, während 
der Impfschutz zumeist von jüngerer und jüngster Zeit datirt. Der Impf¬ 
schutz erwies sich nach Heim schon binnen Jahresfrist als nicht absolut 
sicher, doch mehrten sich die Blatternfälle bei Geimpften erst mit dem 
zwölften Jahre nach der Impfung. 

Die Impfung leistete also in Württemberg gerade das, was wir nach 
dem Reichsimpfgesetze von ihr erwarten, nämlich den Schutz für die von 
den Blattern am meisten gefährdete Jugend. 

Doch auch der Pockenschutz bewährte sich in Württemberg nicht 
absolut; es kamen bei den Geblätterten 39 Fälle zweiter Variola, 18 der 
Variolois vor. Die 39 an Variola Erkrankten waren 21 bis 42 Jahre alt 
und ihrer 14 starben; die an Variolois Erkrankten (2 Todte) hatten vor 
8 bis 60 Jahren schon einmal geblättert. Ausser dieser nach dem Referate 
Heim’s ermöglichten Berechnung des Procentsatzes von 0*057 Proc., mit 
welchem zweite Blatternfälle unter den früher geblätterten Bewohnern in 
jener Pockenepidemie vorkamen, finden sich nur wenige ähnliche Zusam¬ 
menstellungen in der Literatur. 

Wenn z. B. in Breslau in den Jahren 1863 und 1864 nach Pastau 1 ) 
von den dort vorhandenen Blatternkranken 1 Proc. zum zweiten Male und 
zwar binnen 5 bis 39 Jahren befallen wurde, so will das so viel heissen, 
als: von den in Breslau damals vorhandenen Blatternarbigen müssen ziem- 
lieh viele zum zweiten Male erkrankt sein. Nach demselben Autor 2 ) haben 
in Breslau in den Jahren 1842 bis 1869 etwa 14 600 Personen die Blattern 
glücklich überstanden und sind von den in der Stadt vorhandenen 208 000 
Einwohnern während der Epidemie von 1871 und 1872 7309 an den Blat¬ 
tern, darunter 102 Personen zum zweiten Male, erkrankt; das ist 3 Proc. 
der Gesammtbevölkerung. Wenn ich nun annehme, dass von obigen 14600 
und den etwa früher als 1842 schon Geblätterten bis zum Jahre 1870 nur 
noch 12 000 Menschen am Leben gewesen wären, die sich des Pocken¬ 
schutzes erfreuen durften, so wäre in dieser Epidemie mit 102 zweiten 
Blatternfällen von den früher Gepockten kaum 1 Proc. zum zweiten Male 
erkrankt. 

Wollte man den Werth des Pockenschutzes mit demjenigen des Impf¬ 
schutzes vergleichen, so müsste man auch die Zahlen der damals in Breslan 
vorhandenen Geimpften und Ungeimpften kennen; diese sind aber nicht zu 
beschaffen. 

Neureutter 3 ) hat 1870 bis 1873 im Prager Kinderhospital 1133 Kin¬ 
der, die bis zu 14 Jahren alt waren, an den Blattern behandelt. Dreizehn 
Kinder, also mehr als 1 Proc. der Kranken, hatten schon einmal Variola 
vera gehabt, deren 9 nun zum zweiten Male binnen 7 Monaten! bis zu 
8 Jahren an Variola vera erkrankten. Solch ein eclatanter Beweis gegen 
die absolute Sicherheit des Pockenschutzes steht nicht vereinzelt da; all¬ 
jährlich wird über einzeln und gruppenweise vorgekommene zweite Blat¬ 
ternfälle berichtet, doch ist hier nicht der Ort sie aufzuzählen. Man muss 
mit dem Factum rechnen. 


*) Berliner klinische Wochenschrift 1864, Nr. 42. 2 ) Pastau, Deutsches Archiv für 

klinische Medicin 1873, XII. 8 ) Neureutter, Prager Vierteljahrsschrift, Bd. CXXVI. 


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Vaccine und Variola. 


61 


Auch Neureutter’B Arbeit ist nicht verwerthbar, um die Dauer deB 
Pockenschutzes und diejenige des Impfschutzes mit einander zu vergleichen, 
weil sie die dazu nöthigen Angaben nicht enthält, und weil Neureutter, 
ausser den angegebenen Fällen von Variola vera auch noch eine ganze 
Reihe von Variolois und sogar Varicellafällen aufzählt, die bei früher 
Gepockten und früher an Varicella Erkrankten vorgekommen waren. Er 
thut dieses als Anhänger der Wiener Schule, welche ja die Varioellen zu 
den Blattern rechnet. Die Varicellen aber haben, mag man sonst denken 
wie man will, mit der Impffrage nichts zu thun, insofern sie in ihrer Ent¬ 
wickelung weder von früherer Vaccine noch früherer Variola gestört werden; 
wie sie auch nicht im Stande sind, eine Immunität gegen Vaccine oder 
Variola herzugeben. 

Ich l^omme jetzt zu werthvollerem Material. Nach Flinzer’s Mit¬ 
theilungen des statistischen Bureaus der Stadt Chemnitz 1872 gab es in 
Chemnitz im Jahre 1870 und 1871 

Blatternkranke Blatterntodte 


auf Einwohner. 64 255 

auf sämmtliche Geimpfte 53 891 
auf Geimpfte im Alter von 
0 bis 14 Jahren .... 13 095 
auf sämmtl. Ungeimpfte 5 712 
auf Ungeimpfte im Alter 
von 0 bis 14 J. etwa . 5 000 

auf sämmtl. früher Ge¬ 
blätterte . 4652 


3596 = 5*6 Proc. 
953 = 1*76 „ 

321 = 2*45 „ 
2643 = 49*8 „ 

circa 

2534 = 50 


249 = 0*39 Proc. 
7 = 0*013 „ 

0 = 0 

242 — 4*2 „ 

220 = 4*4 ' 


Die Impfgegner sind mit dieser Berechnung natürlich nicht einver¬ 
standen. Z. B. kommt Herr Dr. Böing in seinen „Thatsachen zur Impffrage“ 
auf S. 84 zu ganz anderen Resultaten, indem er die 4652 Geblätterten 
(übrigens zum Theil früher ausserdem schon einmal geimpften Chemnitzer) 
zu den 5712 Ungeimpften hinzuzählt. Böing addirt also die gegen 
die Blatterninvasion bestens Geschützten zu den gegen die Blattern Un¬ 
geschützten und benutzt nachher die auf diese Weise gewonnene, ein merk¬ 
würdiges Vertrauen erweckende Summe von 10 364 Ungeimpften, um zu 
beweisen, dass die Ungeimpften nicht schlechter als die Geimpften gegen 
die Variola geschützt seien. Da darf es denn freilich nicht Wunder nehmen, 
dass Böing auf 14 den Flinzer’schen Tabellen gewidmeten Druckseiten, 
ähnlich wie Vogt*) auf deren 8, es unbemerkt lässt, dass von den ungeimpf¬ 
ten Kindern über 4 Proc. erlagen und fast die Hälfte erkrankte, während 
von ihren geimpften Jugendgenossen kaum 2 1 /* Proc. an den Blattern 
erkrankten und ihrer Niemand starb. Die früher Gepockten wurden 1871 
gar nicht von der Epidemie belästigt, in den folgenden Jahren kaum zu 
1 promille, ähnlich wie Heim aus Württemberg von 0*6 promille berichtet. 
Aber die Geimpften stellten im gut geimpften Württemberg 0*8 pro mille, 
im mangelhaft geimpften Chemnitz 18 pro mille Pockenkranke, d. h. die 
Morbidität der Bevölkerung war in Chemnitz 22 mal grösser als in Würt¬ 
temberg. 


*) Kubpocken und Impfzwang, Bonn 1879, S. 141. 


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62 


Dr. Leonhard Voigt, 

Obige Hinweise illastriren die Thatsacbe, dass Geblätterte von der 
Variola zura zweiten Male befallen werden können, dass dieses aber weit 
seltener als bei Geimpften geschieht, mit anderen Worten, dass der Impf¬ 
schutz nicht so kräftig und weniger dauerhaft ist wie der Pockenschutz. 
Solche Untersuchungen sind mit ausserordentlichen Schwierigkeiten ver¬ 
knüpft und zeigen immer nur, dass einzelne Geblätterte zum zweiten Male 
erkranken, welche sich zufällig intensiverer Ansteckung ausgesetzt sahen; 
sie geben uns aber keine Antwort auf die Frage nach der durchschnitt¬ 
lichen Dauer des Impf- und Pockenschutzes. Könnten wir experimentiren, 
so würden wir bald klarer sehen, aber Jeder würde sich die Inoculation 
der Variola mit Recht verbitten. Will man also näher an die Frage hinan¬ 
treten, so kann man der Inoculation die Vaccination substituiren. Dazu ist 
man durchaus berechtigt, denn die Vaccination ist gesetzmässig. Ausser¬ 
dem ist sie für diesen Vergleich brauchbar, denn wie millionenfach erprobt 
ist, schliessen für eine Zeit lang Vaccine und Variola einander gleich gut 
aus. Ist es doch unbestritten, dass bei Geimpften und Geblätterten die 
Probeimpfung mit Vaccine ebenso schlecht anschlägt, wie die Probeinocu- 
lation mit Variola. Daher kann man getrost annehmen, dass zu derselben 
Zeit, wo die Vaccine wieder anfängt ihre Wirkung auf Geblätterte zu ent¬ 
falten, auch schon wieder Empfänglichkeit für die Variola bei früher Geimpf¬ 
ten vorhanden sein müsse. 

Demnach habe ich in der Hamburger Impfanstalt seit 1878 die in 
Gesellschaft ihrer Mitschüler zur Impfung erscheinenden zwölfjährigen blat¬ 
ternarbigen 2200 Schulkinder auf ihre Empfänglichkeit für die Vaccine 
geprüft und diese Empfänglichkeit verglichen mit der Wirkung der bei 
ihren 13 000 früher geimpften Mitschülern gleichzeitig vorgenommenen 
Revaccination. Indem ich die Resultate dieser Arbeit dem wissenschaft¬ 
lichen Urtheile darbringe, glaube ich hinzufügen zu dürfen, dass sie, wie 
mir scheint, nicht pro nihilo gemacht ist. Nicht so leicht dürfte sich eine 
zweite Gelegenheit bieten: 

1. eine so grosse Anzahl von fast im Laufe eines Jahres Geblätterten 
nach den Jahrgängen ihres Alters geordnet in vier auf einander 
folgenden Jahren zu impfen; 

2. den Erfolg dieser Impfung vergleichen zu können mit dem Ausfall 
der gleichzeitig an Gleichalterigen vorgenommenen Revaccinatio- 
nen, und 

3. zur selben Zeit zu erproben, ob animale und humane Vaccine bei 
Geblätterten und Geimpften in analoger Weise wirken. 

Hamburg wurde von 1869 bis 1872 von einer sehr ernsten Pocken¬ 
epidemie heimgesucht und verlor von seinen Bewohnern an den Blattern 
auf 1000 Lebende in den Jahren: 

1866 .... 0*09 1870 .... 0*25 

1867 .... 0*07 1871 .... 10*75*) 

1868 .... 0*0 1872 .... 0*95 

1869 .... 0*06 1873 .... 0*0 

*) Wer als beschäftigter Arzt die Zeit mit durchgemacht hat, darf in der Impf- und 
Blatternfrage aus eigener Erfahrung mitsprechen. 


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Vaccine und Variola. 


63 


Die Bevölkerung war höchst mangelhaft geimpft und fast gar nicht 
revaccinirt. Mittelstand und Arbeiterbevölkerung liess im Ganzen die 
Impfung erst vornehmen, wenn das Kind in die Schule sollte. Länger liess 
sich diese Procedur nicht wohl aufschieben, denn die Schullehrer durften 
keine ungeimpften Kinder einschulen. Doch auch diese Verordnung wurde 
ziemlich lässig gehandhabt, so dass die Kinder massenhaft ungeimpft waren, 
als die Blatternnoth hereinbrach. Ja selbst diese schwere Epidemie, welche 
in einzelnen Gegenden der Stadt entsetzlich hauste, vermochte die Gleich¬ 
gültigkeit und die Abneigung des Publicums gegen das Impfen nicht zu 
beseitigen, denn in der Impfanstalt sind nachträglich mehr oder weniger 
zwangsweise in den Jahren 1873 ff. noch ca. 5000 Kinder zum ersten Male 
v&ccinirt worden, welche während jener Pockenzeit ungeimpft und ungepockt 
geblieben waren. 

Die in den folgenden Listen niedergelegten Resultate der Revaccination 
und der Impfung früher Geblätterter sind nach ganz gleichen Gesichts¬ 
punkten aufgestellt. Ed überstieg meine Kraft bei der grossen Zahl der 
zur Revision Erscheinenden, eine genauere Buchung über die verschiedenen 
Formen der Vaccinepusteln, Papeln, Knötchen, hämorrhagischen Erosionen etc. 
zu ermöglichen. Die getrennte Buchung würde auch wenig Werth gehabt 
haben, denn bei vielen Individuen fanden sich die verschiedenen Vaccinoid- 
formen neben einander am selben Arme. Um den Leser nicht im Unklaren 
zu lassen, will ich aber bemerken, dass als erfolgreich nur solche Revacci- 
nationen gebucht worden sind, welche wenigstens ein auf injicirter Basis 
sitzendes, mit feuchtem Inhalte versehenes Knötchen zur Folge hatten. 
Einfache Ecchymosen an den trocknen Schnittstellen galten mir für Nichts. 

Die Impfungen wurden an allen Schülern in den gleichen Localitäten, 
mit der gleichen Lymphe, nach der gleichen Methode, von den nämlichen 
Impfarzten gemacht; daher könnten die Resultate der Revaccination und 
der Impfung Blatternarbiger recht wohl die gleichen geworden sein. Sie 
sind es aber nicht. 

Als ich anfing mich mit dieser Frage zu beschäftigen, erwartete ich, 
die Geblätterten gegen die Vaccine so gut wie unempfänglich zu finden, 
und anfangs stimmten meine Beobachtungen auch mit dieser Annahme 
überein; denn in den ersten fünf Jahren nach der Epidemie von 1871 und 
1872 blieb der Erfolg der Impfung bei ihnen so gut wie gänzlich aus. Im 
Jahre 1874 wurden 49, im folgenden Jahre 30 blatternarbige Kinder 
sämmtlich ohne Erfolg in der Impfaustalt geimpft. Aber schon 1877 (also 
sechs Jahre nach der Epidemie) zeigten sich, freilich nur in seltenen Fällen, 
gut entwickelte Impfpusteln, selbst bei von Blatternarben auffallend Ent¬ 
stellten. 

Da die folgenden Listen einen Vergleich ziehen sollen zwischen den 
Werthen des Pockenschutzes und des Impfschutzes durch Berechnung des 
Ausfalles der in demselben Jahrgange an den Zwölfjährigen vorgenomme¬ 
nen Revaccinationen und den Impfungen Geblätterter, so muss man erwägen, 
wann durchschnittlich Pockenschutz und Impfschutz von ihnen erworben 
wurde. Nun sind die 1866 bis 1869 geborenen Geblätterten fast sämmt¬ 
lich im Jahre 1871 krank gewesen, aber die Impfung der Nichtgeblatterten 
hat bei manchen früher, bei sehr vielen erst nach 1871 stattgefunden. 


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64 


Dr. Leonhard Voigt, 

Daher genossen die ans dem Jahre 1866 und 1867 stammenden früher 
Geimpften und Gepockten durchschnittlich einen etwas älteren Impfschutz» 
einen etwas jüngeren, also jugendkräftigeren Pockenschutz. Für die 1868 
Geborenen dürften Pocken- und Impfschutz gleichalterig, für die 1869 
Geborenen der Impfschutz etwas jünger, also jugendkräftiger anzunehmen 
sein, wenn beide Schutzsorten gleich dauerhaft schützten. 

Unter den im Jahre 1878 revaccinirten 3214 Schulkindern mögen 
sich wohl noch 100 bis 200 Blatternarbige, früher nie Geimpfte befinden, 
welche nicht getrennt gebucht sind. Daher erklärt sich die kleine Zahl von 
nur 185 in jenem Jahre zur Impfung gestellten Blatternarbigen. 


I. Vergleichende Uebersicht über den Erfolg der Impfung in 
der Hamburger Impfanstalt während der Jahre 1878 bis 1881. 



1878 

18 

79 

1880 

1881 

Geimpft 

überhaupt 

Misserfolg 
in Procent 

Geimpft 

überhaupt 

Misserfolg 
in Procent 

Geimpft 

überhaupt 

Misserfolg 
in Procent 

Geimpft 

überhaupt 

Misserfolg 
in Procent 


1. Impfgang . 

8003 

6-4 

6801 

9*2 

7044 

10*02 

7294 



2. „ . 

454 

11-01 

520 

15*7 

634 

15*7 

709 

21-8 

Vaccination j 

3. * . 

33 

30-3 

72 

27*7 

87 

[21-8 

96 

20*8 


event. dreimal Geimpfte 

7957 

0*12 

6686 


6959 


7200 

0*28 


fl. Impfgang. 

3214 

24-9 


32*5 

3272 

27*7 

3335 

24*3 

Revaccina- 1 

2. 

772 

72*4 

908 

69*0 


70*8 

765 

63*5 

tion 

3. * . 

539 

91*6 

574 

86*9 

529 

86*9 

433 

83*8 


. event. dreimal Geimpfte 

3166 

15*6 

3003 

16*6 

3126 

14*7 

3237 

11*8 

Tmnfnncr 

f 1. Impfgang. 

185 

50*3 

510 

43*1 

726 

32*9 

762 

33*1 

j m jnuiiv 

in der I 

12. * . 

80 

86*2 

212 

78*3 

234 

67*1 1 

240 

67*9 

Kindheit 

3. „ . 

68 

89*4 

140 

91*4 

15T3 

94*7 

152 

93*0 

Geblätterter 











1 event. dreimal Geimpfte 

171 

35-6 

426 

26*9 

717 

29*2 

7391 

19-1 


Diese Liste giebt einen Ueberblick über die Zahl der Impflinge und 
über den Gesammterfolg der Impfungen in den einzelnen Jahrgängen. 
Danach hatten wir bei der Vaccination und Revaccination während der 
letzten Jahre ganz befriedigende und alljährlich sehr ähnliche Resultate zu 
verzeichnen, aber die Impfung der Blatternarbigen wurde, je 
weiter wir uns vom Epidemiejahre entfernten, immer erfolg¬ 
reicher; das heisst binnen vier Jahren um 16 Procent. 

Daneben mache ich hier auf noch eine andere Erscheinung aufmerksam, 
die so wohl bei der Vaccination, wie bei der Revaccination, als auch bei 
der Impfung der Blatternarbigen sich mit der grössesten Regelmässigkeit 
wiederholt. Auf die Erscheinung, dass eine sieben Tage nach erfolgloser 
Application der Vaccine aufs Neue vorgenommene Impfung weniger Aussicht 


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Vaccine und Variola. 


65 


auf Erfolg bietet, als der frühere Impfact, und dass wieder der dem zweiten 
folgende dritte Impfact noch erfolgloser aasfällt als sein Vorgänger. Dieses 
gilt in jeder Beziehung und lässt sich in der zweiten Liste noch mehr ins 
Detail verfolgen; einzelne Ausnahmen erklären sich durch den Minderwerth 
der beim früheren Impfact verwendeten Lymphe. 

Mir scheint dieses nicht von verschiedener Empfänglichkeit der ein¬ 
zelnen Individuen für die Vaccine abzuhängen, denn dann würden die ein¬ 
mal erfolglos Geimpften im zweiten oder dritten Impfact wohl nur denselben, 
aber keinen um so viel bedeutenderen Procentsatz des Misserfolges auf¬ 
weisen. Ich erkläre mir diese Erscheinung so: wahrscheinlich wandern 
einzelne Coccen der eingeimpften Vaccine (ohne Erregung localer Erschei¬ 
nungen an der Impfstelle) in die Säftemasse des Impflings und schaffen ihm 
auf unmerkliche Weise eine gewisse Immunität gegen die Vaccine, welche 
sich in dem immer zunehmenden Misserfolge jedes folgenden Impfactes 
ausspricht. Dieses erinnert an eine ganz analoge Beobachtung; Kälber, 
welche kurz vorher scheinbar ohne die geringste Reaction gänzlich abortiv 
vaccinirt worden waren, erwiesen sich später gegen die allerwirksamste 
Vaccine völlig immun. 

Die folgende Liste zeigt den Impfwerth der vier verschiedenen Sorten 
Vaccine in den verschiedenen Jahrgängen angewendet bei den drei Kate- 
gorieen der Impflinge. Sie ermöglicht den Vergleich zwischen Pockenscbutz 
und Impfschutz. Die humanisirte Lymphe wurde frisch vom Arm zum Arm 
verimpft, oder in Röhrchen unvermischt conservirt und ohne Glycerin ver¬ 
wendet. Die animale Vaccine conservirten wir meistens unvermischt zwischen 
Platten und verrührten sie zum Gebrauche mit wenigem Wasser. 


II. Impfwerth der in der Hamburger Impfanstalt verwendeten 
vier Lymphesorten, ausgedrückt in Procenten des Misserfolges. 


Impfgang 

Vaccination 

Revaccination 

Vaccination der in 
der Kindheit geblät¬ 
terten zwölfjähri¬ 
gen Schulkinder 



n 

2 


n 


3 

1 

2 

3 

Impfung 
vom Arm 
zum Arm 

' 1878 




% 

16-8 

% 

66-0 

% 

84-9 

% 

42-8 

% 

73-3 

% 

86-9 

1879 

1*32 

7*6 

12*5 

13*96 

58*5 

835 

25*5 

59-1 

87*5 

| 1880 

2*27 

3*6 

5*8 

19*02 

61*7 

87*1 

326 

43*1 

86-0 

1 1881 

154 

3*5 

4*3 

10*4 

54*7 

78*7 

13*7 

59*0 

93*0 

Impfung mit 

f 1878 

10*5 

25*0 

— 

35*7 

76*0 

96*0 

58*0 

750 

_ 

humanisirter, in 

1 1879 

8-8 

4*5 

— 

34*1 

85*7 

85-8 

69-0 

80*0 

100*0 

Röhrchen con- 

1 1880 

26*2 

11*9 

— 

34-2 

82*4 

93*5 

37*3 

73-1 

930 

servirt. Lymphe 

1 1881 

9*8 

29*6 

— 

29-2 

66*3 

81-6 

36*8 

76-2 

92-0 

Impfung 

[ 1878 

25*3 

33*0 

50*0 

573 

88*0 

96*0 

91*7 

86-0 

100*0 

mit conBervir- 

1 1879 | 

23*4 

31*3 

70*6 

58-65 

77*85 

98*2 

64-3 

93*8 

86*4 

ter animaler 

1880 

34*7 

38*8 

43*0 

48-25 

74*7 

90*8 

47-5 

87*5 

100-0 

Plattenlymphe 

| 1881 

31-3 

37*7 

39*3 

44*4 

66*0 

92*7 

518 

72*5 

88*0 

Impfung 
mit frischer 
Kalbslymphe 

f 1878 i 

5*89 

11*1 

410 

24*8 

75-0 

92-7 

481 

80*0 

90*0 

| 1879 

8-43 

15*6 

160 

28*7 

69‘4 

86*2 

39*9 

76*3 

93*2 

1880 

8*6 

15*4 

28*0 

212 

71*2 

86*8 

28*5 

70*4 

95*4 

l 1881 

9*06 

13*8 

19*5 

23*1 

64*3 

830 

31*6 

66*6 

94-3 


Vierteljahrsschrift für Gesundheitspflege, 1888. 6 


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66 


Dr. Leonhard Voigt, 

Aus dieser Zusammenstellung kann man ablesen: 

1. Schon 1878, also etwa 7 Jahre nach überstandener Variola, ist 
wieder ansgiebige Empfänglichkeit für die Vaccine bemerkbar. 

2. Diese Empfänglichkeit schwankt, je nach dem Impfwerth der ange¬ 
wendeten Vaccinesorte; d. h. die humanisirte Vaccine bewährt sich 
bei den Blatternarbigen ebenso wie bei den Revaccinirten als der 
wirksamste Impfstoff. 

3. Diese Empfänglichkeit für die Vaccine wächst bei den Geblätterten 
mit dem Zeitraum zwischen dem Erwerb des Pockenschutzes und der 
späteren Impfung. 

4. Bei den vormals Geimpften erwacht die Empfänglichkeit für die 
Vaccine Wirkung früher als bei den vormals Geblätterten. 

5. Bei vor 10 Jahren geimpften und vor etwa ebenso langer Zeit ge¬ 
blätterten ZwölQährigen ist kein sehr bedeutender Unterschied in 
der Empfänglichkeit für die Vaccine mehr zu bemerken. 

Ausserdem kann ich aus eigener Erfahrung noch hinzufügen: 

6. Die Pustelung verläuft bei den Blatternarbigen im Charakter der 
Revaccinationspustel. 

Ad 5 möchte ich hier noch weiter ausführen: In Liste II. stellt sich der 
Misserfolg der mit Lymphe vom Arm zum Arm ausgeführten Revaccination 
im vierjährigen Durchschnitt auf 15 Proc., und die im Jahre 1881 ebenfalls 
vom Arm zum Arm geimpften vor 10 Jahren geblätterten Schulkinder hatten 
nur einen Misserfolg von 13*7 auf 100. Auch das Ergebniss der mit frischer 
Lymphe vom Kalb zum Arm ausgeführten Revaccination, welche im vier¬ 
jährigen Jahresdurchschnitt* einen Misserfolg von 24*45 Proc. lieferte, unter¬ 
scheidet sich nicht wesentlich von dem auf 28*5 und 31*6 Proc. lautenden 
Ausfall der gleichwerthigen Impfung der Blatternarbigen. Also sind die vor 
10 Jahren gepockten zwölf Jahre alten Menschen fast ebenso empfänglich für 
die Wirkung der Vaccine, wie die vor ungefähr ebenso langer Zeit geimpften 
Altersgenossen. Im Laufe der ferneren Jahre dürfte die Vaccine bei beiden 
Kategorieen gleichmässig immer besser anschlagen und vollkommenere 
Formen des Exanthems zur Reife bringen, dabei jedoch bis in späteres Alter 
den bei der Revaccination üblichen Verlauf der Pusteln auch bei den Ge¬ 
blätterten bewahren. 

Diese Revaccinationsform der Pustelung beginnt zwar stürmisch, doch 
verläuft sie oft abortiv, oft hämorrhagisch, immer aber schneller als das 
normale Exanthem der Vaccine. Darin sehe ich den deutlichen Spiegel der 
analog auftretenden Variola. Denn wenn die Variola Geimpfte und früher 
Geblätterte überhaupt befallt, so wird sie auf Jahre hinaus beobachtet in 
der milden Form des Pockenfiebers ohne Exanthem, dann in einer den 
Varicellen ähnlichen Form und in den verschiedenen Abstufungen der Va- 
riolois. In ihrer schwereren Form aber kann sie gerade durch das Hämor¬ 
rhagischwerden der Pusteln einen schlechten Ausgang nehmen. 

Dieses führe ich nur an, um zu zeigen, wie sich die Analogieen zwi¬ 
schen Variola und Vaccine überall bis ins Kleinste wiederfinden und auch 
hier nicht vermisst werden. Veralteter Impf- und Pockenschutz büsst viel 
von seiner Kraft ein. Schwand die Kraft des Impfschutzes, so nimmt die 
Revaccinationspustel den bei der Erstimpfung üblichen Verlauf, schwand die 


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Vaccine und Variola. 67 

Kraft des Pocken Schutzes, so entbehrt die zweite Blatternkrankheit eventuell 
sogar des Gepräges des Varioloids. 

Wir haben also gefunden, dass die zwölfjährigen, vor etwa 10 Jahren 
mit Pocken- oder Impfschutz versehenen Menschen durchschnittlich keine 
wesentlich verschiedene Empfänglichkeit für die Vaccine besitzen. Daher 
kann oder muss man vice versa auch annehmen, dass beide Kategorieen um 
diese Zeit auch gegen die Variola ziemlich gleich empfänglich geworden 
sind. Man darf aber nicht weiter schliessen, z. B. vor etwa 10 bis 11 Jahren 
mit Pocken- oder mit Impfschutz Versehene seien ebenso empfänglich für 
die Variola wie für die Vaccine; denn das stärkere Virus der Variola wird 
manchen Impfschutz überwinden, gegen den die schwächere Vaccine Nichts 
vermag. Die Vaccine verbreitet sich nie anders als durch örtliche Ein¬ 
pflanzung, die stärkere Variola aber hauptsächlich durch die Luft, welche 
wir einathmen. Auf ihre Inoculation erfolgt auch stärkere örtliche Reaction 
als nach der Vaccination und jugendkräftige Variolavaccine (siehe die 
Capitel 1 und 2 dieser Arbeit) erinnert an die Wirkung der Variola; sie 
bildet den Uebergang zwischen Variola und Vaccine. Jeder Impfarzt kann 
die Erfahrung machen, dass von Erstimpflingen, welche mit guter Lymphe 
vom Arm zum Arm geimpft wurden, 98 bis 99 Proc., d. i. fast ausnahmslos 
gute Pusteln bekommen, wenn die Impfung lege artis in der Absicht 
gemacht wird, kräftigen Erfolg zu erzielen. Noch energischer aber wirkt 
die Inoculation, denn wir entnehmen den Schriften des vorigen Jahrhunderts, 
dass bei ungefähr allen Inoculirten sich Pusteln bildeten, obwohl dieser 
Act in der denkbar mildesten Weise vorgenommen wurde, damit die Wir¬ 
kung so schwach wie möglich ausfalle. 

Das inoculirte Variolacontagium wirkte also trotz der absichtlichen Ab¬ 
schwächung ebenso ausnahmslos, wie die auf die allerwirksamste Weise 
applicirte Vaccine, und es entfaltete seine Wirksamkeit bei sämmtlichen 
Inoculirten. Die am günstigsten Gestellten, selbst Könige und Prinzen, 
bekamen ebenso sicher ihre Pusteln, wie die Leute aus dem Volke. 

Daher kann man es durchaus nicht billigen, wenn die Impfgegner 
immer und immer wieder das Verlangen stellen: „Lasst vom Impfen, bessert 
lieber die socialen Verhältnisse; wo die günstig sind, da entsteht keine 
Pockenepidemie. 0 Dem ist zu entgegnen, dass wir Aerzte uns wirklich 
redlich bemühen Verbesserungen zu schaffen, dass es uns aber absolut 
unmöglich ist die seit Jahrtausenden offene sociale Frage auf einmal zu 
lösen und dass auch nach der Lösung die Gelegenheit zum Ausbruche einer 
Epidemie bestehen bleiben würde, weil wir Menschen sammt und sonders 
für das Pockengift empfänglich geboren werden und eben nicht als Ein¬ 
siedler leben. 

Wenn nun, wie auB der Liste II. hervorgeht, die Re vaccination schon 
etwa 10 Jahre nach der Erstimpfung in 80 bis 90 Proc. einen gewissen 
Erfolg verspricht, so müssen wir nothwendigerweise zugeben, dass Menschen 
etwa 10 Jahre nach der Vaccination auch schon mindestens ebenso empfäng¬ 
lich für die ihnen inoculirte Variola sind. Glücklicherweise aber ver¬ 
breitet sich die Variola seltener durch die Inoculation als durch die Ein- 
athmung, und der Blatternstoff wird von sehr vielen nie geimpften Menschen 
eingeathmet ohne sie aufs Krankenlager zu werfen. Erst da, wo das Con- 

6 * 


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68 


Dr. Leonhard Voigt, 

tagium eich häuft auf dem Boden ungünstiger socialer und localer Ver¬ 
hältnisse und vernachlässigter Impfung, vermag es der Inoculation ähnlich 
zu wirken. Dann schützt die Ungeimpften Nichts; die Geimpften und früher 
Geblätterten aber besitzen nur den Grad von Immunität, welchen sie von 
der voraufgegangenen Invasion noch behalten haben. Sie werden zum 
Theil gesund bleiben, zum Theil erkranken und zwar zunächst in einer der 
Abortivformen, welche wir Variolois nennen, aber in der Form der Variola, 
wenn der Impfschutz schon ganz erloschen wäre. Da das Contagium sich 
unter verschiedenen Verhältnissen verschieden stark häuft und mit verschie¬ 
dener Intensität wirkt, so kann man keine bestimmte Dauerformel für den 
Impfschutz und den Pockenschutz finden. Die Dauer hängt ab von der 
Intensität der Epidemie und von der Form, in der die Uebertragung der 
Variola stattfindet. Unter gewöhnlichen Verhältnissen werden vor 10 Jahren 
Geimpfte immer noch einen ziemlich unempfänglichen Boden für die 
Variola abgeben; keinenfalls werden sich schlimme Formen des Uebels bei 
ihnen entwickeln. Von absoluter Immunität kann bei ihnen aber 
nicht die Rede sein, weil der Pockenschutz länger als der Impfschutz 
vorhält, und weil auch unter dem Pockenschutz zwar selten, aber doch wirk¬ 
lich manchmal ziemlich frühzeitige Blatternfalle Vorkommen. Einzelne Pooken- 
fölle müssen nothwendiger Weise gelegentlich, obwohl als ziemlich seltene 
Ausnahmen, schon ziemlich bald nach der Impfung beobachtet werden. 

Wenn ich mich im Folgenden auch noch auf das epidemieologisch 
statistische Gebiet wage, um auch hier Umschau zu halten nach der Dauer 
des Impfschutzes,. so weiss ich wohl wie schwierig dies ist, da nahezu alle 
Punkte umstritten sind. 

Von anderen Impfgegnern gar nicht zu reden, negiren die Herren Prof. 
Vogt in Bern und Dr. med. Böing in Uerdingen jeden langlebigen Impf¬ 
schutz. 

Vogt hat in seiner Schrift „Die Pocken- und Impffrage im Kampfe 
mit der Statistik“ die bayerischen und Berliner Berichte aus dem Anfänge 
des vorigen Jahrzehnts bearbeitet. Er folgert aus den Berichten des baye¬ 
rischen statistischen Bureaus: 

1. Die Zahl der Blatterntodesfalle fallt vom 2. bis zum 10. Altersjahre 
stetig ab, obgleich sie mit der abnehmenden Schutzkraft der Vacci- 
nation sich doch wieder mehren sollte, wenn die Impfung Ursache 
jener Abnahme wäre. 

2. Vom 61. Altersjahre an sinkt die relative Blatterntodeszahl von ihrem 
Culminationspunkte stetig wieder herab, obgleich hier von einer zu¬ 
nehmenden Zahl von Impfungen resp. Revacciuationen bekanntlich 
keine Rede ist. Auch diese Thatsache widerspricht dem Dogma vom 
Impfschutz. 

Daher weist Vogt nachdrücklich darauf hin, dass die verschiedenen 
Altersclassen überhaupt verschieden empfänglich für das Pockencontagium 
seien, dass diese Empfänglichkeit vom 2. Lebensjahre an sinke, vom 12. Jahre 
an aber allmälig wieder zunehme; von dieser Empfänglichkeit, aber nicht 
von der Impfung oder Nichtimpfung, hänge des Befallen werden ab. 

Hierin kann ich Vogt nur zum Theil zustimmen. Es ist zwar richtig, 
der jugendkräftige Organismus der Zehn- bis Zwanzigjährigen wird weniger 


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Vacciue und Variola. 


69 


leicht von Schädlichkeiten oder Contagien ergriffen, oder gar hinweg- 
gerafft, als zarte Säuglinge oder die nicht mehr intacten Körper älterer 
Individuen, aber aus meiner Liste 11. ersieht man wie von Jahr zu Jahr 
bei den zwölfjährigen Blatternarbigen die Empfänglichkeit für die Vaccine 
znnimmt. Ausserdem existirt noch eine individuell verschiedene Disposition 
für die Ansteckung durch die Blattern. 

Aber jene Schlüsse Vogt’s sind unrichtig, weil er seine Ansätze nicht 
accurat genug gemacht hat. Aus den bayerischen Listen kann man näm¬ 
lich nicht ersehen, wie die beiden Kategorieen der früher geimpften und 
der früher nicht geimpften Blatternkranken sich auf die verschiedenen Alters- 
cl&ssen vertheilen. Da ferner die Empfänglichkeit für die Ansteckung bei 
beiden Kategorieen eine ganz verschiedene ist, so kann eine Berechnung, 
welche diesen Umstand unbeachtet lässt und auf die Morbidität in den 
verschiedenen Altersclassen basirt, nicht über den Werth des Impfschutzes 
entscheiden. Da also Vogt diese Unterscheidung nicht macht und nach 
dem Material auch nicht machen konnte, so können Wir seine Resultate nicht 
unterschreiben. Dieses um so weniger als Klinger 0» der einen Theil dieses 
Materials ebenfalls bearbeitet hat, ausdrücklich angiebt, dass die von den 
Blattern befallenen 0 bis 1 Jahr alten Kinder ungeirapft gewesen seien. 
Diese Kinder aber stellten ungefähr den fünften Theil aller Blatternfälle 
und den dritten Theil der Todten. Ich lasse die Liste weiter unten folgen. 

Vogt’s fernere Betrachtungen der Berliner Listen nach Müller kann 
man ebenfalls nicht für entscheidend gelten lassen, weil diese Listen be¬ 
kanntlich so unvollständig sind, dass wir sie für die Erforschung einer so 
ernsten Frage nicht wohl verwenden dürfen. 

Im Weitern bearbeitet Vogt unser Thema vom Werth des Impf¬ 
schutzes in seiner Schrift „Kuhpockenimpfung und Impfzwang“, Bern 1879, 
zunächst unter Benutzung der* Keller’schen Zusammenstellungen über 
3385 Pockenfälle unter dem Personal der österreichischen Staatsbahnen 2 ). 
Die Listen berichten über die Pocken bei Geimpften und Ungeimpften in 
gesonderten und nach Altersclassen geordneten Columnen und enden mit 
dem Schlussaccord: „Das Impfen nütze nichts“. Das Hauptinteresse dreht 
sich um 74 im ersten, und um 56 im zweiten Lebensjahre erkrankte 
geimpfte Kinder, von denen fast die Hälfte starb. Diese 0 bis 2 Jahre alten 
geimpften Pockenkranken stehen gegenüber nur 400 ungeimpften Leidens¬ 
gefährten aus derselben Altersclasse; letzteren noch dazu mit etwas günsti¬ 
gerem Ablaufe der Krankheit. Darin liegt nun eine so ungeheuerliche 
UnWahrscheinlichkeit, dass schon wenige Wochen nach dem Erscheinen 
jener Arbeit ein österreichischer Arzt, Dr. Königsberg 3 ), anfragte, ob viel¬ 
leicht an jenen Geimpfterkrankten die Impfung so spät erfolgt sei, dass 
Pocken und Vaccinepusteln zugleich erschienen. Diese Anfrage ist un¬ 
beantwortet geblieben; aber die Ke Ile r’schen Listen werden für und für 
verwendet als der werthvollste Beweis für den Unwerth der Impfung. 

In der Gestalt der bei Vogt üblichen Pockentafeln (d. h. der Berechnung 
der Gesammtzahl der Pockenfälle nach dessen Reduction auf 1000 Fälle, 
und diese vertheilt auf die verschiedenen Altersclassen) machen sich solche 

*) Klinger, in Friedreich’s Blätter für gerichtliche Anthropologie 1873, S. 107.— 

*) Wiener Wochenschrift 1876, 33. — 3 ) Ebendaselbst 1876, 38. 


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70 


Dr. Leonhard Voigt, 

Zusammenstellungen ganz ehrwürdig. Aber ihr Werth hängt doeh ab von 
den Zahlenverhältnissen des Urmaterials und von dessen gründlicher Beob¬ 
achtung. Ich gebe hier daher die Keller’sche Liste in natura, wie sie dem 
Urmaterial, dem Inhalte der von den Bahnärzten beantworteten Fragebogen, 
welche die Bahn Verwaltung an die Bahnärzte ausgeschickt hatte, ent¬ 
nommen ist. 


Keller, Blatternkranke bei den Angestellten der k. k. Staats¬ 
eisenbahngesellschaft 1872 bis 1874. 


Alte 

das 

rs- 

Geimpfte 

Ungeimpfte 

Revacrinirte 

Geblätterte 

Zweifelhafte 

se 

krank 

gestorben 

kr. 

gestorben 

kr. 

gestorb. 

kr. 

gestorben 

kr. 

gestorben 

Jahre 


Zahl 

% 


3 

El 


Zahl 

% 


Zahl 

% 


Zahl 

% 

0— 

1 

74 

36 

48’6 

293 

134 

45*7 

— 

— 


— 

— 

— 

1 

1 


1— 

2 

56 

26 

46*4 

107 

74 

41*0 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

1 

— 

— 

2- 

3 

64 


31-2 

90 

17 

18-8 


— 

— 

— 

— 

— 

1 

— 

— 

3— 

4 

91 

20 

21*9 

101 

17 

16-8 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

1 

— 

— 

4— 

5 

70 

14 

ESj 

91 

13 

14-3 

5 

2 

40*0 

— 

— 

— 

1 

— 

— 

5— 

10 

276 

52 

18*8 

146 

13 

8*9 

10 

2 

20*0 

3 

— 

— 

11 

— 

— 

10— 

15 

223 

14 

6*2 

58 

7 

12*0 

4 

— 

o-o 

1 

1 

100 

7 

1 

14-0 

15— 

20 

332 

19 

5*0 

62 

4 

6*0 

7 

2 

28,5 

— 

— 

— 

17 

4 

23*0 

20— 

30 

447 

31 

6*9 

75 

7 

90 

28 

3 

10*7 

1 

— 

— 

35 

6 

170 

30— 

40 

270 

38 

14*0 

44 

6 

13‘0 

22 

3 

136 

6 

— 

— 

23 

3 

13*0 

40— 

50 

104 

19 

18-2 

10 

2 

20*0 

16 

4 

25-0 

5 

1 

20 

13 

1 

7*7 

50— 

60 

46 

17 

36*9 

10 

4 

40*0 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

60— 

70 

15 

10 

66*6 

8 

3 

37*5 

— 

— 

— 

3 

3 

100 

— 

— 

— 

70— 

80 

1 

1 

100*0 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

Total 

2069 

317 

15*32 

1095 

271 

24*7 

92 

16 

13-39 

19 

5 

26’31 

110 

16 

1454 


Das Urmaterial ist in Bezug auf die Angabe des Impftages unvoll¬ 
ständig zusammengestellt und uncontrolirbar, weil es in den verschiedensten 
Gegenden gesammelt und keiner einheitlichen Beobachtung entsprossen ist. 
Ausserdem dürfte dieses Material aber auch noch an der Varicellenfrage 
laboriren, wie fast jede unter dem Einflüsse der Wiener Schule *) gelieferte 
Pockenstatistik nothwendigerweise thun muss. 

Genug, da die Keller’schen Listen im schreienden Widerspruch stehen 
mit der täglich beobachteten Pockenmortalität bei Geimpftgepockten, so 
kann ich sie nicht gelten lassen als einen Beweis von der Nutzlosigkeit der 
Impfung und von der lediglich nach dem Alter sich richtenden Empfänglich¬ 
keit der Menschen für das Pockencontagium. Siehe auch weiter unten S. 11. 

Ich möchte mich nun der auch von Vogt, a. a. 0. S. 162, aufgeworfenen 
Cardinalfrage zuwenden. 

„Zeigt die Zahl der Fockenfälle in der Alterseiasse, 
welche auf den üblichen Impftermin folgt, einen wesent¬ 
lichen Unterschied in der vorvaccinatorischen Zeit und 
derjenigen nach Einführung der Impfung?“ 

Von der Beantwortung dieser Frage hängt meiner Meinung nach die 
Entscheidung über den Werth des Impfschutzes ab. Ich glaube sie aus dem 

*) Siehe z. D. Kaposi, Archiv für Dermatologie und Syphilis 1873, 2. Jahrgang. 


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Vaccine und Variola. 71 

toh Vogt selbst gelieferten Material bejahen zu können, obwohl Vogt das 
Gegentheil darin zu finden glaubte. 

Vogt liefert eine Tafel über die nach Duvillard berechneten Pocken¬ 
todesfalle, welche in Besangon unter den 0 — 8 Jahre alten Kindern vor und 
nach Jenner vorgekommen sind. Dieser Tafel zufolge hat sich in jener 
Stadt die allgemeine Sterblichkeit seit Jenner nicht wesentlich verändert 
und es.sind dort vor Jenner verhältnissmässig weniger Menschen in so 
jugendlichem Alter den Blattern erlegen, als nach der Einführung des Im- 
pfens in Stockholm, einer durch den Impfzwang seit langer Zeit geschützten 
Stadt, gelegentlich der dortigen Epidemie von 1864 bis 1866. Die Rich¬ 
tigkeit dieser Angaben zugestanden, so geht aus ihnen doch nur hervor, 
dass jetzt der durch das Impfgesetz erstrebte Schutz gelegentlich nicht stark 
und dauerhaft genug wirkt, um dem Eindringen einer ernsten Epidemie zu 
wehren. Indessen dürfen wir diese Angaben über Stockholm nicht ohne 
Nachdenken hinnehmen, denn die in Stockholm den Blattern erlegenen 
Kinder sind (wie wir gelegentlich der Betrachtung der dortigen Epidemie 
von 1874 nachher noch sehen werden) höchst wahrscheinlich fast sämmtlich 
ungeimpft erkrankt. 

Wir müssen eben die Fälle bei Geimpften und Ungeimpften durchaus 
getrennt berechnen, wenn wir erfahren wollen, ob sich ein durch den Impf¬ 
schutz erzielter Unterschied zwischen einst und jetzt herausstellt. Daher 
dürfen wir nicht die Stockholmer Kinder, als sammt und sonders Geimpfte, 
gegenüber den ungeimpften Besanyonern in Rechnung stellen. 

Die Besangoner Tafel gilt also nicht als ein Beweis für die Nutz¬ 
losigkeit des Impfens, sondern dafür, dass vor Jenner das zarte Kindesalter 
vorwiegend befallen wurde, und dass die Pockentodesfälle in den folgenden 
Lebensjahren seltener werden. Dieses Ergebniss steht im Einklang mit 
den nun folgenden Listen, welche sämmtlich ausweisen, wie die Pocken¬ 
sterblichkeit sich in jenen früheren Zeiten in ganz ähnlicher Weise auf die 
verschiedenen Altersclassen der Gesammtbevölkerung, wie noch jetzt auf 
die Altersclassen der Ungeimpften, vertheilte. Offenbar besitzen wir noch die 
frühere Empfänglichkeit für dieses Contagium, insofern wir nicht geimpft 
sind, aber bei den Geimpften fallen die Todesloose jetzt ganz anders als 
vor Jenner. Bei letzteren häufen sich die übel ablaufenden Fälle erst nach 
dem zwanzigsten Lebensjahre, während früher die Kinder starben und das 
Alter kaum je den Pockentod erlitt. 

Von der Besangoner Tafel wendet Vogt sich, a. a.0. S. 167 und 168, zur 
Genfer Pockenmortalität während der 180 Jahre von 1580 bis 1760. 
Er findet, wie die Pocken sich zu jener Zeit in bescheidenen Grenzen hielten, 
und wie sie sich zwar nicht ganz wie jetzt, aber doch nur unwesentlich an¬ 
ders als jetzt, auf die verschiedenen Altersclassen vertheilten, so dass er 
bemerkt „wo bleibt (gegenüber dieser Liste) das fürchterliche Wüthen der 
Pocken in der antevaccinalen Zeit“. Duvillard theilt uns mit, dass in Genf 
während der 180 Jahre 6792 Pockentodesfälle stattgefunden haben, die 
sich so, wie in der Liste Zusehen ist, auf die verschiedenen Altersclassen 
vertheilt haben. Nun, sagt Vogt, giebt uns Dun an t (Zeitschrift für 
Schweizer Statistik 1876, XII, S. 121) Aufschlüsse über die Bevölkerung 
des alten Genf, aus denen sich für die fraglichen 180 Jahre eine mittlere 


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72 


Dr. Leonhard Voigt, 

Bevölkerung von 16 492 berechnen lässt. Verth eilt man diese Bevölkerungs- 
z&hl ganz in dem Verhältnisse auf die betreffenden Altersclassen, wie sich 
dieselbe bei der eidgenössischen Volkszählung von 1860 für Genf heraus¬ 
stellte, so lässt sich folgende Tafel entwerfen: 


Genfs Pockenmortalität während 180 Jahre (1580 bis 1760) vor 
Einführung der Vaccination \). 


Alters- 

classen 

Mittlere 

Bevölke¬ 

rung 

Pockentod te 
nach den 
Altersclassen 

Durchschnitt¬ 
liche Zahl der 
Pockentodten 
pro Jahr 
während 

180 Jahren 

Jährlich an 
Pockentodten 
auf 100000 
Lebende 

Von 1000 
Pockentodten 
kamen auf 
die Alters¬ 
classen 

lO 

1 

O 

1350 

5467 

30*37 

2250 

811 

5 — 10 „ 

1239 


5*88 

474 

171 

10-20 „ 

2644 

180 ; 

ro 

38 

14 

20 — 30 „ 

3351 

70 

0*39 

12 

4 

30 —x , 

7908 

18 1 

009 

1 

0 

0 — x 

16492 

6792 

37*73 

229 

1000 


„Das wäre also ein Bild von der Pockensterblichkeit in einer Schweizer¬ 
stadt vor mehreren Jahrhunderten in einer Zeit, wo die Lebensverhältnisso 
noch sehr primitiv waren, und die Gesundheitspflege ein unbekanntes Ding. a 

Wir sehen, dass die Bevölkerung jährlich im Durchschnitt 22 pro 
Mille aller 0 — 5 Jahre alten Kinder, und über 2 ProC. der Gesammt- 
bevölkerung an den Blattern verlor, ferner dass die über 30 Jahre alten 
Menschen sich eigentlich gar nicht an der Pockensterblichkeit betheiligten. 
Also auch in Genf waren die Blattern nur den Kindern emiuent gefährlich. 
Ganz ähnliche Verhältnisse Anden wir in den folgenden ebenfalls aus prä- 
vaccinaler Zeit stammenden Stockholmer und Braunschweiger Pockenlisten 
nach Bohn und Böing. 


Prävaccinale Pockenmortalitäten. 



Stockholm 

Genf 

Braunschweig 

In den Jahren . 

1774 bis 1800 

1580 bis 1760 

1787 

Zahl der Pockentodten . . . 

5113 

6792 

372 

Von tausend Pockentodten ka- 





men auf die Alterscl. 0 — 1 
2— 5 

354 1 
491 J 

| 845 

] 805 

234 | 842 
608 j 

6 — 10 


116 

156 

148 

11 — 15 

22 1 


18 1 

1 

16 — 20 

9 

j 37 

8 39 

11 

21—x 

6 J 


13 J 



*) Ich gebe diese Liste nach Vogt’s freundlicher eigenhändiger Berichtigung ihres 
a. a. O. so fehlerhaften Abdruckes, dass sie die wirklichen Verhältnisse verschleierte. So 
wie sie hier steht, kann sie wirklich nur zum Beweise dafür gelten, dass die Pocken in Genf 
früher gefährlicher, heftiger und auf die Altersclassen anders vertheilt als jetzt bei den 
Geimpften aufgeireten sind. 


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Vaccine und Variola. 


73 


«Aus solchen Zusammenstellungen ersieht man, dass die Blattern eine 
Kinderkrankheit waren, bevor ihre Verbreitung durch die Einführung der 
Yaccination modificirt wurde. In einzelnen Gegenden trugen sie auch den 
Namen der Kinderpocken. 

Wir haben gesehen, dass in Genf früher alljährlich mehr als 2 Proc. 
aller 0 — 5 Jahre alten Kinder an den Pocken starben. Noch schlimmer 
war es in Stockholm. Hier wurden nach „J: G. Canzler, Nachricht zur 
genaueren Kenntniss Schwedens, Dresden 1778“ jährlich während der 
Jahre 1767 bis 1774 zwischen 1359 und 1949 Kinder geboren, und die 
Bevölkerung bestand in den Jahren: 

1769 aus 70 143 Menschen ^ 

178Q „ 75107 „ 

1800 „ 75517 „ 

Da nun dort in 27 Jahren 5113 Todesfälle an den Blattern vor ge- 
kommen sind und da von je 1000 Pockentodten deren 354 der Altersclasse 
0 — 1 Jahr angehörten, so sind dort jährlich durchschnittlich 67 Kinder 
unter einem Jahre der Seuche erlegen. Dieses entspricht einer im ersten 
Lebensjahre vorhandenen Pockensterblichkeit von circa 4 Proc. aller Ge¬ 
borenen. Ganz Aehnliches zeigt auch die Braunschweiger Liste, die Gefahr 
für die Kinder und das fast vollständige Verschontbleiben der über 20 Jahre 
alten Leute. 

Nur da, wo die Blattern in eine undurchseuchte Bevölkerung hinein¬ 
brachen, traten sie nicht als Kinderkrankheit auf, sondern als Pandemie. 

So wird uns z. B. von Macaulay berichtet über die Invasion der einsamen 
Felseninsel St. Kilda (Hebriden) mit jetzt 150 Einwohnern. Damals (vor 
Jenner) sollen von der ganzen Bevölkerung nur 26 Kinder am Leben 
geblieben sein. In Reisebeschreibungen Tschudi’s und Anderer lesen wir, 
wie die brasilianischen Indianer (jedenfalls ungeimpfte Leute) in allen 
Altersclassen ausnahmslos von den Pocken ergriffen werden, und wie diese 
Krankheit unter dem dortigen Klima etc. eigentlich absolut tödlich verläuft. 
Daher überlassen diese Wilden die Kranken in der Regel sich selbst und 
fliehen, weil dieses dort sehr einfache Mittel gleichzeitig das einzig sichere 
ist* Aus solchem wohl bei fernerem Stöbern in der Literatur noch vermeh¬ 
rungsfähigem Material und aus eigener Erfahrung können wir schliessen: 

1. Die Blattern vermögen die Menschen in jedem Lebensalter zu infl- 
ciren. 

2. Einzelne Altersclassen, die jugendlichen besonders, schütteln die 
Ansteckung, und wenn nicht diese, dann doch den Krankheitsprocess 
leichter ab als andere; aber kein Lebensalter ist gegen die Blattern 
geschützt. 

3. Der kindliche Organismus ist für jegliche Ansteckung überhaupt am 
empfänglichsten. Die Kinder stellen hauptsächlich desshalb das 
grösseste Contingent der Blatternfalle, weil ihre für die Ansteckung 
überhaupt so empfänglichen Körper nicht durchseucht geboren wer¬ 
den und weil sie sich der Blatternansteckung schon in so jungen 
Jahren ausgesetzt sehen, ähnlich, wie wir dieses bei den Masern¬ 
kindern noch jetzt täglich erleben. 


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74 


Dr. Leonhard Voigt, 

4. Weil die schon einmal gepockten Menschen im Ganzen und Grossen 
vor einer zweiten Invasion geschützt sind, erkrankten in der vor 
Jenner immer durchseuchten Bevölkerung nur wenige ältere Leute; 
sie hatten ihren Tribut an die Pocken schon in ihrer Jugendzeit 
entrichtet. 

Wie wurde es mit dem Pockensterben der Kinder wäh¬ 
rend der Impfaera, namentlich im Bereiche des Impf¬ 
zwanges? 

Ich habe oben darauf hingewiesen, dass die Vaccine, wenn sie etwa 10 
oder 11 Jahre nach der Erstimpfung aufs Neue eingeimpft wird, sich fast 
£nur in der Revaccinationsform oder gar nicht entwickelt, und darin ein 
Analogon gefunden der modificirten Form der Variola. Ferner habe 
ich den Nachweis geliefert dafür, dass die Vaccine bei vor 11 Jahren 
Geblätterten oder Geimpften ziemlich gleich gut anschlägt, und daraus 
geschlossen, dass um diese Zeit nothwendigerweise für die Einwirkung des 
Variolacontagiums bei Geimpften ein mindestens eben so günstiger Boden 
vorhanden sein müsse. Daher werden wir etwa 10 Jahre nach der Impfung 
schon manchen Pockenfall entstehen aber leicht ablaufen sehen; Todesfälle 
dürften erst später Vorkommen. 

Gelegentlich einer Blatternepidemie im Gebiete des Impfzwanges 
betheiligten sich jetzt die verschiedenen Altersclassen der ergriffenen Bevöl¬ 
kerung da, wo nur die Vaccination der Kinder gut durchgeführt, die Revac- 
cination aber nicht gefördert wird, folgendermaassen an der Pockensterb¬ 
lichkeit : 


Altersjahrgang 0 — 1 


n 

71 

n 

n 


2 — 5 
5 — 10 
10 — 20 
20 — x 


Tod vieler noch nicht vom Impfzwang erreich¬ 
ter uiljgeimpfter Kinder, 

Tod mancher Impfrestanten, 
wenige Krankheits-, keine Todesfälle, 
manche Varioloisfalle fast ohne Todte, 
viele Voriolois, später Variolafalle mit Todten. 


Die Revaccination der Zwölfjährigen dürfte sich mindestens insofern 
geltend machen, als die ersten Todesfälle an den Blattern bei Revaccinirten 
etwa 10 bis 12 Jahre später als bei den nur einmal Geimpften, also etwa 
erst mit dem 25. bis 30. Lebensjahre eintreten. Je gewissenhafter Impfung 
und Revaccination gehandhabt werden und je weniger Renitenz sich im 
Publicum zeigt, desto gründlicher und augenfälliger wird sich gelegentlich 
einer herein brechenden Pockenepidemie unsere jetzige Impfgesetzgebung 
bewähren und desto deutlicher wird man dieses auch an den Pockenlisten 
ablesen können. Letzteres kann z. B. gleich an der Bayerischen, gegenüber 
der Schwedischen und der Londoner, geschehen. In Stockholm wird darüber 
geklagt, dass die Impfung der kleinen Kinder vernachlässigt werde und in 
London, dieser Metropole ohne Gleichen, ist die Impfung erst seit dem Anfang 
der siebenziger Jahre genauer geregelt, nachdem der Impfzwang zwar 1853 
beschlossen aber noch nicht überall genau durchgeführt worden war. Daher 
erinnern uns die Londoner mehr an die Listen aus der Zeit vor Jenner, 
während die Liste aus Bayern, wo die Impfung schon seit langer Zeit 
genauer durchgeführt wurde, davon am meisten abweicht. Von Bayern 


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Vaccine und Variola. 


75 


giebt Klinger (a. a. 0. 133) an, es habe dort 1871 nur 6 pro mille Reni¬ 
tente gegeben und im Ganzen seien nur 32 pro mille der Kinder im ersten 
Lebensjahre ungeimpft geblieben. 


Tabellen 

über die Pockensterblichkeit 

in Ländern 

des Impf- 


Zwanges, 

und die alte Genfer Liste: 


Bayern 

Stockholm 

London 

Genf 


1871 

1874 

1859—1875 

1580—1760 

Einwohner . . 

. nach Klinger 

nach Böing 

nach A. Vogt 



4 858 160 

circa 170 000 

3 088 566 

16 492 

wirkliche Zahl 

der 




Todesfälle . 

, . . 4 784 

1 206 

20 305 

6 792 




(in 17 Jahren) 

(in 180 Jahren) 

von 1000 
Pockentodten 1 
kommen auf diel 
Altersclassen 

0— 1 J. 138 
2—20 „ 57 

20—50 „ 439 

0- 1 J. 198} . 

2— 5 „ 217j 41& 
6—10 „ 72 

0— 5 J. 533 

5—10 „ 186 , 

10—20 „ 811 

0— 5 J. 811 
5—10 „ 171 
10—20 „ 14 

50— x „ 366 

11-15 „ 16) 

16—x „ 497j öld 

20—30 „ 162 >281 
30— x „ 38 j 

20—30 „ 4 
30 — x „ 0 


1000 

1000 

1000 

1000 


Meine Quellen gestatteten mir nicht gleiche Altersclassen zu fassen, 
indessen kann der Leser sich sehr leicht selbst ziemlich gleiche Gruppen 
construiren. Der Hinweis genüge, dass die Kindersterblichkeit in Stock¬ 
holm bedeutend grösser, die der älteren Leute geringer war als in Bayern, 
dass aber der Vergleich mit der Genfer Tafel sofort erkennen lässt, man 
habe es jetzt mit ganz anderen Verhältnissen als vor Jenner zu thun, 
sowohl in Bayern, wie in Schweden und in England. 

Die Pocken haben ihren Charakter der Kinderkrankheit verloren, und 
es gilt nachzuweisen, dass die Impfung diese Aenderung bewirkte. Dazu 
bedarf es gesonderter Listen über die Pockentodesfälle unter Geimpften und 
TJngeimpften. Solche Listen werden beweisen, dass die Blattern bei Un- 
geimpften noch jetzt wie vor Jenner auftreten, und sie können zugleich 
sprechen für die Dauer des Impfschutzes, denn die Todesfälle bei Geimpften 
beweisen das Auf hören des Schutzes. 

Aus meiner Heimath (Hamburg) kann ich nur aus Erfahrung berich¬ 
ten ; denn unser Material ist nicht genügend bearbeitet worden, es war z. B. 
1871 auch nicht annäherungsweise bekannt, wie viel Geimpfte und Un- 
geimpfte existirten. ' 

In der Hamburger Epidemie von 1871 (wohl einer der schwersten 
Epidemieen Europas während dieses Seuchenzuges) erwiesen sich, abgesehen 
von einzelnen Fällen zu früh versagenden Impfschutzes, die bis vor fünf 
Jahren mit Erfolg Geimpften als absolut geschützt, obwohl das Contagium 
sieb so gehäuft hatte, dass einzelne von Proletariern bewohnte Höfe durch 
Blatterntod, Krankheit und Flucht vollständig verödeten. Nach Ablauf 
des durch frühere Impfung gewährten, fünf Jahre lang dauernden absoluten 
Schutzes kamen Varioloisfälle vor. Erst nach dem erreichten 17. Lebens¬ 
jahre stellten sich einzelne Todesfälle im Hospital ein 1 ). 

In der ebenfalls recht schlimmen Leipziger Epidemie von 1871 starb 
in poliklinischer Behandlung kein Geimpfter vor dem 25. Lebensjahre an 

*) Oppert, Bericht über 2795 Blatternkrauke, Deutsche Klinik 1872. 


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76 


Dr. Leonhard Voigt, 

den Blattern *). Aber in der Fabrikbevölkernng um Leipzig kamen unter 
den Geimpften einzelne frühzeitige Todesfälle vor; der erste im Alter von 
vier Jahren. Die Erkrankungen mehrten sieb dort indessen auch erst mit 
dem 16. Jahre. In der Chemnitzer Epidemie kam der erste Todesfall bei 
Geimpften im Alter zwischen dem 10. und 20., ein zweiter zwischen dem 
20. und 30. Jahre vor. Dort starben von den 54 000 Geimpften nur 7, 
und von den 5700 Ungeimpften circa 250 Menschen. 

Die hier folgenden Thomas’ und Siegel’schen*)Uebersichten sind ver¬ 
öffentlicht nach den Angaben der städtischen Armenärzte und der Poli¬ 
klinik. Die Pockentafeln sind entstanden durch Umrechnung und Reduc- 
tion der gefundenen Summe der Pockentodten auf 100 Pockentodte. 

Die gegenüberstehenden Tabellen schildern das Wüthen der Pocken in 
den ärmlichen Theilen der Bevölkerung Leipzigs und in der Chemnitzer Ge- 
sammtbevölkerung. Wir sehen die Disposition der ungeimpften Kinder zur 
Erkrankung und das Verschontbleiben der geimpften Kinder, wir vermögen 
jedoch nicht genau zu berechnen, in welcher Weise sich die Altersclassen an 
der Erkrankungsziffer betheiligen, weil wir nicht erfahren, wie viel Menschen 
dort im späteren Alter ungeimpft geblieben waren. Aber ein Blick auf die 
drei Pocken tafeln der Ungeimpften genügt um zu erkennen, dass diese fast 
genau so lauten, wie die aus dem vorigen Jahrhundert stammenden Genfer, 
Braunschweiger etc. Listen. Der grösseren Genauigkeit in der Listenfüh- 
rung mag es zuzuschreiben Bein, dass jetzt einige ungeimpfte Pockentodte 
mehr, als vor Jenner, auf das höhere Alter fallen. Möglich ist es aber 
auch, dass viele ältere Blätternde weder Impfnarben hatten, noch es sich 
erinnern konnten je geimpft worden zu sein, so dass sie nur deshalb als 
Ungeimpfte gebucht worden sind. 

Hier schliesse ich an die Stockholmer Liste über die Epidemie des 
Jahres 1874, weil von impfgegnerischer Seite behauptet wird, sie sei ein 
Beweis von der Nutzlosigkeit des Impfzwanges und des Impfschutzes. 

Stockholm besass ungefähr 143 000 Einwohner und hatte nach den 
amtlichen Berichten 3 ) zuletzt während der Jahre 1864 bis 1866 eine Blat¬ 
ternepidemie überstanden, der im Jahre 1865 von 1092 Kranken 117 Men¬ 
schen oder 0*08 Proc. der Bevölkerung erlegen waren. 

Im October 1873 brach die Seuche von Neuem aus, bis zum Jahres¬ 
schluss gab es 

264 Krankheitsfälle mit 49 Todesfällen in der Stadt und 
406 „ n 104 „ im Hospital. 

Hieraus entwickelte sich die Epidemie von 1873 und 1874, welche sich, mit 
Einschluss der eben genannten, belief auf 4697 Krankheits- und 1034 Todes¬ 
fälle. Mithin starb fast 0*7 Procent der Bevölkerung binnen 5 /4 Jahren an 
den Blattern. Statt dieser 1034 Todesfälle des amtlichen Berichts giebt 
Böing aus ihm zugänglichen Quellen eine um 366 höhere Todtenzahl an, 
nämlich für 1873: 194 und für 1874: 1206, zusammen also 1400 Todte. 

Mag nun die eine oder die andere Aufmachung richtiger sein, so viel steht 

*) Thomas, Archiv für Heilkunde 1872. 

2 ) Siegel, Ebendaselbst 1873. 

8 ) Embetsberättelse af Dr. Grähs for är 1874 (Stockholm 1875, Häggström). 


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Vaccine und Variola* 77 


(Thomas.) Poliklinische Pockenkranke in Leipzig 1871. 


Im Alter 

von 

Jahren 

Ungeimpfte 

Pockentafel 
über die Todesfälle 
bei 

Geimpfte 

erkrankt 

gestorben 

Un- 

geimpften 

Geimpften 

erkrankt 

gestorben 

0— 5 

240 

102 

895 

wm 

2 

0 

5—10 

21 

7 

61 

1 

25 

0 

10—20 

8 

2 

18 

^Bjfl 

143 

0 

20—30 

0 

0 

0 


99 

3 

30— x 

3 

3 

26 

99 

155 

15 


372 

114 

1000 

1000 

424 

18 


(Siegel.) Pockenkranke in der uro Leipzig wohnenden 
Bevölkerung 1871. 


Im Alter 

von 

Jahren 

Ungeimpfte 

Pockentafel 
über die Todesfälle 
bei 

Geimpfte 

erkrankt 

gestorben 

Un- 

geimpften 

Geimpften 

erkrankt 

gestorben 

0— 5 

1175 

453 

892 

10 

40 

2 

5—10 

143 

30 

59 

20 

92 

4 

10—20 

40 

7 

15 

31 

319 

6 

20—30 

13 

9 

17 

127 

557 

25 

30— x 

24 

9 

17 

812 

1222 

160 


1395 

508 

1000 

1000 

2230 

i 

197 


(Flinzer.) Pockentodte in Chemnitz 1870—1871. 


Im Alter 

von 

Jahren 

Bewohner 

5712 Ungeimpfte 

Pockentafel 
über die Todesfälle 
bei 

53 891 Geimpfte 

Kranke 

Pocken¬ 

todte 

Un- 

geimpften 

Ge¬ 

impften 

Kranke 

Pocken¬ 

todte 

0— 5 

8 421 

1820 

209 



■1 

0 

5—10 

6 713 

535 

11 




0 

10—20 

10 372 

134 

4 



WM 

1 

20—30 

9 667 

29 

8 



130 

1 

30—x 

21 969 

21 

17 


714 

247 

5 


57 142 

2609 

249 

1000 

1000 

768 

9 


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78 


Dr. Leonhard Voigt, 

fest, dass hier eine mittel schwere Epidemie innerhalb einer geimpften Bevöl- 
kerang gehaust hat, wie seit der Einführung der Vaccination nicht mehr 
erlebt worden. Wie steht es dort mit dem Impfschutz, wie mit der Bethei¬ 
ligung der Altersclassen an der Morbidität? Das Gesetz von 1816 schreibt 
vor, in Schweden müsse jedes Kind vor vollendetem zweiten Jahre geimpft 
sein; daher waren die von den Blattern am meisten gefährdeten kleinen 
Kinder in den der Impfung immer am meisten abgeneigten ärmeren Clas- 
sen der Bevölkerung natürlich grösstentheils ungeimpft, und Herr Dr. 
Grähs bestätigt dies noch extra. Von diesen Kindern wurden also viele 
vom Impfschutz nicht erreicht; aber unter den 1 bis 10 Jahre alten 
geimpften Kindern erkrankten 38 und 2 starben im Hospital. Mag mög¬ 
licherweise noch sonst der eine oder andere Fall im jugendlichen Alter bei 
Geimpften vorgekommen sein, so ist doch kein Grund, hier von einem für 
die Bevölkerung im Ganzen und Grossen versagenden Impfschutz zu sprechen. 

Die Liste theilte sich in zwei Theile über 3047 daheim Behandelte 
und über 2078 ins Pockenhaus Geschickte. Von ersteren wurden 1098 Fälle 
ins Hospital geschickt und auch dort gebucht, daher handelt es sich für 
1873 und 1874 im Ganzen um 4027 Fälle. 


Stockholmer Blatternliste über die Epidemie des Jahres 
1873 und 1874. 


Auge- 

Blatternfalle 

Blattern falle im Hospital 

hörige 

der 

in der 

Stadt 

Geimpfte 

Ungeimpfte 

Unbestimmte 

Alters- 

classen 

Fälle 

davon 

gestorben 



Fälle 

davon 

ge- . 

storben 

Fälle 

davon 

ge¬ 

storben 

0— 1 

311 


146 

0 

0 

12 

11 

0 

— 

x - 4 ) 
4-10j 

883 



7 

31 

0 

2 

58 

46 

35 

21 

1 

6 

1 

3 

10—151 
*15 — 20 j 

455 


282 

49 

313 

5 

26 

15 

4 

2 

3 

2 

1 

1 

1 

20—40 

1129 



1297 

256 

3 

2 

0 

— 

40—60 

240 



210 

77 

0 

— 

0 

— 

X 

1 

o 

CO 

29 



23 

8 

0 

— 


— 


3047 

428 

1930 

374 

138 

75 

10 

6 


Dieser amtliche Bericht giebt keinen Nachweis über die Zahl der 
Geimpften und Ungeimpfben innerhalb der verschiedenen Altersclassen der 
Stockholmer Bevölkerung und unter den in der Stadt behandelten Kranken. 
Nur das ist ausdrücklich notirt, dass die in der Stadt erkrankten 0 — 1 
Jahr alten 311 Kinder in Folge vernachlässigter Impfung befallen wurden. 
Nach Lebensmonaten .... 0—1—2—3—4—5—6—7—8—9—10—11—12 
erkrankten von den 311 Kindern 12 24 11 28 29 48 29 30 30 17 14 38 




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Vaccine und Variola. 


79 


. Von den im zweiten und dritten Lebensjahre erkrankten Kindern wird 
dasselbe gelten wie von den im ersten Jahre gepockten, indessen fehlen die 
näheren Angaben über die Zahl der in diesem und den folgenden Jahren 
Erkrankten und über das etwaige Geimpftsein derselben. Das Gros der 
älteren schwedischen Bevölkerung wird dem Impfgesetz entsprechend 
durchimpft sein, daher wird ea nur wenige ältere Leute gebeu (Ausländer, 
Kränkliche), welche als Ungeimpfte in den Pockenlisten Vorkommen können. 
Dieses zugegeben, muss man die in der Stadt behandelten älteren Pocken¬ 
kranken fast sämmtlich zu den Geimpften zählen. Leider ist das Material 
gerade für diesen Theil der Liste so ausserordentlich unvollständig, dass 
genauere Schlüsse unmöglich sind. Zum Vergleiche liefereich hier folgende 
Berechnung dieser Stockholmer Pockentodten auf deren 1000 und auf die 
verschiedenen Altersclassen vertheilt: 



Aus Obigem dürfen wir schliessen: 

Bei einer, wie es scheint, nicht immer mit vollem Ernste durchgeführ¬ 
ten Vaccination der ein- und zweijährigen kleinen Kinder kam eine ziem¬ 
lich ernsthafte Epidemie zu Stande, welcher viele kleine ungeimpfte Kinder 
zum Opfer fielen, an der aber vorwiegend ältere Leute erkrankten. Die 
Menschen wurden also in den verschiedenen Altern verschieden stark, aber 
in anderem Verhältnisse als vor Jenner, ergriffen. Vermögen wir auch 
nicht deutlich zu sehen, so giebt uns doch der Hospitalbericht einen Anhalt 
für die Abschätzung der Betheiligung der Geimpften und Ungeimpften an 
der Pockensterblichkeit. Von 374 den Blattern erlegenen Geimpften star¬ 
ben im Hospital: als die Jüngsten 2 im Alter zwischen 5 und 10 Jahren, 
ferner 5 im Alter zwischen 10 und 15 Jahren; von 7 Geimpften, welche 
vor Vollendung des 4. Jahres an den Blattern erkrankten, starb keiner; von 
70 unter vier Jahr alt erkrankten Ungeimpften starben 46. 

In Stockholm starben, wie wir früher berechnet haben, vor Jenner 
alljährlich durchschnittlich gute 4 Proc. aller Geborenen vor Vollendung 
des ersten Lebensjahres an den Blattern, aber in dieser seit Einführung jenes 
Impfgesetzes von 1816 einzig heftigen Epidemie starben nur 2 1 / i Proc. der 
noch nicht Einjährigen *), welche, wohl zu bemerken, von der vorschrifts- 


1 ) In Stockholm werden jetzt jährlich circa 5000 Gebarten Vorkommen, so dass die 157 
innerhalb 15 Monaten gemeldeten Pockentodten untereinjährigen Kinder (oder im Jahre 126) 
nur 2V a Proc. der Geborenen ansmachen. 


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80 Dr. Leonhard Voigt, 

m&ssigen regelmässigen Impfang nicht erreicht, also auch nicht geschützt 
worden waren. 

Mithin liegt nichts im Wege, der Impfung es zuzuschreiben, dass die 
Epidemie in den Kinderkreisen nicht den Umfang erreichen konnte, wel¬ 
chen sie im vorigen Jahrhundert oft gehabt hat. Endlich hindert uns 
nichts, zu schliessen, die Ungeimpften seien auch in Stockholm, wie in Chem¬ 
nitz und Leipzig u. s. w. noch ebenso empfänglich für das Blatterncon- 
tagium wie vor Jenner’s Zeiten. Böing meint zwar, die Blattern hätten 
damals nur der Inoculation wegen so viel schlimmer als jetzt in Stockholm 
gehaust, erst mit dem Wegfälligwerden dieses Factors sei die Krankheit 
seltener, milder geworden, aber hierfür fehlt ihm jeder Beweis; man ent¬ 
schloss sich doch zur Inoculation, erst um den Verheerungen der Seuche 
Einhalt zu gebieten. Böing fügt denn auch schon selbst S. 35 a. a. 0. 
hinzu, die Impfung habe zwar dieses Verdienst, aber der Werth der Impfung 
sei dennoch zweifelhaft, weil ein Theil der Individuen, welche in der Kind¬ 
heit durch die Vaccination vor dem Pockentod bewahrt blieben, demselben 
im kräftigen Alter zum Opfer fielen. Dieses seiner Meinung nach sehr 
precäre Resultat der Impfung ist nun in Wahrheit nicht das Resultat der 
Impfung, sondern die Folge der versäumten Wiederimpfung. 

Nach diesen Betrachtungen meine ich, dass wir allen Grund haben mit 
unserer Impfgesetzgebung zufrieden zu sein. 

Das deutsche Gesetz verlangt die Impfung in dem Kalendeijahre, in wel¬ 
chem die Kinder ein Jahr alt werden, es setzt also bei uns für die Impfung 
einen etwas früheren Termin an als die schwedische Gesetzgebung, welche 
(nach Parola, „Vaccination“) den Schluss des zweiten Lebensjahres als 
Termin bestimmt. Ausserdem ordnet es auch für uns noch die Revaccination 
an. Damit trägt der Staat hinreichende Fürsorge für die unmündige, die 
Kinderbevölkerung; die mündige Bevölkerung ist noch auf ziemlich lange 
geschützt und mögen ältere Leute, die sich zu Zeiten einer etwaigen Epidemie 
nicht mehr recht sicher fühlen, sich aufs Neue revacciniren lassen. Ganz 
Meine Kinder leben zwar bei uns eben so wenig wie in Schweden im Bereiche 
des Impfzwanges und werden zur Zeit eines Blatternausbruches massenhaft 
ungeschützt sein. Zu solchen Zeiten müssen ungeimpfte Säuglinge sammt 
der übrigen gefährdeten Nachbarschaft sofort geimpft werden. Uebrigens 
ist es bei uns Jedem unbenommen, seine Kinder frühzeitig impfen zu lassen, 
und herrscht in vielen Familien die löbliche Sitte, die Zeit vor dem ersten 
Zahnen für diesen Act zu benutzen. 

Genügender Impfschutz kann übrigens nicht allein durch den Erlass 
eines guten Gesetzes, sondern nur dadurch in befriedigender Weise erzielt 
werden, dass das Gesetz gut ausgeführt wird. Dazu gehören die Fürsorge 
für gute Einrichtung der Impftermine, genügende Controle der impfenden 
Aerzte bei Impfung und Listenführung und endlich die Sorge für gute und 
reichliche Vaccine. Dieses findet man nicht überall. 

Von manchen Communen u. s. w. wird das Impfen als eine unnöthige 
Unbequemlichkeit angesehen, die man sich so billig und so leicht wie 
möglich vom Halse schaffen müsse, und doch giebt es wenige Maassregeln, 
die das Gros der Bevölkerung persönlich so sehr in Anspruch nehmen, wie 
diese. 


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81 


Vaccine und Variola. 

Wenn die Localitäten für den Impftermin zu klein, das Hülfspersonal 
zu karg bemessen ist, können mannigfache Schäden entstehen, z. B. nega¬ 
tiver Erfolg der Impfung und Verunreinigung der Impfstelle durch Schweiss 
und Staub, die Gelegenheitsursachen einer Störung des harmlosen Abtrock¬ 
nens der sich bildenden Pusteln. 

Liegen dem Impfarzte zu zahlreiche Impfungen ob, so wird er selbige 
in einem Termine schwerlich alle gleich untadelhaft beschaffen, denn dieser 
kleine Act will accurat gemacht sein und wird oft an unwilligen Individuen 
ausgeführt. Möchten die Privatärzte das Impfen ganz aufgeben und es den 
hierfür verordneten Aerzten überlassen, so würde das Gesammtresultat der 
Vaccination wirksamer ausfallen als jetzt, und das Publicum würde sich 
dabei nicht schlechter stehen. Der Staat vermag die Impfthätigkeit und 
die Listen der Privatärzte nur schwer zu controliren und es können minde¬ 
stens Ungenauigkeiten passiren, die den Impfschutz einer Bevölkerung in 
Präge zu stellen vermögen. Namentlich in grossen Städten, in denen eine 
schwunghafte Agitation gegen das Impfen getrieben wird, kann dies Vor¬ 
kommen. So erinnere ich mich eines Falles, wo in einer grossen Stadt ein 
sonst nicht übertrieben beschäftigter Arzt eine Jahresliste über 500 Privat¬ 
impflinge, kleine Kinder und Zwölfjährige, einreichte, die von ihm sämmt- 
lich erfolgreich mit conservirter animaler Vaccine geimpft worden wären. 
Diese Vaccine hatte er seiner Angabe nach sämmtlich aus einer und der¬ 
selben Impfanstalt bezogen; die Anstalt hatte ihm aber nur 14 Flatten 
geliefert. Mit so geringer Menge conservirter animaler Lymphe kann man 
nun solche Erfolge nicht erzielen; also seine Liste war falsch. Kommt spä¬ 
ter eine Epidemie, so sind von seinen Impflingen natürlich viele unge¬ 
schützt und wenn solches Verfahren von Jahr zu Jahr fortgesetzt werden 
kann, so darf man sich später nicht darüber wundern, wenn in solcher 
Stadt viele jugendliche Individuen an den Blattern sterben. Auch solche 
Factoren müssen in der Impfstatistik erwogen werden, und ist mir diese 
Geschichte wieder eingefallen, als ich die von Böing S. 99 und 100 repro- 
ducirten Listen über^die Epidemie in Elberfeld und in Minden las. 

Soll solche Fürsorge für unser deutsches Impfwesen den rechten Segen 
tragen, so muss man auch noch reichliche und gute Lymphe beschaffen. 
Das Bedürfnis nach animaler Vaccine wird jetzt schon so allgemein 
empfunden und diese Vaccine wird so vielfach angewendet, dass ich nicht 
nöthig habe, hier von Neuem auf ihre Brauchbarkeit hinzuweisen. Ich 
möchte vielmehr hier davor warnen, die animale zur alleinigen Quelle 
unserer Impflymphe zu erkiesen, denn wir würden unseren Impfschutz 
durch solches Monopol schädigen. Die Züchtung der Kalbs-, Kuh-, Farren- 
und Stierlymphe ist mit so vielen Schwierigkeiten verknüpft, die Conservir- 
barkeit der animalen Vaccine und der Retrovaccine ist noch so wenig 
erprobt und die Technik ihrer Verwendung in ärztlichen Kreisen noch so 
unbekannt, dass es noch nicht rathsam ist und wohl immer unrathsam 
bleiben wird, die humanisirte Lymphe abzuschaffen. Thäte man das, so 
würde man den Impfschutz in Frage stellen. Die von Arm zu Arm fort¬ 
gepflanzte Lymphe ist in der Hand tüchtiger und gewissenhafter Aerzte der 
beste und wirksamste Impfstoff. Für den Bedarf in kleineren Kreisen 
unentbehrlich, bleibt die humanisirte Vaccine auch in grösseren Bezirken, 

Vlerte\jahrs8chrift fllr Gesundheitspflege, 1888. ß 


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82 


Dr. Leonhard Voigt, 

Städten u. s. w. ein nothwendiger Begleiter der animalen; denn wir werden 
immer gezwungen sein auf die humanisirte Lymphe zurückzugreifen, wenn 
die animale Vaccine oder die Retrovaccine missräth und doch viel geimpft 
werden soll. Hätten wir nicht die Möglichkeit, uns dieser alt bewährten 
humanisirten Quelle zuzuwenden, so würden wir Impfärzte in die aller¬ 
unangenehmste Klemme kommen. Bis jetzt ist noch nirgends Jemand im 
Stande gewesen von einem Centrum aus eine ganze Landschaft so aus¬ 
schliesslich mit animaler Vaccine zu versorgen, dass die Bevölkerung allein 
durch sie mit gutem Impfschutze versorgt worden wäre, und ich halte dies 
auch für unmöglich. 

Die animale Vaccine hat eben minderen Impfwerth als die humane, 
denn das Rind bietet der Vaccine nicht den günstigsten Boden. Die Vaccine 
von Kalb zu Kalb fortgepflanzt (siehe Bd. XIV, S. 407 dieser Zeitschrift) 
gerath ziemlich oft nur mangelhaft und verliert an Kraft, so dass bei fer¬ 
nerer Züchtung nicht so leicht wieder gute Pusteln entstehen und kräftige 
Lymphe gewonnen wird, und mit der Retrovaccine geht es nicht besser. 
Hierin verhält sich die von Arm zu Arm fortgepflanzte humanisirte Lymphe 
ganz anders. Entstehen bei ihrer Verwendung ausnahmsweise unvollkom¬ 
mene Pusteln, so haben wir mit der aus diesen genommenen zwar spar¬ 
samen Lymphe doch so gut wie immer vollkräftigen Erfolg, so dass wir 
wieder gute vollzählige Pusteln entstehen sehen und uns. davon überzeugen 
können, der Impfwerth der Lymphe habe nicht gelitten. 

Die animale Vaccine eines älteren Stammes ist weniger wirksam und 
daher ohne Zweifel auch weniger schntzkräftig als junggezüchtete Cowpox 
oder Variolavaccine. Und auch die humanisirte Lymphe, welche erst vor 
Kurzem aus dieser Quelle abgeleitet war, besitzt eine ganz ausserordentliche 
Wirksamkeit. Will man einer Bevölkerung also möglichst dauerhaften 
Impfschutz gewähren, so verwende man Vaccine jungen Stammes, entweder 
gelegentlich gefundene Cowpox oder die gemilderte Variolavaccine. Nach 
meinen Beobachtungen der letzteren, welche ich in den Capiteln 1 und 2 
dieser Arbeit geschildert habe, wundere ich mich nicht, dass Jenner und 
seine Zeitgenossen den Vaccinirten fast dieselbe Immunität zutrauten wie 
den Blatternarbigen. Eine mit schwächlicher Lymphe geimpfte Bevölkerung 
besitzt einen schwächlichen Impfschutz; dieser Umstand verdient berück¬ 
sichtigt zu werden, und man kann dort, wo der Impfschutz auffällig früh 
gewichen zu sein scheint, danach fragen: wie stand es mit der Impflymphe? 
Wir hatten im Jahre 1871 in Hamburg eine ungewöhnlich schwere Epidemie, 
aber unsere Lymphe war damals auch meines Wissens seit sehr lange? Zeit 
nicht regenerirt worden. Ich erwarte für die mit unserer neuen Hamburger 
Lymphe in den nächsten Jahren Geimpften einen besonders dauerhaften 
Impfschutz. 

Obige Mittheilung umgrenzt unsere Aussprüche an den Impfschutz und 
empfiehlt gewissenhafte Durchführung der Vaccination und Revaccination. 
Ich hebe noch Folgendes hervor. 

Geimpfte und Geblätterte werden im Laufe der Jahre wieder empfäng¬ 
licher für die ihnen eingeimpfte Vaccine. Diese Empfänglichkeit, welche 
bei den früher Geimpften schneller wiederkehrt, nimmt auch bei den 
früher Geblätterten allmälig so zu, dass sie etwa 10 bis 12 Jahre nach der 


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Vaccine und Variola. 


83 


Blatternkrankheit ungefähr ebenso gross ist, wie bei den vor ebenso langer 
Zeit Geimpften. Bei beiden kann um diese Zeit vice versa kein wesent¬ 
licher Unterschied in der Empfänglichkeit gegen die Variola mehr vor¬ 
handen sein. 

Die Variola verbreitet sich trotz ihrer Ansteckungsfahigkeit bei vor 
10 Jahren Geimpften nur wenig, weil die Nachwirkung der Vaccination 
dann noch nachweisbar ist, und weil das Contagium von uns eingeathmet, 
aber uns nicht inoculirt wird. Ausserdem sind wohl die intacten Schleim¬ 
häute der Zwölf- bis Zwanzigjährigen nicht sehr geeignet für das Ein¬ 
dringen solcher Ansteckungsstoffe. 

Im Allgemeinen kommen keine Pockentodesfalle früher als 15 Jahre 
nach der Impfung vor. Nur bei sehr gehäuftem Contagium oder besonders 
ungünstigen speciellen Verhältnissen finden sich davon Ausnahmen. 

Daher hat die Blatternkrankheit bei den Geimpften ihren früheren 
Charakter, den einer mörderischen Kinderkrankheit, verloren, aber die ver¬ 
schiedenen Altersclassen der Ungeimpften werden noch jetzt in derselben 
Weise wie vor Jenner heimgesucht. 

Untersuchungen, welche unsere jetzige Pockenmorbidität oder den 
Impfschutz, betreffen und diesen Unterschied der Empfänglichkeit für das 
Contagium bei Geimpften und Ungeimpften ausser Acht lassen, sind ziem¬ 
lich werthlos. 

Das deutsche Impfgesetz sorgt in vorsichtiger Weise für den Impf¬ 
schutz der am meisten Gefährdeten, der Kinder und der Unmündigen. 
Aelteren Leuten steht es frei, wenn sie in höherem Alter einmal Blattern¬ 
gefahr fürchten müssen, sich zu sichern, indem sie ihren etwa veralteten 
Impfschutz durch Wiederholung der Revaccination auffrischen lassen. Ganz 
kleine, unteijährige Kinder müssen zu Pockenzeiten durch die Vaccination 
gemäss den Specialbestimmungen der einzelnen Staaten mit Impfschutz 
schleunigst versorgt werden. Geschieht auch dieses, so haben wir allen 
Grund, mit unserem Impfgesetze zufrieden zu sein, und unsere Behörden 
werden durch genaue Ausführung seiner Bestimmungen grossen Schaden 
von der Bevölkerung abwenden. 


G* 


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84 


Stadtbaurath Lohausen, 


Oeffentliche Schlachthofanlage für die Stadt Halle 

entworfen von Stadtbaurath Lohausen. 


Der Entwurf ist, zunächst ohne Rücksicht auf einen bestimmten Bau¬ 
platz, für die gegenwärtigen Bedürfnisse Halles aufgestellt und so einge¬ 
richtet worden, dass er, ohne Beeinträchtigung der einheitlichen Disposition, 
in allen Hanpthestandtheilen um 60 Proc. erweitert werden kann, also noch 
für eine Einwohnerzahl von 120000 Seelen genügen würde. In der gegen¬ 
überstehenden Zeichnung ist der städtische Holzplatz als Bauplatz zu Grunde 
gelegt. 

In dem Project ist zum ersten Mal der Versuch einer von der bisher 
üblichen Anordnung und Gruppirung der einzelnen Gebäulichkeiten gänzlich 
abweichenden Disposition gemacht worden, indem die einzelnen Haupt¬ 
gebäude nicht mehr, wie hergebracht, isolirt stehen, sondern durch eine 
20 Meter breite Halle ( B ) verbunden sind. Welche Erleichterung durch diese 
neue Einrichtung dem Betriebe gewährt wird, liegt auf der Hand. Der 
Verkehr von den auf der einen Seite der Halle belegenen Schlachthäusern 
(g, s, t) nach den auf der andere^ Seite belegenen Kutteleien (D, E, F) und 
dem für den modernen Schlachtbetrieb so wichtigen, zur Aufbewahrung des 
Fleisches dienenden Kühlhaus (A) geht nicht mehr, wie bisher, im Freien, 
sondern unter Dach und Fach vor sich. Die Halle dient auch als Durchfahrt 
und werden hier das geschlachtete Vieh und die gereinigten Gedärme etc. 
zur Abfahrt aufgeladen. Wie bequem es ferner ist, dass an dieser Halle 
auch ein den Betrieb überwachender und die Schlüssel zu den Hallen des 
Kühlhauses bewahrender Beamter sein Bureau (u) hat und die Untersuchungs¬ 
und Gesellenzimmer ( v,w ), sowie auch die Retiraden ( z ) Platz gefunden 
haben, lässt sich leicht ermessen. 

Die Stallungen (0,p,pp) wurden den entsprechenden Schlachthäusern 
thunlichst nahe gerückt. Kesselhaus und Dampfmaschine («7,2T), die beson¬ 
ders zur Dampfheizung der grossen Brühkessel im Schweineschlachthause 
und zur Erzeugung der kalten Luft für das Kühlhaus (Näheres unten) 
nothwendig sind, haben mit einer Eismaschine und Talgschmelze (G, H) 
(kein nothwendiger Bestandtheil eines Schlachthofes) nahe dem Saale-Ufer 
den passendsten Platz gefunden. Nahebei ist auch ein isolirtes Schlachthaus 
für krankes Vieh ( N) eingerichtet. 

An der auszubauenden Strasse nach den Pulverweiden liegt der Haupt¬ 
eingang mit dem Portierhause (a). Dicht dabei befinden sich einerseits eine 
Restauration (i) mit den Ausspannstallungen und Remise (k,j) 9 andererseits ein 
Verwaltungsgebäude mit Bureaux (b,c,d) in dem unteren und Wohnungen 
für Beamte in den beiden oberen Geschossen. Mit eignem Zugang von der 
Strasse und gänzlich von der übrigen Anlage getrennt, wurde ein besonderer 
ebenfalls erweiterungsfähiger Pferdeschlachthof (e,fg,h) vorgesehen. 


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Oeffentliche Schlachtliofanlage für die Stadt Halle. 


85 



o Portier. T> Bureaux. c Flur, d Hof für das Verwaltungsgebithde. e Schlacht-Pferdestille, darüber 
Gesellenzimmer. / Pferde-Kuttelei. g Zu Erweiterungen, h Pferdeschlachthaus. i Zur Restauration. 
j Remise, k Pferdestall. I Hof. m Küche, n Buffet, o Stallungen für Schweine, p Stallung für 
Kleinvieh. pp Stallung für Orossvieh. q Schlachthaus für Klein rieh, rr Dunggruben. • Schlacht¬ 
haus für Schweine, t Schlachthaus für Orossvieh. u Aufseher, v Untersuchungszimmer. w Gesellen- 
zimraer. x Zur Erweiterung der Stallung für Kleinvieh, y Zur Erweiterung der Stallung für Oross¬ 
vieh. i Retirade. A Kühlhaus. B Bedeckte Halle. C Für einen später noch zu erbauenden 
Schweinestall. D Schweinrf-Kuttelei. E Grobe Kuttelei. F Feine Kuttelei. O Eismaschine. H Talg- 
scbmelze. J Kesselhaus. K Maschinenhaus. L Brühhaus und Abstecheraum. M Oeräthc. E Schlacht¬ 
haus für krankes Vieh. O Stall für krankes Vieh. 


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86 Stadtbaurath Lohausen, Oeffentl. Schlachthofanlage für Halle. 

Erwähnt sei noch, dass mit dem Portierhause eine auf der Zeichnung 
nicht dargestellte Canalstube verbunden werden soll, d. h. ein Klärbassins 
enthaltender, tiefliegender Raum, wo der Hauptabzugscanal durchfährt, 
dessen Effluvien hier vollständig von allen festen Bestandtheilen getrennt 
und gereinigt werden, ehe sie sich unter dem Zufahrtsweg hinweg in die 
ganz nahe liegende, von der Stadt abgekehrte wilde Saale ergiessen. Von 
der Canalstube aus kann fortwährend controlirt werden, ob die Klärbassins 
und der Canal richtig fungiren. 

Da der Zweck und die Einrichtung eines Kühlhauses wenig bekannt 
sind, so seien diese noch kurz beschrieben. Jeder weiss, dass das Fleisch 
geschlachteter Thiere viel schmackhafter ist, wenn es nach dem Schlachten 
einige Tage aufbewahrt wird. Dieses ist im Winter leicht möglich, im 
Sommer aber sehr schwierig. Man hat nun, um auch eine mehrtägige 
Aufbewahrung im Sommer zu ermöglichen, bisher Köhlräume mit Eisdecken 
construirt, an deren Unterfläche, die aus Metall als einem guten Wärme¬ 
leiter bestehen muss, sich die im Raum befindliche Luft abkühlt. So ein¬ 
gerichtete Kühlräume leiden aber an dem grossen Uebelstande, dasa sowohl 
die von aussen eingeführte warme Luft, als die Ausdünstung des frisch¬ 
geschlachteten Fleisches, wenn sie sich abkühlen, ihren Feuchtigkeitsgehalt 
abgeben, der sich an allen kälteren Theilen, namentlich decken und Wänden, 
niederschlägt, Pilze, bildet und die so wünschenswerthe massige Austrock¬ 
nung des Fleisches nicht zulässt. Auch eine öftere Lufterneuerung findet 
bei einer solchen Anlage nicht statt. 

Um diese Uebelstande zu vermeiden, ventilirt man neuerdings die Kühl¬ 
räume, die nun keine Eisdecke mehr, sondern wie doppelte Wände, so auch 
doppelte Gewölbe erhalten, mit künstlich gekühlter Luft. Anstatt mit 
dem gekühlten Wasser der Eismaschine Eis zu erzeugen (was nebenbei 
auch noch möglich ist), lässt man Luft darüber streichen und sich auf 
+ 2° bis 4" 5° C. abkühlen. Die so abgekühlte Luft, die, was wesentlich 
ist, nur noch die ihrer Temperatur entsprechende geringere Feuchtigkeit 
besitzt, wird nun entweder in den Kühlraum gepresst oder dahin angezogen. 
In einem so ventilirten Raum können Pilzbildungen und feuchte Nieder¬ 
schläge nicht mehr Vorkommen. Bei der Anwendung von Eismaschinen, 
die nach dem sogenannten Compressionssystcm Linde gebaut sind, kann 
der zur Erzeugung des Kühlwassers benutzte Dampf auch noch zur Wasser¬ 
erwärmung für andere Schlachtzwecke Verwendung finden. 

Derartige wesentlich verbesserte Kühlhäuser sind erst in neuester 
Zeit in der grossen Schweiueschlächterei von Koopmann in Hamburg und 
bei den Schlachthofanlagen in Bremen und Hannover eingerichtet worden. 

Das ebenso gedachte Kühlhaus für den hiesigen Schlachthof enthält 
nach dem Entwürfe im Innern 48 Zellen von je 2y 2 Meter Breite und 
3V4 Meter Länge. Mehrere Schlächter erhalten eine Zelle zur gemein¬ 
schaftlichen Benutzung. Nur Geschäfte, die einen ausserordentlichen 
Umsatz machen, bedürfen einer ganzen Zelle. 

Die ganze Schlachthofanlage, wie solche hier im Project vorliegt, würde 
mit Ausrüstung und Terrain 650 000 Mark kosten. 


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R. Baumeister, Goldner’sche Abtritterfindung. 


87 


Die Goldner’sche Abtritterfindung. 


Gutachten. 

Der von Herrn Goldner in Baden-Baden erfundene, und in seinem 
Hause daselbst eingerichtete Abtritt enthält als Fortsetzung des Trichters 
unter dem Sitz ein senkrecht stehendes Fallrohr aus Gusseisen, welches an 
der Innenseite der Umfassungsmauer herabgeführt in den beiden Etagen 
des Hauses die Abfallstoffe aufnimmt. Im Erdgeschoss durchdringt das 
Fallrohr die äussere Mauer des Hauses und ist dann wieder senkrecht 
hinabgeführt bis in einen aus wasserdichtem Mauerwerk hergestellten Be¬ 
hälter, der mit 230 Liter Wasser gefüllt ist. In dieses Wasser taucht das 
erwähnte Fallrohr etwa 5 bis 10 cm tief ein. Der nach unten conisch sich 
verengende Behälter steht an der tiefsten Stelle mit einem Rohre in Ver¬ 
bindung, das durch einen mit Zeug gedichteten Holzstopfen geschlossen ist. 
In diesem mit Wasser gefüllten Behälter gelangen die flüssigen und festen 
Excremente. Sie verdrängen ein ihrem Volum gleiches Wasserquantum 
und es ist ein Ueberlauf vorgesehen, der das über den oberen Rand des Be¬ 
hälters abfliessende Wasser aufnimmt und einer in grösserer Entfernung 
vom Hause angebrachten Grube unterirdisch zuführt. 

Nachdem wir uns überzeugt hatten, dass in den verschiedenen Aborten 
des Hauses vollkommen gute Luft herrschte begaben wir uns an den er¬ 
wähnten in der Waschküche in einem Anbau untergebrachten Behälter. 
Die Holzdecke desselben wurde entfernt. Auch hier beobachteten wir durch¬ 
aus keinen unangenehmen Geruch, obgleich, wie uns versichert wurde, der 
Behälter seit einer Woche nicht ausgeleert war. Während wir am Behälter 
standen wurde eine Giesskanne voll Wasser in einen der Aborte ausgeleert. 
Dadurch wurde kein Aufwallen der Flüssigkeit im Behälter hervorgebracht; 
der Flüssigkeitsspiegel stieg nur ein wenig und es trat eine kleine Wasser¬ 
menge durch den Ueberlauf aus. Auch dabei verbreitete sich kein unan¬ 
genehmer Geruch. Nunmehr wurde in unserer Gegenwart der Zapfen aus 
dem an der tiefsten Stelle des Behälters angebrachten Rohre entfernt. 
Sofort strömte der Inhalt des Apparates in die unterirdische Ableitung ans. 
Bis auf wenige an den Wänden, namentlich unter dem Fallrohr haftende 
Kothmassen entleerte sich der Behälter, ein Nachspülen mit einigen Giess¬ 
kannen voll Wasser genügte, um auch diese zu entfernen. 

Bei dieser Ausleerung des Apparates verbreiteten sich in seiner Nähe 
riechende Gase, indessen waren dieselben durchaus nicht so widerlich unan¬ 
genehm, wie sie bei der Entleerung der gewöhnlichen Dunggruben aufzu¬ 
treten pflegen, in denen die Abfall Stoffe mit der Luft dauernd in Berührung, 
in Fäulniss übergehen. 

Wir müssen den Eindurck, den uns die Einrichtung deB Herrn Goldner 
machte, als einen durchaus günstigen bezeichnen. 


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88 R. Baumeister, 

Um die überraschende Wirkung des Wassers in dem beschriebenen 
Abortsystem näher zu studiren, wurden Versuche mit einem Apparate an¬ 
gestellt, der als ein Modell jener Einrichtung betrachtet werden kann. 

Der aus Weissblech hergestellte Trog konnte 3 Liter Wasser aufnehmen, 
welches an der flachsten Stelle des Kastens eine Schicht von 5*5 cm, an der 

diagonal gegenüber liegenden tief¬ 
sten eine solche von 13*5 cm Höhe 
bildete. Das Fallrohr für die in das 
Wasser einzuführenden Excremente 
ab besass eine Höhe von 20 cm und 
tauchte am untersten Ende 1 cm 
tief in das Wasser ein. Damit durch 
die einströmenden Flüssigkeiten der 
Inhalt des Troges möglichst wenig 
aufgerührt wurde, war neben der 
unteren Oeffbung des Fallrohres eine 
kleine Schutzplatte c angelöthet. Die 
der Volum Vermehrung durch die 
eingeführten Excremente entspre¬ 
chende Flüssigkeitsmenge trat durch 
einen Ueberlauf bei d aus dem Troge 
aus und wurde bei den im Folgen¬ 
den beschriebenen Versuchen regel¬ 
mässig aufgefangen und näher untersucht. Zwei Seiten des Blechkastens 
1 und 2 waren durch Glasscheiben ersetzt. Der Apparat wurde mit der 
Seite 2 gegen ein helles Fenster gerichtet aufgestellt, so dass es möglich 
war, die Vorgänge in dem Kasten bei dem Einströmen der Excremente von 
Seite 1 aus zu beobachten. 

Bei den Versuchen wurden nun in regelmässigen Zeitintervallen be¬ 
stimmte Quantitäten von frischem Harn durch die Oeffnung a des Fallrohres 
eingeführt und zwar mit Hülfe einer Pipette, deren untere Spitze so 
gerichtet war, dass der Harn an der inneren Wand des Fallrohres hinabfloss, 
also bei b in das Wasser gelangte ohne dasselbe durch heftiges Aufschlagen 
auf dessen Oberfläche stark aufzurühren. Dabei wurden die Mengen¬ 
verhältnisse zwischen Harn und Wasser möglichst denen entsprechend 
gewählt, wie sie bei Herrn Goldner beobachtet wurden. Die Wassergrube 
bei Herrn Goldner fasst etwa 230 Liter. Auf diese Grube waren zeiten¬ 
weise acht Personen angewiesen. Rechnet man das Gewicht der von 
einer Person täglich gelieferten Excremente zu 1500 g, so muss die dortige 
Grube täglich 12 kg Excremente aufnehmen. Darnach müssten in die 
3 Liter Wasser, welche der Versuchsapparat enthielt, täglich 15*6 g Harn 
eingeführt werden, oder, da der Harn durchschnittlich das specifische 
Gewicht 1*02 besitzt, 152 bis 153 ebem. Die t Versuche wurden nun so aus¬ 
geführt, dass täglich dreimal, Morgens 9 Uhr, Mittags 2 und Abends 7 Uhr, 
je 50 ebem Harn eingetragen wurden. 

Dabei wurde beobachtet, ob in den verschiedenen Schichten des Kasten¬ 
inhaltes eine Aenderung der Färbung und der Durchsichtigkeit eintrat, es 
wurde die Reaction des von der Oberfläche des Wassers durch den Ueberlauf 



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89 


Goldner’sche Abtritterfindung. 

abfliessenden Wassers auf Lackmuspapier festgestellt, schliesslich wurde das 
durch die Einführung des Harnes verdrängte, durch den Ueberlauf austre¬ 
tende Wasser auf Bestandteile des Harnes geprüft; dabei wurde besondere 
Rücksicht genommen auf einen Gehalt dieses Wassers an Phosphaten und 
an Harnstoff. Bei der ersten Versuchsreihe wurde auch Rücksicht auf einen 
Chlorgehalt des Ablaufwassers genommen, bei den späteren wurde kochsalz¬ 
haltiges Brunnenwasser benutzt, eine Prüfung auf Chlorgehalt war hier also 
überflüssig. Während der Versuche schwankte die Temperatur im Beob¬ 
achtungszimmer zwischen 10° und 15°C. 

Erste Versuchsreihe. 

Der Trog war mit destillirtem Wasser gefüllt. 

1. Tag 9 Uhr. Beim Einströmen des Harnes bildeten sich im Wasser Schlie¬ 

ren bis auf die Höhe der unteren Oeffnung des Fallrohres. 
Die Hauptmenge des Harnes sank in die tiefste Ecke des 
Kastens. 

„ „ 2 „ Die oberste Schicht des Wassers bis zur Mündung des Fall¬ 

rohres war farblos. Ausfliessendes Wasser reagirte neutral, 
war frei von Chlor, Phosphat, Harnstoff. 

„ „ 7 „ Der Inhalt des Kastens und das ausfliessende Wasser ver- 

' hielton sich genau wie um 2 Uhr. 

2. Tag 9 Uhr. Der Inhalt des Kastens ist noch klar, unten gelb, oben 

farblos. Das ablaufende Wasser reagirt neutral, enthält 
Spuren von Chlor, Phosphat und Harnstoff sind in dem 
klaren Ablaufwasser noch nicht zu erkennen. 

„ „ 2 „ Ablaufendes Wasser farblos und neutral. Enthält Spuren 

von Chlor, Phosphat und Harnstoff. 

„ ti 7 „ Wie um 2 Uhr. 

3. Tag. Wie am 2. Tage Mittags. Nur beginnt der untere Theil 

des Kasteninhaltes sich zu trüben. 

4. Tag 9 Uhr. An der Wand unter dem Ablauf zieht sich eine trübe 

Zone in die Höhe, dadurch ist das ablaufende Wasser 
schwach opalisirend. Der übrige Theil der Oberfläche 
des Kasteninhaltes ist noch klar. Das austretende Wasser 
reagirt kaum erkennbar alkalisch, es enthält Chlor, Phos¬ 
phate und Harnstoff in reichlichen Mengen, ist aber noch 
ganz geruchlos. 

4. Tag 2 Uhr. Wie um 9 Uhr. 

„ r> 7 „ Die Oberfläche des Kasteninhaltes beginnt an einigen Stellen 

zu irisiren, Reaction des Ablaufwassers schwach alkalisch. 
Sonst wie um 9 Uhr. 

5. Tag 9 Uhr. Der Gehalt des Kastens ist trübe, unten ist derselbe un¬ 

durchsichtig, oben durchscheinend. Die Oberfläche ist 
von einer irisirenden Haut bedeckt. Das Ablaufwasser 
reagirt alkalisch und riecht schwach nach faulendem Harn. 
Der Versuch wurde unterbrochen, da jetzt die schützende Wasser¬ 
decke nicht mehr vorhanden war, also jedenfalls die Fäulniss des Kasten¬ 
inhaltes rasch fortgeschritten sein würde. Immerhin hätte aber der Apparat 


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t) n 2 n 

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2. Tag 9 Uhr. 


90 R. Baumeister, 

mindestens noch einen Tag dieselbe Harnmenge wie an den vorhergehenden 
aufnehmen können, ohne durch seine Ausdünstung der Nachbarschaft in 
grösserer Entfernung bemerkbar zu werden. 

Zweite Versuchsreihe. 

Der Apparat wurde mit Wasser von der städtischen Wasserleitung in 
Karlsruhe gefüllt. 

1. Tag 9 Uhr. Auf Zusatz von Harn trübt sich der Inhalt des Kastens 
sofort in seinen unteren Theilen. Es entsteht offenbar 
ein Niederschlag von Kalkphosphat, der allmälig nach 
unten sinkt. Obere Schicht des Wassers ist klar und farblos. 
Wie um 9 Uhr. 

Ebenso. Prüfung des Ablaufwassers ergiebt neutrale Reaction, 
Abwesenheit von Phosphat und von Harnstoff. 
Ablaufwasser ist klar, reagirt neutral, enthält keine Phos¬ 
phate und keinen Harnstoff. 

In dem klaren neutral reagirenden Ablaufwasser sind Spuren 
von Phosphaten aber noch keine Harnstoff zu erkennen. 
Wie um 2 Uhr, Phosphat und Harnstoff sind deutlich im 
Ablaufwasser erkennbar. 

Eine Wolke der Trübung beginnt vom Boden an der Wand 
unter dem Ablauf aufzusteigen. Oberfläche der Flüssig¬ 
keit noch klar. Sonst wie am 2. Tag um 7 Uhr. 
Oberfläche der Flüssigkeit ist schwach irisirend. Darunter 
befindet sich noch eine deutlich erkennbare klare Zone, 
etwa 0*5 cm mächtig. Die tieferen Schichten des Kasten¬ 
inhaltes sind trübe. In der Nähe dss Ueberlaufes nähert 
sich die Trübung der Oberfläche noch mehr, Ablauf¬ 
wasser kaum erkennbar alkalisch, aber reich an Phos¬ 
phaten und an Harnstoff, ist noch geruchlos. 

" ” I ” } Wie um 9 Uhr. 

n tt • n J « 

5. Tag 9 Uhr. Inhalt des Apparates trübe; auch an der Oberfläche ist 
deutlich alkalische Reaction zu beobachten. Die ablau¬ 
fende Flüssigkeit beginnt schwach nach faulendem Harn 
zu riechen. 


3. Tag 9 Uhr. 

n » ^ „ 
n n 9' „ 

4. Tag 9 Uhr. 


Dritte Versuchsreihe. 

Um den Einfluss der Höhe des Fallrohres auf die Wirkung der Wasser¬ 
decke zu studiren, wurde dasselbe verlängert. Ein Glasrohr, welches genau 
die Weite des Fallrohres besass, wurde durch einen weiten Kautschukschlauch 
an dem unteren Ende des letzteren befestigt, so dass das nun wie bei den frühe¬ 
ren Versuchen etwa 1 cm tief in das Wasser eintauchende Rohr eineGesammt- 
länge von 77 cm hatte. Wenn die ersten Versuchsreihen etwa die Verhält¬ 
nisse für ein hochgelegenes Parterre zeigten, würden sich die hier folgenden 
Beobachtungen auf eine zwei Treppen hoch gelegene Wohnung beziehen. 
Selbstverständlich können die hier gewählten Fallhöhen nur zeigen, ob eine 
Vergrösserung derselben von 1 zu fast 4 einen wesentlichen Einfluss auf 


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Goldner’sche Abtritterfindung. 


91 


die Wirkungsweise des Apparates aus&be. Die Einführung des Harnes und 
die Untersuchung der ablaufenden Flüssigkeit wurde genau, wie oben ange¬ 
geben, Yorgenommen. 

1. Tag 9 Uhr. Es ist deutlich zu erkennen, dass der einströmende Ham 

rasch zu Boden sinkt und eine Trübung in dem Brunnen¬ 
wasser hervorruft. An der Wand unter dem Ablauf ist 
ein Aufsteigen der Trübung bemerkbar. 

„ „ 2 „ 1 Oberer Theil der Flüssigkeit klar. Ablaufwasser neutral, 

„ „ 7 n J frei von Phosphaten und Harnstoff. 

2. Tag 9 Uhr. Eine trübe Wolke ist an der Wand unter dem Ueberlauf 

heraufgestiegen und lagert sich quer durch den Inhalt 
des Apparates. Darüber und darunter eine klare Zone. 
Unten im Kasten befindet sich eine trübe gelbe Flüssig¬ 
keit. Ablaufwasser neutral und klar, enthält Spuren 
von Phosphaten; Harnstoff kaum zu erkennen. 
n n 2 n Wie um 9 Uhr. 

„ „ 7 „ Wie um 9 Uhr. Phosphate und Harnstoff im Ablaufwasser 

deutlich nachzuweisen. 

3. Tag 9 Uhr. Die gestern beobachtete Wolke ist auch heute noch vor¬ 

handen ; darüber und darunter befindet sich klare Flüssig¬ 
keit, Ablaufwasser klar und neutral, Phosphate und 
Harnstoff reichlich. 


n T» 2 „ 

n n 7 w 

4. Tag 9 Uhr. 


Wie um 9 Uhr. 


Die trübe, die Flüssigkeit quer durchziehende Wolke hat 
die Oberfläche fast erreicht, über derselben ist aber noch 
eine schmale klare Schicht erkennbar; Ablaufwasser 
reagirt kaum bemerkbar alkalisch, riecht noch nicht. 

n | Wie um 9 Uhr. 

Uhr. Die Oberfläche des Kasteninhaltes ist trübe; die klare Zone 
unter der an die Oberfläche gestiegenen Wolke ist stark 
opalisirend. Ablaufendes Wasser ist deutlich alkalisch, 
riecht schwach nach faulendem Harn. 

Der Versuch wurde als beendet angesehen. 


- 2 
* 7 

Tag 9 


Vierte Versuchsreihe. 

Bei den früheren Versuchen hatte sich ergeben, dass das Herabsinken 
des Harns auf der schiefen Bodenfläche des Apparates leicht eine Stauung 
an der unter dem Ablauf befindlichen Wand des Apparates bewirkte, in 
Folge wovon ein Aufsteigen der eingeführten Flüssigkeit an dieser Wand 
eintrat. Es fragt sich, ob das nicht dadurch vermieden werden könne, dass 
die Excremente direct an die tiefste Stelle des Apparates geführt wurden. 
Dazu war es nöthig, das Fallrohr in die Ecke des Kastens zu versetzen, 
in der das Wasßer die höchste Schicht bildete, und zugleich musste das 
Fallrohr unter dem Wasser soweit als möglich verlängert werden. Dabei 
lag abör die Gefahr vor, dass im unteren Theile des Fallrohres die Excre¬ 
mente sich anhäuften und indem sie hier in Fäulniss geriethen ihre unan- 


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92 


R. Baumeister, 


genehmen Ausdünstungen in die Wohnräume verbreiteten. Um das zu ver¬ 
meiden wurde die Verlängerung des Fallrohres nicht direct an dasselbe dicht 
schliessend angelegt, es wurde vielmehr ein etwas weiteres Rohrstück so an 
das untere Ende des Fallrohres angehängt, dass das Fallrohr wie bisher 
etwa 1cm tief in das Wasser eintauchte, das angehängte Rohr aber mit 
seiner oberen Oeffnung etwa 0*5 cm unter der Oberfläche des Wassers sich 
befand. In dieser Weise wurde es erreicht, dass die Excremente sofort bei 
dem Eintritt in das Wasser auf die tiefste Stelle des Kastens geleitet wurden 
und doch konnte die untere Oeffnung des Fallrohres wie bisher stets in 
reinem Wasser sich befinden, ein Ansammeln der Excremente in dem unteren 
Theile des Fallrohres war nicht mehr möglich. 

Zunächst wurde auch hier experimentirt mit dem 20 cm langen Fall¬ 
rohr aus Blech. Der Kasten wurde mit Brunnenwasser (Leitungswasser) 
gefüllt. Die Einführung von frischem schwach sauer reagirendem Harn 
geschah ganz in der früher angegebenen Menge und Weise. 

1. Tag 9 Uhr. Der einfliessende Harn sammelt sich in der tiefsten Ecke 

des Kastens an, Schlieren im Wasser sind nicht zu beob¬ 
achten. Ueber der schwach getrübten gelben Flüssigkeit 
steht eine etwa 9 cm hohe Schicht von farblosem Wasser. 
„ „ 2 n ) Wie um 9 Uhr, nur wächst bei jedem Harnzufiuss die 

„ „ 7 „ / Mächtigkeit der unteren trüben Schicht. 

2. Tag 9 Uhr. Eine horizontal begrenzte Schicht klaren neutral reagirenden 

Wassers von 6 cm Höhe bedeckt die im unteren Theile des 
Kastens befindliche gelbe trübe Flüssigkeit. Ueberlaufen- 
des Wasser ist frei von Phosphaten, frei von Harnstoff. 

” ” \ » } Wie um 9 Uhr. 

n n • n J 

3. Tag 9 Uhr. Die Höhe der klaren Schicht im cfberen Theil des Kastens 

beträgt noch 3 cm. Ablaufendes Wasser reagirt neutral. 
Phosphate und Harnstoff sind in demselben nicht mit 
Sicherheit nachzuweisen. 

„ „ 2 „ Wie um 9 Uhr. 

„ „ 7 „ Reaction auf Phosphate und Harnstoff tritt deutlich auf. 

4. Tag 9 Uhr früh. Die Höhe der klaren Schiebt an der Oberfläche des 

Wassers beträgt noch etwa 1 cm Wasser, reagirt kaum 
alkalisch, es ist reich an Phosphaten und an Harnstoff. 


n r> 

77 n 


” > Wie um 9 Uhr. 


5. Tag 9 Uhr. Eine klar« Schicht von Wasser ist an der Oberfläche der 
Flüssigkeit immer noch erkennbar. Das ablaufende 
Wasser reagirt deutlich alkalisch, ist aber noch geruchlos. 

" " \ ” ] Wie um 9 Uhr. 

n » • » J 

7. Tag 9 Uhr. Das ablaufende Wasser zeigt den beginnenden Geruch nach 
faulendem Harn. 


Der Versuch wurde unterbrochen, obgleich er recht gut einen Tag 
hätte fortgesetzt werden können, ohne dass der Inhalt des Kastens durch 
seine Ausdünstung für die Nachbarschaft lästig geworden wäre. 


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Goldner’sche Abtritterfmdung. 93 

Fünfte Versuchsreihe. • 

Bei diesem letzten Versuch wurde genau so verfahren, wie bei dem 
vierten, nur wurde hier das verlängerte Fallrohr von 77 cm Höhe in An¬ 
wendung gebracht. Es zeigte sich, dass auch hier diese Vergrösserung der 
Fallhöhe für den Harn keine wesentliche Aenderung der Resultate herbei¬ 
führte. 


Der Apparat war so eingerichtet, dass man aus verschiedenen Höhen 
desselben Proben von der Flüssigkeit entnehmen konnte. In die Blechwand 
waren Röhren eingefügt, welche ausserhalb des Kastens durch Hähne ge¬ 
schlossen waren. Jedesmal bei der Beendigung einer Versuchsreihe, wenn 
die Oberfläche der im Kasten befindlichen Flüssigkeit anflng unangenehm 
zu riechen, wurde auch eine Probe der trüben Masse aus dem tiefsten Punkte 
des Apparates abgelassen. 

Immer zeigte dieselbe den Geruch von faulendem Harn ungleich inten¬ 
siver als das durch den Ueberlauf abfliessende Wasser. Stets reagirte diese 
unten aus dem Kasten entnommene Flüssigkeit stark alkalisch. 

Aus diesen Versuchen ergeben sich nun in Bezug auf die Wirkungs¬ 
weise des von Herrn Goldner erfundenen Apparates folgende Schlüsse: 

1. In dem Apparate wird das höhere specifische Gewicht der mensch¬ 
lichen Excremente gegenüber dem Wasser benutzt, um die Fäcal- 

, massen unter eine Wasserdecke zu bringen. 

2. Die Wasserdecke hindert die Berührung der Abfallstoffe mit der 
Luft. Dadurch wird einerseits erschwert, dass die riechenden Gase 
aus den Fäcalien sich in die Umgebung verbreiten, andererseits 
schützt die Wasserdecke die Excremente vor der Zuführung von 
Fäulnisskeimen durch die Luft. 

3. Diese conservirende, dieFäulniss verzögernde Wirkung der Wasser¬ 
decke ist eine vorübergehende, keine dauernde. Die Bestandtheile 
der Abfallstoffe dringen durch Diffusion allmälig in dem Wasser 
vor. Die krystallisirbaren leichtlöslichen Körper, welche gegen 
zersetzende Einflüsse relativ widerstandsfähig sind, wandern schnel¬ 
ler an die Oberfläche des Wassers als die besonders leicht faulenden 
amorphen, schleimigen Substanzen. Schon .unter dem Wasser be¬ 
ginnt die Fäulniss der letzteren, das Wasser absorbirt aber die 
Zersetzungsproducte. Dadurch erlangt das -Wasser eine allmälig 
stärker werdende alkalische Reaction. Die Verbreitung der riechen¬ 
den Zersetzungsproducte in die Nachbarschaft tritt aber erst ein, 
wenn die faulenden Substanzen bis an die Oberfläche des Wassers 
vorgedrungen sind. 

4. Es ist zu empfehlen, von vornherein die schützende Wasserdecke 
so mächtig als möglich zu nehmen, je grösser ihre Höhe ist, um so 
schwerer wird sie von diffundirenden Substanzen durchdrungen. 
Werden die Excremente nahe unter der Oberfläche des Wassers an 
der Stelle des Apparates eingeführt, an der die Wasserschichte die 
geringste Höhe besitzt, so hört die conservirende Wirkung der 
Wasserdecke nach etwa sechs Tagen auf, nach etwa einer Woche 


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94 


R. Baumeister, 

(sieben bis acht Tagen) wircf eine Belästigung der Nachbarschaft 
durch die Ausdünstungen eintreten. Werden die Excremente, ohne 
die Flüssigkeit dadurch aufzurühren, auf die tiefste Stelle des 
Apparates geführt, wie in Versuch vier und fünf geschah, so beginnt 
die Zersetzung an der Oberfläche nach etwa sieben Tagen bemerk¬ 
bar zu werden und sie wird nach neun bis zehn Tagen soweit vor¬ 
geschritten sein, dass eine Ausleerung des Apparates nöthig wird. 

5. Der Wasserverbrauch ist bei dem Apparate des Herrn Goldner 
viel geringer als bei den anderen Systemen der Beseitigung 
der Abfallstoffe mit Hülfe von Wasser. Mit einer Füllung 
seines Apparates mit 230 Liter Wasser kann Herr Goldner, 
wenn acht Personen auf denselben angewiesen sind, und das Fall¬ 
rohr nahe unter der Oberfläche des Wassers mündet, sieben bis 
acht Tage den Abort geruchlos erhalten; pro Tag und Person wer¬ 
den also 3*5 bis 4 Liter Wasser nothwendig sein. Wenn aber das 
Fallrohr bis auf die tiefste Stelle des Apparates herabgeführt wird, 
wird dieselbe Menge Wasser für neun bis zehn Tage ausreichen, 
und in diesem Falle wären pro Tag und Person nur rund 2*5 Liter 
Wasser erforderlich. Bei dem Schwemmsystem rechnet man 6 bis 
10 Liter. 

6. Die Höhe der Fallröhre scheint auf die Resultate keinen wesent¬ 
lichen Einfluss auszuüben. Um indessen jedes stürmische Aufrüh¬ 
ren des Wassers durch frei durch das Fallrohr aus grösserer Höhe 
herabfallenden Massen zu verhindern, dürfte es sich vielleicht 
empfehlen, die untere Oeffnung des Fallrohres trichterförmig zu 
erweitern und in die so geschaffene Höhlung einen Kegel mit der 
Spitze nach oben aufzustellen. Durch diese Einrichtung würde es 
erreicht werden, dass alle Abfallstoffe gleitend in das Wasser 
gelangen, niemals aber durch heftigen Aufschlag auf die Oberfläche 
des Wassers ein intensives Aufrühren bewirken. 

7. Die chemische Zusammensetzung des benutzten WasBers hat keinen 
wesentlichen Einfluss auf die Wirksamkeit des Apparates. 

Die Unterzeichneten fassen ihr Urtheil über die Erfindung des Herrn 
Goldner in folgender Weise zusammen: 

Die Erfindung beruht auf einer Grundlage, welche sich nicht allein bei 
den oben geschilderten Versuchen im Kleinen, sondern auch bei der prak¬ 
tischen Benutzung des Apparates im Hanse des Herrn Goldner vollständig 
bewährt hat. Voraussichtlich werden sich auch in anderen Häusern die 
baulichen Einrichtungen leicht treffen lassen, welche zur Einführung des 
neuen Systems nöthig sein werden. Ob und welche Schwierigkeiten sich 
einer allgemeinen Benutzung der Erfindung in einer Stadt bezüglich des 
Betriebes und der Ueberwachung entgegenstellen, darüber enthalten wir 
uns selbstverständlich des Urtheils, weil nur die Erfahrung in grösserem 
Umfang und während längerer Zeit solches ergeben kann* 

Karlsruhe, den 11. Mai 1882. 

Baumeister, Professor und Baurath. 

Dr. K. Birnbaum, Hofrath und Professor. Lang, Oberbaurath. 


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Goldner’sche Abtritterfindung. 


95 


Weitere Bemerkungen zu vorstehendem Gutachten. 

Wie aus Obigem hervorgeht, wurde bei den Versuchen, welche Prof. 
Dr. Birnbaum im chemischen Laboratorium zu Karlsruhe durchführte, ledig¬ 
lich Harn angewendet, nicht die in den Abtritten erzeugte Mischung von 
Ham und Koth. Es geschah dies wegen der geringen Dimensionen des 
Apparates, welche durch Koth hätten verstopft werden können, dann aber 
auch, weil es vom Koth ohnedies bekannt ist, dass er in einer Flüssigkeit 
zu Boden sinkt, und nur langsam fein zertheilt „aufgelöst“ wird. Die mit 
Ham gewonnenen Resultate werden desshalb nicht einmal so günstig sein, 
als wenn ein Theil desselben durch Koth ersetzt wird, wie es in Abtritten 
der Fall ist. 

Nachweislich kann in einem Behälter von 230 Liter Inhalt eine Excre¬ 
mentenlieferung von täglich 12 kg zehn Tage lang conservirt werden, wenn 
Vorkehrung getroffen ist, dass die Excremente nicht durch freien Fall das 
Wasser aufrühren, Bondern innerhalb von Schutzwänden bis zum Boden 
hinabgleiten. Wie viele Personen jene Menge von 12 kg liefern, das hängt 
natürlich von den Umständen ab. Es ist in vorstehendem Gutachten die 
Annahme gemacht, dass pro Kopf und Tag 1500g Excremente entfallen, 
weil im Goldner’sehen Hause nur Erwachsene leben, und sich regelmässig 
des Abtrittes bedienen. Im Allgemeinen ist diese Annahme zu hoch: man 
rechnet in einer gemischten Bevölkerung (Erwachsene und Kinder) etwa 1200 g. 
Dabei passirt aber bekanntlich ein grosser Theil des Harns gar nicht die 
Abtritte, sondern gelangt in den Erdboden oder direct in Abzugscanäle (durch 
Ausgussbecken und öffentliche Bedürfnissanstalten). Es können daher in 
Städten höchstens 800 bis 1000 g pro Kopf und Tag als Abtritterzeugniss ge¬ 
rechnet werden 1 ), und dürften sich dann 12 bis 15 Personen eines Gold- 
ner’sehen Behälters von 230 Liter Inhalt bedienen. 

Hiernach würde ferner ein Wasserbedarf von 1*5 bis 2 Liter pro Kopf 
und Tag entfallen, um nach je zehn Tagen die Füllung des Behälters mit 
reinem Wasser zu erneuern. Aber ob dieser Bedarf an reinem Wasser 
etwas grösser oder geringer ist, macht eigentlich nur bei dem Arbeitsauf¬ 
wand des Wassertragens etwas aus, und ist fast gleichgültig, wo eine 
Wasserleitung direct an den Behälter geführt werden kann, wie es nament¬ 
lich in Städten mit allgemeiner Wasserversorgung zu erwarten ist. Wich¬ 
tiger ist das Verhältniss zwischen Excrementen und Wasser, wel¬ 
ches im Augenblick der Entleerung des Behälters stattfindet, weil hiervon 
die spätere Verwendbarkeit der Masse abhängt. Aus den obigen Zahlen 
ergiebt sich, das 10 X 12 = 120 kg Excremente sich in einem Gesammt- 
volumen von 230 Liter befinden, somit das letztere zur Hälfte aus Excre¬ 
menten, zur Hälfte aus reinem Wasser besteht. 

Es ist nun wohl möglich, dass durch eingehende Experimente die 
geometrische Form des Behälters, welcher bei Goldn er ungefähr cubisch 
ist, noch verbessert werden kann. Offenbar wäre dabei auf geräumigen 


*) Vergl. Fischer, Die menschlichen Abfallstoffe 1882. Supplement zu Band XII d. Z. 


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96 


11. Baumeister, 

Ablagerungsraum bei grosser Höhe und geringer Wasserfläche zu sehen, 
auch die Lage und Form der Fallrohrmündüng zu studiren, um ein sanftes 
Einfallen der Excremente mit freier Ausbreitung im Behälter zu vereinigen. 
Dann könnte der Erfolg gesteigert, d. h. das Volumen der Excremente noch 
länger auf bewahrt, und mit noch weniger Wasserzuschuss in Empfang 
genommen werden. Selbstverständlich richten sich die Intervalle der Ent¬ 
leerung einerseits nach der Grösse des Behälters, andererseits nach der Anzahl 
der Personen, welche auf denselben angewiesen sind, und es müssen eben¬ 
falls durch weitere Erfahrungen und Versuche die praktisch bequemsten 
Verhältnisse in dieser Beziehung festgestellt werden. 

Wenn die bekannte hygienische Forderung: schleunigste Entfernung 
der Abfallstoffe aus dem Bereich der menschlichen Wohnungen, durch die 
Goldner’sche Erfindung nicht buchstäblich erfüllt wird, und in dieser 
Beziehung das Schwemmsystem unübertroffen bleibt, so erscheinen doch die 
Gefahren einer Aufspeicherung auf das geringste Maass reducirt. Gegen 
Verunreinigung des Bodens schützt die geringeGrösse des Behälters, welcher 
zudem leicht aus Metall, also dauernd wasserdicht construirt werden kann. 
Ausdünstungen können wegen des Wasserverschlusses der gesammten Excre¬ 
mentenmasse weder durch die Fallröhre noch aus der übrigen Oberfläche 
des Behälters entstehen: Abtrittsitze und Behälter bedürfen nicht einmal 
Deckel, und es ist doch, wie bei dem Wassercloset, völlige Geruchlosigkeit 
im Hause erreicht. Wenn man sehr scrupulös sein will, so könnte man 
gegen das Papier eifern, welches zum Theil auf der Oberfläche des Behäl¬ 
ters schwimmt und vielleicht kleine Kothreste in Berührung mit der Luft 
bringt. Bedenklicher scheint es bei oberflächlicher Betrachtung, dass das 
Fallrohr nicht gegen Abtritte und Haus abgesperrt ist. Aber thatsächlich 
belästigen die Gase aus solchen Kothmengen, welche im Fallrohr hängen 
bleiben gar nicht: durch den Wasserabschluss der unteren Rohrmündung ist 
der Austausch dieser Gase mit der atmosphärischen Luft auf das Abtrittloch 
beschränkt und dadurch sehr verlangsamt, während allerdings in einem 
Fallrohr, dessen beide Mündungen mit der Luft communiciren, der Tempe¬ 
raturunterschied zwischen innen und aussen rasches Emporsteigen der Gase 
bewirkt. Das Goldner’sche Fallrohr bedarf denn auch keine Fortsetzung 
nach oben als Dunstrohr. 

Bei der Entleerung des Behälters wird allerdings dieser ganze Schutz 
unterbrochen, und es entsteht Geruch sowohl in seiner Nähe als in den 
Abtritten. Wo eine Wasserleitung zu Gebote steht, kann aber die Reini¬ 
gung und Wiederfüllung des Behälters in kürzester Zeit besorgt werden. 
Auch steht Nichts im Wege, die Abtrittschüssel, wenn man will, aus Rück¬ 
sichten der Reinlichkeit jeweils zu spülen. 

Grosse Vortheile gewährt die Goldner’sche Erfindung mit Bezug auf 
die landwirtschaftliche Verwerthung der menschlichen Abfallstoffe. 
Während bei der Ansammlung in gewöhnlichen Gruben durch das Ent¬ 
weichen des bei der Zersetzung der Fäcalien sich bildenden Ammoniaks der 
grösste Theil des Dungwerthes verloren geht, wird hier die Fäulniss ver¬ 
zögert und ein nahezu frischer Zustand bis zur Entleerung bewahrt. Trotz 
des Wasserzuschusses wird 1 cbm Inhalt des Goldner’sehen Behälters mehr 
Werth haben, als 1 cbm gewöhnlicher Grubenjauche, und es lässt sich ein 


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Goldner’sche Abtritterfindung. 97 

geringerer Aufwand, beziehungsweise ein höherer Ertrag bei dem Goldner’- 
sehen System erwarten, selbst wenn der Transport auf Wagen erfolgt. Die 
möglichst frische Verwendung wird bekanntlich auch durch das Tonnen¬ 
system erreicht, und sogar ohne oder mit sehr geringem Wasserzuschuss. 
Dieser letztere Vortheil muss aber erkauft werden durch sehr häufiges Ab¬ 
holen (in Heidelberg durchschnittlich alle drei Tage), und zwar auf Wagen; 
hierdurch entstehen mehr Kosten und Belästigungen, als bei etwa zehn¬ 
tägigen Intervallen und bei Abfluss der Masse durch Röhren. Im Vergleich 
zum Schwemmsystem ist bervorzuheben, dass die Verdünnung der Excre¬ 
mente im Goldner’schen Behälter etwa bis zum doppelten Volumen, in Wasser¬ 
closets durchschnittlich zum zehnfachen, in Schwemmcanälen schliesslich noch 
weit höher steigt. In Folge davon wird es in der Regel finanziell zulässig 
sein, den Transport der Goldner’schen Masse auf Wagen zu bewerkstelligen, 
was mit dem Ergebniss von Wasserclosets unerschwinglich wäre. Ferner 
kann die unmittelbare Verwendung auf dem Felde in derselben Art, wie mit 
Jauche geschehen, während bei dem Schwemmsystem Rieselfelder erfor¬ 
derlich sind, deren Anlage und Betrieb bekanntlich manchmal mit grossen 
Kosten und Schwierigkeiten zu kämpfen hat. 

Im Allgemeinen könnte die Entfernung des Inhalts aus dem Gold ne ra¬ 
schen Behälter auf mancherlei Art geschehen: Durch Wegtragen (nach Art 
des Tonnensystems), durch Auspumpen, oder mittelst einer Ablaufröhre. 
Bewegliche Behälter, Tonnen, würden die Annehmlichkeit eines nahezu 
geruchlosen Wechsels und der Reinigung an einem entfernten Ort gewähren. 
Ihre Grösse beschränkt Bich aber wegen der Transportfähigkeit auf etwa 
100 Liter, so dass sie (bei dem Miscbungsverhältniss 1 : 1) nur 50kg 
Excremente aufnebmen, oder in einem Hause von 12 Personen nur vier Tage 
lang dienen könnten. Es würde also das neue System in der Regel nicht 
völlig ausgenutzt, und gegen gewöhnliche Heidelberger Tonnen ein Vortheil 
nicht erzielt. 

Das directe Auspumpen, etwa nach der sogenannten pneumatischen 
Methode in luftleer gemachte Fässer, führt immerhin Widerwärtigkeiten 
durch Lärm, Schmutz und Geruch mit sich, und wenn man eben dessbalb 
eine gewöbnlicbe Abtrittgrube gern möglichst lange steben lässt, so würde 
die Wiederholung bei jedem Hause einer Stadt in durchschnittlich vielleicht 
zehntägigen Zwischenräumen doch recht unangenehm empfunden werden. 
Auch möchten Kothreste in dem Behälter Zurückbleiben, deren Beseitigung 
schwierig ist, wenn kein Ablauf zu Gebote steht. 

Es scheint daher die in dem Gutachten beschriebene Entfernung mittelst 
einer Ablaufröhre am meisten empfehlenwerth. Wohin dieselbe zu lei¬ 
ten, hängt von den Localverhältnissen ab. Im Goldner’schen Anwesen 
führt sie, wie oben erwähnt, nach einer weit ausserhalb des Hauses gelegenen 
Sammelgrube. Aus derselben wird die Masse ohne viel Aufenthalt auf Feld 
und Garten vertbeilt. Diese einfache Art eignet sich für Grundbesitzer, 
welche den in ihrer Wohnung erzeugten Dünger selbst zu verwenden ge¬ 
denken; bei dem Neubau grösserer Villen in Baden-Baden soll sie demnächst 
angewendet werden. 

Ferner lassen sich die Entleerungsröhren aus mehreren Häusern, etwa 
einer Gruppe, einer Strasse, in eine gemeinsame Sammelgrube leiten, um 

VierteU&hrsschrift für Gesundheitspflege, 1883. 7 


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98 R. Baumeister, Goldner’sche Abtritterfindung. 

von hier jeweils in Fässer gepumpt und abgefahren zu werden. Bei geeignet 
gewählten Dimensionen kann die Entleerung aller Gruben auf einen und 
denselben Tag normirt, und somit die Abfuhr ohne viel Belästigung ausge¬ 
führt werden. 

Endlich lässt sich bei Einführung Goldner’scher Abtritte eine ganze 
Stadt mit eigenem Röhrennetz versehen, welches sämmtlicheExcremente 
an Sammelgruben und Verwendungsplätze in der Umgegend schafft. Hier 
entstehen keinerlei Transportkosten im eigentlichen Sinne, und die Verzin¬ 
sung der Anlagekosten deB Röhrennetzes wird in der Regel billiger ausfallen, 
als Wagenabfuhr. Im Vergleich zum gewöhnlichen Scliwemrasystem ist zu 
bemerken, dass die Röhren voraussichtlich weder auf natürlichem Wege 
durch Regenwasser, noch auf künstlichem Wege mittelst Stauklappen ge¬ 
spült zu werden brauchen, weil die Behälter in den Häusern selbst Spül¬ 
reservoirs bilden. Diese Anordnung würde sich besonders in Städten mit 
erheblichem natürlichem Gefall eignen. Das Gefalle, beziehungsweise die 
Druckhöhe lässt sich aber auch künstlich steigern, wenn die Einrichtung 
des Hauses gestattet, dass der Behälter nicht unter, sondern über der Erde 
angebracht, vielleicht auch für jedes Geschoss wiederholt wird. 

Dass der schon betonte landwirtschaftliche Vortheil der Goldner’- 
schen Erfindung durch die Abnehmer von vorn herein eingesehen und ent¬ 
sprechend bezahlt werde, lässt sich zwar kaum erwarten. Es ist vielmehr 
auf eine Probezeit zu rechnen, während welcher vielleicht noch Transport¬ 
kosten vergütet werden müssen, statt einen Erlös zu erzielen. Wo aber 
Concurrenz unter den Abnehmern stattfindet, oder wo eine Gemeinde, ein 
Unternehmer selbst in der Lage ist, Landwirtschaft zu treiben, da muss 
ja der Düngwerth der Masse bald in seiner vollen Höhe anerkannt, und ein 
* Reinertrag erzielt werden. Abgesehen von dieser eventuellen Uebergangs- 
schwierigkeit scheint mir gerade in der landwirthschaftlichen Verwendung 
der hauptsächliche Vorzug der Goldner’schen Erfindung vor anderen 
Methoden zu liegen: sie übertrifft das Grubensystem durch den Rischen 
Zustand der Excremente, das Schwemmsystem durch die viel geringere Ver¬ 
dünnung derselben, das Tonnensystem durch die Möglichkeit des billigen 
Röhrentransportes. Nichtsdestoweniger kann die neue Einrichtung natür¬ 
lich kein Universalmittel der Städtereinigung abgeben, weil hierbei nicht 
allein landwirthschaftliche Rücksichten in Betracht kommen. 

Schliesslich mag noch bemerkt werden, dass die Goldner’sche Erfin¬ 
dung in mehreren Ländern patentirt ist, für Deutschland durch das Reichs¬ 
patent Nr. 17896, ausgestellt auf den Namen Georg Wirsum (Architekt 
in Baden-Baden). In Frankreich hat sich bereits eine Gesellschaft aus her¬ 
vorragenden Capitalisten, Hygienikern und Ingenieuren gebildet, um das 
System in grösseren Städten, dem Vernehmen nach zuerst in Marseille, zur 
Anwendung zu bringen. Von dort werden wohl die ersten Entwürfe und 
Erfahrungen in grossem Umfange zu erwarten sein. t 

Karlsruhe, im September 1882. 

R. Baumeister. 


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Handbuch der Hygiene und der Gewerbekrankheiten. 


99 


Kritiken und Besprechungen. 


Handbuch der Hygiene und der Gewerbekrankheiten. 

Bearbeitet von Dr. Baer, Dr. Erismann, Dr. Flügge u. s. w. 

Heraasgegeben von Prof. Dr. M. v. Pettenkofer und Prof. Dr. 

H. v. Ziemssen. Verlag von F. C. W. Vogel, Leipzig 1882. — 

Besprochen von Prof. Dr. J. v. Fodor (Budapest).. 

Die Hygieniker aller Welttheile erwarteten schon seit einer Reihe 
von Jahren mit wahrer Sehnsucht, dass Pettenkofer die Wissenschaft und 
das sociale Leben mit einem Handbuche der Hygiene beschenke, welches alle 
die von Pettenkofer seit vielen Jahren ausgegangenen epochalen Ideen, 
sowie die Erfahrungen, welche sein seltener Scharfblick und unermüdlicher 
Fleiss gesammelt, einheitlich bearbeitet, authentisch dargelegt, mit den 
übrigen Capiteln der öffentlichen Gesundheitslehre organisch aufgebaut dem 
grossen Kreise seiner Freunde und Verehrer dargeboten hätte. Das gebil¬ 
dete und von humanen Intentionen beseelte grosse Publicum erwartete es, 
welches dem Wirken Pettenkofer’s mehr Interesse und Sympathie ent¬ 
gegenbringt, als welchem anderen Hygieniker immer; es rechnete darauf der 
Fachgelehrte, welcher sich der Ueberzeugung hingab, dass die Zeilen Pet-* 
tenkofer’s nicht nur viel Wissenswerthes, sondern namentlich auch viele 
wissenschaftlich anregende Ideen zu bieten vermöchten. Gewiss, Petten¬ 
kofer, der in allen Zweigen der Hygiene, wo er auch nur für einen Moment 
sich auf hielt, so vielseitig befruchtend auf die Forschung ein wirkte: er würde 
für die Wissenschaft unschätzbare Vörtheile gewonnen haben, wäre er durch 
die Bearbeitung aller einzelnen Capitel der Gesundheitslehre gezwungen 
gewesen, überall stehen zu bleiben, Umschau zu halten, zu jäten und ins¬ 
besondere neue Samen auszusäen. 

Diese Hoffnung, dieser Wunsch ist nicht in Erfüllung gegangen. Wer 
würde desshalb Pettenkofer Vorwürfe machen, ihm Vorhalten, dass gar 
so Viele, die Wissbegierigen, ihn als ihren Schuldner betrachten ? 

Pettenkofer konnte sich nicht entschlossen, ein systematisches Lehr¬ 
buch der Hygiene selbst zu schreiben. Dafür erzog er aber eine neue 
Generation von Schülern, die seine Lehren, seine Ideen, insbesondere die 
Grundsätze seiner Hygiene kennen, von gleicher Ueberzeugung für diese 
beseelt und die gewiss auch coiftpetent sind seine Lehren und Ansichten 
darzustellen, zu erklären und, seinen Standpunkt einnehmend, weiter zu 
entwickeln. 

Es war gewiss ein glücklicher Gedanke, als die Verleger des Ziemssen’- 
schen grossen Sammelwerkes diese und noch andere tüchtige Kräfte beWov 

7* 


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100 


Kritiken und Besprechungen. 

gen die einzelnen Capitel eines Handbuches der Hygiene zu bearbeiten und 
dazu die Mitwirkung Pettenkofer’s gewannen, um diese Einzelarbeiten 
zu einem einheitlichen Ganzen zusammen zu schmelzen. So entstand aus 
der viel bescheideneren „Oeffentliclien Gesundheitspflege“ und den „Ge¬ 
werbekrankheiten“ (der ersten und zweiten Auflage dieses Sammelwerkes) 
das oben citirte „Handbuch der Hygiene und der Gewerbekrankheiten“, 
von welchem bisher drei Hefte erschienen sind. 

Das ganze Werk soll aus drei Theilen bestehen, wovoq der erste die 
individuelle Hygiene (1. Abtheilung: Einleitung von Prof. v. Petten- 
kofer, Ernährung und Nahrungsmittel von Prof. Förster, Verfälschung 
der Nahrungs- und Genussmittel von Prof. Hi lg er; 2. Abtheilung: Fer¬ 
mente, Mikroparasiten von Dr. Flügge, Boden von Dr. Soyka, Kleidung 
von Dr. Renk, Wohnung von Dr. Flügge); der zweite Theil die sociale 
Hygiene (1. Abtheilung: Anlage von Ortschaften von Dr. Flügge, Massen¬ 
ernährung von Prof. Förster, Wasserversorgung von Dr. Wolffhügel, 
Ausfuhr von Dr. Erismann, Beerdigungswesen von Dr. Schuster; 2. Ab¬ 
theilung: Schulen von Dr. Erismann, Kasernen von Dr. Schuster, Fabri¬ 
ken von Prof. Hirt, Gefängnisse vonDr. Baer, Krankenanstalten von Prof, 
v. Ziemssen und Baurath Degen, öffentliche Bäder von Dr. Renk, Ver¬ 
kehrsanstalten von Dr. Kunkel; 3. Abtheilung: Volkskrankheiten von Dr. 
Soyka; 4. Abtheilung: Gewerbekrankheiten von Prof. Hirt und Dr. Merkel) 
und der dritte Theil die Allgemeine Hygiene (von Prof. Geigel) ent¬ 
halten wird. 

Es ist unbestreitbar, dass die Vertheilung der Arbeit eine glückliche ge¬ 
nannt werden kann; die Autoren gehören nicht nur zu den fähigsten Hy¬ 
gienikern Deutschlands, sie repräsentiren auch grössentheils Capitel, in 
welchen sie als selbständige Forscher und Arbeiter allgemeine Anerkennung 
gemessen. 

Die Eintheilung des Materials ist eine neue; ob sie auch eine glück¬ 
lichere ist als die älteren und ob der Gegenstand in dieser Reihenfolge als 
ein organisches Ganze, ohne verwickelnde Wiederholungen, dargelegt wer¬ 
den kann, darüber ist es schwer schon jetzt sich zu äussern. Dass die Eiu- 
theilung logisch angelegt ist, das springt wohl sofort ins Auge. Auch dar¬ 
über kann heute noch kein definitives Urtheil gefallt werden, ob das 
Handbuch, mit seinem vorliegenden Progamm, das gesammte Gebiet einer 
allgemeinen Hygiene zusammenfassen wird. Es scheint mir aber, dass 
einige ureigene hygienische Capitel im Progamm übersehen wurden: so das 
Rettungswesen, die Gesundheitsstatistik u. a. 

Die bisher erschienenen Hefte sind: Erster Theil, erste Abtheilung, 
dann zweiter Theil, vierte Abtheilung, endlich der dritte Theil. Unsere 
Aufmerksamkeit wird gleich bei dem ersten Hefte durch die Vorrede Pet¬ 
tenkofer’s gefesselt. In seiner gewohnten einfachen, aber klaren und ker¬ 
nigen Weise beleuchtet Pettenkofer, wie die öffentliche Gesundheitslehreaus 
den natürlichsten Empfindungen und Bedtrfnissen der Menschen heraus zu 
einer Wissenschaft und zu einem Factor sich entwickelte, welcher die Pflege 
der Denkenden sowohl wie jene des Staates in Anspruch nimmt. Besonders 
hebt Pettenkofer die Wichtigkeit der hygienischen Forschung hervor, 
welche berufen ist an die Stelle der jetzt noch überwuchernden empirischen 


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Uffelmann, Handbuch der privaten u. öffentl. Hygiene des Kindes. 101 

Anschauungen wissenschaftlich begründete Begriffe und Thatsachen zu 
setzen. Wiederholt ermahnt er die medicinischen Facultäten, die experi¬ 
mentelle Hygiene in den Kreis ihrer Lehrgegenstände aufzunehmen, — eine 
Mahnung, welche ebenso begründet als es andererseits ganz unbegreiflich 
ist, dass selbe eben in Deutschland noch immer muss erhoben werden. 

Zwei der erschienenen Hefte sind uns alte, aber gute Bekannte, die 
umgearbeitet in die neue Auflage übernommen wurden; es sind dies: Gei¬ 
gelt philosophisch angelegter Allgemeiner Theil, und die „Gewerbe¬ 
krankheiten “ von Hirt und Merkel. Eine prächtige Arbeit ist 
Forster’s „Ernährung und Nahrungsmittel“; sie kann als 
ein Muster klaren und überzeugenden Styles gerühmt werden. Wenige 
gelehrte Bücher sind so lehrreich und so ohne alle scholastische Vorein¬ 
genommenheit geschrieben, als eben dieses. Hygienischen Schwarzsehern 
und Allesverbesserern möchte ich insbesondere seine trefflichen Auseinander¬ 
setzungen über die Genussmittel zum Lesen empfehlen. Dass Förster genau 
den Lehren der Pettenkofer-Voit’schen Schule folgt, ist bei dom Um¬ 
stande, dass er selbst als tüchtiger Mitarbeiter beim Ausbau dieser Schule 
mitwirkte, nur selbstverständlich. Hilger’s Capitel (Verfälschung der 
Nahrungs- und Genussmittel) stellt das Neueste und Wissenswerteste 
in dieser wichtigen Frage zusammen. Es scheint mir nur, dass dieses 
Capitel doch etwas allzu knapp ausgefallen ist; etwas mehr eben in dieser 
Richtung wäre dem Leser des sonst umfangreich angelegten Handbuches 
gewiss willkommen gewesen; die reiche und sorgfältig ausgewählte neuere 
Literatur entschädigt ihn nur teilweise. 


Dr. Julius Uffelmann, Professor der Medicin in Rostock: Handbuch, 
der privaten und öffentlichen Hygiene des Kindes. 

Leipzig, F. C. W. Vogel, 1881. — Besprochen von Dr. Baginsky 
(Berlin). 

Es ist ein höchst verdienstvolles Unternehmen des Verfassers, das um¬ 
fassende, insbesondere in dem letzten Jahrzehnt reich vermehrte Material, 
welches zur Hygiene des menschlichen Kindes Bezug hat, gesammelt, 
gesichtet und kritisch beleuchtet zu haben, wie es in dem vorliegenden 
Buche geschehen ist. Es gehörte allerdings dazu unsererseits der an dem 
Verfasser bekannte Fleiss und die ihm eigene volle Sachkenntniss, um ein 
so wohltuend geordnetes Ganze zu schaffen, wie es in der Tbat das Buch ist. 

Der Verfasser beginnt mit einem historischen Ueberblick über die 
Leistungen der einzelnen Jahrhunderte und Nationen auf dem Gebiete der 
Kinderhygiene. Wie in so Vielem so überrascht auch bezüglich der Kinder¬ 
pflege das Verständniss und die weise Fürsorge der Alten, während in dem 
Mittelalter Aberglaube und Thorheit in widerwärtiger Weise jeden Vernunft- 
gemässen Gedanken auch auf sanitärem Gebiete unterdrückten. Die Auf¬ 
besserung der hygienischen Verhältnisse begann mit der Reformation in der 
Einrichtung von Krankenhäusern, Findelhäusern und Kinderspitälern, seit¬ 
dem ist es in aufsteigender Linie sowohl durch die hygienischen und huma- 


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102 


Kritiken und Besprechungen. 

nitären Einrichtungen, als auch durch die Beaufsichtigung Seitens der 
Behörden besser geworden. Dem 19. Jahrhundert macht Verfasser nur den 
einen Vorwurf, dass die Abnahme des Selbststillens der Mütter in den 
oberen Schichten wie in der industriellen Bevölkerung „ für dasselbe 
charakteristisch sei“. Weiterhin giebt Verfasser eine Uebersicht über die 
wissenschaftlichen Leistungen in Bezug auf Kinderhygiene und nennt 
Soranus als den Begründer der Gesundheitspflege des Kindes. Die Litera¬ 
tur wird vom Verfasser bis auf die neueste Zeit berücksichtigt. Es folgt 
die Abhandlung über Geburts- und Sterblichkeitsverhältnisse des Kindes, 
mit einem höchst absprechenden und gewiss nicht in diesem Umfange 
gerechtfertigten Verdammungsurtheile der Verhältnisse Frankreichs, welchem 
Sittenlosigkeit, persönlicher Egoismus, Genusssucht, Immoralität vorgewor¬ 
fen wird, — allein deshalb, weil Frankreich die niedrigste Geburtsziffer 
(26*3:1000) hat; und doch gesteht Verfasser selbst zu, dass ein reicher 
Kindersegen vom volkswirthschaftlichen Standpunkte nicht als absolut gün¬ 
stig gelten kann, dass aber die Kinderarmuth tief zu beklagen ist, welche 
ihren Grund (wie dies in Frankreich sein soll) in ethischer Depravation 
des Volkes hat. (Referent sollte meinen, dass dafür denn doch noch authen¬ 
tische und sichere Beweise bezüglich Frankreichs erbracht werden müssten.) 

Die verschiedenen zur Sterblichkeit in Beziehung stehenden Momente, 
Einfluss der Jahreszeiten, der Race, der Geburtszahl, der Lebensmittelpreise, 
des Geschlechts, der Unehelichkeit u. s. w. werden der Betrachtung unter¬ 
zogen. Das Capitel von der Morbidität der Kinder beleuchtet die Art der 
Krankheiten, den Einfluss von Lebensschwäche, Organkrankheiten, In- 
fection etc., sodann die in dem kindlichen Alter wirksamen ätiologischen 
Momente, Erkältung, Zahndurchbruch, Ernährungsanomalieen, Verhältnisse 
der Wohnung, ferner Einflüsse von Erblichkeit, Infection u. s. w. 

Die eigentliche Hygiene zerfallt naturgemäss in die private und öffent¬ 
liche, und danach hat Verfasser für den Haupttheil des Buches, welcher 
von den hygienischen Maassnahmen handelt, die Eintheilung genommen. 

Die private Hygiene behandelt zunächst die Frage von der Ernährung 
des Kindes und Verfasser geht in derselben ebensowohl von den bekannten, 
den letzten Jahren angehörenden praktischen Beobachtungen Ahlfeld’s, 
Camerer’s, Wähner’s u.s. w. aus, wie er auf der anderen Seite die physiolo¬ 
gischen Bedingungen der kindlichen Ernährung, welche zum Theil durch 
die Studien der normalen Drüsensecrete, zum Theil durch Stoffwechselunter- 
suchungen ermittelt wurden, seinen Entwickelungen zu Grunde legt. Von 
diesen Gesichtspunkten aus werden die Ernährung mit Muttermilch, mit 
der Ammenbrust, die Kuhmilchnahrung und die Surrogate der Muttermilch 
in ausgiebiger und sehr belehrender Weise abgehandelt. Den Schluss des 
Capitels bildet ein Resumö über den Werth der verschiedenen Ernährungs¬ 
methoden, in welchem Verfasser auf die gleichfalls bekannten Zahlen von 
Rus 80 w recurrirt, aus denen das erhebliche Bessergedeihen der Brustkinder 
hervorgeht. Endlich giebt Verfasser auch Fingerzeige für die Ernährung 
der Kinder im fortschreitenden Lebensalter bis zum 15. Lebensjahre. Es 
folgt das Capitel von der Hautpflege der Kinder, in welchem zunächst auf 
die geringe Widerstandskraft des Kindes gegen niedere Temperaturen hin¬ 
gewiesen und auf die Gefahren intensiver Abkühlung aufmerksam gemacht 


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Uffelmann, Handbuch der privaten u. öffentl. Hygiene des Kindes. 103 

wird; daher ist Verfasser nur für eine sehr vorsichtige Anwendung des Ab¬ 
härtungssystems eingenommen. Im Anschlüsse an die Frage von der Haut¬ 
pflege wird die Pflege des Nabels und endlich die Kleidung incl. des Bettes 
vom Verfasser abgehandelt. Das Capitel von der „Pflege der Athmungs- 
organe tf beginnt wieder mit den physiologischen Leistungen derselben beim 
Kinde und mit den Anforderungen, welchen der kindliche Organismus an 
die Respiration zu stellen hat, und Verfasser gelangt zu der Forderung, dass 
das Kind möglichst viel im Freien zu halten sei. Es folgen die Capitel von 
der Pflege des Knochen- und Muskel Systems, die Hygiene des Stehens und 
Gehens, die Bedeutung der systematischen Gymnastik. Den Schluss des 
Theiles, welcher von der privaten Hygiene handelt, bildet die Ueberwachung 
der Seelenthätigkeit und geistigen Entwickelung des Kindes, wobei auch auf 
die kindlichen Spiele Rücksicht genommen ist, und gewisse, die geistige 
Entwickelung des Kindes schädigende Einflüsse, wie Masturbation, be¬ 
sprochen werden. 

Das zweite Hauptstück, welches von der öffentlichen Hygiene 
des Kindes handelt, berücksichtigt in dem ersten Abschnitte die allgemeinen 
öffentlichen hygienischen Maassnahmen, die hygienische Ueberwachung der 
Wohnungen, der Nahrung, speciell der Milch, und der Spielwaaren, sodann 
die Prophylaxe contagiöser Krankheiten inclusive der Vaccination. In dem 
zweiten Abschnitte, welcher von der Schulhygiene handelt, werden die Schul¬ 
krankheiten besprochen, der Schulbau inclusive Heiz - und Ventilations¬ 
einrichtungen, die Subsellienfrage, Stundenpläne und Beschäftigungsart, 
Gymnastik, Schulstrafen und auch die Alumnate und Kindergärten in den 
Bereich der Betrachtung gezogen. Der dritte Abschnitt handelt von der 
Hygiene der in Fabriken und Werkstätten u. 8. w. beschäftigten Kinder. 
Auch hier sind es vorerst die Gewerbekrankheiten, welche Verfasser erwähnt, 
und anknüpfend daran die dagegen zu ergreifenden prophylaktischen Maass¬ 
nahmen, bei welcher Gelegenheit die in den einzelnen Ländern gültigen 
Gesetze des Kinderschutzes hervorgehoben werden. Es folgt sodann die 
Schilderung der für die Kinder der Armen getroffenen hygienischen Ein¬ 
richtungen, der Krippen, Kleinkinderbewahranstalten, Armenhäuser und 
Waisenhäuser, Findelanstalten, mit gleichzeitiger Angabe der Ernährungs¬ 
art in den verschiedenen Anstalten und bei den verschiedenen Nationen. 
Einen besonderen Abschnitt widmet Verfasser dem Haltekinderwesen, wobei 
er gleichfalls die bestehende Gesetzgebung bespricht und erläutert. Weiter¬ 
hin werden sodann die Besserungsanstalten verwahrloster oder verbreche¬ 
rischer Kinder, die dort eingeführte Art der Verpflegung und Beschäftigung 
und last not least die Kinderheilanstalten inclusive der Seehospize und 
Ferienkolonien vom Verfasser in den Bereich seiner Betrachtungen gezogen. 

Wie die skizzenhaften voranstehenden Angaben erkennen lassen, hat 
man es sonach in dem Uffelmann’schen Buche mit einer seltenen Reich¬ 
haltigkeit des Inhalts zu thun, und es ist unzweifelhaft, dass derselbe für 
alle solche, welche sich mit der Hygiene des Kindes zu beschäftigen haben, 
also insbesondere für Sanitätsbeamte, Pädagogen und Aerzte ein gern 
gesuchtes und willkommenes Nachschlagewerk sein wird. 


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104 


Kritiken und Besprechungen. 


Dr. med. Hermann Ploes: Ueber das Gesundheitswesen und 
seine Regelung im Deutschen Reiche. Leipzig 1882. — 
Besprochen vom Medicinalrath Dr. Bockendahl (Kiel). 

Der in der Heformfrago des Gesnndheitswesens seit vielen Jahren 
thätige Verfasser hat in dem vorliegenden Werke dem grösseren Publicum 
Gelegenheit geben wollen, sich in dieser Frage zu unterrichten, damit es 
durch seinen Antheil zur Förderung mithelfe. Der Arzt findet also in 
dem Werke vorwiegend Bekanntes; indessen wird auch ihn, ausser einigen 
wissenswerthen Angaben Uber einschlagende Verhältnisse des Auslandes, die 
geschichtliche Behandlung der Frage, die Zurückführung derselben auf all¬ 
gemeine Gedanken des Staatsrechtes, in welchen Verfasser sich den Lehren 
des Wiener Lorenz v. Stein anschliesst, sowie auch die Milde des Urtheils 
und die damit erreichte Unparteilichkeit in der Darstellung anziehen. 

Trotzdem konnte Verfasser manche Fragen, um welche sich unter den 
Aerzten abweichende Ansichten gebildet haben, zu besprechen nicht ver¬ 
meiden. Denn wenn er von dem Satze ausging, dass der Schutz der all¬ 
gemeinen Gesundheit eine wesentliche Aufgabe im Staatsgedanken ist, der 
dem Staate neben der Pflicht, das Ziel zu erstreben, auch die Mittel dazu 
in der Beschränkung der Freiheit undUngebundenheit des Einzelnen geben 
muss, dann war es nicht zu vermeiden, der entgegengesetzten Bestrebungen 
zu gedenken. 

Diese sieht Verfasser nicht bloss in dem Fehler der Verwaltung, welche 
die eigentlichen Fachleute in die Stellung blosser Berather ohne Einfluss 
auf die Verwaltung zurückdrängt und noch immer die ungehörige Ver¬ 
quickung der Gesundheitspflege mit der gerichtlichen Medicin aufrecht¬ 
erhalten hat, sondern er findet sie auch in dem Dogma vom Schutz der 
individuellen Freiheit, welches in der Gewerbeordnung eine ihm verkehrt 
erscheinende Anwendung gefunden hat. 

Wenn ihm nun auch die Schaffung des Reichsgesundheitsamtes und die 
in den Mittelstaaten eingerichteten Vertretungen des ärztlichen Standes 
als „Ausgangspunkte der Hoffnungen für die Zukunfb u gelten, so bleibt 
ihm doch unzweifelhaft die Organisation des Gesundheitswesens von heute 
ein leidiges Stückwerk. Da haben wir ein Amt, welches keine Behörde, 
sondern lediglich eine rathgebende Körperschaft ist, eine Reichssterblichkeits¬ 
statistik ohne Leichenschau, eine einheitliche Prüfung für Aerzte ohne ein Gel¬ 
tungsäquivalent für diejenigen, welche den Forderungen des Staates Genüge 
gethan haben, ein Nahrungsmittelgesetz ohne die entsprechenden Ausfüh¬ 
rungsgesetze, von einem Epidemiegesetz einzelne Brocken, unter welchen, 
nebenher gesagt, das Impfgesetz auch noch derartig abgefasst ist, dass in 
einzelnen Kreisen, welche dem Kostenpunkt das entscheidende Gewicht bei¬ 
legen, es, statt zu einer Organisation, zu einer Desorganisation des schon 
vordem Erreichten gekommen ist. 

In gerechter Würdigung der dem Reichsgesundheitsamte von Anfang 
an angelegten Hemmschuhe, lässt Verfasser den werthvollen Veröffentlichun¬ 
gen desselben alle Anerkennung, hofft aber, dass „das Werthvollste seiner 
Arbeiten, welches (nach den Worten des Ministers) nicht zur Veröffent- 


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Ploss, Gesundheitswesen u. seine Regelung im Deutschen Reiche. 105 

lichung bestimmt sei u f dadurch zur Verwendung kommen möge, dass aus 
der berathenden Körperschaft bald ein Amt, eine Abtheilung unter der 
directen Leitung des Reichskanzlers werde, welches in die Verwaltung des 
Gesundheitswesens die nothwendige Einheitlichkeit bringe, den Verkehr 
mit den übrigen Gebieten der Verwaltung ordne, und welchem die Medici- 
nalcollegien der Einzelstaaten und der ausführenden Organe der Reichs¬ 
gesetze unterstellt würden. Man sieht auch in der That schwer ein, wie 
auf anderem Wege, als auf dem des einheitlichen Vorgehens, man sich c£e 
Erreichung des nächsten Zieles des Gesundheitswesens, die Bekämpfung der 
gemeingefährlichen Krankheiten, denken soll. 

Dass mit diesem Schritte noch nicht Alles gethan sei, wird, namentlich 
in Berücksichtigung der Zustände Preussens, dessen Regierung bekanntlich 
im Deutschen Reiche die einflussreichste Rolle spiele, anerkannt. So lange 
dort noch Zustände der Länder, in denen es mit der Medicinaiverfassung 
am schlechtesten steht, zu Anden, sei wenig Hoffnung für Deutschland vor¬ 
handen, im Medicinalwesen die gleiche fördernde Einheit zu erreichen, wie 
solche in anderen Angelegenheiten erfreulicherweise in den letzten 10 Jah¬ 
ren erreicht sei. 

Eine weitere Erschwerung findet Verfasser in der gemeindlichen Selbst¬ 
verwaltung und ist geneigt, den Beschluss des Deutschen Vereins für öffent¬ 
liche Gesundheitspflege in seiner ersten Versammlung in Frankfurt a. M. 
„dass in der öffentlichen Gesundheitspflege wesentliche Fortschritte nur 
auf dem Wege der Selbstverwaltung zu erwarten seien“ sehr einzuschrän¬ 
ken. Ref. meint, dass diese Fassung vornehmlich zu Stande gekommen 
durch die der Zeit beginnenden sanitären Fortschritte in den Grossstädten 
des Reiches, welchen neben den Mitteln auch die nöthige Einsicht und vor 
Allem auch die nöthigen Fachmänner zu Gebote standen, welche zur Aus¬ 
führung derartiger Werke erforderlich sind. Denn wem wären nicht der 
gegentheiligen Beispiele unzählige bekannt, wo Gemeinden aller Art und 
Grösse das Gesundheitswesen mit einer Lässigkeit behandeln, als ob es gar 
kein Theil der Verwaltung wäre, Gemeinden, wo die auf Zeit gewählten 
Beamten, welche zugleich die Organe der staatlichen Polizei sind, diese ihre 
zweite Aufgabe in gesundheitlicher Beziehung hintansetzen, weil der Ge¬ 
meinde keine Kosten erwachsen sollen! 

Trotz alledem ist Verfasser kein Gegner der Selbstverwaltung, sondern 
verlangt nur, dass in den zu bildenden Bezirken durch Gesetz die Errich¬ 
tung von Gesundheitsräthen erfolge, und dass denselben durch Reichsgesetz 
ihre Zuständigkeit, sowie die Berechtigung der Verfügung über Geldmittel 
bis zu einer bestimmten Höhe gesichert werde. Verfasser weist dabei auf 
England hin bezüglich der Zusammenfassung des in den Händen der Orts¬ 
verwaltungsbehörden belegenen Gesundheitswesens unter einer Central¬ 
behörde. Wir hätten gewünscht, dass er auch auf die gesetzlichen Zwangs¬ 
mittel aufmerksam gemacht, die sich dort der Staat gegenüber der Selbst¬ 
verwaltung der Gemeinde Vorbehalten hat, als z. B. die zwangsweise 
Anwendung der Gesundheitsgesetze auf Gemeinden, sobald Vio der Armen¬ 
geld zahlenden Einwohner, welche jedoch im Ganzen nicht weniger als 
30 betragen dürfen, dies beantragt, oder wenn aus den Sterbelisten hervor¬ 
geht, dass im Durchschnitt der letzten 7 Jahre eine gewisse Sterbeziffer 


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106 


Kritiken und Besprechungen. 

überschritten ist. Auch wäre ein Hinweis auf das dort vorgeschriebene 
Verfahren angebracht gewesen, welches durchaus auf der vollsten Oeffent- 
lichkeit beruht, also Jedermann die Mitwirkung zulässt, um dadurch zu 
zeigen, wie sich neben der vollendeten Selbstverwaltung sehr wohl eine 
gesunde Gesundheitspolizei durchführen lässt. 

In den vom Verfasser verlangten Gesundheitsräthen finde der Gesund¬ 
heitsbeamte und die anderweitigen ihnen gesetzlich zuzuertheilenden Tech¬ 
niker ein gesichertes Gebiet ihres Eingreifens, vorausgesetzt, dass die Ge¬ 
setzgebung, sowie es nach v. Stein in Oesterreich seit 1870 der Fall sein 
soll, die nach Lage und Ausdehnung des Gebietes und nach Zahl und Be¬ 
schäftigung der Einwohner zur Handhabung der Gesundheitspflege noth- 
wendigen Aufgaben der Gemeinde bestimme. 

Damit werde dann auch eine Regelung im Geschäftskreise der Kreis- 
physici oder Bezirksärzte, welche der Regel nach am liebsten der gericht¬ 
lichen Medicin enthoben seien, also der Gesundheitsbeamten, sich heraus¬ 
bilden müssen. 

Verfasser beleuchtet durch Nebeneinanderstellen der Physicatsgehalte 
in den verschiedenen Reichsländem noch einmal die bekannte Misere der 
preussischen Physicateverfassung. In Sachsen, Bayern, Württemberg, Baden 
und Hessen sind die Kreisphysici pensionsberechtigte Staatsbeamten, in 
Sachsen mit Gehalten von 1980 bis 3300 Mk. und 300 bis 630 Mk. Dienst¬ 
aufwandsentschädigung, in Bayern mit Gehalten von 1 400 bis 2520 Mk., 
in Württemberg von 900 bis 1100 Mk., in Baden von 1200 bis 3500 Mk. 
und in Hessen von 3000 bis 4200 Mk. Dazu die bessere Stellung im Amt. 
Während der preussische Kreisphysicus sich auf technischen Beirath zu 
beschränken hat — seine Abhängigkeit von der Einsicht des Landrathes 
in gesundheitlichen Fragen ist hinreichend bekannt — darf in Sachsen z. B. 
der Physicus zwar auch nur in Ausnahmefällen selbständige mit Straf¬ 
androhung verschärfte Verfügungen erlassen; wenn aber Behörden (Ge¬ 
meindevorstände, Stadträthe), bei denen er wegen Erlasses von Verfügun¬ 
gen Anträge stellte, in der Ausführung der letzteren säumig sich erweisen, 
so hat er bei der Vorgesetzten Regierungsbehörde Beschwerde zu führen; 
auch dürfen Anträge der sächsischen Physiker in Polizeisachen nicht ein¬ 
fach abgelehnt werden, sondern es ist über die Gründe der Ablehnung an 
die Vorgesetzte Regierungsbehörde zu berichten. 

Im zweiten Theile seiner Abhandlung beschäftigt Verfasser sich mit 
dem Heilpersonal und der berufsmässigen Gliederung desselben, also mit 
dem Arzt, Thierarzt, Apotheker, mit den Hebammen und Heilgehülfen. 

An die Spitze stellt er, was Lorenz v. Stein über das öffentliche 
Recht des Heilpersonals sagt: Das erste, was dies öffentliche Recht fordert, 
ist die Feststellung der Bedingungen für die berufsmässige Fachbildung, das 
zweite die Prüfung, das dritte die darnach erfolgende Anerkennung des Beru¬ 
fes, welche in dem Rechte der freien Ausübung und in dem Rechte der Aus¬ 
schliessung der nicht berufsmässig Anerkannten besteht. Die Verschiedenheit 
der Function in der Heilung der Kranken bedingt das verschiedene Berufs¬ 
recht der Aerzte, Apotheker und Heildiener. Aus dem Begriff der öffentlichen 
Function leitet sich ab, dass das berufsmässig gebildete Heilpersonal frei in 
seiner Auffassung der Heilkunde, aber verpflichtet ist, seine Hülfe den 


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Ploss, Gesundheitswesen u. seine Regelung im Deutschen Reiche. 107 

Kranken nicht zu versagen. — Nur aus dem Umstande, dass die Gesetz¬ 
geber der deutschen Gewerbeordnung keine Vorstellung von dem Unter¬ 
schiede zwischen Gewerbe und Beruf gehabt, erklärt v. Stein, lässt sich 
begreifen, dass das Gesetz sich auf den Standpunkt des Heilgewerbes ge¬ 
stellt und die Ausübung der Heilkunde jeder Art freigegeben habe. Das 
Volk könne daraus nur herauslesen, dass wissenschaftliche Vorbildung nicht 
mehr für die Heilung und das Verständniss von Krankheiten nothwen¬ 
dig sei. 

Verfasser wendet sich dann der Reformfrage zu und sagt, dass trotz¬ 
dem vor Einführung der Gewerbeordnung von 1869 alle Personen, welche 
ohne berufsmässig anerkannt zu sein ärztliche Praxis betrieben, straffällig 
waren, dennoch bereits in den Jahren vor 1848 in den Fachkreisen kein 
Zweifel darüber bestanden habe, dass die Einrichtungen der Verwaltung 
der öffentlichen Gesundheitspflege völlig veraltete seien und den Ruf nach 
Reform rechtfertigten. Er führt dann weiter historisch aus, wie mit dem 
Anträge H. E. Richter’8 auf der Naturforscherversammlung von 1865 es 
zu einer Vereinigung deutscher Aerzte für die Medicinalreform gekommen 
sei, bei welcher das Hauptgewicht auf die nach dem Vorgänge Sachsens 
anzustrebende Corporationsbildung des ärztlichen Standes gelegt wurde. Ver¬ 
fasser schildert den Gang der Bewegung, die offlciellen Vereinsorganisatio¬ 
nen in Sachsen, Bayern, Württemberg, Baden und Hessen, entwickelt seine 
Ansichten über den Gang, welchen die Gesetzgebung bei Aufstellung einer 
Aerzteordnung zu nehmen habe, und gelangt zu der durch die jüngste 
Vergangenheit bestätigten Annahme, dass die auf dem letzten Aerztetage 
aufgestellten Grundzüge des Hoffm an n'sehen Entwurfes von der grossen 
Mehrzahl der Standesgenossen würden angenommen werden. Nur die Be¬ 
fürchtung, dass mit einer Aenderung des jetzigen Zustandes den Aerzten 
wieder allzu viele Verpflichtungen auferlegt werden dürften, wie z. B. der 
berüchtigte §. 200 des früheren preussischen Strafgesetzbuches, würde Ein¬ 
zelne zur Nichtannahme bestimmen können. Ob eine Aerzteordnung inner¬ 
halb der Gewerbeordnung oder gegen dieselbe hergestellt werde, lässt Verf. 
in soweit unentschieden, als auch er, ebenso wie die Vereinsdelegirten auf 
alle Fälle die Freizügigkeit, die Freiwilligkeit der Hülfeleistung und die 
freie Vereinbarung des Honorars erhalten wissen will. Im Uebrigen aber 
lässt er keinen Zweifel darüber, dass er die Gewerbeordnung bezüglich der 
Freigabe der Heilkunst abgeändert wissen will in Consequenz der oben 
mitgetheilten St ein’sehen Sätze, und ist der Meinung, dass nur einer lässi¬ 
gen Behandlung des §. 200 Seitens der preussischen Aerzte es zuzuschrei¬ 
ben sei, wenn für seine Beseitigung in der Gewerbeordnung das ärztliche 
Gewerbe freigegeben wurde. 

Wenn man auch zugeben muss, dass mit der Freigabe der Heilkunst 
der §. 200 hinfällig war, so bedingte des letzteren Aufgeben doch keines¬ 
wegs erstere. In der demRef. vorliegenden Petition der schleswig-holsteini¬ 
schen Aerzte an den Reichstag vom Herbstei868 findet sich auch keine Spur 
eines solchen Gedankens, vielmehr wird der Paragraph an sich, hinsichtlich 
seiner unbestimmten Fassung, seiner noth wendigen Missdeutung und des durch 
ihn hervorgerufenen Missbrauches bekämpft, und hinzugefügt, dass das Pub¬ 
licum denselben ohne Schaden zu nehmen vor 1851 nicht vermisst habe 


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108 


Kritiken und Besprechungen. 

(der Verfasser schreibt den Paragraphen unrichtiger Weise dem Landrecht 
zu) und auch kein anderes Land an seine Aerzte eine ähnliche Zumuthung 
stellt. Wenn aber, soweit Ref. bekannt, gleichlautende Petitionen von den 
preussischen Aerzten aller Provinzen an den Reichstag gegangen sind, so 
wird man den Aerzten Vorwürfe nicht machen dürfen, vielmehr für das 
Zustandekommen des Gesetzes sich auf eine nicht glückliche Strömung 
beziehen müssen, welche der Zeit die maassgebenden Kreise der Berliner 
Aerzte ergriffen hatte. 

Die Kurpfuscherei und die ihretwegen aufgeworfene Frage, ob die 
Aufhebung der gesetzlichen Beschränkung derselben Nachtheile für das 
öffentliche Wohl geschaffen habe, behandelt Verfasser von dem Standpunkte 
aus, dass es billiger Weise keine Frage sein sollte, da es für den in seiner 
Wissenschaft und deren Anwendung gebildeten Arzt unbegreiflich sein 
muss, nach solchen Beweisen noch fragen zu sollen. Referent kann dem 
Verfaser nur beistimmen, wenn derselbe anführt, dass die sanitäre Ueber- 
wachung der Epidemieen bereits in manchen Districten unmöglich geworden 
ist durch das Verdrängen der Aerzte durch Kurpfuscher, dass hier höch¬ 
stens noch die Einführung der obligatorischen Leichenschau Wandel schaf¬ 
fen könnte, nur beistimmen, wenn Verfasser das Volk für völlig unreif 
erklärt, um nicht bei solcher Gesetzgebung Schaden an Leib und Leben zu 
erleiden, dass die Gesetze absolut stumpf sind hinsichtlich der Bestrafung 
falscher Behandlung, dass es ein Verstoss gegen die öffentliche Moral ist, 
das Spiel mit der Gesundheit gesetzlich als ein ehrenvolles Gewerbe hin¬ 
zustellen — was thut man beim Hazardspiel? — und dass diese Gesetz¬ 
gebung ebenso unvortheilhaft auf die Reclamesucht unter den Aerzten selber 
gewirkt habe. So entstand das Behandeln der Kranken im Umherziehen, 
was in manchen Gegenden bereits jede solide auf persönlichem Zuvertrauen 
zum Arzt begründete Thätigkeit untergraben hat, und so fördert man die 
Ausbreitung der sehr zweifelhaften Classe der Heilgehülfen. Referent hätte 
nur gewünscht, dass Verfasser auch noch einen Blick auf die Maassnahmen 
der Verwaltung geworfen, welche bezwecken die an sich zu den grössten 
Schädigungen des Publicums führende Freiheit der Heilkünstler in ihren 
schlimmsten Auswüchsen thunlichst abzustumpfen. Dahin gehört die eigen¬ 
tümliche Erfindung, den Apotheker zum Polizisten über das allgemeine 
Wohl zu machen, indem man ihm verbietet gewisse Stoffe auf Laienrecepte 
zu verabreichen, dahin die Vorschriften über den Handverkauf, welche sich 
neben der Heilfreiheit kaum rechtfertigen lassen, Vorschriften, welche in 
gar vielen Fällen den auf Erwerb angewiesenen Apotheker in tagtägliche 
Gewissensconflicte bringen und schon Anlass gegeben haben zu dem be¬ 
dauerlichen Vorkommniss, dass approbirte Aerzte mit ihrem Namen die 
unerlaubten Recepte nicht approbirter Heilkünstler decken. 

Man behauptet nicht zu viel, sagt der Verfasser, wenn man den Satz 
aufstellt, im Deutschen Reiche besteht jetzt nicht für Aerzte, sondern nur 
für die Kurpfuscher ärztliche Gewerbefreiheit. — Freilich sind dem Arzt 
allerlei Pflichten auferlegt, Strafen angedroht, die den Kurpfuscher,unbe¬ 
rührt lassen. Verfasser kommt desshalb zu dem Schlüsse, den ursprüng¬ 
lichen Bundesrathsentwurf für die §§. 29 und 147 der Gewerbeordnung zur 
Wiederherstellung zu empfehlen. 


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Rockwitz, Oeffentl. Gesundheitswesen d. Regierungsbezirks Cassel. 109 

Bei Besprechung der noch immer ihrer Umgestaltung wartenden Prü¬ 
fung der Aerzte bedauert er die dem Ansehen des deutschen Arztes hier¬ 
durch entstandene Schädigung und giebt anmerkungsweise bekannt, dass 
in dem Studienplane für Mediciner der Universität Jena für die Zulassung 
zum Doctorexamen mindestens sechs Semester Studium verlangt'werden — 
zu einer Zeit, wo alle Welt vier Jahre nicht ausreichend hält für ein gründ¬ 
liches Studium. 

Interessant ist die Zusammenstellung der Vorschriften des Auslandes 
über Zulassung fremder Aerzte und die Bemerkung, dass in England jeder 
Arzt, obgleich nicht registrirt, zur Praxis zugelassen wird; allein dort hat 
er wegen Fehler in der Praxis erhöhte Strafen zu erwarten, während im 
Gegentheil in Deutschland der approbirte Arzt als solcher erhöhte Strafe 
zu gewärtigen hat. Verfasser ist gemeint, dass so lange man mit der ärzt¬ 
lichen Prüfung nichts weiter erwerben könne, als das Recht sich Arzt zu 
nennea, eine Mehrbelastung an Kosten und Zeit nicht annehmbar erscheine. 
Bezüglich der Entziehung der Approbation verwirft er, wie alle Aerzte, die 
Vorlage des Bundesrathes vom 27. April 1882. 

Was Verfasser schliesslich über die Apothekerordnung vorbringt, kön¬ 
nen wir um so mehr übergehen, als es nur Bruchstücke sein sollen, von 
denen uns indessen der Hinweis auf das französische Gesetz der Rheinlande 
hez. Ankündigung und Verkauf von Geheimmitteln, und die Forderung, 
dass auch der Apothekerstand eine officielle Vertretung im Reiche erhalten 
müsse, angebracht erscheinen. 

Ebenso treffend ist die Bemerkung, dass auch für das Hebammen wesen 
noch kein einheitlicher Zustand existirt, dass die Ausbildungszeit der Heb¬ 
ammenschülerinnen zu kurz ist, und dass, wie Referent namentlich hinzu¬ 
gefügt wissen möchte, die Aufnahme von Schülerinnen in die Lehranstalten 
strengeren Vorschriften unterworfen werden müssten, um dem Ausbreiten 
eines Hebammenproletariats besser entgegenarbeiten zu können. 

Hinsichtlich der Heilgehülfen endlich wird auf eine Resolution von 
1880 in Eisenach Bezug genommen und eine Ordnung vorgeschlagen, wie 
sie unseres Wissens etwa in Preussen bereits existirt. 


Dr. C. Rockwitz, Regierungs- und Medicinalrath: Gtelieralberiollt 
über das öfftentliohe Gesundheitswesen des Regierungs¬ 
bezirks Cassel für die Jabre 1876 bis 1879. Cassel und 
Berlin. Theodor Fischer, 1882, 8., 192 Seiten mit 31 Tabellen. 
— Besprochen von Dr. E. Marcus (Frankfurt am Main). 

Einleitung. Der Regierungsbezirk Cassel ist 185*21 Quadratmeilen 
gross und hatte am Schlüsse des Jahres 1879 830190 Einwohner, von 
denen 30 Proc. in Städten, 70 Proc. auf dem Lande leben. Auf 1000 Ein¬ 
wohner kommen durchschnittlich 8 Eheschliesssungen, 40 Geburten und 
27 Todesfälle pro Jahr. Die Kindersterblichkeit unter einem Jahre beträgt 
4*01 Proc. der Bevölkerung oder 29*4 Proc. der Gestorbenen überhaupt. 


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Kritiken und Besprechungen. 

Von den Todesursachen sind nur die folgenden Krankheiten statistisch 
näher erörtert. 

Es starben von 1875 bis 1879 incl.: an Typhus 1*78 Proc., an 
Diphtheritis und Croup 5*52 Proc., an Tuberculose 11*81 Proc., im Kindbett 
1*11 Proc. der Gestorbenen. Der Tod im Wochenbett sowie an Diphtheritis 
war unter der Landbevölkerung, der Tod der Tuberculose und Typhus unter 
der Stadtbevölkerung häufiger. 

I. Oeffentlicher Gesundheitszustand. Hier interessirt uns das 
Capitel über die Infectionskrankheiten. Der Typhus trat nur zwei¬ 
mal als Epidemie von grösserer Ausdehnung auf: 1876 in Altmorschen, 
Kreis Melsungen, mit 141 Krankheits- und 10 Todesfällen und 1879 in 
Tann a. d. Rhön mit 138 Krankheits- und 6 Todesfällen. Das erstgenannte 
Dorf hat 734 Einwohner, mitten durch dasselbe zieht ein Bach, in den aus 
zahlreichen Miststätten die Jauche zusickert. Das Wasser wird zu häus¬ 
lichen Zwecken verwandt und bildete mit den Ausdünstungen aus dem Bache 
wahrscheinlich die Ursache des Typhus. Das Trinkwasser war rein, ln 
Tann dagegen wurde die Schuld auf eine in der Nähe einer Gerberei liegende 
Quelle geschoben. — Typhus recurrens wurde 1879 eingeschleppt; es er¬ 
krankten 56 und starbeb 3. Diphtheritis ist eine weitverbreitete Calamität 
geworden. Es starben in fünf Jahren 5973 Personen (1879: 643, davon 221 
in Städten), das ist dreimal so viel als an Typhus. Sie tritt im Sommer wie 
im Winter, bei Reichen wie bei Armen auf. — Scharlach zeigte in seinem 
epidemischen Auftreten überall einen schleppenden Verlauf, so dass mancher 
Bezirk mitunter länger als ein Jahr nicht seuchenfrei war. Masern waren 
meist gutartig, ebenso Keuchhusten. Blattern traten 1876/77 epidemisch 
auf, am heftigsten — mit etwa 200 Fällen — im Kreise Hanau neben 
gleichzeitigen Scharlach- und Masernepidemieen. Sehr nützlich erwiesen sich 
die Contagienhäuser, sowie Impfung und Wiederimpfung. Mehrere Fälle 
werden zum Beweise angeführt, dass Pockenhäuser in möglichster Ent¬ 
fernung von Wohnstätten und auch von den Krankenhäusern zu errichten 
sind. — Hinsichtlich des Puerperalfiebers wird der Meinung Böhr’s ent¬ 
gegengetreten, dass die hohe Mortalitätsziffer in Hessen-Nassau (1*047 Proc.) 
auf Mangelhaftigkeit des Hebammenunterrichts schliessen lasse. Nur die 
sorgfältige Controle in dieser Provinz scheine diese Ziffer zu verschulden. 

II. Oeffentliche Gesundheitspflege. Das Impfwesen war im 
vormaligen Kurfürstenthum seit 1803 eingeführt und das Reichsimpfgesetz 
brachte nur den Nachtheil, dass der Abimpfungszwang abgeschaffb wurde. 
Ausserdem wird über die von einzelnen Kreisen beliebte Uebertragung des 
Impfgeschäftes an die Mindestfordernden geklagt. Den Impfstoff zur Er¬ 
öffnung der Impfcampagne lieferte fast sämmtlich dasCasseler königl. Impf¬ 
institut. Impfschädigungen sind nicht bekannt geworden; eine Anzeige 
eines Lehrers wegen syphilitischer Infection seines Kindes durch die Vacci- 
nation erwies sich als völlig grundlos. Geimpft wurden in fünf Jahren 
120 803 Kinder = 93*04 Proc. und 94 491 Schüler = 96*11 Proc. der 
Impfpflichtigen. 

Die Schulhygiene hat im Regierungsbezirk Cassel ziemliche Fort¬ 
schritte gemacht; in Bezug auf Bau wie Einrichtung von Schulhäusern sind 


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Rockwitz, OeffentL Gesundheitswesen d. Regierungsbezirks Cassel 111 

sehr vernünftige Vorschriften erlassen, die allerdings erst nach und nach 
beachtet werden können. Ueber den Schulbesuch bei ansteckenden Krank¬ 
heiten ist im Jahre 1876 die Verfügung ergangen, dass Kinder, in deren 
Familie solche herrschen, die Schule nicht besuchen dürfen. In den Land¬ 
gemeinden scheint diese Maassregel streng durchgeführt zu werden, in den 
grösseren Städten aber nicht, und Verfasser spricht sich daher mit Recht 
für allgemeine Anzeigepflicht für Aerzte und HaushaltungsVorstände unter 
Angabe der Schalen, welche die Kinder besuchen, aus. Schulabsper- 
rungen geschehen öfters wegen Diphtheritis, Scharlach, Masern, Keuch¬ 
husten, auch einmal wegen Ruhr in einem Dorfe. Doch fehlt eine Angabe 
über den Erfolg. Durch Regierungserlass wurde das Verbot des Schul¬ 
besuches auch auf Kinder mit Epilepsie ausgedehnt, nachdem sich heraus¬ 
gestellt, dass in einer Schule nach und nach 21 Kinder im Alter von 9 bis 
14 Jahren, meist Mädchen, durch den Anblick epileptischer Anfälle bei 
einem Mitschüler von Krämpfen befallen worden waren. 

Die Baupolizei ist für die Städte meist geregelt und überall mit 
Berücksichtigung der hygienischen Forderungen. Der unbedeckte Hofraum 
muss mindestens 5 m Länge und ö m Breite haben; die Höhe der Gebäude 
darf 20 m und die Breite der Strasse nicht überschreiten, für Strassen unter 
12 m Breite ist jedoch eine Höhe der Häuser bis zu 13 m zulässig. Die 
Wohnräuroe müssen mindestens 2*50 m lichte Höhe haben, auf dem Lande 
genügen 2*20 m. Kellerwohnungen sind leider noch nicht ganz verboten, 
doch werden weitgehende Ansprüche an die Beschaffenheit derselben gestellt. 

Die öffentliche Reinlichkeit wird meist nach ortspolizeilichen 
Vorschriften gehandhabt und ist wesentlich, auch in den Städten, durch den 
landwirtschaftlichen Gewerbebetrieb beeinflusst. In Cassel hat man Versuche 
mit dem Li er nur’sehen Systeme und mit Pudrette-Fabrikation gemacht, 
doch ist man nach Fertigstellung der Quellwasserleitung schliesslich mit 
Notwendigkeit zur Einführung resp. Erweiterung und Verbesserung des 
bestehenden Schwemmsystems gekommen, dessen planmässige Herstellung 
bereits begonnen hat und allmälig durchgeführt werden soll. — In Cassel 
und Hanau zeigte sich in einem Bache und in Gräben starke Algenbildnng 
(i leptamitus lacteus ) mit penetrantem Gestank. Desinfection nutzte nichts, 
wohl aber ein Canal zur Ableitung des in dieselben fliessenden Schmutz¬ 
wassers resp. Reinigung und Desinfection des letzteren in Klärbassins vor 
Einlauf in den Bach. 

Bei Besprechung des Trinkwassers und der Nahrungsmittel 
wird auf die grossen Aufwendungen verwiesen, welche einzelne Gemeinden 
zur Beschaffung guten Wassers gemacht haben; Fulda, Ziegenhain und 
Marburg dagegen scheinen keine Neigung zu Opfern zu haben. Cassel hat 
eine neue Leitung, ein Gravitationswerk, das aus dem 2 Meilen entfernten 
Sammelrevier das Wasser durch ein eisernes Rohr von 17*5 km Länge mit 
natürlichem Gefälle der Stadt zuführt. Das tägliche Quantum beträgt 
4650cbm, der tägliche Verbrauch ist 83 Liter pro Kopf. — Für Nahrungs¬ 
mittel bestehen nur in Cassel, Hanau, Fulda und Marburg Untersuchungs¬ 
stationen. Die Fleischschau ist mangelhaft. In fünf Jahren wurden unter 
572 097 untersuchten Schweinen 317 = 0*06 Proc. trichinös befunden, 
563 finnig, 207 amerikanische Speckseiten und Schweinefleischpräparate 


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Kritiken und Besprechungen. 

waren ebenfalls trichinös. Die Erkrankungen von Menschen an Trichinose 
beliefen sich auf 26 Fälle mit 94 Personen, von denen 22 starben. — Eine 
schwere Calamität befiel im Herbst 1879 den Kreis Frankenberg durch 
weit verbreitete Vergiftungen mit Mutterkorn. Sie betraf 288 Per¬ 
sonen mit 25 Todesfällen. 

Die Handhabung der Gewerbepolizei erfuhr durch Bestellung von 
Fabrikinspectoren eine wesentliche hygienische Verbesserung. Gewerbe¬ 
krankheiten kamen in erheblichem Maasse nicht vor. 

In dem Capitel über Geheimmittelverkauf und Pfuscherei 
wird über Zunahme dieses Krebsschadens geklagt und namentlich über das 
Ertheilen von Legitimationsscheinen zum Betriebe des Heilgewerbes im 
Umherziehen. 

Besondere regelmässige Maassregeln wider die Verbreitung der 
Syphilis kommen nur in Cassel und Hanau zur Anwendung. Die Zahl der 
in den Krankenhäusern verpflegten Syphilitischen betrug in den fünf Be¬ 
richtsjahren 902. 

III. Oeffentliohe Krankheitspflege. Acht communalständische 
Krankenhäuser, die klinischen Anstalten zu Marburg, die Communalspitäler in 
fast jeder Kreishauptstadt, das Diaconissenhaus in Traysa, das Kinderspital in 
Cassel und mehrere Privatanstalten dienen zur Aufnahme von Patienten. 
Irre wurden in Marburg, Haina und Merxhausen 1085 im Jahre 1879 ver¬ 
pflegt. Taubstumme gab es 925, von denen 86 in der Taubstummenanstalt 
in Homberg waren, Blinde 537. Eine Blindenanstalt besitzt der Bezirk 
nicht. Für die ärztliche Behandlung armer Kranken wird auf zum Theil 
sehr unzureichende Weise gesorgt, da die Gemeinden die ihnen nach dem 
Unterstützungswohnsitzgesetz obliegende Pflicht, die ärztliche Hülfe für 
Arme auf Gemeindekosten zu beschaffen, oft nicht genügend erfüllen. 

IV. Meflicinalpersonal. Im Staate Preussen kommen auf 10 000 Ein¬ 
wohner durchschnittlich 3*10 Aerzte, im Regierungsbezirk Cassel 3*52 oder 
2*66 auf 100 Quadratkilometer; im Ganzen giebt es 288 Aerzte, ihre An¬ 
zahl ist in den letzten Jahren zurückgegangen. 

Mit Einführung der früher im Bezirk Cassel nicht bestandenen Frei¬ 
zügigkeit soll die Neigung, den Wohnort zu wechseln, unter den jüngeren 
Aerzten auf dem Lande recht lebhaft geworden und damit eine Unruhe und 
Unsicherheit in das Verhältnis der Aerzte zu der Bevölkerung gekommen 
sein, das für Aerzte wie Publicum nicht zum Vortheil sei und nur den 
Pfuschern zu gut komme. — Hebammen gab es 993, d. i. 1 auf 823 Ein¬ 
wohner, und 11 Quadratkilometer; Apotheken 119, d. i. auf 10 000 Ein¬ 
wohner 1*51 oder auf 100 Quadratkilometer 1*14 Proc. 

36 sehr übersichtliche Tabellen schliessen den mit voller Sachkenntnis 
und Genauigkeit geschriebenen Beacht, der um so beachtenswerter ist, weil 
darin unseres Wissens zum ersten Mal das Gesundheitswesen des ehemaligen 
Kurfürstenthums Hessen öffentlich besprochen wird. 


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Pistor, OeffentL Gesundheitswesen im Reg.-Bezirk Oppeln. 113 


Dr. Pistör, Regierungs- und Medicinalrath: Das öffentliolie Ge¬ 
sundheitswesen im Regierungsbezirk Oppeln während 
der Jahre 1876 bis 1880. Generalbericht. Oppeln, W. Clar. 68 S., 
3 Taf. — Besprochen von Dr. E. Marcus (Frankfurt a. M.). 

Die Jahre 1876 bis 1880 waren für den Regierungsbezirk Oppeln in 
hygienischer Beziehung höchst bedeutungsvoll; fielen doch in dieselben 
n. A. die Flecktyphusepidemie 1876/77, der Nothstand 1879/80, die Vor¬ 
arbeiten zu einer allgemeinen Wasserversorgung des oberschlesischen In¬ 
dustriebezirkes. Diese Verhältnisse und Alles, was sonst auf das Sanitäts- 
weßen bezüglich, hat der (gegen Ende des Jahres 1880 nach Frankfurt a. d. 0. 
verzogene) Verfasser so sachgemäss und genau besprochen, dass das gün¬ 
stige Urtheil, welches über seinen früheren Bericht gefallt wurde (s. Bd. IX, 
S. 508), auch für den diesmaligen gilt. 

Der erste Theil ist medicinisch-statistischen Inhaltes. Die Bevöl¬ 
kerung des Regierungsbezirkes hat sich vom 1. December 1875 bis dahin 
1880 von 1 366 362 auf 1 441 296, d. h. um 64 934 Seelen = 4*7 Proc. gehoben, 
während die Zunahme im Deutschen Reiche 5*77 Proc., inPreussen 5*86 Proc., 
in der Provinz Schlesien 4*3 Proc. betrug. Die Geburtsziffei' betrug 
41*36 p. m. (gegen 40*54 p.m. des Staates), die Sterblichkeit 28*65 p.m. 
gegen 30*0 p. m. in der Provinz Schlesien und 28*40 p.m. des Staates. Die 
Sterblichkeit der Kinder bis zu einem Jahre beziffert sich 1876 auf 
408*5 p. m. Todesfälle, 1880 auf 374*8 p. m., hat also abgenommen. 

Das häufige Auftreten epidemischer Krankheiten veranlaeste die 
Einführung von Anzeigekarten, die sich sehr bewährt haben; dagegen ist 
die Aufstellung einer Sterblichkeitsstatistik ein frommer Wunsch geblieben. 
Nur über die Todesfälle an Schwindsucht (98*6 auf 1000 Todesfälle, gegen 
124*57 p. m. des Staates) und zymotische Erkrankungen liegen genauere 
Zahlen vor. Von letzteren seien hervorgehoben: 

1) Der Flecktyphus. Die Epidemie 1876/77 forderte bei 6091 Er¬ 
krankungen 644 Opfer = 10*57 auf 100 Kranke; dazu traten bis zum 
1. December 1878 noch 1138 Krankheitsfälle mit 130, 1879 noch 410 Er¬ 
krankungen mit 35 Todesfällen. Ueber die Verbreitung der Krankheit, 
die Maassregeln dagegen, die Symptome und Behandlung finden sich ge¬ 
nauere Angaben. Die Dichtigkeit der Bevölkerung, ihre Neigung zu Un- 
sauberkeit, die im Ganzen dürftige Ernährung u. dergl. befördern selbst¬ 
verständlich die Ausdehnung einer Epidemie. Als besonders wirksame 
Hülfsursachen kamen aber hinzu: Andauernde Ueberschwemmungen, wirth- 
schaftliche Missverhältnisse. 

2) Pocken. Hieran erkrankten: 

1878: 290 mit 38 Todesfällen = 13*1 Proc. 

1879: 774 „ 99 „ ' = 12*97 „ 

1880: 1602 „219 „ = 13*67 „ 

Das Impfverhältniss war 1880 folgendes: 

Ungeimpft 280 = 17*48 Proc., davon 110 Todesfälle = 39*29 Proc. 

Einmal geimpft 1261 = 78*71 „ „ 104 „ = 8*25 „ 

Revaccinirt 61 = 3*81 „ „ 5 „ = 8*20 „ 

Vierteljahnschrift für Gesundheitspflege, 1883. Q 


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Kritiken und Besprechungen. 

Bei durchschnittlich ca. 45 000 Impfungen kleiner Kinder und 28 000 
bis 30 000 Impfungen von Schulkindern per Jahr wurde keine Schädigung 
beobachtet. 

Von anderen ansteckenden Krankheiten sei noch die Diphtheritis er¬ 
wähnt, die sich auch im Regierungsbezirk Oppeln in den letzten fünf Jahren 
entschieden vermehrt hat. 

Von Lissa humana kamen 3 Todesfälle vor. 

Der Verwaltungsbericht beschäftigt sich zunächst mit den Nah¬ 
rungsmitteln. Die allgemeine obligatorische Untersuchung des Schweine¬ 
fleisches führte zu dem Ergebniss, dass gefunden wurden: 

1878 unter 102 315 untersuchten Schweinen 12 trichinös, 430 finnig 

1879 „ 269 265 „ „ 28 1775 „ 

1880 „ 231 063 „ „ 30 „ 1085 „ 

Trichinosis bei Menschen kamen mehrere Fälle vor, alle mit glück¬ 
lichem Ausgange. Das Gesetz von 1879 über den Verkehr mit Nahrungs¬ 
mitteln ist bisher fast ohne Erfolg geblieben, weil die Kosten für die Ein¬ 
richtung einer Untersuchungsstation gescheut wurden. 

Ausführlich wird der Nothstand 1879/80 behandelt, der hauptsächlich 
durch Ueberschwemmungen veranlasst war. Hunger und Elend hatten 
ihren Einzug gehalten, aber die öffentliche wie private Wohlthätigkeit ver¬ 
hütete, dass sie nicht so verheerend wirkten, wie 1846/47. 

Recht traurig steht es zum grossen Theile mit den Arbeiterwoh¬ 
nungen in den Fabrikbezirken, so dass bei den das öffentliche Wohl im 
höchsten Grade bedrohenden Gefahren am 16. Febr. 1880 eine energische 
Polizeiverordnung, das Kost- und Qnartiergängerwesen betr., erlassen werden 
musste. Um einen Begriff von letzterem zu haben, sei nur angeführt, dass 
eine Familie, welche nicht mehr als ein Zimmer allein oder mit einer Kam¬ 
mer bei 4 bis 6 Kindern bewohnte, auf Schlafstelle (mit oder ohne Bekösti¬ 
gung) noch 1 bis 6 Personen nahm, meist männlichen Geschlechtes von 
16 bis 40 Jahren, die dann auf der Diele, auf einem Kasten, einer Pritsche 
mit Stroh oder im Ehebette mit ihren schmutzigen Bergmanns- und Hüt¬ 
tenkleidern schliefen. Das Bild der Unsittlichkeit, das P. hier entwirft, ist 
grausig. Knaben von 14 bis 15 Jahren wurden mit Syphilis inflcirt, Mut¬ 
ter und Tochter von demselben Schlafburschen in einem Jahre geschwän¬ 
gert. Dass ansteckende Krankheiten, wie der Flecktyphus, in den bezeich- 
neten Räumen ihre reichste Ernte hielten, ist natürlich. 

In der Trinkwasserfrage sind eingehende, durph Pläne veranschau¬ 
lichte Vorarbeiten vorgenommen worden, die behufs Abstellung des Wasser¬ 
mangels in den Industriebezirken von höchster Bedeutung sind. Salb ach 
fand eine Quelle, die 250 000 wasserbedürftige Menschen auskömmlich ver¬ 
sorgen soll. Die Staatsregierung hat sich in den Besitz des betreffenden 
Terrains gesetzt und es ist zu hoffen, dass auch die Mittel zur Vollendung 
des Werkes bald aufgebracht werden. 

In Bezug auf die öffentliche Reinlichkeit hat sich in den Städten 
eine Wendung zum Besseren gezeigt, namentlich in Ratibor, wo Abzugs¬ 
canäle für Hauswässer mit Spülung eingerichtet sind, und in Neisse, wo die 
alten Abzugscanäle zur Abführung aller Abfälle und Fäcalien in den Neisse- 
fluss erneuert und verbessert wurden. 


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Beyer, Oeffentl. Gesundheitswesen des Reg.-Bez. Düsseldorf. 115 

Unter den gewerblichen Anlagen sind es die Zink- und Bleihfttten, 
die wiederum zu vielen Klagen über Gesundheitsschädigungen Anlass ge¬ 
ben. Doch wurden zwischen den Regierungsbehörden und den Industriellen 
einige Punkte vereinbart, die auf Beseitigung resp. Einschränkung der 
gröbsten Uebelstände hin wirken. Eine in gesundheitlicher Beziehung hoch¬ 
wichtige Industrie ist auch der sogenannte Productenhandel, d. h. das Auf¬ 
speichern von Lumpen, Knochen, Fellen etc. Gegen die hierdurch verur¬ 
sachten Missstände wurde eine, der Uebertragung ansteckender Krankheiten 
vorbeugende Verordnung erlassen, welche die Händler verpflichtet, ihre Sam¬ 
melplätze anzumelden und dieselben wöchentlich mindestens zweimal durch 
Entwickelung von Chlordämpfen zu desinflciren. 

Die Krankenanstalten wurden während des Berichtslustrums viel¬ 
fach und wesentlich verbessert. Im Ganzen hat der Regierungsbezirk 85 Kran¬ 
kenhäuser mit 2834 Betten. — Die Zahl der Geisteskranken bezifferte sich 
1880 auf 2357, der idiotischen schulpflichtigen Kinder auf 465, der Taub¬ 
stummen auf 1805, der Blinden auf 1168. 

Die Sorge der Regierung für Schulen war recht eifrig, eine Begutach¬ 
tung der Baupläne aber und des Bauplatzes durch Medicinalbeamte hat bis 
jetzt leider nicht erreicht werden können. 

Sehr wichtig in Rücksicht auf das häufige Auftreten epidemischer 
Krankheiten ist die immer mehr Anklang findende Errichtung von Lei¬ 
chenhäusern, besonders in dem dicht bevölkerten Montanbezirk. Seit dem 
1. Januar 1881 müssen die Leichen spätestens 12 Stunden nach dem Tode 
in das Leichenhaus verbracht werden. 

Aus dem Capitel über die zunehmende Prostitution und Syphilis 
ist erwähnenswerth, dass eine Hebamme bei einer Entbindung sich selbst 
am Finger, demnächst ihren Ehemann und mehrere Gebärende angesteckt 
hatte, so dass im Ganzen 9 Erkrankungen auf einmal gemeldet waren. 

Der letzte Abschnitt des Berichtes betrifft die Medicinalpolizei. Der 
Bezirk hat 223 Aerzte = 1 Arzt auf 6463 Einwohner bez. 1*049 Quadrat¬ 
meilen, 78 Apotheken = 1 auf 18 478 Einw., 727 Hebammen = 1 auf 
1982 Einw. 


Beyer, E., Reg.- u. Med.-Rath: Zweiter Beriolit über das öffbnt- 
liohe Gesundheitswesen des Regierungsbezirks Düssel¬ 
dorf für das Jahr 1880. Düsseldorf, Schwann’sche Verlagsbuch¬ 
handlung. — Besprochen von Prof. Dr. Hirt (Breslau). 

Wir haben bereits in diesen Blättern Gelegenheit gehabt, uns über die 
Bedeutung und den Werth von Jahresberichten, etwa in der Form, wie der 
vorliegende, auszusprechen, und es genügt daher, wiederholt darauf hinzu¬ 
deuten, dass eine wahre und erspriessliche Förderung der öffentlichen Gesund¬ 
heitspflege in erster Reihe da statthaben wird, wo man sich von dem Vor¬ 
handenen innerhalb bestimmter Zeiträume Rechenschaft ablegt und dabei 
prüft, ob resp. was für Maassregeln zur weiteren Verbesserung angezeigt 

8 * 


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11G Kritiken und Besprechungen. 

sind. Dass bei der bestehenden Organisation unseres Medicinalwesens solche 
Berichte am besten und vollständigsten von den Regierungs-Medicinalräthen 
verfasst werden dürften, erscheint unzweifelhaft, und es bleibt nur zu 
wünschen, dass recht viele ähnliche dem vorliegenden folgen möchten: 
Material ist massenhaft vorhanden, nur ruht es oft genug wohlverwahrt in 
den Acten; vielleicht kommt doch einmal die Zeit, wo es publicirt und auch 
für Andere nutzbar gemacht wird. 

Die vier Abschnitte des Düsseldorfer Berichtes gewähren interessante 
Einblicke in die Gesundheitsverhältnisse des Regierungsbezirkes; von den 
Thatsachen, die auch in weiteren Kreisen Beachtung verdienen dürften, 
wollen wir einige hervorheben. Die höchsten Geburtsziffern zeigen die 
grossen Industriestädte, in welchen die Summe von 40*0 pro mille theil- 
weise überschritten wird; die Zahl der Todtgeburten betrug 1*8 pro mille, 
die der Todesfälle 24*6 pro mille, ein an die englischen Gesundheitszustände 
erinnerndes günstiges V erhältniss. — Hinsichtlich der ansteckendenKrank- 
heiten weist der Verfasser mit Recht auf die grossen Lücken hin, welche in 
den Maassregeln und in der Thätigkeit der Behörden constatirt werden 
müssen; die praktische Durchführbarkeit wirklich geeigneter Schutzmaass¬ 
regeln sei noch nicht völlig klar und werde oft genug durch das Publicum 
gehindert. Auch wir theilen diese Ansicht und erblicken einen Hauptgrund 
dieses Uebelstandes darin, dass man in den hierher gehörigen Fragen 
behördlicherseits auf ein beinahe 50 Jahre altes Regulativ (vom Jahre 1835) 
zurückgreifen muss; will und kann man sich zur Emission eines neuen 
Gesetzes aus triftigen Gründen vorläufig nicht entschliessen, so erscheint 
doch eine dem heutigen Stande unserer Kenntnisse entsprechende Abänderung 
der damaligen Bestimmungen dringend geboten, — dass in erster Reihe 
die Desinfectionsfrage hierher gehört, bedarf keiner Erwähnung. — Inter¬ 
essant sind die Honorare, welche die Impfärzte im Regierungsbezirke 
beziehen; während Gravenbruch 25*2, Düsseldorf 27*4 Pfennig pro Impfung 
zahlt, giebt Duisburg 56*5 und Lennep versteigt sich sogar zu 75*0 Pfennig, 
die übrigen liegen innerhalb dieses Rahmens; dass die Medicinalbeamten am 
Impfgeschäfte betheiligt sind, ist selbstverständlich. Ueber die relative 
Häufigkeit einzelner ansteckender Krankheiten, insbesondere des Typhus 
und des Scharlachs in den verschiedenen Städten, ist nichts Sicheres mitge- 
theilt; Blattern kamen 72 Mal mit 14 Todesfällen (19 Proc.) vor. 

Auf dem Gebiete der Nahrungspolizei erachtet Verfasser namentlich 
die Fleischschau für durchaus unzureichend, nur Städte mit öffentlichen 
Schlachthäusern und Schlachtzwang bieten eine Garantie für gesunde 
Fleischnahrung; trotzdem sind Erkrankungen infolge von Fleischgenuss, 
abgesehen von der Trichinosis, zur Kenntniss der Behörde nicht gekommen; 
letztere Affection spielt noch immer eine gewisse Rolle, wobei erwähnt 
werden darf,'dass der Regierungsbezirk Düsseldorf in den westlichen Bezirken 
der einzige ist, wo die obligatorische Trichinenschau noch fehlt. Ver¬ 
fälschungen von Nahrungsmitteln stehen ziemlich in Flor, namentlich hat 
die Milch viel zu leiden: nach den Mittheilungen des Kreisphysicus 
Dr. Heilmann waren z. B. in Crefeld im Jahre 18 77 / 7 $ 44 Proc., im 
Jahre 18 7d /79 31*4 Proc., im Jahre 18 79 / 80 19*8 Proc. und im Jahre 1880 
16*2 Proc. der zu Markte gebrachten Milch verfälscht. Die Trinkwasser- 


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Beyer, Oeffentl. Gesundheitswesen des Reg.-Bez. Düsseldorf. 117 

frage wird von dem Verfasser sehr vorsichtig behandelt und der Einfluss 
verdorbenen Wassersauf die Gesundheit unerörtertgelassen; die Bemerkung, 
dass Städte mit anerkannt schlechtem Brunnenwasser oft keinen nachweis¬ 
baren Unterschied in den Gesundheitsverhältnissen anderen Städten gegen¬ 
über mit gutem Trinkwasser erkennen lassen, halten wir für bedenklich, 
da der Einfluss, den eine gute Wasserversorgung auf die Salubrität einer 
Stadt ausübt, doch schon oft genug bewiesen worden ist. Auf die Wasser¬ 
leitungen in den einzelnen Städten einzugehen erscheint interesselos. 

Die Beseitigung der Auswurfstoffe lässt viel zu wünschen übrig, 
* namentlich ist auch hier wiederholt der gar nicht streng genug zu rügende 
Uebelstand hervorgetreten, dass die in Fässern abgefahrenen Fäcalien in der 
Nähe von Städten und Dörfern (ja sogar in der Nähe frequenter Strassen) in 
grossen Sammelgruben aufbewahrt und in frischem Zustande en detail an 
Landwirthe u. s. w. verkauft wurden. Ein systematisches Entwässerungs¬ 
system ist in einigen Städten (Essen, Düsseldorf, Crefeld, Duisburg und 
Doberhausen) in Angriff genommen worden, doch genügen die vorhandenen 
Erfahrungen noch nicht, um irgend welches Urtheil darüber abzugeben. 

Der Abschnitt über Schulhygiene liefert viel Lesenswerthes; 
uns hat namentlich das Verhalten der Behörde gegenüber der Frage 
interessirt, unter welchen Umständen und auf wie lange die Schulen ge¬ 
schlossen werden sollen, wenn ansteckende Krankheiten (Scharlach, Diphthe- 
ritis, Masern etc.) auftreten, die erfahrungsgemäss dem Kindesalter besonders 
gefährlich werden. Wir müssen es uns selbstredend versagen, unsere eigenen 
Anschauungen und Erfahrungen hierüber mitzutheilen und constatiren nur, 
dass im Regierungsbezirk Düsseldorf der eventuelle Schulschluss nach Be- 
rathung mit den zuständigen Medicinalbeamten erfolgt, ohne dass man eine* 
Norm, wann er beginnen und wie lange er dauern solle, besässe; die Aus- 
schliessnng aller Kinder, in deren Familien sich mit ansteckenden Krank¬ 
heiten Behaftete befinden, vom Schulbesuche wird (auf wie lange? Re£) für 
nöthig erachtet. 

Aus den das Medicinalpersonal betreffenden Bemerkungen wollen 
wir nur hervorheben, dass die Zahl der Aerzte der Bevölkerung gegen¬ 
über etwas abgenommen hat, es waren ihrer 1880 im Ganzen 499 im 
Regierungsbezirk; wiederholt ist es vorgekommen, dass Mediciner, welche 
den Doctortitel erworben, die Staatsprüfung jedoch nicht abgelegt hatten, 
sich als Aerzte bezeichneten und deshalb verwarnt werden mussten. Wie 
überall stand und steht auch hier das Pfuschereiwesen in üppiger Blüthe: 
unter den Schmieden, Schäfern, Abdeckern u. b. w., welche gemeiniglich 
als WunderdoctQren bezeichnet werden, figurirt ein Geistlicher und ein 
Lehrer; sogenannte homöopathische Vereine, welche zur Verbreitung der 
Homöopathie beitragen sollen und deren Mitglieder sich in Krankheitsfällen 
gegenseitig homöopathisch behandeln, werden behördlicherseits streng über¬ 
wacht. Der Verein der Aerzte des Regierungsbezirkes, welcher im 
Frühjahr und Herbst in der Stadt Düsseldorf seine Versammlungen hält, 
erfreut sich der allgemeinsten Theilnahme. — Hinsichtlich der hier nicht 
erwähnten Capitel (Begräbniss- und Irren wesen, Apotheken etc.) müssen 
wir auf das lesenswerthe Original verweisen. 


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118 


Kritiken und Besprechungen. 


Skrzeczka, Dr.,C., Regierungs- und Geheimer Medicinalrath: Gteneral- 
berioht über das Medioinal- und Sanitätswesen der 
Stadt Berlin in den Jabren 1870 und 1880. Berlin, Druck 
von Hayn’s Erben, 1882, 8., 393 S. — Besprochen von Dr. Gutt- 
stadt (Berlin). 

Ein Medicinalbericht über Berlin ist bisher noch nicht erstattet worden. 
Aus der ungemein grossen Fülle von Material über das Medicinal- und 
Sanitfttswesen Berlins ist es der gewandten Feder des rühmlichst bekannten 
Verfassers gelungen, ein Werk zu schaffen, das der Belehrung viel enthält. 

Im ersten Abschnitt der vorliegenden Arbeit wird die Sterblichkeits- 
statistik, namentlich in Beziehung auf die Todesursachen eingehender 
behandelt. Die Zahl der Gestorbenen betrug in den 11 Jahren von 1870 
bis 1880, berechnet auf 1000 Einwohner, 31*27, 38*90, 31*60, 30*00, 30*20, 
32*92, 29*74, 29*64, 29*42, 27*59, 29*65. Mit Rücksicht auf den beherr¬ 
schenden Einfluss, den die Säuglingssterblichkeit auf die allgemeine 
Sterblichkeit ausübt, ist die Thatsache erfreulich, dass die Sterblichkeit im 
ersten Lebensjahr seit 5 Jahren nicht unerheblich günstiger sich gestaltet. 
Die Ursachen der Kindersterblichkeit, namentlich in Beziehung zur Art 
der Ernährung, zur Sommertemperatur, werden ausführlich besprochen. 

Den Infectionskrankheiten wird ganz besondere Aufmerksamkeit ge¬ 
schenkt. Beziehungen des Typhus abdominalis zu atmosphärischen 
Niederschlägen, zur Temperatur, zum Grundwasserstand, zur Dichtigkeit der 
, Bevölkerung, zu den canalisirten und nicht canalisirten Strassen in den 
verschiedenen Stadttheilen, zu den öffentlichen Wasserläufen, zur Nähe der 
Kirchhöfe, zu den Abladestellen für den städtischen Strassenkehricht, zur 
Wohnungslage in den Häusern, wie zu den lokalen Verhältnissen einzelner 
Häuser, in denen mehrere Typhusfälle vorgekommen waren, werden einem 
umfassenden Studium unterworfen. 

Ueber Flecktyphus und Febris recurrens, welche Krankheiten in 
Berlin in den letzten Jahren bemerkbar auftraten, werden ebenfalls genaue 
Nachrichten mitgetheilt. 

Von den übrigen Infectionskrankheiten heben wir die Beobachtung her¬ 
vor, dass die Pocken in den letzten 5 Jahren beträchtlich abgenommen 
haben und dass dieser Rückgang wenigstens zum Theil der Wirkung des 
Impfgesetzes zuzuschreiben sei. Nach den Acten des Polizeipräsidiums sind 
in den Jahren von 1876 bis 1880 folgende Pockentodesfalle gemeldet: 14, 
2, 5, 2, 2. Von den 14 Fällen im Jahre 1876 kommen 7^auf ungeimpfte 
Kinder bis zum vierten Lebensjahr, 1 auf ein (mit Erfolg?) geimpftes Kind 
im zweiten Lebensjahr, 5 auf das Alter von 20 bis 40 Jahren, welche 
sämmtlich geimpft und von denen auch 3 revaccinirt waren, 1 auf das Alter 
von 60 bis 70 Jahren (diese Person war geimpft, aber nicht revaccinirt). 
Sämmtliche Todesfälle der übrigen 4 Jahre betreffen ungeimpfte Kinder im 
Alter von noch nicht 2 Jahren, nur ein Fall im Jahre 1879 betraf eine 
gleichfalls ungeimpfte Person im Alter von 30 bis 40 Jahren. Um eine 
streitige Frage zu berühren, führen wir die Angaben des Statistischen 
Amtes der Stadt Berlin über die Todesfälle an Pocken an. Danach sind 


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Skrzeczka, Medicinal- und Sanitätswesen der Stadt Berlin. 119 

in den genannten 5 Jahren 18, 4, 8, 8 und 9 Personen an dieser Krank¬ 
heit gestorben. Diese Abweichung von den Nachrichten des Polizeiprä¬ 
sidiums beruht darauf, dass dort auch die Todesursachen „Windpocken, 
Varicellae“ hinzugerechnet sind, während in den Listen des Polizeiprä¬ 
sidiums nur diejenigen Fälle als Pockentodesfälle registrirt wurden, welche 
als solche auf den Todtenscheinen bezeichnet waren. Da Verfasser sich 
dafür ausspricht, die Angabe der Todesursache „Varicellen“ zu den Pocken¬ 
todesfallen in Zukunft zu rechnen, „denn Varicellen, die tödtlich verlaufen, 
werden meistens wirkliche Pocken (Variola oder Variolois) gewesen sein“, 
so dürfte doch dieses Verfahren in seiner Consequenz zu einem Bedenken 
Veranlassung geben. Dass die Varicellen als Todesursache an und für sich 
nicht auftreten, scheint nicht zweifelhaft zu sein. Wenn nun Windpocken, 
als Todesursache angegeben, zu den echten Pocken gezählt werden sollen, 
daun müssten Wochenpocken, Spitz-, Stein- und Wasserpocken, sobald diese 
Bezeichungen auf Todtenscheinen sich finden, ebenfalls zu Variola gerechnet 
werden. Die Erfahrung lehrt aber (cfr. Heft L. und LV. des amtlichen 
Quellen Werkes der „Preussi sehen Statistik“), dass die genannten Namen 
vielfach gewählt werden, um ein Exanthem zu bezeichnen, das mit „Pocken“ 
in keinem inneren Zusammenhang steht. Pemphigus, syphilitische Haut¬ 
ausschläge der jungen Kinder werden auf diese Weise öfter zu Pocken 
gestempelt. Demnach würde es, da eine Einigung auf diesem Gebiet recht 
wünschenswerth ist, zweckmässig sein, die genannten Angaben durch amt¬ 
liche Recherche richtig stellen zu lassen, bevor sie registrirt werden. 

Der zweite Abschnitt beschäftigt sich mit der Sanitätspolizei. 
Aeusserst lehrreich sind die Abhandlungen über die Reinhaltung des Bo¬ 
dens, die Entwässerung. Es wird ausführlich die Canalisation von Berlin 
besprochen, ferner die Beseitigung der Abfallstoffe in den nicht canalisirten 
Stadttheilen, Strassenkehricht und feste Abfallstoffe der Haushaltungen, 
Strassenreinigung und Pflasterung. 

In Bezug auf die Wasserversorgung wird ausgeführt, dass die 
öffentlichen Wasserläufe Berlins so verunreinigt sind, dass das Wasser 
derselben zu Haushaltungszwecken gar nicht und für technische Gewerbe¬ 
treibende nur mit Einschränkung benutzt werden kann. Es erfolgt die 
Wasserversorgung durch die städtischen Wasserwerke (am Stralauer Thor 
und die Tegeler) und durch Brunnen. Die Mittheilungen über das Auf¬ 
treten der Crenothrix in den Tegeler Wasserwerken schliessen mit der Er¬ 
klärung, dass das Polizeipräsidium im Wesentlichen den Standpunkt der 
Verwaltung der Wasserwerke und des Magistrats theilt und es vor Allem 
für durchaus nothwendig hält, dass das bisher gelieferte für die meisten 
Zwecke unbrauchbare Wasserleitungswasser der Tegeler Werke durch ein 
anderes und vorwurfsfreies ersetzt wird. Namentlich auch aus sanitären 
Gründen wird diese Ansicht aufrecht erhalten, weil, wenn auch eine nach¬ 
theilige Wirkung des Tegeler Wassers in seiner jetzigen Beschaffenheit 
nicht wahrscheinlich ist, die Bevölkerung mehr und mehr zu der Be¬ 
nutzung des sehr schlechten, aber seiner äusseren Beschaffenheit nach viel¬ 
fach verlockenden Wassers der alten Hausbrunnen gedrängt wird. 

In dem Capitel über die Wohnungen werden aus dem Entwurf 
einer neuen Baupolizeiordnung diejenigen Paragraphen angeführt, welche 


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120 


Kritiken und Besprechungen. 

die Forderungen der heutigen Sanitätspolizei an die bauliche Beschaffenheit 
der menschlichen Wohnungen enthalten. 

Die Interessen der Grundstückbesitzer und die der Sanitätspolizei 
stehen sich auf diesem Gebiete einander diametral gegenüber und er¬ 
schweren deshalb eine Einigung zwischen der bei dem Erlass einer neuen 
Baupolizeiordnung zuständigen Behörde. Die Grundbesitzer sind bemüht, 
eine Bodenfläche so zu bebauen, dass sie durch den Miethsertrag der auf 
ihr hergestellten Wohnungen den grösstmöglichsten Zins trägt, die Sanitäts¬ 
polizei dagegen muss es sich bei dem nachtheiligen Einfluss, den wie all¬ 
gemein anerkannt, die Dichtigkeit der Bevölkerung auf die Gesundheits¬ 
und Sterblichkeitsverhältnisse derselben ausübt, vor Allem angelegen sein 
lassen, der bisherigen Art der Ausnutzung des städtischen Grundes und 
Bodens mit allen Mitteln entgegenzutreten, da dieselbe bereits zur Folge 
gehabt hat, dass kaum in irgend einer Stadt Europas so viele 
Menschen auf der gleichen Bodenfläche zusammengedrängt woh¬ 
nen, wie es in Berlin der Fall ist. Nach Böckh’s Angaben (die Ber¬ 
liner Volkszählung von 1875, I. Heft, S. 86) kommen auf den Kopf der 
Einwohner Berlins im Jahre 1875 61*14 qm Bodenfläche und die Berliner 
Häuser hatten durchschnittlich eine Einwohnerzahl: 

im Jahre 1828 von 32*21 Köpfen 

* n 1861 „ 48*28 „ 

„ * 1864 „ 49*68 „ 

„ „ 1867 „ 51*23 „ 

„ „ 1871 „ 56*84 * 

* „ 1875 „ 57*88 „ 

während in den grösseren Städten der Niederlande und Englands 6 bis 11, 
in London 7 bis 9 und in seinen dichtest bevölkerten Stadttheilen nicht 
12 Einwohner auf das Haus kommen. Selbst das wegen der Dichtigkeit 
seiner Bevölkerung übel beleumundete Wien hat Berlin bereits 1875 in 
dieser Beziehung überholt, obgleich jenes sogar Neapel und Prag übertrifft. 
Es giebt viele Stadtbezirke in Berlin, wo auf den Bewohner eines Grund¬ 
stücks noch nicht 1 Quadratruthe (14*18 qm) Bodenfläche kommt und 
einige, bei denen auf jede Quadratruthe der Bodenfläche fast 2 Bewohner 
kommen. 

Die Ergebnisse der Volkszählung des Jahres 1880 lassen eine Ver¬ 
besserung dieser Verhältnisse nicht erkennen, vielmehr kommen nach 
derselben noch 52 qm Bodenfläche auf den Kopf der Bevölkerung Berlins; 
dieselbe ist nur von einer neuen Bauordnung zu erwarten, welche min¬ 
destens in demjenigen Maasse, wie es durch den jetzt in Berathung 
stehenden Entwurf geschieht, die bauliche Ausnützung der städtischen 
Bodenfläche beschränkt. Eine Kategorie von Wohnungen, die bisher der 
einfachsten Anforderung der Sanitätspolizei Hohn sprach, bildeten in Berlin 
die Pennen (Nachtherbergen). Zur Unterdrückung derselben erliess das* 
Polizeipräsidium am 31. Januar 1880 eine Verordnung, welche dieselben 
in „Gastwirthschaften“ verwandelte. 1878 gab es 15 Pennen, im December 
1880 noch 8. In sehr naher Verwandtschaft mit den Pennen stehen die 
sogenannten „Schlafstellen“. 1875 gab es in Berlin 44 708 Haus- 


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Skrzeczka, Medicinal- und Sanitätswesen der Stadt Berlin. 121 

Haltungen, zu denen 7S69S Schlafleute gehörten. Den sanitären Gefahren 
des Schlafstellenwesens tritt die Polizeiverordnung vom 17. December 18SO 
entgegen. 

Auf einem humanen Standpunkt stehen die Asyle. In den Asylen 
wird obdachlosen Personen unentgeltlich ein Unterkommen geboten. Im 
städtischen Asyl wurden 1873: 38 464, 1880: 117610 Personen, darunter 
4925 Frauen, aufgenomjnen. Die beiden Asyle des Asylvereins beherbergten 
1870: 12 233 Männer, 20 939 Frauen, 1880 dagegen 109 935 Männer, 
19 075 Frauen. 

Die sanitätspolizeiliche Untersuchung einzelner Wohnungen ist 
ebenfalls der Erwähnung werth; sie findet durch die Bezirksphysici statt 
und erstreckte sich 1879 auf 443, 1880 auf 615 Wohnungen. 

Das öffentliche Interesse berührt in hohem Grade die Besprechung der 
sani^ätspolizeilichen Maassnahmen bezüglich des Verkehrs mit 
Nahrungs- und Genussmitteln. Im Allgemeinen ist zu bemerken, dass 
vor Emanation des Gesetzes vom 14. Mai 1879, den Verkehr mit Nahrungs¬ 
mitteln, Genussmitteln und Gebrauchsgegenständen betreffend, eine stetige 
Ueberwachung dieses Verkehrs nur in Beziehung auf Fleisch und Milch 
stattfand. Im Uebrigen beschränkte sich das Polizeipräsidium auf eine 
strenge Beaufsichtigung des Verkehrs auf den öffentlichen Märkten und 
auf genauere Feststellung aller Fälle, in denen über die angebliche Ver¬ 
fälschung oder gesundheitswidrige Beschaffenheit von Nahrungs- und Ge* 
nass mittein Beschwerden angebracht wurden. Die Wochenmarktsordnung 
vom 9. Februar 1848 enthielt in den §§. 37 und 39 die darauf bezüglichen 
Bestimmungen. Ausserdem wurden schon in früheren Zeiten ab und zu 
auf besondere Veranlassungen umfangreichere Untersuchungen zahlreicher 
von verschiedenen Händlern entnommener Proben bestimmter Nahrungs¬ 
mittel durch chemische Sachverständige angeordnet. So wurde z. B. im 
Jahre 1873 eine grössere Anzahl von Brodproben aus den hiesigen Bäcke¬ 
reien untersucht, in den Jahren 1858, 1863, 1873 und 1877 fast die 
sämmtlichen in Berlin gebrauten Biere einer genauen Untersuchung 
unterworfen. Die Letzteren ergaben das übereinstimmende Resultat, dass 
giftige Stoffe (Krähenaugen, Kockeiskörner u. s. w.) den Berliner Bieren 
nicht beigemischt waren, wohl aber nicht selten unschädliche Bitterstoffe 
als Ersatz für Hopfen angewandt wurden. Die Ursache der vielfach berechtig¬ 
ten Klagen wurde in der Verwendung eines alten oder verdorbenen Hopfens 
und in der von Jahr zu Jahr zunehmenden Verwendung des Stärkezuckers 
zum Ersatz für gespartes Malz gefunden. Letzterer führt dem Biere 
Fuselöle zu und lässt es sehr schnell abstehen. 

In den Jahren 1877 und 1878 nahm die Zahl der Untersuchungen, 
welche wegen angeblicher Verfälschung oder gesundheitswidriger Wirkung 
von Nahrungs- und Genussmitteln in Folge von Denunciationen angeordnet 
wurden, beträchtlich zu. Im Publikum steigerte sich damals die Furcht 
vor „Nahrungsmittelverfälschung“ in einer Weise, welche durch die that- 
Bächlichen Verhältnisse keineswegs ausreichend begründet war. Der grösste 
Theil der Untersuchungen ergab, was den Verdacht der Fälschungen betrifft, 
ein negatives Resultat. Das Polizeipräsidium sah sich nunmehr veranlasst, 


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122 


Kritiken und Besprechungen. 

bei den städtischen Behörden die Errichtnng eines chemischen Laboratoriums 
zu beantragen. Die Rücksicht auf den Kostenpunkt verschaffte diesem An¬ 
träge keinen Erfolg. Alsbald nach Erlass des Gesetzes vom 14. Mai 1879 
sind indess vom Polizeipräsidium die erforderlichen Maassnahmen zu seiner 
Durchführung in Berlin in der Weise getroffen worden, dass eine ständige 
Commission seitens der Marktpolizei und der vereidigte Chemiker Dr. 
Bischoff mit der Entnahme und der Untersuchung der entnommenen Nah¬ 
rungsmittelproben betraut wurden. Was die Art der zur Untersuchung gelan¬ 
genden Gegenstände betrifft, so wird eine gewisse Beschränkung beobachtet, 
in Erwartung der im §. 5 des Nahrungsmittelgesetzes in Aussicht gestellten 
Kaiserlichen Verordnung. 

Im letzten Quartal des Jahres 1879 sind 791 Untersuchungen von 
Mehl, Brod, Butter, Zucker, gemahlenem Kaffee, Zimmt und Pfeffer aus¬ 
geführt, wofür 1678*66 Mk. Kosten entstanden sind. Im Jahre 1880 da¬ 
gegen belief sich die Zahl derartiger Untersuchungen bereits auf 3285; 
die Kosten erreichten die Summe von 8618*34 Mk. An die Staatsanwalt¬ 
schaft wurden 71 Strafanträge gestellt. 

Der Abschnitt mit der Ueberschrift „Specielles“ ist ganz besonders 
der Aufmerksamkeit der Leser zu empfehlen. Zunächst enthält derselbe 
eine ausführliche Schilderung der Beaufsichtigung des Fleischverkaufs. 
Da erst in der jüngsten Zeit durch das auf Grund des Gesetzes vom 18. März 
1868 erlassene Ortsstatut der Schlachtzwang eingeführt ist, so bereiteten 
die Privatschlächtereien in früherer Zeit der Ueberwachung des Fleisch¬ 
verkaufs grosse Schwierigkeit. 1875 gab es 800, Ende 1880 dagegen nur 
noch 261 grössere und kleinere Schlachthausanlagen in der Stadt. Für die 
Pferdeschlächterei ist bereits durch Verordnung vom 24. März 1854 
der Schlachtzwang eingeführt. Die Ueberwachung beschränkte sich ausser¬ 
dem auf die Revision der Wochenmärkte und auf die veterinär-polizeiliche 
Controle des von Stroussberg erbauten Actienviehhofes. Besonders her¬ 
vorgehoben zu werden verdient der Umstand, dass die Menge des wegen 
Finoigkeit confiscirten Fleisches mit dem Jahre 1879 und zwar mit dem 
letzten Quartal dieses Jahres in auffälliger Weise zugenomroen hat. Es 
ist dies lediglich eine Nebenwirkung der Trichinenschau, welche mit dem 
1. October 1879 ins Leben trat. 

Eine obligatorische Trichinenschau bestand in Berlin bis zum Jahre 
1879 nicht, wenn auch ziemlich viele Schlächter die von ihnen geschlach¬ 
teten Schweine privatim auf Trichinen untersuchen Hessen, um ihre Kunden 
vor Erkrankungen und sich event. vor Bestrafung zu schützen. Der Zweifel, 
ob es möglich sei, auch nur annährend eine allgemeine mikroskopische 
Untersuchung der hier geschlachteten Schweine herbeizuführen, so lange 
die zahlreichen Privatschlächtereien, namentlich Schweineschlächtereien', be¬ 
standen, hielt lange davon ab, die obligatorische Trichinenschau einzuführen. 
Da aber in letzterer Zeit diese Maassregel in anderen Provinzen, so auch 
in der Provinz Brandenburg angeordnet wurde, da auch die Aussicht auf 
ein öffentliches Schlachthaus und Einführung des Schlachtzwanges immer 
sicherer wurde, so gab man es auf, noch länger zu zögern. WesentHch 
trug allerdings auch die Verbreitung der Trichinosis in der Bevölkerung 
Berlins zu diesem Entschlüsse bei. 


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Skrzeczka, Medicinal- und Sanitätswesen der Stadt Berlin. 123 


An Trichinose sind nach den beim Polizeipräsidium gemachten Mel¬ 
dungen erkrankt und gestorben: 

1862 u. 1863 — Person 


1864 erkrankt 

2 Personen, 

gestorben 

— 

1865 

n 

21 

n 

» 

1 

1866 

n 

1 

TI 

TI 

— 

1867 

n 

75 

n 

n 

3 

1868 

» 

6 

» 

T) 

— 

1869 

n 

8 

n 

n 

— 

1870 

n 

1 

» 

» 

— 

1871 


32 

n 

TI 

2 

1872 

n 

5 

n 

n 

1 

1873 

n 

4 

n 

71 

— 

1874 

» 

66 

n 

II 

2 

1875 

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9 

TI 

TI 

— 

1876 

n 

7 

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— 

1877 

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7 

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— 

1878 

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98 

n 

TI 

— 

1879 

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74 

n 

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1 


Person 

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* 

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n 

» 

I) 

1) 

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n 

» 

» 

» 

» 

„ (bis Ende Oct.) 


Das Polizeipräsidium erliess nunmehr die Polizeiverordnung vom 
16. August 1879 nebst einem Reglement von demselben Tage. 

Die Trichinenschau ergab für das Jahr 1880 folgendes Resultat: Zahl 
der untersuchten Schweine 


auf dem Actienviehhof.51 625 

in der Stadt. 125 509 


zusammen . . 177134 

davon waren trichinös . . 142 


Auf 1247 Schweine kam also ein trichinöses. Dass von den in Berlin 
geschlachteten Schweinen eine irgend erhebliche Anzahl der Untersuchung 
entzogen sein sollte, ist kein Grund anzunehmen, und die Zahl der trichinös 
befundenen Schweine erregt jedenfalls nicht den Verdacht, dass die Unter¬ 
suchungen mangelhaft ausgeführt seien. Hiergegen spricht auch der Um¬ 
stand, dass seit der Einführung der Trichinenschau die Trichinose unter den 
Menschen plötzlich und sehr erheblich abgenommen hat. Auf eine voll* 
ständige Beseitigung konnte von vornherein nicht gerechnet werden, weil 
das von auswärts ausgeschlachtet eingeführte Schweinefleisch und Präpa¬ 
rate desselben hier nicht untersucht werden. Von Ende October ab kam 
1879 kein Fall von Trichinose mehr vor, im Jahre 1880 ist zweifellos nur 
eine am 8. Juni angezeigte Infection eines aus neun Personen bestehenden 
Hausstandes. Dieselbe war mit grösster Wahrscheinlichkeit auf von aus¬ 
wärts eingeführte Wurst zuräckzuführen. Ausserdem kamen noch drei 
Fälle vor, wo von den Aerzten der Verdacht ausgesprochen wurde, dass 
Trichinose vorliegen könnte, ohne dass derselbe durch die Krankheitserschei¬ 
nungen besonders wahrscheinlich gemacht worden wäre. Zu bemerken ist 
noch, dass ein Schlächtergeselle, der, um zu beweisen, dass er „nicht an 
Trichinen glaube“, ein Stückchen eben vom Fleischbeschauer als trichinös 
nachgewiesenes Fleisch roh verschluckt hatte, schwer an Trichinose erkrankte. 


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124 


Kritiken ^und Besprechungen. 

Er starb auch demnächst, aber nach dem Todtenschein an Lungenschwind¬ 
sucht. 

Nebenher hat die Untersuchung der Schlachtscbweine auf Trichinen 
noch den Vortheil gebracht, dass dabei eine grosse Menge finniger Schweine 
festgestellt und dem Verkehr entzogen wurde. Den Trichinenbeschauern 
war zur Pflicht gemacht worden, falls sie bei der Untersuchung der Schweine 
auf Trichinen (beziehungsweise bei der Probeentnahme) Finnen bemerken 
sollten, dieses sofort zur Anzeige zu bringen. 

Die bedeutende Zufuhr von Milch nach Berlin erschwerte die Controle 
derselben ungemein. Allein per Bahn wurden 1875: 37 744 760 kg, per 
Kopf der Bevölkerung 79*5 Pfund, 1879: 53 779 520 kg, per Kopf 100*2 Pfd. 
eingeführt. Eine regelmässige Controle der Milch besteht seit 1852 unter 
Anwendung des einfachen Dörffel’schen Aräometers. Von 1877 an ist ein 
neues Instrument von Greiner eingeführt, das bei seinem Gebrauch zu¬ 
gleich den Einfluss der Temperatur auf das Gewicht berücksichtigen lässt. 

Verfasser empfiehlt, von dem Begriff der Verfälschung ganz abzusehen 
und durch Verordnung festzustellen, welches specifische Gewicht, und wel¬ 
chen Fettgehalt die zum Verkauf feilgehaltene volle Milch, und welches 
specifische Gewicht abgerahmte (Mager-) Milch mindestens haben müssen. 
Hierdurch würde zugleich eine unverfälschte aber ungewöhnlich schlechte 
natürliche Milch vom Verkehr ausgeschlossen werden. — Die Mager-Milch — 
wenn sie als solche feilgehalten wird — auszuschliessen, liegt kein Grund 
vor, weil diese Milch, wenn von der Kinderernährung abgesehen wird, ein 
sehr schätzenswerthes Nahrungsmittel ist und das fehlende Fett, welches in 
dieser Form für den Armen ein Luxus ist, sich viel wohlfeiler in Form von 
Speck, Schmalz und Butter anderweit beschaffen lässt. Das grösste Gewicht 
wird auf die Art der Aufbewahrung der Milch auf den Fuhrwerken, wie an 
den Verkaufsstellen zu legen sein. Allerdings wird nie zu verhindern sein, 
dass dieselbe, wenn die Milch erst in die Hände der Consumenten überge¬ 
gangen ist, eine sehr ungeeignete und schädliche (vorzüglich wegen mangeln¬ 
der Bedeckung, zu hoher Temperatur) bleibt, aber wenn die Milch vorher 
richtig behandelt ist, hält sie sich auch im Hause der Consumenten besser. 

Eine Prüfung der Milch bei der allgemeinen Controle des Verkaufs auf 
Säuerung derselben ist einerseits weniger nothwendig, weil jede Hausfrau 
in dieser Beziehung sachverständig ist, andererseits würden die praktischen 
Schwierigkeiten gross sein, wenn man ohne Zuziehung wirklicher Sachver¬ 
ständiger die leichtesten, durch den Geschmack sich noch nicht verrathen- 
den Spuren der Säuerung zu ermitteln, unternehmen wollte. Einer solchen 
Feststellung könnte auch gegenüber den Milchhändlern kaum jemals eine 
weitere Folge gegeben werden. 

Während in den Jahren 1874, 1875 und 1876 nur beziehungsweise 
391, 721, 639 Milchrevisionen vorgenommen wurden, betrug die Zahl der 

Confiscirte 

Revisionen Contraventionen Liter Milch 

1877 (IV. Quart.) 10473 262 2102*50 

1878 55 433 605 5566*25 

1879 55 449 777 679575 

1880 60 802 796 5794*25 


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Skrzeczka, Medicinal- und Sanitätswesen der Stadt Berlin. 125 

Andere Verfälschungen als Wasserbeimischungen sipd in keinem Fall 
constatirt worden. Hierzu bemerkt der Verfasser, dass die Einrichtung von 
Mustermilchwirthschaften nach Art der in Breslau und Stuttgart bestehen¬ 
den oder der Frankfurter Milcbcuranstalt, so nützlich sie zweifellos sind, 
ein allgemeines sanitätspolizeiliches Interesse nicht haben dürfte. Die 
Auswahl der Kühe, die Rücksichten auf ihre Fütterung und ihr ganzes 
diätetisches Verhalten bedingen mit Nothwendigkeit einen so hohen Preis 
der Milch, dass dieselbe den Kindern der ärmeren Volksklassen nicht zu 
Gute kommen kann. Für diese bedürfte es der Einrichtung von humanen 
Anstalten (nach Art der in Berlin bestehenden Volksküchen für Erwachsene), 
welche eine Milch, wie sie die Kinder der Wohlhabenden erhalten, im 
Grossen ankaufen, richtig behandeln und zu billigen Preisen, welche nur 
die Betriebskosten decken und allenfalls die Einriohtungskosten amorti- 
siren, abgeben. 

Ueber die Untersuchungen von Mehl, Brod, Butter, Caffee, des¬ 
sen Surrogaten, Cichorien und Thee giebt der Bericht wichtige Auf¬ 
schlüsse: Mehl und Brod erwiesen sich in keinem einzigen Fall als ver¬ 
fälscht, ebensowenig gab seit Ende Mai bis Schluss des Jahres 1880 keine 
der 308 untersuchten Butterproben zu einer Beanstandung Veranlassung. 

Gegenüber der abnormen Höhe der Kindersterblichkeit weist 
der Verfasser darauf hin, dass alle Maassnahmen, welche im allgemeinen 
sanitären Interesse zur Reinhaltung des Erdbodens, der Gewässer, der Luft 
in den Strassen, wie in den Wohnungen getroffen werden, erfahrungsgemäss 
den Kindern im ersten Lebensjahr ganz besonders zu Gute kommen. Als 
in directer Weise gegen die Kindersterblichkeit gerichtet, ist die 1878 ge¬ 
troffene neue Einrichtung der Todtenscheine anzusehen, welche den Zweck 
hat, die Ursachen der Kindersterblichkeit klar zu legen. Dass diese vor¬ 
wiegend durch die Art der Ernährung bedingt werden, geht daraus her¬ 
vor, dass von je 100 Todesfällen bei Kindern im ersten Lebensjahr bedingt 
waren durch 


Durchfall, Magendarmkatarrh, Magen- und Darm¬ 
entzündung . 

1879 

38*4 

1880 

39*3 

Davon: 

unter den mit Mutter- und Ammenmilch ernährten 
Säuglingen. 

18*76 

21*47 

unter den mit künstlicher Nahrung aufgezogenen 
Säuglingen. 

46*88 

48*77 

unter den mit gemischter Nahrung aufgezogenen 
Säuglingen. 

50*44 

49*04 

unter den im ersten Lebensjahr gestorbenen Halte¬ 
kindern . 


58*61 


Die in neuerer Zeit empfohlenen Methoden, die Milch vor schneller 
Säuerung zu bewahren (starke Abkühlung gleich nach dem Melken seitens 
des Producenten, länger andauerndes und wiederholtes Erwärmen ohne 
Aufkochen seitens der Consumenten), sind sehr beachtenswerth, können 
aber durch sanitätspolizeiliche Anordnungen nicht zur Durchführung 
gelangen. 


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126 


Kritiken und Besprechungen. 

Die Milchhändler, welche die Milch in stehenden Geschäftslocalen ver¬ 
kaufen (Milchkeller), könnten allerdings zu gewissen Arten der Aufbewah¬ 
rung der Milch gezwungen werden, doch sind bisher in dieser Beziehung 
Anordnungen noch nicht getroffen. 

Im Uebrigen ist die Art dor Aufziehung der Kinder einer Beeinflussung 
durch die Behörden nur in einer Richtung noch zugängig, nämlich da, wo 
es sich um die der communalen Armenpflege zufallenden Kinder und um 
die sogenannten Haltekinder handelt. 

Vor Erlass der Gewerbeordnung im Jahre 1869 mussten diejenigen 
Personen, welche Haltekinder in Pflege nahmen, eine polizeiliche Concession 
haben, die ihnen erst nach Prüfung der persönlichen und WohnungsVerhält¬ 
nisse ertheilt wurde und entzogen werden konnte, wenn sie durch schlechte 
Pflege der Haltekinder dazu Veranlassung gaben. Ein im Jahre 1840 be¬ 
gründeter Verein (Berliner Kinderschutzverein) unterstützte die Behörde 
wesentlich bei der Auswahl der Haltefrauen und bei der Controle derselben. 

Nach Erlass der Gewerbeordnung hörte die Concessionspflicht der Halte- » 
frauen auf, damit fiel das gegen dieselben eventuell angewandte Mittel der 
Concessionsentziehung und die Berechtigung der Controle fort. Die nächste 
Folge hiervon war, dass sich der Kinderschutz verein auflöste und die Polizei¬ 
behörde demnächst des Einblicks in die Verhältnisse der Haltekinder ver¬ 
lustig ging. 

Erst nachdem durch den Artikel I des Gesetzes, betreffend die Abän¬ 
derung einiger Bestimmungen der Gewerbeordnung vom 23. Juli 1879 aus¬ 
gesprochen worden war, dass auf die Erziehung von Kindern gegen Entgelt 
die Gewerbeordnung vom 21. Juni 1869 keine Anwendung findet, konnte 
die Polizei Verordnung vom 2. December 1879 erlassen und damit den soge¬ 
nannten Haltefrauen die Concessionspflicht wiederum auferlegt werden. 

Im Jahre 1880 wurden 2752 Haltefrauen concessionirt, die Concession 
wurde versagt in 252 und entzogen in 26 Fällen; 2853 Kinder waren bei 
3322 Pflegern untergebracht. 

Die sanitätspolizeilichen Maassnahmen gegen den Abdominaltyphus 
beschränken sich auf die Untersuchung der Localitäten, in denen mehrfache 
Erkrankungsfälle vorkamen, durch die Bezirksphysiker und thunlichste Be¬ 
seitigung der Vorgefundenen sanitären Missstände. 

Gegen den Flecktyphus und das Rückfallfieber wurden dieselben 
Maassregeln getroffen, die namentlich gegen directe und mittelbare An¬ 
steckung gerichtet waren. 

Aus dem Bericht über die Schutzpockenimpfung geht hervor, dass 
in Berlin 42 Impfarzte 844 Impftermine im Jahre abhalten. Folgendes 
Verfahren hat sich in Bezug auf die Herbeischaffung der Impflinge gut be¬ 
währt und verdient Nachahmung. 

Bis dahin war durch wiederholte Bekanntmachung in jedem Jahre dem 
Publikum zur Kenntniss gebracht worden, an welchen Tagen (meist ein Mal 
wöchentlich vom Mai bis October) und in welchen Localen in jedem Impf¬ 
bezirk die Impftermine abgehalten werden würden, wobei es dann jedem 
freigestellt blieb, welchen der zahlreichen Termine (im zuständigen Impf¬ 
bezirk) er benutzen wollte. Hierdurch wurde die Frequenz in den einzelnen 


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Skrzeczka, Medicinal- und Sanitätswesen der Stadt Berlin. 127 

Impfterminen eine sehr ungleiche und überaus häufig war das Publikum 
trotz aller belehrenden Bekanntmachungen in Ungewissheit darüber, an 
welchen Impfarzt und zu welchem Impflocal es sich zu wenden hätte. Mit 
dem Jahre 1879 wurden nun allen Impfpflichtigen vor Beginn der öffent¬ 
lichen Impfungen auf Karten Aufforderungen zur Gestellung zu einem be¬ 
stimmten Impftermin zugeschickt, aus denen zugleich alles Erforderliche 
über den Ort der Impfung, den Impfarzt u. s. w. erhellte, und die zugleich 
als Einlasskarten für den öffentlichen Impftermin dienten. 

Natürlich haben diese Karten nicht die Bedeutung, wie Vorladungen 
zu gerichtlichen Terminen, da es Jedermann freisteht, auch ohne Benutzung 
der öffentlichen Impftermine der Impfpflicht zu genügen, trotzdem aber 
gaben sie doch einem Theil des Publikums den bei demselben erforderlichen 
bestimmten Impuls und haben in dieser Beziehung vorteilhaft gewirkt. 

Um die Gelegenheit zur unentgeltlichen öffentlichen Impfung hierdurch 
aber nicht zu beschränken, wird Jedem, der den Termin zu benutzen 
wünschte, aber in irgend einer Art behindert war, ein anderer ohne Schwie¬ 
rigkeit angesetzt. 

Nebenbei gewähren die Karten bei der Listenberichtigung in den 
Impfterminen selbst eine grosse Erleichterung, da auf denselben zugleich 
angegeben ist, unter welcher Nummer der betreffende Impfling in der Impf¬ 
liste aufgeführt ist. 

Die Zahl deijenigen, welche sich zur Erfüllung der Impfpflicht ein- 
stellen, hat in Berlin von Jahr zu Jahr, namentlich aber in Folge der vor¬ 
erwähnten Einrichtung, sehr zugenommen und kann als eine durchaus 
befriedigende gelten und trotz der fortdauernden Agitation gegen das 
Impfgesetz fügt sich die Berliner Bevölkerung im Ganzen mit grosser Be¬ 
reitwilligkeit. 

Von den Erstimpflingen (§. 1 a 1 des Impfgesetzes) sind 1879 nur 
2’72 Proc., 1880 2*83 Proc. der Impfpflicht vorschriftswidrig entzogen oder 
nicht aufznfinden gewesen. 

Von den zur Revaccination verpflichteten Schülern, welche durch die 
vorerwähnten Karten nicht aufgefordert werden, da die Impfung derselben 
nach Uebereinkommen zwischen den Impfärzten und den Vorständen der 
Schulen eingerichtet wird, waren der Impfpflicht entzogen worden 1879 
6*37 Proc., 1880 5*6 Proc., wobei diejenigen mit inbegriffen sind, welche 
mittlerweile Schulanstalten, deren Besuch die Impfpflicht bedingt, nicht 
mehr frequentirten. 

Dementsprechend wird auch die Theilnahme an den öffentlichen 
Impfungen gegenüber den von Privatärzten ausgeführten Impfungen immer 
allgemeiner. 

Es wurden in den öffentlichen Impfterminen geimpft von den überhaupt 
Geimpften: 

1879 1880 

Erstimpflinge • . . . 55'9 Proc. 77*8 Proc. 

Revaccinirte.77'8 „ 80*9 „ 

Auch über einen Widerstand gegen die Abnahme der Lymphe in den 
Impfterminen klagen nur ganz ausnahmsweise die Impfärzte, so dass es den 
Anschein hat, als ob sie denjenigen, welche in der richtigen Art und Weise 


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128 Kritiken und Besprechungen. 

mit dem Publikum zu verkehren wissen, nicht verweigert wird. Hierbei 
kommt allerdings in Betracht, dass die überwiegende Mehrzahl der Impf¬ 
ärzte mit Glycerinlymphe impft, wodurch das Publikum in nicht so hohem 
Grade bei der Lympheabnahme in Anspruch genommen wird. 

In wie hohem Grade befriedigend die Erfolge der Impfungen gewesen 
sind, ergiebt sich ohne Weiteres aus folgenden Zahlen. 

Es wurden ohne Erfolg geimpft: 

1879 1880 

Erstimpflinge .... 2*6 Proc. 3*2 Proc. 

Revaccinirte.16*3 „ 14*9 n 

Sanitätspolizeiliche Maassnahmen betreffs der Syphilis. 

Die Maassnahmen der Sanitätspolizei auf diesem Gebiete beschränken 
sich in Berlin auf die Untersuchung der in den Polizeigewahrsam oder in 
Gefängnisse gebrachten männlichen Personen, und auf die Bekämpfung 
und Ueberwachung der Prostitution als der hauptsächlichsten 
Quelle der Syphilis, welche Aufgabe der Abtheilung des Polizeipräsidium 
für „ Sittenpolizei u ist. 

Es betrug die Zahl der eingeschriebenen Prostituirten: 



überhaupt 

auf 1000 Einw. 

davon sind krank befunden 

1869 

1709 

2*04 

1017 = 59*5 Proc. 

1875 

2241 

2*32 

1016 = 45*3 „ 

1879 

3033 

2*78 

1538 = 50*7 „ 

1880 

3186 

2*83 

1407 = 44*1 „ 


Selbstverständlich kann ausser Zunahme der Unsittlichkeit eine eifrige und 
strenge Handhabung der Sittenpolizei auf die vorstehenden Zahlen Einfluss 
gehabt haben. Einen directen Maassstab für die Verbreitung der Syphilis 
in Berlin giebt es nicht. 

Sanitätspolizeiliche Maassnahmen betreffs des Kindbettfiebers. 

Seit Anfang 1879 wird bei der Sanitätscommission für jeden sich aus 
den Todtenscheinen ergebenden Fall von Kindbettfleber festgestellt, welcher 
Arzt oder welche Hebamme die Verstorbene bei und nach der Entbindung 
behandelt hatte; da die ernstlicheren Fälle dieser Art meistens tödtlich ver¬ 
laufen, gaben auch die Todtenscheine ein annäherndes Bild von der Verbrei¬ 
tung der Krankheit und Anhalt für ein Urtheil darüber, ob dieselbe durch 
Hebammen oder Aerzte verbreitet wird. 

Es kamen Todesfälle an Kindbettfieber vor: 

1879 1880 

bei Hebammen im Ganzen bei Hebammen im Ganzen 

je 1 Fall 177 177 162 162 

„ 2 Fälle 5 10 1 2 

„ 9 „ 3 9 3 9 

» 4 „ 1 _ 4 _ - - 

200 173 

Der Verdacht, dass ein Arzt die Krankheit übertragen habe, wurde in 
keinem Falle erregt. 


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Skrzeczka, Medicinal- und Sanitätswesen der Stadt Berlin. 129 

Sanitätspolizeiliche Maassnahmen gegen Masern, Scharlach, 
Diphtheritis, Keuchhusten sind nicht getroffen worden. 

Das Polizeipräsidium hat bisher Abstand davon genommen, durch 
Polizeiverordnung die allgemeine Anzeigepflicht für Scharlach und Diph¬ 
theritis einzuführen, weil einerseits die Intensität und Gefährlichkeit dieser 
Krankheiten in den einzelnen Fällen so überaus verschieden ist, und die 
Anmeldung eines jeden leichten Scharlachfalles und jedes diphtheritischen 
Mandelbelags zwecklos wäre, die facultative Anordnung der Meldung schwe¬ 
rer Fälle aber keinen besonderen Effect haben würde, da ein bösartiges 
Auftreten dieser Krankheiten in besondere« Fällen bereits nicht selten ge¬ 
meldet wird und dem Polizeipräsidium Veranlassung zur Prüfung derselben 
und. eventuell Anordnung besonderer Maassnahmen giebt. 

Andererseits scheint es bedenklich, den Schulbesuch der Kinder jeden 
Hausstandes, in dem ein Fall dieser Krankheiten vorgekommen ist, zu unter¬ 
sagen und die Wiederzulassung der erkrankt Gewesenen oder ihrer Ge¬ 
schwister u. s. w. von der Beibringung ärztlicher Atteste abhängig zu 
machen. 

Bei der ärmeren Bevölkerung würde die Beschaffung solcher Atteste 
aus pecuniären Rücksichten nicht verlangt werden können und die Armen¬ 
ärzte würden, wenn wirklich die städtischen Behörden ihnen diese Arbeit 
übertragen wollten, nicht im Stande sein, sie zu bewältigen, namentlich, 
wenn etwa in jedem zur Anzeige gelangten Falle geprüft werden müsste, 
ob der Ausschluss aus der Schule nothwendig ist oder nicht. 

Eine solche Unterscheidung müsste aber getroffen werden, wenn nicht 
über das durch die sanitären Rücksichten gebotene Maass hinaus der Schul¬ 
unterricht geschädigt werden sollte. 

Die Maassnahmen, betreffend den Verkehr mit Giften und die Ver¬ 
wendung von Giften zur Herstellung von Gebrauchsgegenstän¬ 
den werden eingehend erörtert. Ebenso Anden im folgenden Capitel die 
sanitätspolizeilichen Maassnahmen in Beziehung auf gewerb¬ 
liche Anlagen und Gewerbebetriebe eine lehrreiche Schilderung. Der 
zweite Abschnitt schliesst mit einer Besprechung der jugendlichen Ar¬ 
beiter. Die Controle darüber, ob die gesetzlichen Bestimmungen betreffs 
der Frauen und jugendlichen Arbeiter Seitens der Fabrikanten befolgt wer¬ 
den, liegt jetzt allein dem Gewerberath ob, während früher die Bezirksphy¬ 
siker damit beauftragt waren. 

Der dritte und letzte Abschnitt bringt ausführliche Mittheilungen über 
die Medicinalpolizei. Es wird darin zunächst die Thätigkeit der Me- 
dicinalbeamten vorgeführt. Die Geschäfte der beiden gerichtlichen 
Stadtphysiker, des polizeilichen Stadtphysikus und der zehn Bezirksphysiker 
sind daraus genau kennen zu lernen. 

Auch besteht nach den Bestimmungen des Regulativs vom 8. August 
1835 (§. 1 bis 8) dauernd eine Sanitätscommission, welche nach §. 3 des¬ 
selben Regulativs zusammengesetzt ist. Die Durchführung des Reichsimpf¬ 
gesetzes hat seit 1874, ebenso die Anzeigepflicht für gemeingefährliche 
Krankheiten in neuerer Zeit, umfangreiche und dauernde Arbeiten derselben 

Vierteljabrsschrift für Gesundheitspflege, 1883. 9 


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13Ö 


Kritiken und Besprechungen. 

auferlegt, die eine Vermehrung der Arbeitskräfte in dem dem Regierungs- 
medicinalrath unterstellten Bureau zur Folge hatte. Daneben bestehen 
unter Vorsitz von Aerzteu Revier-Sanitätscommissionen. 

Aus den Ermittelungen über die Aerzte ist zu ersehen, dass 

1872 auf 1116*9 Einwohner 

1879 „ 1116*0 „ 

1880 „ 1138*3 „ 

1 Arzt zu rechnen ist; 

1880 war die Zahl der Aerzte 986. 

Von den Bestrebungen derjenigen Aerzte, welche die Standes-Interessen 
durch Bezirksvereine (1880 : 462 Mitglieder) und einen Centralausschuss 
zu fördern suchen, hat der Verfasser mit Wohlwollen Kenntniss genommen 
und eine Verbindung derselben mit dem königl. Polizeipräsidium herbei¬ 
geführt. 

Den Berichten über die Krankenhäuser entnehmen wir, dass neun 
öffentliche Krankenhäuser 4253 Betten besitzen; 1880 sind dort 37 820 Kranke 
verpflegt worden, von denen 5587 = 15 Proc. gestorben sind. Die Unter¬ 
bringung der Geisteskranken, die Badeanstalten, das Krankentransportwesen, 
das Leichenwesen, die Frequenz der Morgue sind in den folgenden Capiteln 
enthalten. 

Der Abschnitt schliesst mit Nachrichten über die ärztlichen Hülfe- 
leistungen in Sanitätswachen, über die Einrichtungen zur Erlangung der 
ärztlichen Hülfe während der Nacht. Die Nothwendigkeit derselben ist 
in der Presse oft erörtert worden, obwohl Einrichtungen genug vorhanden 
sind, in dringlichen Erkrankungs- oder Unglücksfallen ärztliche Hülfe her¬ 
beizuschaffen. Die 60 Armenärzte haben die Verpflichtung, bei Unglücks¬ 
fällen überhaupt den Requisitionen der Polizei Folge zu leisten. Kranken¬ 
wagen können telegraphisch durch jedes Polizeirevier sofort herbeigeholt 
werden, um Verunglückte nach einem Krankenhause überzuführen. Die 
sieben bedeutendsten Krankenhäuser in den verschiedenen Stadtgegenden 
nehmen bei Tage und bei Nacht solche Verunglückte oder Kranke ohne 
Weiterungen auf. Nur hält es Verfasser für wünschenswerth und mit ihm 
die Aerzte Berlins, dass Einrichtungen getroffen werden, um die Verunglück¬ 
ten bis zum Transport nach einem der Krankenhäuser vorläufig unterzu¬ 
bringen und für den Transport vorzubereiten. 

Den Schluss des ganzen Berichts bilden Tabellen, Zusammenstellungen 
und Verfügungen nebst Formularen, auf die im Text des Werkes Bezug 
genommen ist. Durch diese Beigabe wird der vorliegende Bericht zu einem 
werthvollen Nachschlagebuch. 

Der Reichthum an hygienischen Fragen, der hier nur in seinen wesent¬ 
lichsten Theilen berührt werden konnte, die Gründlichkeit der Erörterung, 
die in vollkommener Sprachgewandtheit stattfindet, lassen überdies keinen 
Zweifel, dass Skrczeczka’s Werk einen hervorragenden Platz in der hygie¬ 
nischen Literatur und in der Bibliothek jedes Arztes einnehmen wird. 


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Hoeniger, Der schwarze Tod in Deutschland. 


131 


Dr. Rober^ Hoeniger: Der schwarze Tod in Deutschland. 
Ein Beitrag zur Geschichte des vierzehnten Jahrhunderts. Berlin 
1882, Grosser, 8., VI u. 180 S. — Besprochen von Prof. Hirsch 
(Berlin). 

Herr Hoeniger hat sich in der vorliegenden Arbeit die dankenswerthe 
Aufgabe gestellt, vom Standpunkte des Historikers und an der Hand der 
neuesten mustergültigen Ausgaben der historischen Quellen, sowie unedirter 
Handschriften, die bisher geltenden, vorzugsweise auf H e c k e r * s Bearbei¬ 
tung des Gegenstandes basirten Ansichten über die Geschichte des schwarzen 
Todes, mit besonderer Berücksichtigung Deutschlands, einer Revision und 
Kritik zu unterwerfen, die Grenzen und die Zeit, innerhalb welcher die 
Seuche in den einzelnen Gegenden Deutschlands geherrscht hat, sowie die 
Verbreitungsart der Epidemie pchärfer zu bestimmen, die von früheren For¬ 
schem so hoch veranschlagten Beziehungen der dem Auftreten dieser Pest 
angeblich vorhergehenden und sie begleitenden stürmischen Naturerschei¬ 
nungen zur Krankheitsentwickelung zu prüfen, vor allem das Verhältniss, 
welches zwischen der mörderischen Krankheit und der Gestaltung der socialen 
und politischen Zustande jener Zeit des Mittelalters, besonders den Judenmor¬ 
den und den Geisslerfahrten bestanden hat, zu untersuchen, beziehungsweise 
die Stellung zu bezeichnen, welche die Seuche zur politischen und Kultur¬ 
geschichte jener Zeit einnimmt. 

Die Veranlassung zu dieser Untersuchung hat der Herr Verfasser in 
dem Umstande gefunden, dass der aus dem Jahre 1832 datirenden Schrift 
Hecker’s von der Geschichte des schwarzen Todes, an der fast alle späteren 
Bearbeiter dieses Gegenstandes festgehalten haben, ein theils mangel- und 
fehlerhaftes, theils unzulängliches historisches Quellenmaterial zu Grunde 
liegt, und dass Hecker in der Benutzung desselben namentlich durch spätere 
Ueberlieferungen getäuscht worden ist, „welche die Aufeinanderfolge der 
Vorgänge verwirrt, eine ganze Reihe wunderlicher Dinge mit der Geschichte 
des schwarzen Todes in Zusammenhang gebracht, und in den verwegensten 
Uebertreibungen einen Sagenkreis gebildet haben, der sich zum guten Theile 
bis heute erhalten hat te . 

Als Historiker von Fach verzichtet der Verfasser auf die Frage nach 
dem nosologischen Charakter der unter dem Namen des schwarzen Todes 
bekannten Pestseuche näher einzugehen; er bescheidet sich, die Ueberein- 
stimmung zu constatiren, welche in den Berichten der Aerzte und Chronisten 
jener Zeit über die Gestaltung dieser durch eine schwere Lungenaffection 
modificirten Pest herrscht und auf die Analogie hinzuweisen, welche in die¬ 
ser Beziehung (Krankheitsform) zwischen dem schwarzen Tode und den im 
Verlaufe dieses Jahrhunderts in Hindostan beobachteten Pestepidemien be¬ 
steht, und auf welche Referent mehrfach hingewiesen hat. 

Den Ausgangspunkt der Seuche glaubt der Herr Verfasser im Zusammen¬ 
hänge hiermit (und im Einverständnisse mit dem Referenten) in die nord¬ 
westlichen Gebiete Hindostans verlegen zu dürfen; über die Verbreitung 
derselben von Osten her gegen Europa und ihr erstes Auftreten im Anfänge 

9 * 


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132 


Kritiken und Besprechungen. 

des Jahres 1348 auf europäischem Boden besteht kein Zweifel. — Die zuerst 
ergriffenen Punkte waren die Küstengebiete Dalmatiens, Oberitaliens und 
Südfrankreichs; von Oberitalien war die Seuche schon im J§hre 1348 nach 
Kärnthen und Steyermark gedrungen, nach dem Herzogthume Oesterreich 
gelangte sie erst im Jahre 1349 und von hier verbreitete sie sich nach 
Mähren und Bayern, jedoch so langsam, dass sie erst im Sommer 1350 in 
Regensburg auftrat. Sehr viel schneller Überzog die Epidemie von den 
Mittelmeerküsten aus Frankreich, so dass schon im Sommer 1348 die Nor¬ 
mandie und wenig später die Picardie ergriffen war. Von Frankreich aus 
drang die Seuche 1349 durch das Rhonethal nach der Schweiz und durch 
Burgund nach der Rheinebene, alsbald nach Flandern und Friesland und 
auf dem Seewege nach Preussen. Erst im Anfänge des folgenden Jahres 
(1350) trat der schwarze Tod in Jütland auf und verbreitete sich von hier 
nach Schleswig, Holstein und den zwischen dem Rheine und der Elbe 
gelegenen Gegenden des nordwestlichen Deutschlands; in Bremen erschien 
die Krankheit sogar erst im Jahre 1351. 

Wann die Seuche in das nordöstliche Deutschland gedrungen ist, und 
in welchem Umfange dasselbe gelitten hat, lässt sich mit Sicherheit nicht 
bestimmen; wahrscheinlich ist die Verbreitung der Krankheit hierher, wie 
nach Polen und Russland, erst in einer späteren Zeit erfolgt. 

Innerhalb dieses grossen Verbreitungsgebietes der Pest blieben viele, 
selbst grössere Bezirke von derselben ganz verschont oder sie wurden erst 
später ergriffen, und zwar erklärt sich dies, wie Verfasser nachweist, theils 
aus territorialen Verhältnissen, welche die Communication erschwerten — so 
setzten namentlich grössere Gebirgszüge dem Fortschreiten der Seuche eine 
Grenze oder sie trugen zu einer Verlangsamung desselben bei —, theils 
dürften aber auch, wie Verfasser speciell bezüglich Polens vermuthet, gegen 
das Einschleppen der Krankheit errichtete Grenzsperren ein Eindringen der¬ 
selben verhütet oder doch für einige Zeit aufgehalten haben; übrigens erfolgte 
die Krankheitsverbreitung durch den maritimen Verkehr viel schneller als auf 
den Landstrassen. „Der Gang des schwarzen Todes u , sagt Verfasser, „Hesse 
sich, wenn man für jeden Ort sein erstes Auftreten zu bestimmen vermöchte, 
graphisch in einem grossen Systeme von Strahlenbüscheln darstellen; jeder 
inficirte Ort kann als neuer Brennpunkt weiterstrahlen. Die Neigung in 
bestimmt vorgeschriebener Himmelsrichtung fortzuschreiten, vermag ich 
nicht zu erkennen. Directes Contagium trägt die Seuche von Ort zu Ort, 
demgemäss hat sie sich hauptsächlich in der Richtung der grossen Verkehrs¬ 
wege fortgepflanzt“. 

Dass die unter den Erscheinungen des schwarzen Todes (oder, wie es 
auch bei vielen Chronisten heisst, des „grossen Sterbens“) verlaufene,^ d. h. 
durch schwere Lungenaffection modiflcirte Pest nicht mit dem 6. Decennium 
des 14. Jahrhunderts das Ende erreicht hat, sondern auch noch in den 
folgenden Jahrzehnten an verschiedenen Punkten Europas wiederholt auf¬ 
getreten und erst gegen Ende des Seculums als Epidemie erloschen ist, 
geht, wie Verfasser in Uebereinstimmung mit dem Referenten nachweiset, 
nicht nur aus den Angaben mehrerer Chronisten, welche von einem zweiten 
und dritten „grossen Sterben“ berichten, sondern auch aus den Mit¬ 
tbeilungen des Avignoner Arztes Chalin de Vinario hervor, dessen 


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Hoeniger, Der schwarze Tod in Deutschland. 133 

Schrift 1 ) aus dem Jahre 1382 datirt, und der die seit 1378 daselbst beob¬ 
achteten Pestepidemieen als Glieder einer im vollständigen Zusammenhänge 
stehenden Seuchenperiode behandelt und das Symptom der Lungen- 
affection als ein allen diesen Epidemieen gemeinsames her¬ 
vorhebt. 

Sehr eingehend behandelt der Herr Verfasser die Frage nach den cau- 
8alen Beziehungen, in welchen die Entwickelung des schwarzen Todes zu 
stürmischen oder ungewöhnlichen, Schrecken erregenden Naturerscheinungen, 
zu Erdbeben, Regenfluthen und dadurch bedingten weitreichenden Ueber- 
schwemmungen, zu Heuschreckenschwärmen, Kometen, Feuerkugeln, gif¬ 
tigen Nebeln u. a. steht, welche von den Chronisten als Vorläufer oder Be¬ 
gleiter jener mörderischen Seuche genannt werden, und auf welche Hecker 
und spätere Forscher als ätiologische Factoren derselben ein besonderes 
Gewicht gelegt haben. — Alle diese Angaben beruhen, wie Verfasser nach¬ 
weiset, auf Uebertreibungen oder Entstellungen wirklich beobachteter That- 
sachen oder auf Phantasmagorien, welche in dem jene Zeit beherrschenden 
finsteren Aberglauben eine reiche Quelle fanden, auf willkürliche Verallge¬ 
meinerung ganz localer Ereignisse (wie u. a. der 1348 in einigen Districten 
Süddeutschlands und 1356 am Oberrhein vorgekommenen Erdbeben) u. a. 
groben Irrthümern, deren sich die Zeitgenossen übrigens in einem viel gerin¬ 
geren Grade als spätere Chronisten und Historiker schuldig gemacht haben._ 

Während die gleichzeitigen Geschichtsschreiber alle jene Vorgänge am Himmel 
und auf der Erde noch in einer angemessenen Entfernung „ubi zinziber 
nascitur“ vor sich gehen lassen, verlegen spätere Scribenten dieselben, indem 
sie sie mit der mörderischen Pest in Verbindung bringen, überall dahin, 
wo ihr schriftstellerisches Bedürfniss es erheischt; die Berichte über die 
wunderbarsten Erscheinungen steigern sich extensiv, aus einer je späteren 
Zeit sie stammen, und so bildet sich im Bewusstsein der späteren Geschlech¬ 
ter allmälig ein Sagenkreis, der Jahrhunderte lang die Auffassung beherrscht 
und schliesslich in Hecker einen geistreich beredten Vertreter gefunden hat. 
(Mit Recht sieht Herr Hoeniger in dem Umstande, dass Referent in der 
Herausgabe der Hecker’schen Schrift über den schwarzen Tod „die dies¬ 
bezüglichen Ausführungen Hecker’s nicht vollständig beseitigt hat“, einen 
Act der Pietät desselben gegen den hochverdienten Begründer der histo¬ 
rischen Pathologie und seinen Lehrer.) — „Die grosse Zahl gleichzeitiger 
Geschichtsschreiber“, sagt Hoeniger, „weiss bis zum Jahre 1348 so gut 
wie nichts von aussergewöhnlichen Dingen im Naturleben. Erst mit der 


Die von Dalechamp besorgte und (1552 in Lyon) im Drucke erschienene Aus¬ 
gabe dieser Schrift, deren sich Hecker und alle späteren Forscher in gutem Glauben an 
die Echtheit derselben bedient baben, ist, wie Verfasser zeigt, nicht ein blosser Abdruck 
des Originals, sondern eine Um- und Verarbeitung desselben. — Referent hat darauf auf¬ 
merksam gemacht, dass sich in der Bibliothek des Marienstiftes zu Danzig ejn Manuscript 
der Chalin’sehen Schrift befindet; Verfasser hat dasselbe benutzt und bei einer Verglei¬ 
chung dieses Textes mit der Ausgabe Dalechamp’s gefunden, dass in dem Drucke des 
10. Jahrhunderts nicht eine ungetrübte Quelle des 14. Jahrhunderts, sondern ein Elaborat 
des Herausgebers vorliegt. — In der Beilage seiner Schrift hat Herr Hoeniger das erste 
Buch des Originals, das gewissermaassen eine zusammenhängende Darstellung der Seuchen¬ 
periode giebt, nach dem Danziger Codex mitgetheilt. 


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134 


Kritiken und Besprechungen. 

Nachricht von dem Herannahen der furchtbaren Krankheit tauchen aller¬ 
hand wüste Gerüchte auf. tf (Wer erinnert sich nicht dabei an die famosen 
dichten Nebel, welche dem Ausbruche der Cholera von 1831 in Europa vor¬ 
aufgegangen sein sollen!) Thatsächlich geben die unbefangenen Witterungs¬ 
berichte aus jener Zeit aus Deutschland ein vom Normalen nicht wesentlich 
abweichendes Bild, am wenigsten berechtigen sie dazu, die Ursache der 
schweren Seuche auf ungewöhnliche Vorgänge im Naturleben zurückzufüh¬ 
ren, wenn man nicht eben zeitlich und künstlich getrennte Ereignisse in 
einen unnatürlichen Zusammenhang zu bringen sich versucht fühlt. „Mit 
demselben Rechte wie für die Mitte des 14. Jahrhunderts“, sagt der Ver¬ 
fasser sehr richtig, „könnte man an jedem beliebigen Zeitpunkt einen Auf¬ 
ruhr der Natur constatiren“, und demselben, fügt Referent hinzu, alsdann 
irgend welche beliebige Rolle in der Seuchengeschichte zutheilen. — Dass 
ungewöhnliche Vorgänge im Boden, der uns trägt, oder in dem Luftkreise, 
der uns umgiebt, nicht ohne Einfluss auf das physische Leben derjenigen 
Bevölkerungskreise bleiben werden, welche dieselben betreffen, soll darum 
nicht in Abrede gestellt werden, nur wird man diesen Einfluss physika¬ 
lisch zu schätzen haben und nicht über sein Verbreitungsgebiet hinaus¬ 
verlegen dürfen. 

Den Kernpunkt der vorliegenden Arbeit bildet, wie gesagt, die Frage 
nach den Beziehungen des schwarzen Todes zu den in dieselbe Zeit fallen¬ 
den Judenmorden und Geisslerfahrten, sowie nach der Bedeutung, welche 
jene schwere Seuche für die Gestaltung der kulturhistorischen und socialen 
Verhältnisse in der Mitte des 14. Jahrhunderts überhaupt gehabt hat. 

Die allgemein verbreitete Ansicht, dass in der Reihenfolge der Ereig¬ 
nisse der schwarze Tod den Anfang gemacht hat, und dass sich an denselben 
zuerst die Geisslerfahrten und sodann die Judenverfolgungen angeschlossen 
haben, bedarf, wie Verfasser zeigt, einer wesentlichen Modification; „wenn 
man“, bemerkt er, „derartige, von Ort zu Ort schreitende historische Vor¬ 
gänge, die einen längeren Zeitraum ausfüllen und sich auf ihren Wegen 
wiederholentlich kreuzen, generalisirend datiren darf, so gilt, für Deutsch¬ 
land wenigstens, die Reihenfolge: Judenmord, Geisselfahrt, PeBt.“ Dem 
entsprechend verlangt dann auch die landläufige Auffassung von dem 
inneren Zusammenhänge dieser drei Begebenheiten eine sehr erhebliche 
Modification. 

Die Judenverfolgungen hatten in Südfrankreich im Mai 1348, also 
alsbald nach Ausbruch des schwarzen Todes ihren Anfang genommen, und 
sich von dort mit grosser Schnelligkeit, beziehungsweise schneller als die 
Seuche fortschritt, über Spanien, die Schweiz und über Deutschland ver¬ 
breitet, wo sie die grössten Dimensionen annahmen; schon im Herbste 1348, 
also lange bevor die Pest daselbst erschien, hatte man im Eisass, am Ober¬ 
rhein, in Schwaben, Ostfranken und Thüringen mit den Juden „aufgeräumt“, 
und dasselbe Schicksal ereilte diese Unglücklichen später in fast allen Gauen 
des Reiches vom Rheine bis nach Oesterreich hin. — Die landläufige Ansicht 
erblickt in diesem Massenmorde den Ausdruck der Rache, welche das von 
dem Wahne befangene Volk, die Pest sei die Folge einer durch die Juden 
herbeigeführten Brunnenvergiftung, an diesen genommen hat. Dieses Motiv 


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Hoeniger, Der schwarze Tod in Deutschland. 135 

wurde in der That zuerst in Südfrankreich geltend gemacht; allein schon 
hier ist für den Charakter der Bewegung der Umstand bezeichnend, dass 
die Wuth des Pöbels sich nicht bloss gegen die Juden, sondern auch gegen 
die Vornehmen und Reichen waudte, und noch weniger kann es für die 
„Judenschlächtereien“ in Deutschland maassgebend gewesen sein, da die¬ 
selben hier früher begonnen haben, ehe die Pest daselbst ihren Einzug 
gehalten hatte. „Die Zeitgenossen“, sagt der Herr Verfasser, „führen ganz 
andere Gründe an, die den Untergang der Juden herbeigeführt haben, und 
bezeichnen ziemlich unverholen die Anklage der Brunnen Vergiftung als 
vorgeschobenen Grund.“ Schon im Jahre 1338 war eine umfangreiche 
Judenverfolgung organisirt worden, welche ganz offen den Charakter der 
Beraubung trug, und dasselbe Motiv war es, welches zehn Jahre später 
zu den Judenmorden führte; „das Geld“, meint der Chronist Königshofen, 
„was ouch die Sache davon die Juden gedötet wurdent“. Die den Juden 
imputirte Brunnenvergiftung war eben der Vorwandy der das an ihnen be¬ 
gangene Verbrechen rechtfertigen sollte und nur insoweit lässt sich ein 
Zusammenhang zwischen den Judenmorden und den Geisslerfahrten nach- 
weisen, als auch diese, wenigstens in ihrem spätereii Verlaufe, eine social - 
politische Umsturztendenz trugen und der Judenmord gerade von den Flagel¬ 
lanten am heftigsten verlangt wurde. „Von zwingender Beweiskraft“, sagt 
Verfasser in Bezug auf die vorliegende Frage, „sind die Ausführungen von 
Roscher, der in den Verfolgungen und Bedrückungen der mittelalterlichen 
Juden ein historisches Gesetz-nachweist, das sich wiederholt in analogen 
Verhältnissen zu erkennen giebt, so z. B. in der Stellung der alten Phöni- 
kier gegenüber den Griechen und der gleich den Juden auf allen Markt¬ 
plätzen vertretenen lombardischen Handelsleute im späteren Mittelalter.“ 

Die Geisslerfahrten nahmen, ohne jeden Zusammenhang mit der 
Beschuldigung, dass die Juden sich der Brunnen Vergiftung schuldig gemacht 
hatten, in der äussersten Ostmark des deutschen Reiches, in Oesterreich, 
und zwar vor Ausbruch der Pest, ihren Anfang, wahrscheinlich, wie Ver¬ 
fasser bemerkt, im Anschlüsse an Bittprocessionen um Abwendung der her¬ 
annahenden Pest; erst im Anfänge des Jahres 1349 scheint diese Buss¬ 
übung eine allgemeine Verbreitung in Deutschland gewonnen zu haben, und 
dass sie eben eine Präventivmaassregel gegen die Pest gewesen ist, geht 
daraus hervor, dass sie an vielen Orten mit Auftreten der Seuche ein Ende 
genommen hat. — Den bussfertigen Flagellanten schlossen sich alsbald 
fremdartige Elemente an, welche von ganz anderen als religiösen Motiven 
geleitet wurden, welche der Bewegung einen gegen die Hierarchie gerich¬ 
teten, rücksichtslos offensiven Charakter gaben, und eben mit dieser Oppo¬ 
sition gegen die entarteten Diener der Kirche einen durchaus günstigen 
Boden in den weitesten Kreisen fanden. Später gewann die Bewegung einen 
so bedenklichen Charakter, dass der Papst sich veranlasst sah, in einer vom 
20. October 1349 datirten Bulle die Geisslerfahrten zu untersagen, nachdem 
sich auch die lauteren Elemente von denselben losgesagt hatten und „die 
fromme Täuschung der Bussübung selbst bei dem gläubigen Volke nicht 
mehr verfing.“ — „Man braucht den Dingen nicht Gewalt anzuthuen“, sagt 
Verfasser, „um aus diesem Document (der Bulle) herauszulesen; dass hier 


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136 


Kritiken und Besprechungen. 

eine vollständig organisirte socialpolitische Bewegung angegrif¬ 
fen wird, welche dieBussübung nur zur Deckung ihrer gegen die Grund¬ 
lagen der Gesellschaft gerichteten Bestrebungen benutzt.“ — 
Uebrigens datirte diese gegen den Clerus und die Geistlichkeit gerichtete 
revolutionäre Bewegung aus einer viel früheren Zeit; ihre Spuren lassen 
sich bereits in den letzten Decennien deB 13. Jahrhunderts deutlich genug 
nachweisen. 

In einem in kurzen aber kräftigen Zügen entworfenen Bilde schildert 
der Herr Verfasser die anarchischen Zustände im Culturleben Deutschlands 
während der Mitte, und den glänzenden Aufschwung der socialen Verhält¬ 
nisse in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. — Die Schrecken der 
Pest haben jene Anarchie allerdings gesteigert, aber nicht hervorgerufen, 
und gerade ihre wildesten Ausschweifungen, der Judenmord und die an die 
Geisslerfahrten anknüpfende revolutionäre Bewegung wurzelten in den 
Verhältnissen der Zeit; sie sind durch Umstände bedingt, die in keiner Be¬ 
ziehung zu den Schrecken der verheerenden Seuche stehen. 

„Für die politische Geschichte“, sagt Verfasser resumirend, „ist der 
schwarze Tod fast bedeutungslos geblieben. Der enorme Menschen Verlust 
hat auch den mächtigen Aufschwung von Handel und Industrie, die glän¬ 
zende Entwickelung der deutschen Städte nicht auf halten können... Nirgend 
tritt, wenn wir allenfalls von dem Entstehen der Sanitätspolizei absehen, in 
der Entwickelung der Verhältnisse ein Impuls zu Tage, der nicht schon 
vorher wirksam gewesen wäre, und kein neuer Gesichtspunkt macht 
sich in der Gestaltung der Dinge bemerkbar“. — Im Anschlüsse an diese 
Andeutung des Herrn Verfassers von der mit dem Auftreten des schwarzen 
Todes verbundenen Entwickelung der Sanitätspolizei, mit welcher auch die 
Begründung der ersten Quarantänen (in einigen Städten Italiens) in Verbin¬ 
dung steht, erlaubt sich Referent noch auf den günstigen Einfluss aufmerk¬ 
sam zu machen, welchen diese schwere Pest auf die Entwickelung der Heil¬ 
kunde geäussert hat. „Verheerende Seuchen“, sagt Schiller in der classi- 
schen Antrittsrede zu seinen Vorlesungen über Universalgeschichte, „mussten 
die verirrte Heilkunst zur Betrachtung der Natur zurückrufen.“ Der 
schwarze Tod giebt hierzu ein lehrreiches Beispiel: mit ihm beginnt eine 
neue Aera in der Geschichte der Medicin. 

Der reiche und interessante Inhalt der vorliegenden Schrift wird das 
ausführliche Referat über dieselbe rechtfertigen. 

Herr Hoeniger hat die Aufgabe, welche er sich gestellt, in treff¬ 
licher Weise gelöst; damit hat er sich nicht nur den Dank aller derjenigen 
erworben, welche für die historische Pathologie ein Verständnis haben, son¬ 
dern auch einen werthvollen Beitrag zur Culturgeschichte Deutschlands im 
14. Jahrhunderte gegeben, der das Interesse aller gebildeten Kreise zu 
fesseln geeignet ist. 


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Kuntze, Motiv, Entwurf eines deutschen Gesundheits-Baugesetzes, 137 

Dr. Otto Kuntze: Motivirter Entwurf eines deutsohen Qe- 
sundheits - Baugesetzes. Als Petition an den Bundesrath und 
Reichstag. 8. 166 S. — Besprochen von Professor Baumeister 
(Karlsruhe). 

Die vorliegende Arbeit ist aus ähnlichen Bestrebungen hervorgegangen, 
wie sie den Deutschen Verein für öffentliche Gesundheitspflege bei seinen 
Verhandlungen und Thesen über hygienische Anforderungen an städtische 
Neubauten 1 ), ferner den Verband deutscher Architekten- und Ingenieur¬ 
vereine und den Schreiber dieses bei dem „Entwurf einer normalen Bau¬ 
ordnung“ 2 ) geleitet haben. Der Verfasser glaubt nämlich, wie uns scheint 
mit vollem Recht, dass die Forderungen der öffentlichen Gesundheitspflege 
an das Bauwesen in den zahlreichen bestehenden Bauordnungen grössten- 
theils noch ungenügend, und jedenfalls allzu verschiedenartig berücksichtigt 
sind: vielmehr verdienen und bedürfen sie einheitliche Regelung in ganz 
Deutschland. Er wendet sich deshalb in Form einer Petition an diejenigen 
Centralorgane, welchen vermöge der Reichs Verfassung Maassregeln der 
Medicinalpolizei und des Gewerbebetriebes zustehen, und legt denselben als 
Vorarbeit schon den vollständigen, detaillirten und von ausführlichen Mo¬ 
tiven begleiteten Entwurf eines Reichsgesetzes vor. 

Die Arbeit ist augenscheinlich mit grosser Sorgfalt und Sachkenntnis 
ausgeführt. Im Vergleich zu den oben angeführten Vorgängern findet sich 
manches Eigenthümliche und Beachtenswerthe. So sind z. B. die nach¬ 
barlichen Beziehungen an der Rückseite der Grundstücke zweckmässig 
angeordnet, um zusammenhängende Lufträume zu bewahren, ferner Ar¬ 
kaden, Gruppenbauten und Zwillingshäuser begünstigt. Mit anderen Be¬ 
stimmungen kann Referent sich dagegen nicht ganz einverstanden er¬ 
klären, z. B. ist die Anzahl der Geschosse freigegeben, und nur die Höhe 
des Hauses im Ganzen und der Geschosse im Einzelnen begrenzt; in Folge 
davon bleiben 5- bis 7 stockige Miethhäuser zulässig. Auch bei der Cana- 
lisation scheinen die Vorschriften zum Theil nicht rationell, und bei den 
Angaben über Strassennetze die ästhetischen Rücksichten durch hygienische 
Forderungen von zweifelhafter Wichtigkeit zu stark eingeschnürt. 

Der Verfasser behandelt nur das städtische Bauwesen, indem das 
ländliche einer solchen Fürsorge noch nicht so sehr bedürfen soll. Wenn 
man aber Landstädtchen und Dörfer mit zusammengedrängten Häusern, 
Misthaufen und Abtritten kennen gelernt hat, so möchte man auch diesen 
die Wohlthat der öffentlichen Gesundheitspflege nicht vorenthalten; immer¬ 
hin lässt sich diese Ergänzung aus dem Entwürfe selbst unschwer heraus- 
construiren. 

Nach zwei anderen Richtungen aber geht die Vorlage weit über das¬ 
jenige hinaus, was man* gewöhnlich unter gesundheitlichen Vorschriften 
der Baupolizei versteht. Erstlich enthält sie in fast gleicher Vollständigkeit 
Vorschriften hinsichtlich der Feuersicherheit und Verkehrsfreiheit, also ge- 


J ) Bd. VIII, S. 97 dieser Vierteljahrsschrift. 

2) Besprochen in Band XIII, S. 313 dieser Vierteljahrsschrift. 


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138 


Kritiken und Besprechungen. 

radezu eine complete Bauordnung. Allerdings giebt es keine bauliche 
Einrichtung, welche nicht mehr oder weniger allemal auch die Gesundheit 
berührt, und es ist des Zusammenhanges wegen praktisch, alle Theile eines 
Hauses zu erwägen, wenn sie auch mit der Gesundheit nur so lose in Ver¬ 
bindung stehen, wie z. B. Regenröhren und Schornsteindimensionen. Zwei¬ 
tens giebt der Verfasser sorgfältig ausgearbeitete Vorschläge über die 
sociale Handhabung der baulichen Gesundheitspflege. Ausgehend von 
den so manches Mal contrastirenden Interessen einer Altstadt und ihrer 
Vororte, sucht er deren Versöhnung in einem neuen Organismus, dem Bau¬ 
verband, auf einer eigenen Repräsentativ Verfassung errichtet. Ausführlich 
werden die Rechte und Pflichten des Bauverbandes dargelegt: sie beziehen 
sich auf Bebauungspläne, Herstellung von Wohnungen für Arbeiter und 
Angestellte, Verkehrsmittel und noch mancherlei andere Unternehmungen 
und Anstalten für das Gemeinwohl. Es ist, wie uns dünkt, ein nothwendiges 
Stück von gesundem Socialismus darin ausgeprägt, ein Beleg warmer Ge¬ 
sinnung für die bekannten Nothstände der ärmeren Bevölkerung in grossen 
Städten. Freilich wer dem bequemen Egoismus der freien Concurrenz und 
der Selbsthülfe huldigt, der wird nicht beistimmen. Dem Referenten aber 
scheint hier das bedeutungsvollste und zugleich ganz neue Verdienst des 
Verfassers zu liegen, um die Frage des menschenwürdigen Daseins in Gress¬ 
städten zu lösen. 

Wir wünschen den Bestrebungen des Verfassers von Herzen guten 
Erfolg. Ob ein solcher in Bälde beim Reichstage zu erhoffen, mag freilich 
zweifelhaft sein, da es sich nicht um eine politische Frage grossen Styls 
handelt. In dieser Beziehung wäre auch vielleicht eine kurze Zusammen¬ 
stellung von Thesen wirksamer gewesen, als ein ausführlicher Gesetzentwurf. 
Aber in bautechnischen und hygienischen Kreisen, bei Gemeindeverwal¬ 
tungen und im gebildeten Publicum überhaupt wird diese Schrift sicherlich 
sowohl Anregung im Allgemeinen als Mhterial in speciellen Fragen liefern. 


Ludwig Degen, Fürstlich von Thum und Taxis’scher Baurath: DftS 
Krankenhaus und die Caserne der Zukunft. — Be¬ 
sprochen von Prof. Dr. W. Roth, Generalarzt I. CI. 

Der auf dem Gebiete des Krankenhausbaues durch seine früheren 
Schriften (Der Bau der Krankenhäuser, Ventilation und Heizung etc.) 
rühmlich^ bekannte Verfasser hat die Literatur über dieses Gebiet um 
ein neues werthvolles Werk bereichert. Wir erblicken die wesentlichste 
Bedeutung desselben darin, dass ein namhafter Architekt sich mit den 
Forderungen der Gesundheitspflege auf diesem Gebiete so vertraut gemacht 
hat, dass er sie unter Kenntniss aller wissenschaftlichen Grundlagen als das 
auf diesem Gebiete allein Maassgebende hinstellt. 

Das Werk besteht aus sechs Abtheilungen. Die erste derselben behan¬ 
delt die allgemeinen Grundsätze der Hygiene und ihre Anwen¬ 
dung auf die Erbauung eines zweckentsprechenden Kranken- 


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Degen, Das Krankenhaus und die Caserne der Zukunft. 139 

hauses. Die Abtheilung beginnt mit der Würdigung der Bedeutung der 
Lehren der Hygiene für Aerzte, Techniker und Verwaltungsbeamte, worin 
der Zusammenhang der verschiedenen Factoren für die hygienischen 
Interessen gewürdigt wird und die Einrichtungen in Bayern und Sachsen 
für den Unterricht der Hygiene besonders hervorgehoben werden. Die 
Autonomie der Gemeinden in der Ausübung der Bau- und Gesundheitspolizei 
erachtet Degen für falsch und verlangt die Anstellung unabhängiger Ge¬ 
sundheitsbeamter. Weiter findet hier die Luft nach ihrer Zusammensetzung, 
Wassergehalt, Ursachen der Verderbniss Besprechung, woran sich die Be¬ 
handlung des Bodens bezüglich seines Luftgehaltes, der Temperatur, der 
Feuchtigkeit und der Verunreinigung knüpft. Die letzteren werden ein¬ 
gehend besprochen und lenkt Degen die Aufmerksamkeit besonders auf die 
Ablagerungsplätze für Bauschutt, Strassenkehricht und städtische Abfall- 
stofie. Hieran schliesst sich die Betrachtung der Producte der Fäulniss 
und Zersetzung im Boden. Aus beiden Momenten, der Luft und dem 
Boden, werden dann die Gesichtspunkte für den geeigneten Bauplatz für 
ein Krankenhaus abgeleitet und finden bezüglich der Luftverunreinigung 
in den Krankenzimmern die neuesten Gesichtspunkte namentlich bezüglich 
des Staubes Berücksichtigung. Den Vorschlag von Wernich, die Luft 
durch Filtra vom Staube zu befreien, hält Degen für technisch sehr wohl 
ausführbar. Am Ende dieser Abtheilung wird die Bedeutung des Sonnen¬ 
lichtes für die Salubrität eines Krankenhauses nach verschiedenen Rich¬ 
tungen gewürdigt. 

Auf dem Boden dieser so gründlichen hygienischen Einleitung folgt 
nun in der zweiten Abtheilung die Betrachtung der Ventilation und 
Heizung. Als Maximum des Kohlensäuregehaltes betrachtet Degen 
0’06 Proc., die Nothwendigkeit des Luftwechsels wird an den bekannten Bei¬ 
spielen über die giftige Wirkung grosser Kohlensäuremengen mit organischer 
Substanz nachgewiesen. Für die Bestimmung der Kohlensäure der Zimmer¬ 
luft werden die Verfahren von v. Pettenkofel* und Lunge besprochen, es 
wären hier noch zweckmässig die von Hesse berechneten Tafeln anzugeben 
gewesen, mittelst deren Rechenfehler sicher ausgeschlossen werden, welche 
nach unseren Erfahrungen bei Luftuntersuchungen verhältnissmässig häufig 
Vorkommen. Weiter folgt die Bestimmung des Ventilationsbedarfs nach einer 

sehr einfachen Methode. Es wird die Gleichung — a — = x zu Grunde ge¬ 


b — c 


legt, wobei a den Kohlensäuregehalt der ausgeathmeten Luft, b den Grenz¬ 
werth des Kohlensäuregehalts der Luft im geschlossenen Raum mit 0'06 Proc., 
- c den Kohlensäuregehalt der freien Luft und x die Anzahl der Volumina 
frischer Luft, um je ein Volumen ausgeathmeter Luft bis zu dem verlangten 
Grenzwerth zu verdünnen, bezeichnen. Uns war bei dieser Berechnung 
neu, dass ein niedrigerer Gehalt der freien Luft an Kohlensäure als 0*04 Proc. 
mit berücksichtigt wird; in der Regel wird dies Moment vernachlässigt. 
Die Mittel zur Lufterneuerung sind nach Wolpert besprochen und bei 
denselben die Versuche von v. Weltzien und Henneberg beim Baue des 
Lazarethes im Friedrichshain in ihrem ganzen Umfange aufgenommen. 
Weiter ist die Ventilation des neuen Krankenhauses in Heidelberg nach 
Böhm abgehandelt, welche im Sommer besonders gute Resultate liefert. 


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HO 


Kritiken und Besprechungen. 

Sehr anerkennend äussert sich Degen über die Methode von Roraanin- 
Jacur, bei welcher die frische Luft aus vielen Oeffnungen an der Decke ein¬ 
strömt, die verdorbene am Fussboden abgeleitet wird, so dass kein Kranker 
innerhalb verdorbener Luft liegt. Wir hatten noch keine Gelegenheit dieses 
System in Thätigkeit zu sehen. Von den Lnftsangern empfiehlt Degen 
die fest construirten, namentlich die von Wolpert. Bezüglich der Venti¬ 
lation mit Maschinenkraft wird besonders hervorgehoben, dass die Heizung 
der Lockkamine kostspieliger sein kann als die Bewegung eines Ventilators 
durch die gleiche Menge Heizmaterial, doch können beide Systeme combi- 
nirt werden, wenn der Lookkamin im Winter, der Ventilator im Sommer 
wirken soll. Für die Bewegung der letzteren kommen auch Gasmotoren in 
Betracht. Von den Mitteln zur Messung der Geschwindigkeit der Luft 
wird daB Wolpert’sche statische Flügelanemometer hervorgehoben. — 
Die Heizung will Degen möglichst unabhängig von der Ventilation; von 
Oefen lässt er nur solche zu, welche wenigstens eine theilweise Lufterneue- 
rung gestatten, als Material wird Gusseisen als das allein zweckmässige 
bezeichnet, nachdem die Gefahr der Kohlenoxydvergiftung sich praktisch 
als gering gezeigt hat. Bei Oefen soll jeder Zeit ein stets wirksamer 
Aspirator zur Abführung der verdorbenen Luft vorhanden sein. Ein 
Circulirofen mit Filtrirapparat (eine Lage Holzkohlen mit Eisenvitriollösung 
oder mit Kalkbrei genetzt) nach Seeberger wird nach der Theorie 
empfohlen. Von der Kaminheizung findet die von Douglas Galton für 
Separatzimmer mit 1 bis 2 Betten Empfehlung. Die Centralheizungen 
hängen in ihrer Wirkung nach Degen besonders von ihrer Bedienung ab, 
jede der verschiedenen Methoden wird nach den besonderen Verhältnissen 
Anwendung finden. Besondere Bedeutung wird der Dampfheizung zuge¬ 
schrieben, weil man von einer FeuerßteUe aus grosse Gebäudecomplexe 
heizen kann. 

Für die Befeuchtung der Luft werden die Apparate von Fischer 
und Stiehl (staffelförmig in den warmen Luftcanal eingeschobene Gef&sse), 
das Luftbefeuchtungsrädchen von Wolpert urtd der selbstthätige Befeuch¬ 
tungsapparat von Rietschel (Schliessung eines elektrischen StromeB durch 
das Hygrometer) angeführt. Endlich wird die Reinigung der Luft von Staub 
durch Filter und Gewebe betont, wobei die Ventilationseinrichtungen im 
Haupttelegraphenamt zu Berlin beschrieben werden. 

Die dritte Abtheilung beschäftigt sich mit dem Hospital und seiner 
Einrichtung. Nach einem historischen, die Mängel der Vergangenheit 
zusammenfassenden Ueberblick findet zunächst die Wahl des Bauplatzes 
nach seiner allgemeinen Lage wie der Bodenbeschaffenheit Besprechung. 
Für die Grösse des Areals sind im Allgemeinen 100 Quadratmeter pro 
Bett, bei übertragbaren Krankheiten 150 bis 180 Quadratmeter Flächen¬ 
raum zu Grunde zu legen. Das Programm muss das zu wählende System 
klar darlegen. Das amerikanische Barackenlazareth wird als der wesent¬ 
lichste Erfolg der neueren Zeit namentlich gegenüber den Zelten hingestellt. 
(Wenn auch die gegen letztere geltend gemachten Einwände sich nicht 
leugnen lassen, so sind demnach die Zelte unter vielen Verhältnissen nament¬ 
lich im Kriege gar nicht zu entbehren. W. R.) Anschliessend an die ame¬ 
rikanischen Barackenlazarethe wird die Charitebaracke in Berlin besprochen. 


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Degen, Das Krankenhaus und die Caseme der Zukunft. 141 

Degen beurtheilt die Holzbaracken als vorzüglich, will sie aber nicht als 
stabilen Ban in den Verband einer Heilanstalt aufgenommen wissen. Grosse 
Gebäude mit mehreren Stockwerken werden für unzulässig erklärt, doch 
lassen sich die Gefahren, die Weiterleitung der schlechten Luft durch die 
Corridore mittelst energischer Lüftung derselben vermindern. Die Haupt¬ 
sache ist die Decentralisation. Die Frage, ob man das Barackensystem 
in seiner charakteristischen Form ohne Abweichung für eine ganze Hospital¬ 
anlage durchführen könne, oder der Combination von Baracken mit zwei¬ 
stöckigen Pavillons und Blocks den Vorzug zu geben habe, erachtet Degen 
noch nicht für spruchreif. Vom hygienischen Standpunkt steht Degen selbst 
unbedingt auf dem Standpunkt der alleinigen Verwendung einstöckiger 
Pavillons, giebt aber zu, dass sich die Frage anders gestalte, wenn man 
ansteckende Kranke ganz isolirt von den anderen behandelt. Gegenüber 
der Combinirung von Baracken mit zweistöckigen Pavillons und Blocks 
wird besonders die Ventilation und Heizung der Corridore und Treppen 
hervorgehoben. Ansteckende Kranke sollen jedenfalls im obersten Stock¬ 
werke behandelt werden. 

(Nach unserer Ansicht wird die Frage eines Krankenhausbaues wesent¬ 
lich dadurch vereinfacht, dass Isolirhäuser für ansteckende Kranke bestehen, 
d. h. Gebäude, in denen wirklich keine Communication zwischen den verschie¬ 
denen Lazarethanlagen stattfindet. Hierdurch nähert man sich den Principien, 
welche die Grundsätze für den Neubau von Friedenslazarethen, emanirt 
vom königl. preuss. Kriegsministerium am 19, Juni 1878, in sehr glück¬ 
licher Weise vertreten.) 

Nach Uebersicht über die einzelnen Gattungen der Krankenhäuser wer¬ 
den die Räume für den speciellen Krankendienst besprochen. 50 Gubikmeter 
Raum pro Kopf werden im Allgemeinen für Krankenräume verlangt, für 
infectiöse und chirurgische Kranke nicht unter 55 Cubikmeter. In Kran¬ 
kenhäusern, die nicht Unterrichtszwecken dienen, soll die Zahl der Betten 
in demselben Saal 12 nicht übersteigen. Tagräume für Kranke, wo 
möglich in Verbindung mit offenen Perrons, werden warm empfohlen. 
Als besondere Forderung für die Nebenräume begegnen wir zum ersten 
Male der für permanente Vollbäder. Bei der Desinfectionskammer wird 
der jetzt anerkannten Verwendung von Dampf Rechnung getragen. Ein 
Pferdestall, Remise und Kutscherstube ist gegenüber der Zuführung an¬ 
steckender Kranker und der möglichsten Entlastung des öffentlichen Fuhr¬ 
werkes eine gerechtfertigte Forderung. Die Einrichtungen eines patholo¬ 
gischen Instituts sind hier ebenfalls mit berücksichtigt, Gartenanlagen 
finden warme Empfehlung. 

Für kleinere allgemeine Krankenhäuser will Degen für 120 Kranke 
zwei Blocks mit je 45 Betten in zwei Stockwerken, ausserdem eine Baracke 
für 20 chirurgische Kranke und mehrere Separatzimmer. Für Bezirks¬ 
krankenhäuser soll das Pavillonsystem mit Baracken Anwendung finden, da 
es erweiterungsfähig ist. Specielle Heilanstalten für ansteckende Kranke 
geben Veranlassung zur Besprechung der Frage, ob es sich um collective 
oder individuelle Isolirung handelt. Jedenfalls muss die Isolirung einzelner 
Kranken möglich sein. Sehr werthvoll sind auch Beobachtungszimmer. 
Es finden weiter Entbindungsanstalten, bei denen die individuelle Isolirung 


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142 


Kritiken und Besprechungen. 

besonders berücksichtigt werden muss, und Kinderspitäler Besprechung. 
Bei der Behandlung der Militärspitäler werden die bisherigen Zustände 
scharf yerurtheilt, wie uns scheint ist das Urtheil für norddeutsche Verhält¬ 
nisse theilweise nicht zutreffend. An den alten Lazarethen sind gewiss viele 
Verbesserungen möglich und auch darin stimmen wir mit Degen überein, 
dass dieselben nur sachkundigen Händen anvertraut werden sollen. Gegen 
die vom königl. preuss. Kriegsministerium aufgestellten allgemeinen Grund¬ 
sätze für den Neubau von Friedenslazarethen hat Degen mehrfache Be¬ 
denken, namentlich tadelt er den Mangel einer besonderen Ventilations¬ 
vorrichtung für die Corridore der Blocks, verlangt für Lazarethe von 
60 Betten eine Evacuationsbaracke und befürchtet Unannehmlichkeiten von 
den Küchen in denselben Gebäuden. Bezüglich der Kriegslazarethe wird 
Zur zweckmässigen Herrichtung von Localitäten in der Nähe der Schlacht¬ 
felder die Beigabe hygienisch - gebildeter Techniker zu den Divisions- und 
Brigadecommandos verlangt, ein nach unserer Ansicht zweckmässiger Vor¬ 
schlag für den Rayon der Etappen, da sich unmittelbar nach den Schlachten 
diesen Gesichtspunkten absolut nicht vollständig Rechnung tragen lässt. 
Die kräftigste Ventilation wird als erste Bedingung der Hygiene bei Feld- 
lazarethen in Verbindung mit Regelung der Abortverhältnisse vgplangt. 
Den Schluss dieser Abtheilung bildet die Beschreibung des Baracken- 
lazareths auf dem Tempelhofer Felde. 

Die vierte Abtheilung ist der technischen Ausführung des Pro¬ 
gramms gewidmet. Es ist unmöglich im Rahmen dieser Besprechung nur 
einigermaassen eingehend den vielen werthvollen Angaben gerecht zu werden. 
Der gegenseitige Abstand der Gebäude, die Fundirung werden gewürdigt, 
bei letzterer wird die Ableitung der Bodenluft unter der hohlen Kellersohle 
oder die Anbringung von Asphaltschichten zur Isolirung erwähnt. Weiter 
werden die Umfassungs- und Scheidemauern behandelt, deren Stärke auf das 
zulässige Minimum bestimmt sein muss. Für das Dach wird Holzcement 
resp. Eisen empfohlen. Die Treppen sollen 14 Centimeter Auftritt bei 28 
bis 30 Centimeter Stufenbreite haben und feuersicher sein. Beim Kranken- 
saal wird Abrundung oder Abschrägung der Saalecken sowie beim Anschluss 
der Wände an den Fussboden empfohlen; die Höhe des Krankensaals soll 
nie unter 4, nie über 5 Meter betragen, daher die Quadratfläche bei einem 
Durchschnittscubus von 45 Cubikmetern für jedes Bett circa 10 Quadrat¬ 
meter ausmachen. An Beleuchtungsfläche (jederzeit Doppelfenster) sind 
als Minimum 1*5 Quadratmeter zu rechnen. Das Dach soll ganz massiv 
sein, zum Fussboden ist Holz nie zu nehmen, am besten sind Mettlacher 
Fliesen. Eine sehr eingehende Besprechung finden weiter die Bäder und 
zwar sowohl Wannenbäder wie römische Bäder und Dampfbäder. Die 
Closets hängen von dem System ab, welches jede Anhäufung der Fäcal- 
stoffe zu vermeiden hat. Operationssaal, Leichenhaus, pathologisches 
Institut, Küche, Waschanstalt und Canalisirung schliessen die Besprechung 
dieser Abtheilung, von welcher sich bei ihrer Reichhaltigkeit kein genauer 
Auszug geben lässt. 

Die fünfte Abtheilung beschäftigt sich mit der Caserne. Die¬ 
selbe knüpft an die hohe Bedeutung der Wohnung für die Gesundheit an. 
Bezüglich des Einflusses der Casernenverhältnisse auf die Gesundheit werden 


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Degen, Das Krankenhaus und die Caserne der Zukunft. 143 

die Zahlen aus dem königl. sächs. Armeecorps für 1873 bis 1874, aus der 
königl. bayer. Armee für 1874 bis 1879 herangezogen. Als der wesentlichste 
Uebelstand wird das Massenquartier, als die hauptsächlichste Casernen- 
krankheit die Tuberculose bezeichnet. Als ein Beispiel verbesserter Ver¬ 
hältnisse findet die Albertstadt bei Dresden eingehende Besprechung (die¬ 
selben Principien sind in allen Casemen des königl. sächs. Armeecorps 
durchgeführt). Unter Aufstellung der Forderungen einer reinen Luft, 
eines genügenden Luftraumes, Trennung der Wohn- und Schlafräume, 
reichlicher Bade - und Waschgelegenheiten, sowie einer allgemeinen Assa- 
nirung der Casernen wird schliesslich das Tollet’sehe System warm 
empfohlen. Es soll bei den Casernen dieselbe Decentralisation durchgeführt 
werden, wie sie bei den Krankenhäusern bereits besteht. 

Die sechste Abtheilung enthält die Erklärung von acht beige¬ 
gebenen Tafeln, enthaltend die Zeltbaracke nach Stromeyer aufgestellt 
in Langensalza 1866, die Grundrisse einiger Barackenlazarethe aus dem 
amerikanischen Kriege, die neue Waschanstalt in der Charite zu Berlin, 
das Garnisonlazareth in der Albertstadt bei Dresden, den Evacuationspavillon 
für chirurgische Kranke im Krankenhause Bethanien zu Berlin, das Baracken- 
lazareth der königlichen Charite zu Berlin, den medicinischen Pavillon Nr. I. 
des neuen akademischen Krankenhauses in Heidelberg, das zweite Garnison¬ 
lazareth für Berlin bei Tempelhof, das Garnisonlazareth in Königsberg, das 
städtische allgemeine Krankenhaus im Friedrichshain zu Berlin und das 
neue Kinderhospital zu Dresden. 

Der Gesammteindruck des vorliegenden Werkes ist der, dass das Stu¬ 
dium desselben allen mit der Durchführung hygienischer Fragen beauftrag¬ 
ten Technikern nur auf das Wärmste empfohlen werden kann. Wenn 
irgendwie die Forderungen der Gesundheitspflege aus der Theorie in die 
Wirklichkeit übersetzt werden sollen, so ist Niemand hierzu in dem Grade 
berufen, als die ausführenden Techniker, und deshalb müssen die Aerzte 
Herrn Degen für sein vortreffliches Werk aufrichtig dankbar sein. 


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144 


Section für Gesundheitspflege und Staatsarzneikunde 


Zur Tagesgeschichte. 


Die „Section für Gesundheitspflege und Staatsarzneikunde“ 
in der Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte 

zu Eisenach 1882. 

Sie wissen, geehrter Herr Redacteur, dass ich mich nur nach langem 
Zögern entschlossen habe, Ihrem Wunsche nach einem kritischen Berichte 
über die innerhalb der Eisenacher Versammlung stattgehabten Verhand¬ 
lungen derjenigen Section nachzukommen, welche man früher kurzweg als 
die „hygienische“ zu bezeichnen pflegte, welche aber in den Programmen 
der Eisenacher Versammlung als „Section für Gesundheitspflege und Staats¬ 
arzneikunde“ erschien. Einerseits ist es eine trübselige Aufgabe, die 
Krankheitsgeschichte eines an weit vorgerückter Schwindsucht leidenden 
Patienten zu schreiben, andererseits giebt es kein undankbareres literarisches 
Geschäft, als in unserer Zeit, in welcher Opportunitäts- und persönliche 
Rücksichten vielfach auch für die Kritik maassgebend geworden sind, frei- 
müthige Urtheile zu äussern, die sich nur auf sachliche Erwägungen stützen. 
Und doch ist letzteres Verfahren allein geeignet, die Wahrheit zu fördern, 
deren Erforschung ja das Ziel jeder wissenschaftlichen Thätigkeit sein soll, 
selbst einer so unbedeutenden wie die Berichterstattung über eine Ver¬ 
sammlung von Aerzten. 

Sie wollen aber meine Bedenken nicht gelten lassen, sondern halten 
mir die vom Redactionsstandpunkte aus allerdings berechtigte Ansicht ent¬ 
gegen, dass eine allgemeine deutsche hygienische Zeitschrift, wie die Ihrige, 
die Verhandlungen der hygienischen Section der Naturforscher- und Aerzte- 
Versammlung nicht wieder wie im vorigen Jahre (in welchem sich vermut¬ 
lich kein Referent gefunden hat) völlig mit Stillschweigen übergehen dürfe. 
So nehmen Sie denn mit folgendem Rückblick vorlieb! 

Die hygienische Section ist bekanntlich nur einer der mehr als 20 Theile 
eines Ganzen, und desshalb mit den Geschicken des letzteren eng verflochten, 
so dass ihre Stellung und Bedeutung nur im Zusammenhänge mit der Stel¬ 
lung und Bedeutung des Ganzen, nämlich der „Versammlung deutscher 
Naturforscher und Aerzte“ überhaupt, richtig gewürdigt werden kann. 
Dass letztere Versammlung, welche früher mit vollem Rechte als eine „hoch¬ 
ansehnliche“ angeredet zu werden pflegte, seit geraumer Zeit immer mehr 
von ihrer Höhe herabgeglitten ist, wird wohl von keinem der älteren Mit¬ 
glieder derselben bestritten werden. Auch die Hauptursachen liegen klar 
zu Tage. Die erste ist eine für jeden Patrioten hocherfreuliche, nämlich 
die nach langen und schweren, inneren und äusseren Kämpfen endlich 
errungene politische Einigung des deutschen Volkes im Kaiserreiche. Hier- 


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in d. Versammlung deutscher Naturforscher u. Aerzte zu Eisenach. 145 

mit trat die schöne Aufgabe, welche mit Erfolg übernommen zu haben jener 
Versammlung stets zur Ehre gereichen wird, in den Hintergrund, nämlich 
vollbewusst auf ihrem Gebiete die Einheit des deutschen Volkes repräsentirt 
zu haben in Zeiten, in welchen eine politische Vertretung desselben fehlte, 
der nationale Gedanke vielmehr von vielen der jetzigen Macht- und Stellen¬ 
inhaber noch arg verpönt war. Die andere Ursache lag in der zunehmen¬ 
den Zersplitterung der Naturwissenschaften und besonders der Medicin in 
eine Menge von Specialdisciplinen, welche von Jahr zu Jahr mehr ihre 
eigenen Wege gingen, und deren Jünger es vorzogen, alljährlich in Special - 
congressen zusammenzutreten, statt in den Sectionen der allgemeinen Natur¬ 
forscher- und Aerzte-Versammlung. Zwar auf die Zahl der Besucher der 
letzteren hatte dies keinen merklichen Einfluss, weil die siebentägigen, 
billigen geselligen Freuden, Festessen, Festfahrten, Freiconcerte, Freitheater, 
freie Gabelfrühstücke, Freibiere u. dergl. fortfuhren, auf den grossen Haufen 
der Mitglieder, Theilnehmer und der alljährlich immer zahlreicher mit¬ 
geführten Theilnehmerinnen einen unwiderstehlichen Einfluss auszuüben. 
Aber ein grosser Theil der besten Kräfte, welche in früheren Jahren der 
Versammlung Haltung und Führung gaben, blieb weg, und bei durch¬ 
schnittlich unveränderter Quantität der Besucher hat die Qualität derselben 
in den letzten Jahren auffallend abgenommen. Dies Verhältnis zeigte sich 
wie in Danzig und Salzburg so auch in Eisenach. Zwar hatten auch in 
Eisenach noch hervorragende Gelehrte sich eingefunden, aber sie ver¬ 
schwanden fast unter der Menge, und nur wenige, wie Häckel, v. Berg¬ 
mann und Nothnagel, traten in den Vordergrund. Auch war die Ver¬ 
keilung derselben in den einzelnen Sectionen sehr verschieden, und während 
einzelne derselben sich noch eineB relativen Reichthums an namhaften 
Männern erfreuten, litten andere kläglichen Mangel 2 ). 

Da der Rückgang der allgemeinen Versammlung deutscher Natur¬ 
forscher und Aerzte einerseits aus politischen, andererseits aus wissenschaft¬ 
lichen Entwickelungsvorgängen entsprungen ist, so wird dieselbe die Bedeu¬ 
tung niemals wiedergewinnen können, welche sie vor der Wiedererrichtung 
des Deutschen Reiches und vor der Gründung von Specialcongrossen gehabt 
hat. Immerhin wäre sie nach der nationalen Seite hin nicht überflüssig, 
so lange ein kleinlicher aber zäher Particularismus noch immer an abgelebten 
Traditionen festhält — können wir doch nicht einmal die bayerischen und 
württembergischen Postfreimarken los werden! Nach der wissenschaftlichen 
Seite hin aber könnte die Versammlung eine neue und lohnende Aufgabe 
übernehmen, wenn sie gegen den von den Specialcongressen ihr drohenden 
Untergang Front machte, und diesen Congressen gegenüber das Einheitliche, 
Gemeinschaftliche in den Naturwissenschaften und der Medicin zu repräsen- 
tiren suchte. Diese Aufgabe, welche dem Wesen wie den Statuten der 
allgemeinen Versammlung durchaus entsprechen würde, wäre aber in den 

J ) Einzelne Sectionen oder Sectiönchen kamen — man darf wolil dem Uebermaass der 
Zersplitterung gegenüber sagen: glücklicherweise — überhaupt nicht zu Stande, so die 
„Section für mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterricht“ und die „militärärzt¬ 
liche Section“ (zu deren Constituirung nur zwei Herren sich eingefunden hatten). Die 
Section für pathologische Anatomie vereinigte sich in lobenswerther Weise mit der für 
innere Medicin. 

ViarteÜ*hruchrift für Gesundheitspflege, 1883. IQ 


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146 Section.fiir Gesundheitspflege und Staatsarzneikunde 

veralteten Formen, in welchen dieselbe sich bewegt, nicht erfüllbar; dazu 
würde es vielmehr der Abstellung eingerissener Missbräuche, wie der langen 
Dauer der Versammlung und des Uebermaasses von Festlichkeiten, ferner 
einer strafferen Organisation mittelst Wahl eines ständigen Ausschusses, 
Zusammenziehung der Anzahl von Sectionen in ein Paar grosse Gruppen 
und Verlegung des Schwerpunktes der Verhandlungen in wohlvorbereitete 
allgemeine Sitzungen bedürfen. Ansichten dieser Art wurden in akademi¬ 
schen Kreisen sowohl in Salzburg als in Eisenach vielfach laut. In Salzburg 
wäre ein kleiner Reformversuch, welcher eine Reduction der missbräuch¬ 
licherweise auf sieben Tage ausgedehnten Dauer der Versammlungen auf 
vier Tage mittelst einer etwas präciseren Fassung der Statuten herbeizu¬ 
führen bezweckte, beinahe durch ged rungen, da bei der Abstimmung, an 
welcher ungehöriger Weise auch viele nicht Stimmberechtigte sich bethei¬ 
ligten, das Stimmverhältniss sehr zweifelhaft war. Der Versuch hatte auch 
den guten praktischen Erfolg, dass die programmmässige Dauer der Eisenacher 
Versammlung von den Geschäftsführern in dankenswerther Weise thatsäch- 
lich auf vier Tage beschränkt worden war. Sie wissen aber bereits, dass 
ein ähnlicher Antrag derselben Antragsteller (Quincke-Kiel und Wasser- 
fuhr-Strassburg), obwohl von den Namensunterschriften hervorragender 
Männer getragen 1 ), in der Eisenacher Versammlung nicht einmal zur Dis- 
cussion zugelassen wurde, sondern unter lärmenden Unterbrechungen des 
einzigen Redners, welcher für den Antrag zu Worte kam, durch die mit 
grosser Mehrheit erfolgte Annahme eines von Herrn Dr. Ab egg 2 ) ein- 
gebrachten Antrags auf Tagesordnung unter Toben und Hohngelächter 
beseitigt wurde. Eine Anzahl von Mitgliedern, welche in der Sache mit 
dem Quincke-Wasserfuhr’schen Anträge einverstanden waren, aber 
Bedenken hegten, ob es nöthig sei, eine Reduction der Dauer der Versamm¬ 
lung auf dem Wege einer Statutenänderung herbeizuführen, hatte geglaubt, 
letztere durch eine einfache, entsprechende Resolution entbehrlich machen 
zu können, und Anträge in dieser Richtung vorbereitet. Aber auch diesen 
wurde durch lärmende Schlussrufe das Wort abgeschnitten. 

Die Scheu vor einer Discussion, die sich in dem brüsken Anträge auf 
Tagesordnung, in dem Lärm und den Schlussrufen verrieth, welche jeden 
Versuch einer Discussion erstickten, endlich das triumphirende Gelächter, 
mit welchem die Mehrheit ihren Sieg begrüsste, sind charakteristisch für 
die parlamentarischen Begriffe und gesellschaftlichen Gewohnheiten der in 
derselben vertretenen Elemente. Es ist nicht wahrscheinlich, dass nach 
diesen tumultuarischen Auftritten Reformversuche in ähnlicher Richtung 
sich wiederholen werden. Damit dürfte aber auch die Zukunft der Ver- 

*) Nach Nr. 3 des „Tageblatts“ wurde der Antrag unterstützt von den Herren 
Bardelebcn (Jena), Biedert (Hagenau), P. Börner (Berlin), Detmer (Jena), Für¬ 
bringer (Jena), Goltz (Strassburg), Hertwig (Jena), Hensen (Kiel), Müller (Bern), 
Mosler (Greifswald), Nothnagel (Jena), Ponfick (Breslau), B. Schultze (Jena), 
v. Voit (München), Wolffhügel (Berlin), v. Zierassen (München). 

2 ) Gch.-San.-Rath in Danzig, unterstützt, nach Nr. 4 des „Tageblatts“, von den Herren 
Caudien (Nervi), W. Bernhardi (Eilenburg), Hauffe, Thiel (Zeitz), Hachtmann, 
Lewinstein (Berlin), Schildbach (Leipzig), Henning (Leipzig), Baumgärtner (Baden), 
Farne (Danzig), C. Rüge (Berlin), Sippel (Frankfurt a. M.), Hofmeier jun. (Berlin), 
Nieberding (Würzburg), Meissner (Leipzig), Rehfeld (Posen). 


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in d. Versammlung deutscher Naturforscher u. Aerzte zu Eisenach. 147 

Sammlung besiegelt sein. Untergehen wird dieselbe so bald nicht. Sie 
wird noch geraume Zeit von ihrem früheren Glanze zehren; ihr Schwer¬ 
punkt wird aber immer mehr in die Befriedigung des Bedürfnisses der 
grossen Mehrzahl der Mitglieder, Theilnphmer und Theilnehmerinnen nach 
gemeinschaftlichen billigen geselligen Vergnügungen fallen, und das wissen¬ 
schaftliche Mäntelchen, welches Viele bei den siebentägigen Freudenfesten 
als kleidsame Tracht sich umhängen, wird immer fadenscheiniger und 
durchsichtiger werden. 

Auf dem vorstehend skizzirten Hintergründe entwickelte die hygieni¬ 
sche Section nur kurze LebensäusBerungen. Sie kennen deren Schicksale 
in dem letzten Jahrzehnt. Früher Vereinigungspunkt aller namhaften 
Hygieniker und Tummelplatz lebhafter und interessanter Debatten, hat 
dieselbe durch Gründung des „Deutschen Vereins für öffentliche Gesund¬ 
heitspflege“ einen Stoss erlitten, von welchem sie sich nicht wieder erholt 
hat, und welcher desshalb die Frage nahe legt, ob sie überhaupt noch 
lebensfähig ist. Vom theoretischen Standpunkte aus möchte ich diese Frage 
nicht verneinen, denn der „Deutsche Verein für öffentliche Gesundheits¬ 
pflege“ hat statutarisch dadurch, dass er seine Pforten nicht bloss Aerzten, 
sondern allen Personen, welche Interesse an der öffentlichen Gesundheits¬ 
pflege nehmen, aufschloss, den Schwerpunkt seiner Thätigkeit in die prak¬ 
tische Hygiene, d. h. in die Verwirklichung hygienischer Einrichtungen, 
gelegt, und später durch sein Kartellverhältniss zu Mem Verein von Gesund¬ 
heitstechnikern noch einen weiteren Schritt in dieser Richtung gethan. So 
erheblich die auf diesem Wege erzielten Erfolge auch sein mögen, so führte 
derselbe den Verein doch von dem medicinisch-wissenschaftlichen Gebiete 
ab, welches die rationelle Grundlage für die Hygiene bildet, und welches 
für letztere unter v. Pettenkofer’s Führung erschlossen zu haben, gerade 
der deutschen Wissenschaft — besonders im Auslande — zum Ruhme 
gereicht. Zur Pflege dieses Gebietes ist der „Deutsche Verein für öffent¬ 
liche Gesundheitspflege“ seiner Zusammensetzung und Tendenz nach wenig 
geeignet; für die fast nur aus Aerzten zusammengesetzte hygienische Section 
der Naturforscher- und Aerzteversammlung aber wäre dasselbe eine pas¬ 
sende Domäne, und beide Vereinigungen hätten durch entsprechende Thei- 
lung der Arbeit sich gegenseitig ergänzen können. Erwartungen dieser 
Art erscheinen aber utopisch, da einerseits nach den Eisenacher Vorgängen 
zu fürchten ist, dass die allgemeine Naturforscher- und Aerzteversammlung 
von der Höhe einer nationalen wissenschaftlichen Vereinigung immer mehr 
auf das Niveau eines vergnügten geselligen Vereins herabsinken werde, 
andererseits die Atrophie der hygienischen Section schon weit vorgeschritten 
ist. Ich fürchte, dass auch die Analeptica an ihrem Zustande wenig ändern 
werde, welche ihr von Zeit zu Zeit von wohlwollenden Freunden gereicht 
werden, wie Letzteres in Eisenach besonders seitens der Herren Dr. Katt- 
nitz und Dr. Biedert geschah. 

Bei der Constituirung der Section in Eisenach nach der ersten all¬ 
gemeinen Sitzung wurde Herr Bezirksarzt Dr. Schmitt (Würzburg) zum 
Vorsitzenden gewählt, welcher sein Amt mit Eifer und Geschick zur all¬ 
gemeinen Befriedigung versah. Es fanden nur zwei Sitzungen statt. Die 
Functionen als Schriftführer übernahmen in dankenswerther Weise in der 

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148 Section für Gesundheitspflege und Staatsarzneikunde 

ersten Herr Dr. Eyseiein (Blankenburg), in der zweiten Herr Medicinal- 
rath Dr. Kättnitz (Greiz). Die Zeiten, in welchen die hygienische Section 
unter den der Naturforscherversammlungen zur Verfügung gestellten Locali- 
täten die geräumigsten bedurfte, sind zwar längst vorüber; immerhin waren 
einige 30 Aerzte, unter welchen besonders Medicinalbeamte zahlreich ver¬ 
treten waren, erschienen. Als in weiteren Kreisen bekannt finde ich in den 
Präsenzlisten u. A. die Namen der Herren Karsch (Speier), Richter 
(Erfurt),Pfeiffer (Weimar), Rosenthal (Würzburg), Rosen thal (Magde¬ 
burg), Wasserfuhr (Strassburg), Schwarz (Köln), Hopfner (Ober- 
Stabsarzt der Marine in Wilhelmshafen), Biedert (Hagenau), Börner 
(Berlin), und — Oidtmann (Linnig). Von Professoren habe ich nur 
Herrn Quincke (Kiel) in einer der Sitzungen bemerkt. Auch bei dieser 
Gelegenheit trat also die der Hygiene gegenüber vielfach bewiesene Gleich¬ 
gültigkeit der akademischen Kreise in Deutschland zu Tage, welche auf¬ 
fallend mit der Entwickelung der Hygiene in Frankreich und Italien con- 
trastirt, in welchen Ländern die hervorragendsten Professoren der Medicin 
an der Spitze derselben stehen. Jener Gleichgültigkeit gegenüber hat die 
Verstaatlichung der wissenschaftlichen Hygiene, wie sie in der neuesten 
Entwickelungsphase des Gesundheitsamtes in Berlin zu Tage tritt, so be¬ 
dauerlich diese Wendung vom Standpunkte der freien Forschung aus auch 
ist, in der That eine gewisse Berechtigung. 

In der ersten Sitzung machte, da Herr Bezirksphysicus Jacobi 
(Breslau), welcher einen Vortrag über „das Verderben der Milch“ angekündigt 
hatte, nicht erschienen war, Herr Dr. Eyselein eine Mittheilung über 
Milch, welche längere Zeit in einem frisch mit Theer an gestrichenen Kuh¬ 
stalle gestanden hatte, und einen deutlichen Theergeruch und-Geschmack 
zeigte. Die Frage war, ob Theerbestandtheile durch die Lungen der Kühe 
in die Milch übergegangen, oder aus der Luft im Stalle von der abgelassenen 
Milch absorbirt waren? Ein exacter Nachweis hatte weder für das eine 
noch für das andere geführt werden können. — Bei der kurzen Discussion, 
an welcher die Herren Dr. Kättnitz und Apotheker Brautlecht (Wende¬ 
burg) sich betheiligten, wurde mit Recht die grosse Empfindlichkeit der 
Milch für dunstförmige und riechende Substanzen hervorgehoben; so sei die 
Absorption von Chlor durch Milch, welche in mit Chlorkalk geräucherten 
Räumen gestanden habe, erwiesen. Die Versammlung hielt denn auch 
offenbar den stattgehabten Uebergang von Theerbestandtheilen aus dem 
Blute der Kühe in die Milch für unwahrscheinlich, vielmehr Absorption aus 
der Luft für die Ursache des Theergeruchs und -Geschmacks. 

Hieran schloss sich ein von Herrn Dr. Kättnitz in dankenswerther 
Weise improvisirter Vortrag über ein sehr zeitgemässes Thema, welches 
besonders für Medicinalbeamte von Interesse ist, nämlich über „Bierpres¬ 
sionen“. Der Redner schilderte zuerst die gebräuchlichsten Einrichtungen 
dieser Art, nämlich diejenigen, welche mittelst komprimirter atmosphärischer 
Luft arbeiten. Dieselben bestehen 1) aus Luftpumpe mit Zuführungs- und 
einem nach dem Windkessel führenden Rohr; 2) dem Windkessel mit dem 
nach dem Fasse führenden Rohr und 3) dem aus dem Fasse nach dem Buffet 
leitenden (Bierleitungs-) Rohr mit dem Kühlapparat. Er ging dann auf die 
Uebelstände und Mängel über, welche er bei einigen Untersuchungen vor 


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in d. Versammlung deutscher Naturforscher u. Aerzte zu Eisenach. 149 

drei Jahren fand. Dadurch, dass die Luft für den Windkessel aus Haus¬ 
fluren, Parterre- und Kellerräumen, Bodenräumen, auch aus der Nähe von 
Abtrittsräumen entnommen wurde, war dieselbe höchst unrein. In den 
Windkesseln fand sich viel Staub, Schmieröl, welches aus der Luftpumpe 
hinübergeflossen war, und bisweilen auch vom Fasse aus übergetretenes, 
stagnirendes Bier. Dass unter solchen Verhältnissen die auf das Bier im 
Fass drückende Luft dem Biere schädliche Stoffe beizumischen im Stande 
sei,’ beweise der in dem Bierleitungsrohre sich ansammalnde schleimig-klebrige 
Belag, welcher massenhaft Hefenpilze, Mikrokokken und Bakterien neben 
einer schwachen Säure enthielt. Werde das Bier durch die Verunreinigung 
mit diesem Belag schon nachtheilig für die Gesundheit, so trete noch der 
Umstand hinzu, dass dasselbe im Sommer durch die Kühlapparate über¬ 
mässig abgekühlt werde. Magenkatarrhe seien eine häufige Folge hiervon. 

Um den "schädlichen Einflüssen schlechter Bierpressionen vorzubeugen, 
veranlasste Redner nachstehende Bestimmungen, die seit Juni 1880 in Greiz 
gehandhabt werden: 

1. Die in den Windkessel einzupumpende Luft darf nicht aus Parteifre¬ 
und Kellerräumen, Hausgängen oder aus der Nähe von Abtritts¬ 
anlagen abgeleitet werden. Dieselbe muss möglichst russ- und 
staubfrei, sowie geruchlos sein. Um dies zu erreichen, ist es nöthig, 
dass das Luftzuleitungsrohr zum "Windkessel mindestens 5 m über 
dem Erdboden ins Freie mündet, an seiner äusseren Mündung aber 
durch einen Trichter mit zwei engmaschigen Drahtsieben ver¬ 
schlossen ist, zwischen welchen entfettete, weisse Baumwolle dicht 
eingelegt wird. Diese Baumvolle, als Filter für die Luft, muss, wenn 
sie verunreinigt ist, wieder erneuert werden. 

2. Zwischen Windkessel und Bierfass kann noch ein zweites Luftfilter 
angebracht werden. 

3. Um das Zurücktreten von Bier nach dem zweiten Filter oder nach 
dem Windkessel zu verhüten, muss ein selbstthätiges (Rückschlags-) 
Ventil eingeschaltet werden. 

4. Zu den Bierleitungsrohren dürfen keine bleierne oder bleihaltige 
sondern nur reine, sogenannte englische Zinnrohre verwendet wer¬ 
den; Kautschukrohre sind ganz unzulässig. 

5. Die Temperatur des Bieres darf nicht zu sehr herabgesetzt werden, 
nicht unter -f- 10° R. 

6. Die Bierdruckapparate müssen häufig und gründlich gereinigt wer¬ 
den. Eine genügende Reinigung derselben ist aber nur mittelst 
eines Dampfreinigungsapparates, welcher unter einem Dampfdruck 
von mindestens drei Atmosphären arbeitet, möglich. Eine solche Rei¬ 
nigung muss wöchentlich mindestens einmal vorgenommen werden. 

7. Der Windkessel muss mit einem Mannloch versehen sein, damit er 
leicht gereinigt werden kann. 

Ueber den Neddermann’schen Dampfreinigungsapparat sprach Herr 
Dr. Kättnitz sich anerkennend aus, und theilte mit, dass der Gemeindevor- 
stand in Greiz einen solchen Apparat angeschafft habe, und die Bierpres- 
sionen allwöchentlich unter polizeilicher Gontrole damit reinigen lasse. Die 
Reinigung selbst nimmt nur kurze Zeit, 20 bis 25 Minuten, in Anspruch. 


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150 Section für Gesundheitspflege und Staatsarzneikunde 

Nachdem auf diese Weise zwei Jahre hindurch verfahren war, klagten 
einige Wirthe über Missstände. Sie gaben an, dass durch das Eindringen 
des heissen Dampfes in die Keller letztere zu warm, und die Zinnrohre so 
erhitzt würden, dass sich in denselben der Belag als feste Kruste verdichte. 
Um ersten Ein wand zu beseitigen, rieth Redner, den aus den Leitungsröhren 
ausströmenden Dampf (beim-Reinigen der Apparate) in ein Gefass mit kal¬ 
tem Wasser zu leiten. Der zweite Ein wand schien begründeter, allein es 
stellte sich heraus, dass die Kruste sehr dünn war. Dieselbe enthielt keine 
Mikroorganismen, bestand vielmehr aus Kalk, bezüglich Silicaten, und löste 
sich in concentrirter Aetznatronlösung vollständig. Kättnitz nimmt kei¬ 
nen Anstand, diese KruBte für unschädlich zu halten. Der pharmaceutische 
Bezirksverein zu Leipzig erklärte zwar in diesem Sommer die Dampfreini¬ 
gung für ungenügend, indem er sich auf jene Kruste berief; Kättnitz 
stimmt aber dem nicht bei. 

Bei der Discussion hob Ministerialrath Dr. Wasserfuhr hervor, dass 
ein absolutes Verbot der Bierpressionen, wie es Seitens einzelner Polizei¬ 
verwaltungen, z. B. in Würzburg, erlassen sei, zu weit gehe, und dass poli¬ 
zeiliche Verordnungen, welche eine zweckmässige Reinigung derselben vor¬ 
schreiben, genügen. Auch die in Elsass-Lothringen angestellten Ermittelungen 
hätten ergeben, dass die Luft für die Druckapparate oft aus den unpassend¬ 
sten Orten, sogar aus Pissoirs, entnommen werde. Auf diesen Uebelstand 
müsse die Sanitätspolizei besonders achten. Der aus Strassburg stammende 
Ned der mann’sehe Apparat habe sich seines Wissens bisher gut bewährt. 

Dr. Kättnitz bemerkt, dass er in seinem Regulativ auf Zuführung von 
guter Aussenluft besonders Rücksicht genommen habe. 

Dr. Wasserfuhr macht darauf aufmerksam, dass die polizeiliche Con- 
trole der Bierpressionen in den grösseren Städten zwar keine Schwierigkei¬ 
ten biete, wohl aber auf dem platten Lande, wo es oft an geeigneten Per¬ 
sönlichkeiten fehle. 

Kreisphysicus Dr. Hauptmann (Glairitz) hält die Controlebücher, 
welche die Regierung Oppeln vorgeschrieben hat, und welche von den Phy¬ 
sikern und Polizeibeamten controlirt werden, für zweckmässig. 

Dr. Kättnitz bemerkt, dass in Greiz wie in Berlin, wo die Einrich¬ 
tung gleicherweise wie in Greiz gemacht sei, die Controle von Polizeibeam¬ 
ten, beziehungsweise dem Physicus, geübt werde. 

Geheimer Medicinalrath Dr. Schwarz (Köln) bemerkt, dass im Regie¬ 
rungsbezirk Köln durch Polizeiverordnung die Controle durch einen Chemiker 
ausgeführt werde. Es hätte sich aber herausgestellt, dass diese MaasBregel 
für das Land nichts gefruchtet habe, da die Gewerbetreibenden die vor¬ 
geschriebenen Einrichtungen nicht verstanden hätten; der gute Wille aber 
sei vorhanden. Es müssten daher inöglichst einfache Einrichtungen vor¬ 
geschrieben werden. 

Kreisarzt Dr. Biedert (Hagenau) glaubt, dass der Hauptnachdruck für 
das Land auf die controlirenden Persönlichkeiten zu legen sei. 

Auf diese praktisch-sanitätspolizeilichen Erörterungen folgte eine Mit¬ 
theilung des Herrn Apothekers J. Brautlecht über ein Hauptobject der 
heutigen wissenschaftlich - hygienischen Untersuchungen, nämlich über den 


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in d. Versammlung deutscher Naturforscher u. Aerzte zu Eisenach. 151 

„Uebergang von Mikroorganismen aus dem Boden in die Luft u . 
Der Redner äusserte sich nach einem von ihm Ihrem Correspondenten gütigst 
mitgetheilten Resume etwa folgendermaassen: 

Es ist ein jetzt allgemein angenommener, durch die Versuche von 
Naegeli und Wernich experimentell festgestellter Satz, dass Bakterien 
und ähnlich Mikroorganismen aus Flüssigkeiten nur bei Blasenbildung, aus 
anderen Medien nur im staubtrockenen Zustande in die Luft übergehen 
können. So richtig dieser Satz ohne Zweifel für das Krankenzimmer und 
im Uebrigen sein wird, für den Uebergang aus dem Boden in die Luft 
ist er nicht zutreffend. Entgegen der jetzigen Annahme giebt 
ein feuchter, ja selbst ein ganz intensiv durchfeuchteter 
Boden diese Organismen in viel bedeutenderer Menge an die 
Luft ab wie ein ausgetrockneter. 

Ich fand diese Thatsache als ich vor etwa fünf Jahren die Cohn’sehen 
Versuche, wonach die aus bakterienhaltigen Flüssigkeiten aufsteigenden 
Nebel Bakterien enthalten sollen, erfolglos wiederholte. Nur bei Bläschen¬ 
bildung konnte ich dies constatiren, und müssen wohl ganz besondere Ver¬ 
hältnisse stattfinden, um die Cohn 1 sehen Resultate zu erreichen, zu deren 
Gunsten mir die Gefährlichkeit, welche man den über den Boden lagernden 
Abendnebeln im Volke und besonders in den Fiebergegenden beigelegt, 
zu sprechen schienen, in denen allerdings, wie ich mich überzeugte, zahl¬ 
reiche Mikroorganismen enthalten waren. Dass diese aber dem Boden 
entstammen, zeigte die Untersuchung des unter einer Glasglocke conden- 
sirten Thaues, womit in Cultur befindlicher Boden über Nacht bedeckt war. 
Die grosse Anzahl der darin befindlichen Mikroorganismen (Algensporen, 
Bakterienzooglöa, freie Stäbchen und Kokken) war wahrhaft überraschend. 

Experimentell lässt sich dies zeigen, indem man geglühten Sand oder 
ausgekochten Ackerboden mit so viel bakterienhaltiger Flüssigkeit anmengt, 
dass diese darüber steht, bis zum Verschwinden jeder Bläschenbildung stehen 
lässt, dann in ein cylindrisches Gefass mit Ablassvorrichtung überträgt, noch 
einige Zeit stehen lässt, und auf Bläschen untersucht, mässig erwärmt noch¬ 
mals etwaige Blasen, die sich dann aber nicht mehr zeigen dürfen, berück¬ 
sichtigt, dann das Flüssigkeitsniveau wenig, etwa 0*5 cm bis unter die Ober¬ 
fläche des Bodens senkt, den Innenrand des Gefasses gehörig reinigt, fettet, 
nun mit einer gut gereinigten Glasglocke überdeckt und dasselbe an einen 
kühlen Ort stellt. In den unter der Glocke bald condensirten Dämpfen 
finden sich stets zahlreiche Mikroorganismen von der Form, wie sie in der an¬ 
gewandten Flüssigkeit enthalten waren. Senkt man den Stand der Flüssig¬ 
keit noch weiter auf 5 bis 10 cm, so wird dadurch die Zahl der Mikroorga¬ 
nismen in der Condensationsflüssigkeit anscheinend erhöht, schichtet man 
dagegen auf den durchfeuchteten Boden vorher geglühten Sand, so vermin¬ 
dert sie sich im Verhältnisse zur Höhe der Schicht. Eine Schicht von etwa 
1 cm ist allerdings von wenig erheblichem Einflüsse. 

Sehr wohl eignet sich das besprochene Verhalten zur Untersuchung der 
„Bodenluft“ auf Mikroorganismen. Da wo man die Differenz zwischen 
Bodenwärme und Abendluft benutzen kann, sind Glasglocken von der Form 
der Fliegenfallen ganz geeignet; wo dies nicht möglich, empfiehlt sich ein 
Apparat nach Art des „Liebig’schen Kühlers“. Am oberen Ende des 


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152* Section für Gesundheitspflege und Staatsarzneikunde 

Kühlrohres befindet sich ein verstellbarer Trichter; das untere ist mit einem 
Korke verschlossen, durch den zwei winkelig gebogene Glasröhren hindurch¬ 
gehen. Die eine ist nach oben gerichtet und mit einem Aspirator (ein 
durch eine Flamme erwärmtes Metallrohr) verbunden; die andere nach 
unten gerichtet, mündet in einem Kölbchen, welches die in dem Kühlrohre 
condensirte Feuchtigkeit aufnimmt. 

Die hier mitgetheilten Thatsachen, welche allerdings der bislang von 
Naegeli und Bücher ganz entschieden vertretenen Ansicht entgegen¬ 
stehen, machte ich zuerst kurz geltend auf der Naturforscherversammlung 
in Kassel, und habe dann im Laufe derZeit verschiedenen, an öffentlicher 
Stelle befindlichen Hygienikern mit der Bitte um Controle ausführliche 
Mittheilung davon gemacht, so Dr. Renk in München 1880, Dr. Blasius 
in Braunschweig, Dr. Gaffky in Berlin und sehe jetzt, wie Naegeli und 
Bücher anscheinend zu denselben Resultaten gekommen sind. Der alte 
Volksglaube von der Erkrankung nach Durchfeuchtung des Bodens und be¬ 
sonders von der Gefährlichkeit der abendlichen Bodenausdünstungen findet 
danach seine Erklärung und Bestätigung. Die am Tage mit den Dünsten 
auB dem Boden aufsteigenden Mikroorganismen trocknen sofort, und zerthei- 
len sich rasch bis zur Unwirksamkeit in der Atmosphäre. In den Abend¬ 
nebeln, die sich langsam über den Boden bewegen, sind sie in viel reich¬ 
licherer Menge und auch in muthmaasslich viel leichter übertragbarem 
Zustande vorhanden; denn wir wissen ja, dass manche (wenn nicht alle) 
Bakterien nur dann, wenn sie bis zur Sporenbildung fortgeschritten sind, 
nach dem Austrocknen noch vegetationsfahig sind. (Koch über Milzbrand.) 

Eine Discussion knüpfte sich an diese sehr interessanten Mittheilungen 
nicht, da anscheinend Niemand zugegen war, der das von Herrn Braut¬ 
lech t berührte wichtige Thema auf Grund eigener Beobachtungen beherrschte, 
und. da weitere Vorträge nicht angekündigt waren, erreichte die Sitzung 
ihr Ende. 

Es schien, als ob die gesammte wissenschaftliche Thätigkeit der 
Section hiermit bereits abgeschlossen sei; der Präsident versprach indessen, 
sich um Vorträge für eine zweite Sitzung zu bemühen, und diesen Be¬ 
mühungen war es zu danken, dass anderen Tags eine zweite Sitzung zu 
Stande kam, in welcher Herr Dr. Biedert, dessen erfolgreiche Bestrebungen, 
auf wissenschaftlichen Grundlagen eine zweckmässige Kinderernährung her- 
zustellen, in immer grösseren ärztlichen Kreisen Anerkennung finden, einen 
Vortrag hielt: „Ueber die Principien bei Beurtheilung der Kin¬ 
dernährmittel“. Der Redner führte ungefähr Folgendes aus: 

Der führende Gedanke muss sein, ein Nahrungsmittel nach dem Ver¬ 
halten seiner einzelnen Stoffe zu beurtheilen, deren specifische Eigenschaften, 
die Menge, in der sie in jenem auftreten, endlich das Mengenverhältniss 
derselben untereinander ins Auge zu fassen und danach ihr Schicksal in den 
Verdauungswegen weiter zu verfolgen. In erster Linie steht auch in dieser 
Hinsicht die Milch, deren Bestandtheile nicht bloss für das Kind am zweck- 
mässigsten, sondern auch in Bezug auf die angeführten Momente bei Weitem 
am besten Btudirt und bekannt sind. Indem man die Muttermilch als das 
Ideal ansieht, sind als hauptsächliche qualitative Abweichung der sie am 


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in d. Versammlung deutscher Naturforscher u. Aerzte zu Eisenach. 153 

häufigsten ersetzenden Kuhmilch die früher von dem Vortragenden nach¬ 
gewiesenen Verschiedenheiten des Caseins der letzteren von dem der ersteren 
anzusehen. Dadurch wird eine starke Verdünnung der Kuhmilch bis zu 
einem der jeweiligen Verdaunngskraft angemessenen Caseingehalt noth- 
wendig. Leider wird dabei aber auch der Fettgehalt der Kuhmilch in 
unerwünschter Weise mitverdünnt. Es wäre -hier dasselbe Verhältnis des 
Fettes zum Casein wünschenswerth, wie es in der Muttermilch sich findet, 
nämlich 1 3 /4 bis 2 Theile Fett : 1 Casein. In der Kuhmilch aber finden 
sich nur etwa % Fett auf 1 Casein. Wenn nun Jemand, wie einige neuere 
Autoren diesen relativ zu geringen Fettgehalt durch Verdünnen der Kuhmilch 
auch noch zu einem absolut viel zu geringen macht, und dann doch die 
Kuhmilch für zu fettreich erklärt (weil sie unverdünnt und absolut betrach¬ 
tet vielleicht ein wenig mehr Fett enthielt als die Muttermilch), so ist das, 
so zu sagen, ein Atavismus in der Gedankenbildung, mit dem sich nicht 
zurechtkommen lässt. Man kann den von der Logik geforderten höheren 
Fettgehalt in der Kuhmilchnahrung nur erzielen, wenn man Rahm statt 
gewöhnlicher Milch verdünnt. In Betreff der so entstehenden Rahm¬ 
mischungen (natürliche und künstliche Rahmgemenge) kann auf das Buch 
des Vortragenden „Die Kinderernährung im Säuglingsalter u 
(S. 259 ff.) verwiesen und nur bemerkt werden, dass seitdem noch von vielen 
Seiten günstige Erfahrungen damit veröffentlicht wurden. 

Trotz seiner rationellen Mischung soll aber das Rahmgemenge für 
gewöhnlich die Kuhmilch nicht verdrängen. Diese soll in anfangs starker 
(dreifacher) und dann immer schwächerer Verdünnung das bequem und 
leicht zugängliche regelmässige Requisit der künstlichen Ernährung bilden 
und es bleiben, wo mit ihr befriedigende Resultate erzielt werden. Für die 
Fälle in dem sie nicht die gewünschten Erfolge hat, haben die voraus- 
gegangenen Reflexionen gezeigt, wo der Fehler zu suchen und wie er zu 
verbessern. Die gemachten Erwägungen haben ausschliesslich Gültigkeit 
nur unter der Bedingung, dass nicht ein neuer Fehler, das Verderben der 
Milch- oder Rahmmischungen, hinzukommt. Redner zeigt dann, wie 
dieser durch Kochen und nachfolgendes Kühlhalten zuverlässig auszu- 
schliessen sei. 

An die frische Milch schliessen sich die Conserven derselben, von 
denen die ungezuckerten vorzuziehen sind, keine aber einen Vorzug vor der 
billigeren und wohlschmeckenderen frischen Milch hat. Bei Verdacht auf 
Säuerung verdient das Vogel’sche Alkalisiren seinen alten Ruf vor allen 
sonst empfohlenen Salzzusätzen. Die Bearbeitung als Liebig’sche Suppe 
könnte passiren, wenn sie sich den jetzt gültigen Anschauungen über stärkere 
Verdünnung anbequemte, und der Zusatz wirklich Traubenzucker wäre; 
dann haben wir aber lediglich verdünnte Kuhmilch, nichts Specifisches mehr. 

Für Nahrungsmittel, die mit der Milch nicht im Zusammenhang stehen, 
findet sich eigentlich nur eine Verwendung, die Fettdiarrhoe, in der sich 
durch Fettarmuth, resp. Fettfreiheit, vorübergehend nützlich machen: Ei- 
weisswasser, Gelatinen (Abkochungen von Kalbsfüssen und Hausenblase), 
schleimige Abkochungen von Hafer und Gerste (auch mit abgerahm* 
ter Milch oder Buttermilch vermischt), endlich die eiweissreicheren Legu* 
min ose n. Die letztgenannten Stoffe werden durch ihren Stärkemehlgehalt 


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154 Section für Gesundheitspflege und Staatsarzneikunde 

wieder anrüchig. Wo man bei ihnen und auch anderen Nährmehlen jenes 
künstlich in Traubenzucker umzuwandeln sucht, wird damit ein Vortheil er¬ 
zielt; indess bleibt doch meistens die Wirklichkeit hinter der Absicht zurück. 

Am weitesten von unserem obigen Princip einfacher und bekannter Zu¬ 
sammensetzung sind die „Kindermehle“ entfernt, bei denen Pflanzen und 
Hühnereiweiss, Stärke und Zucker neben den Milchbestandtheilen Vorkom¬ 
men. Sie können desshalb — wie auch die Nährzwiebacke — nur als 
Uebergang zu zusammengesetzer und fester Nahrung für das spätere Säug¬ 
lingsalter angesehen werden. Ein Vorzug ist die feine Pulverisirung ersterer, 
und unter ihnen scheinen wieder die fettreicheren deutschen Fabrikate die 
besten zu sein. 

Lebhafter Beifall folgte dem Vortrage, an welchen sich einige unerheb¬ 
liche Fragen und Bemerkungen einzelner Anwesender aber keine eigent¬ 
liche Debatte knüpfte. 

Hieran schloss sich unerwarteter Weise eine Mittheilung des Herrn 
Dr. Oidtmann (Linnig), betreffend „Bildung einer Mittelpartei in 
Frage des Impfzwanges und der Impfung überhaupt“. Die Ver¬ 
sammlung war offenbar erstaunt, einen Arzt in ihrer Mitte zu Anden, wel¬ 
cher wissenschaftliche Streitfragen bisher nicht innerhalb des Gebietes und 
mit den Mitteln der Wissenschaft sondern durch leidenschaftlichen Appell 
an das grosse Publicum zu lösen gesucht hat. Ein Theil der Anwesenden 
ward unruhig, und schien der Meinung, dass ein Arzt, der mit solchen 
Waffen für seine Meinung kämpfe, wie HerrDr. Oidtmann, das Recht ver¬ 
wirkt habe, in einer wissenschaftlichen Versammlung von Aerzten das Wort 
zu ergreifen. Indessen gelang es dem um das Impfwesen bekanntlich hoch¬ 
verdienten Pfeiffer (Weimar), die Unruhe zu beseitigen. Nach der bis¬ 
herigen literarischen Thätigkeit des Herrn Oidtmann war auch wohl die 
Vermuthung berechtigt, er werde, falls er nicht zum Wort zugelassen werde, 
dies in einer Flugschrift als Zeichen der Schwäche der sogenannten »Impf¬ 
freunde“ verwerthen. Herr Oidtmann las darauf ein Programm vor, wel¬ 
ches mir zu meinem Bedauern im Wortlaute nicht vorliegt. Im Wesent¬ 
lichen ging aber aus demselben hervor, dass unter Betheiligung des Herrn 
Oidtmann eine „Mittelpartei“ sich bilden will oder gebildet hat, 
welche eine Lösung der „Impffrage“ auf „mechanischem“ Wege verwirft, 
diese Lösung vielmehr durch vergleichende Versuche einer Commission er¬ 
zielen will, welche zur Hälfte aus „Impffreunden“, zur Hälfte aus „Impf- 
gegnern“ zusammengesetzt sein soll. 

Mir scheint es, als ob Herr Oidtmann hier wie bei seiner ganzen 
Agitation von unrichtigen Voraussetzungen ausginge. Herr Oidtmann 
sieht in der sogenannten „Impffrage“ eine Parteifrage; er kennt nur zwei 
Parteien, Impffreunde und Impfgegner, welche sich einander auf Tod 
und Leben bekämpfen, und übersieht dabei, dass es gegenwärtig eine Par¬ 
tei der Impffreunde gar nicht giebt, sondern nur Aerzte, welche auf Grund 
zahlreicher Erfahrungen und Untersuchungen in einer zweckmässig vor¬ 
genommenen Impfung einen relativ erheblichen Schutz vor Erkrankung und 
Tod an Pocken erblicken, und sich eifrig bemühen, die Mängel, welche der 
Impfung anhaften, durch bessere Methoden zu beseitigen, und deren Schutz- 


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in d. Versammlung deutscher Naturforscher u. Aerzte zu Eisenach. 155 

kraft, welcher der eine Arzt eine geringere, der andere eine grössere Bedeu¬ 
tung beimisst, zu erhöhen. Die Wissenschaft kennt weder Parteien noch 
Mittelparteien, sondern nur den Fortschritt auf dem Wege exacter Forschung. 
Wer von uns wäre nicht bereit, eine Ansicht anfzugeben, welche sich wissen¬ 
schaftlich und praktisch als nicht mehr haltbar erwiesen hat? Wer sich 
aber in der Medicin zu einer „Partei“ rechnet, tritt damit aus dem Gebiete 
der Wissenschaft heraus. 

Wenn die „Mittelpartei“ aber eine „mechanische Lösung der Impf¬ 
frage“ verwirft, so kann man ihr sachlich hierzu nur Glück wünschen, und 
darf im Besonderen wohl annehmen, dass dieselbe auch die Ueberschwem- 
mung des Publicums mit Flugblättern, die Entstellung von Thatsachen und 
die sittliche Entrüstung über die „Impffreunde“ zu den mechanischen 
Lösungsmitteln rechnet. Mit solchen Flugblättern wurde selbst die hygie¬ 
nische Section in Eisenach massenhaft bedacht. Ihr Inhalt mag wohl einen 
grossen Effect unter der urtheilslosen Menge erzielen, aber Aerzten gegen- 
genüber ist eine solche Papierverschwendung doch sehr geschmacklos. 

Ich bin ferner auch darin mit dem Programm der Mittelpartei einver¬ 
standen, dass dieselbe eine Lösung der Impffrage, d. h. einen Fortschritt 
unserer Kenntnisse über die Wirkung der Impfung, auf dem Wege exacter 
Beobachtung und vergleichender Experimente erstrebt. In diesem Sinne 
würde auch ich mich der Mittelpartei anschliessen können, deren Mitglieder 
übrigens ausser Herrn Vogt in Bern und einem Arzte in Duisburg von 
Herrn Dr. Oidtmann vorläufig noch in einem geheimnissvollen Dunkel 
gelassen wurden. Wenn aber die Mittelpartei meint, die schwebenden 
Fragen durch Untersuchungen einer Commission von Sachverständigen zu 
einer Entscheidung bringen zu können, so befindet sich dieselbe, wie ich 
glaube, im Irrthum. Eine solche Commission, wenn ihr Zeit, Mittel und 
Gelegenheit hinlänglich geboten würden, könnte vielleicht durch schätzbare 
Beiträge unser Wissen bereichern und Gutachten abgeben. Der Einfluss 
solcher Gutachten aber auf die ärztliche Welt würde sich nach ihrem wissen¬ 
schaftlichen Gehalte richten. Endgültige Entscheidungen, denen sich Jeder¬ 
mann zu unterwerfen hätte, würde keine solche Commission geben können, 
und geschähe es dennoch, so wäre damit nur eine auch von Herrn Dr. Oidt¬ 
mann verwoffene „mechanische“ Lösung gegeben, keine organische. Ganz 
abrathen aber würde ich der Mittelpartei, eventuell die Commission zur 
Hälfte aus „Impffreunden“, zur Hälfte aus „Impfgegnern“ zusammenzusetzen. 
Wer schon mit vorgefassten Meinungen in eine solche Commission träte, 
wäre zu einer objectiven Prüfung wenig geeignet. Und wenn.nun, was 
doch sehr zu befürchten stände, am Schlüsse Stimmengleichheit herrschte, 
wer soll dann die Entscheidung geben? Etwa der Hausarzt einer hoch- 
gestellten Persönlichkeit? Oder soll das Loos entscheiden? Man sieht, auf 
diesem Wege kommt man nicht zu einem befriedigenden Ziele. 

An die Mittheilungen des Herrn Oidtmann, welcher übrigens, wie ich 
anzuerkennen nicht unterlassen will, im Gegensätze zu dem Tone in den 
Pamphleten der „Impfgegner“ sich ersichtlich einer objectiven Darstellung 
befleissigte, knüpfte sich eine Art Inquisitorium, welches Herr Pfeiffer be¬ 
züglich verschiedener Behauptungen mit dem Redner vornahm, die letzterer 
in seinen Flugschriften aufgestellt hatte, die Herr Pfeiffer aber als that- 


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156 Section für Gesundheitspflege und Staatsarzneikunde etc. 

sächlich unrichtig nachwies. Hierhin gehörte namentlich die Behauptung, 
der deutsche Aerztetag habe das angebliche Sinken der Pockensterblichkeit 
im Anfänge dieses Jahrhunderts nach Einführung der Kuhpockenimpfung 
als Irrlehre bezeichnet. Herr Pfeiffer erklärte dies für eine Entstellung, 
eine Berichtigung, zu welcher gewiss Niemand competenter war als gerade 
Pfeiffer in Seiner Eigenschaft als Mitglied des Ausschusses des Aerzte- 
bundes und zugleich als Vorsitzender der von demselben eingesetzten Impf¬ 
commission. Pfeiffer benutzte auch die Gelegenheit zu der Erklärung, dass 
die yon vielen Zeitungen gebrachte Mittheilung, es seien in dem Dorfe 
Herbsleben bei Gotha alle geimpften Kinder, die einjährigen wie die zwölf¬ 
jährigen, in lebensgefährlichster Weise erkrankt, ja es sei mit Bestimmtheit 
der Tod aller zu erwarten, vollständig unwahr und aus der Luft gegriffen sei. 

Mit diesen Auseinandersetzungen, an welchen auch einige andere Mit¬ 
glieder sich betheiligten, endete die zweite und letzte Sitzung der Section; 
die Bemühungen des Präsidenten noch eine dritte Sitzung zu Stande zu 
bringen, hatten keinen Erfolg. 

Schliesslich sei noch erwähnt, dass die Section einen Ausschuss nieder¬ 
gesetzt hat, bestehend aus dem Bureau der zweiten Sitzung (Dr. Schmitt 
und Dr. Kättnitz) und Dr. Wasserfuhr, mit der Ermächtigung, sich 
durch zwei andere Aerzte zu cooptiren, und dem Aufträge, für die 1883 in 
Freiburg stattfindenden Sectionssitzungen geeignete Vorträge vorzubereiten. 
Es ist dies ohne Zweifel auch der einzige Weg, die Section vor solchen 
peinlichen Verlegenheiten zu bewahren, wie der Mangel an Material für die 
Verhandlungen sie schon seit einer Reihe von Jahren fast regelmässig mit 
sich gebracht hat. Auch wurde darauf hingewiesen, dass die Bezeichnung 
der Section in dem Programm der Eisenacher Versammlung als „Section 
für Gesundheitspflege und Staatsarzneikunde“ nicht correct sei, und dem¬ 
zufolge der Ausschuss, welcher zunächst Herrn Dr. Biedert cooptirt hat, 
beantragt, bei den neuen Geschäftsführern in Freiburg auf Wiederherstel¬ 
lung der richtigen Bezeichnung: „Section für öffentliche Gesundheitspflege“ 
hinzuwirken. 

Es ist wohl möglich, dass eifrige Bemühungen Einzelner, an welchen 
es, wie Sie aus den vorstehenden Mittheilungen ersehen haben werden, auch 
in Eisenach nicht gefehlt hat, die hygienische Section der allgemeinen 
Naturforscher- und Aerzte Versammlung noch eine Zeit lang nothdürftig 
über Wasser halten werden. Nachdem jedoch die Aussicht auf Reformen 
der allgemeinen Versammlung im Sinne einer Vertiefung ihres idealen 
Gehalts in Eisenach durch die Tagesordnung der Herren Abegg und Ge¬ 
nossen begraben worden ist, glaube ich, dass Bemühungen dieser Art den 
Untergang der hygienischen Section als eines Gliedes jener allgemeinen 
Versammlung wohl verzögern aber nicht mehr verhindern können. 


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hygienische Gesetze und Verordnungen. 


157 


Hygienische 

Gesetze, Verordnungen und Entscheidungen ')• 


I. Gesetze und Verordnungen. 

Königlich Sächsische Ministerialverfttgnng vom 28. März 1882, betreffend 
Maassregeln gegen die Verunreinigung der messenden Wässer durch Ein¬ 
führung von gesundheitsschädlichen oder ekelerregenden Stoffen. 

I. In Gemä88heit eines ständischen Antrags ist von der Staatsregierung im 
letzten Landtagsabschiede die Zusage ertheilt worden, dass die Frage, ob und 
wieweit durch polizeiliche Bestimmungen der Verunreinigung der fiiessenden 
Wässer durch.Einführung von gesundheitsschädlichen oder ekelerregenden Stoffen 
mehr als seither entgegengetreten werden könne, in Erwägung gezogen werden 
solle und über den Erfolg dem nächsten Landtage Mittheilung zugehen werde. 

Das Ministerium des Innern veranlasst daher die Kreishauptmannschaften, die 
AmtBhauptmannschaften und Stadträthe ihres Regierungsbezirks anzuweisen, dass 
sie ihre besondere Aufmerksamkeit denjenigen Anlagen zuwenden, mit deren Betrieb 
eine solche Einführung von Flüssigkeiten oder festen Stoffen in einem Wasser¬ 
lauf verbunden ist, welche das Wasser in letzterem in einer dem gemeinen 
Gebrauch desselben wesentlich beeinträchtigenden oder der menschlichen Gesund¬ 
heit nachtheiligen Weise verunreinigen oder eine solche bereits vorhandene 
Verunreinigung desselben vermehren kann. 

Insbesondere werden zu diesen Anlagen ausser verschiedenen der in §. 16 der 
Reichsgewerbeordnung vom 21. Juni 1869, sowie der in dem Reichsgesetze vom 
2. März 1874 (Reichsgesetzblatt vom Jahre 1874, S. 19) aufgeführten Anlagen, — 
bezüglich deren die Ortspolizeibehörde durch das in Gemässheit der Reichs¬ 
gewerbeordnung einzuleitende Verfahren davon Kenntniss erhält, ob mit dem 
Betriebe der betreffenden Anlage die Verunreinigung eines Wasserlaufs mit der 
vorgedachten Wirkung verbunden sein wird, — Brauereien, Brennereien, Papier¬ 
fabriken, Zuckerfabriken, Bleichereien, Färbereien, Walkereien, Wollwäschereien, 
Kohlenwäschen, Flachs- und Hanfrösten zu rechnen sein. 

Die Ortspolizeibehörde, als welche in den Städten, in denen die revidirte 
Städteordnung gilt, der Stadtrath, in den übrigen Städten und auf dem platten 
Lande die Amtshauptmannschaft zu betrachten ist, hat in jedem einzelnen Falle 
zu erwägen, ob und in welcher Weise gegen Einrichtungen der oben bezeich- 
neten Art einzuschreiten und ob die Zuführung der schädlichen Effluvien ganz 
zu untersagen oder ihre Gestattung von der Bedingung abhängig zu machen 
sei, dass von dem Unternehmer solche Vorkehrungen getroffen werden, welche 
nach sachverständigem Gutachten die schädliche Einwirkung auf die Wasserläufe 
zu beseitigen geeignet sind. Ihren Anordnungen hat die Ortspolizeibehörde ein¬ 
tretenden Falls durch Androhung entsprechend hoher Strafen Nachdruck zu geben. 

Nicht minder ist den Ortspolizeibehörden die energische Handhabung der 
Bestimmungen in §. 2 des Gesetzes vom 16. Juli 1874, Nachträge zu dem Gesetze 

*) Wir beabsichtigen von jetzt an in jedem Heft in einer besonderen Rubrik die 
wichtigsten hygienischen Gesetze, Verordnungen etc. sowie richterliche Entscheidungen aus 
dem Deutschen Reich sowohl wie den deutschen Einzel Staaten, ausnahmsweise auch aus den 
Nachbarländern zu bringen. Red. 


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158 Hygienische Gesetze und Verordnungen. 

über die Ausübung der Fischerei in fliessenden Gewässern vom 15. October 1868, 
betreffend (Gesetz- und Verordnungsblatt vom Jahre 1874, S. 99) zur Pflicht zu 
machen etc. etc. 

II. Mittels Verordnung vom 9. April 1877 (Nr. 3246 II. N. 1876) ist die 
Kreishauptmannschaft zu . . . veranlasst worden, die Amtshauptmannschaften 
und Stadtrathe ihres Regierungsbezirkes anzuweisen, dass sie ihre besondere 
Aufmerksamkeit denjenigen Anlagen zuwenden, mit deren Betrieb eine solche 
Einführung von Flüssigkeiten oder festen Stoffen in einen Wasserlauf verbunden 
ist, welche das Wasser in letzterem in einer den gemeinen Gebrauch desselben 
wesentlich beeinträchtigenden oder der menschlichen Gesundheit nachtheiligen 
Weise verunreinigen oder eine solche bereits vorhandene Verunreinigung des 
Wasserlaufes vermehren kann. 

Zu dem Ende ist namentlich angeordnet worden, in jedem einzelnen Falle 
in Erwägung zu ziehen, ob und nach welcher Richtung gegen Einrichtungen 
der gedachten Art einzuschreiten und ob die Einführung der schädlichen 
Effluvien ganz zu untersagen oder ihre Gestattung von der Bedingung abhängig 
zu machen sei, dass von dem Unternehmer solche Vorkehrungen getroffen 
werden, welche nacli sachverständigem Gutachten die schädliche Einwirkung 
auf die Wasserläufe zu beseitigen geeignet sind, den zu erlassenden Verfügungen 
aber eintretenden Falls durch Androhung entsprechend hoher Strafen Nach¬ 
druck zu geben. 

Seit Erlass der angezogenen Verordnung hat zwar eine auf die verschieden¬ 
sten Theile des Landes sich vertheilende grössere Zahl von Besitzern gewerb¬ 
licher Anlagen in anerkennenswerther Weise ohne behördliche Anregung sich 
bemüht, Vorkehrungen zu treffen, um die schädliche oder belästigende Verun¬ 
reinigung der fliessenden Wässer, welche theils durch Benutzung des Wasser¬ 
laufs, theilB durch die Zuführung von Abfällen in demselben bedingt worden, 
zu verhüten oder auf ein zulässiges Maass herabzudrücken. Es lässt sich auch 
mit Sicherheit annehmen, dass in nächster Zeit noch andere Besitzer gewerb¬ 
licher Anlagen, insonderheit Besitzer grösserer industrieller Etablissements, zu 
gleichem Vorgehen sich bewogen finden werden. Nichtsdestoweniger ist es eine 
nicht wegzuleugnende Thatsache, dass der durch Zuführung von Abfallstoffen 
hervorgerufene Zustand mancher Wasserläufe noch ein so misslicher ist, dass 
eine baldige Aenderung desselben im öffentlichen Interesse als dringend nöthig 
sich erweist. 

Es ergeht deshalb an die Kreishauptmannschaft zu ... die Veranlassung, den 
Verwaltungsobrigkeiten ihres Regierungsbezirks die strenge Handhabung der 
mehrgedachten Verordnung anderweit zur Pflicht zu machen. Vor allen'Dingen 
aber sind dieselben anzuhalten, neue Anlagen, welche die Wasserläufe durch 
ihre Abfallstoffe zu verunreinigen geeignet sind, überhaupt gar nicht oder nur 
dann zu gestatten, wenn die Unternehmer nachweisen, dass sie solche Einrich¬ 
tungen zu treffen gemeint und im Stande sind, vermöge deren, dieser Effluvien 
ungeachtet, der gemeine Gebrauch des Wassers nicht beeinträchtigt wird. In 
Betreff bereits bestehender Etablissements jedoch, mit deren Betrieb eine Ver¬ 
unreinigung des fliessenden Wassers verbunden ist, haben die Verwaltungsobrig¬ 
keiten dafür zu sorgen, dass deren Besitzer solche Maassnahmen vorkehren, 
welche nach dem jeweiligen Stande der Wissenschaft getroffen werden können, 
um den bestehenden Uebelständen abzuhelfen oder sie wenigstens auf das thun- 
lichst geringste Maass zu beschränken. Selbstverständlich wird dabei voraus¬ 
gesetzt, dass an die betreffenden Anlagen, unter schonender Wahrnehmung der 
Interessen der Industrie wie auch der Landwirtschaft, und unter möglichster 
Zuziehung der Interessenten, nur solche Anforderungen gestellt werden, welche 
mit einem nutzbringenden Fortbetriebe derselben vereinbar sind. 

Dresden, den 28. März 1882. 

Königliches Ministerium des Innern. 


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Hygienische Gesetze und Verordnungen. 


159 


Polizeiverordnung der Königlichen Regierung zu Bromberg vom 28. April 
1882, betreffend Fleischschau im Regierungsbezirk Bromberg. 

§. 1. Jeder, der ein Schwein schlachtet oder schlachten lässt, ist verpflichtet, 
dasselbe von einem für den betreffenden Bezirk bestellten Fleischbeschauer 
mikroskopisch untersuchen zu lassen. Erst dann, wenn auf Grund dieser Unter¬ 
suchung von dem betreffenden Fleischbeschauer das Attest ausgestellt wor* 
den, „dass das Schwein trichinenfrei befunden“ und wenn das letztere mittelst 
eines amtlichen Farbenstempels, welcher den Namen des Fleischschaubezirk8 
und die Buchstaben F. S. resp. die Nummer des Beschauers enthalten muss, 
auf verschiedenen, mit Rücksicht auf die nachfolgende Zerlegung auszuwählen¬ 
den Körpertheilen mit Abdrücken versehen worden, darf das Fleisch verkauft 
und zum Genuss für Menschen zubereitet werden. 

Die für den Farbenstempel zu verwendende Farbe haben die Fleisch¬ 
beschauer bis auf Weiteres nur von dem Apotheker 0. Ger icke zu Rackwitz, 
Kreis Bomst, zu beziehen und dürfen andere Farben erst dann angewendet wer¬ 
den, nachdem solche diesseits als geeignet anerkannt sind und dies öffentlich 
bekannt gemacht worden ist. 

§. 2. Die amtliche Bestellung als Fleischbeschauer wird auf Ansuchen der 
Betreffenden von der Ortspolizeibehörde, nachdem mit der für jeden einzelnen 
Fall vom Herrn Kreislandrath einzuholender Genehmigung ein Schaubezirk 
gebildet ist, für diesen Bezirk, auf Widerruf, ertheilt; Personen, welche weder 
als Arzt, noch als Thierarzt oder Apotheker vorschriftsmässig approbirt sind, 
haben dabei durch ein auf Grund erfolgter Prüfung auszustellendes Physicats- 
attest den Nachweis zu führen, dass sie sich im Besitze eines zur Ausführung 
der mikroskopischen Fleischschau geeigneten, eine 200fache Yergrösserung 
gestattenden Mikroskops und der erforderlichen Kenntnisse und Fertigkeiten 
befinden. Dem Ansuchen ist ein Führungsattest der zuständigen Ortspolizei¬ 
behörde beizufügen. 

Amtlich bestellte Fleischbeschauer dürfen nicht Agenten von Versicherungs¬ 
gesellschaften gegen Trichinenschaden sein. Ausgenommen hiervon sind die 
Versicherungsgesellschaften auf Gegenseitigkeit. 

Die Bestallungen sind mit Siegel und Unterschrift der betreffenden Orts- 
polizeibehörde zu versehen und kosten- und stempelfrei auszufertigen. 

§. 3. Die amtliche Untersuchung eines geschlachteten Schweines wird mit 
einem eine 200 fache Vergrösserung gestattenden Mikroskop von einem Fleisch¬ 
beschauer in demjenigen Bezirk ausgeführt, für welche^ seine Bestallung er¬ 
folgt ist. 

Der Fleischbeschauer muss die zu untersuchenden Fleischtheile von dem 
geschlachteten Schweine persönlich entnehmen. 

Kein Fleischbeschauer darf an demselben Tage Fleisch von mehr als acht 
Schweinen mikroskopisch untersuchen. 

Jeder Fleischbeschauer hat ein Schaubuch nach folgenden Rubriken selbst 
zu führen: 


1 . 

2. 

3. 

4. 

5. 

6 . 

7. 

Nr. 

Tag des 
Schlach¬ 
ten» 

Bezeichnung 
der geschlach¬ 
teten Schweine 
nach 

Geschlecht und 
Alter 

Name und 
Wohnort des 
auf die Fleisch¬ 
schau Antra¬ 
genden resp. 
dessen Auf¬ 
traggebers 

Tag der 
mikrosko¬ 
pischen 
Unter¬ 
suchung 

Attest des 
Fleisch¬ 
beschauers 
über das Resul¬ 
tat der mikro¬ 
skopischen 
Untersuchung 

Bemerkungen 









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160 


Hygienische Gesetze und Verordnungen. 

§. 4. Wird ein Schwein trichinenhaltig befunden, so hat der Fleisch¬ 
beschauer davon sofort der Ortspolizeibehörde Anzeige zu machen. Bei dieser 
Anzeige hat derselbe der gedachten Behörde ein bis zwei trichinenhaltige 
Präparate wohl verkittet, als solche zu bezeichnen und zu übergeben. 

Die Ortspolizeibehörde hat sofort für eine Nachrevision des trichinös be¬ 
fundenen Schweinefleisches durch den Kreisphysicus Sorge zu tragen. 

Die zulässigen Benutzungsweisen trichinöser Schweine sind folgende: 

1. das Thier darf abgehäutet, die Haut und die Borsten dürfen verwerthet 

werden; ' 

2. das ausgeschmolzene Fett darf zu beliebigen Zwecken verwendet werden; 

3. die geeigneten Theile können zur Bereitung von Seife oder Leim Ver¬ 
wendung finden; 

4. die chemische Verarbreitung des ganzen Thieres zu Dungstoff ist zulässig; 
Die Vorerwähnten Verwendungen unterliegen der polizeilichen Aufsicht. 
Soweit nicht die Benutzung trichinösen Fleisches (Nr. 1 bis 4) zugelassen 

ist, hat die Vernichtung unter polizeilicher Aufsicht in der Weise zu erfolgen, 
dass das Fleisch in kleine Stöcke zerschnitten und in 2 m tiefen Gruben, nach¬ 
dem dasselbe zuvor mit ungelöschtem Kalk bedekt worden, vergraben wird. 

§. 5. Gewerbetreibende, wie Fleischer, Schmelzer u. dergl. m. haben ein 
Fleischbuch nach folgenden Rubriken zu halten: 


1. 

2. 

3. 

4. 

5. 

6. 

7. 

Nr. 

Tag des 
Schlich¬ 
tens 

Bezeichnung 
des geschlach¬ 
teten Schwei¬ 
nes nach Ge¬ 
schlecht und 
Alter ' 

Angabe des 
Orts, aus wel¬ 
chem das 
Schwein her¬ 
stammt und 
Name des 
Verkäufers 

Tag der 
mikrosko¬ 
pischen 
Unter¬ 
suchung 

Attest des 
Fleisch¬ 
beschauers 
über das Resul¬ 
tat der mikro-l 
skopischen 
Untersuchung 

Bemerkungen 









In dieses Fleischbuch haben sie die ausgeschlachteten Schweine am Tage 
des Schlachtens einzutragen und dasselbe in den ersten vier Rubriken ausgefüllt 
einem der für den betreffenden Bezirk bestellten Fleischbeschauer bei der mikro¬ 
skopischen Untersuchung mit vorzulegen, welcher sein Attest über das Resultat 
der Untersuchung unter Beisetzung seines Namens, des Ortes und des Tages der 
Untersuchung sofort in die 5. und 6. Rubrik einzutragen hat. 

Den Nichtgewerbetreibenden, welche ein Schwein schlachten oder schlach¬ 
ten lassen, bleibt es freigestellt, ein gleiches Fleischbuch zu halten. Wollen sie 
dies nicht, so müssen sie sich von dem Fleischbeschauer über jedes auBge- 
schlachtete Schwein ein besonderes Attest, welches ebenfalls den Tag des 
Schlachtens, der Bezeichnung des Schweines nach Geschlecht und Alter, die 
Angabe des Ortes seiner Herstammung oder des früheren Eigenthümers und 
den Tag der mikroskopischen Untersuchung enthalten muss, ausstellen lassen. 

Das Fleischbuch, sowie die vorbemerkten besonderen Atteste sind der Orts¬ 
polizeibehörde zur Controle auf Erfordern jeder Zeit vorzuzeigen und dürfen 
ohne deren Genehmigung, welche niemals eher, als vier Monate nach der letzten 
Eintragung ertheilt wird, nicht vernichtet werden. 

§. 6. Kaufleute, Händler u. s. w., welche Schweinefleisch oder Präparate 
desselben feilhalten, ausgenommen diejenigen, welche lediglich Grosshandel mit 
den genannten Waaren betreiben, haben der Ortspolizeibehörde den amtlichen 
Nachweis zu erbringen, dass dieselben mikroskopisch auf Trichinen untersucht 
und frei davon befunden worden sind. 


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161 


Hygienische Gesetze und Verordnungen. 

§. 7. Sie müssen ein Controlbuch führen, in welches jeder Bezug solcher 
Waaren spätestens 24 Stunden nach dem Eingang nach folgenden Rubriken ein¬ 
getragen wird: 


1 

2 

3 

4 

5 

6 * 

7 

8 

Nr. 

Tag 

des 

Eingangs 

Benennung 

der 

bezogenen 

Waaren 

Ge¬ 

wicht 

Ort, woher 
und Firma, von 
welcher die 
Waaren bezo¬ 
gen worden 
sind 

Angabe über 
Vornahme 
eventuell Zeit 
und Ort der 
Untersuchung 

Resultat 

der 

Untersuchung 

Bemer¬ 

kungen 










Dieses Controlbuch muss der Ortspolizeibehörde oder deren Abgeordneten 
jederzeit, sowie auf Verlangen den Käufern vorgelegt werden. 

§. 8. Spätestens drei Tage nach dem Eingang der Waare muss der Kauf¬ 
mann etc. im Besitz eines Nachweises darüber sein, dass dieselbe auf Trichinen 
untersucht und frei davon befunden worden ist. 

§. 9. Dieser Nachweis wird erbracht: 

a) entweder durch ein Attest der Polizeibehörde des Ursprungsortes, 
dahin gehend, dass dort die Untersuchung der geschlachteten Schweine 
auf Trichinen allgemein eingeführt, oder dass die Schweine, von wel¬ 
chen die Präparate herrühren, auf Trichinen untersucht und trichinen¬ 
frei befunden worden sind; 

b) oder durch ein amtliches Attest der Polizeibehörde resp. eines bestall¬ 
ten, als solchen sich ausweisenden Sachverständigen des Absendungs¬ 
ortes, dass die Präparate dort auf Trichinen untersucht und frei 
davon befunden worden sind; 

c) oder durch ein gleiches Attest eines bestallten Sachverständigen am 
Verkaufsort. 

§. 10. Die im §. 9 erwähnten Atteste sind, soweit sie nicht den einzelnen 
Stücken angeheftet sind, dem Controlbuch (§. 7) als Anlagen beizufügen. 

§. 11. Für jede mikroskopische Untersuchung der zu einem Schweine ge¬ 
hörigen Fleischtheile und für die Ausstellung des Attestes hat der Besitzer des 
ausgeschlachteten Schweines an den amtlichen Fleischbeschauer den Betrag von 
zusammen einer Reichsmark zu zahlen. 

§. 12. Für die Prüfung derjenigen Personen, welche das Geschäft der 
amtlichen Fleischschau zu übernehmen wünschen, ist in der Anlage A ein 
Reglement entworfen. 

§. 13. Damit die Fleischschau gründlich, zweckentsprechend und umsichtig 
vorgenommen werde, ist in der Anlage B eine Instruction für die amt¬ 
lichen Fleischbeschauer erlassen. 

§. 14. Zuwiderhandlungen gegen vorstehende Bestimmungen werden mit 
einer Geldstrafe bis zu 30 Mark, an deren Stelle im Falle der Unbeitreiblichkeit 
verhältnissmässige Haft tritt, bestraft. 

§ 15. Bestellte Fleischbeschauer, welche sich Zuwiderhandlungen gegen 
diese Polizeiverordnung oder gegen die Instruction (Anlage B) zu Schulden 
kommen lassen, oder welche sich sonst als unzuverlässig zeigen, haben ausser 
der Bestrafung nach §. 14 sofortigen Widerruf der Bestallung zu gewärtigen. 

§. 16. Die bereits bestellten Fleischbeschauer bleiben ohne Ablegung einer 
weiteren Prüfung in Thätigkeit. 

Im Uebrigen tritt vorstehende Verordnung in denjenigen Ortschaften, für 
welche bereits Fleischschauer bestehen, mit dem 1. Juli dieses Jahres mit der 

Vierteljahrssohrift für Gesundheitspflege, 1883. U 


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162 


Hygienische Gesetze und Verordnungen. 

h^aassgabe in Kraft, dass der Farbenstempel (§. 1) gleich nach dem Erlasse dieser 
Verordnung an gewendet werden kann, vom 1. Juli dieses Jahres aber nur allein 
zum Zweck des Abstempelns benutzt werden darf. 

Für alle übrigen Ortschaften unseres Bezirks tritt die Verordnung mit dem 
Zeitpunkte in Kraft, wo mit vorgängiger Genehmigung des Herrn Kreisland¬ 
raths ein Fleischschaubezirk von der Ortspolizeibehörde gebildet, die Bestellung 
der FleischbeBchauer erfolgt und die Publication dieser Verordnung in der für 
die ortspölizeilichen Verordnungen vorgeschriebenen Weise unter Angabe des 
Datums, an welchem diese Verordnung in Kraft tritt, erfolgt ist. 

Unsere denselben Gegenstand behandelnde Polizeiverordnung vom 12. Mai 
1879 (Amtsblatt S. 200) tritt mit dem 30. Juni dieses Jahres ausser Kraft. 

§. 17. Durch besondere Localpolizeiverordnungen können mit unserer aus¬ 
drücklichen Genehmigung von den Vorschriften der §§. 3 und 11 dieser Verord¬ 
nung abweichende Bestimmungen festgesetzt werden. 


A. Reglement für die Prüfung der Fleisclibeschauer. 

Nach §. 2 der vorstehenden Polizeiverordnung haben diejenigen Personen, 
welche als amtliche Fleischbeschauer bestellt zu werden beabsichtigen, aber 
weder als Arzt, noch als Thierarzt oder Apotheker vorschriftsmässig approbirt 
sind, eine Prüfung vor dem Königlichen Kreisphysicus abzulegen. 

In Betreff dieser Prüfung wird Folgendes bestimmt. 

§. 1. Der Meldung, welche bei dem Königlichen Kreisphysicus selbst ein¬ 
zureihen ist, sind beizulegen: 

a) ein von der Ortspolizeibehörde ausgestelltes Führungsattest, in welchem 
der Zweck der Ausstellung desselben angegeben sein muss, 

b) die Versicherung des zu Prüfenden, dass er sich im Besitze eines zur 
Untersuchung von Fleisch geeigneten Mikroskops befindet. 

§. 2. Die Prüfungen können jederzeit stattfinden. Der jedesmalige Prü¬ 
fungstermin wird vom Königlichen Kreisphysicus festgesetzt. 

An einem Termine dürfen höchstens drei Candidaten zugleich geprüft werden. 

§. 3. Die Prüfung zerfällt in zwei gesonderte Theile: a. den theoretischen 
und b. den praktischen Theil und wird an einem Termine abgehalten. 

§. 4. In dem theoretischen Prüfungsabschnitt ist festzustellen, ob der zu 
Prüfende mit der Genesis, dem Vorkommen und der Entwickelungsweise der 
Trichinen im Allgemeinen bekannt ist. Er soll daher eine richtige Vorstellung 
von der Grösse, Beschaffenheit und Form der Trichinen in ihren verschiedenen 
Entwickelungsstufen besitzen, die Uebertragungsweise der Trichinen auf Men¬ 
schen und Thiere, den Generationswechsel der Trichinen, deren Einwanderung 
in die Muskeln, den Einkapselungsprocess, den Unterschied der Darm- und 
Muskeltrichinen, die weitere Umwandelung derselben in ihrem späteren Ver¬ 
laufe kennen und anzugeben wissen, an welchen Theilen des geschlachteten 
Schweines die Trichinen am zahlreichsten haften, welche Muskelpartien sich zur 
Untersuchung vorzugsweise eignen, durch Welche Umstände die mikroskopische 
Untersuchung erschwert werden kann und welche Täuschungen unterlaufen, in 
dieser Hiusicht aber auch mit dem Aussehen und dem Vorkommen der Finnen, 
der sogenannten Rainey’sehen Körper (Psorospermienschläuche) und weiterer 
im Fleische bisweilen beobachteter Gebilde bekannt sein. 

Es empfiehlt sich, bei Abhaltung dieser Prüfung naturgetreue, in vergrösser- 
tem Maassstabe dargestellte Abbildungen, welche der zu Prüfende zu demon- 
striren haben wird, zu benutzen. 

§. 5. In dem praktischen Abschnitte, welcher sich unmittelbar an den 
theoretischen anschliesst, ist zunächst zu ermitteln, ob der zu Prüfende mit 
seinem zur Stelle gebrachten Mikroskop, dessen einzelnen Theilen, Zusammen¬ 
setzung und Gebrauchsweise hinreichend vertraut ist. 


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Hygienische Gesetze und Verordnungen. 163 

Der zu Prüfende hat hierzu das Mikroskop in Gegenwart des Königlichen 
Kreisphysicus aufzustellen, verschiedene Systeme einzustellen, eine richtige Be¬ 
leuchtung einzurichten und verschiedene Objecte aufzulegen. 

Nächstdem sind dem zu Prüfenden verschiedene mikroskopische Präparate 
Torzulegen und ist festzustellen, ob er dieselben richtig zu erkennen im Stande ist. 

Hierauf hat der zu Prüfende mindestens secha Präparate aus trichinenfreiem 
und trichinenhaltigem (womöglich frischem) und trockenem Fleische (Schinken) 
anzufertigen, unter sein Mikroskop zu bringen und zu demonstriren. Das 
Fleisch zu den Präparaten wird von dem Königlichen Kreisphysicus geliefert. 

§. 6. Den Schluss der Prüfung bildet die Musterung des von dem zu Prü¬ 
fenden zur Stelle gebrachten Mikroskops. Nur ganz brauchbare, nicht defecte 
und eine 200 fache Vergrösserung gestattende Mikroskope sind als bei der 
Fleischschau verwendbare anzusehen. 

§. 7. Diejenigen, welche in der vorgescbriebenen Prüfung bestanden und 
ihre Befähigung zur Untersuchung des Fleisches in Beziehung auf Trichinen¬ 
gehalt überzeugend nachgewiesen haben, erhalten, wenn sie im Besitze eines 
eigenen guten Mikroskops von vorschriftsmäs9iger Beschaffenheit (§. 6) sind, das 
im §. 2 der vorstehenden Polizeiverordnung vom heutigen Tage gedachte Physi- 
catsattest ausgestellt. 

§. 8. Für die Prüfung hat der zu Prüfende eine Gebühr von 3 Mark zu 
erlegen. Sollte auf Wunsch desselben die Prüfung ausserhalb des Wohnortes 
des Königlichen Kreisphysicus erfolgen, so sind an Letzteren ausser der Prü¬ 
fungsgebühr noch die reglementsmässigen Diäten und Fuhrkosten von dem zu 
Prüfenden zu entrichten. 

B. Instruction für die amtlich bestellten Fleischbeschauer. 

I. Die amtlich bestellten Fleischbeschauer haben Aufforderungen, welche 
von Gewerbetreibenden und Nichtgewerbetreibenden zur Vornahme der Fleisch¬ 
schau bis des Abends 6 Uhr an sie gerichtet werden, regelmässig noch an dem¬ 
selben Tage, und zwar sobald als möglich, zu entsprechen und eventuell im 
Behinderungsfalle die Betreffenden sogleich an einen anderen bestallten Fleisch¬ 
beschauer des Bezirks zu weisen. 

II. Aufstellung des Mikroskops. 

Die Mikroskopröhre ist vor dem Gebrauch jedesmal zu controliren, ob etwa 
ein fremder Körper hineingerathen ist oder eine der darin angebrachten Blen¬ 
den sich auf die hohe Kante gestellt hat. Der Auszug des Tubus ist vor dem 
Gebrauch auszuziehen. Die Gläser der zum Instrument gehörigen Linsenver¬ 
bindungen, sowie die Beleuchtungsspiegel sind mit einem trockenen Haarpinsel 
oder mit einem ganz weichen Waschleder sorgfältig zu reinigen. 

Man bringe daher das Mikroskop nicht näher an das Fenster, als unbedingt 
erforderlich ist. Der Sonnenstrahl darf das Instrument nicht treffen. Doppel¬ 
fenster sind beim Untersuchen hinderlich. 

Nur ausnahmsweise ist beim Lampenlicht zu untersuchen und in diesem 
Falle bediene man sich einer niedrigen Petroleumlampe mit einer Glocke, die 
unten entweder durch Milchglas oder durch mattes weisses Glas geschlossen ist. 

Der Spiegel des Mikroskops wird so gestellt, dass das Licht auf ihn fallt 
und von ihm durch den zu untersuchenden Gegenstand in das Instrumet hin¬ 
eingeworfen wird. 

Man wähle zur Untersuchung die hellen Tagesstunden und arbeite, wenn 
thunlich, am geöffneten Fenster. 

Man verfahre bei Befestigung des gewählten Systems am Tubus mit grösster 
Sorgfalt und vergewissere sich, dass der Tubus genau centrirt ist. Eine be¬ 
sondere Beachtung erfordert die Abmessung der Brennweite. Bei niederen 

11 * 


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1G4 Hygienische Gesetze und Verordnungen. 

Systemen sind die Brennweiten viel grösser, als bei den höheren Objectivlinsen- 
verbindnngen und es wird daher ein Tubns einen um so weiteren Abstand vom 
Präparat erfordern, je niedriger das System ist, mit welchem er armirt ist. 

Man muss sich desshalb genau merken, wie weit bei der gebrauchten Ver- 
grös8erung die Objectivlinsen von dem zu untersuchenden Gegenstände entfernt 
sein müssen, um von diesem ein scharfes Bild zu erhalten. 

Das zu untersuchende Präparat wird nun, von dem Deckglase bedeckt, so 
auf den Objectivtisch gebracht, dass dasselbe möglichst über der Mitte der Oeff- 
nung im Tische zu liegen kommt. Während das Auge möglichst nahe am Oqular 
nach dem Präparate blickt, wird der Tubus behutsam auf- und abwärts bewegt, 
bis das Bild klar erscheint. Mikroskope, welche zu der feinen Einstellung eine 
besondere Schraube haben, sind daher vorzuziehen. 

III. Bereitung des Präparats. 

Man trägt mit einem ganz scharfen Messer (Rasir- und Präparirmesser) ein 
sehr feines kleines Scheibchen von dem zu untersuchenden Fleischstück ab und 
sehe zu, dass es möglichst reine Muskelfaser ist. 

Zellgewebe und Fetttheile sind vorher möglichst auszusondern. Das so er¬ 
haltene sehr dünne feine Fleischscheibchen breitet man auf einem reinen Glas¬ 
stücke (Objectträger) vorsichtig aus, bringt einen Tropfen Wasser darauf, legt 
ein zweites möglich dünnes Glas (Deckglas) darüber, drückt dasselbe etwas an 
und bringt das Ganze, das Deckglas nach oben unter das Mikroskop. 

Eine vollkommene ausgewachsene Muskeltrichine stellt sich bei einer aus¬ 
reichenden Vergrösserung unter dem Mikroskop als ein in der Gestalt einem 
Regenwurm vergleichbarer Rundwurm dar. 

Sie besitzt ein vorderes zugespitztes Ende, an welchem sich die Mund¬ 
öffnung befindet. Von dieser geht im Innern eine feine Röhre, die Speiseröhre 
ab, welche in den einfachen Darm sich fortsetzt. Letzterer erstreckt sich bis 
zum hintern, etwas dickeren Leibesende, wo er sich nach aussen öffnet. 

Die äussere Haut ist soweit durchsichtig, dass die inneren Theile grau er¬ 
kennbar sind. Je schwächer aber die Vergrösserung ist, desto weniger erscheint 
die Trichine durchsichtig, man sieht alsdann nur die äussere Gestalt des Wurmes, 
was jedoch für den Zweck der Fleischschau vollständig genügt. 

Man hat sich bei Auffindung der Trichinen und Feststellung des Befundes 
im Allgemeinen Folgendes zu vergegenwärtigen: 

Die eingewanderte Trichine liegt anfangs in den Fasern des Muskels aus¬ 
gestreckt. Je grösser sie aber wird, um so mehr rollt sie sich ein, indem sie 
Kopf- und Schwauzende einkrümmt und wie eine Uhrfeder spiralförmig zu¬ 
sammengewickelt liegt. Später bildet sich um das Thier eine Kapsel. 

Der mittlere Theil der Kapsel, wo eben das aufgerollte Thier liegt, erscheint 
bei mässiger Vergrösserung wie eine helle kugelige oder eiförmige Masse, in 
welcher man das Thier deutlich wahrnimmt. 

Nach längerer Zeit entstehen weitere Veränderungen an der Kapsel. Die 
gewöhnlichste ist, dass sich Kalksätze ablagern, und die Kapseln verkreiden. 
Sie sehen dann unter dem Mikroskop schattig und mehr oder weniger dunkel 
aus. Nimmt die Kalkmasse noch mehr zu, so überzieht sie endlich das Thier 
vollständig und man kann die Trichine auch unter dem Mikroskop durch die 
Kapsel hindurch nicht mehr erkennen. 

Hat man das Fleischschnittchen, wie angegeben, mit einem Gläschen (Deck¬ 
gläschen) bedeckt, so übe man auf das Letztere einen mässigen Druck aus, der¬ 
selbe wird genügen, die Kapsel zu zersprengen und die Trichine aus der Kapsel 
herauszupressen. Im frisch geschlachteten Schweinefleische werden freie, nicht 
ein gekapselte, oder auch eingekapselte Trichinen an getroffen werden, nur einge¬ 
kapselte vorzugsweise dagegen in längerer Zeit aufbewahrtem Fleische (Schin¬ 
ken) zu vermuthen sein. 


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Hygienische Gesetze und Verordnungen. 1G5 

IV. Die mikroskopische Untersuchung. 

Die Untersuchung muss, wenn sie zuverlässig sein soll, mehrere Gegen¬ 
stände des Schweinekörpers umfassen, namentlich sind bei jedem zur mikro¬ 
skopischen Untersuchung gestellten Schweine jedesmal: Muskeltheile des Zwerch¬ 
felles, Muskeln der Zwischenrippen räume, Theile der Augenmuskeln und Muskel¬ 
theile des Kehlkopfes genau zu prüfen, von jeder der bezeichneten Stellen aber 
mehrere, zum mindestens 8 bis 5 Proben zu entnehmen. 

Bei der Entnahme der vorbezeichneten Fleischproben ist auch jedes Schwein, 
um Verwechselung zu vermeiden, von dem Fleischbeschauer mit einer Marke 
zu versehen und das zur Untersuchung von diesem entnommene Fleisch in ein 
Gefass mit gleicher Marke zu bringen. 

Die Beschaffung derartiger Marken und markirter Gefässe liegt den Fleisch- 
beschauern auf eigene Kosten ob. 

Das in Anwendung genommene Mikroskop muss bei hinlänglicher Deutlich¬ 
keit und Schärfe eine 200 fache Vergrösserung gestatten. 

Jedes Präparat ist zunächst mit einer schwächeren Vergrösserung zu durch¬ 
mustern. 

Bei jedem verdächtigen Befunde verdopple man die Aufmerksamkeit und 
schreite zu einer stärkeren Vergrösserung, um die Sache aufzuhellen. 

Man vergegenwärtige sich die bei Untersuchung auf Trichinen beobachteten 
und möglichen Verwechselungen (Rainey’sche Körper, Psorospermienschläuche). 

Bei Prüfung conservirten Fleisches, Schinkens etc. wähle man mehrere aus¬ 
einanderliegende Stückchen zur Untersuchung und hole dieselben möglichst aus 
der Tiefe. 

Die Anfertigung der Präparate erfordert bei getrocknetem Fleisch grössere 
Sorgfalt als bei frischem, weil letzteres um vieles weicher ist und sich unter 
dem Deckglase mit Leichtigkeit ausbreiten lässt, was bei Schinken und anderen 
trockenen Fleischtheilen weniger der Fall ist. 

Man merke sich, dass die Enden der Muskeln, d. h. diejenigen Abschnitte, 
welche dicht vor ihrem Ansätze an Sehnen oder Knochen liegen, in der Regel 
mit Trichinen am reichlichsten durchsetzt zu, sein pflegen, daher bei Unter¬ 
suchungen von zweifelhaftem Resultat behufs Aufhellung der Sache niemals 
übergangen werden sollen. 

Würste und alle gemengten Fleischwaaren können bei der Untersuchung 
durch das Mikroskop, selbst der sorgfältigsten, nur dann in Bezug auf Trichinen¬ 
gehalt ein vollkommen sicheres Resultat gewähren, wenn mit völliger Sicher¬ 
heit feststeht, dass die betr. Fleischwaaren ganz allein und ausschliesslich 
von einem und tfemselben Schweine herstammen. Auch ist in diesem Falle noch 
daran zu erinnern, dass der Herzmuskel nach bisherigen Beobachtungen noch 
nicht trichinenhaltig gefunden worden ist. 

Behufs Ablieferung und Aufbewahrung der mikroskopischen Präparate von 
den als trichinös befundenen Schweinen oder Schweinetheilen hat der Fleisch¬ 
beschauer diese Präparate mit Glycerin, dem etwas Salz (Kochsalz oder Jod¬ 
kalium) in Lösung zugesetzt ist, anzufeuchten und mit Lack, welcher um den Rand 
des Glases gestrichen wird, einzuschliessen. Auf das Präparat ist ferner ein 
kleiner Zettel aufzukleben, welcher den Tag der Herstellung und eine Angabe 
über Herkunft des Präparats enthält. 

Hat der Fleischbeschauer nach sorgfältiger, umfassender und gewissenhafter 
Prüfung der durch ihn persönlich entnommenen Fleischtheile mittelst des Mikro¬ 
skops in den untersuchten Präparaten Trichinen nicht gefunden, so ist er berech¬ 
tigt und verpflichtet, über diesen Befund das amtliche Zeugniss auszustellen. 

V. Im Uebrigen ergeben sich die Pflichten des amtlich bestallten Fleisch¬ 
beschauers aus der vorstehenden Polizei Verordnung. 

Bromberg, den 23. April 1832. 

Königliche Regierung, Abtheilung des Innern. 


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166 Hygienische Gesetze und Verordnungen. 

Grossherzoglich Hessische Ministerialrerfttgang vom 13« Juni 1882, betreffend 
Maassregeln gegen die Verbreitung von Scharlachfieber nnd Bachenbräune 
(Diphtherie) im Kreise Giessen« 

Nachdem in letzterer Zeit Scharlachfieber und Rachenbräune in besorgnis¬ 
erregender Weise im Kreise, besonders in der Stadt Giessen aufgetreten waren 
und die Nothwendigkeit sich ergeben hat, Maassnahmen zur Verhütung einer 
Weiter Verbreitung dieser Krankheiten zu treffen, ist für gedachten Kreis, mit 
auf Anregung der medicinischen Gesellschaft und des ärztlichen Kreisvereines 
zu Giessen, ein bezügliches Polizeireglement erlassen worden. Wir theilen Ihnen 
im Nachstehenden Abdruck dieses Reglements, sowie der zur Ausführung des 
letzteren erlassenen weiteren Vorschriften zur Kenntnisnahme mit. 

Darmstadt, am 13. Juni 1882. ' 

Ministerium des Innern und der Justiz, Abtheilung für öffentliche 
Gesundheitspflege. 

An die Grossherzoglichen Kreisgesundheitsämter. 

Polizeireglement. 

Nachdem seit längerer Zeit im Kreise Giessen Erkrankungen an Diphtherie 
und Scharlach in besorgnisserregender Weise vorgekommen sind, erscheint es nach 
der Ansicht von Sachverständigen als im* öffentlichen Interesse unbedingt ge¬ 
boten, durch energische Maassregeln der Weiterverbreitung dieser gefährlichen 
Krankheiten vorzubeugen. Wir haben desshalb auf Grund der Kreisordnung vom 
12. Juni 1874, Art. 48, unter Zustimmung des Kreisausschusses und mit Geneh¬ 
migung Grossherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz vom 26. 
vorigen Monats nachstehendes Polizeireglement erlassen. 

§. 1. Jeder Arzt sowie Jeder, der die Behandlung eines Kranken übernimmt, 
ist verpflichtet, von jedem in seiner Praxis vor kommenden Falle von Scharlach 
und Diphtherie dem Kreisgesundheitsamte binnen 24 Stunden schriftlich Anzeige 
zu machen. 

§. 2. Die Diphtherie- und Scharlachkranken sind von den übrigen Bewoh¬ 
nern des Hauses zu separiren, resp. in einem besonderen Zimmer unterzubringen. 
Ergeben sich bei der Ausführung dieser Maassregei Schwierigkeiten, so ist von 
dem Arzte oder dessen Vertreter dem Kreisgesundheitsamte alsbald Mittheilung 
zu machen. 

§. 3. In Fällen, in denen die Isolirung im eigenen Hause absolut unthun- 
lich ist und in Folge des im Hause obwaltenden allgemeine^ Verkehrs Nach¬ 
theile für das öffentliche Wohl zu erwarten sind, kann das Kreisamt auf Antrag 
des Kreisgesundheitsamtes Sperre des fraglichen LocalB anordnen, insoweit die¬ 
selbe erforderlich erscheint. 

§. 4. Die Benutzung öffentlicher Fuhrwerke zum Transporte von Scharlach“ 
und Diphtheriekranken ist untersagt. 

§. 5. Aus Familien, in welchen Jemand an Diphtherie oder Scharlach leidet, 
ist der Besuch der Schulen und ähnlicher Anstalten sämmtlichen Kindern 
untersagt. 

§. 6. Leichen an Diphtherie und Scharlach Verstorbener dürfen nicht in der 
Wohnung verbleiben, sondern müssen längstens 12 Stunden nach erfolgtem Tode 
in ein Leichenhaus, wo ein solches vorhanden ist, verbracht werden. An Orten, 
wo kein Leichenhaus vorhanden ist, muss für thunlichste Isolirung und bald¬ 
möglichste Beerdigung Sorge getragen werden. 

Bei der Beerdigung ist die Begleitung der Leiche durch nicht im Hause 
Wohnende nur von der Strasse aus gestattet. Die Oeffnung des Sarges bei 
dieser Gelegenheit ist untersagt. 

§. 7. Jeder Arzt, sowie das ärztliche Pflegepersonal ist verpflichtet, sich 
vor Verlassen der Krankenwohnung vorschriftsmässig zu desinficiren. 


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167 


Hygienische Gesetze und Verordnungen. 

§. 8. Die Krankenzimmer, sowie sämmtliche in denselben befindlichen 
Gegenstände sind nach Ablauf der Krankheit vorschriftsmässig zu desinficiren. 

§. 9. Uebertretungen der in Vorstehendem enthaltenen Vorschriften werden 
nach Ma&8Bgabe der Artikel 349, 350, 352 des Polizeistrafgesetzes bestraft. 
Giessen, den 1. Juni 1882. 

Grossherzogliches Kreisamt. 


Ausführungsverordnung. 

Unter Bezugnahme auf unsere Bekanntmachung vom 1. d. Monats ordnen 
wir auf Veranlassung Grossherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz, 
Abtheilung für öffentliche Gesundheitspflege, zur Ausführung des in rubricirtem 
Betreff unterm 1. d. Monats erlassenen Reglements Folgendes an: 

ad §. 1. Die in jedem Falle von Scharlach und Diphtherie zu erstattenden 
Anzeigen sollen schriftlich abgegeben werden und enthalten: des Erkrankten 
Vor- und Zunamen (bei Kindern auch die der Eltern), Alter und Wohnung, bei 
Kindern die von diesen besuchte Schulclasse, den Tag der Erkrankung, sowie 
die muthmaassliche Infectionsweise, kurze Notiz über die eventuellen Maass- 
nahmen, insbesondere die Art und Zuverlässigkeit der Isolirung oder Absper¬ 
rung; am Schlüsse den Namen des Anzeigenden und Datum der Erstattung. 

Die Anzeige ist unter Couvert auf dem kürzesten Wege dem Kreisärzte zuzu¬ 
stellen, am Wohnort des letzteren diesem direct, etwa unter Inanspruchnahme 
der Polizeibedienßteten (Schutzmänner, Polizeidiener), in den Landorten in der 
Weise, dass — zur Vermeidung von „Strafporto“ — durch Vermittelung der 
Bürgermeisterei der betreffenden Gemeinde deren Dienstsiegel auf das (von dem 
Arzt direct an das Kreisgesundheitsamt zu adressirende) Schreiben aufgedrückt 
und letzteres mit der Aufschrift „Portopflichtige Dienstsache nicht frei, Epide¬ 
mieanzeige“ von dem Anzeigepflichtigen selbst zur Post gegeben wird. 

Das Kreisgesundheitsamt ist ermächtigt, diese Einläufe als Dienstsache zu 
acceptiren und im Postconto in Verrechnung bringen zu lassen. Auch dann, 
wenn ein Anzeigepflichtiger die Inanspruchnahme der Bürgermeisterei ablehnen 
und das Schreiben einfach unfrancirt, also mit Doppelporto belastet, bei dem 
Kreisgesundheitsamt einlaufen sollte, würde dasselbe anzunehmen sein, sofern 
es nur äusserlich als Epidemieanzeige kenntlich gemacht ist. Es darf übrigens 
von den Aerzten erwartet werden, dass sie im Interesse der Staatscasse jenen 
ersteren Weg ein schlagen. 

ad §. 7. Die den Aerzten und dem Pflegepersonal vor dem Verlassen der 
Krankenwohnung vorgeschriebene Desinfection soll in der Weise geschehen, dass 
sich dieselben Hände und Vorderarme mit einer 4 procentigen Carboisäurelösung 
gründlich abwaschen und sich hierauf 10 Minuten lang Chlordämpfen aussetzen, 
die durch Aufgiessen von verdünnter Salzsäure auf Chlorkalk in einem ver¬ 
schlossenen Raume (Vorplatz, Kammer) entwickelt werden. Den Gemeindevor¬ 
ständen ist empfohlen, die genannnten Desinfectionsmittel im Bedarfsfälle in 
grösseren Quantitäten anzuschaffen. 

Zur Verhütung der Ansteckung und weiterer Uebertragung der Diphtherie 
durch ausgehusteten oder ausgeräusperten oder aus der Nase entfernten Schleim 
empfiehlt es sich, die Auswurfstoffe in mit 1 procentiger Carbolsäure zum Theil 
gefüllten Spukschalen aufzufangen oder mit lediglich zu diesem Gebrauch be¬ 
stimmten Tüchern abzuwischen. Den Aerzten und dem Wartepersonal wird in 
gleicher Absicht empfohlen, während des Verkehrs um den Kranken ein schützen¬ 
des Tuch um Brust und Schulter zu legen. Die in diesen Fällen zur Verwen¬ 
dung gelangten Tücher sollen, sofern nicht deren sofortige Zerstörung durch 
Feuer vorgezogen wird, aus dem Krankenzimmer nur dann entfernt werden, 
wenn dieselben vorher ein oder mehrmals mit kochendem Wasser oder solcher 
Lauge übergossen worden sind. Dasselbe gilt von der bei dem Kranken ge- 


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168 Hygienische Gesetze und Verordnungen. 

brauchten Leib- und Bettwäsche, welche nach dem Ablegen sofort, möglichst 
im Krankenzimmer selbst, mit kochendem Wasser oder Lauge zu übergiessen 
und so nach geschehener Desinfection alsbald zu waschen ist, niemals aber mit 
der Wäsche der übrigen Familienglieder zusammen auf bewahrt werden soll. 

ad §. 8. Nach Ablauf der Krankheit sind solche bei den Kranken in Ver¬ 
wendung oder Gebrauch gekommene Gegenstände, welche nur einen geringen 
Werth besitzen, zu verbrennen. Die Bettstellen sind mit Chlorkalkwasser (2 Pfd. 
Chlorkalk auf einen Eimer Wasser) oder mit heissem Wasser oder Lauge abzu¬ 
waschen, die Bettstücke, soweit deren Inhalt nicht als werthlos zu verbrennen 
sein würde, mit heissem Wasser auszukochen. Letzteres oder heisse Lauge soll 
zur Desinfection bei allen denjenigen Gegenständen des Krankenzimmers zur 
Anwendung kommen, welche deren Einwirkung ohne Beschädigung ertragen, 
wie bei Kleidern, Wäschestücken, Lampris, Thüren, Holzmöbeln zumTheil; auch 
zum Scheuern des Fussbodens ist heisses Wasser oder Lauge zu verwenden; 
Decken und Wände sind abzuwischen, Tapeten mit einem mit Carbollösung 
etwas angefeuchteten Lappen abzuwaschen. Die also gereinigte Krankenstube 
ist bei geschlossenen Thüren und Fenstern einige Stunden hindurch zu über¬ 
heizen, dann zu schwefeln und schliesslich ausgiebig zu lüften, bevor dieselbe 
wieder in Gebrauch genommen wird. Ausweissen und Neutapeziren der Räume 
verdient nach stattgehabter Desinfection und Lüftung den Vorzug. 

Die genesenen Kranken sollen womöglich gebadet, jedenfalls aber gründlich 
abgewaschen werden und erst, wenn dieselben mit frischer Wäsche und gerei¬ 
nigter Kleidung versehen sind, wieder dem Familienverkehr und der Schule 
übergeben werden. Wann letzteres geschehen darf, hängt von der Zustimmung 
des Arztes ab. 

Giessen, am 10. Juni 1882. 

Grossherzogliches Kreisamt. 


Grossherzoglich Sächsische Ministerialverfllgung Tom 4. Juni 1882, betreffend 
Verhütung der Verbreitung ansteckender Krankheiten dnrch die Scholen nnd 

Kinderbewahranstalten. 

Um thunlichst zu verhüten, dass durch den Besuch der Schulen und Kinder¬ 
bewahranstalten (einschliesslich der höheren Lehranstalten, Privatunterricbts- 
anstalten und Kindergärten) der Verbreitung ansteckender Krankheiten Vorschub 
geleistet werde, wird auf Grund des Gesetzes vom 7. Januar 1854 Folgendes 
hierdurch verordnet. 

§. 1. Schüler und noch nicht schulpflichtige Kinder, welche an einer an¬ 
steckenden Krankheit leiden, müssen von dem Besuch einer Schule oder einer 
Kinderbewahranstalt auf so lange ausgeschlossen werden, als sie nicht von dieser 
Krankheit völlig wieder genesen sind. Die Beseitigung ihrer Ansteckungsfahig- 
keit muss, dafern nöthig, auf Erfordern des betreffenden Anstaltevorstandes 
durch ärztliches Zeugniss nachgewiesen werden. 

Der zeitweilige Ausschluss aus der Schule oder Kinderbewahranstalt tritt 
namentlich auch bei solchen Krankheiten ein, bei denen unter Umständen das 
Ausgehen, bezüglich der Genuss freier Luft gestattet oder selbst verordnet zu 
werden pflegt, wie z. B. bei Keuchhusten und contagiöser Augenentzündung. 

Ferner ist thuulichst zu verhüten, dass Schüler und noch nicht schulpflich¬ 
tige Kinder, welche im Beginne einer ansteckenden, aber noch nicht deutlich 
erkennbaren Krankheit, wie Scharlach, Diphtherie, Masern, Ziegenpeter u. s. w. 
stehen und unter Umständen schon in diesem Stadium zur Verbreitung der 
Krankheit geeignet sind, die Schule oder Kinderbewahranstalt noch einige Zeit 


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Hygienische Gesetze und Verordnungen. 169 

fortbesuchen. Die Lehrer und sonstigen Aufsichtspersonen haben daher be¬ 
sonders bei dem epidemischen Auftreten ansteckender Krankheiten auf etwaige 
Krankheitserscheinungen an Zöglingen einer Schule oder einer Kinderbewahr¬ 
anstalt zu achten und müssen diese bei derartigen Erscheinungen, namentlich, 
wenn sich Zeichen von Fieber — lebhaft geröthete, heisse Wangen oder auf¬ 
fällige Blässe des Gesichts und Körperfrösteln — bemerken lassen, sofort aus 
der Schule bezüglich Bewahranstalt nach Hause schicken. 

§. 2. Schüler und noch nicht schulpflichtige Kinder, welche zwar selbst 
nicht krank sind, aber mit einem an Scharlach oder Diphtherie leidenden Kran¬ 
ken in unmittelbarem Verkehr stehen, dürfen ebenfalls eine Schule oder eine 
Kinderbewahranstalt auf so lange nicht besuchen, als nicht die durch ihren 
Verkehr mit dem Kranken begründete Ansteckungsgefahr durch die in §. 3 
vorgeschriebenen Vorkehrungen, oder durch die Wiedergenesung des Kranken, 
als beseitigt anzusehen und dies, dafern nöthig, auf Erfordern des betreffenden 
Vorstandes der Schule oder Kinderbewahranstalt vom Arzt bezeugt ist. 

Für Zeiten des epidemischen und bösartigen Auftretens anderer anstecken¬ 
der Krankheiten als Scharlach und Diphtherie, z. B. bei Masern, Ruhr u. s. w., 
dürfen die vorstehenden Bestimmungen dieses Paragraphen auf Antrag des 
Amtsphysicus durch den zuständigen Vorstand der Schule oder Kinderbewahr¬ 
anstalt auch auf diese Krankheiten erstreckt werden. Vergl. §. 4. 

Beim Ausbruch von Pocken und Varioloiden bewendet es übrigens bei der 
Vorschrift unter Ziffer 3 der Ministerialbekanntmachung vom 28. November 
1865 (Regierungsblatt S. 565), dass alle in einem Blatternhause wohnenden Schul¬ 
kinder je nach ärztlicher Beurtheilung vier bis sechs Wochen lang den Besuch 
der Schule einzustellen haben. 

§. 3. Die im Grossherzogthum practicirenden Aerzte sind verpflichtet, bei der 
Behandlung ansteckender Kranker wegen thunlichster Isolirung derselben, sowie 
wegen gehöriger Desinficirung der ansteckungsfähigen Abgänge, Betten, Wäsche 
und Kleidungsstücke, wo nöthig auch des Krankenzimmers das Erforderliche 
anzuordnen. Wird von dem betreffenden HaushaltungsVorstände diesen Anord¬ 
nungen aus Widerspenstigkeit keine Folge geleistet oder kann wegen Armuth 
oder wegen besonderer häuslicher Verhältnisse denselben nicht entsprochen 
werden, so hat der behandelnde Arzt dem betreffenden Gemeindevorstande hier¬ 
von Anzeige zu machen und dabei zugleich zu begutachten, welche Maassregeln 
in der Wohnung des Kranken anzuordnen seien und wie es mit dem Besuche 
der Schule und bezüglich Kinderbewahranstalt seitens der in der fraglichen 
Haushaltung wohnenden Schüler und bezüglich noch nicht schulpflichtigen 
Kinder zu halten sei. 

Auf Grund dieser Anzeige hat der Gemeindevorstand sodann die nach dem 
ärztlichen Gutachten zur Isolirung und Desinficirung nöthigen polizeilichen 
Maassregeln unter Androhung entsprechender Zwangsstrafen zu treffen, in sol¬ 
chen Fällen aber, wo diese Maassregeln wegen besonderer Verhältnisse nicht 
durchführbar erscheinen, unter allen Umständen den Vorständen der Schulen 
und Kinderbewahranstalten, welche von Schülern und noch nicht schulpflichtigen 
Kindern, die mit dem Kranken unmittelbaren Verkehr haben, besucht werden, 
Nachricht zu geben, damit dieselben in Gemässheit der in §. 2 gegebenen Vor¬ 
schriften verfahren können. 

§. 4. Wenn beim Ausbruch einer gefährlichen Epidemie der Grossherzog¬ 
liche Bezirksdirector zufolge der Ermächtigung unter Ziffer IV der Ministerial- 
Verordnung vom 23. Februar 1876 auf Antrag des zuständigen Amtsphysicus für 
gewisse von der Seuche betroffene oder bedrohte Ortschaften seines Verwaltungs¬ 
bezirks die Verpflichtung aller daselbst practicirenden Aerzte zur Anzeige der 
bezeichneten Krankheitsfälle an die betreffenden Gemeindevorstände angeordnet 
hat, so müssen die letzteren die Vorstände der Schulen und Kinderbewahr¬ 
anstalten ihres Gemeindebezirks von dem Ausbruch der fraglichen Krankheit in 




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Hygienische Gesetze und Verordnungen. 

solchen Haushaltungen benachrichtigen, in welchen Kinder wohnen, die eine der 
gedachten Anstalten besuchen. 

§. 5. Zuwiderhandlungen gegen vorstehende Bestimmungen werden, inso¬ 
weit nicht §. 327 des Beichsstrafgesetzbuchs in Anwendung zu kommen hat, an 
den Haushaltungsvorstanden, an den Vorständen^, Lehrern und Aufsichtsper¬ 
sonen von Privatunterricht8anstalten und Privatkinderbewahranstalten, sowie an 
den Privatärzten mit Geld bis zu 100 Mark oder entsprechender Haft bestraft, 
an den im Staats- oder im Gemeindedienst stehenden Vorständen, Lehrern und 
Aerzten dagegen, disciplinarisch geahndet, 

Weimar, am 4. Juni 1882, 

Grossherzoglich es Staatsministerium. 


Herzoglich Anhai tsche Polizei Verordnung vom tt. Juni 1882, betreffend 
Weiterverbreitung ansteckender Krankheiten durch Leichen. 

Zur Verhütung der Weiter Verbreitung von ansteckenden Krankheiten durch 
Leichen wird hierdurch landespolizeilich verordnet, was folgt: 

Die Leichen aller Personen, welche an ansteckenden epidemischen Krank¬ 
heiten, namentlich an Cholera, Pocken, Typhus, Diphtherie, Ruhr, Scharlach oder 
Masern gestorben sind, müssen, sobald der Eintritt des Todes ärztlich festgestellt 
worden ist, in besondere, möglichst isolirte Räume gebracht und darin bis zur 
Beerdigung unter Anwendung der erforderlichen Desinfectionsmaassregeln auf¬ 
bewahrt werden. 

Jede Ausstellung derartiger Leichen ist verboten, auch darf bei der Beer¬ 
digung derselben keine Versammlung des Leichengefolges im Sterbehause statt¬ 
finden. 

\ Zuwiderhandlungen gegen die vorstehenden Bestimmungen werden mit 
Geldbusse bis zu 30 Mark oder mit Haft bestraft. 

Des8au, den 6. Juni 1882. 

Herzogliche Regierung. 


Grossherzoglich Badische Hinisterialverfügung vom 20« Juli 1882, betreffend 
Begräbnissplätze und Beerdigungen. 

Unter Aufhebung der Verordnung vom 6. November 1838 wird verordnet, 
was folgt: 

§. 1. Die Anlage und Erweiterung einer Begräbnissstätte bedarf der staats¬ 
polizeilichen Genehmigung, welche von dem Bezirksamte nach Benehmen mit 
dem Bezirksarzte ertheilt wird. 

§. 2. Die Begräbnissplätze sind in einer Entfernung von mindestens 100 m 
von den äussersten Wohngebäuden der Ortschaften anzulegen. Bei Bemessung 
der Entfernung ist auf die voraussichtliche Ausdehnung der Ortschaften Rück¬ 
sicht zu nehmen. 

Bei der Wahl des Begräbnissplatzes ist einem Boden aus Sand oder Kies 
der Vorzug zu geben; er soll keiner Ueberschwemmung ausgesetzt und so 
trocken sein, dass er zu jeder Jahreszeit bis zu einer Tiefe von 2m ausge¬ 
graben werden kann, ohne dass man auf Wasser stösst. 

Nöthigenfalls ist der Boden aufzufüllen oder zu entwässern. Dass von oder 
unter dem Begräbnissplätze abfliessende Wasser soll seine Richtung nicht gegen 
Ortschaften oder Brunnen nehmen. 


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Hygienische Gesetze und Verordnungen. 171 

§. 3. Neue Wohngebäude dürfen in der nächsten Nähe des Begräbniss- 
platzes nicht errichtet werden. Nähere Bestimmungen hierüber, sowie über 
die Errichtung von Brunnen in der Nähe von Friedhöfen bleiben ortspolizei¬ 
lichen Vorschriften überlassen. 

§. 4. Der Umfang des Begräbnissplatzes wird mit Rücksicht auf die für die 
Oeffnung der Gräber bestimmten Fristen (§. 5) und auf die gewöhnlichen Sterb¬ 
lichkeitsverhältnisse bemessen. 

§. 5. Das Bezirksamt bestimmt im Benehmen mit dem Gemeinderathe und 
dem Bezirksarzte für jeden Begräbnissplatz die Frist, nach deren Ablauf die 
Gräber geöffnet werden dürfen. 

Die Fristen sind mit Rücksicht auf die Boden- und Feuchtigkeitsverhältnisse 
auf 15 bis 25 Jahre, für Gräber von Kindern unter 10 Jahren auf 9 bis 15 Jahre 
festzusetzen. 

§. 6. Die Gräber sind 1*5 m tief, für Kinder unter 10 Jahren dagegen nur 
1 m tief zu graben. Die Entfernung der Gräber von einander soll zur Bildung 
einer Zwischenwand 0*3 bis 0*5 m betragen. Für jeden Sarg ist ein besonderes 
Grab anzulegen. 

§. 7. Die Anlage der Gräberreihen richtet sich nach den von dem Gemeinde¬ 
rathe für jede Begräbnisstätte zu treffenden Anordnungen. Es sind jedesmal 
zwei Gräberreihen anzulegen, für Kinder unter 10 Jahren und für Erwachsene. 

Die Beerdigungen geschehen in der betreffenden Reihe, wie sie der Zeit 
nach auf einander folgen. 

In der Kinderreihe können für Kinder unter einem Jahr zwei Gräber der 
Länge nach angebracht werden. 

§. 8. In wie weit Beerdigungen ausser der Reihe oder in gemauerten Grüf¬ 
ten Btattfinden können, bestimmen die örtlichen Friedhofordnungen. 

§. 9. Zur Aufnahme in die Gräber sind in der Regel nur Särge von wei¬ 
chem, leicht verweslichem Holze zuzulassen. 

§. 10. Die Begräbnisstätte ist mit einer Mauer oder einem lebendigen 
Haage zu umgeben, mit den erforderlichen Wegen zu versehen und mit Gesträu¬ 
chen und Gras zu beflanzen. 

§. 11. Sollen Grüften oder vor Ablauf der bestimmten Fristen (§. 5) Gräber 
geöffnet werden, so ist dem Bezirksarzte vorher Anzeige zu erstatten und 
müssen die von ihm anzugebenden Vorsichtsmaassregeln beobachtet werden. 

§. 12. Der Boden einer geschlossenen Begräbnisstätte darf erst nach 
20 Jahren, oder wenn eine längere Frist für die Oeffnung der Gräber bestimmt 
ist (§. 5), nach Ablauf dieser Frist überbaut oder umgegraben werden. 

§. 13. Für jede Begräbnisstätte ist ein Todtengräber aufzustellen und 
vom Bezirksamt zu verpflichten. 

Der Todtengräber oder Friedhofsaufseher hat ein Begräbnissbuch zu führen, 
in welches Namen, Geschlecht und Alter der Begrabenen nach der Reihenfolge 
der Gräbernummern und mit Angabe des Tages der Bestattung einzutragen ist. 

Auf grösseren Friedhöfen ist die Nummer des Grabes auch auf diesem selbst 
anzubringen. 

§. 14. Auf Antrag des Bezirksarztes kann das Bezirksamt die Schliessung 
einer Begräbnisstätte anordnen, wenn deren fernere Benutzung die öffentliche 
Gesundheit gefährdet. 

Karlsruhe, den 20. Juli 1882. 

Grossherzogliches Ministerium des Innern. 


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172 


Entscheidungen deutscher Gerichtshöfe. * 


n. Entscheidungen deutscher Gerichtshöfe. 

Genusamittelfälschung. 

1. Eine Fälschung liegt nicht bloss bei stofflicher Ver¬ 
änderung eines Nahrungsmittels vor, sondern auch, 
wenn der Schein der Beschaffenheit verbessert wird, 
während die Beschaffenheit selbst in ihrem schlechten 
Zustande verbleibt. — §.10 Abs. 1 Reichsgenussmittelgesetz vom 
14. Mai 1879. 

Aus den Entscheidungsgrunden: Die Verwerfung der Revision erfolgte, 
trotz der, wie das nachstehende Urtheil zeigt, rechtsirrigen Auslegung des §. 10 
des Reichsgenusemittelgesetzes Seitens des Vorrichters, weil derselbe zugleich 
festgestellt hatte, dass die Handlungsweise des Angeklagten nicht mit der Absicht 
einer Täuschung des Publicums vorgenommen worden sei, demgemäss das Ur¬ 
theil aber nicht allein auf der irrigen Auslegung beruhte. Das Landgericht hat 
als erwiesen angenommen, dass Angeklagter auf dem Wochenmarkte zu Berlin 
10 kg Dorsch feilgeboten, deren Kiemen er mit einer rothen Farbe bestrichen 
hatte, um den Fischen ein besseres äusseres Ansehen zu geben. Das Merkmal 
des „Verfälschens“ eines Nahrungsmittels im Sinne des §. 10 Nr. 1 des Reichs- 
Gesetzes vom 14. Mai 1879 in diesem Thatbestande wird verneint, weil zum Be¬ 
griffe der Verfälschung erforderlich sei, dass die Substanz der Sache selbst eine 
Aenderung erfahre. 

Die Strafkammer nimmt hiernach an, dass in dem Bestreichen der Fisch¬ 
kiemen mit einer rothen Farbe eine Veränderung in der Substanz der Fische 
nicht liege und hat damit den Begriff der Verfälschung zu enge aufgefasst. 
Richtig ist v dass das Verfälschen eines Nahrungs- oder Genussmittels eine 
Manipulation mit der Sache voraussetzt, welche zwar das Wesen derselben, wie 
dieses die Bezeichnung darstellt, womit dem Publicum die Waare angeboten 
werden soll, nicht auf hebt, die Beschaffenheit selbst aber zu einer schlechteren 
macht, als in Folge des der Sache gegebenen Aussehens von dem etwaigen 
Käufer und Consumenten vorausgesetzt werden darf. Es bildet dies den Gegen¬ 
satz zu dem „Nachmachen“, d. h. der Herstellung einer Sache und Bezeich¬ 
nung derselben mit dem Namen eines Nahrungs- oder Genussmittels, welche 
mit dem Wesen der Sache, wie dieses durch die Bezeichnung bestimmt wird, 
nicht übereinstimmt. Aber die hiernach zur Verfälschung nothwendige Ver¬ 
änderung braucht nicht nothwendig die stoffliche Zusammensetzung der Sache 
zu betreffen. Die Incongruenz der wirklichen mit der scheinbaren Beschaf¬ 
fenheit kann, wie dieses in den Verhandlungen des vorliegenden Gesetzes im 
Reichstage Seitens der Regierung hervorgehoben worden ist, nicht bloss dadurch, 
dass die Beschaffenheit verschlechtert, der Schein der besseren Beschaffenheit 
aber erhalten bleibt, sondern auch dadurch hervorgerufen werden, dass der Schein 
der Beschaffenheit verbessert wird, die schlechtere wirkliche Beschaffenheit aber 
in ihrem ursprünglichen Zustande verbleibt. In diesem Sinne erhielt §. 10 des 
Gesetzes im Entwürfe einen Zusatz, weicher bezweckte den Begriff „verfälschen“, 
welcher im §. 367 Nr. 7 des Reichsstrafgesetzbuches ohne nähere Begriffsbestim¬ 
mung vorkomme, und in der Rechtsübung zu Schwierigkeiten Veranlassung ge¬ 
geben habe, namentlich aber als zu eng bezeichnet worden sei, aufzulösen, und 
zwar mit den Worten „dadurch verfälscht, dass er dieselben mittelst Entneh- 
mens oder Zusetzens von Stoffen verschlechtert oder dass er dieselben mit dem 
Schein einer besseren Beschaffenheit versieht.“ Dabei wurden als Fälle, wo die 
letztere Alternative zutreffe, sowohl diejenigen bezeichnet, wo der Waaro der 
Anschein einer besseren Beschaffenheit gegeben wird, als ihremWesen entspricht, 


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Entscheidungen deutscher Gerichtshöfe. 173 

als auch diejenigen, wo eine Verschlechterung, welche in ihrem Wesen ein¬ 
getreten ist, verheimlicht, verdeckt oder nicht erkennbar gemacht wird, und als 
Beispiel in dieser Beziehung gerade der dem vorliegenden analoge Fall angeführt, 
dass rohem nicht mehr frischem Fleisch durch künstliche Mittel das Aussehen 
des frisch geschlachteten gegeben werde. Die Commission des Reichstages trat 
dieser Fassung des Regierungsentwurfs bei, und wenn, wie geschehen, der 
Reichstag von einer Begriffsbestimmung des Verfalschungsbegriffs im Gesetze 
selbst glaubte absehen und die Entscheidung im einzelnen Falle, ebenso wie im 
Falle des §. S67 Nr. 7 des Reichsstrafgesetzbuches, dem richterlichen Ermessen 
überlassen zu sollen, so ist dies wenigstens nicht aus Gründen geschehen, welche 
auf der Unrichtigkeit der gegebenen Begriffsbestimmung in dem hier frag¬ 
lichen Punkte beruhten. Im Gegentheil hat der Bevollmächtigte des Bundes- 
rathes, als er die Erklärung abgab, dass die Weglassung der Begriffsbestimmung 
für den Gesetzentwurf und seine Wirkungen nicht von wesentlichem Nachtheil 
sein werde, und die Erwartung aussprach, dass der Richter, auch wenn er nicht 
die Kriterien vor sich habe, welche die Ziffer 1 des §. 10 gebe, im Stande sein 
werde, das Vorhandensein einer Verfälschung zu erkennen, wiederholt und 
ohne welchen Widerspruch als Fall der Fälschung auf das Beispiel hingewiesen, 
dass altem Fleische durch Bestreichen mit Salz der Anschein des frisch geschlach¬ 
teten gegeben wird. Die Beweisnahme des ersten Richters, dass durch das Be¬ 
streichen der Kiemen den Fischen ein besseres Aussehen habe gegeben werden 
sollen, läst sich aber nur dahin verstehen, dass das verschlechterte äussere An¬ 
sehen der Fische, welches auch auf eine verschlechterte Qualität, namentlich 
den nicht frischen Zustand derselben, einen Schluss gestattet, durch künstliches 
Herstellen der Rothe der Kiemen, welche bekanntlich für das kaufende Publicum 
ein wesentliches Erkennungszeichen in dieser Richtung bildet, hat verbessert 
werden sollen, womit die Voraussetzung einer Verfälschung gegeben wäre.“ 
(Erkenntniss des II. Strafsenats des Reichsgerichts vom 2. Decemberl881 wider 
Schröter; Braun und Blum, Aunal. Bd. V, S. 35 ff.) 

2. Die Einziehung gefälschter Genussmittel ist Sache des 
freien richterlichen Ermessens und daher der Nachprü¬ 
fung des Revisionsgerichts entzogen. — §§. 10, 15, Reichs- 
genussmittelgesetz vom 14. Mai 1879. 

Die Revision, welche sich nur gegen den die Einziehung des gefälschten 
Weines verfügenden Ausspruch des Urtheils richtet, ist nicht gerechtfertigt. 
Der Umstand, dass zufolge des §. 15 des Reichsgesetzes über den Verkehr mit 
Nahrungsmitteln in den Fällen des §. 10 des genannten Gesetzes die Einziehung 
nicht geboten ist, dagegen verfügt werden kann, bewirkt nur, dass in diesen 
Fällen die Anwendung dieser Befugniss in das Ermessen des urtheilenden Gerichts 
gestellt ist. Darüber aber, ob im einzelnen Falle Anlass vorlag, von diesem 
Ermessen Gebrauch zu machen, oder nicht, insbesondere also auch, ob etwa 
wegen Nichtvorhandenseins einer Gesundheitsschädlichkeit oder wegen der 
schweren vermögensrechtlichen Wirkung der Einziehung für den Angeklagten 
Anlass zur Nichtanwendung dieser Befugniss gewesen sei, ist dem Revisions¬ 
gericht die Nachprüfung entzogen. (Erkenntniss des I. Strafsenats des Reichs¬ 
gerichts vom 5. December 1881 wider Weil; Braun und Blum, Annal. Bd. V, S. 37.) 

3. Strafbarkeit des Verkaufs verdorbenen Getreides. 

Das Reichsgenussmittelgesetz vom 11. Mai 1879 bezieht sich auf alle mensch¬ 
lichen Nahrungs- und Genussmittel, gleichviel, ob der Stoff roh oder verarbeitet 
oder erst in Verbindung mit anderen Stoffen zum Nahrungs- und Genussmittel 
wird. Die Behauptung, dass es auf den Verkauf gesundheitsgefahrlichen Ge¬ 
treides nicht angewendet werden darf, weil Getreide nicht direct zu den Nah- 


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174 Entscheidungen deutscher Gerichtshöfe. 

rungsmitteln gehöre, sondern erst das daraus bereitete Mehl als Nahrungsmittel 
bezeichnet werden könne, findet in dem Wortlaut des Gesetzes keine Begründung. 
Zwar ist das Getreide im unverarbeiteten Zustande nicht geeignet, als Nahrungs¬ 
mittel für Menschen zu dienen. Dasselbe gilt aber auch von dem aus Getreide 
bereiteten Mehl. Das Gesetz war weit davon entfernt, seine Vorschriften auf 
solche Gegenstände zu beschränken, welche in demselben Zustande, in welchem 
sie in den Verkehr kommen, sofort ein menschliches Nahrungsmittel bilden. 
Zwar bezieht es sich nur auf menschliche Nahrungs- und Genussmittel, umfasst 
diese aber allgemein und ohne Unterschied, ob der Gegenstand, welcher objectiv 
zur Nahrung-oder zum Genuss für Menschen dienen kann, als ein menschliches 
Nahrungs- oder Genussmittel verkauft, feilgehalten oder sonst in Verkehr 
gebracht wird, und zwar in diesem Zweck allein oder erst, wenn er mit anderen 
Stoffen verbunden worden ist — in rohem oder erst verarbeitetem Zustande — 
verwendbar ist. Daher ist, wer verdorbenes Getreide verkauft, strafbar. (Er- 
kenntniss des Reichsgerichts von 1881. Datum constirt nicht; Berliner Gerichts¬ 
zeitung 1882, Nr. 33.) 

4. Begriffsbestimmung von „verfälscht“ and „verdorben“. Der Be¬ 
griff des Wortes „verdorben“ im Sinne des §. 10 Absatz 2 des 
Genussmittelgesetzes vom 14. Mai 1879 steht zunächst im 
Gegensatz zu „verfälscht“, d. h. zu der absichtlichen Ver¬ 
schlechterung. Er besteht in einer Veränderung des 
ursprünglichen oder normalen Zustandes eines Nah¬ 
rungs- oder Genussmittels zum Schlechtem, so dass es 
zu seinem bestimmten Zweck minder tauglich und ver- 
werthbar ist, insbesondere etwa Ekel erregt. Dad Ge¬ 
setz erfordert für den Begriff der Verdorbenheit weder 
eine innere Zersetzung der Substanz noch die Ungeniess- 
barkeit. — §§. 10 bis 14, Genussmittelgesetz vom 14. Mai 1879. 

Aus den Entscheidungsgründen: Die Freisprechung des Angeklagten 
von dem im §. 10 Absatz 2 des Reichsgesetzes vom 14. Mai 1879 bedrohten Ver¬ 
gehen hat der Instanzrichter daraus hergeleitet, dass das zum Verkauf gebrachte 
finnenhaltige Schweinefleisch, nachdem ihm mittelst der Einlegung in Salzlösung 
nicht nur, wie anzunehmen, die Gesundheitsschädlichkeit benommen, sondern 
auch der Uebergang desselben in den Zustand der Ungeniessbarkeit durch innere 
Zersetzung des Fleisches verhindert worden, nicht im Sinne des citirten Para¬ 
graphen als „verdorben“ bezeichnet werden könne. 

Nach dem Vorgänge des §. 345 Absatz 5 des Preussischen Strafgesetzbuches 
findet sich der Ausdruck „verdorben“ schon im §. 367 Absatz 7 des Reichsstraf¬ 
gesetzbuches in der Zusammenstellung mit „verfälscht“, im Gesetze vom 14. Mai 1879 
in der Zusammenstellung mit den Worten „verfälscht“ und „nachgemacht“. 
Der Ausdurck „verfälscht“ weist auf eine absichtliche, in der Wegnahme oder 
dem Zusatze von Stoffen bestehende, eine Verschlechterung bewirkende mensch¬ 
liche Handlung; im Gegensatz hierzu der Ausdruck „verdorben“ auf eine Eigen¬ 
schaft, welche nicht in Folge einer absichtlichen unter den Begriff der Ver¬ 
fälschung fallenden menschlichen Handlung entstanden ist. Das positive Moment 
des Verdorbenseins besteht in einer Aenderung der ursprünglich vorhanden 
gewesenen oder des normalen Zustandes des Nahrungs- oder Genussmittels zum 
Schlechtem mit der Folge verminderter Tauglichkeit und Verwerthbarkeit 
zu einem bestimmten Zweck. In Beziehung auf welchen Zweck diese Vermin¬ 
derung eingetreten sein muss, ergiebt sich aus der bei Erlass des Gesetzes vom 
14. Mai 1879 vom Gesetzgeber gehegten Absicht, welche in erster Linie dahin 
ging, die menschliche Gesundheit vor gewissen, aus dem Verkehr mit Nahrungs¬ 
und Genussmitteln und mit gewissen Gebrauchgegenständen erwachsenen und 
ferner befürchteten Gefahren besser zu schützen, als es nach der bis dahin 


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Entscheidungen deutscher Gerichtshöfe. 175 

geltenden Gesetzgebung (besonders §§. 263, 367 Absatz 7 dbs Reichsstrafgesetz- 
buches) möglich gewesen war. Ist durch jene Verschlechterung eines Nahrungs¬ 
oder Genussmittels das letztere gesundheitsgefährlich geworden und hat der 
Verkäufer etc. desselben dies gewusst, so greifen die §§. 12, 13, 14 des Genuss¬ 
mittelgesetzes Platz. Die §§. 10 und 11 des Genussmittelgesetzes beziehen sich 
auf ein Verdorbensein, welches entweder objectiv nicht geeignet ist, Gefahr für 
die menschliche Gesellschaft herbeizuführen, oder bei welchem diese Gefährdung 
wenigstens ausserhalb derjenigen Kenntniss geblieben ist, die beim Verkäufer 
vorhanden war oder bei genügender Achtsamkeit und Aufmerksamkeit vorhanden 
gewesen sein würde. Strafbar aber ist der Verkäufer iftuner, sobald das gekaufte 
Genussmittel wieder tauglich und verwerthbar für den Zweck geworden ist, dem 
es als solches zu dienen hatte, also für den Zweck der Ernährung, bezüglich 
des Genusses. Das Gesetz verfolgt den Zweck, der aus eigennützigen Motiven 
entspringenden Unreellität im Verkehr entgegenzuwirken. Der Kauflustige soll 
über die wirkliche Beschaffenheit der Waare nicht im Unklaren gelassen werden. 
Die Strafbarkeit der Handlung des Verkäufers ist dadurch bedingt, dass der¬ 
selbe dem Kauflustigen die wirkliche Beschaffenheit der Waare verschwiegen oder 
verborgen und denselben hierdurch verleitet hat, etwas zu kaufen, was er, wenn 
er dessen Beschaffenheit gekannt hätte, als ein ihm passendes Nahrungsmittel 
oder Genussmittel nicht erachtet haben würde. Als zum Gennas ungeeignet 
oder minder geeignet, mit anderen Worten als „verdorben“ müssen auch die¬ 
jenigen Gegenstände bezeichnet werden, deren Genuss in Folge einer Veränderung 
Ekel erregt, und zwar nicht bloss bei dieser oder jener einzelnen Person nach 
dem individuellen Geschmack derselben, sondern nach der gemeinen Anschauung 
oder doch nach der Anschauung derjenigen Bevölkerungsclassen, welcher der 
Kauflustige angehört. (Erkenntniss des II. Strafsenats des Reichsgerichts vom 
2. December 1881; Blum und Braun, Annal. Bd. IV, S. 473 ff.) 

/ 

5. Ist das Fleisch ungeborener Kälber als verdorbenes 
Fleisch im Sinne des Nahrungsmittelgesetzes vom 14. Mai 
1879 anzusehen? 

Dem Arbeiter W. Schulz, welcher auf einem der Berliner Wochenmärkte 
Fleisch feil hatte, wurde dasselbe confiscirt, da der betreffende Beamte es seinem 
Aussehen nach für verdorben hielt. Der Kreisthierarzt Dr. H. erkannte dasselbe 
als Fleisch eines ungeborenen Kalbes und Schulz wurde gemäss seines Gutach¬ 
tens unter Anklage wegen Vergehens gegen das Nahrungsmittelgesetz gestellt. 
Jenes Gutachten des Dr. H. ging dahin, dass derartiges Fleisch von den Vete¬ 
rinär-Autoritäten in jedem Falle als zum Genüsse ungeeignet und deshalb als 
verdorben erklärt werden müsse. Dagegen konnte Professor Liman so unbedingt 
sich diesem Gutachten nicht anschliessen, war vielmehr selbst der Ansicht und 
bezog sich auf ein Gutachten des Professors Gerhardt, wonach solches Fleisch 
vom medicinischen Standpunkte aus nicht eo ipso als gesundheitsschädlich an¬ 
gesehen werden könne, wie es denn auch in seinem Aeusseren sich von anderem 
Fleische nicht derartig unterscheide, dass man auf den ersten Blick seine Be¬ 
schaffenheit erkennen könne. Auf Grund dieses Gutachtens beantragte die 
Staatsanwaltschaft die Freisprechung. Der Gerichtshof erkannte jedoch nicht 
diesem Anträge entsprechend, meinte vielmehr, dass der Angeklagte schon durch 
den überaus niedrigen Preis, zu welchem er das fragliche Fleisch feilgeboten, 
dargethan habe, dass er die Eigenschaft desselben kannte und dass ein solches 
Fleisch auch als verdorben im Sinne des Nahrungsmittelgesetzes angesehen 
werden müsse und verurtheilte demgemäss den Angeklagten zu 30 Mk. Geldbusse. 
(Erkenntniss der III. Ferienstrafkamraer des Landgerichts I. zu Berlin vom 
28. Juli 1882.) 


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176 


Kleinere Mitteilungen. 


Kleinere Mittheilungen. 


Ueber die Vertragbark eit der Masern, des Scharlachs und der Blattern 
dnrch dritte Personen hielt Herr Obermedicinalrath Dr. Kerschensteiner 
im ärztlichen Verein zu München einen Vortrag 1 ), in welchem er die Frage 
behandelte: „Sind die Erreger dieser Krankheiten durch Dritte, d. i. gesund 
bleibende Personen yertragbar oder nicht?“ Als solche Personen meint er 
die behandelnden Aerzte und das Pflegepersonal, die Familienangehörigen ein¬ 
schliesslich der Dienstboten und alle anderen den Kranken oder dessen Familie 
besuchenden Personen. Was speciell die Aerzte betrifft, so stellt Kerschen¬ 
steiner die Behauptung auf, dass unanfechtbare Beobachtungen, welche be¬ 
weisen, dass Aerzte die genannten Krankheiten vertragen haben, nicht existi- 
ren und stützt diese Behauptung auf seine vieljährigen, sehr ausgedehnten 
eigenen Erfahrungen, nach welchen nie eine Uebertragung durch einen Arzt 
nachzuweisen gewesen sei und viele entgegenstehende Behauptungen sich bei 
genauer Prüfung der Verhältnisse als nicht stichhaltig erwiesen hätten. In 
Betreff der Familienangehörigen macht Kerschensteiner auf die Folgen auf¬ 
merksam, die die Lehre von der Uebertragbarkeit der betreffenden Krankheiten 
durch Gesunde consequenter Weise haben müsse, indem sämmtlichen Familien¬ 
angehörigen während der ganzen Dauer der Krankheit jeder Ausgang in ihr 
Geschäft, Laden, Werkstätte, Gastzimmer, Theater, Kirche etc., den Dienstboten 
der Gang auf den Markt, in die Fleischhallen, Bäcker- und Krämerladen, „ja 
sogar das Holen des Abendbiers“ verboten werden müsste. Dann aber wendet 
sich Kerschensteiner zu der sehr wichtigen Frage der Gestattung oder des 
Verbots des Schulbesuchs für die gesunden Geschwister erkrankter Kinder, wo¬ 
bei er in drastischer Weise die Unmöglichkeit eines solchen conscquent durch¬ 
geführten Verbots nachweist, namentlich auch soweit es sich auf die bereits durch¬ 
seuchten Geschwister erstreckt. Nachdem er so versucht hat zu zeigen, dass, je 
weiter man die Consequenzen der Annahme der Verschleppung der genannten 
Krankheiten durch Dritte sich fortgesetzt denke, um so mehr sich die Unmög¬ 
lichkeiten bis schliesslich zum Absurdum steigern, stellte er die These auf: 
„Blattern, Scharlach und Masern sind durch dritte Personen, welche 
selbst gesund bleiben, nicht vertragbar“. 

Bei der hierauf folgenden Discussion, welche sich durch mehrere Sitzungen 
hinzog, trat den Ansichten Kerschensteiner’s zunächst Professor Dr. Ranke 
sehr entschieden entgegen, der die Frage aber etwas anders präcisirte, nämlich 
ob das Contagium durch Gegenstände, welche mit dem Kranken wäh¬ 
rend der Krankheit in Berührung kommen, vertragen werden könne. 
Diese Frage bejaht er entschieden, hält „theoretisch gesprochen“ auch die Ueber¬ 
tragung durch den Arzt für möglich, hält solche Fälle aber für „sehr selten“ und 
giebt zu, dass sie ihm in seiner Praxis nicht vorgekommen seien. In Betreff 
des Schulbesuchs gesunder Geschwister nimmt Ranke eine vermittelnde Stel¬ 
lung ein, indem er diesen unter Umständen, namentlich bei ärztlich bescheinig¬ 
ter genügender Isolirung des Kranken, gestattet wissen will. 

In der grossen Reihe der nun folgenden Redner, die zahlreiche Fälle aus 
ihrer eigenen Praxis, mehr aber noch aus der Praxis anderer Collegen mitthei- 


*) S. Bayer, ärztl. Intell-Bl. XXIX, S. 413, 425, 437, 447. 


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Kleinere Mittheilungen. 177 

len, Fälle die eine Uebertragung durch Gesunde mit grösserer oder geringerer 
Wahrscheinlichkeit darthun sollen, ist nicht Einer — und es sind darunter 
manche mit sehr ausgedehnter und sehr vieljähriger Praxis in den Städten und 
auf dem Lande —, der in seiner eigenen Praxis einen Fall erlebt hätte, in wel¬ 
chem er mit Sicherheit behaupten könnte, die Krankheit vertragen zu haben. 

ln seinem Schlussworte sucht Dr. Kerschenstein er die zahlreichen an¬ 
geführten Fälle von Vertragung der Krankheiten durch Gesunde im Einzelnen 
zu widerlegen, ihnen eine andere Deutung zu geben und giebt als Schlussergeb¬ 
nisse der ganzen Discussion eine Reihe von Sätzen, welche besagen, dass die 
häufigste Art der Ansteckung bei Blattern, Scharlach und Masern die unmittel¬ 
bare, vom Kranken ausgehende sei, dass die Vertragung des Krankheitskeims 
durch dritte Personen nur ganz ausnahmsweise geschehe, dass aber eine Ver¬ 
schleppung durch Gegenstände, welche von den Kranken selbst benutzt wor¬ 
den seien, zur unmittelbaren Uebertragungsart gerechnet werden müsse und 
leitet hieraus als praktische Schlussfolgerung ab, „dass bei den genannten 
drei Krankheiten der Verkehr von den Kranken zu Gesunden durch dritte Per¬ 
sonen freigegeben werden dürfe, dass aber Alles vorzukehren sei, was directe 
unmittelbare Ansteckung erzeugen könne“. A. S. 


Ueber die im Jahre 1881 in Prenssen auf Trichinen nnd Finnen unter¬ 
suchten Schweine giebt H. Eulenberg seine nach amtlichen Quellen mit- 
getheilte jährliche Uebersicht 1 ), die, wenn auch nicht das ganze Material der 
Monarchie umfassend — da nicht überall die mikroskopische Fleischschau obli¬ 
gatorisch ist —, sich doch auf 3 118 780 Schweine erstreckte. Von diesen wurden 
1695 trichinös befunden, es kam mithin auf 1839 Schweine ein trichinöses, eine 
Zahl, die etwas günstiger als im Vorjahre ist. Das ungünstigste Verhältnis bot 
der Regierungsbezirk Posen, in dem bereits auf 221 untersuchte Schweine ein 
trichinöses kam, das günstigste der Regierungsbezirk Münster, in welchem fast 
20 000 Schweine untersucht wurden, ohne dass eins trichinös befunden wurde. Diese 
fast 20000 Schweine in Münster Bind von 252 amtlichen Fleischbeschauern 
untersucht worden, die also Alle, so zu sagen, vergeblich gesucht haben. Wenn 
man bedenkt, dass diese Jahr aus Jahr ein dieses selbe Geschäft mit gleich oder 
ähnlich negativem Erfolg betreiben, wenn man sich überhaupt klar macht, dass in 
Preussen 18581 amtliche Fleischschauer in Thätigkeit sind, die jene 1G95 trichi¬ 
nöse Schweine gefunden haben, dass also nur von je 110 einer einmal im Jahr 
ein trichinöses Schwein gefunden hat, so zu sagen für seine monotone, mühselige 
Beschäftigung belohnt worden ist, so könnten Manchem doch vielleicht einige 
Bedenken an dem Werth dieser Untersuchungen kommen. Und in der That 
geben die Mittheilungen Eulenberg’s über die bei Menschen beobachteten 
Fälle von Trichinenerkrankung hierzu eine treffende Illustration. Die angegebene 
Zahl der Erkrankungen kann selbstverständlich keine vollständige sein, Eulen- 
berg berichtet über 244 Erkrankungen, von denen sechs mit Tod endeten. Von 
diesen scheint bei einer Anzahl die Art der Inficirung nicht zu ermitteln ge¬ 
wesen zu sein, in sieben Fällen wird sie auf „importirte“ Wurst und Fleisch 
zurückgeführt, in circa 150 Fällen aber trat die Erkrankung nach dem 
Genuss von Fleisch auf, das mikroskopisch auf Trichinen unter¬ 
sucht war. Die Fälle sind folgende: 120 Fälle betrafen Berg- und Hütten¬ 
arbeiter im Merseburgischen, die nach dem Genuss von rohem gehacktem 
Schweinefleisch erkrankt waren, in welchem der betreffende Fleischscliauer, der 
freilich bei der Entnahme der Proben nicht zugegen gewesen war, keine Tri¬ 
chinen gefunden hatte. Dasselbe war bei weiteren 22 Personen der Fall, 
wo die Fleischbeschauerin ebenfalls nichts gefunden hatte. Einige weitere Fälle 


*) Vjhrschr. f. ger. Med. XXXVII, S. 345. 

Vlertet)*hrsschrift ftlr Gesundheitspflege, 1883. 12 


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178 Kleinere Mittheilungen. 

lassen sich auf Würstchen beziehen, zu welchen der betreffende Metzger das 
Fleisch auf dem Markte (Berlin) gekauft und von seinem Fleischschauer mikro¬ 
skopisch hatte untersuchen lassen. InNaugard sind vier Personen erkrankt, das 
Fleisch war mikroskopisch untersucht und trichinenfrei gefunden worden, doch 
waren nicht „vorschriftsmä9sig die Intercostal-, Zungen-, Augen- und Halsmuskeln 
des geschlachteten Schweines“ untersucht worden. Der letzte Fall betraf zwei Er¬ 
krankungen in Schöna, von denen der eine ein sehr schwerer, zum Tode führen¬ 
der war und hier hatte der Fleischschauer „aus sämmtlichen vorgeschriebenen 
Muskeln, mit Ausnahme der Augenmuskeln, denen er * die Kiefermuskeln sub- 
stituirt hatte, 15 Präparate angefertigt und untersucht, aber keine Trichinen 
gefunden“. Nachträglich wurden bei 100 Präparaten von demselben TJiiere 
12 Trichinen ermittelt! Und doch war der Mann daran gestorben! A . S. 


Sterblichkeit an Pocken in Bayern. Bei der in Folge des deutsch - fran¬ 
zösischen Krieges in Deutschland aufgetretenen heftigen Pockenepidemie er¬ 
krankten in Bayern, wo die Impfung besonders sorgfältig durchgeführt ist, nur 
31 518 Personen = 0*68 Proc. der Gesammtbevölkerung. Von den 


genasen starben 

1 313 Ungeimpften ...... 523 = 39*8 Proc. 790 = 60*2 Proc. 

29429 einmal Geimpften . . . 25 435 = 86*4 „ 3 994 = 13*6 „ 

776 Revaccinirten. 712 = 91*8 n 64 = 8*2 „ 


Die Sterblichkeit an Pocken in Bayern während der letzten fünf Jahre er- 
giebt sich aus folgender aus dem Amtsblatt des bayerischen Staatsministeriums 
gefertigten Zusammenstellung. Von den erkrankten 


Jahr 

Ungeimpf¬ 

ten 

starben 


einmal 

Geimpften 

starben 

Revacci¬ 

nirten 


starben 

1877 

32 

17 = 531 Proc. 

483 

52 = 10*8 Proc. 49 

4 

= 8*2 Proc. 

1878 

38 

18 = 395 

n 

424 

50 = 11 8 

. 37 

3 

= 81 „ 

1879 

17 

7 = 4M 

n 

110 

15 = 13*6 


— 

= » 

1880 

27 

10 = 370 

n 

336 

43 — 12*8 

* 40 

5 

= 122 , 

1881 

56 

27 = 48-2 

n 

466 

48 = 10*3 

» 37 

3 

= 81 „ 


170 79 = 46*4 Proc. 1819 208 = 11*4 Proc. 163 15 = 9*2 Proc. 


Es liefert uns dieses einen sehr richtigen Maassstab für die Gefahr, an den 
Pocken zu sterben je nachdem man geimpft oder nicht geimpft ist, oder in 
anderer Weise: der Geimpfte hat eine vier- bis fünfmal geringere Wahrschein¬ 
lichkeit, wenn er von den Pocken befallen werden sollte, daran zu sterben als 
der Ungeimpfte. Nehmen wir die Wahrscheinlichkeit überhaupt von den Pocken 
befallen zu werden für den Geimpften etwa zweimal geringer an (was wohl 
richtig sein dürfte), als für den nicht Geimpften, so ist für den ersteren die Gefahr, 
bei einer Pockenepidemie dahingerafftzu werden, überhaupt etwa 100 mal gerin¬ 
ger als für den Ungeimpften. Dieser Nachweis der geringeren Wahrscheinlichkeit 
des Geimpften von den Pocken befallen zu werden, werden wir freilich nie mit 
einiger Genauigkeit für Bevölkerungen von 5 Millionen, wie Bayern, nachweisen 
können, da wir eine genaue Bevölkerungsaufnahme je nach stattgehabter Impfung 
oder deren Mangel nicht vornehmen können. Dieser Nachweis kann nur in 
kleinerem Maassstab, etwa auf dem von Flinzer für Chemnitz eingeschlagenen 
Weg erbracht werden. Q. F. 


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Neu erschienene Schriften. 


179 


Neu erschienene Schriften über Öffentliche 
Gesundheitspflege. 

(26. Verzeichniss.) 


1. Allgemeines. 

Barrier, E., La Sante publique, hygiene et medecine des familles; Lettre a M. 
le president de l’Academie de medecine de Paris. Paris, Crettö. 8. 48 p. 

Bouehardat, A., Prof., Traite d’hygiene publique et privee, basee sur Petiologie. 
2e edition, revue, corrigee et augmentee de notes sur les maladies conta- 
gieuses et sur les. divers modes de preservation. Paris, llachette. 8. 
CL — 1096 p. 18 Frcs. 

Brown, John, Plain words on health, addresed to working people. New edi¬ 
tion. Edinburgh, Douglas (Berlin, ABher). 12. 88 p. 6 d. 

Chaillö, Stanford E., The Louisiana State Board of Health in its annual report 
for 1881, versus the National Board of Health. Reply in behalf of the 
latter. New Orleans, Graham. 8. 14 p. 

Domblüth, F., Die Schule der Gesundheit. Aerztliche Belehrungen für Schule 
und Haus. Carlsbad, Feiler. 8. 629 S. 7 M. 

Eulenberg , Herrn., Dr., Geh. Ober-Medizinalrath, Handbuch des öffentlichen 
Gesundheitswesens. Im Verein mit Fachmännern bearbeitet und heraus¬ 
gegeben. II. Bd. Berlin, Hirschwald. gr. 8. V —1172 S. 26 M. 

Fazio, Eugenio, Prof., Trattato di Climatologia e d’Igiene medica. Napoli. 8. 

G&lli, V., Trattatello d’igiene rurale, pubblicato dalPAteneo di Brescia. Brescia. 8. 

Henrot, Henri, Dr., Situation de Phygiene et de PAssistance publique ä Reims. 
Rapport ä M. le Dr. Doyen, maire de Reims. Reims, Matot-Braine. 8. 
31 p. 

Hoeber, F., Sundhedslaere for hoermand, I nitten breve. Paa norsk ved F. G. 
Gade. Chrietiania. 8. 160 p. 3 M. 

Instrucoöee para se regulär provisoriamente o serviqo do laboratorio municipal 
de hygiene; approvadas pela camara municipal de Lisboa em sessao de 22 
de junha de 1882. Lisboa. 8. 6 1. 

Kunze, C. F., Dr., Die Gesundheitspflege und die Infectionskrankheiten. Halle, 
Tausch & Grosse, gr. 8. VIII — 320 S. 3 M. 

Lidin, Georges, Coup d’oeil sur la climatologie et la pathologie du Senegal. 
Paris (These). 4. 70 p. 

Maoario, M., Dr., Lettres sur Phygiene. Paris, Germer-Bailliere. 18. 2 Frcs. 

Marro, Antonio, Dr., L’Igiene rurale. Milano. 8. 

Napias, H., und A. J. Martin, L’etude et les progres de Phygiene en France 
de 1878 ä 1882. Avec une preface de M. le professeur Brouardel. Paris, 
Masson. 8. XII — 546 p. avec 229 figures. 8 Frcs. 

Parkin, John, M. D., Climate: its influence in the production and prevention 
of Phthisis and other Diseases. Second edition. London, Longmans, 
Green & Co. 8, 3 sh. 

Pdcaut, Elie, Dr., Cours d’hygiene, redige conformement aux programmes des 
ecoles normales primaires. Paris, Hachette. 18. 258 p. 2 Frcs. 

Kahm, Emil, Dr., Ueber Ernährung, Gesundheits- und Krankenpflege. Schaff, 
hausen, Brodtmann. gr. 8. IV —138 S. 0 80 M. 

12 * 


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180 


Neu erschienene Schriften. 

Regol&mento di santä pubblica pel comune di Tolentino. Tolentino. 16. 

Reverohon, L., Dr., fitude sur la creation d’un bureau municipal d’hygiene ä 
Lyon. Lyon, imp. Pitrat. 8. 99 p. 

Sitzungs - Protokolle der bayerischen acht Aerztekammern im Jahre 1881 mit 
den Vortragen der Kreis-Medizinalräthe DDr. H. Vogel, Hofmann, Egger, 
Martins, F. Vogt über die Sanitätsverhältnisse der Regierungsbezirke 
Oberbayern, Oberpfalz, Oberfranken, Mittel franken und Unterfranken. Mün¬ 
chen, FinBterlin. gr. 8. 819 S. mit 1 Steintafel. 3 M. 

Sociötö fr&n^aise d’hygiene. Annnaire pour 1882. Statuts; Bureau; Comites 
d’etudes; Liste generale des membres de la societe. Paris. 8. 60 p. 

State Board of Health of New York. Nro. 27. Duties and procedures of 
local boards of healtli and their officiers. Examples, methods and sugges- 
tions. With an appended memorandum on contagious disease refuges; tem- 
porary hospitals for small-pox and other pestilential maladies. Albany. 
8. 14 p. 

Stevens, Thaddens M., State medicioe; what has been accomplished and what 
is needed in Indiana. Indianapolis. 8. 15 p. 


2. Statistik und Jahresberichte. 

Bericht über die Thätigkeit des Prager städtischen Gesundheitsrathes im Jahre 
1881. Erstattet von Dr. Janovsky, Dr. Popper und Dr. Pele. Prag, 
Druck „Politik“. 8. 42 S. 

Bidrag tili Sveriges officiela Statistik. A. Befolkningsstatistik. Ny foljd XXII: 1. 
Statistiska Centraibyraus underdaniga Berättelse för ar 1880. Stockholm, 
Kimgl. Boktryckeriet. Fol. XLVIII — 39 S. 

Blyth, Alex. Wynter, The Sanitary chronicles of the Parish of St. Marylebone, 
being the annual report of the medical officer of health for the year 1881. 
London, Smith & Co. 8. 191 p. 

Boeckh, Rieh., Dir., Statistisches Jahrbuch der Stadt Berlin. VIII. Jahrgang, 
Statistik des Jahres 1880. Berlin, Simion. gr. 8. X — 295 S. 6 M. 

Braden, J. G., Report of the medical officer of health of the Borough of Lewes, 
for the year 1881. Lewes. & 12 p. 

Buszka (Buszek) J., Dr., Poröwnanie trawania zycia ludnösci chrzescijanskiej i 
zydowskiej zmarlej w Krakowie od r. 1859 —1880. (Die Lebensdauer der 
Christen und Juden, berechnet auf Grund der Sterbeausweise in Krakau von 
1859—1880.) Krakow, Druk. uniwersyt. Jagiellonskiego. gr. 8. 77 S. 

Census of Queensland, 1881. Report by the Registrar-General. Sixth enume- 
ration of population, made on the 3rd of April, 1881. Brisbane, J. C. Beal. 
Fol. 483 p., 7 maps, 2 charts, 1 table. 

Census of Tasm&nia, 1881. General-Report and part I. Population, buildings, 
and land. Date of enumeration, April 3, 1881. Hobart, Strutt. Fol. 
64 p. 

Delcominete, E., Prof., Rapport general sur les travaux des conseils d’hygiene 
publique et de salubrite du departement de Meurthe-et-Moselle pendant 
l’annee 1880. Tome XVI. Nancy, imp. Collin. 8. 433 p. 

Domergue, E., La Depopulation en France; un moyen d’y reinedier. Paris, 
comp. d’assurances La Maternelle. 8. 29 p. 

Dyke, Thomas Jones, Annual Report on the sanitary condition of Merthyr-Tydfil, 
for the year 1881. Merthyr-Tydfil, Farant & Frost. 8. 23 p. 1 tab. 

Evers, J. C. G., Dr., Bijdrage tot de Bevolkingsleer von Nederland. s’Graven- 
hage, Belinfante. gr. 8. 128 S. 3 Bl. graph. vorstell. 

Fleck, H., Hofrath Prof. Dr., Zehnter und elfter Jahresbericht der k. che¬ 
mischen Centralstelle für öffentliche Gesundheitspflege zu Dresden. Dresden, 
v. Zahn. gr. 8. 90 S. mit 2 lith. Tafeln. 8 M. 


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181 


Neu erschienene Schriften. 

Gebhart, G., Travaux du conseii central d’hygieae publique et de salubritä du 
departement des Vosges pendant l’annee 1881. Epinal, imp. Busy. 8. 195 p. 

Graetzer, J., Dr., Geh. San.-Rath, Edmund Hailey u. Caspar Neumann. Ein 
Beitrag zur Geschichte der Bevölkerungsstatistik. Breslau, Schottländer, 
gr. 8. 94 S. 

Hoogeweg, Dr., Regierungs- und Medicinalrath, Zweiter Generalbericht über 
das Medicinalwesen im Regierungsbezirk Münster im Jahre 1881. Münster, 
Coppenrath. gr. 8. 71 S. 1*50 M. 

Jahrbuch, Statistisches — für das Jahr 1881, hrsg. von der k. k. statist. Central- 
Commission, Heft I: Bewegung der Bevölkerung der im Reichsrathe ver¬ 
tretenen Königreiche und Länder. Wien, Gerold, gr. 8. 128 S. 2*40 M. 

Jahresbericht, Medicinisch-statistischer — über die Stadt Stuttgart vom Jahre 
1881. Neunter Jahrgang. Herausgegeben vom Stuttgarter ärztlichen Ver¬ 
ein, red. von Dr. A. Reuse. Stuttgart, Metzler. 8. 140 S. 1 M. 

Jahresbericht über die Verwaltung des Sanitätswesens und den allgemeinen 
Gesundheitszustand des Cantons St Gallen im Jahre 1881. St. Gallen, Druck 
von Kölin. 8. 22 S. u. Karten. 

Janssens, E., Ville de Bruxelles. Annuaire demographique et tableaux statis- 
tiques des causes de decös; 20e annee, 1881. Bruxelles, Baertson. 8. 86 p. 
Avec plan et diagramme. 

Xörösi, Josef, Die Hauptstadt Budapest im Jahre 1881. Resultate der Volks¬ 
beschreibung und Volkszählung vom 1. Januar 1881. 2 Hefte. Berlin, Putt¬ 
kammer & Mühlbrecht, gr. 8. 176 und 232 S. mit 7 graphischen Tafeln. 
4*50 und 7 M. 

L&ncere&ux, E., Dr., Rapport general sur les epidemies pendant l’annee 1879, 
fait au nom de la commission permanente des epidemies de l’Academie de 
medecine. Paris, Masson. 4. 79 p. 

Lawrence, S., Report on the heaith of Montrose for the year 1881. Montrose, 
Macdonald. 12. 13 p. 

Linroth, Klas, Dr., Berättelse tili kongl. Medicinalstyreisen om allmanna hel- 
sotillstandet i Stockholm under aret 1881 och om hvad i afseende dera och 
för allmanna sjukvarden blifit under samma tid atgjordt af Stockholms 
helsovards nämd. Fjerde argangen. Stockholm, Beckman. 8. 72 p. 3 pl. 
2 diag. 2 tab. 

Morgenbesser, A., Versuch zur Aufstellung von Sterblichkeit^- und Invalidi- 
tätstafeln für preussische Bergleute. Berlin, Puttkammer & Mühlbrecht, 
gr. 8. III — 49 S. 2 M. 

Pilat, Dr., Rapport sur les travaux du conseii central de salubrite et des con- 
seils d’arrondissement du departement du Nord pendant l’annee 1881. 
Suivi d’observations meteorologiques faites ä Lille pendant l’annee 1880 — 
1881 par Victor Meurein. Lille, imp. Danel. 8. CV — 366 p. avec plan- 
ches et tableaux. 

Rampal, Louis, Dr., Compte rendu des travaux des conseii® d’hygiene et de 
salubrite du departement des Bouches-du-Rhöne, presente ä M. le prefet au 
nom du conseii central. Tome XII. Ntarseille, imp. Cayer. 8. 116 p. 

Report, Tenth Annual — of the Local Government Board, 1880—1881. Supp¬ 
lement containing report and papers submitted by thy Board’s Medical Offi- 
cer on the use and influence of Hospitals for Infectious Diseases. London, 
Eyre & Spottiswood. gr. 8. XII — 363 p. 14 sh. 6 d. 

Report, Sevententh Sanitary — of the Port of London Sanitary Comittee, with 
the half-yearly report of the medical officer of heaith for the port of Lon¬ 
don, for the half year ending 31st Dec. 1881. London, fol. 38 p. 

Report, Fourth Biennial — of the State Board of Health for the years 1880 
—1881. Baltimore, Baughman. 8. 212 p. 1 chart. 

Report, Forth Annual — of the Board of Health of the city of Augusta, Ga., 
for the year 1881. Augusta, Hill. 8. 69 p. 


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182 Neu erschienene Schriften. 

Report, Tenth Annual — of the Board of Health of the City of Boston for 
the year 1881 —1882. Boston, Rockwell & Curchill. 8. 111 p. 2 p. 

Report, Annual — of the city registrar of Boston, for the year 1881. Boston. 
8. 41 p. 

Report, Annual —, 1881. Department of Health of the City of Charleston, 
S. C. Charleston. 8. 52 p. 

Report of the Health Officer of the District of Columbia for the year 1880 — 
1881. Washington, Gov. Print. Office. 8. 224 p. 3 maps. 

Report, Fifteenth Annual — of the Board of Health of the city of Dayton to 
the city council for the year 1881 —1832. Dayton. 8. 12 p. 

Report, Annual — of the Board of Health of Detroit, 1881 —1882. Detroit, 
Post & Tribüne Co. 8. 270 p. 

Report, Third Annual — of the State Board of Health of Illinois, with the 
official register of physicians, midwiwes, for the year 1880. Bpringfield, 
Rokker. 8. 325 p. 1 tab. 

Report, First Biennial — of the State Board of Health of the State of Jowa 

1880 —1881. Des Moines, Mills. 8. 360 p. 2 pl. 1 map. 1 plan. 

Report, Fourth Annual — of the Board of Health of the city of Lowell, for 
the year 1881. Lowell, Campbell & Hanscom. 8. 30 p. 

Report, Annual — of the Board of Health of the State of Louisiana to the 
General Assembly, for the year 1881. New Orleans, Rives. 8. 243 p. 
1 plan. 1 chart. 10 tables. 

Report, Ninth Annual — of the Board of Health of the city of New Haven, 
for the year 1881. New Haven, Dorman. 8. 54 p. 

Report on the sanitary administration of the Punjab for the year 1880. 

Lahore. fol. 216 p. 1 map. 5 diag. 1 table. 

Report, Fourth Annual — of the Board of Health of the city of Somerville 
(with the City physician’s report) for the year 1881. Somerville, Mass. 8. 
34 p. 1 map. 3 tables. 

Report, Fifteenth Annual — of the Board of Health of the city of Toledo, 
for the year 1881. Toledo, Wade. 8. 60 p. 

Report, Annual Health — for West Hartlepool, for the year 1881. West 
Hartlepool, North. 8. 4 p. 

Schultz-Hencke, Dr., Regierungs- und Medicinalrath, General-Verwaltungs- 
Bericht über das Medicinal- und Sanitätswesen des Regierungsbezirks Min¬ 
den für das Jahr 1880. Minden, Bruns, gr. 8. IV — 119 S. mit 1 lith. u. 
color. Karte. 4 M. 

Statistica delle cause delle morti avvenute in 281 comuni. Anno 1881. Roma, 
tip. Bodoniana. gr. 8. 127 p. 

Statistik des Deutschen Reiches. Hrsg, vom kaiserl. statist. Amt. Bd. LVII, 
Theil 1. Inhalt: Die Volkszählung im Deutschen Reiche am 1. December 
1880. Bevölkerungszahl und Dichtigkeit, Wohnorte, Gebäude, Haushaltun¬ 
gen. Berlin, Puttkammer & Mühlbrecht. Imp.-4. LII — 74 S. 4 M. 

Statistik, Preussische — (Amtliches Quellenwerk). Hrsg, vom kgl. statist. 
Bureau in Berlin. 63. Heft. Inhalt: Die Sterbefalle im preussischen Staate 
nach Todesursachen und Altersklassen der Gestorbenen und die Selbst¬ 
morde und Verunglückungen während des Jahres 1880. Berlin, Verlag d. 
k. stat. Bureaus. 4. XXIII —187 S. 5*20 M. 

Statistisches Jahrbuch für das Jahr 1879. Hersg. von der k. k. statist. 
Central - Commission. 10. Heft enth.: Sanitätswesen und Wohlthätigkeits- 
Anstalten, Viehseuchen etc. Wien, Gerold’s Sohn. gr. 8. 67 S. 1*30 M. 

Summary, Annual — of births, deaths, and causes of death in London, and 
other large cities, for the year 1881. By authority of the Registrar Gene¬ 
ral. London, Eyre & Spottiswoode. 8. 54 p. 

Tableau de la population des principales communes de la France d’apres le 
rccensement officiel au 31 octobre 1877. Paris, imp. Martiuet. 8 ä 4 col., 10 p. 


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Neu erschienene Schriften. 183 

Taylor, J. Stopford, medical officer of the health, Report of the health of Liver¬ 
pool during the year 1881. Liverpool, Greenwood. 8. 68 p. 1 tab. 

Verwaltrungsberioht des Sanitätsdepartements von Baselstadt von 1881. Basel. 
8. 67 S. 

Wasserfuhr, Hermann, Dr., Minist.-Rath, Archiv für öffentliche Gesundheits¬ 
pflege in Elsass-Lothringen. Herausgegeben vom ärztlich-hygienischen Ver¬ 
ein. VII. Band. Strassburg, Schmidt, gr. 8. VII—174 S. 6 M. 

Wasserfuhr, Hermann, Dr., Minist.-Rath, Der Gesundheitszustand in Elsass- 
Lothringen während des Jahres 1881. Im amtlichen Aufträge nach den 
Berichten der Medicinalbeamten. Strassburg, Schmidt, gr. 8. VII—146 S. 3M. 

Waring, George E., The deathrate of Memphis. Boston. 8. 8 p. 

Zählung der Bevölkerung, Die wichtigsten Ergebnisse der nach dem Stande 
vom 13. Dcbr. 1880 in den im Reichsrajhe vertretenen Königreichen und 
Ländern ausgeführten —. Hrsg, von der k. k. statist. Central-Commission. 
Wien, Gerold’s Sohn. gr. 8. HI — 65 S. 1*20 M. 

Zaxnpa, Raffaello, Dr., La Demografla Italiana studiata piü specialmente in 
riguardo all’ azione dei montie delle pianure sulla vita delP uomo. Bologna, 
Zanichelli. 8 ed un atlante. 12 L. 

3. Wasserversorgung, Entwässerung und Abfuhr. 

Arnould, Jules, Dr., Prof., Les Controverses recentes au sujet de l’assainisse- 
ment des villes. Paris, Bailiiere. 8. 48 p. 

Assainissement de Paris. Les odeurs de Paris et les systemes de vidanges. 
(Tout ä legout, canalisation speciale.) Paris, imp. Chaix; au bureau de la 
Societe franqaise d’hygiene. 8. 92 p. 

Assainissement de Paris, Commission de P — instituee par Mr. le Ministre 
de Pagriculture et du commerce par arrete en date du 28. sept. 1880 en 
vue d’etudier les causes de l’infection, signalee dans le departement de la 
Seine ainsi que les moyens d’y remedier. Rapports et avis de la Commis¬ 
sion. Paris, impr. nationale. 4. 222 p. 

Ballard, Edward, Report in respect of the inquiry as to effluvium nuissances 
arising in. connexion with various manufacturing and other branches of 
industry. London. 8. 176 p. 25 pl. 

BaUö, M., Budapest föväros ivövizei (Trinkwasser von Budapest). Budapest. 

Bisohoif, C., Dr., Chemiker, Bericht über Untersuchungen von Spüljauchen vor 
und nach der Behandlung in dem Reinigungsverfahren von Canalisations- 
abwässern, patentirt dem Herrn Dr. Friedr. Petri in Berlin. Berlin, Druck 
von Baensch. 8. 16 p. 

Canalisation, Die — und die Rieselfelder oder die Schraube ohne Ende. Eine 
Studie für Stadtverordnete von einem Berliner Steuerzahler. Berlin, Pohl, 
gr. 8. 19 S. 0 50 M. 

Durand-Claye, A., Etat de la question des eaux d’egout en France et ä 
Petranger. Rapport ä la section du genie rural de la Societe des agricul- 
teurs de France. Paris, imp. Noizette. 8. 8 p. 0*30 Frc. 

iSvaou&tion des vidanges, De P — dans la ville de Paris. Paris, Masson. 
8. 133 p. 

Gerhard, Wm. Paul, Diagram for sewer calculations. New York, Spon. 8. 
7 p. 1 diag. 

Gobin, A., Ingenieur, Note sur les egouts de Lyon, au point de vue de l’assai- 
nissement de la ville. Lyon, imp. Pitrat. 8. 16 p. 

Haywood, William, Report of the works executed by the hon. the commissio- 
ners of sewers of the city of London during the year 1881. London, 
Skippen & East. 8. 50 p. 

König, Friedrich, Ingenieur, Hauswasserleitungen. Die Systeme der Abgabe 
des Wassers aus den öffentlichen Leitungen und der Vertheilung des Was- 


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184 


Neu erschienene Schritten. 

sers mittelst Röhrenleitungen in den Grundstücken und Gebäuden. Leit¬ 
faden für städtische Beamte, Techniker, Hausbesitzer und Installateure. 
Leipzig, Wigand. 8. III—72 S. mit 13 Fig., 10 Steintaf. 2 M. 

Lewis, W. J., Microscopical examination of water supplied by the city of Hart¬ 
ford; a report. Hartford, Wiley, Waterman & Eaton. 8. 9 p. 2 pl. 

London Water Supply. Report presented to the right hon. the president 
of the Local Government Board on the composition and quality of daily 
samples of water supplied to London during the year 1881. By William 
Crookes, William Odling, and C. Meymott Tidy. London, Wertheimer, 
Lea <ft Co. 4. 51 p. 7 diag. 1 tab. 

Mariö-D&vy, II., Assainissement de Paris; Systeme du tout ä Fegout cana- 
lisation speciale des vidanges. Paris, C. Schlaeber. 8. 14 p. 

Nichols, William Ripley, Natural filtration at Berlin. Philadelphia. 8. 8 p. 

Niedermayer, M., Ingenieur, Denkschrift zur Excursion des Münchener Archi- 
tecten- und Ingenieurvereins zu den verschiedenen Bauten der Wasserver¬ 
sorgung Münchens aus den Quellen des Mangfallthales. Nach einem von 
Herrn Stadtbaurath Zenetti im polytechnischen Vereine geh. Vortrage 
bearbeitet. München, Kellerer, gr. 8. 22 S. mit 2 Plänen. 1 M. 

Samuelson, S. Arnold, Ingenieur, Sandfiltration und constante Wasserversor¬ 
gung. Antwort auf das in der Hamburgischen Wasserversorgungs-Frage 
erstattete u. veröffentlichte Gutachten der Civiling. Henry Gill u. Aug. 
Fölsch. Hamburg, Voss. gr. 8. IV — 58 S. mit 2 Tafeln u. 5 eingedr. 
Skizzen. 2*40 M. 

Sarcey, Francisque, Les Odeurs de Paris; Assainissement de la Seine. Paris, 
Gauthier-Villars. 8. 24 p. et carte. 

Smith, R. Angus, Rivers pollution prevention act, 1879. Report to the Local 
Government Board. London, Eyre & Spottiswoode. 8. 122 p. 1 pl. 

Wallace, W., Report on experiments on sewage conducted at the experimen¬ 
tal works erected at Woodlands road by Messrs. D. Störer & Sons; with 
special reference to Dr. John Storer’s patented process for the oxidation of 
sewage. Glasgow. 8. 13 p. 1 tab. 

Wingate, Charles F., Practical points about plumbing; for physicians. New York, 
Jenkins & Thomas. 8. 12 p. 

Worcester Sewage, The — and the Blackstone river. Special report of the 
State Board of Health. Boston, Rand, Avery & Co. 8. 36 p. 1 map. 

4 plane. 1 diag. 

4. Bau-, Strassen- und Wohnungshygiene. 

Du Mesnil, 0., Des depöts de voiries de la ville de Paris considöres au point 
de vue de la salubrite. Paris. 8. 

Fawkes, F. A., Hot Water Hearing on the low pressure System, comprising 
some of the principles involved, and explanation of the apparatus and its 
parts; also its application to buildings of various descriptions. London, 
BatBford (Berlin, Asher). 12. 76 p. 1 sh. 

Joly, V. Ch., Traite pratique du chauffage, de la Ventilation et de la distri- 
bution des eaux dans les habitations particulieres ä Fusage des architectes, 
des entrepreneurs et des proprietaires; 2me edition, Tevue, corrigee et 
considerablement augmentee. Paris, Baudry. gr. 8. avec 375 vignettes dans 
le texte. 10 Frcs. 

Kid der, J. H., Report on an examination of the external air of Washington. 
Washington, Gov. Print. Office. 8. 22 p. 10 pl. 

Laurent, Emile, Les logements insalubres. La loi de 1850, son application, ses 
lacunes, reformes desirables. Projet de loi. Memoire lu ä l’academie des 
Sciences morales et politiques dans sa seance du 4. fevrier 1882. Paris, 
Guillaumin & Cie. 8. 57 p. 


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185 


Neu erschienene Schriften. 

Moore, G. R., Ventilation in our homes. Philadelphia. 24. 10 cts. 

Neale," Richard, Dr., The Chemical lung and punkah. For sick rooms, hot cli- 
mate8, crowded buildings, and railway tunuels. London, fol. 2 1. 

Neale, Richard, Dr., The Chemical lung, as adapted to purify the air of large 
buildings, without causing draught, by fan and tank. London, fol. 1 sheet. 

Osthoff, Georg, Stadtbaumeister, Die Armen-Arbeitshäuser, Anlage u. Einrich¬ 
tungen derselben. Mit einer Einleitung von Stadtsyndikus Be sei er. Leip¬ 
zig, Scholtze. gr. 8. mit 22 Abbild. 

Report from the select committee on artizans’ and labourers* dwellings; with 
the proceedings of the committee. London, fol. 29 p. 

Sulfit, J., Ventilation par refroidissemeut, etude sur la Ventilation des salles 
de reunion et particulierement des salles d’ecoles, des casernes, des hopi- 
taux, des logements d’animaux dans les fermes, et des wagons. Paris, 
L6vy. 8. IV—136 p. avec 60 croquis dans le texte. 6 Frcs. 

5. Schulhygiene. 

Behagei, Aug., Prof. Dr., Die Entlastung der überbürdeten Schuljugend der 
Mittelschulen. Zwei Dialoge. Heilbronn, Henninger. 8. 76 S. 1 M. 

Chaillö, Stanford E., The Importance of introducing the study of hygiene into 
the public and other schools; address on the forty-eighth commencement 
day, March 29th, 1882, of the Medical department of the University of 
Louisiane. New Orleans, Graham. 8. 19 p. 

G&riel, Rapport fait au nom de la commission pour l’hygiene de la vue. Paris, 
P. Schmidt. 8. 14 p. 

Gutachten, Aerztliches — über das höhere Schulwesen Eisass- Lothringens. 
Im Aufträge des kais. Statthalters erstattet von der medicinischen Sach- 
verständigen-Commission. Strassburg, Schultz. Lex. 8. 47 S. 1 M. 

Jahresbericht, Siebenter — der Schweizerischen permanenten Schulausstel¬ 
lung in Zürich. Umfassend das Jahr 1881. Zürich, Druck v. Herzog. 
8. 32 S. 

Masson, Victorine, De l’ecriture au point de vue de la myopie, de la scoliose 
et de la phthisie, note adressee ä M. le Ministre de Pinstruction publique. 
Paris. 8. 

Report of the special committee appointed to define the duties of a special 
instructor in hygiene. School document Nr. 8, June 1882. Boston, Rock¬ 
well & Churchill. 8. 9 p. 

Schulüberbürdungsfrage, Die —. Nr. 4 der Schriften des Liberalen Schul¬ 
vereins Rheinlands u. Westfalens. 1. Bericht und Discussion auf der III. 
Generalversammlung des Vereins. 2. Beiträge zur Schulüberbürdungsfrage, 
zu8ammengestellt von Jürgen Bona Meyer. 3. Referate zur Schulüber¬ 
bürdungsfrage. Bonn, Strauss. gr. 8. 43, 87 u. 82 S. 2*50 M. 

Bforsi, Emilio, Ing., Disegni di scuole. Livorno. 8. con tavole. 

State Board of Health of New York. Memorandum of the rules to be 
adopted to prevent the spreading of contagious diseases in schools. Albany. 
8. 2 1. 

6. Hospitäler und Krankenpflege. 

Baker, Lucius W., Cottage hospitals. Read before the Massachusset Med. Soc., 
•June 13, 1882. West Gardner, Record Office. 8. 10 p. 

Bochmann, E., Dr., Ueber die Nothwendigkeit der Erweiterung des allgemei¬ 
nen Krankenhauses des Armen - Directoriums resp. der Anlage eines neuen 
Krankenhauses. Riga, Druck v. Häcker, gr. 8. 32 S. mit 2 Plänen. 

Bourneville, La'icisation de l’assistance publique, discours prononces les 3 et 
5 aoüt 1882, aux distribution des prix des ecoles municipales d’infirmieres 
laiques. Paris, imp. Goupy & Jourdan. 8. 8 p. 


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186 Neu erschienene Schriften. 

Burdett, H. C., Hospitals and the State, with an account of the nursing at 
London hospitals, and Statistical tables, showing the actual and comparative 
cost of management and maintenance, and of work done by the principal 
hospitals, convaleecent institutions and dispensaries throughout Great Bri- 
tain and Ireland. London, Churchill. 4. 31 p. 

Esmarch, Fr., Dr., First Aid to the injured (Five ambulance lectures), trans- 
lated frorn the German by H. R. H. Princess Christian. London y Smith, 
Eider & Co. 8. X —100 p. 2 sh. 

Pfeiffer, L., Dr., Medicinalrath, Hülfe- und Schreibkalender für Hebammen. 
1833. Im Aufträge des deutschen Aerztevereinbundes herausgegeben. 6. Jahr¬ 
gang. Weimar, Böhlau. 8. 139 S. 1 M. 

Reich, Eduard, Dr., Rath und erste Hülfe bei plötzlichen Erkrankungen und 
Unglücksfällen bis zur Ankunft des Arztes. Nebst Bemerkungen über diäte¬ 
tische Behandlung und Krankenpflege. 2. Auflage. Berlin, Hempel. 8. 
VIII —119 S. 1*60 M. 

Schleich, Dr., Offner Brief an Herrn Professor Esmarch in Kiel. Stettin, 
v. d. Nahmer. gr. 8. 15 S. 0*30 M. 

Sohr, Amelie, Frauenarbeit in der Armen- und Krankenpflege, daheim und im 
Auslände. Geschichtliches und Kritisches. Berlin, Springer, gr. 8. VIII — 
107 S. 1*40 M. 

Tiburtius, Dr., Für und wider die Samariter. Berlin, Bohne, gr. 8. 16 S* 
0*40 M. 


7. Militärhygiene. 

Bdgin, Emile, Hygiene militaire et colonialej M. le Dr. P. C. Maillot, et son 
oeuvre coloniale. Paris, C. Schlaeber. 8. 11 p. 

Desmarest, E., Legislation et Organisation des societes de secours mutuels en 
Europe. 7e edition. Paris, Dupont. 18. 251 p. 2*50 Frcs. 

Fuel for the Anny. Records of experimental tests of various fuels de sign ed 
for the use of the army raade in the years 1879, 1880, 1881 and 1882, in 
the office of the Quartermaster - General, Washington, D. C. Washington. 
8. 85 p. 2 pl. 

Gross, Dr., Du Transport des blesses sur les voies ferrees. Paris, Berger- 
Levrault. 8. 91 p. 3*50 Frcs. 

Knorr, Emil, Major, Entwicklung und Gestaltung des Heeres-Sanitätswesens 
der europäischen Staaten. 2. Auflage. 1. Heft. Hannover, Helwing. gr. 8. 
98 S. 1*50 M. 

Landouzy, Georges, Considerations sur la tuberculose pulmonaire dans l’armee. 
Paris (These). 4. 38 p. 

Message from the President of the United States transmitting an accession of 
the United Staates to the Convention concluded atGereva on the 22d August, 
1864, between various powers, for the amelioration of the wounded of 
armies in the field, and to the additional articles thereto, signed at Geneva 
on the 20th October 1868. Washington, Gov. Print. Office. 8. 7 p. 

Ochwadt, Alex., Dr., Oberstabsarzt, Die Gesundheitspflege des deutschen Sol¬ 
daten. Berlin, v. Glasenapp. gr. 8. Y — 266 S. 5 M. 

Zuber, C., Dr., Des maladies simulees dans Parmee moderne. Paris, Berger- 
Levrault. 8. 21 p. 0*75 Frc. 


8. Infectionskrankheiten und Desinfoction. 

d’Ardennes, L., Les microbes, les miasmes et les septiceraies au point de vue 
de la pathologie. Paris, Bailiiere et fils. 8. 378 p. 4 Frcs. 

Arloing, Cornevin & Thomas, Aproposdes experiences de M. Rivolta, faites 
ä l’ecole superieure veterinaire de Pise, sur les injections intra-veineuses 


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Neu erschienene Schriften. 187 

comme moyen preventif du charbon symptomatique. Lyon, imp. Bourgeon. 

8. 10 p. 

Augier, G., Dr. Prof., Stüdes sur la tuberculose. LTJnite de la phthisie; L’lStio- 
logie de la tuberculose; les Raports de la scrofulose et de la tuberculose. 
Paris, J. B. Bailliere. 8. 62 p. 

Aureggio, C., Recherches sur les affections farcino - morveuses du cheval et de 
l’homme; fitude bibliographique et critique des travaux publies en France 
et ä Petranger sur la spontaneite, la contagion, la nature et les manifesta- 
tions diverses de la morve; Histoire d’une epizootie de morve. Paris, Asselin. 
8. 204 p. 

Beveridge, On a peculiar form of disease arising from milk contamination; 
read before the British Medical Association at Ryde, Isle of Wight, August 
1881. Aberdeen, King. 8. 14 p. 

Birch, Scarlet fever and Diphtheria: One of the Health Lectures for the 
peoble, pubiished by the authority of the Manchester and Salford Sanitary 
Association. London, Heywood (Berlin, Asher). 8. 12 p. 1 d. 

Braidwood, Peter Murray and Francis Vacher, Reports to the Scientific Grants 
commitee of the British Medical Association. Third contribution to the life 
history of contagium. London. 4. 27 p. 4 pl. 

Brennecke, Zur praktischen Lösung der Puerperalfieberfrage. Alte und neue 
Beiträge. Magdeburg, Heinrichshofer, gr. 8. IV—107 S. 1*50 M. 

Burdel, Edouard, Dr., De Pimpaludisme dans ses rapports avec la glyoosurie et 
les traumatismes; lettres ä M. le professeur Verneuil. Paris, Masson. 8. 
23 p. 1*26 Frcs. 

Chaiild, Stanford E., The prevention of yellow fever. Report of theFlushing 
Committee, New Orleans Auxillary Sanitary Association, June 24th., 1882. 
New Orleans, Graham. 8. 22 p. 

Chancellor, C. W., Report to the State Board of Health, on the epidemic of 
diphtheria in Frederick City, Maryland, and the small-pox in Charles County 
Md. Baltimore, Sun Print. 8. 63 p. 1 sh. 

Cog8hall, Bela, Consumption: is it a contagious disease? What can be done 
to prevent its ravages? Lansing. 8. 10 p. 

Cohnheim, Julius, Prof., La Tuberculose consideree au point de vue de la doc- 
trine de l’infection. Traduit de Pallemaud sur une 2e edition, considerable- 
ment modifiee par le docteur R. de Musgrave-Clay. Paris, Delahaye & 
Lecrosnier. 8. 38 p. 

Cosentino, G., Quaranta puerpere di una sala d’ospedale: nota alla profilassi 
listeriana della febbre puerperale. Palermo. 8. 

Daga, Dr., Memoire sur la fievre typhoide qui a regne ä Nancy pendant les 
annees 1878—1879. Paris, Rozier. 8. 155 p. et 27 pl. 

Denis-Dumont, Dr., Observation sur un cas de rage, presentee ä l’Academie 
de medecine le 13. juin 1882. Suivi d’un rapport de M. Bouley. Paris, 
Delahaye & Lecrosnier. 8. 54 p. 

Ddve, Th., iStude sur la tuberculose chez les prisonniers. Paris (These). 4. 
40 p. 

Drochon, G. Paul, Dr., Modes de contagion de la phthisie pulmonaire dans le 
manage. Paris, Derenne. 8. 67 p. 

Fayrer, Sir Joseph, On the Climate and Fevers of India. London, Churchill 
(Berlin, Asher). 8. 274 p. with 17 temperature carts. 12 sh. 

Felix, J., Prof. Dr., Sur la prophylaxie de la pellagre; Rapport an 4. congres 
international d*hygiene ä Geneve, Septembre 1882. Geneve, impr. de la 
tribune. 8. 52 p. 1 M. 

Fitch, G. L., Report on leprosy in Honolulu. Honolulu. 8. 16 p. 10 photog. 

Frerichs, E., Beiträge zur Lehre von der Tuberkulose. Marburg, Eiwert. 8. 3*60 M. 

Gay, M., Sguardo generale ai casi osservati in una piccola epidemia di ileo-tifo 
svoltasi nell* estate enel!’ autunno 1881 nel comune di Prarostino. Torino. 8. 


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188 Neu erschienene Schriften. 

Guttstadt, Albert, Dr., Flecktyphus und Rückfallfieber in Preussen. Ergänzungs- 
heft XI der Zeitschrift des köuigl. preussischen Statistischen Bureaus. Ber¬ 
lin, Verl. d. stat. Bureaus. Fol. 82 S. mit einer Karte. 3*20 M. 

Hage, J. J., Jets over de herediteit der phthisis. Leiden. 8. 

Hahn, Philippe, Dr., De la lepre. Nancy, imp. Crepin-Leblond. 4. 67 p. 

Hofmann, Dr., Bezirksarzt, Anweisung zur möglichsten Verhütung der Weiter¬ 
verbreitung von Diphtheritis und Scharlach. 2. Auflage. Würzburg, StaheL 
gr. 8. 3 S. pro 25 Explre. 1 M. 

Janot, Paul, Dr., La Diphtherie a Paris. Paris, Derenne. 8. 37 p. 

Koch, R., Dr., Geh. Reg.-Rath, Ueber die Milzbrandimpfung. Eine Entgegnung 
auf den von Pasteur in Genf gehaltenen Vortrag. Kassel u. Berlin, Fischer, 
gr. 8. 2 M. 

Leblanc, C., Rapports faits a la Soci&e centrale de medecine veterinaire, au 
nom de la commission chargee d’etudier la question des affections charbon- 
neuses. Paris, Renou, Maulde & Cock. 8. 26 p. 

Leohner, J., Prof. Dr., Die Gesetze zur Abwehr und Tilgung ansteckender 
Thierkrankheiten und der Rinderpest. Das Desinfectionsgesetz für Eisen¬ 
bahnen und Schiffe. Die Vollzugsvorschriften zu diesen Gesetzen. Ein¬ 
gehende Darstellung aller in diesen Gesetzen enthaltenen Thierseuchen für 
Commissions- und Staatsprüfungszwecke. Ergänzte Auflage. Nr. 20 der 
Taschenausgabe: „Die österreichischen Gesetze“. Wien, Manz. 8. XII— 
391 S. 3*60 M. 

LeFort, Leon, Prof., Le germe ferment et le germe contage. Paris, Doin. 8. 51 p. 

Leoni, 0., La infezione da malaria, studiata sotto il punto di vista della pato- 
logia del polmone. Roma. 8. 4 L. 

Lombroso, C. Sulla pelagra nella provincia di Torino. Torino. 8. 1*50 L. 

Luzz&to, B., Contagi e miasmi. Milano. 16. 

Maccormac, Henry, Dr., Etiology of Tubercle, with comments on Dr. Robert 
Koch*s Bacilli. London, Renshaw. 8. 6 p. 

Maresio Bazolle, A., Della malattia carbonchiosa negli animali bovini, e delle 
condotte provinciali. Belluno. 8. 

Merz, Louis, Dr., Contribution ä Petude du typhus exanthömatique. Lyon, i&p. 
Waltener. 8. 47 p. 

Meyer, Wilhelm, Untersuchungen über den Bacillus des Abdominaltyphus. 
Inauguraldissertation. Berlin. 8. 37 S. mit einer Tafel. 

Miller, Wesley, Prevention of tubercular disease in man and domestic animals 
by vaccination. New York. 8. 8 p. 

Mond, Louis, Du Principe de la rage et de ses moyens de guerison. Lyon, 
imp. administr. chanoire. 8. 22 p. 

Neumann, Carl, Dr., Die Diphtheritisnoth. Leipzig, Grieben. 8. 36 S. 0*80 M. 

O’Neill, Paul, Dr., Des maladies d’origine exclusivement paludeenne observees 
au Rio-Nunez (cötes occidentales d’Afrique) du ll.aout 1866 au 15. novembre 
1870. Paris, imp. Davy. 8. 70 p. 

Perroncito, E., Prof., II Carbonchio e le Vaccinazioni carbonchiose. Torino. 8. 

Pescetto, F., La desinfezione per mezzo delT anidrite azotosa e delP azotito 
d’etile. Roma. 8. 

Pfeiffer, L. u. C. Ruland, Pestilentia in nummis. Geschichte der grossen Volks¬ 
krankheiten in numismatischen Documenten. Ein Beitrag zur Geschichte 
der Medicin und der Cultur. Tübingen, Laupp. gr. 8. X—198 S. mit zwei 
Tafeln. 6 M. 

Pigeon, C., Remarks on cattle plage vaccination. Paris, J. B. Bailiiere. 8. 11p. 

Podhajsky, Vinc., Dr., Reg.-Arzt, Zur Aetiologie der acuten Exantheme. Heft 
8 u. 9 der „Wiener Klinik“, herausg. von Prof. Dr. Joh. Schnitzler. 
Wien, Urban u. Schwarzenberg, gr. 8. 92 S. 0*75 M. 

Rasurei, Marius, Dr., Relation d’une epidemie de diphtherie ä Bourg et dans 
los envirous. Lyon, Duc et Demaison. 8. 84 p. 


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Neu erschienene Schriften. 189 

Sapolini, Giuseppe, La rabbia nel cane e nel gatto. Milano, Sonzogno. 12. 30 p. 

Schütz, Jac., Dr., Das Wesen und die Behandlung der Diphtheritis. Prag, 
Calve. gr. 8. 18 S. 0*80 M. 

S6e, Germain, Prof., Des pneumonies infectieuses. Paris, Malteste. 8. 16 p. 

Sergeant, Edward, The sanitary measures necessary for the Suppression of in- 
fectious disease. Bolton; 8. 9 p. 

State Board of Health of Illinois. Circular, to presidents of local boards, 
requesting concert of action to prevent, control and stamp out contagious 
and epidemic diseases during the coming winter, Oct. 20, 1881. Springfield. 
4. 11. 

Btutel, A., Dr., Rapport sur Pepidemie de diphtherie et d’angines diphtheriques 
qui a regne ä Saint-Die dans les annees 1880 et 1881. Saint-Die, imp. 
Humbert. 8. 42 p. et 2 tableaux. 

Thomson, William, The Germ Theory of Phthisis, verified and illustrated by 
the rapid inerease of phthisis in Victoria during the census period 1871—1881. 

Tyndall, John, Essays on the floating matter in the air in relation to putrefac- 
tion and infection. New York, Appleton. 8. 357 p. 

Tyndall et Pasteur, Les Microbes organises, leur role dans la fermentation, la 
putrefaction et la contagion. Paris, Gauthier-Villars. 18. XII—236 p. avec fig. 

Vallada, D., Storia della sperimentazione delP innesto carbonchioso in Torino 
e dintorni. Torino. 8. 

Vallin, E., Traite des desinfectants et de la desinfection. Paris, G. Masson. 8. 
XII—803 p. avec fig. 12 Frcs. 

Wakefleld, W., Dr., Recherches sur la nature et la propagätion du cholera 
asiatique. Paris, imp. Davy. 8. 

Winnacker, Hugo, Ueber die niedrigsten, in Rinnsteinen beobachteten, pflanz¬ 
lichen Organismen und deren Beziehung zu Infectionskrankheiten. Elber¬ 
feld, Fassbender, gr. 4. 19 S. mit 2 Holzschn. 1 M. 

Yeo, J. Burney, Lectures on Consumption; its contagiousness and its antiseptic 
treatment. London, Churchill. 8. 124 p. 3 sh. 6 d. 

9. Hygiene des Kindes und Kindersterblichkeit. 

Bull, Thomas, The maternal management of children in health and disease. 
New edition, thoroughly revised by Rob. W. Parker. London, Longmans 
(Berlin, Asher). 12. 358 p. 1 sh. 6 d. 

Crew, Benjamin J., The care of deserted infants. Philadelphia, Allen, Lane & 
Scott. 8. 16 p. 

Epstein, Alois, Dr., Studien zur Frage der Findelanstalten unter besonderer 
Berücksichtigung der Verhältnisse in Böhmen. Prag, Calve. *gr. 8. 64 S. 

2 M. 

Fonesagrives, J. B., Legons d’hygiene infantile. Paris, Delahaye & Lecrosnier. 
8. 10 Frcs. 

Girault, Dr., Conseils aux jeunes meres, aux nourrices et aux sages-femmes 
pour eviter la mortalite frequente chez les enfants en bas äge. Paris, Dela¬ 
haye & Lecrosuier. 12. 47 p. 

Guaita, R., Dr., Igiene pediatrica e malattie dei bambini Milano. 8. 

Hofmann, Dr., Bezirksarzt und Prof. Dr. Geigel, Anweisung zur Ernährung 
und Pflege der Kinder im ersten Lebensjahre, speciell der mutterlos auf¬ 
zuziehenden. 2. Auflage. Würzburg, Stahel. gr. 8. 4 S. Pro 26 Explre. 1 M. 

Laoroix, J. A., Du domicile de secours des enfants assistes. Paris, Guillaumin. 
8. 38 p. 

Lafabrägue, Rene, De la mortalite du premier age et des legitimations. Nancy, 
Berger-Levrault. 8. 7 p. 

Manager, Emile, Dr., D6 la mortalite et de la morbidite du premier äge, et des 
moyens de les combattre. Paris, Derenne. 8. 49 p. 


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190 Neu erschienene Schriften. 

Missart, M“®, Conseils k nne mere sur l’allaitement et sar l’emmaillottemeut 
des nouveau-nes. Epinal, imp. Busy. 12. 13 p. 

Opera pia degli ospizi Marini pei fanciulli poveri, rachiti e scrofolosi della 
citta e provincia di Roma. Relazione, tavole statistiche e resoconto ammi- 
nistratiro per l’anno 1880. Roma. 8. 

Perrussel, Henri, Dr., Guide medical et hygienique de la mere de famille. 

Paris, Bailliere. 18. XII — 496 p. avec 83 fig. 

Tarnier, S. & J. Chantreuil, Physiologie et hygiene de la premiere enfance, 
considerees surtout au point de vue de l’alimentation. Paris, Lauwereyns. 
18. VIII — 250 p. 3 50 Frcs. 


10. Variola und Vaccination. 

Circular of recommendation from the State Board of Health of Tennessee, for 
the prevention of small-pox. Nashville. 4. 2 1. 

Kürsteiner, Dr., Das Epidemieengesetz auf der Waage des Impfzwangs. Er¬ 
öffnungsrede der 109. Versammlung Appenzellischer Aerzte am 22. Mai 
1882. Appenzell. 8. 20 S. 

Miles, A. J., Report on small-pox, May 8, 1882. Cincinnati, Clarke & Co. 8. 15 p. 

Perroud, Rapport de la Commission de vaccine pour l’annee 1881. Lyon, impr. 
Riotor. 8. 14 p. 

Prevention and Ilestriotion of small-pox. Document issued by the Michigan 
State Board of Health. Lansing. 8. 16 p. 

Simonin, Dr., Rapport sur le Service departemental de l’assistance medicale et 
de la vaccine de Meurthe-et-Moselle pendant l’exercice 1881. Nancy, imp. Ber¬ 
ger-Le vrault. 8. 143 p. 

State Board of Health of New York. Prevention of small-pox. Dutiesofthe 
local authorities, health officers an others. Circular Nr. 38. Albany. 8. 4 p. 

Taylor, P. A., Current fallacies about vaccination; a letter toDr. W.B.Carpen¬ 
ter; 2d ed.; with additional remarks on Dr. Carpenter’s article on disease 
germs. London, Allen. 8. 37 p. 

Vaccination Aots, Compulsory clauses repeal —. A Bill to repeal the compul- 
sory clauses of the Vaccination acts. London, fol. 1 sheet. 

Violi, J. B., Dr., Notice sur Petablissement vaccinogene, approuve par laSociete 
imperiale de medecine; fonde en 1880. Constantinople-Pera, Pallamary. 8. 
31 p. 

Violi, J. B., La vaccinazione animale a Constantinopoli. Bologna, Vallardi. 8. 

6 p. 

Vogt, Adolf, Prof. Dr., Die Pockenseuche und Irapfverhältnisse in der Schweiz. 
Im Aufträge des Vereins gegen Impfzwang dargestellt für Aerzte und gebil¬ 
dete Laien. Bern, Dalp. 8. 59 S. mit 17 Tabellen. 0*80 M. 

Wemher, Adolf, Dr., Das erste Auftreten und die Verbreitung der Blattern in 
Europa bis zur Einführung der Vaccination. Das Blattemelend des vorigen 
Jahrhunderts. Giessen, Ricker. 8. 99 S. „ 2 M. 

Wight, O. W., How to combat small-pox. A paper read before the state sani- 
tary Convention at Ann Arbor, Mich., Febr. 28, 1882. Detroit. 8. 27 p. 


11. Prostitution und Syphilis. 

Quyot, Yves, La Prostitution. Paris, Charpentier. 8. 

Martineau & Hamonio, De la bacteridie syphilitique chez le porc, etudes et 
experiences. Paris, imp. Malteste. 8. 8 p. 

Bosenbaum, Jul., Dr., Geschichte der Lustseuche im Alterthume, nebst aus¬ 
führlichen Untersuchungen über den Venus- und Phalluscultus, Bordelle, 
Novaog dtjtäa der Skythen, Paederastie und andere geschlechtliche Aus- 


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Neu erschienene Schriften. 191 

Schweifungen der Alten. Dritter Abdruck. Halle, Schmidt, gr. 8. XII — 
484 S. 6 M. 

Sittlichkeit; Die öffentlich^. 1. bis 5. Hft. Berlin, Dolfuss. gr. 8. 157 S. 

Inhalt: 1. Ein Wort zur Sittlichkeitsfrage. Vortrag 1 , geh. im Rathhause zu 
Berlin am 14. Mai 1880 v. Frau Gertrud Guillaume-Schack. 14 S. 
0*50 M. 2. Der Handel mit englischen Mädchen. Ein Bericht von That- 
sachen nach A lfr. S. Dy er. Aus dem Englischen. 38 S. 0*75 M. — 3. Die 
Organisation der weissen Sclaverei in Brüssel. Von einem Belgier. Aus 
dem Englischen übersetzt durch das Centralcomite des Deutschen Cul- 
turbundes. 32 S. 0*50 M. — 4. Die Abschaffung der weissen Sclaverei 
in Brüssel. Vom Verfasser „der Organisation der weissen Sclaverei in 
Brüssel“. 26 S. 0*50 M. — 5. Ueber unsere sittlichen Verhältnisse 
und die Bestrebungen und Arbeiten des Britisch-Continentalen u. Allg. 
Bundes. Vortrag, am 23. März 1882 in Darmstadt gehalten und von der 
Polizeibehörde daselbst verboten, von Frau Guillaume-Schack. An¬ 
hang: Der Process zu Darmstadt gegen Frau Guillaume-Schack. 
Stenographischer Bericht. 47 S. 075 M. 

White, J., Williams, The prevention of syphilis; an address. Philadelphia. 8. 20 p. 

12. Gewerbe- und Berufshygiene. 

Gourreau, Henry, Reflexions sur l’empoisonnement des classes ouvrieres; 
2e edition. Bordeaux, Saint-Paul. 8. 20 p. 0*40 Frc. 

Philipes, Constitution medicale de la vallee du Lot danB le departement de Lot- 
et-Garonne; maladie professionnelles de ce pays. Paris, imp. Davy. 8. 80 p. 

Popper, M., Dr., Lehrbuch der Arbeiterkrankheiten und Gewerbehygiene. Stutt¬ 
gart, Enke. gr. 8. IV — 396 S. 8. M. 

13. Nahrungsmittel. 

Bar&nski, Anton, Prof. Dr., Anleitung zur Vieh- und Fleischschau für Stadt- 
und Bezirksärzte, Thierärzte, Sanitätsbeamte, sowie besonders zum Gebrauche 
für Physicatscandidaten. Zweite verb. Auflage. Wien, Urban & Schwarzen¬ 
berg. gr. 8. VI —184 S. mit 6 Holzschn. 3 M. 

v. d. Becke, W., Dr., Milchprüfungsmethoden. Nach vergleichenden Unter¬ 
suchungen bearbeitet und zusammengestellt. Mit einer Vorrede von Prof. 
Dr. J. König. Bremen, Heinsius. gr. 8. VI —105 S. mit 30 eingedr. 
Holzschn. 2*80 M. 

Cazeneuve, P., De Palimentation chez les peubles Bäuvages et les peubles civi- 
lises; Conference faite k la faculte des Sciences, le 26 fevrier 1882. Lyon. 8. 

Cramer, G., Die Mängel der Milchcontrole mit besonderer Berücksichtigung 
vorgekommener Fehler; praktische Winke für Polizeibehörden und für 
Jedermann, welcher sich für gute Milchversorgung und zuverlässige Milch¬ 
controle interessirt. Kiel, Kuhn. 8. 45 p. 

Fleck, H., Hofrath Prof. Dr., Die Analyse des Weines in ihrer Bedeutung für 
die Weinindustrie. Dresden, v. Zahn. 8. 15 S. 1 M. 

Hufison, C., L’Alimentation animale, ce qu’elle a ete, ce qu’elle doit etre, ce 
qu’elle devient, ce qu’elle produit, comment on la prepare; la Viande, Bon 
histoire, ses caracteres, son utilite, ses dangers, statistique, hygiene, police 
sanitaire. Paris, Dunod. 8. VI — 272 p. avec 10 fig. 

K&rlowa, C. F. C., Die Bierfabrikation, Theorie und Praxis in der Herstellung 
des Bieres, nebst Anleitung zur Untersuchung des Bieres auf seinen Gehalt 
und Prüfung auf seine Verfälschungen. Zweite Auflage. Kattowitz, Siwinna. 
gr. 8. IV —142 S. 2*50 M. 

Lefebvre, Eugene, Prof., Les Alimente. Paris, Hachette & Ge. 8. 223 p. 
1*50 Frc. 


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192 Neu erschienene Schriften, 

Lombroso, C., Süll’ alcoolismo acuto e cronico, e aui mezzi per prevenirlo. 
Torino. 8. 52 p. 1 tav. 150 L. 

Meinert, C. A., Dr., Wie nährt man sioh gut und billig? Ein Beitrag zur Er¬ 
nährungsfrage. Preisgekrönt durch den Verein „Concordia“. Berlin, Mitt¬ 
ler & Sohn. gr. 8. III—100 S. mit 1 Taf. und mehreren Holzschnitten. O oO M. 

Nahrungsmittelgeaetzes, Beitrag zur Kritik des sogenannten — in seiner An¬ 
wendung auf den Weinhandel und die Weinproduction. Mainz, Diemer. 
gr. 8. 36 S. 075 M. 

Ortloff, H., Der Verkehr mit Nahrungs- und Genussmitteln und Gebrauchsgegen- 
ständen. Nach dem Reichsgesetz vom 14. Mai 1879, nebst den kaiserl. Ver¬ 
ordnungen vom 24. Februar und 1. Mai 1882 und der Rechtsprechung des 
Reichsgerichts. Neuwied, Heuser. 8. 90 S. 1 M. 

Robinet, E., Les Matieres colorantes artificielles dans les vins. Epernay, imp. 
Bonnedame. 8. 78 p. 

Rütz, Otto, Apotheker, Wie lassen sich Verfälschungen der Nahrungs-, Genuss¬ 
mittel und Consumartikel leicht und sicher nachweisen? Neuwied, Heuser, 
gr. 8. VI —125 S. mit vielen eingedruckten Holzschnitten. 3 M. 

Viehbeschau Or dnung und Instruction für Fleischbeschauer in Kärnten. 
Klagenfurt, Heyn. gr. 8. 24 S. 1 M. 

14. Leichenverbrennung und Leichenbestattung. 

Hlubek, P., lug., La Question de l’inhumation consideree comme „lacune“ dans 
les pompes funebres de notre siede et sa solution. Paris, Chaix. 8. 15 p. 

Lelohenverbrennung, Die — in Wien. Wien. 8. 32 p. 1 pl. 

St&tuto della Societä „Paolo Gorini“ per la cremazione in Codogno. Codogno. 8. 

TJrn Burial. An argument in favor of cremation. New York. 16. 10 c. 

Vanderpol, A., La Cremation et les Funerailles ä Rome. Lyon, imp. Pitrat. 
8. 13 p. 

15. Verschiedenes. 

B&rthe de Sandfort, E., De la desinfection du navire (le Marals nautique). 
Montpellier, imp. Cristin, Serre & Ricome. 4. 120 p. 

Beneke, F. W., Prof. Dr., Geh. Medicinalrath, Die erste Ueberwinterung Kran¬ 
ker auf Norderney. Norden, Braams. gr. 8. VII —157 S. 2*50 M. 

Bericht über das Veterinärwesen im Königreich Sachsen für das Jahr 1881. 
Herausgegeben von der königl. Commission für das Veterinärwesen. 
XXVI. Jahrgang. Dresden, Sehönfeld. gr. 8. 190 S. 350 M. 

Emrys-Jones, A., Diseases produced by Drink. One of the Health Lectures for the 
people, publisched by the authority of the Manchester and Salford Sanitary 
Association. London, Heywood (Berlin, Asher). 8. 12. 1 d. 

Galli, M. A., 11 go?zo e il cretinismo nella provincia di Bergamo. Bergamo. 8. 

Guerder, Dr., Considerations sur la prophylaxie de la surdi-mutite. Paris, 
Lauwereyns 8. 8 p. 

Wright, T. L., Inebriety; a study upon alcohol in its relations to mind and 
conduct. St. Louis. 8. 23 p. 


Berichtigung zu Band XIV« 

Auf Seite 615 ist zweimal (Zeile 18 von oben und Zeile 7 von unten) zu lesen 
beinahe doppelt statt: mehr als doppelt. Auf derselben Seite muss es 
Zeile 4 von oben heissen: dem Impfschutze (statt dem Impfgesetze) 
Entwachsenen. 


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Vierter 

internationaler Gongress für Gesundheitspflege 
zu Genf vom 4. bis 9. September 1882. 


Einleitung. 


Der vierte internationale hygienische Congress war von 452 Theil- 
nehmern besucht. Es fanden sich darunter: 


207 


131 Genfer, 

40 französische Schweizer, 
36 deutsche Schweizer, 

114 Franzosen, 

43 Italiener, 

23 Deutsche, 

11 Engländer, 

11 Spanier, 

9 Russen, 

7 Belgier, 

6 Nordamerikaner, 


4 Oesterreicher und Ungarn, 
3 Portugiesen, 

3 Schweden, 

2 Dänen, 

2 Rumänen, 

2 Rumelioten, 

1 Brasilianer, 

1 Grieche, 

1 Mexicaner, 

1 Niederländer, 

1 Serbe. 


Neben den eingebürgerten Genfern überwogen unter den Übrigen 
Schweizern die Einwohner der französischen Schweiz. Von den unmittel¬ 
baren Nachbaren der Schweiz stellten weitaus das grösste Contingent die 
Franzosen, ziemlich zahlreich waren immerhin noch die Italiener vertreten, 
gering an Zahl die Deutschen. Auffallend gering war die Zahl der Eng¬ 
länder und der Oesterreicher. Für einen internationalen Congress ist dies 
sicht die wünschenswerthe Zusammensetzung. Die internationalen Con- 
gresse erfüllen ihren Hauptzweck überhaupt nicht vollständig, so lange 
eine Nation dominirt und fast nur eine Sprache zum Gebrauch gelangt. 
Sie werden ihr Ziel der wirklichen gegenseitigen Belehrung der verschiede¬ 
nen Nationen erst dann erreichen, wenn von den Congressmitgliedern an¬ 
genommen werden kann, dass sie die Reden und Verhandlungen in fran¬ 
zösischer, englischer und deutscher Sprache (in nächster Generation wohl 
auch in italienischer) vollständig verstehen, und wenn jeder Theilnehmer 
in seiner eigenen Sprache spricht, welche voraussichtlich ziemlich allein ihm 
Vierteljfthrnchrift für Gesundheitspflege, 1883. jo 


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194 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf 

vollkommen geläufig ist. Nur auf dem ersten internationalen wissenschaft¬ 
lichen Congresse, dem Congresse für Pöuiteutiarreform in Frankfurt a. M. 
im Jahre 1846, war dies, wenigstens annähernd, der Fall. Auf dem Genfer 
Congresse nun dorainirten die Franzosen, aber nicht nur durch ihre Zahl 
und die Allgemeingültigkeit ihrer Sprache, sondern hauptsächlich auch weil 
sie eine ganze Auswahl der hervorragendsten Hygieniker geschickt hatten 
(wir nennen Paul Bert, Brouardel, Durand-Claye, Fauvel, Gueneau 
de Mussy, Layet, Martin, Napias, Pasteur, E. Trelat, Vallin, 
Vidal, Zuber etc.) und weil sie vor und während der Versammlung ange¬ 
strengt thätig waren. So ist, von der Societi de mMecine publique et d’hygiene 
professionelle ausgehend und von deren beiden Schriftführern bearbeitet, 
eine ausgezeichnete, wahrhaft mustergültige Schrift l ) erschienen, und an 
fünf Abenden nach Schluss der Versammlung wurden in dem Ausstellungs¬ 
gebäude demonstrative Vorlesungen gehalten von Cernesson über Heizung 
und Ventilation, von Bourneville und Loiseau über Hospitäler, von 
Napias über ungesunde Wohnungen und über Hülfeleistung bei Verwun¬ 
deten, von Durand-Claye über Siele und Abfuhr, von Girard über 
Analyse der Nahrungsmittel; endlich bildete die Ausstellung der Stadt 
Paris (Modelle, Zeichnungen wie sonstige Schriftstücke) den weitaus gröss¬ 
ten und wichtigsten Theil der ganzen Ausstellung — Alles ein nicht genug 
an zuerkenn endes, lebhaft zu Nacheiferung aufforderndes Vorbild nationalen 
Ehrgeizes auf wissenschaftlichem Gebiete. Dieses patriotische Zusammen¬ 
wirken offenbarte sich auch in der noch im Octoberheft erschienenen aus¬ 
gezeichneten ausführlichen Besprechung der Verhandlungen des Genfer Con- 
gresses in der 'Revue d'hygiene et de police sanitaire , Bd. IV, S. 701 — 864. 

Der Congress war vortrefflich vorbereitet und wurde geschäftlich vor¬ 
trefflich geleitet. Das Geschäftliche lag besonders Herrn P. Dunantob, 
dem Professor der Hygiene an der Universität Genf, der sich mit einer Reihe 
gewandter und entgegenkommender Mitarbeiter umgeben hatte. Die Prä¬ 
sidentschaft hatte der berühmte Klimatologe Dr. C. H. Lombard über¬ 
nommen und stand ihr ebenso tüchtig als liebenswürdig vor. Frühzeitig 
vor dem Congresse wurde sämmtlichen voraussichtlichen Theilnehmern am 
Congresse ein 65 Seiten starkes gedrucktes Programm zugeschickt, welches 
in deutscher und französischer Sprache alle zu verhandelnden Themata 
nebst dem Wortlaute der Schlusssätze, conclusions 1 enthielt. Die Räumlich¬ 
keiten für die allgemeinen Sitzungen wie für die der fünf Sectionen waren 
sehr zweckentsprechend ausgewählt, sämmtlich im Universitätsgebäude. 

Die Aufnahme der Congressmitglieder Seitens der Genfer Einwohner¬ 
schaft, der dem Congresse näher wie auch selbst der dem Congresse fer¬ 
ner stehenden, war eine überaus zuvorkommende, fördernde. Der Genfer, 
namentlich der alt-vornehme Genfer hat die lebhafte Empfindung dessen, 
was er als Bürger einer historisch bedeutsamen, reichen, einer am Kreuz¬ 
punkt der Weltheerstrassen gelegenen Stadt, sich und ihr schuldig ist. 
Genf zeichnet sich dadurch aus, dass wohl kaum in einer anderen Stadt 


l ) L’6tude et les progr&s de Phygiene en France de 1878 k 1882 par Messieurs 
H. Napias et A. J. Martin, avec une pr^face de Mons. le professeur Brouardel; ouvrage 
orn6 de 229 figures. Paris, Q. Masson, 1882, 8., XI et 546 p. 


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195 


vom 4. bis 9. September 1882. 

der Welt von ähnlicher Grosse die reichen Familien traditionell so viel¬ 
fach, so eifrig und erfolgreich sich an ernstem Studium der verschiedensten 
Wissenschaften betheiligen. Der festliche Empfang der Gäste durch die 
städtischen Behörden in den Gesellschaftssälen des neuen Theaters, durch 
das Organisationscomite im Schloss der Madame Eynard, durch Herrn 
Professor AlphonBe de Candolle auf seiner Villa, durch das hydrothera¬ 
peutische Institut in Champel und durch zahlreiche andere Vereinigungen 
in kleinerem Kreise geben hierfür glänzende Belege. In aller erster Linie 
verdient aber Erwähnung die für den 7. September veranstaltete Seefahrt. 

Auf dem grössten Dampfer des Genfer Sees schifften sich Morgens 
gegen 9 Uhr weit über 300 Theilnehmer, von zahlreichen Damen begleitet, 
ein, zuvörderst um an dem südlichen Ufer des Sees entlang nach Evian zu 
fahren, wo die dortige Badegesellschaft in ihren hochgelegenen weiten 
Gartenanlagen an grossen Tafeln auf einer ausgedehnten, den Ueberblick 
über den See bietenden Terrasse und in dem dazu gehörigen Gesellschafts¬ 
hause für viele hunderte Personen ein splendides Frühstück darbot. Nach 
einiger Zeit ging die Fahrt weiter nach dem obersten Ende des Sees und 
von da umbiegend, an Schloss Chillon vorbei, nach Montreux, wo die 
Gäste in den schönen grossen Räumen des Kursaales mit einem glänzenden 
Mittagessen bewirthet wurden. Von der Terrasse vor diesem Kursaale 
genoss die ganze Gesellschaft bei äusserst günstiger Witterung, wenn auch 
bei allerdings mässiger Beleuchtung, den Blick über den glänzenden See, 
von dem J. J. Rousseau ja so gerne sagte: mon lac est le premier. Nach 
eingetretener Nacht und nachdem sich Montreux und die anstossenden 
Ufergemeinden in glänzende Illumination gehüllt hatten und in bengalischer 
Beleuchtung ihre hervorragenden Gebäude, Kirchen u. s. w. erglänzen 
liessen, ging die Rückfahrt nach Genf, wo man erst gegen Mitternacht ein¬ 
traf. Alle Theilnehmer werden Bich gewiss mit lebhafter Befriedigung und 
Dankbarkeit des reizenden Festtages erinnern. Solche Festfahrt anzubieten 
ist wohl kaum eine andere Stadt in die Lage gesetzt. Lebhaft aber musste 
man namentlich erkennen, dass kein anderes Fest für eine Versammlung 
von Gelehrten aus allen Ländern so günstige Gelegenheit bietet, in freiester 
Form die interessantesten Bekanntschaften und lehrreichsten Gespräche zu 
fordern, als eine Seefahrt auf einem grossen Schiffe. Man ist mit einigen 
Hundert anderen Männern vereinigt, man kann Jeden finden, anreden, wie¬ 
der abbrechen, sich gemeinsam der herrlichen Aussicht erfreuen, wie in 
ernste Gespräche sich vertiefen. Es kann Keiner uns entgehen und doch 
wird Keiner, von einem Anderen angesprochen, sich gefesselt fühlen, wo 
freie Bewegung sich von selbst giebt. Wir sind weder gefesselt durch ein 
Gespräch, das sich zu lange hinausspinnen will, noch gefesselt durch Knei¬ 
pereibande, die unseren deutschen Vereinigungen viel mehr Abbruch thun 
und noch mehr unseren Nichtlandsleuten viel auffälliger sind, als die Meisten 
glauben wollen. 


13* 


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196 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf. 


Allgemeine Sitzungen. 

Berichterstatter Dr. G. HaltenhofF (Genf). 


Erste Sitzung. 

Montag, den 4. September. 

Vorsitzender: Dr. H. CI. Lombard, Präsident des Organisation - Comites. 

Die erste Sitzung war der feierlichen Eröffnung des Congresses und 
den üblichen Begrüssungsreden gewidmet. 

Als Vertreter der hohen schweizerischen Bundesregierung ergriff zuerst, 
und zwar in französischer Sprache, Herr Bundesrath Schenk das Wort, 
und begrüsste Namens der schweizer Regierung die Delegirten der auswär¬ 
tigen Regierungen und alle Mitglieder der Versammlung: die Schweiz sei 
glücklich und stolz, zum Sitze dieses Congresses gewählt worden zu sein, 
welcher Bich die Besserung der Lebensbedingungen sowohl der Individuen als 
der Völker zum Ziele gesetzt. Redner erinnert daran, dass in dieser Stadt die 
Convention des Rothen Kreuzes zum Schutze der verwundeten Krieger und 
später das internationale Schiedsgericht zur friedlichen Entscheidung der 
Alabamafrage zu Stande kamen. Die Schweiz habe noch einen praktischen 
Grund, die in ihrer Mitte versammelten Hygieniker aller Länder willkom¬ 
men zu heissen, sie könne nämlich noch Vieles von ihnen lernen, da in 
manchen Cantonen die Sterblichkeit 20 bis 25, in anderen selbst 25 bis 
29 pro mille betrage. Es besteht noch eine starke Kindersterblichkeit in 
Folge schlechter Ernährung und mangelhafter Pflege; den Infectionskrank- 
heiten erliegen alljährlich gar viele Erwachsene und Familienhäupter in 
der Blüthe des Alters; Schwindsucht, Alkoholismns, Selbstmord u. s. w. 
liefern auch starke Beiträge zur Sterblichkeit. Und alle diese Uebel, wie 
die Hygiene lehrt, können vermieden werden! Noch ist die Majorität 
der Bevölkerung zu sehr Sklavin alter Vorurtheile und werden die Regeln 
der Hygiene nur von den Wenigsten befolgt. Die durch die Statistik 
erwiesenen Wohlthaten der Gesundheitspflege werden erst dann zum All¬ 
gemeingut, wenn Jedermann, im vollen Verständniss der Wirkungen und 
Ursachen, sich verpflichten wird, für sich und andere den Geboten der Wissen¬ 
schaft zu folgen. Mögen also der Congress und die Ausstellung für Hygiene, 
die wir heute begrüssen, zur Verscheuchung der Irrthümer und zur Auf¬ 
klärung der öffentlichen Meinung beitragen, einen Baustein zum stets un¬ 
vollendeten Gebäude des menschlichen Fortschritts liefern! 

Herr Staatsrathspräsident M. Heridier begrüsst den Congress im 
Namen der Regierung des Cantons Genf, welche den socialen und hygieni¬ 
schen Fortschritt stets im Auge habe, Unwissenheit und Elend, die schlimm- 


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Allgemeine Sitzungen (Berichterstatter Dr. Haltenhoff). 197 

sten Feinde der Gesundheitspflege, durch Entwickelung des öffentlichen 
Unterrichts, Förderung von Handel und Industrie und Besserung der gesell¬ 
schaftlichen Zustände, zu bekämpfen suche. Redner wirft einen kurzen 
Rückblick auf die geschichtliche Entwickelung der Hygiene, die im Alter¬ 
thum schon auf Naturbeobachtung begründet, im finsteren Mittelalter ver¬ 
nachlässigt wurde und heutzutage, auf dem Boden moderner Naturwissen¬ 
schaften, zu hoher Blüthe sich entfalte. Es gehe auch eine sittliche Hygiene 
der Völker, wie es sittliche Miasmen gehe. Durch gegenseitige Kenntniss 
sollen die Völker von einander lernen, sich vervollkommnen und zu immer 
besseren Zuständen in Wohlstand und Frieden, ohne Unterschied der Rassen 
und Sprachen, zu gelangen streben. 

Herr Stadtrath Le Cointe, Abgeordneter des Verwaltungsrathes der 
Stadt Genf, heisst den Congress ira Namen der Stadt willkommen, welche 
schon wiederholt das Glück hatte, Sitz internationaler Versammlungen 
philanthropischen oder wissenschaftlichen Charakters zu sein. Nach dem 
grossartigen Gedanken der Convention vom Rothen Kreuze, die hier zuerst 
ins Lehen trat, nach dem erfreulichen Austrag des bekannten Alabama¬ 
streits zwischen zwei Grossmächten ersten Ranges i kam 1877 der inter¬ 
nationale Congress für medicinische Wissenschaften, der sich im selben Saale 
versammelte, wo heute der hygienische Congress eröffnet wird. Letzterer 
hat eine noch breitere Grundlage als sein Vorgänger, indem er alle Beobach¬ 
tungswissenschaften, die experimentellen Forschungen und die sogenannten 
exacten Disciplinen Zusammenwirken lässt, um daraus, nach Feststellung 
allgemein gültiger Gesetze, die Mittel zur Besserung der socialen Lebens¬ 
bedingungen abzuleiten. Dabei finden die Interessen der Arbeiterclassen 
besondere Berücksichtigung. Der Volkswirth, der Erzieher, der Gewerbs- 
mann, der Menschenfreund und vor Allem die öffentlichen Verwaltungen 
ziehen Vortheil aus den Arbeiten der Hygieniker. Daher auch der Magistrat 
der Stadt Genf über die Vereinigung der Hygieniker in unserer bescheide¬ 
nen Stadt ganz besondere Freude empfindet. Redner berührt kurz die auf 
dem Tractandis stehenden Fragen des Alkoholismus, der Sonntagsruhe, der 
Canalisation, welche für Genf von besonderem Interesse sind, und fordert 
die auswärtigen Mitglieder auf, beim Durchwandern der Strassen, beim 
Besuch der Schulen und anderen öffentlichen Anstalten ihre hygienischen 
Bemerkungen nicht zu unterdrücken. Das alte freistaatliche Gemeinwesen 
Genfs sei zwar stolz auf seine Einrichtungen, wolle aber seinem Wahl¬ 
spruche post tenebras lux getreu, Licht und Fortschritt auf allen Gebieten. 
Die städtische Verwaltungsbehörde wird solche Belehrungen dankbar an¬ 
nehmen und zu befolgen trachten. 

Dr. H. CI. Lombard. Nach Bewillkommnung der zahlreich vom In- 
und Aaslande herbeigeströmten Hygieniker erinnert Redner an die hygie¬ 
nische Vorzeit der Stadt Genf, deren meist enge und krumme Strassen mit 
vier- bis sechsstöckigen Häusern durch die früheren Festungsverhältnisse 
sich erklärten. .Vor fünfzig Jahren waren daher Rachitis, Scrophulose und 
Kropfkrankheit noch sehr häufige Erscheinungen, während sie jetzt fast 
zur Ausnahme geworden. Auch die Ufer des Sees und Flusses waren sehr 
unvollkommen; an Stelle der heutigen, breiten, mit eleganten Häusern und 
Gärten geschmückten Quais standen unförmliche Gebäulichkeiten, zwischen 


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198 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf. 

denen das vielfach verunreinigte Wasser bis in die Strassen eindrang. Die 
Anregung zu dieser Umwandlung führt Redner auf Einführung der Dampf¬ 
schifffahrt zurück, welche einem Amerikaner, Namens Church, zu ver¬ 
danken war: der hässliche Anblick ihrer Stadt von der Wasserseite wurde 
den Genfern bald unerträglich; da begannen sie neue Häuser zu bauen und 
breite Quais anzulegen. Später erlitt Genf eine noch wichtigere Metamorphose 
durch Niederreissung der Wälle und Ausfüllung der Festungsgräben. An 
deren Stelle entstanden geräumige Plätze und Strassen, wo Luft und Licht 
reichlichen Zutritt erhielten und auch viele öffentliche Gebäude Platz fan¬ 
den, unter anderen auch dieses den Congress beherbergende Universitäts¬ 
gebäude mit seinen als naturhistorisches Museum und Bibliothek dienenden 
Flügeln. Dem vermehrten Luft- und Raumbedürfnisse der Bewohner ent¬ 
sprachen zahlreiche Parkanlagen im Weichbilde der Stadt und Villenquar¬ 
tiere an deren Grenzen. 

Die Lage der Stadt auf Hügelabhängen sichert ihr fortwährende Luft¬ 
erneuerung durch die in der Richtung des Lemanthals streichenden Süd¬ 
west- und Nordostwinde, von denen letztere vorherrschen. Mag auch die 
vielgeschmähte „Bise“ die Entstehung mancher Neuralgien und Entzün¬ 
dungen begünstigen, so leistet sie doch die besten hygienischen Dienste, 
namentlich zur Verhütung von Seuchen: als die Cholera Genf besuchte — es 
war das erste und letzte Mal — wich sie nach wenigen Tagen rasch dem 
Einfluss einer starken Bise. Dasselbe wurde bei einer gewaltigen Influenza¬ 
epidemie beobachtet. Der feuchte Südwest dagegen mildert die vorherr¬ 
schende Trockenheit der Luft. 

Das Trinkwasser ist von ausserordentlicher Reinheit und Klarheit, wie 
sich Jeder überzeugen kann, der unsere blaue Rhone unter den Brücken 
durchströmen sieht. Zwei mächtige Wasserwerke l ) versorgen alle Theile 
der Stadt mit einer relativ zu anderen Städten sehr beträchtlichen Menge 
dieses Wassers, dessen Reinheit von Chemikern und Physikern (Tyndall 
unter Anderen) sehr gerühmt wird. Ein stärkerer Verbrauch dieses herr¬ 
lichen und gesunden Getränkes von Seiten der Genfer Bevölkerung erscheint 
dem Redner sehr wünschbar, in Anbetracht des übermässigen Consums 
alkoholischer Flüssigkeiten und der Häufigkeit des Alkoholismus, der gegen¬ 
wärtig unseren Spitälern dreizehnmal mehr Kranke zuführt als zur Zeit, 
wo Dr. Lombard als Chefarzt des alten Hospitals fungirte, eine Ver¬ 
mehrung, die ganz ausser Verhältniss mit der Bevölkerungszunahme steht. 

In Betreff der Ernährung nimmt Genf gewiss eine sehr günstige Stel¬ 
lung ein. Der Fleischconsum ist sehr bedeuten^! und erstreckt sich durch 
alle Volksclassen: Kaffee, Fleisch und Gemüse stehen täglich auf dem Tische 
der meisten Arbeiterfamilien, einUmstand, der wohl auch zur Verminderung 
von Rachitis und Scrophulose beigetragen haben mag. 

Redner wirft sodann einen Blick auf die Schuleinrichtungen (obligato¬ 
risches Turnen etc.), für welche in jeder Hinsicht grosse Opfer gebracht 
werden, von den Kleinkinderschulen bis zur Universität, den Kunstschulen 
und der Uhrmacherschule hinauf, sowie auf die zahlreichen öffentlichen und 
privaten Spitalanstalten, zu denen kürzlich ein prächtiges ländliches Recon- 


*) Ein hydraulisches und ein Dampfpumpwerk. 


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Allgemeine Sitzungen (Berichterstatter Dr. Haltenhoff). 199 

valescentenasyl gekommen ist. Trotz aller Fortschritte auf hygienischem 
Gebiete bleibt aber noch sehr viel zu thun, namentlich Durchbrüche durch 
die alten engen Quartiere, welche sehr nothwendig erscheinen; die Stadt 
hat auch zum Theil schon damit begonnen, vorläufig jedoch, der grossen 
Kosten wegen, die Vollendung dieses Werkes auf spätere Zeiten verschieben 
müssen. In den Sterblichkeitstabellen europäischer Städte behauptet Genf 
einen sehr günstigen Platz; besonders ist die Sterblichkeit im ersten Lebens¬ 
alter eine der schwächsten, die man kennt. 

Aus alledem geht wohl hervor, dass diese Stadt sich bemüht, ihren 
Einwohnern zu sichern, was als Inbegriff der Hygiene gilt: Mens sana in 
corpore sano. 

Prof. Dr. Dunant, General-Secretär, erstattet nunmehr Bericht über 
die Organisation des Congresses. Nachdem der Turiner Congress 1880 die 
Stadt Genf als Sitz des vierten Congresses bezeichnet und die Schweizer und 
Genfer Staatsbehörde die Wahl angenommen hatte, wurde eine aus neun 
Aerzten und Professoren bestehende Localcomraission unter dem Vorsitze 
von Dr. Lombard sen. ernannt; dieselbe gewann sofort die Unterstützung 
der zwei grossen Aerztevereinö der deutschen und romanischen Schweiz und 
bildete ein aus Mitgliedern der ärztlichen Gesellschaften sowie Vertretern 
der cantonalen und eidgenössischen Sanitätsbehörden bestehendes National- 
comite. Mit Zustimmung des Ausschusses des zu Paris 1878 gehaltenen 
Congresses für Demographie wurde beschlossen, dem Congresse eine 
demographische Section beizufügen. Bundesbehörde, Cantonsregierung und 
MunicipalVerwaltung votirten dem Congresse beträchtliche Geldunterstützun¬ 
gen. Circulare zur Bekanntmachung der Congresse wurden in vier Sprachen 
verfasst und in 2000 Exemplaren versandt. Die Tagesordnung wurde zu¬ 
sammengesetzt 1. aus denjenigen Fragen, welche in Turin für den IV. Con¬ 
gress bestimmt waren, 2. aus einigen dem Comite zeit gemäss erscheinenden 
Fragen, 3. aus Vorträgen einzelner anerkannter Gelehrten, welche der Auf¬ 
forderung des Comites Folge leisteten, über Gegenstände ihrer speciellen 
Studien zu referiren. Leider sind mehrere der Herren Referenten durch 
Krankheit am Besuch des Oongresses gehindert (EL H. Bertillon, Cohn, 
Kuborn und Lasius). Dennoch sollen die Schlusssätze ihrer Referate in 
den betreffenden Sectionen zur Verhandlung kommen. (Folgen einige geschäft¬ 
liche Bestimmungen und Mittheilungen, unter Anderem über die mit dem 
Congress verbundene hygienische Ausstellung, über die officiellen Festivi¬ 
täten, und endlich eine lange Namensliste der von verschiedenen Regierun¬ 
gen, Ministerien, Städten, Sanitätsbehörden und wissenschaftlichen Körper¬ 
schaften zum Congress delegirten Herren.) 

Nach diesem Bericht des Generalsecretärs wird das Organisationscomite 
mit der weiteren Leitung des Congresses betraut, und eine Anzahl von 
Ehrenpräsidenten den verschiedenen am Congress vertretenen Nationen ent¬ 
nommen (für Deutschland die Herren Eulenburg, Goltz und Varren- 
trapp). 

Professor Dr. Paoohiotti hält hierauf, als Präsident des vorher¬ 
gegangenen Congresses zu Turin, eine jener schwungvollen, blumenreichen, 
zugleich heissblüthigen und fein stylisirten Reden, deren Geheimniss nur 
Italiens glückliche Söhne besitzen. Mit begeisterten Worten singt er das 


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200 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf. 

Lob der Schweiz, wo so viele Erfordernisse der Hygiene am gelungensten 
erfüllt seien, wo Friede und Freiheit den Fortschritt auf allen Gebieten be¬ 
günstigen, und das Lob der Stadt Genf, welche den Congress so gastfreund¬ 
lich empfängt und einen so günstigen Boden für seine Bestrebungen bietet. 
Leider kann eine solche Rede nicht ohne Nachtheil gekürzt werden. Sie 
in extenso hier wieder zu geben, mangelt uns der Raum. Rauschender 
Beifall zeigte übrigens dem Redner die aufrichtige Bewunderung der Ver¬ 
sammlung. 

Dr. Fauvel (Paris) dankt für die Ernennung zum Ehrenpräsident und 
erinnert an die vielfachen literarischen und wissenschaftlichen Beziehungen 
Genfs zu dem Nachbarlande, wo ja auch die meisten Genfer Aerzte ihre 
Studien machen. 

Derselbe Redner berichtet über Berathungen und Geschäftsgang der 
Commission zur Ertheilung des vom Turiner Provinzialrath gestifteten 
Preises von 2500 Lire für das beste Werk über Hygiene der Land¬ 
bevölkerungen. Drei verdienstvolle Arbeiten Bind eingegangen und von 
einem Theile der Commission bereits geprüft worden. Da sämmtliche 
Mitglieder anwesend sind, wird die Commission während des Congresses 
zusammentreten, um in der letzten allgemeinen Sitzung ihren endgültigen 
Beschluss kund zu geben. 

Dr. Corradi, Abgeordneter der königl. italienischen Regierung, be- 
grüsst diese Gelegenheit, alte Freundschaftsbande zwischen seinem Vater¬ 
lande und der Schweiz zu erneuern. Lange vor der Durohstechung des 
Gotthards knüpften sich diese Beziehungen durch das Studium vieler jungen 
Schweizer an italienischen Universitäten und durch die Aufnahme italieni¬ 
scher Flüchtlinge im gastlichen Alpenlande. In Pavia docirten im 
XVIII. Jahrhundert der Schweizer Tissot, Begründer der populären 
Medicin, wie nach ihm der Deutsche Frank daselbst zur modernen öffent¬ 
lichen Gesundheitspflege den Grundstein legte. Als Vertreter der noch 
jungen aber unter hohem Protectorat stehenden italienischen Gesell¬ 
schaft für Hygiene wünscht Redner dem IV. Congresse das beste 
Gelingen. 

Dr. van Overbeek de Meyer, Delegirter der niederländischen 
Regierung, hebt die in seiner Heimath anerkannte Wichtigkeit der öffent¬ 
lichen hygienischen Maassregeln hervor, denen in praxi noch so viele 
Schwierigkeiten sich entgegenstellen. Er preist die Vorzüge der inter¬ 
nationalen Congresse, wo die Hygieniker aller Länder sich gegenseitig auf 
neutralem Boden kennen lernen, die wichtigsten Fragen unparteiisch und 
von verschiedenartigen Gesichtspunkten erörtern und ihre Kräfte zur Er- 
kenntniss der Wahrheit vereinen. 

Dr. v. Czatary, Delegirter des königl. ungarischen Ministeriums des 
Innern, bedauert, dass die ungarischen Hygieniker nicht zahlreicher erschei¬ 
nen konnten und begrüsst den Congress im Namen seiner Regierung. 

Dr. Vladan Georgewitch, Delegirter der königl. serbischen Regie¬ 
rung, giebt dem Gefühle Ausdruck, dass die jüngste Monarchie Europas, 
nach langer Knechtschaft in die Reihe der civilisirten Nationen tritt, mit 
dem Wunsche die verlorene Zeit wieder nachzuholen und das Beispiel der 
älteren und grösseren Culturstaaten zu befolgen. Die Sympathie und die 


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Allgemeine Sitzungen (Berichterstatter Dr. Haltenhoff). 201 

Belehrung von Seiten dieser Staaten ist der Lohn für die langen und harten 
Kämpfe, welche Serbien und seine Nachbaren im.Interesse und zum Schutze 
der abendländischen Cnltur gegen den Islam geführt haben. Als Frucht der 
neuesten Bemühungen legt Redner das neue sanitarische Gesetzbuch 
Serbiens auf den Präsidententisch nieder. 

Dr. Varrentrapp, aus Frankfurt a. M., spricht im Namen der deut¬ 
schen Hygieniker und in deutscher Sprache: „Meine Herren! Jahrhunderte 
lang hat die Schweiz uns ihre Söhne gesandt, ihre wissenschaftliche Bildung 
auf den deutschen Universitäten zu vollenden. Seit Jahrzehnten aber, in 
welchen die Schweizer Hochschulen einen so bedeutenden Aufschwung ge¬ 
nommen haben, senden wir Deutsche nun unsere studirende Jugend auch 
nach der Schweiz. Aus solcher Wechselwirkung kann für beide Länder nur 
Vortheil erspriessen. Besonders vortheilhaft aber wird es für die deutschen 
Hygieniker sein, wenn auch sie die Schweiz besuchen und kennen lernen. 
Sie werden erfahren, dass dort jlie cantonalen wie communalen Sanitäts¬ 
organisationen und Einrichtungen vielfach sehr vorzüglich sind und den 
Beweis liefern, wie gerade die republikanische Verfassung sehr geeignet und 
geneigt ist, im Interesse der Gesammtheit den Einzelnen strengere hygie¬ 
nische Pflichten aufzuerlegen. Bei vorurtheilsfreier Prüfung können wir 
dort viel lernen.“ 

Nach diesen für die Schweiz so Wohlwollendeo Worten wird die erste 
Sitzung aufgehoben. 


Zweite Sitzung. 

Dienstag, den 5. September. 

Vorsitzender: Dr. H. CI. Lombard. 

Der Generalsecretär legt der Versammlung ein bei Anlass des Con- 
gresses soeben erschienenes Werk vor: L'etude et les progrös de VHygiene 
en France de 1878 ä 1882, herausgegeben im Auftrag der SocietS de 
midicine publique et d'Hygiene professionelle von deren Secretären, den 
Herren Napias und Martin. Herr Pacchiotti lobt diese Veröffentlichung 
und wünscht dies Beispiel in anderen Ländern befolgt zu sehen. 

Hierauf erhält, unter rauschendem Beifall des überfüllten Saales und 
der dem Publicum geöffneten Tribünen, Herr Pasteur (Paris), das Wort 
zu einem Vortrag 

Ueber Abscbwächung der Ansteckungsstoffb. 

(Mitarbeiter: die Herren Chamberland, Roux und Thuillier.) Der 
Wichtigkeit des Gegenstandes und der auf ihn bezüglichen Polemik wegen 
geben wir diesen Vortrag in extenso: 

„Meine Herren! Das dirigirende Comite des Congresses war so freund¬ 
lich mioh aufzufordern, während meines Ferienaufenthaltes im benachbarten 
Jura Ihnen eine Mittheilung über Abschwächung der Ansteckungs- 


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202 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf. 

Stoffe za machen. Ich nahm mit Vergnügen an und fühle mich glücklich 
eine kurze Zeit Gast dieses in guten wie in schlechten Tagen mit Frank¬ 
reich befreundeten Volkes zu sein. Ich hegte ausserdem die Hoffnung hier 
mit Widersachern meiner Arbeiten der letzten Jahre zusammen zutreffen. 
Congresse sind nicht bloss ein geeigneter Boden der Annäherung und Aus¬ 
gleichung, sondern auch der friedlichen Discussion. Uns alle beseelt ja 
eine höhere Leidenschaft: die Liebe zum Fortschritt und zur Wahrheit. 

„Meine Herren! Wie Sie wissen, sind unsere Kenntnisse über die An- 
steckungsstoffe kürzlich mit wichtigen Thatsachen bereichert worden, die von 
meinen 1880 veröffentlichten Untersuchungen über denMikrob der Hühner¬ 
cholera ausgingen. 

„Ein AnsteckungsBtoff, auch wenn er aus einem lebenden Mikroorganis¬ 
mus besteht, kann ohne erhebliche morphologische Veränderung in seiner 
Virulenz abgeschwächt werden, dieselbe in Culturen bewahren, Keime produ- 
ciren und in seinem neuen Zustande eine vorübergehende Krankheit mit¬ 
theilen, welche im Stande ist vor der tödtlichen, der Wirkung dieses Stoffes 
im unveränderten Zustande eigenthümlichen Krankheit zu Bchützen. 

„Diese wichtige Veränderung kann durch einfache Berührung des Krank¬ 
heitsgiftes mit dem Luftsauerstoffe erzeugt werden. Diese Wirkung des 
Sauerstoffes wechselt übrigens je nach der Temperatur und je nach dem 
Medium, welches den Giftstoff enthält und in dem er erzeugt worden. Diese 
zuerst für den Mikrob der Hühnercholera festgestellten Thatsachen sind 
seitdem auch für den Milzbrandmikrob durch eine Untersuchungsreihe, 
worin die Herren Chamberland und Roux mir beistanden, bestätigt worden. 
Gegen -f* 16°, wie auch gegen + 43°C. (Temperaturgrade, welche den¬ 
jenigen benachbart sind, die die Cultur des Bacillus überhaupt unmöglich 
machen) bildet dieser Bacillus in verschiedenen Culturbrühen, z. B. Hühner¬ 
bouillon keine Sporen mehr. Wird er bei diesen Wärmegraden, insbeson¬ 
dere bei + 42° und -f* 43° der Berührung der Luft ausgesetzt, so verliert 
er Tag für Tag an Ansteckungskraft, bis sie endlich erlischt. Ja bald stirbt 
er selbst ab und ist zu jedem Culturversuch ungeeignet. 

„Der sichere Beweis, dass wirklich dem Luftsauerstoff die Abschwächung 
des Mikrob der Hühnercholera zugeschrieben werden muss, wird durch ein 
sehr einfaches Mittel geliefert. Es genügt, die bei Abschluss des Sauer¬ 
stoffs aufbewahrten Culturen mit denen der Luft ausgesetzt gewesenen 
Culturen in ihren Wirkungen zu vergleichen. Letztere sterben in wenigen 
Monaten ab, nachdem sie verschiedene Abschwächungsphasen durchgemacht; 
während die in geschlossenen Röhren, bei Abschluss der Luft auf bewahrten 
Culturen, noch nach mehreren Jahren sich äusserst virulent erweisen. 

„Die Eigenschaften des Bacillus Anthracis oder Milzbrandpilzes 
sind in mehreren Hinsichten von denen des Hühnercholeramikrobs verschie¬ 
den. In Folge dieser Verschiedenheiten eignet sich ersterer viel weniger 
zu Beobachtungen in der Art der so eben betreffend die Sauerstoffwirkung 
beschriebenen. Dies rührt daher, dass der fädchenförmige Milzbrandpilz 
in geschlossener Röhre bei Luftabschluss rasch abstirbt. Man kann diese 
Schwierigkeit umgehen und durch folgenden Kunstgriff den Einfluss der 
Luft auf die Virulenz des Milzbrandbacillus noch erweisen: Gesetzt, wir 
hätten in einer Fleischbrühe das Gift ausgesäet und die Brühe in geschlosse- 


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Allgemeine Sitzungen (Berichterstatter Dr. Haltenhoff). 203 

nen Rohren bei 42° bis 43° G. vertheilt, and dieselben stürben in sechs 
Tagen ab, was man leicht herausfindet, indem man alltäglich eine der Röhren 
besäet. Man kann nun mit der Cultur des fünften Tages, also am Vorabend 
des Absterbens der geschlossenen Röhrenculfcur eine neue Cultur, ebenfalls 
bei Abschluss der Luft, anfangen, welche nun gleichfalls der Temperatur 
von 42° bis 43° ausgesetzt wird. Stirbt die neue Cultur wieder in sechs 
Tagen ab, so kann man wiederum eine dritte bereiten, welche man immer 
in geschlossene Röhren vertheilt und zu welchen der Samen einer fünf¬ 
tägigen Cultur entnommen wird, u. s. w. Zu gleicher Zeit mit diesen 
successiven Culturen bei Luftabschluss, bereitet man parallele Culturen in 
Flaschen an offener Luft. Vergleichen wir nun die Virulenz der geschlosse¬ 
nen Röhren mit der Virulenz der an denselben Tagen bereiteten, jedoch 
der Luft ausgesetzt gewesenen Culturen, so findet man, dass die Virulenzen 
der Luftculturen mehr und mehr abgeschwächt sind und nicht im Stande 
sind Meerschweinchen zu tödten, während die Culturen der geschlossenen 
Röhren sie tödten. 

„Die Wirkung des Luftsauerstoffs bei Abschwächung des Milzbrand¬ 
bacillus ist also ebenso unzweifelhaft als für den Mikrob der Hühnercholera. 
Bei ersterem zeigt sich diese Wirkung noch durch eine besondere Eigen¬ 
tümlichkeit. Herr Toussaint behauptete, wie bekannt, die Schwächung 
dieses Mikrobs durch blosse Einwirkung der Wärme und die Möglichkeit 
durch dieses Mittel vaccinale Bakteridien zu erhalten, doch haben wir erkannt, 
dass dann in den Culturen die ursprüngliche Abschwächung nicht fortbe¬ 
steht. Schon die erste Cultur des erhitzten Blutes wird wieder virulent 
und tödtlich, während die durch Sauerstoff abgeschwächten Bakteridien auch 
in den Culturen abgeschwächt bleiben. 

„Dieser Unterschied ist sehr wichtig, aus ihm erklärt sich zum Theil 
die Schwierigkeit, praktisch verwerthbare Milzbrandvaccine durch Herrn 
TousBaint’s Methode zu erlangen. Wir theilen keineswegs die von Herrn 
Chauveau kürzlich, in einer der Acadimie des Sciences vorgelegten Note, 
ausgesprochene entgegengesetzte Ansicht. Andererseits ist nichts unsicherer 
und weniger regelmässig, welche Cautelen man auch beobachtet, als die 
Wirkung der Wärme auf milzbrandiges Blut, selbst wenn dieselbe auf eine 
dünne Schicht und bei constanter Temperatur stattfindet. 

„Der Hauptgegenstand meiner heutigen Mittheilung ist, neue Beispiele 
von Abschwächung durch den Luftsauerstoff zu liefern und hierin eine all¬ 
gemeine Methode von Abschwächung gewisser Krankheitsgifte zu zeigen. 
Ich beginne mit einem Mikrob, welcher sich zuerst unter ebenso merkwür¬ 
digen als interessanten Verhältnissen zeigte. In diesen Studien waren meine 
Mitarbeiter die Herren Chamberland und Roux, und ganz besonders 
Herr Thuillier. Ich spreche sowohl in ihrem als in meinem Namen. 

„Am 10. December 1880 wurde ich von Herrn Dr. Lannelongue, 
Chirurg am Hospital St. Eugenie, eingeladen, ein fünf Jahre altes, von der 
Tollwuth ergriffenes Kind zu sehen, welches einen Monat vorher von einem 
tollen Hunde ins Gesicht gebissen worden war. 

„Vier Stunden nach dem Tode des Kindes, welcher am 11. December 
erfolgte, inoculirten wir zwei Kaninchen mit in Wasser verdünnter Schleim¬ 
masse des Gaumens. Diese Thiere starben in weniger als 36 Stunden. Wir 


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204 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf. 

fanden in ihrem Blute einen besonderen in reinem Zustande cultivirbaren 
Mikrob, dessen successive Culturen den Tod der Kaninchen verursachte; 
das Blut derselben zeigte immer denselben Mikrob. 

n Die Leichen zeigen eine partielle Dilatation des Venensystems, eine 
weinrothe Verfärbung und Anschwellung der Drüsen der Leistengegend, 
der Achselhöhle und der Luftröhre, letztere ist immer blutunterlaufen. 
Ein wenig Speichel befeuchtet die Lippen und läuft selbst aus den Mund¬ 
ecken. Die Lungen, gewöhnlich ödematös, sind mitunter hepatisirt, das 
Zellgewebe zeigt an der Impfstelle, unter der Haut des Unterleibes, ein 
leichtes Oedem und Emphysem. 

„Bei einem Experiment, bei welchem man den Zeitpunkt suchte, wo der 
giftige Organismus in dem Blute erscheint, beobachtete man, dass neun 
Stunden nach der Inoculation das inflcirte Blut schon den Mikrob der Krank¬ 
heit cultivirte, obgleich er noch nicht unterm Mikroskop wahrnehmbar war. 
Zwölf Stunden nach der Inoculation sah man ihn mit Hülfe dieses Instru¬ 
ments. Zur selben Zeit, wo der Mikrob sich zeigte, erschien auch das 
Fieber; der Tod erfolgte 35 Stunden nach der Inoculation. Erst zwei 
Stunden vor dem Tode sank die Temperatur unter 40°. Das Gewicht des 
Thieres war im Augenblick der Inoculation 1 kg 920 g, und als es starb, 
lkg 730 g, also Gewichtsverminderung von 190 g in 35 Stunden. 

„Der Speichel des todten Kaninchens theilt unfehlbar anderen Kanin¬ 
chen die Krankheit mit. Die erwachsenen Meerschweinchen ertragen sehr 
gut die Inoculation dieses Mikrobs, die nur einige Tage alten Thiere gehen 
jedoch in einer Zeit von zwei bis drei Tagen zu Grunde. Wenn man die 
Inoculation von einem Meerschweinchen auf junge Thiere fortsetzt, so ver¬ 
schärft sich das Gift und kann dann leicht Meerschweinchen von einem, 
zwei, drei, vier Monaten tödten. Bei den ersten Meerschweinchen zeigt 
das Zellgewebe um die Impfstelle herum ein aus blutfarbiger, mitunter dicker 
und gelatinöser Serosität bestehendes Oedem. Die darunter liegenden Muskeln 
sind speckig, eiternd, verdickt. Es ist bemerkenswert}!, dass in demselben 
Maasse, wie die Zahl der bei den successiven Einimpfungen inoculirten 
Thiere steigt, auch die anatomischen Veränderungen ihren Charakter wechseln. 

„Die gelatinöse Entartung der Zellgewebe, die Eiterinfiltration der dar¬ 
unter liegenden Muskeln verschwindet, um einer starken Rothe derselben 
Platz zu machen. Unter diesen besonderen Bedingungen erhöhter Virulenz 
könnte man glauben , ein an Septicämie gestorbenes Meerschweinchen vor 
sich zu haben. Der mikroskopische Organismus findet sich reichlich in den 
Muskeln, ziemlich selten hingegen im Blute und oft in so geringer Quantität, 
dass er nicht imnfer mikroskopisch sichtbar ist. In Folge der Vermehrung 
der Ansteckungskraft verändert also der Mikrob gleichsam seinen Wohnsitz. 
Hierbei zeigt sich noch ein sehr interessanter Umstand: Nachdem der Mikrob 
bei Durchwanderung der Meerschweinchen an Giftigkeit zugenommen hat, 
zeigt er sich dagegen weniger wirksam, wenn man ihn wieder aufs Kaninchen 
zurückbringt. Dies ist nicht der einzige Mikrob, mit dem es sich so verhält. 
Wir haben die Existenz dieses Mikrobs der Acadtmxe de Mödccine in 
Paris am 18. Januar 1881 angezeigt. Man erkannte sofort, welche Dienste 
die Mikrobie der ätiologischen Medicin leisten könne. Zur selben Zeit, als 
wir unsere Studien über diesen pathogenen Mikrob machten, experimen- 


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Allgemeine Sitzungen (Berichterstatter Dr. Haltenhoff). 205 

lirte der leider zu früh verstorbene Dr. Maurice Raynaud, seinerseits 
mit Herrn Dr. Lannelongue über die Ansteckungskraft des Speichels 
des lyssakranken Kindes von St. Eugenie an Kaninchen. Er erhielt, wie 
wir, den Tod des inoculirten Thieres; jedoch ganz von der klinischen Beob¬ 
achtung eingenommen und eine mögliche Einwirkung von Mikroben, welche 
zugleich mit dem Wuthgift in den Körper hätten eindringen können, ausser 
Acht lassend, schloss er, dass es die üundswuth sei, welche er dem Kaninchen 
mitgetheilt habe. Bis zum Beweis des Gegentheils — so drückt er sich 
auB — glauben wir, dass es wirklich die Hundswuth ist, an der unsere 
Kaninchen gestorben sind. 

„Herr Galtier hat angezeigt, dass er die Wuthkrankheit vom Hunde 
aufs Kaninchen übertragen habe und als Inocubationszeit im Durchschnitt 
18 Tage angegeben. Die Kaninchen von Herrn Dr. Maurice Raynaud 
starben viel schneller, die Durchschnittszeit zwischen dem Augenblick der 
Inoculation und dem Tode war nur 45 Stunden. Dieser Unterschied ver¬ 
mochte Herrn Dr. Raynaud in seiner Schlussfolgerung nicht wankend zu 
machen; da es sich in seinen Experimenten um die Uebertragung der 
Tollwuth nicht vom Hunde, sondern vom Menschen aufs Kaninchen handelte, 
schrieb er den Unterschied der Incubationszeit diesem Umstande zu. 

„Schon früher, am 27. October 1879 zeigte Herr Maurice Raynaud 
an, die Tollwuth des Menschen aufs Kaninchen durch Einimpfung von 
Speichel übertragen zu haben. Diese erste Schlussfolgerung war nicht 
richtiger als die soeben erwähnte. Nicht etwa, dass es nicht sehr leicht 
sein sollte die Tollwuth des Menschen, sei es auf den Hund, sei es aufs 
Kaninchen zu übertragen — wir haben es oft gethan — aber schon zu dieser 
Zeit hatte Herr Maurice Raynaud, ohne es zu wissen, nur Kaninchen 
unter den Händen gehabt, die an dem neuen Mikrob gestorben waren. 
Wenn nun ein ganz neuer Mikrob die Ursache des schnellen Todes der 
Kaninchen in den verschiedenen Experimenten war, so konnte man sich doch 
immerhin fragen, ob dieser Mikrob nicht irgend eine verborgene Beziehung 
zu dem wirklichen Mikrob der Hunds wuth habe. War dieser Speichelfluss 
bei unseren Kaninchen und die leichte Hervorrufung der Krankheit und 
des Todes bei anderen durch den inoculirten Speichel nicht ein sonderbarer 
Umstand? 

„War es ausserdem nicht sehr interessant zu untersuchen, ob sich die¬ 
selbe Ansteckungskraft des Speichels von dem in St. Eugenie an Lyssa ver¬ 
storbenen Kinde, auch in anderen Speicheln von Wuthkranken fände? Es 
bot sich bald eine Gelegenheit um diese Zweifel zu heben. 

„Am 23. Februar 1881 machte mir Herr Thierarzt Percheron die 
Anzeige eines sechsjährigen Kindes, welches alle Symptome der Tollwuth 
zeigte. Dieses Mädchen war auch vor einem Monat von einem tollen Hunde 
ins Gesicht gebissen worden. Ihr Tod erfolgte am selben Tage, 23. Februar 
4 Uhr Abends. Am folgenden Tage, 24. Februar, nahm man ein wenig 
Speichelschleim und inoculirte damit zwei Kaninchen, das eine unter die 
Bauchhaut mittelst einer Pravaz’schen Injectionsspitze, das andere ins 
Gesicht mittelst einer Lanzette; dieses letztere verspürte nichts, ersteres 
starb nach drei Tagen und sein Blut zeigte reichlich unseren neuen Mikrob 
mit seiner gewöhnlichen Virulenz. 


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206 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf. 

„Zur selben Zeit, am 22. Februar, starb ein 49jähriger Schmiedegesell, 
welcher 4 1 /* Monate vorher von einem tollen Hunde gebissen worden war, 
in der Pitie, unter der Behandlung von Herrn Dr. Brouardel. I 1 /« Stunden 
nach seinem Tode inoculirte man mehrere Kaninchen mit Mundspeichel und 
Gaumenschleim. Andere Kaninchen waren schon von Herren Dr. Brouardel 
und Dujardin-Beaumetz mit dem Speichel inoculirt, welcher Tags vorher, 
sowie einige Stunden vor dem Tode genommen war. Dank der Gefälligkeit 
dieser gelehrten Aerzte konnte ich die Ueberzeugung gewinnen, dass nicht 
nur die Kaninchen, welche ich inoculirt hatte, sondern auch einige von denen, 
welche diesen Herren gedient hatten, durch denselben Mikrob gestorben 
waren, welcher uns eben beschäftigt. 

„Ein längeres und aufmerksameres Studium über die Wirkungen der 
Inoculation des Speichels wuthkranker Menschen auf Kaninchen erlaubt 
drei Todesarten zu unterscheiden: 

Den Tod durch den neuen Mikrob. 

Den Tod durch sehr reichliche eitrige Veränderungen, mit Unter¬ 
minirung der Haut; Zufalle septischer Art. 

Endlich den Tod durch die wirkliche, dem Kaninchen eigene Toll- 
wuth. Diese hat eine ziemlich lange Incubationszeit und giebt 
sich unfehlbar durch Paralyse der Extremitäten zu erkennen, 
welche 24, 48, 72 Stunden vor dem Tode eintreten. Die Neigung 
zum Beissen kommt bei wuthkranken Kaninchen fast nie vor. 
Ich sah nur ein Beispiel unter hunderten von Fällen. 

„Der Tod durch die eitrigen Veränderungen kann sich in einigen Tagen, 
oder auch erst in mehreren Wochen einstellen. In diesem Falle sind Läh¬ 
mungen selten. 

„Kurz, der Speichel lyssakranker Personen enthält ausser dem, noch nicht 
durch einen cultivirbaren Mikrob charakterisirten Wuthgift, einen aus einem 
besonderen, leicht cultivirbaren Mikrob bestehenden Virus, und verschiedene 
andere Mikroben, fähig den Tod herbeizufiihren durch übertriebene Eiter- 
production, excessive örtliche Veränderungen und mitunter Einführung der 
gemeinen Mikroben in das Blut. 

„In dem Speichel der an Lyssa gestorbenen Kinder scheint der neue 
Mikrob häufig und reichlich genug vorzukommen, um den Tod von Kaninchen 
herbeizuführen, und zwar schneller als es durch das Wuthgift oder die, 
eitrige und faulige Processe anregende, Mikroben geschehen würde. 

„Existirt nun der neue, in dem Speichel lyssakranker Menschen entdeckte 
Mikrob nur in dieser Art Speichel? Diese Frage bot sich natürlich dar 
und war zuerst zu lösen, wenn man einer möglichen noch unbekannten Be¬ 
ziehung dieses Mikrobs zu dem der Lyssa nachgehen wollte. Im Falle sich 
der neue Mikrob in irgend welchen Speichelarten vorfande, hätte er offenbar 
nichts mit dem Wuthgift zu thun. 

„Aus den Beobachtungen, welche wir angestellt haben, ging hervor, 
dass der Speichel erwachsener, an verschiedenen Krankheiten verstorbener 
Personen den neuen Mikrob nicht enthielt, oder dass er vielmehr in unseren 
Versuchen durch den Reichthnm an pyogenen Mikroben maskirt wurde; der 
Speichel von Kindern hingegen, welche an verschiedenen Krankheiten gestor¬ 
ben waren, führte durch den hier in Rede stehenden Mikrob den Tod von 


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Allgemeine Sitzungen (Berichterstatter Dr. Haltenhoff). 207 

Kaninohen herbei; endlich fand man denselben anch im Speichel ganz 
gesunder Personen. 

„Der Speichelmikrob, von dem ich soeben gesprochen, ist der dritte viru¬ 
lente Mikrob, dessen Abschwächung durch Einwirkung des Luftsauerstoffs 
wir versucht haben. Ich wünsche Ihnen diese Versuche zu schildern: sie 
sind noch nicht veröffentlicht und durch verschiedene Einzelheiten sehr 
interessant. 

„Sie wissen schon was sich bei der Culturdes Mikrobs der Hühnercholera 
ereignet, wenn man von einer Cultur zu der folgenden übergeht ohne 
zwischen denselben einen langen Zeitraum zu lassen. Die Virulenz der 
zweiten Cultur giebt die der ersten ohne merklichen Unterschied wieder, 
und ebenso verhält es sich mit den folgenden. Nur wenn man eine längere 
oder kürzere Zeit zwischen zwei consecutiven Culturen verlaufen lässt, bemerkt 
man eine Verminderung der Virulenz. Anders ausgedrückt, der Luftsauer¬ 
stoff scheint nur einen abschw&chenden Einfluss auf eine schon vollendete 
Cultur zu haben. So lange der Sauerstoff zu den Ernährungsvorgängen 
des Mikrobs verbraucht wird, zeigt sich ein abschwächender Einfluss in 
keiner merklichen Weise, er ist nicht vollständig null, entgeht aber den ge¬ 
wöhnlichen Beobachtungsmitteln. 

„Unser Speichelmikrob verhält sich wie derjenige der Hühnercholera. 
Wenn man dessen Culturen von 12 Stunden zu 12 Stunden wiederholt, 
findet man in allen Culturen dieselbe Virulenz wieder, d. h. wenn wir 
Kaninchen als Criterium derselben nehmen, so sterben diese Thiere ebenso 
leicht und ebenso rasch durch die letzten als durch die ersten dieser 
Culturen. 

„Herr Thuillier hatte die Geduld unter diesen Bedingungen zwei 
Serien von 80 Culturen zu machen und die achtzigste tödtete die Kaninchen 
ebenso schnell als die ersten. Um Unterschiede zu finden hätte man eine 
beträchtliche Anzahl Kaninchen opfern oder an widerstandsfähigeren Thieren 
operiren müssen. 

„Wenn wir jetzt die successiven Culturen vergleichen, indem wir sie 
längere oder kürzere Zeit in Berührung mit der Luft verweilen lassen, 
bevor wir von der einen zur anderen durch Besäung übergehen, so finden 
wir die Sache in gewisser Hinsicht ganz anders als für die Hühnercholera. 
Die Culturen gehen sehr schnell zu Grunde. Wenn man eine Cultur in eine 
neue Brühe zu säen versucht, ist man ganz überrascht, dass die Mutter- 
cultur meist schon nach 2 oder 3 Tagen ganz unfruchtbar geworden ist; und 
zwar tritt der Tod einer Cultur um so schneller ein, je höherer Ordnung sie 
in der Reihenfolge ist. Eine direct durch das virulente Blut befruchtete 
Cultur lebt 6 bis 12 oder 15 Tage. Befruchtet man mit dieser Cultur eine 
zweite, mit dieser wiederum eine dritte und so fort, so findet man eine rasche 
Verminderung der Lebensdauer und der Virulenz der Culturen. Die 8. wird 
3 bis 4 Tage leben, während die 12. nur 30 Stunden lebt; die 25. wird 
26 Stunden leben, die 48. und die folgenden circa 20 bis 22 Stunden. 

„Wenn gegen das Ende ihres Lebens diese Culturen den Kaninchen ein¬ 
geimpft werden, so tödten sie dieselben nicht; man kann sich dann leicht 
überzeugen, dass von den unter diesen Bedingungen geimpften Kaninchen 
viele nachher virulenten Inoculationen widerstehen. Die Krankheit recidivirt 


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208 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf. 

also nicht, wenigstens für längere Zeit. Die Schnelligkeit indessen, mit 
welcher die Culturen sterben, macht es sehr schwierig gerade den Augenblick 
zu ergreifen, wo die Aussäung einer Cultur einen brauchbaren Impfstoff 
abgiebt. Man müsste die Lebensdauer der Culturen um vieles verlängern 
können. Dieses erreicht man leicht, indem man die Culturflüssigkeit aus 
Fleischbrühe und Kaninchenblut zusammensetzt. Kalbsbrühe passt für die 
Cultur dieses Mikrobs. Brühen vom Huhn, Kaninchen, Ochsen und Schaf 
sind nicht geeignet. 

„Wird virulentes Blut oder eine Fleischbrühencultur, selbst höherer 
Ordnung, einem Gemisch von zwei Theilen Kalbsbrühe und einem Theil 
reinen Kaninchenblutes zugesetzt, so erhält man Culturen, welche eine Dauer 
von 40 bis 50 Tagen haben. Mit dieser Blutmischung während der letzten 
10 Tage befruchtete Culturen bilden eine Reihe Culturen von graduell 
abgestufter Virulenz, welche alle in verschiedenem Grade vaccinirbar sind. 

„Auch hier ist es die Einwirkung des Luftsauerstoffs, welche die Cultur 
verändert und ihre Giftigkeit progressive abschwächt. Der Beweis ist leicht 
auf dem schon oben angedeuteten Wege zu geben, nämlich durch Vergleichung 
der in Berührung der Luft mit den in geschlossenen Röhren oder im Vacuum 
gemachten und auf bewahrten Culturen. Während eine an der Luft gemachte 
und auf bewahrte Cultür in eipigen Tagen in Kalbsbrühe abstirbt, ist dieselbe, 
in geschlossenen Röhren oder im Vacuum gemachte und aufbewahrte Cultur 
noch nach drei oder vier Monaten, vielleicht noch länger virulent. Bei 
Absterben in geschlossenen Röhren bleibt übrigens die Ansteckungskraft 
bis zum Augenblick des Todes erhalten. 

„Wir besitzen also hier drei luftlebige Mikroben, welche man durch 
dieselbe Methode abschwächen und zur Bereitung eines Impfstoffes ver¬ 
wenden kann: Den Mikrob der Hühnercholera, den Mikrob des Milz¬ 
brandes, den Mikrob des Speichels, insbesondere des Speichels der Lyssa- 
kranken. Wenn ich in diesem Vortrag nun einen vierten Mikrob hinzufüge, 
so denke ich, dies neue Beispiel wird genügen, Sie zu überzeugen, wie ich 
selbst überzeugt bin, dass hiermit eine allgemeine, rationelle, keineswegs 
empirische Methode zur Abschwächung und Bereitung vieler Impfstoffe 
gefunden ist. 

„Es handelt sich wieder um ein neues Krankheitsgift, welches zum ersten 
Mal unter folgenden Bedingungen angetroffen wurde: Das Jahr 1881 war 
in Paris bemerkenswerth durch eine sehr ernstliche Viehseuche, von der 
Art, welche unter dem Namen Pferdetyphus bekannt ist. Die Pariser Omni¬ 
busgesellschaft allein verlor daran mehr als 1500 Pferde. Wir begannen 
einige Untersuchungen über diese Krankheit, welche, unglücklicher Weise 
für unsere Experimente, im Jahre 1882 nicht wieder erschien. 

„Inoculirte man Kaninchen den schaumigen Stoff, welcher aus den Nüstern 
eines von dieser Seuche ergriffenen Pferdes, im Augenblick des Todes aus- 
fliesst, so starben die Kaninchen, und ihr Blut zeigte einen neuen Mikrob 
ebenfalls in Form einer 8 mit einer länglichen Einschnürung. Dieser 
Mikrob theilt den Kaninchen einen wirklichen Typhus mit, welcher sie in 
weniger als 24 Stunden tödtet. Die Lungen sind gewöhnlich hepatisirt, 
mit Pleuritis. Die Payer’sehen Plaques sind geschwollen und mitunter 
himbeerförmig und hämorrhagisch. Die Plaques an der Valonla Bauhini 


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Allgemeine Sitzungen (Berichterstatter Dr. Haltenhoff). 209 

sind immer sehr angeschwollen und noch öfter hämorrhagisch, die Nieren 
zuweilen ebenfalls hämorrhagisch, die Leber oft ein wenig blass. Das 
Thier versinkt sehr schnell in ein deutlich ausgesprochenes Goma. Schon 
vier Stunden nach der Inoculation zeigt sich das Fieber durch eine Tempe¬ 
raturerhöhung von mehr als 1°, selbst wenn der Tod erst nach 36 Stunden 
eintritt. Bauchfellentzündungen sind ziemlich häufig. 

„Die Abschwächung dieses Mikrobs findet statt, wenn man seine Cultur 
in Bouillon der Luft aussetzt, aber es ist sehr schwer, den Zeitpunkt genau 
zu treffen, weil unmittelbar darauf der Tod des Mikrobs eintritt. Anders 
ausgedrückt, wenn man eine Cultur anstellt, und überlässt sie sich selbst 
an der Luft, indem mau jeden Tag die Virulenz probirt, zeigt sich das Gift 
immer todtbringend für die Kaninchen, bis man einmal, beinahe plötzlich, 
die Cultur todt findet; d. h. sie kann nicht weiter cultivirt werden und ist 
ganz wirkungslos auf Thiere. In den Culturen an der Luft vergehen bis 
zum Absterben des Mikrobs 15 bis 30 Tage bei 35° C. Werden die Cul¬ 
turen bei 35° entwickelt, und dann der umgebenden Temperatur überlassen, 
so bleiben sie 6 bis 8 Monate und länger am Leben. Im Vacuum erhält 
sich die Virulenz wenigstens ein Jahr, sei es im Brütofen, sei es in der 
gewöhnlichen Temperatur. 

„Um den Zeitpunkt der Abschwächung zxt ergreifen und fest zu halten, 
nahmen wir unsere Zuflucht zu folgendem Kunstgriff, ähnlich dem, den wir 
vorhin an wandten um zu zeigen, dass die Abschwächung des Milzbrand- 
mikrobs bei 43° wirklich vom Sauerstoff der Luft bewirkt wird. Man macht 
eine Cultur mit Hülfe des virulenten Blutes eines todten Kaninchens und 
überlässt sie sich selbst. Jeden Tag säet man sie in eine neue Flasche 
Bouillon, um auf diese Weise eben so viele Culturen als Ruhetage der ersten 
Muttercultur zu haben. Es tritt ein Augenblick ein, wo der von dieser 
Muttercultur genommene Same sich steril zeigt. Auf diesen Punkt ange¬ 
langt, nimmt man als Muttercultur einer neuen Reihenfolge täglicher Cul¬ 
turen, diejenige, welche am Tage vor dem Tode der ersten Muttercultur 
gemacht ist. Die zweite Muttercultur stirbt ebenso ab; man macht alsdann 
eine neue Serie täglicher Culturen, wozu man als Muttercultur die fruchtbare 
Cultur des Tages vor dem Tode der zweiten Muttercultur nimmt, und so fort. 

„Auf diese Weise erhält man Culturen, welche nicht mehr den Tod der 
Kaninchen nach sich ziehen und sich darauf beschränken, heilbare Abscesse, 
zuweilen von enormer Entwickelung hervorzurufen. In diesem Augenblick 
ist es leicht zu constatiren, dass man mit Impfculturen zu thun hat, d. h. 
dass die geheilten Kaninchen die virulentesten Culturen des mikroskopischen 
Organismus des Kaninchentyphus ertragen. Die in kurzen Zwischenräumen 
gemachten Vacciualculturen bewahren ihre vaccinale Virulenz. Der Beweis 
für den Einfluss des Sauerstoffs der Luft bei der Abschwächung wird durch 
die Culturen im Vacuum oder unter Luftabschluss geliefert. Dieselben 
sterben erst nach langer Zeit und bewahren ihre Virulenz bis zum Augen¬ 
blick des Absterbens. 

„Kurz, man kann nicht zweifeln, dass wir eine allgemeine Abschwächungs¬ 
methode besitzen, deren Anwendung bloss noch den Erfordernissen der 
physiologischen Eigenschaften der verschiedenen Mikroben zu modificiren 
ist. Die allgemeinen Grundsätze sind gefunden, und man kann nicht umhin 

Vierteljahrsschrift für Gesundheitspflege, 1883. 24 


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210 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf. 

zu glauben, dass die Zukunft dieser Art Untersuchungen noch die grössten 
Hoffnungen birgt. Aber die bewiesene Wahrheit, so eclatant sie auch sei, 
hat nicht immer das Privilegium leicht angenommen zu werden. Ich habe 
in Frankreich und im Anslande hartnäckige Widersacher gefunden. 

„Gestatten Sie mir, unter diesen den zu wählen, dessen persönliches 
Verdienst ihn am meisten unserer Beachtung empfiehlt: ich meine Herrn 
Dr. Koch in Berlin. Vor einem Jahre erschien in Berlin die Sammlung 
der Arbeiten des Reichsgesundheitsamtes. Meine Arbeiten werden da von 
Herrn Dr. Koch und seinen Schülern mit merkwürdiger Lebhaftigkeit an¬ 
gegriffen. In gewissen Aufsätzen dieser Sammlung findet man wirklich 
überraschende Dinge. Man lässt an verschiedenen Stellen vermuthen, dass 
Herr Pasteur die Mikroben nicht im reinen Zustande zu cultiviren ver¬ 
stehe; dass er nicht wissen könne, ob seine Arbeiten frei von Irrthümern 
seien, weil er die Mikroorganismen nicht zu erkennen verstehe, dass er 
eine ganze Schule bewogen habe „unglaubliche Sachen als Gulturen u zu 
veröffentlichen. Man giebt an, dass die von mir gebrauchte Inoculations- 
n^thode darin bestehe, eine oder mehrere Spritzen voll Flüssigkeit unter 
die Haut einzuspritzen, dass ich niemals die reine Septicämie, ohne Compli- 
cation anderer Krankheiten unter den Händen gehabt, dass ich das Wort 
„Septicämie“ falsch angewandt, dass er, Herr Koch, vielmehr im Rechte 
sei, es ein malignes Oedem zu nennen, dass Herr Pasteur den septischen 
Vibrionen nicht zu erkennen vermöge, obgleich er ihn entdeckt habe. ... 
Bei dem Versuche, Hühnern den Milzbrand mitzutheilen, indem einfach 
ihre Temperatur nach der Inoculation erniedrigt wird, findet Herr Dr. Koch 
nichts Bemerkenswerthes, und fragt, ob die abgekühlten Hühner, welche 
den Milzbrand bekamen, nicht ohnehin disponirt waren, ihn auf natürliche 
Weise zu bekommen, weil, sagte er, ein deutscher Autor, der den Milzbrand 
Hühnern inoculirte, 11 mal auf 31 positive Resultate gehabt habe. Diese 
Behauptung hätte Herr Dr. Koch sich die Mühe nehmen können, zu con- 
troliren, ehe er sich daraus eine Waffe gegen die Wahrheit sehr ezacter 
Beobachtungen schmiedete. 

„Die Schüler des Herrn Dr. Koch haben ihren Meister noch überboten. 
Man findet z. B. in ihren Aufsätzen, dass die einzige zuverlässige Gewähr 
der Reinheit der Gulturen, in steter Gontrole mittelst des Mikroskops be¬ 
stände, dieses sei mit den Pasteur 7 sehen Gulturen unmöglich. Nun kommt 
etwas noch stärkeres: Es handelt sich um die Abschwächung der Krankheits¬ 
gifte. Herr Löffler sagt: Wenn in den Gaffky’schen Experimenten, die 
Gulturen eine unbestimmte Wirkung, eine Abschwächung der Virus zeigten, 
so existirte immer eine schädliche Beimischung sehr analoger, schnell wach¬ 
sender, aber nicht pathogener Organismen. Herr Löffler ist jedoch 
nachsichtiger als sein Lehrer und als sein Gollege Herr Gaffky. Er erweist 
mir die Ehre zu sagen, dass er wohl glauben will, dass meine Culturen rein 
waren; aber was ist es, was diesem Autor nach, meinen Irrthum veranlasste? 
Die Verderbniss meiner Gulturen habe mit der Vaccination angefangen. 
Die Luft eines, seit langen Jahren bacterologischen Untersuchungen gewid¬ 
meten Laboratoriums, sagt er, ist angefüllt mit einer enormen Masse von 
Keimen; könnte sich nicht ein Keim auf die Vaccinationsnadel setzen und 
in den Kolben eindringen, um so leichter als die Virulenz der Culturen 


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Allgemeine Sitzungen (Berichterstatter Dr. Haltenhoff). 211 

öfter untersucht werden musste? Dieser Umstand also hat mich eine 
Schwächung des Virus der Hübnercholera annehmen lassen! Das ist noch 
nicht alles. Wenn ich glaube, vaccinirte Hühner in Händen zu haben, so 
bildet sich der Verfasser ein, ich hätte einfach solche Hühner dafür gehalten, 
welche gegen Hühnercholera überhaupt unempfänglich waren. Endlich 
glaubt der Verfasser nicht, dass ich, wie ich gesagt habe, 80 Hühner zu 
meinen Versuchen verwendete, weil es mich zu viel Geld gekostet hätte! 
Es ist wahr, um die grosse Thatsache der Abschwächung der Virulenz fest¬ 
zustellen, hat der Staat mir erlaubt mit dem Gelde nicht zu rechnen. 

„Vielleicht theilen in dieser Versammlung einige Personen die Mei¬ 
nungen meiner Gegner. Mögen sie mir gestatten sie einzuladen, das 
Wort zu ergreifen. Ich würde glücklich sein, sie aufklären zu könnend 

Dr. B. Koch (Berlin) erwiedert hierauf ungefähr Folgendes: Er sei 
hauptsächlich zumCongress gekommen, in der Hoffnung von Herrn Pasteur 
neue Thatsacben über einen ihn lebhaft interessirenden Gegenstand zu 
hören. Diese Erwartung sei aber getäuscht worden, und er bedaure erklären 
zu müssen, dass Herrn Pastenr’s heutiger Vortrag keine neue Thatsachen 
enthalte. Redner hält es nicht für zweckmässig an dieser Stelle auf die 
Angriffe des Herrn Pasteur zu antworten, erstens, weil die streitigen 
Punkte nur indirect ins Gebiet der Hygiene gehören, zweitens weil er 
selbst die französische Sprache nicht genügend in seiner Macht habe, eben¬ 
so wenig wie Herr Pasteur die deutsche, und also keine fruchtbare Dis- 
cussion stattfinden könne. Daher behalte er sich vor in der wissenschaft¬ 
lichen Presse Herrn Pasteur zu antworten 1 ). 

Herr Pasteur meint, wenn Herr Koch seinem Vortrag genau hätte 
folgen können, so würde er sich leicht überzeugt haben, dass neue That¬ 
sachen darin mitgetheilt sind. Er warte daher ruhig auf Herrn Kooh’s 
versprochene Erwiederung und behalte sich seinerseits die Replik vor. 

Dr. Sormani (Pavia) berichtet über die in Italien theils unter seiner 
Leitung, theils von Prof. Perroncito, angestellten Versuche über die 
Pasteur’sche Milzbrandimpfung. Bei den Versuchen an verschiedenen 
Veterinärschulen starben einige Thiere an der Impfung; es waren aber 
kleinere, sehr empfängliche Species, welchen Milzbrandvaccine von Rindern 
inoculirt wurde. Was für widerstandsfähigere Thiere als "Schutzimpfung 
wirkt, kann eben für schwächere tödtliches Gift sein. Andererseits starben 
verschiedene Impffinge an der virulenten Probeinoculirung. Herr Sormani 
schliesst aus den Beobachtungen von Prof. Göttis mit Temperaturtabellen, 
dass diejenigen Thiere starben, welche nach der Schutzimpfung kein ge¬ 
höriges Fieber bekamen (über 41° für Schafe). Nach einer der letzten 
Vorschriften Pasteur’s müssen die Impfungen jedesmal wiederholt werden, 
wenn ein manifester Fieberanfall ausblieb. In einigen Fällen (z. B. Turiner 
Thierarzneischule) unterlagen säinmtliche Impfthiere dem Control versuch. 
Es scheint diesen zugleich mit dem Milzbrandgift auch der septische Virus 
eingeimpft worden zu sein. Bei den von Herrn Perroncito in Turin, in 


*) Diese Antwort ist seitdem erfolgt und bringen wir eine Besprechung derselben in 
diesem Hefte unter „Kritiken und Besprechungen*. Red. 

14* 


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212 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf. 

der Villa Rizzetti und in Strambino sowie bei den vom Redner selbst in 
Pavia unternommenen Versuchen kam kein einziger solcher Unfall vor. 
Die Experimente gelangen an Schafen vollkommen, dagegen widerstanden 
beim Control versuch die ungeimpften Rinder der virulenten Milzbrand- 
inoculation, wie schon Herr Pasteur auch gefunden. Dieselben bekommen 
Fieber, locale Eiterung, aber sterben nicht. Dieser Unterschied gegen den 
spontan acquirirten Milzbrand kann zwei Ursachen haben: 1. findet die 
künstliche Infection unter die Haut statt, während beim spontanen Milz¬ 
brand das primär afficirte Organ immer der Magen oder Darm oder ein 
anderes für das Leben unentbehrliches inneres Organ ist; 2. spielt im 
Naturzustände die individuelle Empfänglichkeit für die Infection eine 
Hauptrolle, während man bei den Experimenten keine Rücksicht hierauf 
nimmt noch nehmen kann, also auch minder empfängliche Thiere zum Ver¬ 
such benutzt. Im Lichte der streng wissenschaftlichen Kritik erscheinen 
die italienischen Versuche als sehr befriedigend und bestätigen vollkommen 
die ruhmreiche Entdeckung Pasteur’s. 

Dr. Balestreri (Genua) versucht die Mikrobenlehre auf Menschen- 
krankheiten, z. B. Typhus, anzuwenden und sagt, dass man solche Keime 
nicht durch Abschwächung unschädlich machen kann. Zu ihrer Entwicke¬ 
lung sei aber ein angepasstes Medium nöthig. Dieses Medium allein 
erscheine der Therapeutik zugänglich: ihr Ziel sei also Kräftigung der 
allgemeinen Gesundheit und damit der Widerstandskraft des Körpers gegen 
die niederen Organismen. 

Dr. Layet (Bordeaux) bekämpft Herrn Koch’s Aussage, dass die 
Abschwächung der Ansteckungsstoffe mit der Gesundheitspflege nur in- 
direct Zusammenhänge. 

Herr Pasteur: Für den Typhus ist die Frage noch eine offene; die 
für die Aetiologie anderer Infectionskrankheiten schon zurückgelegten 
Schritte erlauben uns, die Erfolge zukünftiger Arbeiten auch über diesen 
Punkt mit Vertrauen abzuwarten. Einstweilen sind die verschiedensten 
Hypothesen über das Verhältnis der Infectionskrankheiten zu den Mikroben 
möglich. Z. B. könnte man annehmen, nach Analogie mit dem Milzbrand, 
dass gewisse luftlebige pathogene Mikroben absterben, weil andere unschul¬ 
dige Mikroben grössere Affinität zum Sauerstoff haben und ihnen also den 
Sauerstoff entziehen. Doch in so wichtigen Fragen soll man die Hypothesen 
vermeiden und nur über Thatsachen discutiren. Was die Mittheilung des 
Herrn Sormani betrifft, so betont Redner, dass man stets die Stärke des 
Schutzimpfstoffes der Empfindlichkeit der Versuchsthiere proportional wählen 
muss. Der von ihm nach Italien gesandte Impfstoff war nur für Rinder 
und Schafe bestimmt, nicht für Kaninchen und Meerschweinchen; es 
wäre sehr leicht, einen für letztere passenden Impfstoff zu erzeugen. 

Der Misserfolg einer der Turiner Versuchsreihen erklärt sich leicht: 
man impfte mit dem Blute eines vor mehr als 24 Stunden an Milzbrand 
verstorbenen Schafes. Es wurden also zugleich die septischen Vibrionen 
inoculirt, welche viel rascher als die Milzbrandbakterien wirken, daher die 
Thiere an Septicämie starben. Ebenso geschieht es ja auch bei unvorsichtig 
angestellten menschlichen Impfungen, dass mehrere Gifte zugleich inoculirt 
werden, welche dann jedes für sich ihre Entwickelung durchmachen. Bei 


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Allgemeine Sitzungen (Berichterstatter Dr. Haltenlioff). 213 

den Milzbrandschntzimpfungen muss man sehr vorsichtig zu Werke gehen, 
namentlich bei so empfindlichen Thierarten wie z. B. dem Pferde. Herr 
Pasteur hat gesehen, dass ein nach einer Reihe von Schafen am gleichen 
Tage zuletzt geimpftes Pferd an Septis starb, weil man für dieses den Rest 
eines den ganzen Tag hindurch gebrauchten und offen gebliebenen Röhr¬ 
chens verwendet hatte. Man muss also in der Technik der Impfungen die 
grössten Cautelen beobachten und die Stärke des Impfstoffes der operirten 
Species anpassen. Die Statistiken sind jedenfalls für die Methode sehr er- 
muthigend, da von den geimpften Thieren nur ein Schaf auf 300 und ein 
Rind auf 2000 an der virulenten Einimpfung gestorben sind. 


Dritte Sitzung. 

Mittwoch, den 6. September. 

Vorsitzender: Geh. Ober-Medicinalrath Dr. Eulenberg (Berlin). 

Der Congress beschliesst durch eine hierzu ernannte Commission einen 
Bericht über die Ausstellung anfertigen zu lassen. 

Herr Eulenberg (Berlin), von Herrn Dr. Lombard zur Uebernahme 
des Präsidiums aufgefordert, nimmt mit dankenden Worten an. 

Prof. Dr. Corradi (Pavia): 

Ueber die Ansteckungsfähigkeit der Lungenschwind¬ 
sucht vom Standpunkte der Geschichte und der 
öffentlichen Hygiene. 

Die von ihm hierzu aufgestellten Schlusssätze lauten: 

1. Der Glaube an die Ansteckungsfähigkeit der Lungenschwindsucht stammt 
aus dem hohen Alterthum. Er hat sich seit Jahrhunderten bewahrt, 
nicht nur als eine allgemein verbreitete Ansicht, sondern als eine wissen¬ 
schaftliche Lehre. 

2. In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts erreichte dieser Glaube 
seinen Höhepunkt, wahrscheinlich weil die Krankheit sich häufiger wie 
je vorher zeigte. An verschiedenen Orten war der Staat gezwungen, im 
Interesse der öffentlichen Gesundheit gegen die Verbreitung des Phthisis- 
contagiums einzuschreiten und Maassregeln zu ergreifen. 

3. Hingegen verlor in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts der Glaube 
an die Ansteckungsfähigkeit der Schwindsucht an Anhängern. Die ana¬ 
tomisch-pathologischen Nachforschungen waren den ätiologischen Fragen 
vorangeeilt. 

4. Erst in diesen letzten Jahren nahm die experimentelle Pathologie die Frage 
wieder auf und suchte die Lehre von der Ansteckungsfähigkeit durch 
die Erfolge der Ueberimpfung tuberculöser Producte zu stützen. 
Man glaubte noch weiter gehen zu können und versuchte den Nachweis, 
dass das Krankheitsgift in einem mikroskopischen Organismus, einem 
Bacillus bestehe. 

6. Die klinische Beobachtung muss die von dem Experiment so klargestellte 
Frage nun lösen. Es ist Aufgabe der Pathologie noch viele andere Fra- 


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214 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf. 

gen zu lösen, welche sich aus der Lehre vom parasitären Wesen der 
Tuberculose ergeben und diese Lehre mit den Thatsachen der Prädispo¬ 
sition und der Erblichkeit in Einklang zu setzen. 

6. Ist die Ansteckung oder Uebertragung möglich, so wird sie jedoch nnr 
unter gewissen noch zu erforschenden Bedingungen stattfinden. 

7. Einstweilen hat sich die Hygiene gegenüber der Schwindsucht wie einer 
verdächtigen Krankheit gegenüber zu verhalten: das heisst einer Krank¬ 
heit, welche unter bestimmten Bedingungen übertragungsfahig ist. 

8. Man muss namentlich die aus dem Zusammenwohnen hervorgehenden 
Beziehungen berücksichtigen. Je weniger eng und je kürzer sich letztere 
gestalten, je* mehr wird man die Wirkungen der Infectionsherde ab- 
schwächen, selbst wenn man diese nicht vertilgen könnte. Zugleich 
werden dabei die Ausdünstungen vermindert, welche, abgesehen von 
jeder specifischen Wirkung, durch Schwächung des Organismus zur 
Phthisis prädisponiren. 

9. Obgleich es nicht sicher erwiesen ist, dass die Tuberculose durch 
Nahrungsmittel übertragen werden könne, wird es indessen vorsichtig 
sein, Fleisch und Milch von schwindsüchtigen Thieren zu vermeiden. 
Man wird in Zukunft mit der grössten Sorgfalt die Qualität der Kuh¬ 
pocken- oder humanisirten Lymphe berücksichtigen, welche als Schutz¬ 
mittel gegen die Blattern eingeimpft wird. 

10. Die Anlage ausschliesslicher Krankenhäuser oder mindestens isolirter 
Abtheilungen für Schwindsüchtige ist lebhaft zu empfehlen. 

12. Die Ergebnisse der neueren Forschungen und Untersuchungen, welche 
die Bedingungen und Wege der Uebertragung der Tuberculose zu er¬ 
mitteln trachten, werden zu den besonderen gegen diese Uebertragung 
gerichteten prophylaktischen Maassregeln führen. 

18. Welcher Ansicht man auch in Betreff des Wesens der Lungenschwind¬ 
sucht huldige, niemand wird die Vortheile bezweifeln, welche die Wider¬ 
standskraft des Organismus in dem Kampfe gegen dieselbe bietet. 
Daher muss sich aus der Praxis der Gesundheitspflege, welche das 
körperliche und sittliche Wohl der Völker sichert, eines der stärksten 
Hindernisse für die Verbreitung dieser Geissei der Culturvölker von selbst 
ergeben. 

Die gegenwärtige Richtung der physio-pathologischen Forschungen ver¬ 
leiht der Frage nach der Contagiosität der Phthisis ein erhöhtes Interesse. 
Diese Frage wurde im Alterthum von Aristoteles, Galen u. A. ent¬ 
schieden bejaht und dieser Glaube lebte in den Schulen der Araber und 
auch später fort. Noch im 18. Jahrhundert hielt man z. B. in Italien mit 
Morgagni an der Contagiosität fest und ergriff selbst gegen diese Krank¬ 
heit medicinisch-polizeiliche Maassregeln, deren Uebertreibung die Meinun¬ 
gen eher gegen diese Theorie umstimmte. Ein grösseres Interesse wandte 
sich bald der pathologischen Anatomie der Phthise zu. Laennec leugnete 
nicht die Möglichkeit der Ansteckung, und Andral ging noch etwas weiter, 
indem er den mit Phthisikern umgehenden Personen hierin Vorsichten anrieth. 

Ein neues Feld wurde der Forschung durch Villemin’s Versuche 
eröffnet, und kürzlich entdeckte Koch sogar den Bacillus der Tuberculose. 
Auf diese historische Entwickelung der Frage beziehen sich Herrn Corradi’s 
vier erste Schlusssätze. 

Die Resultate der experimentellen Forschung haben die Frage nach 
der Uebertragbarkeit der Phthise noch nicht endgültig entschieden; neue 
Schwierigkeiten, neue Zweifel pflegen ja während der eingehenden Unter- 


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Allgemeine Sitzungen (Berichterstatter Dr. Haltenhoff). 215 

Buchung einer jeden solchen Frage aufzutauchen. Einen Theil dieser 
Zweifel kann nicht das Experiment, sondern nur die klinische Beobachtung 
lösen; vor Allem hat sie das parasitäre Wesen der Tuberculose in Einklang 
zu bringen mit der Thatsache der Prädisposition und der Erblichkeit, zu 
entscheiden, unter welchen Bedingungen die Ansteckung oder Uebertragung 
beim Menschen geschieht, ob die Krankheit stets und in gleichem Grade, in 
allen ihren Stadien ansteckend ist. Die Beweise für die Uebertragbarkeit 
scheinen sich jedoch täglich zu vermehren, woraus der Gesundheitspflege 
die Pflicht erwächst, sich mit der Sache zu beschäftigen, auch vordem eine 
specielle Prophylaxis möglich erscheint. Vor Allem sollen hierbei die 
Vorschriften der allgemeinen Hygiene Berücksichtigung finden, welche sich 
auf die deprimirenden und krankmachenden Einflüsse, auf die organische 
Widerstandskraft beziehen. Letztere ist jedenfalls ein Hauptmoment im 
Schutze gegen die Tuberculose und hängt zusammen mit unseren Cultur- 
zuständen. Der zehnte Schlusssatz erscheint vielleicht Manchem verfrüht; 
dielsolirung in eigenen Spitalanstalten oder wenigstens getrennten Pavillons 
ist jedoch schon aus therapeutischen, sowie aus ökonomischen Gründen 
empfohlen und versucht worden. Die Phthisiker verlangen ja eine ganz 
specielle Behandlungsweise und eine von den Erfordernissen der anderen 
Spitalkranken verschiedene Diät. Die frühere Uebertreibung und Einseitig¬ 
keit in der Prophylaxis der Lungen tuberculose kann heutzutage leicht ver¬ 
mieden werden; man weiss jetzt, dass nicht alle ansteckenden Krankheiten 
nach einem einzigen Schema zu beurtheilen sind, dass die Ansteckung von 
Cholera und Blattern z. B. ganz verschiedenen Bedingungen unterworfen 
ist; die für diese Seuchen gültigen Maassregeln müssen also andere sein als 
die gegen die Verbreitung der Tuberculose. 

Dr. Leudet (Rouen) theilt Beobachtungen mit, welche er seit 28 Jahren 
an Mitgliedern von 133 Familien angestellt. Sein Vater schon hatte einen 
Theil dieser Familien als Arzt beobachtet. So konnte Herr Leudet über 3, 
4, selbst 5 Generationen Notizen sammeln. Tuberculose ist in Rouen sehr 
häufig, in Herrn Leudet's Spitalabtheilung kommen ihr seit 28 Jahren 32 
bis 33 Proc, der Todesfälle zu. Zunächst beschäftigte sich Herr Leudet 
mit der Frage der ehelichen Ansteckung. Von 56 Ehen, den wohl¬ 
habenden Classen angehörig, erkrankte 15mal der Mann an Tuberculose, 
von den ursprünglich gesunden Frauen dieser Männer wurden fünf, tuber- 
culö8, von denen allerdings bei zweien eine Verwandte (Schwester, Tante) an 
Tuberculose gestorben, Heredität also nicht auszuschliessen war, und bei 
einer die Krankheit erst zehn Jahre nach dem Tode des Mannes auftrat. In 
41 Ehen sah Herr Leudet Tuberculose bei der Frau im Augenblick der 
EheschlieBSung oder etwas später. Nur drei der Männer wurden tuberculös, 
von denen einer eine Schwester an der Krankheit verloren hatte. Demnach 
schiene die Frau häufiger vom Manne als der Mann von der Frau angesteckt 
zu werden. Von den fünf tuberculös gewordenen Ehefrauen tuberculöser 
Männer blieb eine kinderlos; von den anderen bekam nur eine Kinder (2), 
die an Tuberkeln starben. Von den zehn nicht erkrankten Frauen tuber¬ 
culöser Männer bekamen neun eine Anzahl Kinder: fünf dieser Mütter 
verloren je ein oder mehrere Kinder an Schwindsucht, während 
sie selbst verschont blieben (einige seit 10, 15, 20 Jahren). Diese That- 


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216 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf. 

Sachen sprechen also nicht sehr für die Ansteckung. Nene Beobachtungen der 
Art sind erwünscht. Ziemlich oft (in 25 Familien) sah Herr Lendet in einer 
Familie mehrere (zwei bis vier) Mitglieder im Zeiträume von ein bis vier 
Jahren tuberculös werden. In zwölf dieser Familien war Heredität anzu¬ 
nehmen. In sieben dieser Familien wohnten die befallenen Individuen gar 
nicht zusammen, zum Theil selbst in verschiedenen Städten. Von 133 Fa¬ 
milien waren es also nur 18, wo möglicherweise tuberculöse Contagion statt¬ 
fand. Herr Leudet glaubt, dass nach diesen Beobachtungen die Ehe eines 
Tuberculösen mit einer Gesunden allerdings abzurathen, die Trennung der 
Kinder einer tuberculösen Ehe als vorteilhaft anzurathen wäre, dagegen 
hält er die Isolirung der oft noch lange Zeit arbeitsfähigen Tuberculösen in 
der Regel für unmöglich. 

Dr. Vallin (Paris): Die Ansteckung von Mensch zu Mensch, ohue 
wirkliche Isolirung, ist noch Hypothese, daher scharfe Vorschriften verfrüht 
wären, nur soll die Aufmerksamkeit der Aerzte und der Laien auf diese 
Frage gerichtet sein. Was die Isolirung betrifft, so beginne man doch mit 
derjenigen der Blattern- und Diphtheritiskranken, die namentlich in Kinder¬ 
hospitälern dringend ist. Für Phthisiker errichte man nicht Spitäler, son¬ 
dern Zufluchtsanstalten, weit von den Städten, z. B. am Mittelmeerufer, 
damit würden in Spitälern die Stationen für acute Kranke von den vielen 
chronisch Tuberculösen befreit, deren Zustand sich da nur verschlimmert. 

Dr. Corradi (Pavia) erklärt sich mit letzterem Vorschlag auch ein¬ 
verstanden und hebt die Wichtigkeit allgemeiner hygienischer Vorsichts- 
maassregeln hervor, wie Entfernung fauliger Ausdünstungen, Besserung der 
Wohnungen etc. 

Dr, Lubelski (Warschau). In Polen herrscht längst die überlieferte 
Ansicht, dass Bettzeug und Kleidungsstücke von Phthisikern zur Verbrei¬ 
tung der Krankheit beitragen. Um diese Gefahren zu bekämpfen, wären 
Maassregeln nöthig, die tief ins Privatleben der ärmeren Glassen eingreifen 
würden. Gegen besondere Phthisisspitäler scheint der Umstand zu sprechen, 
dass die Anhäufung dieser Art Kranken an sich, selbst schon in der Familie 
schaden kann, Disseminirung scheint eher indicirt. Die Frage, ob der 
Schweiss Schwindsüchtiger zur Verbreitung der Krankheit beitragen kann, 
verdient auch Beachtung. Für die Behandlung Phthisiskranker empfiehlt 
Redner das System kleiner Pavillons mit kleinen sorgfältig gewärmten und 
gelüfteten Schlafabtheilungen, für individuelle nächtliche Isolirung, worin 
die Luft feucht und balsamisch zu erhalten sei (Tannen, Eucalyptus). All¬ 
tägliches Wechseln der Körperwäsche und des Bettzeuges erscheint sowohl 
prophylaktisch wie therapeutisch geboten. Hospitäler können sich leider 
4 selten solche Ausgaben erlauben. Bei Tag ist Aufenthalt im Freien das Beste. 

Herr Ad. Smith. (London) hebt die in England längst anerkannte 
wichtige Rolle verdorbener Athemluft bei der Aetiologie der Phthisis hervor. 
Es wäre höchst interessant, zu untersuchen, ob in der Luft oder dem Wasser 
der Cloaken, sei es getrennt, sei es in beiden zusammen, der Bacillus der 
Tuberculöse sich besonders leicht entwickelt. Man fände vielleicht, dass die 
Verbreitung dieses Krankheitskeimes von Haus zu Haus durch schlecht ven- 
tilirte Abzugscanäle begünstigt wird. Ausserdem sollten die Sputa der 
Phthisiker ebenso behandelt werden wie die Stühle der Typhuskranken. 


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Allgemeine Sitzungen (Berichterstatter Dr. Haltenhoff). 217 

Herr Dr. Dandowski (Algier) hebt die Vielfältigkeit der Ursachen 
hervor, welche alle zu einem gemeinsamen Resultat: Schwächung des Orga¬ 
nismus, und dadurch zur Phthise führen. Der arme arabische Nomade 
inmitten seiner Heerden, der Neger der Sudanebene und der Lappländer 
in den eisigen Einöden des Nordens bekommen die Krankheit so gut wie 
der Einwohner grosser Städte. Dr. Landowski theilt über die Bekäm¬ 
pfung der Tuberculose Herrn Corradi’s Ansichten nicht. Der Verhinderung 
der Ehen Tuberoulöser von Seiten des Arztes steht das Standesgeheimniss 
entgegen. Die Isolirnng der Tuberculösen hält Redner aus diversen Grün¬ 
den für undurchführbar. Es bleiben also nur die hygienischen Maassregeln 
zur Stärkung des Organismus gegen die Infection übrig; diese müssen be¬ 
sonders bei der Erziehung der Kinder befolgt werden (Turnen, Kaltwasser¬ 
behandlung etc.). 

Dr. Felix (Bukarest): Die Frage ist zur Entscheidung nicht reif. 
Wie vertragen sich mit der Contagiosität Thatsachen wie der phthisische 
Habitus, der hereditäre phthisische Brustkorb, die Erblichkeit der Phthise 
mit Ueberspringen einer Generation? Was den behaupteten Einfluss der 
Gloakengase betrifft, so kommt in Bukarest die Tuberculose in den nicht 
canalisirten Stadttheilen häufiger vor, als in den canalisirten; und auf Dör¬ 
fern, wo gar keine Cloaken sind, kommt sie auch vor. In Bukarest scheint 
die Feuchtigkeit der Häuser die Entwickelung der Phthise entschieden zu 
begünstigen. 

Dr. Albrecht (Neuenburg) sagt, der Arzt habe wohl das Recht, 
tuberculose Ehen zu verhindern, wo er könne. Eine Frau, welche schon 
durch ihre Milch den Keim der Phthise auf ihre Kinder übertragen könne, 
dürfe schon desshalb nicht heirathen. 


Herr Dr. Varrentrapp (Frankfurt a. M.) spricht hierauf 

Ueber Ferienkolonien 

in deutscher Sprache. — Der Vortrag findet sich bereits in etwas erweiterter 
Form abgedruckt in dieser Vierteljahrsschrift Bd. XV, S. 37. 

Dr. de Cristoforis berichtet, dass er in Mailand von gleichen Grund¬ 
sätzen geleitet, einen Verein für klimatische Kuren armer kränk¬ 
licher Schüler der Gemeindeclassen gegründet, welcher die Kinder 
während 30 Tagen auf 800 bis 1000 m hohen Gebirgen unterbringt. Die 
Erfolge sind noch schlagender als in Frankfurt, wahrscheinlich weil die 
Mailänder Schulkinder schwächer sind. Redner betrachtet diese Luftcnren 
als ein wichtiges Prophylacticura gegen die Tuberculose im Kindesalter. 

Dr. Pini (Mailand) glaubt, dass ein Monat Landaufenthalt genüge, 
unter der Bedingung wirklich kranke Schüler auszuschliessen. Die Ein¬ 
richtung soll ihren transitorischen rein prophylaktischen Charakter beibe¬ 
halten. In 30 unter all den beschriebenen günstigen hygienischen Einflüssen 
zugebrachten Tagen erholen sich Schulkinder vollkommen von dem schwä¬ 
chenden Einfluss der Schule und schlechter Stadtwohnungen. Wollte man 
längere Aufenthalte organisiren, so würden die Kosten sehr zunehmen, das 
ganze Werk dadurch gefährdet sein; die Ferienkolonien dürfen keine Heil¬ 
anstalten werden. 


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218 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf. 

Dr. Vidal (Paris) verdankt als Vicepräsident der Pariser Gesellschaft 
fiir öffentliche Medicin Herrn Varrentrapp’s lehrreichen Vortrag, dem 
dieselbe für das sie gerade beschäftigende Thema sehr nützliche Daten 
entnehmen wird. 

Herr Pfarrer Mittendorfif (Genf), Secretair des Genfer Comitös für 
Ferienkolonien armer und kränklicher Kinder, legt folgende Notizen 
vor: Seit 1879, dem Jahre seiner Gründung, hat das Coraitö 203 Kindern 
(79 Knaben, 124 Mädchen) dreiwöchentliche Ferienaufenthalte amFusse des 
Juragebirges verschafft, und zwar mit sehr glücklichen Resultaten. Die Ge¬ 
wichtszunahme war sehr auffallend. Im letzten Sommer betrug dieselbe bei den 
Knaben 4 1 / 3 mal, bei Mädchen 6 4 / s mal die normale Quote für 22 Tage. Dip 
Kosten nahmen von Jahr zu Jahr ab (von 2*55 Frcs. pro Kind und Tag 1879, 
bis 1*52 Frcs. für 1882), nicht dass die Einrichtungen und Verpflegung schlech¬ 
ter geworden, sondern durch Auffinden wohlfeilerer Pensionen und Unter¬ 
bringung jüngerer Kinder in einzelne Familien. Es ergab sich als weniger 
kostspielig, die Angehörigen jeder Kolonie in drei oder vier Familien unter 
allgemeiner Aufsicht und Leitung eines Lehrers oder Lehrerin, als alle zu¬ 
sammen im gleichen Hause unterzubringen. Für die Spaziergänge, Spiele 
und Arbeiten kommt dann immer die ganze Colonie zusammen. Doch auch 
dies System 'soll kein absolutes, für alle Verhältnisse passendes sein. Das 
Hauptziel des Comitös ist, immer mehr Kinder an den Ferienkolonien theil- 
nehmen zu lassen, ohne in materieller oder sittlicher Hinsicht die Ansprüche 
herabzusetzen. Diese Art Unterstützung unbemittelter Familien ist jeden¬ 
falls eine der nützlichsten, indem dadurch Krankheiten der Kinder ver¬ 
hütet, viele Kosten vermieden werden und der aufwachsenden Generation 
ein grösseres Capital an Gesundheit gesichert wird. 

Dr. Dubelski theilt mit, was in Polen in dieser Sache gethan wurde. 
Nach einigen gelungenen Vorversuchen bildete sich im März 1882 in War¬ 
schau unter der Leitung von Dr. Markiewicz ein Comitö, welches eine 
Flugschrift über die Ferienkolonien herausgab und zu Gunsten der Sache ver¬ 
kaufen Kess. Im Juni konnte das Comite schon eine erste Gruppe von Kin¬ 
dern aufs Land schicken. Es wurden im Ganzen, in Gruppen von 10 bis 12, 
unter Leitung je eines Aufsehers oder Aufseherin, 54 Schüler (32 m. 22 w.) 
von 8 bis 13 Jahren, zum Theil an Rachitis oder Scrofulose leidend, für 
eine Dauer von durchschnittlich 30 Tagen aufs Land befördert. Mit Aus¬ 
nahme der Warschau-Petersburger Linie gestatteten alle Eisenbahnen freie 
Fahrt. Verschiedene Gutsbesitzer nahmen Kinder unentgeltlich zu sich auf. 
Die Erfolge waren ausgezeichnet; Gewichtszunahme von 600 bis 2800 g. 
Die Kosten betrugen circa 3800 Frcs., ohne die zahlreichen Naturalgaben 
zu rechnen. Herr Lubelski legt die Flugschrift des Herrn Dr. Markie¬ 
wicz vor und verspricht für die Pariser Revue d’hygiöne t eine Arbeit Über 
dieses Thema zu schreiben. Diese Kolonien sind besonders wichtig in 
Gegenden, die der Meeresküste weit entfernt liegen und können einiger- 
maassen die Seeküstensanatoria ersetzen. Die Schulhygiene würde viel 
gewinnen, wenn man die Internatsschulen grosser Städte in Schulkolonien 
auf dem Lande verwandeln könnte. 


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Allgemeine Sitzungen (Berichterstatter Dr. Haltenhoff). 219 


Vierte Sitzung. 

Freitag, den 8. September. 

Vorsitzender: Dr. Formento (New-Orleans). 

Nach Erledigung einiger geschäftlicher Fragen giebt der Herr General- 
secretär Kenntniss von den Vorschlägen des inzwischen abgereisten Herrn 
Dr. v. Csatary (Buda-Pesth) über eine 

Internationale hygienische Convention. 

Schlusssätze: 

1. Alle Staaten garantiren sich gegenseitig durch gleichlautende Gesetze 
die gute Qualität der exportirten Nahrungsmittel und Getränke. 

2. Die Handelsverträge dürfen niemals Maassregeln enthalten, welche den 
Erfordernissen der öffentlichen Gesundheitspflege widersprechen. 

3. Die Volksernährung muss als eine internationale Frage anerkannt werden, 
daher muss jedes Hinderniss aufhören, wenn es sich nicht um ein Ver¬ 
bot aus hygienischen Gründen handelt. 

4. Gegen die Betrügereien und Fälschungen müssen strenge und gleich¬ 
artige Gesetze erlassen werden. 

6. Die Wissenschaft soll den commerciellen und politischen Interessen nie¬ 
mals als Ausfluchtsmittel dienen. 

Um den unfruchtbaren Boden theoretischer Abhandlung zu verlassen, soll 
hier versucht werden die Grundzüge einer solchen Uebereinkunft zu skizziren: 

I. Die internationale hygienische Convention hat den Zweck, für Alles was 
den Schutz der öffentlichen Gesundheit betrifft, gleichartige Gesetze fest¬ 
zustellen. 

II. Mitglieder der Convention können alle Staaten werden, welche gleich¬ 
artige Gesetze in Sachen der öffentlichen Gesundheitspflege erlassen 
haben. 

III. Die übereinkommenden Staaten werden jedes Hinderniss des freien Ver¬ 
kehrs und Handels aufheben. 

IV. Ein aus Delegirten dieser Staaten gebildeter internationaler Ueber- 
wachungsausschuBB wird für genaue Einhaltung der internationalen 
hygienischen Bestimmungen sorgen. 

Sollte die jetzige Versammlung die Grundsätze dieser Convention an¬ 
nehmen, so habe ich die Ehre vorzuschlagen: der in Genf versammelte 
hygienische Congress möge eine aus sieben oder neun Mitgliedern be¬ 
stehende Commission ernennen, mit dem Aufträge, die speciellen Artikel 
der Convention festzustellen; die Arbeit dieser Commission möge dem fol¬ 
genden Congress zur Verhandlung vorgelegt und, nach gefassten Be¬ 
schlüssen, den Staatsregierungen als Parere der Sachverständigen im 
Gebiete der öffentlichen Hygiene unterbreitet werden. 

Herr Dr. H. CI. Lombard (Genf) spricht Über 

Hygienische, prophylaktische und therapeutische Ein¬ 
flüsse des Höhenklimas. 

Als Redner vor 26 Jahren seine ersten Beobachtungen über das 
Gebirgsklima vom ärztlichen Standpunkte betrachtet herausgab, 
war der günstige Einfluss des Höhenklimas schon bekannt. Seitdem haben 
sich aber zahlreiche Forscher bemüht, durch Laboratoriumsversuche 


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220 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf. 

• 

sowie Beobachtungen bei Höhenanfenthalten nnd Besteigungen diese Frage 
aufzuklären: zuerst Dr. Jourdanet, welcher sich längere Zeit auf der 
Hochebene von Anahuac auf hielt, sodann Prof. Paul Bert, welcher des 
Ersteren Beobachtungen experimentell prüfte und bestätigte, und das eigene 
sowie fremde Material über die Wirkungen des kürzeren oder längeren 
Höhenaufenthaltes in seinem classischen Werke über den barometri¬ 
schen Druck (1877) niederlegte. Die vorher von Aerzten schon vielfach 
ihren geschwächten, nervösen, von Phthisis bedrohten oder ergriffenen 
Patienten verordneten Höhenaufenthalte veranlassten die Gründung von 
Sanatorien in Gebirgsgegenden in Europa, Amerika und Asien. In neuester 
Zeit veröffentlichte Prof. Dr. Jaccoud seine Erfahrungen und Studien über 
diese Sanatorien in seinen Vorlesungen über die Heilbarkeit und 
Behandlung der Lungenschwindsucht (1881). 

Prof. Bert hat bewiesen, dass bei Thieren unter schwachem Baroraeter- 
druck stets eine, dem Grad der Luftverdünnung genau entsprechende, Ab¬ 
nahme des Sauerstoffs im Blute erfolgt/. Treibt man die Verdünnung weiter, 
so tritt zuletzt Erstickungstod durch Sauerstoffmangel ein. Der in einer 
Höhe von circa 8600 m erfolgte Tod der Luftschiffer Sivel und Croce- 
Spinelli und die lebensgefährliche Ohnmacht von Glaisher in einer Höhe 
von 8858 m bestätigten die Ergebnisse der Thierversuche. Prof. Bert hat 
zwar den Aufenthalt in verdünnter Luft bis 0*248 m Hg-Druck ausgehalten 
(welcher ungefähr der Höhe des Berges Everest, 8840 m entspricht), allein 
es fehlte die Abkühlung der Temperatur wie bei einer Luftschifffahrt, das 
Experiment wurde von zwei Freunden überwacht und Prof. Bert konnte 
zur rechten Zeit genügend Sauerstoff aus zwei mit ihm ein geschlossenen 
Säcken einathmen, woran jene Verunglückten durch die beginnende Asphyxie 
verhindert wurden. Prof. Bert hat weiter erwiesen, dass in Folge der 
Sauerstoffabnahme der Athemluft ein Augenblick eintritt, wo das Hämo¬ 
globin nicht mehr im Stande ist, den Sauerstoff aufzunehmen; das Blut 
wird dann unfähig die Nerventhätigkeit der Centren anzuregen, wodurch 
Athmung und Kreislauf ganz sistirt werden. Doch entstehen bekanntlich 
schon in geringen Höhen durch Sauerstoffabnahme Zufälle (beschleunigter 
Puls und Athem, Schwindel, Kopfweh, oft Schläfrigkeit und selbst Muskel- 
schwache bis zur Unfähigkeit jeder Bewegung) die man unter dem Namen 
Bergkrankheit (mal de montagnc) zusammen fasst und die bei weiterer 
Fortsetzung des Steigens tödtlich werden können (sowohl bei Menschen als 
Lastthieren auf dem Himalaya, auf den Südamerikanischeu Cordilleren 
beobachtet). Die früheren Hypothesen über die Ursachen dieser Störungen 
(Stickstoffausströmungen der Schneefelder, Ausdünstung stark riechender 
Pflanzen im Thibet, mineralische Dämpfe etc.) erklärt Vortragender für 
nicht stichhaltig, während der Sauerstoffmangel sie vollkommen erklärt. 
Zunächst steht die Beschleunigung von Kreislauf und Athmung im directen 
Verhältniss zur Höhe und zur körperlichen Anstrengung. Zu gleicher Zeit 
erfordert die sinkende Sauerstoffmenge der Luft immer raschere und tiefere 
Inspirationen, während die übertriebenen Muskelcontractionen des Berg¬ 
steigers den Sauerstoff im Blute noch rascher verzehren. Es kommt da¬ 
durch ein Zeitpunkt, wo eine sofortige absolute Ruhe zur zwingenden Noth- 
wendigkeit wird. Prof. Dr. F o r e 1 hat, im Gegensätze zu früheren 


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Allgemeine Sitzungen (Berichterstatter Dr. Haltenhoff). 221 

Beobachtungen, bewiesen, dass mit der Körperbewegung in verdünnter Luft 
eine Erhöhung der Körpertemperatur stattfindet. 

Die chemisch - physikalischen Vorgänge der Athmung spielen eine 
wichtige Rolle nicht nur bei Besteigungen, in der Entwickelung der Berg¬ 
krankheit, sondern auch in der körperlichen Verfassung der‘Zeitlichen oder 
ständigen Einwohner der Qöhenregionen. Für zeitlichen Aufenthalt haben 
Dr. Mermod in Strassburg (142 m) und Sainte-Croix (1100 m), Dr. Marcet 
am Genfer See (375 m), auf der Spitze des Breithorn (3572 m), dem Col du 
G6ant (3362 m) und dem Pic von Teneriffa (3580 m) Beobachtungen ange¬ 
stellt. Es ergab sich, dass in schwachen Höhen (Sainte-Croix) die Abgabe 
von Kohlensäure starker als am Genfer See ist, dagegen in grossen Höhen 
nimmt die Menge der expirirten Kohlensäure bedeutend ab. Für dauernden 
Aufenthalt hat Dr. Jourdanet erwiesen (Anahuac-Plateau 2000 m), dass die 
Tiefe und Frequenz der Einathmungen nicht entsprechend der Sauerstoff¬ 
abnahme in der verdünnten Luft zunehmen, daraus entstehe bei den Ein¬ 
wohnern dieser hohen Gegenden eine besondere Art von Blutarmuth, welche 
dieser Forscher Anoxyhämie genannt hat. Zweitens entwickelt sich der 
Brustkorb unverhältnissmässig stark im Verhältnisse zum übrigen Körperbau 
(Eingeborene der Höhen von Mexico, Peru, Bolivia). In Europa wurde Zu¬ 
nahme des Brustumfangs nach mehrmonatlichem Aufenthalt gefunden (für 
Bareges 1250 m, für Davos 1556 m). In solchen mittleren Höhen wird die 
Sauerstoffabnahme bis zu einem gewissen Grade durch verstärkte Athmung 
ausgeglichen. In grossen Höhen ist die Verdauung beschleunigt, die Kohlen- 
säureausathmung dabei etwas erhöht, aber letztere bei Muskelruhe, nament¬ 
lich Schlaf, sehr vermindert (Marcet). 

Aufenthalte in mittleren Höhen (von 1000 zu 2000 m) begünstigt 
den Stoffwechsel, regt die Thätigkeit der Körperfunctionen an und kann 
dadurch zur Wiederherstellung der Gesundheit beitragen« In solchen Sta¬ 
tionen werden erstens die Atliemzüge häufiger und besonders tiefer, wodurch 
Lungenparthieen in Thätigkeit treten, die in der Ebene nicht fungirten, 
besonders die Spitzen. Zweitens bei erhöhter Kreislaufthätigkeit wird mehr 
Blut zur Peripherie getrieben, Haut und Schleimhäute werden stärker 
gefärbt, auch pigmentirter, und zwar auch an der Luft nicht ausgesetzten 
Körperstellen (wie Jaccoud in St. Moritz 1786 m an sich selbst beobachtet). 
Drittens die stärkere Kohlensäureabgabe während der Verdauung begün¬ 
stigt die AssimilationsVorgänge, wodurch die Kräfte zunehmen, die Muskel- 
thätigkeit angeregt wird; die Fettgewebe nehmen ab, während die Muskeln 
an Volumen und Contractionsfähigkeit gewinnen (Jaccoud). Viertens kommt 
der Einfluss der in Höhen Stationen niedrigeren Temperatur als weiterer für 
den Stoffwechsel anregeuder Factor in Betracht. Diese Aufenthaltsorte 
wirken regenerirend nicht bloss auf die ganze Constitution, sondern auch 
auf den Lungenkreislauf und die Lungenathmung. Daher ihre prophy¬ 
laktische und therapeutische Wirkung gegen Phthisis pulmonum. Letztere 
nimmt an Häufigkeit ab, je mehr die Wohnorte sich über den Meeresspiegel 
erheben. Diese Thatsache ist unter Anderen auch für die Schweiz durch die 
Untersuchungen einer von Dr. Müller (Winterthur) geleiteten Commission, 
deren Mitglied Dr. Lombard war, festgestellt worden. Die Ilökengrenze 
der Immunität gegen Phthise wechselt je nach dem Klima: sie beträgt 


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222 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Gent 

in der Schweiz 1500 bis 1600m, in Schlesien (nach Brehmer) nur 557m 
(Görbersdorf), ungefähr ebensoviel im übrigen Norddeutschland und Scan- 
dinavien. Schon seit langer Zeit war es in Peru und Mexico Sitte, Brust¬ 
kranke in Höhencurorte zu schicken; erst nach wenigen Jahren folgte Europa 
diesem Beispiel. 

Als Typen solcher mittleren Höhenstationen bespricht Redner die Ver¬ 
hältnisse von Davos, Ober-Engadin und Denver in Colorado (Vereinigte 
Staaten Amerikas). Eine der ersten wirklichen Phthisisheilungen des kal¬ 
ten, trocknen und sonnigen Davoser Klimas (1556 m) betraf Dr. Unger, 
welcher nun seit mehr als 16 Jahren dort lebt. Dr. Lombard hat ihn 
selbst auscultirt und die Spuren alter Cavernen der Lungenspitzen erkannt. 
Dr. Spengler und Dr. Williams fanden bei vielen dort gebesserten Kran¬ 
ken eine Vermehrung des Brustumfangs. Das noch kältere und höhere Thal 
des Ober-Engadin (St. Moritz 1855 m, Pontresina 1808 m, Samaden 1742 m) 
erfreut sich auch der Phthisis- Immunität und wird jetzt mehr und mehr, 
auch als Winterstation, von kranken und hereditär Disponirten aufgesucht, 
mit den besten Erfolgen. 

Ziemlich ähnliche Verhältnisse der Temperatur (Jahreszeitenmittel: Win¬ 
ter 0*59°, Frühjahr 10*18°, Herbst 9*87°, allerdings im Sommer 21*43°), der 
Klarheit, Trockenheit und Verdünnung der Luft, sowie der Besonnung, 
bietet der von Dr. Denison am östlichen Abhang der Rocky Mountains 
gegründete Curort Denver (Col.) in 1635 m Höhe, wo * ebenfalls Phthisis 
autochthon nicht vorkommt und Schwindsüchtige, besonders in der ersten 
Periode, Besserung und Heilung Anden. 

Die Stationen in' grossen Höhen (2000 bis 4000m) kommen in 
Europa als Sanatorien nicht in Betracht, da sie nur im Sommer benutzt 
sind, allerdings oft mit sehr günstiger Wirkung auf geschwächte Indivi¬ 
duen, z. B. mehrere Bergwirthshäuser in der Schweiz zwischen 2000 und 
3000 m. 

Nur an einigen dieser Orte bestehen das ganze Jahr hindurch geöffnete 
Zufluchtshäuser für Reisende (Hospiz des grossen und des kleinen St. Bernhard, 
des St. Gotthard, des Simplon). In Asien und Amerika liegen aber mehrere 
Sanatorien in dieser Höhenregion. Der höchste aller Curorte, der von 
Dittinghur in Indien erreicht (mit 4700 m) fast die Höhe des Mont Blanc. 
Die anderen auf dem südlichen Abhang des Himalaya gelegenen Höhen¬ 
curorte sind nur zwischen 2000 und 2500 m hoch (Darjeling, Murree, 
Simla, Nynee Tal) und besitzen, bei grosser Vegetationspracht, ein auch 
im Winter gemässigtes Klima, mit mehr feuchter Luft (von Fiebermiasmen 
nicht ganz frei), sehr kühlen Nächten, häufigen Regengüssen. Die Schnee¬ 
grenze ist 3700 m. Auf Europäer, die vom heissen Klima Indiens erschöpft 
sind, wirken diese Stationen sehr wohlthätig; am berühmtesten ist Simla 
(Jahreszeitenmittel: W. 8*3°, F. 15*1°, S. 19*3°, H. 14*7°, Jahresmittel 14 # 3°). 
Sehr ähnliches Klima besitzt Outacaraund (2391 m) am südlichen Ende der 
Ghattes, mit sehr guten Einrichtungen für kranke und reconvalescente 
Colonisten. Auf Ceylon ist das Plateau von Neuera-AUia (1893 m) in der 
Nähe des berühmten Adams Pike (2260 m) ein sehr beliebter Luftcurort. 
Die von Niederländern colonisirten Sundainseln besitzen zahlreiche Höhen¬ 
curorte zwischen 2340 und 3250 m mit relativ kühlem Klima, welches auf 


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Allgemeine Sitzungen (Berichterstatter Dr. Haltenhoff), 223 

die vielen Fiebernden, Anämischen und Leberkranken der Niederungen 
einen sehr günstigen Einfluss übt. 

In Amerika gehört die Hochebene von Anahuac mit den Städten Puebla 
(2150 m) und Mexico (2277 m) zu dieser Region der sogenannten kühlen 
Zone. Hier beobachtete Dr. Jourdanet die relative Immunität gegen 
Phthisis, welche in den niederen Theilen des Landes so häufig ist, sowie die 
Besserung der ganz hinaufziehenden Phthisiker, welche er einer Art respi¬ 
ratorischen Diät durch Luftverdünnung zuschreibt. In Südamerika liegen 
viele Städte weit über 2000 m hoch, hierher schicken die Aerzte der Ufer¬ 
gegenden ihre Phthisiker, und zwar mit so gutem Erfolg, dass die perua¬ 
nische Regierung in Janja (3048 m) ein Sanatorium gründete, wo nach 
Dr. Fuentes, 79 Proc. der Phthisiker in drei bis sechs Monaten geheilt 
werden sollen (! Ref.). Vortragender bestätigte einen solchen Heilungsfall bei 
einer Dame aus Lima. Dr. Th. Williams citirt den merkwürdigen Fall 
eines phthisischen schweizer Uhrmachers, der, selbst von tuberculösen Eltern 
stammend, in Quito (2908 m) nach sechs Monaten so gebessert wurde, dass'er 
grosse Besteigungen machen konnte. Von da ging er nach Panama, wo er 
von Neuem erkrankte, wurde nach Arequipa (2392^n) und später la Paz 
(3780 m) geschickt, wo er wieder ganz wohl wurde. Er glaubte sich ganz 
geheilt, kehrte nach Europa zurück und erlag einem rapiden Rückfall seines 
Leidens. Ebenso schlagende Beispiele wurden von anderen Aerzten berichtet. 

Die Heilwirkung des Höhenklimas auf die Lungenschwindsucht ist also 
eine sicher erwiesene Thatsache. 

Schlussfolgerungen. 

1. Die ungenügende Menge Sauerstoff, Folge der Verdünnung der Luft 
in höheren Gegenden, kann Erstickung verursachen, wenn nicht durch 
Einathmung von Sauerstoff dagegen angekämpft wird. 

2. Die Hauptursache der Bergkrankheit ist die Abnahme atmosphärischen 
Sauerstoffs in einem Augenblick, wo ausserordentliche Muskelanstren¬ 
gung eine grössere Menge Sauerstoff erfordert. Die ungenügende Menge 
des Sauerstoffs ist auch die Ursache der Muskelschmerzen und bedingt 
die Nothwendigkeit sofortigen Ausruhens. 

3. Athmung und Blutkreislauf werden um so mehr beschleunigt, je höher 
man sich über die Meeresfläche erhebt. Zugleich steigt die Ausathmung 
der Kohlensäure bis zu einer gewissen Höhengrenze, die man ungefähr 
zwischen 1500 und 2000 Meter annehmen kann, während sie darüber 
hinaus im directen Verhältniss zur Höhe wieder abnimmt. 

4. Ueber 2000 Meter Höhe erzeugt die ungenügende Menge Sauerstoff, trotz 
beschleunigter Athmung und Blutcirculation, eine constitutionelle Blut- 
armuth, welche Herr Dr. Jourdanet mit dem Namen Anoxyhämie 
bezeichnet. 

ß. In Folge der stärkeren Verdauung und Muskelanstrengung, sowie der 
Temperaturabnahme wird in der Höhenluft die Ausathmung der Kohlen¬ 
säure vermehrt nnd beschleunigt. 

6. Der Höhenaufenthalt bewirkt nicht nur häufigere, sondern auch tiefere 
Athemzüge, woraus eine Vermehrung des Rauminhalts und des Umfanges 
des Brustkorbs erfolgt 

7. Der zeitweilige oder fortwährende Aufenthalt in mittlerer Höhe, unter 
2000 Meter, wirkt belebend auf alle Functionen. 

8. Die hohen und mittleren Gebirgsgegenden haben einen prophylaktischen 
und therapeutischen Einfluss auf die Lungenschwindsucht. 


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224 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf. 

Herr Professor Paul Bert (Paris) beginnt mit der Erklärung, dass 
er mit Dr. Lombard im Ganzen einverstanden, in ärztlichen Fragen 
aber nicht competent sei. Von den früheren Erklärungsversuchen des Ein¬ 
flusses der Höhen auf den menschlichen Organismus ist der berühmteste 
jener, welcher den Druck der Atmosphäre auf die Körperfläche betrifft. 
Stieg man in eine gewisse Höhe, so sollte diese Last der Atmosphäre um 
so und so viel Kilogramm vermindert sein, daher der innere Druck der 
Körperflüssigkeiten sie nach aussen treibe, was die bekannten Zufalle der 
Bergkrankheit veranlasse. Diese Hypothese ist ganz verlassen, namentlich 
seitdem Vortragender sich selbst ohne Schaden einer stark verdünnten Luft 
ausgesetzt, unter der Bedingung Sauerstoff einzuathmen. Dieser Versuch 
genügt, um die einzig richtige Erklärung zu geben. Ein Theil des an das 
Hämoglobin der Blutkörperchen chemisch gebundenen Sauerstoffs verlässt 
diese Verbindung unter dem Einfluss der Luftverdünnung und der Organis¬ 
mus empfindet die verschiedenen Erscheinungen der Asphyxie. Dieselben 
können vermieden yrerden, wie folgendes Raisonnement ergiebt: Unter einer 
Drnckverminderung von V 2 Atmosphäre z. B. verliert das Hämoglobin die 
Hälfte seines Sauerstoffe und es treten Erstickungssymptome auf; wird aber 
dabei eine die doppelte Menge Sauerstoff enthaltende Luft eingeathmet, so 
ist das Gleichgewicht hergestellt und die Symptome werden schwinden. Das 
Experiment bestätigt diesen Schluss vollkommen. Sitzt man in einer ge¬ 
schlossenen Glocke, aus welcher nach und nach die Luft entfernt wird, so 
stumpfen sich zunächst die Empfindungen ab, Gehörsinn und Gesichtssinn 
trüben sich, die geringste geistige Arbeit ist in hohem Grade erschwert. 
Vortragender war z. B. nicht mehr fähig eine einfache Zahl mit drei zu 
multipliciren! Sobald man nun ein passendes Gemisch von Luft und Sauer¬ 
stoff einathmet, erwachen die Sinne wie durch einen Zauberschlag; es ist, 
als ob man aus einer Art Ohnmacht wieder zu sich käme. Das Herz schlägt 
wieder in normalem Rythmus, die beschleunigte Athmung beruhigt sich und 
man fühlt wieder ein vollkommenes Wohlbefinden. 

Nach diesen Versuchen an mir selbst rieth ich einigen Freunden das 
gleiche Verfahren an, unter Anderen den kühnen Luftfahrern Sivel und 
Croce-Spinelli. Letzterer trieb eines Tages den Versuch in der Glocke 
fast bis zur Erstickung; ich betrachtete ihn durch eine Lücke, Sah ihn 
violett werden, und wollte gerade den Krahnen zum Eintritt reiner Luft 
öffnen, als er die Röhre des Sauerstoffkolbens zum Munde führte. Sofort 
bekam er wieder die normale Gesichtsfarbe und war im Stande, seine Arbeit 
wieder aufzunehmen. Ich frug ihn, warum er so sehr gezögert, das rettende 
Mittel zu ergreifen: „Ich wollte bis zum Augenblick warten, wo ich ganz 
zu sehen aufgehört, war seine Antwort. Erst als ich total blind war, athmete 
ich Sauerstoff ein. Das Sehen kehrte momentan zurück.“ Nach wieder¬ 
holten solchen Versuchen beschlossen diese muthigen Männer, sich vom 
Luftballon in noch unerreichte Höhen bringen zu lassen, um meteorolo¬ 
gische Beobachtungen anzustellen. Die erste Reise gelang vollständig, ich 
hatte ihnen eine genügende Menge Sauerstoff mitgegeben. Sie kamen aus 
einer Höhe von 6000 bis 7000 m herab, ohne im Geringsten unpässlich 
gewesen zu sein. Ein paar Monate später unternahmen sie es, noch höher 
zu steigen. Leider war ich abwesend und erfuhr, dass sie 150 Liter Sauer- 


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Allgemeine Sitzungen (Berichterstatter Dr. Haltenhoff). 225 

etoff mitnehmen wollten. Ich schrieb ihnen sofort, dieser Vorrath sei 
ungenügend; mein Brief traf sie im Augenblicke des Auffahrens. Anstatt 
nun den Sauerstoffvorrath zu vergrössern, beschlossen sie, ihn bis zum 
letzten Termin aufzusparen. Es geschah nun Folgendes, nach dem Bericht 
von G. Tissandier, dem einzig Ueberlebenden dieses schrecklichen Dramas: 
Im Augenblicke, wo sich die Luftfahrer im Begriff fühlten, zu ersticken, 
wollten sie die Sauerstoffrohren ergreifen, die über ihren Köpfen hingen; 
es war zu spät, sie hatten die Kraft nicht dazu und fielen in Ohnmacht. 
Kurz darauf stieg der Ballon wieder herunter, und das Sauerstoffreservoir 
erwies sich unversehrt mit 150 Liter Inhalt. So verhielt sich ßenau diese 
Begebenheit, welche bis heute stets in irrthümlicher Weise erzählt wurde. 

Doch auf solche Höhen kommt es dem Hygieniker nicht an. Der Berg 
Everest, der 8840 m erreicht, ist unersteigbar. Für die Höhen, wo der 
Einfiuss der Luftverdünnung zumeist erforscht wird, gilt unstreitig alles, 
was Herr Dr. Lombard vorhin gesagt. Der Aufenthalt in 1000 bis 
1500 m ist der Gesundheit zuträglich: der Brustkorb erfahrt eine leichte 
Vergrösserung, der Sauerstoff des Hämoglobins keine wesentliche Vermin¬ 
derung, während die Abgabe der Kohlensäure aus dem Blute erleichtert 
wird. 

Wie geschieht es nun, dass auch in Höhen von 3000 bis 4000 m ganze 
Bevölkerungen sich sehr wohl befinden, während Reisende und deren Thiere 
bei ihrer Ankunft daselbst von schweren, ja selbst tödtlichen Zufallen heim¬ 
gesucht werden? Wie erklärt sich’s, dass der in La Paz angekommene 
Europäer keine 20 bis 30 Schritte gehen kann, ohne au9zuruhcn, und auf 
dem Maulthiere reitend ganz ausser Athem ist, während dieses Thier und 
der Treiber neben einander einhertraben, ohne die geringste Empfindung 
von dem verminderten Luftdruck zu haben? Dies kann vielfache Ursachen 
haben. Man kann annehmen, dass diese Leute aus Gewohnheit ihre Kräfte 
besser auszunutzen verstehen. Man gewöhnt sich ja an jede Art Gymna¬ 
stik: Uebungen, die im Beginn grosse Muskelanstrengung erheischen, wer¬ 
den durch Gewohnheit leicht und ermüden kaum mehr. Der Reisende, der 
zuerst auf. die Höhen der Anden kommt, giebt dort ungemeine Kräfte aus, 
während derEingeborne denselben Zweck mit viel geringerer Muskelenergie 
erreicht. Dadurch wird beim Ersteren die absorbirte Sauerstoffmenge un¬ 
genügend. Dazu kommt, dass allmälig der Brustkorb der auf diesen Hoch¬ 
ebenen sich acclimatisirenden Rassen sehr zugenommen hat, so dass der 
Eingeborene in einem gegebenen Zeiträume eine grössere Luftmenge inspi- 
rirt, als der Bewohner der Niederungen vermag. Eine dritte Hypothese 
betrifft die abgegebene Kohlensäuremenge, welche in Folge eines geringe¬ 
ren Verbrennungsprocesses geringer sein könnte. Man müsste, um dies 
festzustellen, die in bestimmter Zeit ausgeathmete Luft sammeln und analy- 
siren, z. B. auf dem Thibetgebirge. 

Man kann aber viertens auch die Frage stellen, ob nicht das Blut der 
Indianer auf den Cordilleren nach einiger Zeit besondere Eigenschaften acqui- 
rirt, welche es befähigen, eine grössere Menge Sauerstoff zu absorbiren, als 
das Blut des Europäers. Die Wahrheit dieser Ansicht konnte Vortragender 
beweisen, Dank einer Beobachtung des Herrn Jo ly et (Bordeaux), nach 
welcher das Blut, auch im Zustande der Fäulniss, stets dieselbe Menge 

VlerteljahrsschTifl für Gesundheitspflege, 1883. 15 


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226 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf. 

Sauerstoff absorbirt. Ich Hess mir Blut eines in La Paz acclimatisirten 
Thieres schicken und verglich die Sauerstoffmenge, welche es beim Schüt¬ 
teln an der Luft aufnehmen kann, mit der Sauerstoffabsorption des Blutes 
eines inländischen Individuums derselben Art. Ich fand, dass das Blut des 
Letzteren eine geringere Aufsaugungskraft hatte. Das Blut unserer Thiere 
nahm 10 bis 12 Proc. seines Gewichtes an Sauerstoff auf, das aus La Paz 
18 bis 20 Proc. Wenn also der Mensch und seine Hausthiere in diesen 
hohen Gegenden sich niederlassen und nach einer Reihe von Generationen 
acclimatisirt sind, so ist ihr Blut reicher an Hämoglobin geworden und 
kann eine grössere Menge Sauerstoff aufnehmen. 

Solche Ergebnisse sind für die Zukunft des Menschengeschlechts recht 
tröstlich. Die Astronomen drohen uns bekanntlich mit einem z^rar fernen, 
aber unausbleiblichen Tode. Sie sagen, dass in Folge der graduellen 
Löschung des centralen Feuers die uns umgebende Luft in die Tiefen des 
Erdballs eindringen wird und dass so bei fortßchreitender Verdünnung der 
Atmosphäre ein Zeitpunkt kommen muss, wo die Luft zur Erhaltung des 
Lebens nicht mehr genügt. Ich will diese pessimistischen Prophezeiungen 
nicht anzweifeln, finde aber deren Bedeutung durch die soeben entwickel¬ 
ten Anschauungen sehr vermindert. Es wird unseren Nachkommen gehen, 
wie den Bewohnern der Cordilleren; in dem Maasse, als die Barometerfeäule 
sinkt, wird sich ihr Blut mit dem umgebenden Medium in Einklang setzen 
und seine Absorptionskraft für Sauerstoff wird zunehmen. Das Leben wird 
dann noch möglich sein, lange nach dem Zeitpunkte, für den wir nach 
unseren jetzigen Beobachtungen das Leben als nicht mehr möglich erklärten. 

Herr Dr. W. Marcet (London und Genf) hat sich seit mehreren Jahren 
mit dem Einfluss der Höhen auf den menschlichen Körper beschäftigt. Er 
erinnert zunächst an die Umwandlung von Wärme in Lebenskräfte und 
Bewegung, und an die dabei stattfindende Verbrennung von Kohlenstoff. Je 
mehr Kohlenstoff verbraucht wird, desto mehr Kohlensäure wird erzeugt. 
Die Bestimmung der Kohlensäureabgabe ist daher eine der wichtigsten Auf¬ 
gaben der Physiologie. Solche biologisch-chemische Untersuchungen wurden 
schon von Magundie, CI. Bernard und Dumas, später von Lehmann, 
Brücke, Fick und Wislicenus, Parkes und de Chanmont, sowie 
Paul Bert unternommen. 

Was den ersten eigentlich selbstverständlichen Schlusssatz des Herrn 
Dr. Lombard betrifft, so bemerkt Redner, dass es für Bergsteiger sehr un¬ 
bequem wäre, grosse Vorräthe von Sauerstoff in Säcken mitzunehmen, wie 
dies bei hohen Ballonfahrten geschehen soll. Sir Douglas Forsyth, der 
durch seinen Zug nach Kaschgar berühmte Reisende, erzählte Hrn. Marcet, 
dass er beim Ueberschreiten der 5974 m hohen Gebirge von Kaschmir mit 
Vortheil chlorsaures Kali gegen die Bergkrankheit eingenommen habe. Als 
Herr Whymper seine Reise nach den Cordilleren an trat, um namentlich 
die für unbesteigbar gehaltenen Berge Chimborazo, Cotopaxi etc. zu erklim¬ 
men, rieth ihm Redner, chlorsaures Kali zur Bekämpfung der Bergkrank¬ 
heiten mitzunehmen. Bei der Besteigung des Chimborazo nahm Whym¬ 
per mehrmals von diesem Salze ein, wenn er in den obersten Regionen sehr 
grosse Athembeschwerden hatte und berichtet, dadurch jedesmal sehr er¬ 
leichtert worden zu sein. Das Salz scheint also wirklich im Körper zersetzt 


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Allgemeine Sitzungen (Berichterstatter Dr. Haltenhoff). 227 

zu werden und seinen Sauerstoff abzugeben, wie es beim Erhitzen in der 
Retorte geschieht, wo schliesslich nur Chlorkalium übrig bleibt. In Päckchen 
von circa 0*50 qm ist es leicht, eine grössere Menge dieses Mittels mit¬ 
zunehmen, und neue Versuche damit sind den Bergsteigern anzurathen, 
welche in grossen Höhen leidend werden. 

Herrn Lombard’s zweite Schlussfolgerung ist eben so unanfechtbar. 
Es wäre interessant, die Körpertemperatur eines von Bergkrankheit Be« 
fallenen zu messen; man fände sie wahrscheinlich herabgesetzt. Ganz kürz¬ 
lich beobachtete Herr Marcet das Leiden in sehr Angst erregenderWeise 
bei einem 50jährigen Herzkranken; die Kopfschmerzen waren sehr heftig, 
es traten krankhafte Contractionen der Handgelenke und Finger ein. Der 
Mann hatte das Gefühl, als sei er im Sterben. Doch schwanden alle 
Symptome rasch, sobald er nur wenige Meter tiefer herabgestiegen war. 

Beim dritten Schlusssatz ist zu bemerken, dass die Zunahme der Athem- 
frequenz nicht proprotionell der Höhe ist, sondern von einer gewissen, indi¬ 
viduell verschiedenen Höhe an rasch sich zeigt. In mittleren Höhen glaubt 
Redner, dass nach einiger Zeit Aufenthalts die Athemfrequenz wieder die 
gewöhnliche wird, was Beobachtungen eineB DavoBer Arztes bestätigen. 

Die Zunahme der Kohlensäureabgabe in mittleren Höhen hängt aber 
auch mit von der Kälte ab, und ist wahrscheinlich unter den Tropen viel 
geringer. Die Grenze von 2000 m für die Mittelregion scheint Redner auch 
richtig, wenigstens für die Schweiz. Die Mönche auf dem Grossen St. Bern¬ 
hard (2478 m), welche alle im kräftigsten Alter und voller Gesundheit auf 
diesen Posten kommen, pflegen schon nach einem oder zwei Jahren eine 
Einbusse an ihrer Gesundheit zu erleiden (Bronchialkatarrhe, Rheumatis¬ 
mus, Magenleiden), welche sie zum Herabsteigen in milderes Klima zwingt. 
Die Pneumonieen, zu denen sie sehr neigen, bleiben genuine Entzündungen 
und Phthisis scheint nicht vorzukommen. 

• Redner berichtet im Einzelnen über seine höchst mühsamen und merk¬ 
würdigen Untersuchungen der Kohlensäureabgabe, welche sich vom Genfer 
See (373 m) zuerst bis zur Höhe des Breithorn (4171 m), nachher zum Col 
du Göant (3362m), mit Aufenhalt von drei Tagen und drei Nächten, und 
endlich vom Meeresufer zur Höhe des Pic Teneriffa (3580 m) (drei Wochen 
Bivouak) erstreckten, mit Versuchen an zahlreichen Zwischenstationen (St. 
Bernhard-Hospiz, Matteijoch). Uebereinstimmendes Resultat aller dieser 
Arbeiten war 1) Verminderung der Kohlensäureabgabe, 2) geringere Menge 
der Athemluft im Verhältnis zur Kohlensäureabgabe. Der Gasaustausch in 
den Lungen scheint also entschieden erleichtert zu sein, denn an eine 
Veränderung des Hämoglobins und seine Beziehungen zum Sauerstoff bei 
so kurzem Aufenthalte, wo Acclimatisirung ganz fehlte, ist wohl nicht zu 
denken. Die Erleichterung der Lungenathmung und der Blutoxydation 
erklärt wohl das relative Wohlbefinden, das Brustkranke kurz nach ihrer 
Niederlassung in Davos empfinden. Ob die Erweiterung der Thorax nach 
Rückkehr in die Ebene lange fortdauert, ob in Dav,os die Sauerstoffabsorption 
dauernd in gleichem Verhältnis zur eingeathmeten Luftmenge bleibt, 
wäre noch festzustellen. Jedenfalls kommen noch bei diesem Winter¬ 
aufenthalt in Betracht: die Trockenheit und Reinheit der Luft, die Un¬ 
schädlichkeit der atmosphärischen Keime, der Schutz vor Winden, die Tem- 

15* 


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228 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf. 

peratur der directen Sonnenstrahlen, welche inmitten des Schnees daselbst 
höher ist, als an den lachenden Gestaden des Mittelmeeres, endlich der Ein¬ 
fluss der Lichtintensität auf die Kohlensäureausscheidung (Moleschott). 
Alle diese Factoren zusammen mögen die Ursache der Immunität der 
Höhenregionen für Lungentuberculose, wie auch ihrer Heilwirkung gegen 
diese Krankheit sein. Jedenfalls ist es ein grosses Verdienst des Herrn 
Dr. Lombard, als einer der Ersten in seinen beharrlichen klimatologischen 
Studien auf die wohlthätigen Wirkungen des Gebirgsklimas hingewiesen 
zu haben. 


Fünfte Sitzung. 

Samstag, den 9. September. 

Nach einigen geschäftlichen Mittheilungen erhält 

Dr. Haltenhoff (Genf) das Wort für seinen Bericht über das Pro¬ 
gramm der Preisaufgabe: 

Ueber die Ursachen und die praktischen Verhütungs- 
maassregeln der Blindheit. 

Redner macht zunächst darauf aufmerksam, dass tfrotz der bedeutenden 
Fortschritte der Augenheilkunde die Zahl der Blinden noch immer eine 
sehr grosse sei, nach den Untersuchungen von Majer in München kommen 
auf 100 000 Einwohner in Europa und Nordamerika 87 Blinde; doch sei 
diese Zahl jedenfalls zu klein gegriffen, man könne gut 1 Blinden auf 1000 
Lebende rechnen, was allein in Europa 311000 Blinde ergäbe. Aus der 
Erkenntniss dieses Missstandes und um ihm entgegenzuwirken, sei die Grün¬ 
dung der Sociäy for the prevention of blindness in London hervorgegangen, 
die es sich zur Aufgabe gemacht habe, vorzüglich durch populäre Schrif¬ 
ten über Ursachen und Verhütung der Blindheit zu wirken. Diese Gesell¬ 
schaft nun habe einen Preis von 2000 Frcs. für die beste Arbeit „Ueber 
die Verhütung der Blindheit“ ausgesetzt und dazu folgendes Programm 
aufgestellt, das sie dem internationalen Congress zur Begutachtung unter¬ 
breite, mit dem gleichzeitigen Ersuchen, die Preisrichter zu ernennen. Das 
Programm, das die Versammlung auch adoptirte, lautet: 

1. Ursachen der Blindheit: 

a. Einflüsse der Erblichkeit, Krankheiten der Eltern, blutsverwandte 
Ehen etc. 

&. Augenkrankheiten der Kindheit, diverse Entzündungen. 

c. Schul- und Lehrzeit, progressive Myopie etc. 

d. Allgemeine Krankheiten, Diathesen, verschiedene Fieber, Intoxica- 
tionen etc. 

e. Einfluss der Berufsarten, Unfälle und Verwundungen, sympathische 
Au genentzün düngen. 

/. Sociale und klimatische Einflüsse; ansteckende Augenleiden; unge¬ 
sunde, überfüllte, schlecht erleuchtete Wohnräume etc. 

g. Mangelhafte oder ganz fehlende Behandlung der Augenleiden. 


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Allgemeine Sitzungen (Berichterstatter Dr. Haltenhoff). 229 

2. Für jede dieser Gruppen^ von Blindheitsursachen sind die 
zweckmässigsten Verhütungsmaassregeln anzugeben: 

a. Maassregeln der Gesetzgebung. 

b. Hygienische und professionelle Maassregeln. 

c. Pädagogische Maassregeln. 

d . Aerztliche und philanthropische Maassregeln. 

Redner geht nun des Näheren auf die Ursachen der Blindheit ein, 
die nur in den seltensten Fällen eine angeborene sei, meist eine Folge von 
entzündlichen Affectionen des Auges, in erster Linie der Blenorrhöe der 
Neugeborenen, die in einzelnen Ländern ein Drittel bis die Hälfte aller Er¬ 
blindungen bedinge, weiter die granulösen oder eitrigen Bindehautentzün¬ 
dungen der Kinder und der Erwachsenen, die progressive Myopie während 
der Schulzeit, die constitutioneilen und zymotischen Allgemeinerkrankungen, 
wenn sie das Auge in Mitleidenschaft ziehen, wie namentlich die Blattern, 
ferner der Alkoholismus, die gewerblichen Verletzungen und Schädigungen 
der Augen u. dgl. Hierauf ging Redner zur Prophylaxe der Blindheit 
über, wobei er die Verbreitung allgemein hygienischer Kenntnisse im Volke 
in erste Linie stellte und betonte, dass vielleicht drei Viertel aller Fälle 
von Blindheit vermeidbar wären, was die philanthropischen Bemühungen 
zur Verhütung der Blindheit gewiss rechtfertige. 

Nach diesem Berichte wählte die Versammlung zur Begutachtung der 
eingehenden Preisaufgaben *) ein aus folgenden Herren bestehendes 

Internationales Preisgericht: 

Deutschland: Dr. H. Cohn, Professor der Augenheilkunde in Breslau, Geh. 

Sanitätsrath Dr. Varrentrapp in Frankfurt a. M. 

England: Dr. M. Roth, zur Zeit Schriftführer und Schatzmeister der Society 
for the preuention of blindness t Dr. Streatfield, Professor der Augen¬ 
heilkunde in London. 

Frankreich: Dr Fieuzal, dirigirender Arzt des Blindenhospitals des Qutnze- 
Vingts in Paris, Dr. Lay et, Professor der Hygiene in Bordeaux. 

Italien: Dr. Reymond, Professor der Augenheilkunde in Turin, Dr. Sor- 
mani, Professor der Hygiene in Pavia. 

Niederlande: Dr. Snellen, Professor der Augenheilkunde in Utrecht. 
Schweiz: Dr. Appia in Genf, Dr. Dufour, Arzt des Augenspitals in Lau¬ 
sanne, Dr. Haltenhoff, Privatdocent der Augenheilkunde in Genf (Schrift¬ 
führer des Preisgerichts). 

In Folge Ablehnung der Herren Varrentrapp und Appia ergänzte sich 
das Preisgericht durch Ernennung der Herren: 

Dr. Berlin, Professor der Augenheilkunde in Stuttgart, Dr. Coursserant, 
Augenarzt in Paris. 

Dr. Fieuzal hat als Chefarzt der Nationalen Augenklinik am Hospice 
des Quinee-Vingts über die Ursachen der Erblindung und die Mittel, diese 
Fälle zu vermindern, viele Erfahrungen gesammelt. Er hebt zwei Punkte 
hervor: 1. unzeitgemässen Gebrauch von Augenwässern ohne ärztliche Ver¬ 
ordnung, auf Empfehlung von Laien oder Quacksalbern hin; 2. energische 

*) Das Manuscript, ^fn deutscher, französischer, englischer oder italienischer Sprache 
geschrieben, ist in der gewöhnlichen Form vor dem 31. März 1834 an Herrn Dr. Halten- 
boff in Genf einzuschicken. 


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230 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf. 

aber unzweckmässige Behandlung der Augenleiden. Redner ist mit dem 
Vorredner einig darüber, dass die Mehrzahl der Fälle von Blindheit durch 
richtige hygienische und ärztliche Maassregeln verhütet werden könnten. 

Die Volkszählung von 1876 ergiebt für Frankreich (mit Algier) die 
enorme Zahl von 31 631 Blinden, darunter circa 25 000 Unbemittelte. Nur 
2000 arme Blinde erhalten staatliche Unterstützung, und zwar durch Ver¬ 
mittelung des Hospice des Quinee-Vingts. Die anderen 23 000 fallen der 
Barmherzigkeit zur Last. In neuerer Zeit ist vom Staate allen von Blind¬ 
heit Betroffenen oder nur Bedrohten, resp. allen armen Augenkranken auf 
Veranlassung des Redners unentgeltlicher augenärztlicher Rath und Bei¬ 
stand in Paris in einem, dem genannten Blindenasyl anliegenden Gebäudo 
gesichert worden; so hat der Staat die Prophylaxis der Blindheit wirklich 
zu organisiren begonnen. 

Für die zahlreichste Kategorie der Augenleidenden sind die eitrigen 
und überhaupt alle mit Absonderung einhergehenden Augenentzündungen 
der Hauptfeind, der bei der Prophylaxis der Erblindung zu bekämpfen ist. 
Die richtigen in diesem Kampfe zu gebrauchenden Mittel sollten unter den 
Aerzten viel allgemeiner bekannt sein, als leider heute noch der Fall. Wie 
viel Landärzte z. B. sind nicht fähig, die geschwollenen Augenlider kunst¬ 
gerecht umzukehren, was doch zur Behandlung der gewöhnlichsten Ent¬ 
zündungsformen die erste Bedingung ist! Und doch fallen die ungeheure 
Mehrzahl solcher Fälle in jedem Lande gerade den Nichtspecialisten in die 
Hände. 

(Dr. Fieuzal verbreitet sich des Näheren über die Modalitäten der 
Behandlung bei den verschiedenen Entzündungsformen; für diese rein me- 
dicinischen Einzelheiten sowie die statistischen Angaben verweisen wir auf 
das Original im demnächst in Genf erscheinenden Congressbericht.) 

Für die Bindehautentzündung der Neugeborenen nimmt Redner eine 
katarrhalische Ursache an und glaubt nicht an die Infection durch vaginales 
Secret. Im September 1880 brachte das (officielle) Journal des Communes 
eine vomDirector der Quinze-Vingts veranlasste, aber nicht von Dr. Fieuzal 
herrührende Notiz über die Vorsichtsmaassregeln gegen Ophthalmoblennorrhoe, 
welche unter den Aerzten viel Polemik hervorrief, und wenigstens den Er¬ 
folg hatte, dass mehrere Augenärzte der praktischen Seite der Frage ihre 
Aufmerksamkeit zu wendeten. In Havre hat es Dr. Brie re durchgesetzt, 
dass Jeder, der beim Standesamte eine Geburt anzeigt, eine gedruckte An¬ 
leitung über die Gefahren der eitrigen Augenentzändung bekommt. Dr. Ter- 
son (Toulouse) hat vorgeschlagen, einen solchen Zettel in allen Standesämtern 
anzuschlagen und dem sogenannten Familienbüchlein beizulegen« Dr. Gale- 
zowski (Paris) wünscht, der mit Bestätigung der Geburten betraute Civil- 
standsarzt sollte verpflichtet sein, die Eltern gegen diese Krankheit, welche 
so oft durch Vernachlässigung oder Unwissenheit die schlimmsten Folgen 
nach sich zieht, zu warnen. Redner billigt diese Vorschläge, aber unter der 
Bedingung, dass die populäre Anleitung kurz sei und, eigentliche oculistische 
Einzelheiten vermeidend, nur die einfachsten und praktischsten Rathschläge 
enthalte, wozu vor Allem die desinficirenden Waschungen gehören. Redner 
würde ungefähr folgenden Zettel vom Civilstandsbeamten an die Eltern jedes 
Neugeborenen vertheilen lassen: 


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Allgemeine Sitzungen (Berichterstatter Dr. Haltenlioff). 231 

Den Eltern zur Warnung! Um den Gefahren der eitrigen 
Augenentzündung vorzubeugen, wasche man die Augen des Kindes mit 
einem reinen, in Carbolwasser (zu y 2 5 0 mit halbsoviel lauwarmem Was- 
ser) getauchten Läppchen aus; und zwar um so fleissiger, als die 
Augenlider selbst mehr verklebt sind, und als aus deren Inneren eine 
grössere Menge wässeriger oder eitriger Flüssigkeit herauskommt. 

Sind die Auglider geschwollen, so mache man, ausser diesen häu¬ 
figen Waschungen kalte und selbst mit Eis gekühlte Umschläge wäh¬ 
rend mehrerer Stunden täglich, und achte darauf, dass der Eiter nicht 
zwischen den Lidern aufgehalten werde. Zu diesem Behuf wird mau 
allstündlich die Lider auseinanderziehen und obige desinficirende 
Flüssigkeit, stets etwas lauwarm in die Augen träufeln. Carbolwasser 
1:250, Borsäure 5:100, benzoesaures Natron oder Thymol in gleicher 
Stärke wie letzteres, sowie jedes andere Desinficiens in gehöriger Ver¬ 
dünnung können in gleicher Weise gebraucht werden. 

N. B. Es ist jeder Hebamme üntersagt, irgend ein Augenwasser 
zu verschreiben. 

Der Civilstandsarzt könnte ausserdem beauftragt sein, im Falle von 
Augenentzündung eines Neugeborenen, den Eltern zu erklären, ob es ein 
gelinder oder schlimmer Fall, ob die Hülfe eines Arztes nöthig sei u. s. w. 
Redner wünscht, der Congress möge diese Maassregel unterstützen. 

Dr. Roth (London). Zwei Dritttheile der Erblindungen sind die Folge 
von Unwissenheit und Nachlässigkeit. Erstere muss also bekämpft werden, 
sowohl bei den Müttern, Lehrern und Arbeitern, als schliesslich auch bei 
den Aerzten. Auch die volkswirtschaftliche Seite der Blindheitsfrage hat 
ihre Wichtigkeit, Die 300000 Blinden in Europa kosten rund 100 Millionen 
Franken im Jahr. Zieht man davon y 3 Kinder und Greise ab, so reprä- 
sentiren die 200 000 übrigen Blinden einen Verlust an Productionskraft, 
den man ebenfalls auf 100 Millionen Franken veranschlagen kann. Nimmt 
man eine mittlere Lebensdauer von 33 Jahren an, so würden die 300 000 
europäischen Blinden während ihres ganzen Lebens einen Verlust von 
6600 Millionen Franken verursachen. Also müssen auch Leute, die sich 
weder für Hygiene noch Philanthropie, sondern nur für Staatswirthschaft 
und Politik interessiren, dem grossen Werke der Prophylaxis der Erblindung 
ihre Zuneigung nicht versagen. Dr. Roth dankt im Namen der Society for 
the prevention qf blindness dem Organisatienscomite des Congresses für die 
Aufnahme dieses Themas in die Verhandlungen. 

Nach Erledigung dieses Gegenstandes verliest Dr. Felix (Bukarest) 
im Aufträge des Preisgerichts für den vom Turiner Provinzial¬ 
rath gestifteten Preis, den Bericht über den Beschluss des Preisgerichts, 
welches sich während des Congresses vollzählig versammelte. Drei Arbeiten 

Ueber die Hygiene der Landbevölkerung 

sind eingegangen; nur eine entsprach den Erfordernissen der Preisaufgabe 
vollständig, und diese erhielt den Preis von 2500 Lire zuerkannt. Der 
Verfasser ist Dr. Lay et, Prof, der Hygiene an der medicinischen Facultät 
in Bordeaux. Dr. Felix bespricht im Namen des Preisgerichts das gekrönte 
Werk in sehr lobender Weise und Dr. Lay et, der anwesend ist, empfangt 
die Glückwünsche der ihn umgebenden Collegen. 


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232 Vierter internationaler Congress fiir Gesundheitspflege zu Gent. 

Hierauf liest Herr A. J. Martin (Paris), im Namen einer aus den 
Herren Briquet, Bourrit, Demaurex, Pagliani, Rapin, Valiin, van 
Overbeek de Meyer, Wasserfuhr und Martin bestehenden Comission, 
seinen sehr klar, elegant und bündig verfassten Bericht über die mit dem 
Congress verbundene internationale hygienische Ausstellung vor, 
in welchem auch der verunglückten Berliner Ausstellung einige warmen 
Worte des Bedauerns und der Hoffnung gewidmet sind. 

Dr. Boerner (Berlin) bemerkt, dass nach dem grossen Brandunglück 
der leitende Ausschuss der hygienischen Ausstellung in Berlin sofort Vor¬ 
bereitungen getroffen habe, um die Ausstellung im Frühling 1883 eröffnen 
zu können. Neue und solidere Gebäulichkeiten werden' errichtet, und 
wenn auch diese Ausstellung ein deutsches Werk sei, so solle sie doch ein 
internationales Monument der Gesundheitspflege werden, und daher seien 
alle Völker zur Mitwirkung und wohlwollenden Theilnahme eingeladen. 

Die ganze Versammlung beantwortet diese Erklärung mit lebhaftem 
Applaus, und der Sitzungspräsident giebt im Namen des Congresses dem 
allgemeinen Mitgefühl für das erlittene Unglück und der Bewunderung für 
das energische Vorgehen der Männer, welche das grosse Unternehmen den¬ 
noch zu Ende führen, gebührenden Ausdruck. 


Abstimmung über Vota der Sectionen. 

Auf Vorschlag der Herren Koechlin, Schwarz und Pini hat die 
II. Section des Congresses beschlossen, der Generalversammlung ihr 

Votum zu Gunsten der faoultativen Leichenverbrennung 

zur Genehmigung zu unterbreiten. Die Versammlung bescbliesst dies Votum 
zu unterstützen. Es lautet: „Der IV. internationale hygienische Congress 
in Genf, die Vota seiner Vorgänger bestätigend, verlangt von Neuem, dass 
die Regierungen in Anerkennung der freiheitlichen Grundsätze und der 
Vorschriften der Gesundheitspflege, die gesetzlichen Hindernisse abschaffen 
mögen, welche noch in gewissen Ländern der facultativeu Leichenverbren¬ 
nung entgegenstehen. Zugleich macht der Congress die Regierungen auf 
den Vortheil der Leichenverbrennung im Falle heftiger Seuchen aufmerksam.“ 

Die Versammlung erklärt sich ebenfalls für Annahme des 

Votum über die Fälschung der Nahrungsmittel, 

welches ihr von der III. Section vorgeschlagen wird: „Nach der Mitthei¬ 
lung des Prof. Brouardel über Vergiftung durch täglich eingeführte kleine 
Dosen, in Anbetracht: dass die Fälschung der Nahrungsmittel die neuesten 
Entdeckungen der Chemie sich zu Nutzen macht und in eine wirklich 
wissenschaftliche Phase eingetreten ist und industriell durch grosse Capi¬ 
talien unterstützt wird; — dass die früheren Strafverfügungen gegen diese 
Fälschungen den gegenwärtigen Verhältnissen nicht mehr entsprechen und 
ziemlich illusorisch sind; — dass die verschiedenen Nationen ein ganz 
gleiches Interesse am Schutze gegen die Fälschungen besitzen, und die 


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Allgemeine Sitzungen (Berichterstatter Dr. Haltenhoff). 233 

Gefahr vorliegt, dass der Zustand der Gesetzgebungen diesen Gewerben 
erlaubt, von einem Lande ins andere zu flüchten; — wird beschlossen, dass 
diese Frage von Neuem auf die Tagesordnung des nächsten Congresses 
gesetzt werde, und dass die Vertreter der verschiedenen Nationen den Text 
der bei denselben gültigen Gesetze mitbringen sollen, damit der Congress 
untersuchen könne, welche internationale Maassregeln gegen diese inter¬ 
nationale Gefahr zu ergreifen seien. u 

Die von Dr. Armaingaud angeregten und von der II. Section ein¬ 
stimmig angenommenen 

Vorschläge, betreffend die Seesanatorien für scrophu- 
löse und rachitische Kinder 

lauten wie folgt: 

1. Der internationale hygienische Congress, in Erwägung, dass die See- 
sanatorien für scrophulöse und rachitische Kinder sowohl in prophylak¬ 
tischer als therapeutischer Hinsicht bereits sehr grosse Dienste geleistet, 
ladet die verschiedenen Staaten und die Krankenpflege¬ 
behörden ein, die Zahl derartiger Anstalten zu vermehren 
und deren Schöpfung durch alle ihnen zustehenden Mittel 
zu begünstigen. 

2. Damit der Congress in dieser Frage eine dauernde Wirksamkeit ent¬ 
falte, wird dieselbe auf die Tagesordnung des folgenden Congresses 
gesetzt. Ausserdem ernennt der jetzige Congress einen Berichterstatter, 
welcher beauftragt wird, in den zwei Jahren bis zum nächsten Congress 
mit den dirigirenden Aerzten aller bis jetzt in Europa bestehenden See¬ 
sanatorien in Verbindung zu treten und, auf Grund des so gewonnenen 
statistischen Materials, die Erfolge jeder dieser Anstalten zusammen¬ 
zustellen, resp. dem folgenden Congress eine übersichtliche Arbeit über 
obiges Material vorzulegen. u 

Die Vorschläge werden vom Congresse genehmigt, mit dem von 
Dr.. Lubelski vorgeschlagenen Zusatze: „dass die in gewissen Ländern 
inmitten balsamischer Waldungen eingerichteten Sanatorien für kranke 
Kinder in obigem Votum miteinbegriffen seien“. Als Berichterstatter in 
dieser Frage wird Dr. Armaingaud gewählt. 


Wahl des nächsten Versammlungsortes. 

Herr Facchiotti erinnert, dass am Turiner Congress eine holländische 
Stadt vorgeschlagen und gegen dieses Land eine Art Verpflichtung einge¬ 
gangen worden sei, als man für die Versammlung des Jahres 1882 die 
Stadt Genf wählte. — Die Versammlung stimmt dem Wunsche bei, den 
nächsten Congress in Holland abzuhalten. 

Herr v. Overbeek de Meyer theilt mit, dass er auf Anregung des 
Comitäs nach Haag telegraphirt habe, dass in Abwesenheit des Städtischen 
Raths keine officielle, jedoch eine sehr ermuthigende officiöse Antwort 
erfolgt sei, so dass Redner die Mitglieder des Congresses für 1884 nach 
dem Haag einladet. 


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234 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Gent 


I. Section. 

Allgemeine, internationale und öffentliche Hygiene. 

Berichterstatter: Dr. J. Soyka (Manchen). 


Erste Sitzung. 

Dienstag, den 5. September. 

Vorsitzender: Dr. Revilliod (Genf). 

Die Verhandlungen dieser. Section begannen mit der Erörterung der 
gewiss zeitgemässen und höchst bedeutsamen Frage nach der Verbreitung 
der Cholera, insbesondere mit Rücksicht auf eine eventuelle Verschleppung 
nach Europa. Durch den in jenem Momente noch währenden englisch-egyp- 
tischen Krieg und den hierdurch veranlasBten Transport indischer Truppen 
nach Egypten war die Gefahr einer Einschleppung der Cholera nach Egyp¬ 
ten und von da nach Europa näher gerückt, und forderten auch die heuer 
auf den 23. October fallenden Feste zu Mekka, zu denen die muhameda- 
nischen Pilger in überaus grosser Menge aus allen Weltgegenden wallfahren, 
zu Vorsichtsmaassregeln auf. 

Dr. A. Proust aus Paris, Mitglied des öffentlichen Gesundheitscolle- 
giums von Frankreich, der als Referent über die Frage: 

Der Einfluss des Mekkapilgerzuges auf die Verbrei¬ 
tung der Cholera in Europa und im Besonderen 
die Choleraepidemie von 1881 

fungirte, resumirt seine Schlussfolgerungen in folgenden Sätzen: 

1. Der nach Mekka stattfindende Pilgerzug hat einen offenbaren Einfluss 
auf die Verbreitung der Cholera in Europa. 

2. Die Cholera entsteht nicht spontan im Hedjaz, und hat daselbst nicht 
ihren ursprünglichen Sitz. Die Reisenden Niebuhr und Burkhardt, 
welche Arabien vpr dem 1831 erfolgten Einzuge der Cholera besuchten, 
beschreiben die dort gewöhnlich herrschenden Krankheiten, ohne die 
Existenz der Cholera zu erwähnen. Wenn das Hedjaz keinen ursprüng¬ 
lichen Heerd darstellt und die Cholera sich dort nur als eingesohleppte 
Krankheit zeigt, so bildet hingegen Mekka einen äusserst günstigen 
Boden für die Verstärkung, Verbreitung und Ausbreitung der Seuche. 

3. Die Gefahr der Einschleppung ist heut zu Tage viel beträchtlicher, seit¬ 
dem die Segelboote durch Dampfschiffe ersetzt worden sind. Die gegen 
neue Einfalle der Cholera in Europa zu ergreifenden Maassregeln wurden 
von der Conferenz zu Constantinopel angegeben und von der Wiener 
Conferenz gebilligt. Sie bezwecken den Schutz Europas vor Einschlep¬ 
pung der Seuche durch die Schifffahrt. 


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235 


I. Section (Berichterstatter Dr. Soyka). 

Ein Theil dieser Maassregeln geht der Abfahrt der Pilger voran und 
besteht hauptsächlich in der Anwendung des „Native passenger Act u in 
Indien: im Augenblicke der Abfahrt findet eine Inspection statt, um 
sicher zu sein, dass an Bord weder Ueberfüllung herrscht, noch Cholera¬ 
kranke sich befinden. Die Yerproviantirung mit Wasser und Lebens¬ 
mitteln muB8 für die Ueberfahrt genügend sein und jeder Eingeschiffte 
muss eine genügende Summe besitzen, um seine Bedürfnisse während 
der Pilgerreise zu bestreiten. 

4. Wenn trotz aller vor der Abreise ergriffenen Vorsiehtsmaassregeln und 
der in Mekka angeordneten hygienischen Vorschriften die Cholera da¬ 
selbst doch ausbricht, so muss im Rothen Meer ein ganzes System von 
Ueberwachungs- und Vertheidigungsmitteln organisirt werden, haupt¬ 
sächlich um Egypten zu schützen, welches man als Wall gegen die Ein¬ 
schleppung der Cholera in Europa betrachten kann. Der Verkehr Egyp¬ 
tens mit allen mediterranen Staaten ist dermaassen entwickelt, dass der 
Durchseuchung dieses Landes die Einschleppung im ganzen Mittelmeer¬ 
becken auf dem Fusse folgen würde, wie es 1865 geschah. 

5. Die Maassregeln brauchen nicht für alle im Rothen Meere segelnden 
Schiffe die gleichen zu sein, man muss einen sehr bedeutenden Unterschied 
machen zwischen den grossen indischen Postdampfern, welche unter aus¬ 
gezeichneten hygienischen Verhältnissen, mit einem amtlich angesteUten 
Arzte an Bord, in Suez anlangen, und den in ganz entgegengesetzten 
Verhältnissen befindlichen Pilgerschiffen. Besagte Maassregeln könnten 
also nur jenen Schiffen nachtheilig sein, welche die unglücklichen Pilger 
von Djeddah bis Suez bringen und dabei meist auf unredliche Weise 
ausbeuten. 

6. Seit der Epidemie von 1865 haben dieselben drei praktische Proben 
bestanden, welche jedesmal von Erfolg gekrönt waren, nämlich 1872, 
1877 und 1881. Die Cholera zeigte sich Anfangs August 1881 in Aden. Von 
Ende September an wüthete sie in Mekka, wo sie durch die Pilger von 
demselben Schiffe, welches die Seuche nach Aden gebracht, eingeschleppt 
worden war. Zuerst waren in Mekka nur einzelne Cholerafälle; als aber 
die Pilger bei den Festen versammelt waren, nahm die Seuche eine 
beträchtliche Entwickelung. Nach einigem Zögern der egyptischen Re¬ 
gierung wurde zu El Ouedj eine Quarantäne angeordnet; Ende November 
war das Lager fertiggestellt, mehrere ankommenden Pilgerzüge brachten 
die Cholera dahin, und die Seuche erlosch erst nach ungefähr einem 
Monat. Die Pilger durften erst dann nach ihrer Heimath zurückreisen 
und in den Häfen, wo sie landeten, wurde kein Cholerafall beobachtet. 
So wurde durch die vom internationalen Gesundheitsrath in Alexandria 
angeordneten Maassregeln der Fortschritt der Seuche gehemmt und 
Europa blieb von der Cholera verschont. 

7. Es liegt also im Interesse Europas an dem im Rothen Meer eingerichteten 
VertheidigungsBystem fest zu halten und darauf zu dringen, dass die 
Quarantäne bei Rückkehr der Pilger aus Mekka in dem von Suez 350 Mei¬ 
len entfernten El Ouedj stattfinde* Dem internationalen Gesundheitsrath 
zu Alexandria, welcher aus Delegirten der verschiedenen europäischen 
Staaten besteht und dessen Beschlüsse denen einer von so schweren und 
häufigen Krisen betroffenen und gegenwärtig von Kriegsobersten be¬ 
herrschten Regierung weitaus überlegen sind, muss von Europa die 
nöthige Autorität gesichert werden. 

Hieran knüpft Dr. Fauvel (Paris), Generalinspector des Sanitätsdienstes, 
seine Befürchtungen an, die dahin gehen, dass durch die jetzigen Ereignisse 
und durch das Bestreben der Engländer, die ihren Operationen so lästige 


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236 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf. 

Quarantäne zu beseitigen, die Gefahr einer Einschleppung nach Europa eine 
eminente geworden sei. In Egypten sei der Schlüssel, der einer Invasion 
Europas durch die Cholera Thür und Thor öffne, und wie dies die früheren 
Jahre, besonders noch das Jahr 1865 gezeigt haben, während seither, in Folge 
der eingeführten sanitären Maassnahmen, Egypten verschont geblieben sei. 
In den nun in Egypten herrschenden Zuständen und besonders in dem 
Transport indischer Truppen nach Egypten sieht Fauvel eine grosse Ge¬ 
fahr, der nur durch gewisse Vorsichtsmaassregeln begegnet werden kann, 
die der Vortragende bereits im Juli Namens der französischen Regierung 
dem Foreign Office vorgeschlagen, und die darin bestehen, dass kein 
Cholerakranke am Bord führendes Schiff ins Rothe Meer eintreten dürfe. 
Um dies zu erreichen, seien zwei Bedingungen zu erfüllen: 1) Es werden 
alle Schiffe aus Indien, die Soldaten transportiren, einer strengen ärztlichen 
Inspection und im Falle von constatirter Cholera einer Quarantäne in Aden 
unterworfen; 2) bevor den Schiffen, die als cholerafrei ins Rothe Meer ein- 
fahren dürfen, freies Patent gewährt wird, müssen sie sich einer erneuten 
strengen Inspection am Landungshafen unterwerfen, und werden, wenn sich 
jetzt noch Cholera zeigt, nach Djebel-Terr zurückgeschickt Hierin erblickt 
Fauvel ein wirksames Schutzmittel; sollte Egypten trotz der Durchführung 
der hier vorgeschlagenen Quarantäne von Cholera heimgesucht werden, dann 
würde dies nicht etwa desshalb erfolgen, weil diese Maassregeln keinen 
hinreichenden Schutz gewähren, sondern weil sie nicht in exacter Weise 
durchgeführt wurden. Ist einmal die Cholera in Europa eingeschleppt, 
dann haben wir vielleicht Mittel, die locale Verbreitung zu verhindern oder 
zu beschränken, nicht aber die allgemeine. 

Hierauf schilderte Dr. Ovilo (Madrid), früheres Mitglied des Gesund- 
heitsrathes von Marokko, den Einfluss, den die Pilgerfahrten nach Mekka 
auf die Verbreitung der Cholera in Marokko ausüben 1 ). Indem er Marokko 
als ein Land darstellt, das eines der prädisponirtesten ist für die Entwicke¬ 
lung epidemischer Krankheiten und speciell der Cholera — für letztere mit 
Rücksicht auf die Pilgerfahrten und die schlechten Bedingungen, unter 
denen sie von den Bewohnern unternommen werden —, findet er die Mög¬ 
lichkeit einer Abhülfe vorerst in der Reform des Gesundheitsrathes (Conseil 
sanitaire). Dieser besteht bisher bloss aus Diplomaten, die nur in extremen 
Fällen Aerzte zu Rathe ziehen. Dies muss dahin geändert werden, dass 
den Aerzten Sitz und Stimme und genügende Vollmachten in diesem Rathe 
zugewiesen werden. Sodann aber dürfe man, so lange sich die hygienischen 
Zustände des Landes nicht gebessert haben werden, kein Schiff den Suez¬ 
canal passiren und in Marokko landen lassen, ohne bezüglich seines Gesund¬ 
heitszustandes die vollständige Sicherheit zu haben. 

Dr. Bradel (Sofia) lenkt die Aufmerksamkeit auf eine Sitte, die bei 
den Pilgerfahrten herrschend ist, dass nämlich die Kleider und Effecten 
der verstorbenen Pilger von den Ueberlebenden in die Heimath zurück- 
transportirt werden. Diese Gegenstände gelangen nun in einem höchst 
bedenklichen Zustande an und bieten ebenfalls eine grosse Gefahr, da sie 


*) Die Arbeit lag in Form einer Publication vor mit dem Titel: De Pinfluence des 
pelerinages marocaiues k l.i Meeque sur la propagation du Cholera, Madrid, 1882. 


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I. Section (Berichterstatter Dr. Soyka). 237 

von den Erkrankten herrühren und ohne irgend welche Vorsichternaass- 
regel transportirt werden. 

Schliesslich spricht Dr. Felix (Bukarest), Mitglied des Gesundheits- 
rathes, den Wunsch aus, es möge die wiederholt (in Wien und Turin) schon 
angeregte permanente internationale Seuchencommission mit rein wissen¬ 
schaftlichem Charakter ins Leben gerufen werden. 

An diese Verhandlungen knüpfte Dr. von Csataiy (Budapest) ein 
Exposö und einen Antrag 

Ueber die Nothwendigkeit einer internationalen hy¬ 
gienischen Convention, 

deren Programm jedoch ein zu allgemeines und weitgehendes war, mit 
etwas zu sanguinischen Voraussetzungen, als dass es auf energischere Unter¬ 
stützung hätte rechnen können. Ausserdem war ein analoges Thema für 
einen späteren Sitzungstag aufs Programm gesetzt. 

So blieb es denn in dieser Frage auch heuer, wie in früheren Jahren, 
hei frommen Wünschen. Eines Eindrucks konnte sich jedoch Referent nicht 
erwehren und glaubt demselben auch hier Ausdruck verleihen zu sollen, 
dass nämlich dem Erfolge gewisser sanitärer Vorkehrungen, wie Quaran¬ 
täne und Desinfection, etwas allzu grosses Vertrauen entgegengebracht 
wurde. Wenn wir bedenken, dass derartige Maassregeln — besonders die 
die Desinfection betreffenden — selbst in unseren Gegenden, wo es wahr¬ 
lich weder an Aerzten und sonstigen Hülfskräften und Ilülfsmitteln, noch 
auch* an gutem Willen mangelt, häufig grossem Misserfolge begegnen, 
wie muss man sich die Ausführung und Wirksamkeit in jenen Ländern 
denken, wo die Bedingungen für das Gelingen um so viel ungünstiger sind. 
Es sei damit nicht gesagt, dass in Folge dessen alle Maassregeln unterlassen 
werden können; aber vor jener Selbsttäuschung sei gewarnt, die darin, dass 
überhaupt etwas geschieht, auch schon die wirksame Abhülfe findet. 


Zweite Sitzung. 

Mittwoch, den 6. September. 

Der zweite Sitzungstag (resp. schon der Schluss des ersten) brachte die 
Verhandlungen über den Abdominaltyphus. 

Dr. Araould (Lille) leitet dieselben mit einem akademischen Vortrag l ) 

Ueber die Aetiologie und Prophylaxis des Abdomi¬ 
naltyphus 

ein, der in überaus gründlicher Weise sämmtlichen neueren Forschungen, 
besonders auch der deutschen Literatur gerecht zu werden suchte, und als 
dessen Resumö folgende vielleicht etwas zu weit ausholende Schlusssätze 
aufzufassen sind: 


*) Annales cPhygtene publique et de m£decine legale, Septembre 1882, S. 202. 


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230 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf. 

aber unzweckmässige Behandlung der Augenleiden. Redner ist mit dem 
Vorredner einig darüber, dass die Mehrzahl der Fälle von Blindheit durch 
richtige hygienische und ärztliche Maassregeln verhütet werden könnten. 

Die Volkszählung von 1876 ergiebt für Frankreich (mit Algier) die 
enorme Zahl von 31 631 Blinden, darunter circa 25 000 Unbemittelte. Nur 
2000 arme Blinde erhalten staatliche Unterstützung, und zwar durch Ver¬ 
mittelung des Hospice des Quinte-Vingts . Die anderen 23 000 fallen der 
Barmherzigkeit zur Last. In neuerer Zeit ist vom Staate allen von Blind¬ 
heit Betroffenen oder nur Bedrohten, resp. allen armen Augenkranken auf 
Veranlassung des Redners unentgeltlicher augenärztlicher Rath und Bei¬ 
stand in Paris in einem, dem genannten Blindenasyl anliegenden Gebäudo 
gesichert worden; so hat der Staat die. Prophylaxis der Blindheit wirklich 
zu organisiren begonnen. 

Für die zahlreichste Kategorie der Augenleidenden sind die eitrigen 
und überhaupt alle mit Absonderung einhergehenden Augenentzündungen 
der Hauptfeind, der bei der Prophylaxis der Erblindung zu bekämpfen ist. 
Die richtigen in diesem Kampfe zu gebrauchenden Mittel sollten unter den 
Aerzten viel allgemeiner bekannt sein, als leider heute noch der Fall. Wie 
viel Landärzte z. B. sind nicht fähig, die geschwollenen Augenlider kunst¬ 
gerecht umzukehren, was doch zur Behandlung der gewöhnlichsten Ent¬ 
zündungsformen die erste Bedingung ist! Und doch fallen die ungeheure 
Mehrzahl solcher Fälle in jedem Lande gerade den Nichtspecialisten in die 
Hände. 

(Dr. Fieuzal verbreitet sich des Näheren über die Modalitäten der 
Behandlung bei den verschiedenen Entzündungsformen; für diese rein me- 
dicinischen Einzelheiten sowie die statistischen Angaben verweisen wir auf 
das Original im demnächst in Genf erscheinenden Congressbericht.) 

Für die Bindehautentzündung der Neugeborenen nimmt Redner eine 
katarrhalische Ursache an und glaubt nicht an dielnfection durch vaginales 
Secret. Im September 1880 brachte das (officielle) Journal des Communes 
eine vomDirector der Quinze-Vingts veranlasste, aber nicht von Dr. Fieuzal 
herrührende Notiz über die Vorsichtsmaassregeln gegen Ophthalmoblennorrhoe, 
welche unter den Aerzten viel Polemik hervorrief, und wenigstens den Er¬ 
folg hatte, dass mehrere Augenärzte der praktischen Seite der Frage ihre 
Aufmerksamkeit zuwendeten. In Havre hat es Dr. Briäre durchgesetzt, 
dass Jeder, der beim Standesamte eine Geburt anzeigt, eine gedruckte An¬ 
leitung über die Gefahren der eitrigen Augenentzündung bekommt. Dr. Ter- 
son (Toulouse) hat vorgeschlagen, einen solchen Zettel in allen Standesämtern 
anzuschlagen und dem sogenannten Familienbüchlein beizulegen« Dr. Gale- 
zowski (Paris) wünscht, der mit Bestätigung der Geburten betraute Civil- 
standsarzt sollte verpflichtet sein, die Eltern gegen diese Krankheit, welche 
so oft durch Vernachlässigung oder Unwissenheit die schlimmsten Folgen 
nach sich zieht, zu warnen. Redner billigt diese Vorschläge, aber unter der 
Bedingung, dass die populäre Anleitung kurz sei und, eigentliche oculistische 
Einzelheiten vermeidend, nur die einfachsten und praktischsten Rathschläge 
enthalte, wozu vor Allem die desinficirenden Waschungen gehören. Redner 
würde ungefähr folgenden Zettel vom Civilstandsbeamten an die Eltern jedes 
Neugeborenen vertheilen lassen: 


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Allgemeine Sitzungen (Berichterstatter Dr. Haltenhoff). 231 

Den Eltern zur Warnung! Um den Gefahren der eitrigen 
Augenentzündung vorzubeugen, wasche man die Augen des Kindes mit 
einem reinen, in Carbolwasser (zu mit halbsoviel lauwarmem Was- 
8er) getauchten Läppchen aus; und zwar um so fleissiger, als die 
Augenlider selbst mehr verklebt sind, und als aus deren Inneren eine 
grössere Menge wässeriger oder eitriger Flüssigkeit herauskommt. 

Sind die Auglider geschwollen, so mache man, ausser diesen häu¬ 
figen Waschungen kalte und selbst mit Eis gekühlte Umschläge wäh¬ 
rend mehrerer Stunden täglich, und achte darauf, dass der Eiter nicht 
zwischen den Lidern aufgehalten werde. Zu diesem Behuf wird mau 
allstündlich die Lider auseinanderziehen und obige desinficirende 
Flüssigkeit, stets etwas lauwarm in die Augen träufeln. Carbolwasser 
1:250, Borsäure 5:100, benzoesaures Natron oder Thymol in gleicher 
Stärke wie letzteres, sowie jedes andere Desinficiens in gehöriger Ver¬ 
dünnung können in gleicher Weise gebraucht werden. 

N. B. Es ist jeder Hebamme üntersagt, irgend ein Augenwasser 
zu verschreiben. 

Der Civilstandsarzt könnte ausserdem beauftragt sein, im Falle von 
Augenentzündung eines Neugeborenen, den Eltern zu erklären, ob es ein 
gelinder oder schlimmer Fall, ob die Hülfe eines Arztes nöthig sei u. s. w. 
Redner wünscht, der Congress möge diese Maassregel unterstützen. 

Dr. Roth (London). Zwei Dritttheile der Erblindungen sind die Folge 
von Unwissenheit und Nachlässigkeit. Erstere muss also bekämpft werden, 
sowohl bei den Müttern, Lehrern und Arbeitern, ata schliesslich auch bei 
den Aerzten. Auoh die volkswirthschaftliche Seite der Blindheitsfrage hat 
ihre Wichtigkeit. Die 300000 Blinden in Europa kosten rund 100 Millionen 
Franken im Jahr. Zieht man davon l /$ Kinder und Greise ab, so reprä- 
sentiren die 200 000 übrigen Blinden einen Verlust an Productionskraft, 
den man ebenfalls auf 100 Millionen Franken veranschlagen kann. Nimmt 
man eine mittlere Lebensdauer von 33 Jahren an, so würden die 300 000 
europäischen Blinden während ihres ganzen Lebens einen Verlust von 
6600 Millionen Franken verursachen. Also müssen auch Leute, die sich 
weder für Hygiene noch Philanthropie, sondern nur für Staatswirthschaft 
und Politik interessiren, dem grossen Werke der Prophylaxis der Erblindung 
ihre Zuneigung nicht versagen. Dr. Roth dankt im Namen der Society for 
the prevention qf IMndness dem Organisationscomite des Congresses für die 
Aufnahme dieses Themas in die Verhandlungen. 

Nach Erledigung dieses Gegenstandes verliest Dr. Felix (Bukarest) 
im Aufträge des Preisgerichts für den vom Turiner Provinzial¬ 
rath gestifteten Preis, den Bericht über den Beschluss des Preisgerichts, 
welches sich während des Congresses vollzählig versammelte. Drei Arbeiten 

Ueber die Hygiene der Landbevölkerung 

sind eingegangen; nur eine entsprach den Erfordernissen der Preisaufgabe 
vollständig, und diese erhielt den Preis von 2500 Lire zuerkannt. Der 
Verfasser ist Dr. Lay et, Prof, der Hygiene an der medicinischen Facultät 
in Bordeaux. Dr. Felix bespricht im Namen des Preisgerichts das gekrönte 
Werk in sehr lobender Weise und Dr. Lay et, der anwesend ist, empfängt 
die Glückwünsche der ihn umgebenden Collegen. 


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232 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Gent. 

Hierauf liest Herr A. J. Martin (Paris), im Namen einer aus den 
Herren Briquet, Bourrit, Demaurex, Pagliani, Rapin, Vallin, van 
Overbeek de Meyer, Wasserfuhr und Martin bestehenden Comission, 
seinen sehr klar, elegant und bündig verfassten Bericht über die mit dem 
Congress verbundene internationale hygienische Ausstellung vor, 
in welchem auch der verunglückten Berliner Ausstellung einige warmen 
Worte des Bedauerns und der Hoffnung gewidmet sind. 

Dr. Boerner (Berlin) bemerkt, dass nach dem grossen Brandunglück 
der leitende Ausschuss der hygienischen Ausstellung in Berlin sofort Vor¬ 
bereitungen getroffen habe, um die Ausstellung im Frühling 1883 eröffnen 
zu können. Neue und solidere Gebäulichkeiten werden' errichtet, und 
wenn auch diese Ausstellung ein deutsches Werk sei, so solle sie doch ein 
internationales Monument der Gesundheitspflege werden, und daher seien 
alle Völker zur Mitwirkung und wohlwollenden Theilnahme eingeladen. 

Die ganze Versammlung beantwortet diese Erklärung mit lebhaftem 
Applaus, und der Sitzungspräsident giebt im Namen des Congresses dem 
allgemeinen Mitgefühl für das erlittene Unglück und der Bewunderung für 
das energische Vorgehen der Männer, welche das grosse Unternehmen den¬ 
noch zu Ende führen, gebührenden Ausdruck. 


Abstimmung über Vota der Sectioncn. 

Auf Vorschlag der Herren Koechlin, Schwarz und Pini hat die 
II. Section des Congresses beschlossen, der Generalversammlung ihr 

Votum zu Gunsten der faoultativen Leichenverbrennung 

zur Genehmigung zu unterbreiten. Die Versammlung beschliesst dies Votum 
zu unterstützen. Es lautet: „Der IV. internationale hygienische Congress 
in Genf, die Vota seiner Vorgänger bestätigend, verlangt von Neuem, dass 
die Regierungen in Anerkennung der freiheitlichen Grundsätze und der 
Vorschriften der Gesundheitspflege, die gesetzlichen Hindernisse abschaffen 
mögen, welche noch in gewissen Ländern der facultativen Leichenverbren¬ 
nung entgegenstehen. Zugleich macht der Congress die Regierungen auf 
den Vortheil der Leichenverbrennung im Falle heftiger Seuchen aufmerksam.“ 

Die Versammlung erklärt sich ebenfalls für Annahme des 

Votum über die Fälschung der Nahrungsmittel, 

welches ihr von der III. Section vorgeschlagen wird: „Nach der Mitthei¬ 
lung des Prof. Brouardel über Vergiftung durch täglich eingeführte kleine 
Dosen, in Anbetracht: dass die Fälschung der Nahrungsmittel die neuesten 
Entdeckungen der Chemie sich zu Nutzen macht und in eine wirklich 
wissenschaftliche Phase eingetreten ist und industriell durch grosse Capi¬ 
talien unterstützt wird; — dass die früheren Strafverfügungen gegen diese 
Fälschungen den gegenwärtigen Verhältnissen nicht mehr entsprechen und 
ziemlich illusorisch sind; — dass die verschiedenen Nationen ein ganz 
gleiches Interesse am Schutze gegen die Fälschungen besitzen, und die 


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Allgemeine Sitzungen (Berichterstatter Dr. Haltenhoff). 233 

Gefahr vorliegt, dass der Zustand der Gesetzgebungen diesen Gewerben 
erlaubt, von einem Lande ins andere zu flüchten; — wird beschlossen, dasB 
diese Frage von Neuem auf die Tagesordnung des nächsten Congresses 
gesetzt werde, und dass die Vertreter der verschiedenen Nationen den Text 
der bei denselben gültigen Gesetze mitbringen sollen, damit der Congress 
untersuchen könne, welche internationale Maassregeln gegen diese inter¬ 
nationale Gefahr zu ergreifen seien.“ 

Die von Dr. Armaingaud angeregten und von der II. Section ein¬ 
stimmig angenommenen 

Vorschläge, betreffend die Seesanatorien für scrophu- 
löse und rachitische Kinder 

lauten wie folgt: 

1. Der internationale hygienische Congress, in Erwägung, dass die See¬ 
sanatorien für scrophulöse und rachitische Kinder sowohl in prophylak¬ 
tischer als therapeutischer Hinsicht bereits sehr grosse Dienste geleistet, 
ladet die verschiedenen Staaten und die Krankenpflege¬ 
behörden ein, dieZahl derartiger Anstalten zu vermehren 
und deren Schöpfung durch alle ihnen zustehenden Mittel 
zu begünstigen. 

2. Damit der Congress in dieser Frage eine dauernde Wirksamkeit ent¬ 
falte, wird dieselbe auf die Tagesordnung des folgenden Congresses 
gesetzt. Ausserdem ernennt der jetzige Congress einen Berichterstatter, 
welcher beauftragt wird, in den zwei Jahren bis zum nächsten Congress 
mit den dirigirenden Aerzten aller bis jetzt in Europa bestehenden See¬ 
sanatorien in Verbindung zu treten und, auf Grund des so gewonnenen 
statistischen Materials, die Erfolge jeder dieser Anstalten zusammen¬ 
zustellen, resp. dem folgenden Congress eine übersichtliche Arbeit über 
obiges Material vorzulegen.“ 

Die Vorschläge werden vom Congresse genehmigt, mit dem von 
Dr.. Lubelski vorgeschlagenen Zusatze: „dass die in gewissen Ländern 
inmitten balsamischer Waldungen eingerichteten Sanatorien für kranke 
Kinder in obigem Votum miteinbegriffen seien“. Als Berichterstatter in 
dieser Frage wird Dr. Armaingaud gewählt. 


Wahl des nächsten Versammlungsortes. 

Herr Päcchiotti erinnert, dass am Turiner Congress eine holländische 
Stadt vorgeschlagen und gegen dieses Land eine Art Verpflichtung einge¬ 
gangen worden sei, als man für die Versammlung des Jahres 1882 die 
Stadt Genf wählte. — Die Versammlung stimmt dem Wunsche bei, den 
nächsten Congress in Holland abzuhalten. 

Herr v. Overbeek de Meyer theilt mit, dass er auf Anregung des 
Comites nach Haag telegraphirt habe, dass in Abwesenheit des Städtischen 
Raths keine offlcielle, jedoch eine sehr ermuthigende offlciöse Antwort 
erfolgt sei, so dass Redner die Mitglieder des Congresses für 1884 nach 
dem Haag einladet. 


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234 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf. 


I. Section. 

Allgemeine, internationale nnd öffentliche Hygiene. 

Berichterstatter: Dr. J. Soyka (München). 


Erste Sitzung. 

Dienstag, den 5. September. 

Vorsitzender: Dr. Revilliod (Genf). 

Die Verhandlungen dieser. Section begannen mit der Erörterung der 
gewiss zeitgemässen und höchst bedeutsamen Frage nach der Verbreitung 
der Cholera, insbesondere mit Rücksicht auf eine eventuelle Verschleppung 
nach Europa. Durch den in jenem Momente noch währenden englisch-egyp- 
tischen Krieg und den hierdurch veranlassten Transport indischer Truppen 
nach Egypten war die Gefahr einer Einschleppung der Cholera nach Egyp¬ 
ten und von da nach Europa näher gerückt, und forderten auch die heuer 
auf den 23. October fallenden Feste zu Mekka, zu denen die muhameda- 
nischen Pilger in überaus grosser Menge aus allen Weltgegenden wallfahren, 
zu VorsichtBmaasBregeln auf. 

Dr. A. Proust aus Paris, Mitglied des öffentlichen Gesundheitscolle- 
giums von Frankreich, der als Referent über die Frage: 

Der Einfluss des Mekkapilgerzuges auf die Verbrei¬ 
tung der Cholera in Europa und im Besonderen 
die Choleraepidemie von 1881 

fungirte, resumirt seine Schlussfolgerungen in folgenden Sätzen: 

1. Der nach Mekka stattfindende Pilgerzug hat einen offenbaren Einfluss 
auf die Verbreitung der Cholera in Europa. 

2. Die Cholera entsteht nicht spontan im Hedjaz, und hat daselbst nicht 
ihren ursprünglichen Sitz. Die Reisenden Niebubr und Burkhardt, 
welche Arabien vpr dem 1831 erfolgten Einzuge der Cholera besuchten, 
beschreiben die dort gewöhnlich herrschenden Krankheiten, ohne die 
Existenz der Cholera zu erwähnen. Wenn das Hedjaz keinen ursprüng¬ 
lichen Heerd darstellt und die Cholera sich dort uur als eingesohleppte 
Krankheit zeigt, so bildet hingegen Mekka einen äusserst günstigen 
Boden für die Verstärkung, Verbreitung und Ausbreitung der Seuche. 

3. Die Gefahr der Einschleppung ist heut zu Tage viel beträchtlicher, seit¬ 
dem die Segelboote durch Dampfschiffe ersetzt worden sind. Die gegen 
neue Einfalle der Cholera in Europa zu ergreifenden Maassregeln wurden 
von der Conferenz zu Constantinopel angegeben und von der Wiener 
Conferenz gebilligt. Sie bezwecken den Schutz Europas vor Einschlep¬ 
pung der Seuche durch die Schifffahrt. 


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235 


I. Section (Berichterstatter Dr. Soyka). 

EinTheil dieser Maassregeln geht der Abfahrt der Pilger voran und 
besteht hauptsächlich in der Anwendung des „Native passenger Act u in 
Indien: im Augenblicke der Abfahrt findet eine Inspection statt, um 
sicher zu sein, dass an Bord weder Ueberfüllung herrscht, noch Cholera¬ 
kranke sich befinden. Die Verproviantirung mit Wasser und Lebens¬ 
mitteln muss für die Ueberfahrt genügend sein und jeder Eingeschiffte 
muss eine genügende Summe besitzen, um seine Bedürfnisse während 
der Pilgerreise zu bestreiten. 

4. Wenn trotz aller vor der Abreise ergriffenen Vorsichtsmaassregeln und 
der in Mekka angeordneten hygienischen Vorschriften die Cholera da¬ 
selbst doch ausbricht, so muss im Rothen Meer ein ganzes System von 
Ueberwachung8- und Vertheidigungsmitteln organisirt werden, haupt¬ 
sächlich um Egypten zu schützen, welches man als Wall gegen die Ein¬ 
schleppung der Cholera in Europa betrachten kann. Der Verkehr Egyp¬ 
tens mit allen mediterranen Staaten ist dermaassen entwickelt, dass der 
Durchseuchung dieses Landes die Einschleppung im ganzen Mittelmeer¬ 
becken auf dem Fusse folgen würde, wie es 1865 geschah. 

5. Die Maassregeln brauchen nicht für alle im Rothen Meere segelnden 
Schiffe die gleichen zu sein, man muss einen sehr bedeutenden Unterschied 
machen zwischen den grossen indischen PoBtdampfern, welche unter aus¬ 
gezeichneten hygienischen Verhältnissen, mit einem amtlich angestellten 
Arzte an Bord, in Suez anlangen, und den in ganz entgegengesetzten 
Verhältnissen befindlichen Pilgerschiffen. Besagte Maassregeln könnten 
also nur jenen Schiffen nachtheilig sein, welche die unglücklichen Pilger 
von Djeddah bis Suez bringen und dabei meist auf unredliche Weise 
ausbeuten. 

6. Seit der Epidemie von 1865 haben dieselben drei praktische Proben 
bestanden, welche jedesmal von Erfolg gekrönt waren, nämlich 1872, 
1877 und 1881. Die Cholera zeigte sich Anfangs August 1881 in Aden. Von 
Ende September an wüthete sie in Mekka, wo sie durch die Pilger von 
demselben Schiffe, welches die Seuche nach Aden gebracht, eingeschleppt 
worden war. Zuerst waren in Mekka nur einzelne Cholerafälle; als aber 
die Pilger bei den Festen versammelt waren, nahm die Seuche eine 
beträchtliche Entwickelung. Nach einigem Zögern der egyptischen Re¬ 
gierung wurde zu El Ouedj eine Quarantäne angeordnet; Ende November 
war das Lager fertiggestellt, mehrere ankommenden Pilgerzüge brachten 
die Cholera dahin, und die Seuche erlosch erst nach ungefähr einem 
Monat. Die Pilger durften erst dann nach ihrer Heimath zurückreisen 
und in den Häfen, wo sie landeten, wurde kein Cholerafall beobachtet. 
So wurde durch die vom internationalen Gesuudheitsrath in Alexandria 
angeordneten Maassregeln der Fortschritt der Seuche gehemmt und 
Europa blieb von der Cholera verschont. 

7. Es liegt also im Interesse Europas an dem im Rothen Meer eingerichteten 
Vertheidigungssystem fest zu halten und darauf zu dringen, dass die 
Quarantäne bei Rückkehr der Pilger aus Mekka in dem von Suez 350 Mei¬ 
len entfernten El Ouedj stattfinde. Dem internationalen Gesundheitsrath 
zu Alexandria, welcher aus Delegirten der verschiedenen europäischen 
Staaten besteht und dessen Beschlüsse denen einer von so schweren und 
häufigen Krisen betroffenen und gegenwärtig von Kriegsobersten be¬ 
herrschten Regierung weitaus überlegen sind, muss von Europa die 
nöthige Autorität gesichert werden. 

Hieran knüpft Dr. Fauvel (Paris), Generalinspector des Sanitätsdienstes, 
seine Befürchtungen an, die dahin gehen, dass durch die jetzigen Ereignisse 
und durch das Bestreben der Engländer, die ihren Operationen so lästige 


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236 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf. 

Quarantäne zu beseitigen, die Gefahr einer Einschleppung nach Europa eine 
eminente geworden sei. In Egypten sei der Schlüssel, der einer Invasion 
Europas durch die Cholera Thür und Thor öffne, und wie dies die früheren 
Jahre, besonders noch das Jahr 1865 gezeigt haben, während seither, in Folge 
der eingeführten sanitären Maassnahmen, Egypten verschont geblieben sei. 
In den nun in Egypten herrschenden Zuständen und besonders in dem 
Transport indischer Truppen nach Egypten sieht Fauvel eine grosse Ge¬ 
fahr, der nur durch gewisse Vorsichtsmaassregeln begegnet werden kann, 
die der Vortragende bereits im Juli Namens der französischen Regierung 
dem Foreign Office vorgeschlagen, und die darin bestehen, dass kein 
Cholerakranke am Bord führendes Schiff ins Rothe Meer eintreten dürfe. 
Um dies zu erreichen, seien zwei Bedingungen zu erfüllen: 1) Es werden 
alle Schiffe aus Indien, die Soldaten transportiren, einer strengen ärztlichen 
Inspection und im Falle von constatirter Cholera einer Quarantäne in Aden 
unterworfen; 2) bevor den Schiffen, die als cholerafrei ins Rothe Meer ein- 
fahren dürfen, freies Patent gewährt wird, müssen sie sich einer erneuten 
strengen Inspection am Landungshafen unterwerfen, und werden, wenn sich 
jetzt noch Cholera zeigt, nach Djebel-Terr zurückgeschickt. Hierin erblickt 
Fauvel ein wirksames Schutzmittel; sollte Egypten trotz der Durchführung 
der hier vorgeschlagenen Quarantäne Yon Cholera heimgesucht werden, dann 
würde dies nicht etwa desshalb erfolgen, weil diese Maassregeln keinen 
hinreichenden Schutz gewähren, sondern weil sie nicht in exacter Weise 
durchgeführt wurden. Ist einmal die Cholera in Europa eingeschleppt, 
dann haben wir vielleicht Mittel, die locale Verbreitung zu verhindern oder 
zu beschränken, nicht aber die allgemeine. 

Hierauf schilderte Dr. Ovilo (Madrid), früheres Mitglied des Gesund- 
heitsrathes von Marokko, den Einfluss, den die Pilgerfahrten nach Mekka 
auf die Verbreitung der Cholera in Marokko ausüben 1 ). Indem er Marokko 
als ein Land darstellt, das eines der prädisponirtesten ist für die Entwicke¬ 
lung epidemischer Krankheiten und speciell der Cholera — für letztere mit 
Rücksicht auf die Pilgerfahrten und die schlechten Bedingungen, unter 
denen sie von den Bewohnern unternommen werden —, findet er die Mög¬ 
lichkeit einer Abhülfe vorerst in der Reform des Gesundheitsrathes (Conseil 
sanitaire). Dieser besteht bisher bloss aus Diplomaten, die nur in extremen 
Fällen Aerzte zu Rathe ziehen. Dies muss dahin geändert werden, dass 
den Aerzten Sitz und Stimme und genügende Vollmachten in diesem Rathe 
zugewiesen werden. Sodann aber dürfe man, so lange sich die hygienischen 
Zustände des Landes nicht gebessert haben werden, kein Schiff den Suez¬ 
canal passiren und in Marokko landen lassen, ohne bezüglich seines Gesund¬ 
heitszustandes die vollständige Sicherheit zu haben. 

Dr. Bradel (Sofia) lenkt die Aufmerksamkeit auf eine Sitte, die bei 
den Pilgerfahrten herrschend ist, dass nämlich die Kleider und Effecten 
der verstorbenen Pilger von den Ueberlebenden in die Heimath zurück- 
transportirt werden. Diese Gegenstände gelangen nun in einem höchst 
bedenklichen Zustande an und bieten ebenfalls eine grosse Gefahr, da sie 


*) Die Arbeit lag in Form einer Publication vor mit dem Titel: De l'influence des 
pelcrinages marocaines a la Mecque sur la propagation du Cholera, Madrid, 1882. 


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I. Section (Berichterstatter Dr. Soyka). 237 

von den Erkrankten herrühren und ohne irgend welche Vorsichtsinaass- 
regel transportirt werden. 

Schliesslich spricht Dr. Felix (Bukarest), Mitglied des Gesundheits- 
rathes, den Wunsch aus, es möge die wiederholt (in Wien und Turin) schon 
angeregte permanente internationale Seuchencommission mit rein wissen¬ 
schaftlichem Charakter ins Leben gerufen werden. 

An diese Verhandlungen knüpfte Dr. von Csatary (Budapest) ein 
Exposä und einen Antrag 

Ueber die Nothwendigkeit einer internationalen hy¬ 
gienischen Convention, 

deren Programm jedoch ein zu allgemeines und weitgehendes war, mit 
etwas zu sanguinischen Voraussetzungen, als dass es auf energischere Unter¬ 
stützung hätte rechnen können. Ausserdem war ein analoges Thema für 
einen späteren Sitzungstag aufs Programm gesetzt. 

So blieb es denn in dieser Frage auch heuer, wie in früheren Jahren, 
bei frommen Wünschen. Eines Eindrucks konnte sich jedoch Referent nicht 
erwehren und glaubt demselben auch hier Ausdruck verleihen zu sollen, 
dass nämlich dem Erfolge gewisser sanitärer Vorkehrungen, wie Quaran¬ 
täne und Desinfection, etwas allzu grosses Vertrauen entgegengebracht 
wurde. Wenn wir bedenken, dass derartige Maassregeln — besonders die 
die Desinfection betreffenden — selbst in unseren Gegenden, wo es wahr¬ 
lich weder an Aerzten und sonstigen Hülfskräften und Ilülfsmitteln, noch 
auch* an gutem Willen mangelt, häufig grossem Misserfolge begegnen, 
wie muss man sich die Ausführung und Wirksamkeit in jenen Ländern 
denken, wo die Bedingungen für das Gelingen um so viel ungünstiger sind. 
Es sei damit nicht gesagt, dass in Folge dessen alle Maassregeln unterlassen 
werden können; aber vor jener Selbsttäuschung sei gewarnt, die darin, dass 
überhaupt etwas geschieht, auch schon die wirksame Ahhülfe findet. 


Zweite Sitzung. 

Mittwoch, den 6. September. 

Der zweite Sitzungstag (resp. schon der Schluss des ersten) brachte die 
Verhandlungen über den Abdominaltyphus. 

Dr. Araould (Lille) leitet dieselben mit einem akademischen Vortrag*) 

Ueber die Aetiologie und Prophylaxis des Abdomi- 
naltyphus 

ein, der in überaus gründlicher Weise sämmtlichen neueren Forschungen, 
besonders auch der deutschen Literatur gerecht zu werden suchte, und alB 
dessen Resume folgende vielleicht etwas zu weit ausholende Schlusssätze 
aufzufassen sind: 

J ) Annalen d’hygtene publiqne et de m£decine legale, Septembre 1882, S. 202. 


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238 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf. 

A. Aetiologie. 

1. Wesen der Krankheit. Nach Auftreten und Verlauf gehört der 
Typhus zu den specifischen Erkrankungen, von denen eine Zahl nach¬ 
gewiesener Maa88en parasitärer Art ist. Als solche entsteht der Typhus 
niemals von selbst, noch durch gewöhnliche ^irkung der äusseren Agentien. 
Man ist logisch berechtigt ihn zu den parasitären Krankheiten zu rechnen, 
jedoch ist dies gegenwärtig noch nicht als vollständig erwiesene Thatsache 
hinzustellen, theils wegen der abweichenden Meinungen der Forscher 
über den Typhus der vermeintlichen Typhusparasiten, theils wegen der 
Unsicherheit der durch Ueberimpfung auf Thiere erhaltenen klinischen 
Resultate, besonders aber wegen der bei den Aerzten herrschenden wohl¬ 
berechtigten Zweifel über die Fähigkeit der Thiere am menschlichen 
Typhus zu erkranken. 

2. Natürliche Medien. Die für Aufbewahrung und eventuell Erzeugung 
des Typhusgiftes in Betracht kommenden Medien sind: 

a. Der Boden, unter gewissen Bedingungen der Beschaffenheit, Durch- 

✓ feuchtung und infectiösen Sättigung, doch eher dessen Oberfläche 

als dessen Tiefe, sodass der Boden durch irgend einen anderen 
Infeotionsträger ersetzt werden kann und nicht als nothwendige 
Uebergang88tation des krankheiterregenden Agens erscheint; 

b. Das Wasser, jedoch wahrscheinlich während kurzer Zeit und 
unter der Voraussetzung eines gewissen Grades organischer Ver¬ 
unreinigung; 

c. Die Luft, dies wird durch die Fälle von directer Uebertragung 
bewiesen und kann auch mittelbar aus der Thatsache geschlossen 
werden, dass Strassenluft mehr Keime (Mikroben) als Feldluft, 
Wohnungsluft deren mehr als Strassenluft enthält. Doch werden 
die vom Kranken im feuchten Zustand ausgeworfenen Krankheits- 
producte des Thyphus erst dann für die Luft vollkommen infectiös, 
wenn sie Zeit gehabt haben zu vertrocknen und pulverig zu werden. 
Denn die Luft wirkt specifisch Krankheit erregend nur als Trägerin 
bestimmter infectiöser Keime, und nicht durch die ihr möglicher¬ 
weise beigemengten Ausdünstungen, wie Gase, Dämpfe, Gerüche, 
selbst wenn dieselben von Abtritten oder Abzugscanälen herrühren. 

d. Der Mensch und die von ihm gebrauchten Gegenstände, 
wenigstens als indifferente Oberflächen und Sammelplätze für die 
Krankheitskeime dienend, wie dies für die Keime der Variola und 
anderer specifischen Krankheiten bekannt ist. Ausserdem lässt 
sich nach dem Verlaufe vieler, mit gastrischen Störungen und 
Durchfällen beginnenden Epidemieen, dem entschiedenen Einfluss der 
gewöhnlichsten äussereren Umstände auf den Ausbruch gewisser 
Typhusfalle, den zeitlich und räumlich von jedem Typhusheerde 
entfernt und ohne nachweisliche Einschleppung entstehenden Epi¬ 
demieen, mit Wahrscheinlichkeit annehmen, dass der Mensch selbst 
in seinen Verdauungs- oder Athmungswegen das Typhusgift in 
latentem Zustande verschleppen kann, ohue unmittelbare Entwicke¬ 
lung, doch mit Bewahrung der Fähigkeit desselben, nach geraumer 

* Zeit, unter dem Einfluss deprimirender Bedingungen sich zu ver¬ 
mehren und weiter zu verbreiten. 

e. Die Nahrungsmittel, als eventuelle Träger der Keime, jedoch 
ohne dass genügende Beweise vorlägen, dass die Keime innerhalb 
derselben sich vermehren können. Dieser Weg der Uebertragung 
ist nur für die Milch erwiesen, welche in dem Falle dieselbe Rolle 
wie das Wasser spielt und vielleicht nur durch ihren Wassergehalt 
dazu befähigt ist 


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I. Section (Berichterstatter Dr. Soyka). 239 

Das Wesen der dem Genuss verdorbenen Fleisches zugeschrie¬ 
benen Typhusepidemieen bleibt streitig. 

3. Empfänglichkeit. Für Abdominaltyphus besteht eine complexe und 
positive Empfänglichkeit, nicht eine einfache und negative, wie für Variola. 
Die Bedingungen derselben sind: 

1) Noch nicht von Typhus befallen gewesen zu sein; 

2) Das Alter von 16 bis 40 Jahren (die grösste Häufigkeit fallt auf 20 
bis 25 Jahre) doch ohne absoluten Ausschluss niederen oder höheren 
Alters; 

3) Mangelnde Angewöhnung an typhogene Verhältnisse; 

4) Der Einfluss der Verunreinigung von Luft, Boden und Wasser, wie 
sie durch die gewöhnlichen Verhältnisse der Menschenansammlungen 
hervorgebracht wird: fauliger Boden und dessen Ausdünstungen, 
durch Cloakenstoffe verunreinigtes Trinkwasser, durch thierische 
Producte septisch gewordene Luft, in Folge des Zusammenlebens, 
der Anhäufung, des Einströmens von Fäcalgasen in die Wohnungen, 
der inneren und äusseren Unreinlichkeit der Häuser; 

6) Anstrengungen, Ausschweifungen, deprimirende Gemüthsaffecte; 

6) Genuss fauliger Nahrungsstoffe. 

Die drei zuletzt angeführten Rubriken lassen sich unter dem 
Titel der „depressiven Bedingungen“ zusammenfassen. Die unter 
4) genannten sind so wichtig, dass man in ihnen eine specielle 
Anpassung erkennen muss. Sie scheinen sogar zuweilen die Wir¬ 
kung des typhuserregenden Agens zu übertreffen, so dass manche 
Epidemiologen sie in der Aetiologie einfach an Stelle des letzte¬ 
ren setzen. 

4. Epidemisches Vorkommen. Gegenwärtig scheint der Abdominal- 
typhus die früheren Volkskrankheiten, Pest, Flecktyphus, etc., verdrängt 
zu haben. Er herrscht in allen Schichten der Bevölkerung, auf dem 
Lande wie in den Städten, an den verschiedenartigsten Orten, bei allen 
Menschenrassen. Geographisch kommt er überall vor. Die civilisirte 
Menschheit durchlebt eben eine Periode von Oberherrschaft des Abdo¬ 
minaltyphus: eine ohne Dazwischentreten des sogenannten „genius epide- 
micus“ wohl erklärliche Thatsache. 

B. Prophylaxis. 

5. Die Prophylaxis des Abdominaltyphus soll stattfinden: 

1) Vor den Epidemieen. Sie betrifft: 

a. Die das Typhusgift bergenden Medien. Schutz des Bodens 
bewohnter Orte gegen voraussichtliches Eindringen des Giftes, 
durch allgemeines Reinhalten der Strassen, Aufhebung aller Fäcal- 
stoffbehälter innerhalb des Hauses, Drainirung des Bodens, so¬ 
fortige Entfernung der Auswurfstoffe. — Versorgung der länd¬ 
lichen oder städtischen Ortschaften mit weit hergeleitetem 
Quellwasser, wobei die Leitung das Wasser auf seinem ganzen 
Verlauf gegen jede Verunreinigung schützen muss. — Beim Bau 
der Häuser, namentlich der Collectiv-Wohnungen, ist auf Schutz 
derselben vor stagnirendem Luftstaube, auf Sicherung totaler 
Lufterneuerung zu achten. 

b. Die Bedingungen der Empfänglichkeit. Gegen 1) und 2) 
(siehe oben) vermögen wir nichts; was 3) betrifft, darf die Accli- 
matisirung an Typhusmiasmen nicht versucht werden. Gegen 
die anderen Bedingungen bieten sich alle Hülfsmittel der allge¬ 
meinen Gesundheitspflege dar. Besonders finden dieselben auf 
die militärischen und gewerblichen Menschenanhäufungen An- 


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240 Vierter internationaler Congres^fiir Gesundheitspflege zu Genf. 

Wendung, können jedoch ihren ganzen Nutzen nur in den Händen 
einer ärztlichen Leitung der öffentlichen Gesundheispflege 
entfalten (beim Militär vertritt diese die ärztliche Leitung des 
Heeressanitätswesens). Man soll nicht vergessen, dass heutigen 
Tages das Typhusgift und die Typhusempfänglichkeit fast überall 
bestehen, diese Seuche erfordert also grossartige Leistungen der 
öffentlichen Hygiene. 

2) Während der Epidemieen. Diese Prophylaxis betrifft: 

c. Das Typhusgift. Man behandle es wie einen wirklichen Pa¬ 
rasiten, überall wo dasselbe vermuthet wird. Allgemeine und 
specielle Desinficirungs-Maassregeln. 

d. Den Menschen. Die Isolirung der Erkrankten ist nicht streng 
indicirt, wäre aber sicherer als der freie Verkehr. — Entfernung 
der unzweifelhaft empfänglichen Individuen. — Evacuirong der 
Typhusheerde. — Schonung und Unterstützung der aus solchen 
Heerden gekommenen Individuen. 

Die an den Vortrag sich anschliessende Discussion hebt nur einzelne 
Punkte hervor, die von den Rednern eine schärfere Belenchtung erfuhren, 
ohne an den Thesen selbst welche Aenderungen vorzuschlagen. 

Dr. Cerenville (Lausanne), Oberarzt des Cantonspitals, weist auf die 
Coi’ncidenzen hin, die bei den Typhusepideraieen in Lausanne mit grossen 
Erdarbeiten stattfanden, ferner auf die localen Ausbreitungen entlang einer 
in sehr schlechtem Zustande befindlichen natürlichen Cloake und das zeit¬ 
liche Zusammenfällen mit einer zufälligen Wasser Verunreinigung. 

Dr. Proust (Paris) schlägt zu einer gründlichen einheitlichen Erfor¬ 
schung des Typhus ein Untersuchungsprogramm vor, das folgendermaassen 
lautet: 

So oft in einem Ort ein Fall von Abdominaltyphus sich ereignet, sollen 
folgende Fragen gestellt und beantwortet werden: 

1. Haben sich schon früher an diesem Orte oder in der Umgebung Typhus¬ 
falle ereignet? 

Zu welcher Zeit und wie viele? 

Es ist die Zeit des letzten Falles zu präcisiren. 

Im Falle der Uebertragung soll der Ort der Uebertragung festgestellt 
werden (Excremente oder durch dieselben beschmutzte Wäsche, Gebrauchs¬ 
gegenstände, Betten, Uebertragung von Kranken auf Kranke etc.); hat 
Abdominaltyphus früher weder am Orte noch in der Umgebung bestan¬ 
den, so ist zu untersuchen, ob der erste Kranke aus einem Lande oder 
Reiche kommt, wo der Abdominaltyphus herrschend ist, oder ob er in 
Beziehung staud mit einem daher kommenden Individuum. 

2. Diese beiden Fragen müssen negativ beantwortet sein, bevor der Schluss 
gestattet ist, dass der Abdominaltyphus spontan entstanden ist. 

Es muss sodann der Zustand der Oertlichkeit, des Wassers und des 
Individuums selbst festgestellt werden. 

A. Untersuchung des Locals. 

Beschaffenheit des Terrains. 

System der Gruben etc. Ist eine Infiltration möglich? Oder sind 
die Gruben verstopft? Werden die Abfälle in einen Bach oder Canal 
geleitet? Zustand der Bäche, Flüsse, der Siele, der stehenden Wasser, 
Pfützen? Bestehen Anhäufungen von Unratb, von Fäulnissstoffen? 

B. Untersuchung des Wassers. 

Welches ist der Ursprung des Trinkwassers (Brunnen, Cisternen)? 
Wie ist das Wasser beschaffen? Könnte es durch Infiltration von Seite der 


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241 


I. Section (Berichterstatter Dr. Soyka). 

Abtrittsgruben verunreinigt worden sein? In letzterem Falle ist genau 
zu entscheiden', ob in die Abtrittsgrube seit längerer oder kürzerer 
Zeit Stoffe gelangt seien, die von einem Typhuskranken herrühren. 

C. Untersuchung des Individuums. 

Besteht eine Anhäufung? Ueberfüllung? 

Gingen excessive physische Ermüdungen oder niederdrückende 
moralische Bewegungen vorher? 

Ist eine Aenderung in Gewohnheiten, in der Lebensweise eingetreten? 

Endlich, waren besondere ErnährungsVerhältnisse vorhanden; sei es 
Mangel, sei es Aufnahme verdorbener thierischer Nahrungsmittel? 

Sind diese verschiedenen in der Localität, im Wasser, im Individuum 
gelegenen Bedingungen neu oder bestanden sie bereits seit längerer 
oder kürzerer Zeit? Können sie als Ursachen der Krankheitsentwicke¬ 
lung angesehen werden? 

Dr. Soyka (München) geht auf einige Ein wände ein, die Arnould 
der allgemeinen Gültigkeit der Buhl-Pettenkofer’schen Grundwasser- 
theorie gemacht. Er zeigt an der Hand einer Tafel, dass die Colncidenz 
zwischen den Schwankungen des Grundwasserstandes und der Typhusfre¬ 
quenz in München sich auch bis in die neueste Zeit, 1882, verfolgen lassen, dass 
ferner auch in anderen Städten wie Berlin, Wien, Clermond-Ferrand, Paris 
(1876) diese Thatsachen bestätigt wurden. Er bespricht ferner den Einfluss 
des Untergrundes an der Hand eines geologischen Profils Münchens, und 
geht auch auf die Erklärung der scheinbar vom Boden resp. Grundwasser 
unabhängigen Haus- resp. Zimmerepidemieen ein. Mit Rücksicht auf den 
Vorschlag vonProuBt macht er auf den seinerzeit auf der III.Versammlung 
des Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege von Pettenkofer 
und Port für Militärärzte, später von Kerschensteiner l ) für allgemeinere 
Verhältnisse ausgearbeiteten Plan zur Untersuchung des Typhus aufmerksam. 

Nachdem Duplessis (Paris) noch auf die Colncidenz eines Pferdetyphus 
mit Abdominaltyphus bei der Mannschaft hingewiesen, beantwortet Arnould 
kurz die erhobenen Einwände und Bemerkungen, seinen früher hervorgehobe¬ 
nen Standpunkt festhaltend. 

Zum Schlüsse theilt noch Dr. Landowski (Algier) seine Erfahrungen 
mit, nach denen bei Ausgrabungen im Boden sehr häufig Infectionskrank- 
heiten auftreten, ohne dass er annehmen könne, dass ein specifischer Infec- 
tionskeim im Boden vorhanden gewesen wäre. 


*) Aerztliches Intelligenzblatt (München) 1878, Nr. 38. x 

Das allgemeine Schema dieses „Untersuchungsplanes zum Studium des ört¬ 
lichen und zeitlichen Vorkommens von Typhusepidemieen* lautet: 

1. Statistik mittelst Anwendung von Zählblättchen; 

2. Gegend- und Ortsbeschreibung unter Benutzung von Ortsplänen. Geschicht¬ 
liche Notizen über das Vorkommen von Typhus oder verwandten Krankheiten; 

3. Bodenbeschreibung in geognostischer und physikalischer Hinsicht; 

4. Hausbeschreibung mit besonderer Berücksichtigung der Vorrichtungen für Auf¬ 
nahme sämmtlicher Abfallstoffe; 

5. Wasserbeschreibung; Grundwasserbestimmung, Untersuchung, wo möglich fort¬ 
laufende, von Trink- und Nutzwasser; 

6. Verkehr. 


Vtartetyahruoluift für Gesundheitspflege, 1883. 


16 


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242 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf. 


Dritte Sitzung. 

Freitag, den 8. September. 

Auch auf dem Genfer Congress (wie in der letzten Versammlung des 
Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege zu Wien im Jahre 1881) 
war eine Sitzung dem 

Alkoholismus 

und den Mitteln, ihn zu verhüten resp. einzuschränken, gewidmet. 

Dr. Roulet (Regierungsrath in Neuenburg), der als Referent in dieser 
Frage fungirte, entwickelte in seinem Referate jene Anschauungen, die in 
einer Abhandlung: „Ueber den Alkoholismus in der Schweiz u niedergelegt 
waren, welche er im September 1881 in Gemeinschaft mit Staatsrath Co\n- 
tesse der schweizerischen gemeinnützigen Gesellschaft vorgelegt hatte. 

Die Schlussfolgerungen, zu denen er gelangt war, lauten: 

1. Der Missbrauch des Aethylalkohols, sowie der selbst mässige Gebrauch 
höherer Alkohole der monoatomischen Reihe, besonders des Amylalkohols, 
erzeugt eine acute oder chronische Vergiftung, eine unter dem Namen 
Alkoholismus bekannte Krankheit. 

Die individuellen und socialen Wirkungen des Alkoholismus sind 
wohl bekannt; es wäre jedoch erwünscht, durch eine genaue und gleich- 
massige Statistik in den verschiedenen Culturländern folgende Punkte 
festzu stellen: 

a. Die alljährlich in jedem Lande verbrauchte Menge eines jeden ge¬ 
goltenen oder destillirten alkoholischen Getränkes. 

b. Die Qualität dieser verschiedenen Getränke betreffs ihres Alkohol¬ 
gehaltes, das heisst die Verhältnisse ihres Gehaltes an Aethylalkohol 
und an höheren Alkoholen der monoatomischen Reihe. 

c. Die jährliche Statistik der dem Alkoholismus und den durch ihn 
erzeugten verschiedenen Specialkrankheiten zugeschriebenen Todes¬ 
fälle. 

d. Die jährliche Statistik der durch Alkoholismus verursachten Fälle 
von Geisteskrankheiten. 

e. Die jährliche Statistik der Verbrechen und Vergehen, welche durch 
die unter dem Einfluss der acuten oder chronischen Alkoholvergif¬ 
tung befindlichen Individuen begangen werden. 

f. Die jährliche Statistik der Fälle von Befreiung vom Militärdienst, 
welche dem Alkoholismus zuzuschreiben sind, sei es dass derselbe 
auf den Dienstpflichtigen unmittelbar oder mittelbar durch erblichen 
Einfluss gewirkt habe. 

2. Es ist Pflicht der Gesellschaft, die Geissei des Alkoholismus energisch za 
bekämpfen, was sowohl durch Einschreiten des Staates als durch Ein¬ 
wirkung der Individuen oder freier Vereine geschehen muss. 

Vom Staate sind hauptsächlich folgende Mittel anzuwenden: 

a. Steuern auf die Production und den Verkauf der destillirten Ge¬ 
tränke , und zwar um so höhere Steuern je mehr unreine Alkohole 
sie enthalten. 

b. Höhere Gewerbesteuern für die Detailhändler, welche neben gegoh- 
renen auch destillirte Getränke verkaufen. 


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I. Section (Berichterstatter Dr. Soyka). 243 

c. Strenge Ueberwachung sowohl der gegohrenen als destillirten dem 
Publicum verkauften Getränke und hohe Strafen gegen den Ver¬ 
kauf verdorbener oder gefälschter Getränke. 

d. Strenge Gesetzgebung betreffs der dem Publicum geöffneten Anstal¬ 
ten, wo gegobrene oder destillirte Getränke consumirt werden. 

e. Bestrafung der öffentlichen Trunkenheit. 

Die Einwirkung von Einzelnen und von Vereinen wird sich beson¬ 
ders in folgenden Richtungen entfalten: 

a. Bildung von Gesellschaften zum Zweck der Bekämpfung des Miss¬ 
brauche alkoholischer Getränke, sowohl durch das von den Mitglie¬ 
dern gegebene persönliche Beispiel, als durch Propaganda zu Gun¬ 
sten der Mässigkeit. 

b. Bildung von Sparvereinen. 

c. Bildung von Vereinen zur Beschaffung von gesunden und wohl¬ 
feilen Wohnungen, von Consumvereinen zum Ankauf der Nahrungs¬ 
mittel, von Bäckerei- und Metzgereivereinen, von Volkslauchen und 
Sparherden. 

d. Ermuthigungen für die Fabrikation gesunder wohlfeiler und guter 
Getränke. 

e. Veröffentlichung von Flugschriften und populären Büchern, welche 
die schädlichen Wirkungen der alkoholischen Getränke und die 
Vorzüge der Mässigkeit hervorheben. 

f. Einrichtung von Anstalten, welche die Schenkwirthschaften ersetzen 
und besonders der Arbeiterclasse andere Zerstreuungen als die der 
Kneipe bieten können. 

3. Jedoch wird der Kampf gegen den Alkoholismus nur dann ernstliche 
Erfolge haben, wenn es gelingt, jede andere Alkoholart als den Aethylalkohol 
vollständig vom Handel auszuschliesseu. Zu diesem Zwecke ist es nöthig: 

a. Ein chemisches Reagens zu besitzen, welches genau und rasch in 
irgend einer alkoholischen Flüssigkeit die darin enthaltene Menge 
nicht äthylischen Alkohols zu dosiren erlaubt. 

b. Jede Bereitungsweise von Alkohol zu verbieten, welche nicht eine 
volkommene Rectificirung der erhaltenen Producte sichert. 

Folglich ist es Pflicht des Staates und der gegen den Alkoholismus 
kämpfenden Vereine die Erforschung eines speciellen Reagens für die 
höheren Alkohole der monoatomischen Reihe und die Aufsuchung und 
praktische Anwendung vervollkommneter Verfahren der Alkoholfabrikation 
auf jede Weise zu unterstützen. ^ 

Es ist selbstverständlich, dass dieser Gegenstand, der eine so einschnei¬ 
dende sociale Calamität behandelt, eine längere Discussion veranlasste, so 
dass sogar ein Theil des vierten Sitzungstages derselben gewidmet werden 
musste. Wir müssen uns in der Berichterstattung auf die Anführung der 
wichtigeren Vorschläge beschränken. 

Dr. jur. Alglave (Paris) sieht in einem staatlichen Monopol der Fabri¬ 
kation und des Verkaufs das beste Mittel, sowohl den Verkauf als auch die 
Fälschung zu unterdrücken. 

Pfarrer Roohat (Genf) wünscht dagegen, dass folgende vier Sätze auf¬ 
gestellt werden mögen. 

1. Der Gebrauch berauschender Getränke ist für die Ernährung nicht noth- 
wendig, und die vollkommenste Gesundheit ist vollständig vereinbar mit 
der Enthaltung von diesen Getränken. 

2. Die Gewohnheit Kindern alkoholische Getränke und hauptsächlich Brannt¬ 
wein und Liqueure zu geben, um sie zu stärken, ist für ihre Gesundheit 
und zukünftige Entwickelung nachtheilig. 

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244 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf. 

3. ' Eines der besten Mittel die dem Alkohol entstammenden Krankheiten zu 

heilen ist, sich vollständig jenes Getränkes za enthalten, welches die 
Ursache der Krankheit ist. 

4. Die Aerzte haben die grösste Vorsicht za beachten, wenn sie Alkohol 
als Heilmittel einem geheilten Alkoholiker verschreiben, da hierin eine 
eminente Gefahr des Rückfalls liege. 

Mit den zwei ersten Thesen erklärte sich der Referent, Dr. Boulet, ein¬ 
verstanden, von den beiden letzten glaubt er jedoch, dass Bie weit mehr in 
das Gebiet der Therapie als in das der Hygiene hineinreichen. 


Vierte Sitzung. 

Samstag, den 9. September. 

Nachdem zu Anfang der Sitzung noch einige Redner zur Frage des 
Alkoholismus das Wort ergriffen hatten, so Br. Haugton (London), 
der über die Resultate der verschiedenen Mässigkeitsgesellschaften in Eng¬ 
land berichtete, ferner die DDr. Lombard (Genf), Landowski (Algier) 
und Lubelski (Warschau) wurde dieser Gegenstand verlassen und eine 
zweite Frage vorwiegend socialer Hygiene beschäftigte die Versammlung. 

Br. Haegier (Ba*pl) referirte über dieselbe. Sie lautet: 

Ueber den wöchentlichen Ruhetag vom Standpunkt 
der Gesundheitspflege. 

Seine Anträge und deren Motivirung lagen in folgenden Schlusssätzen vor. 

1. Der menschliche Organismus ist so eingerichtet, dass er von sieben Tagen 
je einen zur Erholung von leiblicher und geistiger Arbeit bedarf. 

Der wöchentliche Erholungstag ist dem Menschen um so nothwen- 
diger, je anstrengender oder je einförmiger die Arbeit und je mehr die¬ 
selbe mit gesundheitsschädlichen Einflüssen verbunden ist. 

Der Mangel des wöchentlichen Ruhetages schädigt auf mancherlei 
Weise Gesundheit und Arbeitskraft und führt allmälig zu unheilbarem 
Siechthum, zu früher Erwerbsunfähigkeit und vorzeitigem Tode. Ausser¬ 
dem wird durch unausgesetzte Arbeit der Trunksucht Vorschub geleistet, 
die öffentliche Sicherheit im Verkehrsdienst beeinträchtigt und das 
Familienleben gestört. 

2. Damit der wöchentliche Ruhetag seiner hygienischen Bestimmung ent¬ 
spreche, genügt es nicht, dass der Arbeiter an irgend einem von sieben 
Tagen seine Arbeit einstelle, sondern es muss dieser Erholungstag so viel 
als immer möglich für Alle gleichzeitig and dadurch auch äusserlich 
ruhiger und stiller sein als andere Tage. 

Dieser Tag muss wirklich der Wiederherstellung der verbrauchten 
Kraft gewidmet und desshalb Körper und Geist anders beschäftigt wer¬ 
den als während der Arbeitstage, in reinerer Luft, reinerer Kleidung und 
Wohnung. Als dem gesundheitlichen Punkte entgegenwirkend muss so¬ 
wohl indolente, stumpfe Ruhe, als besonders auch der Missbrauch alko¬ 
holischer Getränke und jede Vergeudung der Kräfte bei aufregenden 
Lustbarkeiten vermieden werden. 


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I. Section (Berichterstatter Dr. Soyka). 245 

8. Der IV. internationale Congress für Gesundheitspflege, abgehalten in Genf 
im September 1882, empfiehlt den Regierungen und Verwaltungen, den 
Directionen der Eisenbahnen, Posten und anderer öffentlichen Verkehrs¬ 
anstalten, den Leitern industrieller und commercieller Unternehmungen 
und Werkstätten aufs Angelegentlichste, so viel als immer möglich allen 
von ihnen abhängigen Menschen in jeder Woche einen vollen Tag der 
Ruhe zu gewähren oder zu verschaffen und zur Erfüllung seines gesund¬ 
heitlichen Zweckes nach den oben ausgesprochenen Grundsätzen beizu¬ 
tragen. 

Es ist selbstverständlich, dass die mitunter etwas eigenartige Begrün¬ 
dung, Bowie die Schwierigkeit der Durchführung eines solchen Antrags zu 
Discussionen Veranlassung geben musste. 

Vor Allem wurde die hygienische Nothwendigkeit oder ökonomische 
Möglichkeit gerade nach Ablauf von sechs Tagen ruhen zu müssen bezweifelt 
(Napias-Paris, Corradi-Pavia). Ausserdem aber wurde auf die Incon- 
venienzen hingewiesen, die entstehen würden, wenn alle Menschen ihren 
Ruhetag auf dieselbe Zeit verlegen würden (Napias, Corradi, Vincent 
du Claux). 


Fünfte (supplementäre) Sitzung. 

Samstag, den 9. September Abends. 

Zwei höchst wichtige Fragen allgemeinen und internationalen Charakters 
wurden noch in Verhandlung gezogen, aber nicht etwa gelöst. 

Dr. Layet (Bordeaux) sprach 

lieber das gelbe Fieber in seinen Beziehungen zur 
internationalen Hygiene. 

Er suchte in seinem Vortrag hauptsächlich eine Anregung zu einer früh¬ 
zeitig zu planenden internationalen Prophylaxe zu geben, wie es aus fol¬ 
gendem Resumö ersichtlich ist. 

1. Ohne Europa unmittelbar zu bedrohen, gehört das gelbe Fieber zu den 
internationalen Seuchen, welche in Folge der wachsenden Vervielfältigung 
der internationalen Verkehrswege zu immer grösserer Verbreitung neigen. 

2. Sowie die Cholera von Osten her Europa überzog, nachdem sie etappen¬ 
weise vorgeschritten und der Reihe nach verschiedene Endemieherde 
in Asien geschaffen, so bereitet sich das gelbe Fieber vor, von Westen 
her nach Europa einzudringen, indem es successive an immer neuen 
Heerden in Amerika auftritt und die Grenzen seines Einschleppungs- 
gebietes immer mehr erweitert. 

3. Die klimatischen, geographischen und Rassenbedingungen, welche anfäng¬ 
lich als wesentliche Factoren für das Auftreten und die progressive Ver¬ 
breitung des gelben Fiebers galten, sind nicht mehr als solche zu 
betrachten. So besitzen die hohen Breitengrade, die continentalen Binnen¬ 
länder, die farbigen Menschenrassen keine Immunität mehr gegen das 
gelbe Fieber, wie man nach den Erfahrungen der ersten Zeiten glaubte 
annehmen zu müssen. 


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246 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf. 

4. Das Fortschreiten des gelben Fiebers in Amerika folgt den Hauptver¬ 
kehrswegen zu See und Fluss. Wie die Cholera) sah man das gelbe 
Fieber die Menschen Wanderungen begleiten) den Heeres- und Handels- 
tran b porten sich anschliessen. 

6. Das gelbe Fieber ist schon verschiedentlich in Europa erschienen. Die 
Seuche trat mehrmals in den südlichen Gegenden dieses Continents auf. 
Mehrere Male scheiterte sie, so zu sagen, in den Lazarethen der längs 
seiner atlantischen Küsten gelegenen Handels- und Kriegshäfen. 

6. Nichts berechtigt zu der Behauptung, das gelbe Fieber könne nicht eines 
Tages auch in Europa eindringen. 

7. Die frühzeitigen Schutzmaassregeln sind stets in ihren Erfolgen 
wirksamer und in ihrer Anwendung weniger störend, als die spät er¬ 
griffenen SchutzmaasBregeln. 

8. Es ist daher Pflicht eines internationalen Congresses europäischer Hygie¬ 
niker, sich mit der so wichtigen Frage der Verbreitung des gelben Fie¬ 
bers zu beschäftigen, und zu beurtheilen, ob nicht für Europa der 
Zeitpunkt gekommen sei eine Vereinbarung mit Amerika zu 
treffen, behufs des Studiums und der Einrichtung eines inter¬ 
nationalen Sanitätsdienstes zur speciellen Verfolgung der 
Fortschritte des gelben Fiebers. 

Dr. Formento (NewOrleans), Mitglied des Board of Health , geht in 
einem Vortrage auf die Natur, die Ursachen, die Verbreitungsart und die 
Prophylaxe des Gelbfiebers ein und hält ein praktisches Resultat nur dann 
für möglich, wenn alle seefahrenden Nationen sich vereinigen, um einen 
möglichst einheitlichen internationalen sanitären Codex festzustellen, der 
ebenso dem hygienischen Interesse, wie den Bedürfnissen deB Handels 
gerecht zu werden hätte. 

Dr. Roohard (Paris), Generaldirector des marineärztlichen Dienstes, 
dessen Anschauungen sich auch Fauvel anschliesst, hält die Gefahr einer 
Invasion für nicht so gross. Die Verschleppung auf dem Landwege (vom 
Senegal her) ist wegen der im Norden liegenden Wüste nicht sehr zu fürch¬ 
ten, wäre erst dann grösser, wenn die transafrikanischen Eisenbahnen sich 
realisiren sollten. Der Seeweg biete grössere Bedenken, aber die Quaran¬ 
tänemaassregeln (in Frankreich nach dem Gesetze von 1876) hätten nach 
Möglichkeit die Gefahr verhütet. Die Verhältnisse lägen günstiger als bei 
der Cholera, die aus Ländern verschleppt wird, auf welche mit Rücksicht 
auf internationale Prophylaxe nicht gerechnet werden könne. 

Die Gelbfieber frage bildete einen natürlichen Uebergang zu der von 

Dr. Silva Amado (Lissabon) zu behandelnden Frage: 

Ueber internationale Prophylaxe. 

Bei dem reichen Programm konnte diese Frage keine erschöpfende 
Behandlung erfahren und konnte keine weitere Discussion gestattet werden. 
Die Anschauungen Dr. Silva Amado’s sind in folgenden Schlusssätzen 
zusammengefasst: 

1. Die Grundlage jedes rationellen Systems internationaler Prophylaxis muss 
auf der Schöpfung einer Körperschaft von internationalen Sanitätsärzten 
beruhen. Dieselben sollen von ansteckenden Seuchen endemisch heim¬ 
gesuchte Ortschaften bewohnen und sich an die Orte begeben, wo sich 
eine Epidemie derselben Art entwickelt. 


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247 


I. Section (Berichterstatter Dr. Soyka). 

2. Die Befugnisse dieser Aerzte werden sein: 

a. Die betreffenden Krankheiten zu erforschen; 

b. Den Regierungen, in deren amtlichen Diensten sie stehen, regel¬ 
mässige Berichte zu erstatten. 

c. Die Consuln bei der Sanitätsvisite zu unterstützen, welcher die 
Schiffe im Abgangshafen unterworfen sein sollen, bevor man ihnen 
das Gesundheitpatent ausliefert. 

3. Die Quarantänen, wie sie gegenwärtig bestehen, sind für die öffentliche 
Gesundheit so ziemlich nutzlos und für die Handelsinteressen höchst 
nachtheilig, denn die Zeitdauer derselben ist für eine richtig angestellte 
Desinficirung zu lang, dagegen für den Ablauf der Incubationsperiode 
ansteckender Seuchen zu kurz. 

4. Die vermeintliche chemische Desinficirung des Reisegepäcks und der 
Waaren, wie sie in den Lazarethen geübt wird, ist in Wirklichkeit nur 
eine mehr oder minder ungenügende Lüftung zu nennen. 

5. Jede Quarantäne für Personen soll auf 24 Stunden beschränkt werden, 
eine genügende Zeit um die Reisenden und die Mannschaft zu unter¬ 
suchen, um sich zu versichern, ob unter ihnen verdächtige Kranke sind 
und das Gepäck durch Erhitzung zu desinficiren. 

Ebenso cursoriach wie der voranstehende Programinpunkt wurde auch 
die bereits auf der Tagesordnung des Turiner Gongresses gestellte Frage 

Ueber die Prophylaxe der Pellagra 

behandelt. 

Dr. Felix (Bukarest), der in Rumänien Gelegenheit hatte, die Krank¬ 
heit aus eigenem Augenscheine zu studiren, kann über die Aetiologie der¬ 
selben nichts Bestimmtes aussagen. Nur die Coincidenz der Krankheit mit 
dem überwiegenden Gebrauche des Mais als Nahrungsmittel Hesse sich con- 
statiren; doch sei es nur der verdorbene Mais, der mit Wahrscheinlichkeit 
beschuldigt werden könne, im Verein mit einer durch körperliches Elend 
hervorgerufenen Prädisposition. 

Daraus ergeben sich denn die prophylaktischen Maassregeln als selbst¬ 
verständlich. 

Trotzdem hiermit das für die Section festgestellte Programm nicht 
erschöpft war — es waren noch drei Fragen auf der Tagesordnung —, 
mussten die Verhandlungen als beendet erklärt werden. 

Sind nun auch die Resultate der viertägigen Verhandlungen nicht der¬ 
art gewesen, dass die, an und für sich meist höchst bedeutsamen Fragen 
zur Entscheidung gebracht worden wären, so lässt sich doch nicht leugnen, 
dass auf verschiedenartigen Gebieten Anregungen geboten wurden, welche 
sowohl der Forschung als der Praxis zu Gute kommen dürften. 


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248 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf. 


II. S e c t i o n. 

Oeffentliche Hygiene, Militärhygiene, Spitalhygiene. 

Berichterstatter: Dr. Sonderegger (St. Gallen) ! ). 


Erste Sitzung. 

Dienstag, den 5. September. 

Vorsitzender: Prof. Dr. Piachaud (Genf). 

Dr. Vallin, Professor der Hygiene am Val-de-Gräce (Paris), sprach 
zuerst: 

Ueber die Desinfection der Krankenzimmer naeh 
ansteckenden Krankheiten. 

Die Frage ist sowohl eine technische als auch eine grundsätzliche. 
Diese letztere Seite derselben kann hier nicht umgangen werden und erkennt 
als Vorbedingung aller Desinfection die Anzeigepflicht. In den meisten 
Ländern herrscht hierin noch allgemeine Verwirrung; die Mehrzahl der 
Menschen geht leichtfertig, wenn auch nicht leidenschaftslos, über die 
Ansteckungsfrage hinweg und in 20 Fällen werden, selbst wenn es Aus¬ 
schlagskrankheiten betrifft, wenigstens 19 Mal alle öffentlichen Belehrungen 
und Ermahnungen ein todter Buchstabe sein. Ohne gesetzliche Anordnung 
und Ausführung — wenigstens Ueberwachung — ist alles eine Illusion. 

Alle berechtigte und unberechtigte Hochachtung vor dem freien Willen 
des einzelnen muss dem Grundsätze weichen: „ Salus publica lex suprema “. 
Der Redner führt uns dann in die Pfortnerwohnung eines grossen Stadt¬ 
hauses, in das Erämerhaus, das Wirthshaus, das Schulhaus eines kleinen 
Ortes u. 8. w., wo ein einziger ansteckender Kranker hinreicht, die Infection 
einer ganzen Gegend zu bewirken. Dass in allen solchen Fällen sofortige 
Isolirung das allein Richtige sei, ist zweifellos und dass unsere polizeilichen 
Einrichtungen nur gegenüber dem ökonomischen Schaden der Thierseuchen, 
nicht aber gegenüber der Gefahr für Leben und Gesundheit der Menschen 
sich zu zielbewusstem und kräftigem Einschreiten berechtigt fühlen, ist eine 
Unehre und ein schwerer Fehler unserer Zeit. 

Was soll es nützen, wenn Artikel 1382 des Code civil uns das Recht 
giebt Entschädigung zu fordern, im Falle dass Jemand durch Fahrlässigkeit 
eine Ansteckung verschuldet hätte! Wie beweist man den ursächlichen 


*) Für diejenigen Verhandlungen, welchen der wandernde Referent nicht beigewohnt, 
wurde der Bericht der Revue <T Hygiene Nr. 9 benutzt und die Vota ihres Redactors, des 
Herrn Prof. Vallin, sind in freier Uebersetzung wiedergegeben. 


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IL Section (Berichterstatter Dr. Sonderegger). 249 

Zusammenhang rechtsgültig und wie kann man für Gesundheit und Leben 
„entschädigt“ werden? 

In manchen Ländern treffen wir allerdings eine obligatorische Des* 
infection, ebenso in einer grossen Anzahl von Städten. Marseille, Havre 
und selbst Paris hahen auch die Anzeigepflicht und die Desinfection von 
Gemeindewegen eingeführt. In England wird dieses Verfahren, nach dem 
Vorgänge der Stadt Bolton, immer allgemeiner. Man beabsichtigte nun, 
den Aerzten die Pflicht aufzuerlegen, alle zu ihrer Kenntniss gekommenen 
ansteckenden Krankheiten anzuzeigen; das Haus der Gemeinen hat einen 
Gesetzes Vorschlag in diesem Sinne angenommen — und die Aerzte haben 
dagegen protestirt, weil sie keine Polizeiorgane und Angeber seien, noch 
ihre Clienten erzürnen oder gar verlieren wollen. In Brüssel und Marseille, 
wo die amtliche Anzeigepflicht besteht, wird sie milde gehandhabt und es 
scheint überhaupt richtiger, dass man die Anzeige der ansteckenden Krank¬ 
heiten dem freien Willen der Aerzte anheimstelle, wie es auf Bertillon’s 
Vorschlag seit einigen Jahren in Paris eingeführt ist, und zwar mit gutem 
Erfolge. 

Es scheint viel richtiger, die Anzeige, ganz so wie Geburts- und Todes¬ 
anzeigen, dem Familienhaupte, dem Angehörigen, dem Hausherrn u. s. w. 
aufzubürden und diese im Unterlassungsfälle zu strafen. Auch eine kleine 
Busse hat immer die gute Wirkung, die Betreffenden an ihre Pflichten 
gegen die Gesellschaft zu erinnern. 

Vielleicht könnte es genügen, wenn man es, wie in Paris oder Havre, 
auch mit der Belehrung versuchen und allen Familien, welche einen Fall 
ansteckender Krankheit haben, eine gedruckte Instruction schicken und die 
Desinfection etc. von Seiten der Gemeinde anbieten würde. Dr. Launay, 
der eifrige Director des Gesundheitsamtes in Havre, erklärte, dass er bei 
diesem Verfahren gar keinen Widerstand und sehr viel Verständniss gefunden 
habe. Die Erziehung der öffentlichen Meinung muss auch hier das meiste 
leisten. 

Die Schwierigkeiten werden vermindert, wenn die Desinfectionen durch 
besondere Fachleute gemacht und so geleitet werden, dass sie möglichst 
wenig Unbequemlichkeiten noch Beschädigungen und keine Kosten ver¬ 
anlassen. 

(So lange Einer den Anderen vorschiebt und Keiner voran will, wird 
überhaupt nichts Ordentliches geleistet werden. Der Officier, welcher be¬ 
schädigt zu werden fürchtet und hinter der Truppe bleibt, gehört vors 
Kriegsgericht! Ref.) 

Die Ausführung der Desinfection anlangend, ist es unmöglich die 
Geschichte und Wirkungsweise jedes Mittels in allen Einzelnheiten zu 
besprechen. Das allerbeste Desinfectionsmittel ist eine feuchte Wärme von 
wenigstens 105° C., wie wir sie gegenwärtig überall in den Desinfections- 
kasten anwenden. Etwas weniger gut, aber noch ganz empfehlenswerth, 
sind die Schwefelräucherungen, deren Anwendung allerdings durch die 
unausweichliche Beschädigung der Kleider und Geräthe beschränkt wird. 
Die anderen Desinfectionsmittel: Sauerstoff, Jod, Sublimat u. s. w., lassen 
sich für Krankenzimmer nur in besonderen Fällen verwenden; ebenso auch 
die eigentlich medicamentösen Mittel. 


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250 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf. 

Die Schlusssätze der ins Einzelne geführten Abhandlung sind 
folgende: 

1. An jedem Orte sollte durch Polizeiverordnungen die Desinficirung des 
Krankenzimmers und der vom Kranken benutzten Gegenstände bei fol¬ 
genden Krankheiten befohlen werden: Blattern, Scharlach, Masern, 
Dipbtheritis, Ileotyphus, Flecktyphus, Cholera, Kindbettfieber. Die Des¬ 
inficirung ist ganz besonders geboten in Gasthöfen, Logirhäusern und 
überhaupt von einer grösseren Anzahl Menschen gemeinschaftlich be¬ 
wohnten Häusern. 

2. Bedingungen dieser Maassregeln sind: Anzeigepflicht für alle anstecken¬ 
den Krankheitsfälle, Anstellung von mit Ausführung und Ueberwachung 
derselben betrauten Beamten, und Strafbestimmungen für Unterlassung. 

3. Die Verordnungen müssen kurz und genau abgefasst und von Instruc¬ 
tionen begleitet sein, welche jedem Bewohner eines von einer an¬ 
steckenden Krankheit heimgesuchten Hauses eingehändigt werden und 
bei Gefahr einer solchen zur reichlichen Vertheilung kommen müssen. 

Diese Instructionen könnten folgende Empfehlungen enthalten, welche 
verschieden sein werden, je nachdem der Kranke das Zimmer noch bewohnt, 
oder aber es in Folge von Heilung, von Tod oder von Wegzug verlassen hat. 

A. Maassregeln vor und während der Krankheit. 

4. Das Krankenzimmer soll von der übrigen Wohnung getrennt sein, ohne 
Verbindung mit anderen bewohnten Zimmern. Der Verschluss der Thüren 
durch mit desinficirender Lösung getränkte Gardinen oder Vorhänge 
kann nur geringe Dienste leisten. Evacuirung der anstossenden Zimmer 
ist vorzuziehen. 

5. Vor oder bei Ankunft des Kranken müssen alle nicht absolut nöthigen 
Gegenstände, welche leicht inficirbar sind, aus dem Zimmer entfernt 
werden, um deren spätere Desinficirung oder Zerstörung zu vermeiden 
(Gardinen, Thürvorhänge, Teppiche, mit Stoff überzogene oder gepolsterte 
Möbel, Kleiderschränke etc.). 

6. Die Zahl der Besucher und der Pfleger ist auf das Minimum zu be¬ 
schränken. Letztere sollten stets über ihrer Kleidung eine Art Ueber- 
wurf oder langen Schutzrock aus leicht zu waschendem Leinen tragen, 
um ihre Kleider vor jeder Verunreinigung zu bewahren. Im Falle sie 
vorübergehend das Zimmer zu verlassen genöthigt sind, müssen sie 
diesen Rock ausziehen und ihn im Zimmer zurücklassen. Jeder 
Besucher soll sich die Hände mit einer Thymollösung (2 p. m.) oder 
einer ähnlichen Lösung waschen. 

7. Die vom Kranken benutzte Körper- und Bettwäsche, das Verbandzeug etc., 
muss sofort in ein im Krankenzimmer oder dessen Nebenräumen stehen¬ 
des Becken getaucht werden, welches eine desinficirende Lösung enthält, 
wofür Chlorzinklösung (10 g auf ein Liter) sehr geeignet erscheint. Doch 
müssten diesem Salz einige Gramm unreiner Carbolsäure zugesetzt sein 
um Vergiftungen vorzubeugen. Nach einigen Stunden Eintauchens wird 
die Wäsche ausgerungen und unmittelbar zum Auskochen geschickt. 
Das Verbandzeug, die Schwämme, Instrumente, Röhren etc., müssen auf 
gleiche Weise desinficirt werden. 

8. Die Entleerungen der Kranken müssen in eigene, fortwährend bereit 
gehaltene und mit einer gewissen Menge desinficirender Lösung gefüllte 
Gefasse aufgenommen werden: 2 procentige Chlorzinklösung, 5 procentige 
Lösung von Eisenvitriol, Chlorkalk, Schwefelsäure oder Salzsäure. 

9. Der Boden muss behufs täglicher Entfernung des Staubes mit feuchtem 
Sande bestreut werden. In Krankheiten mit Schuppenabschülferung 
(Blattern ; Scharlach) ist es gerathen den Boden fortwährend mit einer 


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251 


II. Section (Berichterstatter Dr. Sonderegger). 

dünnen Schicht Sand bedeckt zu halten, welcher durch Beimischung 
eines zugleich antiseptischen und hygroskopischen Salzes, wie Chlorzink, 
Cali um chloratum pyrolignosum, feucht bleibt. Der Kehricht soll alltäglich 
im Krankenzimmer selbst verbrannt werden. (Cheminee vorausgesetzt. Ref.) 

10. Häufiges Ausklopfen und Ausschütteln der Bettdecken und Matrazen ist 
zu vermeiden. Es ist besser das Bettzeug von Zeit zu Zeit zu erneuern 
und jedesmal einem gründlichen Reinigungsprocess zu unterwerfen. Die 
mit Häcksel gefüllten Säcke leisten in solchen Fällen grosse Dienste, sie 
liefern ein gutes Lager und sind leicht zu verbrennen, sobald sie ver¬ 
unreinigt sind. (?Ref.) 

11. Es ist vorteilhaft im Krankenzimmer fortwährend ein lebhaftes und 
helles Feuer zu unterhalten, durch welches die Zimmerluft erneuert 
und teilweise gereinigt, die Verbreitung der Miasmen nach aussen 
verhindert wird.. Continuirliche Ventilation durch ein Luftloch oder 
eine offene Scheibe im obersten Theil des Fensters wird die Reinigung 
und Desinficirung der Zimmerluft begünstigen. 

12. In gewissen Fällen ist es nützlich gegen die Wände und in die Luft 
des Zimmers desinficirende Flüssigkeit zu zerstäuben. (Thymollösung 
2 p. m. mit geringem Alkoholzusatz, lprocentige Carbollösung etc.) 

13. Die Wände sollten wenigstens zweimal wöchentlich mit einem Schwamm 
oder Tuch, in die gleiche Lösung getaucht, abgewischt werden. 

14. Den Nutzen und die Unschädlichkeit gewisser Gasentwickelungen im 
Krankenzimmer, wie Sauerstoffgas, Ozon, Stickstoffather, Aethylnitrit, 
schweflige Säure, salpetrige Säure, in kleinen fortwährend erneuerten 
Mengen hat die Erfahrung noch nicht genügend bewiesen.' Doch lässt 

* sich von diesen Mitteln schon jetzt ein gewisser Nutzen für Desinficirung 
und Zerstörung der Miasmen annehmen. 

15. Im Todesfälle muss die Leiche mit einer starken, 5 bis 10 procentigen 
Chlorzinklösung gewaschen, das Leichentuch mit derselben Lösung 
angefeuchtet werden. Die Leiche wird im Sarge mit stark carbolisirten 
Sägespähnen bedeckt. Der hermetisch verschlossene Sarg muss bis zur 
Fortschaffung der Leiche in dem Sterbezimmer bleiben. 

B. Maassregeln nach Evacuirung des Zimmers. 

16. Jedes Zimmer, welches von einem Kranken bewohnt war, der an einer 
der obengenannten Krankheiten litt, muss der Desinficirung unterworfen 
werden. 

17. Die praktischste und wirksamste Methode der Desinficirung besteht in 
Räucherung. 

18. Eine sehr mächtige Desinficirung erzielt man durch rasche Entwickelung 
grosser Mengen von Untersalpetersäure (Kupferspähne 300 g, Salpetersäure 
150g, Wasser 2 Liter, für 50cbm Raum). Doch ist dies Mittel für Per¬ 
sonen und Gegenstände gefährlich und kann nur in vollständig ausge- 
leerten Räumen und in schweren Infectionsfällen gebraucht werden. 

19. Langsame und lang fortgesetzte Entwickelung von Stickstoffoxyden und 
salpetriger Säure mit Hülfe der Krystalle der Bleikammern (Schwefel¬ 
saures Nitrosyl) scheint sehr vortheilhaft, doch muss weitere Erfahrung 
den Nachweis ihres Nutzens und ihrer Unschädlichkeit liefern. 

20. Gegenwärtig ist noch die schweflige Säure das praktischste, zuver¬ 
lässigste, wohlfeilste und für das Mobiliar unschädlichste Desinfections- 
mittel für Wohnungen. In die feuchte Luft des wohlverschlossenen 
Zimmers werden die Verbrennungsproducte von 30 g Schwefel auf 1 cbm 
Raum entwickelt; in 24 Stunden ist die Procedur beendigt. 

21. Nach dieser Räucherung müssen nackte Wände abgekratzt und mit ein¬ 
fachem Kalkwasser, ohne Zusatz von Kreide oder Leim geweisst worden. 


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252 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf. 

Die Firnisse werden mit Chlorkalklösung gewaschen, Tapeten wo möglich 
vollständig abgerissen und ersetzt. 

22. Die meisten Woll- und Seidenstoffe ertragen ohne erhebliche Schädigung 
die Räucherungen mit schwefliger Säure von obiger Concentration, welche 
einem Gehalt von 1 Volumen Säure auf 50 Volumina Luft entspricht. 

23. Derartige Stoffe und Gewebe (Vorhänge, Kleidungsstücke, Teppiche) 
müssen in dem Zimmer so aufgehängt werden, dass die Säure leichten 
Zutritt hat. Die Matrazen und Decken werden auf Böcken oder Stühlen 
ausgebreitet, die Matrazen dabei soviel wie möglich aufgezupfb» ihr Inhalt 
an Wolle und Rosshaar gehörig eröffnet und gelockert. 

24. Gefärbte Leinen- und Baumwollstoffe, sowie gewisse schlechtgefarbte 
Seiden- und Wollstoffe können durch die schweflige Säure leiden; von 
solchen Stoffen mache man nicht zu dichte Päcke und trage sie in ein 
Tuch geschlagen fort, um sie erhitzter Luft von 110° C. auszusetzen. 

25. Zahlreiche Versuche haben gezeigt, dass diese während 2 Stunden fort¬ 
gesetzte Erhitzung, sowie namentlich Dampf zu 100°C. die Stoffe nicht 
beschädigt und die Krankheitskeime fast alle tödtet. Die Spören allein 
widerstehen einer Temperatur von 130° C., sowie einer sehr concentrirten 
schwefligen Säure. 

26. In allen grösseren Städten sollten stehende Heizräume oder Desinficirungs¬ 
anstalten eingerichtet werden, wie deren mehrere in Paris, London, 
Brüssel bestehen. Einstweilen Hessen sich fast überall tragbare Apparate 
schnell herrichten, nach dem wohldurchdachten Muster, welches in 
Marseille benutzt wird und mit dessen Hülfe die Gesundheitsbeamten 
in den Wohnungen selbst alle verdächtigen Gegenstände desinficiren. 

27. Die Matrazen, welche sehr häufig der Sammelherd gefährlicher Contagion 
sind, müssen vor dem gewöhnlichen Auskämmen und der zu meist 
geübten nur illusorischen Reinigung, dem Dampfe oder trocken erhitzter 
Luft (zu 100° C.) ausgesetzt werden. 

28. Der Inhalt von Strohsäcken muss durch das Feuer zerstört, die Ueber- 
züge müssen gekocht und gebaucht werden. 

29. Werthlose oder allzu sehr verunreinigte Kleider werden ebenfalls ver¬ 
brannt. Es ist jedoch fast immer vorteilhafter, weniger kostspielig und 
ebenso sicher, sie durch Dampf und Hitze zu desinficiren. 

30. Die Beamten müssen sich überzeugen, dass kein inficirter Gegenstand 
oder Kleidungsstück versteckt, resp. der Desinficirung entzogen worden ist. 

31. Für Kleider und andere Gegenstände, welche zu Desinficirungszwecken 
zerstört werden mussten, können die Besitzer entschädigt werden. 

32. Das desinficirte Zimmer muss wenigstens acht Tage lang unbewohnt, 
während dieser Zeit müssen die Fenster Tag und Nacht geöffnet bleiben. 

33. Die Aborte der Wohnungen müssen desinficirt werden, in die Abtritts¬ 
röhre wird eine concentrirte Eisenvitriollösung (10 Proc.), oder noch 
besser, schwerer Steinkohlentheer (5 bis 25 Liter für eine Grube mittlerer 
Grösse) geworfen. Der Abtrittsraum wird ebenso, wie der Nachttisch, 
durch Verbrennen einer gewissen Menge Schwefel desinficirt. 

34. Um die Ausführung dieser Maassregeln zu sichern, sollten in den 
Polizeiwachtposten Ablagen der nöthigsten Desinfectionsmittel bestehen, 
welche Unbemittelten im Nothfalle unentgeltlich verabreicht würden. 

Dr. Fatio (Genf, die bekannte Autorität in der Phylloxera-Frage) findet 
die Desinficirung von 30 g Schwefel auf den Cubikmeter willkürlich und 
unsicher zugleich und empfiehlt die Anwendung des Anhydrids der schwef¬ 
ligen Säure, welches aus »dem von ihm construirten Apparate durch 
den eigenen Extensionsdruck ausströmt, beziehungsweise zerstäubt und 
kleine Thiere, Krebse, Fliegen und verschiedene andere Insekten rascher 


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II. Section (Berichterstatter Dr. Sonderegger). 253 

todtet, dabei Metalle weniger angreift als es die durch Schwefelverbrennung 
entwickelte Säure thut. 

Für Bettstücke und Kleider ist kochendes Wasser oder Dampf viel 
besser als die mit lang anhaltendem Gerüche behaftete Schwefelung. 

Dr. Vallin (Paris) verweist auf sein neues Werk über Desinfection, 
welches er in der hygienischen Ausstellung niedergelegt und wo er seine 
Untersuchungen, sowie die ihm wohlbekannten Arbeiten von v. Pettenkofer, 
Schotte, Gärtner und Wolffhügel eingehend abhandelt. Er räth die 
Gabe des Schwefels so hoch wie möglich zu nehmen. Verbrannte er 50 g 
Schwefel auf 1 cbm Raum, so wurde dort liegendes krapprothes Soldatentuch 
nach 24 Stunden sehr, deutlich gelb, wenn es zuvor genetzt, und noch merk¬ 
lich gelblich, wenn es trocken gewesen war. Bei 40 g auf 1 cbm war die 
Verfärbung unerheblich am nassen Tuche und fehlte am trockenen. Seiden- 
und Baumwollenstoffe sind weit empfindlicher; ferner hat er gefunden, dass 
Rotzgift bei 30 g auf 1 cbm unwirksam wurde und Meerschweinchen gar 
nicht mehr afficirte, dagegen war die Verbrennung von wenigstens 40 g 
auf 1 cbm nöthig um Tuberkelgift so weit zu zerstören, dass es bei der 
Einbringung in die Bauchhöhle vom Meerschweinchen unwirksam wurde. 

Wahrscheinlich hat jeder Ansteckungsstoff sein eigenthümliches Des- 
inficiens und sein eigenes Maass der Widerstandsfähigkeit, wesswegen über¬ 
all wo sie zulässig ist, die Verwendung heisser Wasserdämpfe nach Koch 
als das allgemeinste und sicherste Verfahren anerkannt werden muss. 

Dagegen wendet Dr. Fatio ein, dass alle Wollenstoffe durch Auflösung 
ihres Wollenfettes (eines gummiartigen, verhornten Stoffes) unelastisch, 
filzig und unbrauchbar werden, wenn man sie mit heissem Wasser behandelt 
und dass man Matrazen nach der Dampfbehandlung in warmer Luft lose 
liegen lassen muss. 

Dr. Vallin bezweifelt, dass man eine Flüssigkeit, wie das Anhydrid, die 
schon bei + 12° C. siedet, gefährlich zu transportiren und nur fast in Genf 
zu haben, auch sehr viel kostspieliger ist als die durch Schwefelverbrennung 
dargestellte schweflige Säure, überhaupt in die Praxis einführen könne. 

Das Präpart wird bei stärkerem Verbrauche wohlfeiler werden, erwidert 
Dr. Fatio, auch habe er durch Aufstellen von Tellern mit Ammoniakwasser 
den Schwefelgeruch rasch aus den desinficirten Räumen beseitigt. 

Dr. Jaillard (Paris) beklagt es, dass alle schweflige Säure auch Schwefel¬ 
säure entweder schon enthalte oder sehr bald bilde, und Dr. Schiff (Wien) 
weist schliesslich auf die genauen und sehr negativ ausgefallenen Versuche 
von Koch hin und räth, die Schwefelung überhaupt aufzugeben und mit 
Sublimat, Jod und Brom zu arbeiten. 

Dr. Vallin wendet sich grundsätzlich noch einmal der Frage zu, ob es 
zulässig sei, die Resultate, die nur im Laboratorium und nur mit Milzbrand- 
und mit Gartenerde - Sporen gemacht werden, sofort in die Desinfections- 
praxis zu übertragen. Bei aller Hochachtung, welche die Arbeiten von Koch 
und Wolffhügel einflössen, kann doch daran erinnert werden, dass die 
Untersuchungen von Saxter, Sternberg und Davaine gezeigt haben, 
dass manche Ansteckungsstoffe leicht zerstört werden und nach Einwirkung 
der schwefligen Säuren nicht mehr inoculirbar sind, und dass wir es nicht 
immer nur mit Dauersporen zu thun haben. 


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254 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf. 

DieDesinfectionskraft des Sublimats ist auch für Vallin über alle Zweifel 
erhaben. Tarnier bedient sich in der Maternite zu Paris nur noch einer 
Sublimatlösung von 1 : 1000 um die Hände der Hebammen zu desinficiren, 
ja auch zur Vaginalausspülung der Kreissenden. Von Vergiftungszufällen 
war nie die Rede. 

Viele weitere Versuche von Tarnier und Vallin haben die Vortrefflich¬ 
keit der Sublimat - Desinfection bestätigt, aber auch die grosse Unzu- 
kömmlichkeit, welche der gründlichen Benetzung mit der Sublimatlösung 
oft anhaftet. Hierin liegt unter Umstanden die Berechtigung für die 
Schwefelräucherung. 

Dr. Wasserfuhr (Strassburg) betont unter allgemeinem Beifall, dass wir 
vor allem auf zuverlässige Desinfectionsmethoden halten müssen, weil alle 
unsicheren positiv schaden, technisch wie moralisch. Ganz in Ueberein- 
stimmung mit Vallin verlangt er gute Dampf-Desinfections-Kammern für 
alle grossen Verkehrscentren und Krankenanstalten. 

Die Schlusssätze des Vortrages wurden zur Abstimmung gebracht und 
sämmtlich angenommen. 

Sanitätsrath Dr. Sonderegger (St. Gallen) hält hierauf einen Vortrag: 

Zur Lehre von der persönlichen Desinfection. 

„Glücklich sein, heisst richtig handeln“, sagt Hippokrates. Dieses 
Richtighandeln ist nun selbstverständlich sehr verschieden nach Zeit und 
Ort und überall nur ein relatives. Wer überhaupt nichts thun will, bis er 
ganz sicher ist, richtig zu handeln, der treibt die Scepsis zum Unsinn und 
fördert weder Wissenschaft noch Menschenwohl. 

Seitdem wir durch die epochemachenden Arbeiten Pasteur’s die 
Vermittler der Gährung, der Fäulniss und vieler Krankheitsvorgänge als 
mikroskopische Organismen kennen gelernt haben,' und seit die neueren 
Bacterienforscher, vor allen Nägeli und Koch die Lebensbedingungen 
dieser Organismen genauer studiren, haben wir, wenn auch noch nicht 
bestimmte Angriffspunkte, so doch eine Richtung gefunden, in welcher wir 
mit einigem Erfolge, jedenfalls besser als bisher, arbeiten können. 

Die erste segensreiche Frucht dieser Anschauung ist bekanntlich die 
Lister’sche Wundbehandlung, deren grossartige Erfolge ebenso sehr auf der 
Handhabung einer, bisher nur in chemischen Laboratorien gebräuchlichen, 
sonst aber unerhörten Reinlichkeit, als auf eigentlicher Bacterientödtung 
beruhen. 

Man hat Lister’s würdigem Vorläufer Semmelweiss, der 1848 das 
Puerperalfieber durch persönliche Desinfection der Aerzte und der Wärte¬ 
rinnen beschränkte, vorgehalten, er kämpfe mit Waffen von unbekannter 
Tragweite gegen unbekannte Feinde. Dieselben Vorwürfe gelten grossen- 
theils auch Lister, dessen Verdienste nichts desto weniger über alle Zweifel 
erhaben sind und dessen Anschauungen auch bei anderen Infectionen als 
bei den traumatischen, verwerthet werden müssen. Dabei lassen wir es 
nothgedrungen noch darauf ankommen, ob wir es z. B. bei Flecktyphus, 
Cholera, Pocken, Scharlach, Diphtherie u. s. w. bloss mit dem empfindlicheren 
Bacillus oder mit seinen äusserst widerstandsfähigen Dauersporen zu thun 


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II. Section (Berichterstatter Dr. Sonderegger). 255 

haben; wir sind noch bei den ersten Anföngen einer botanischen Diagnose 
und dürfen auch die Experimente vom Laboratorium nicht ohne Weiteres 
für die Krankenbehandlung verwertlien, weder positiv noch negativ ab- 
schliessen; diese muss sich, bis Besseres kommt, grundsätzlich schon mit 
einer Wahrscheinlichkeit begnügen. 

Die Desinfection von Personen entbehrt selbstverständlich der bisher 
als ganz zuverlässig erkannten Mittel: der hohen Temperaturen, der 
Sublimatlösungen, selbst der concentrirten Carbollösungen und muss sich 
auf die peinlichste Reinlichkeit und darauf beschränken, die organisirten 
Krankheitsvermittler möglichst abzuschwäehen und deren Angriffsgebiete 
möglichst zu sterilisiren. Dieses ist auch der leitende Gedanke bei der 
List er’sehen W unddesinfection. Die Concentration des Spray und die 
nur vorübergehende Anwendung der Fünfprocentlösung wären den Dauer* 
sporen nicht gewachsen. 

Wie mit den Kleidern, den Händen und dem Haarsöhmucke der Aerzte 
und der Krankenwärter zu verfahren sei, lehren uns die Lister’schen 
Chirurgen und Gynäkologen, und es ist ein Glück dieses heutzutage über¬ 
all als selbstverständlich voraussetzen zu dürfen. 

Wie die absolute Isolirung, wenn sie nämlich durchführbar wäre, die 
Schutzpockenimpfung oft entbehrlich machen könnte, so wäre es auch am 
richtigsten, den Arzt, welcher z. B. einen Pockenkranken besucht hat, genau 
nach den Vorschriften Moses zu behandeln (III. Mos., XIV, 9), d. h. „ihm 
Haare, Bart und Augenbrauen abzuscheeren, ihn tüchtig zu baden, und 
seine Kleider zu waschen u . 

Da wir zur Zeit weder den Muth noch die Selbstverleugnung haben, 
diese uralte, von der modernen Wissenschaft und Praxis bekräftigte Forde¬ 
rung zu erfüllen, sind wir wenigstens verpflichtet, das Leichtmögliche zu 
thun und unsere ganze Oberfläche, insbesondere die Kleider, mit irgend 
einem Mittel zu behandeln, welches leicht anwendbar und ein, wenn nicht 
für die Tödtung, so doch für die Fortentwickelung der Bacterien möglichst 
wirksames Gift ist. Die bekannten Untersuchungen von Koch (Mitthei¬ 
lungen des kaiserl. deutsch. Gesundheitsamtes) haben als zuverlässigste 
Milzbrandsporen tödtende Agentien gefunden: Sublimat, Brom, Chlor und 
Jod (S. 266 bis 268) und damit die althergebrachten Räucherungen bis auf 
einen gewissen Grad rehabilitirt. Versuche von Bucholtz (Wernich, 
Desinfectionslehre, II. Auf!., S. 175) ergaben, dass das Vermögen der Fäul- 
nissbacterien, sich in ihrer Mutterflüssigkeit fortzupflanzen, aufgehoben 
wurde durch: Chlor 1: 25 000, Sublimat 1: 20 000, Jod 1: 5000 und 
Brom 1:3000 u. s. w. 

So wie die Chlorräucherungen gewöhnlich ausgeführt werden, taugen 
sie allerdings nichts, weil in dem schweren Conflicte zwischen Desinfection 
und Athmung diese ihr Recht behauptet. Es ist aber möglich, die Chlor¬ 
einwirkung in viel höherem Grade zu benutzen, ohne den Menschen zu 
schädigen. Der Räucberungskasten, welcher Mund und Nase seines Insassen 
frei lässt, gestattet eine Chloranwendung, bei welcher geringere Kleider¬ 
farben bleichen, Uhrketten schwarz anlaufen und die Lebensbedingungen 
anhaftender Bacterien gewiss mehr herabgesetzt werden als durch die blosse 
Lüftung auf dem Wege von einem Hans ins andere. Der Kasten (dessen 


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256 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf. 

Zeichnung vorliegt) hat einen Rauminhalt von 444 Litern, oder nach Abzug 
von 60 Litern für das Volum eines Mannes 384 Liter. Die gewöhnliche 
Beschickung von 200g Chlorkalk, 100g Schwefelsäure und lOOg Wasser 
entwickelt 70 Gramm =23 Liter Chlorgas; die Luft im Kasten enthält 
daher ziemlich genau 6 Proc. Chlor. Der Aufenthalt im Kasten lässt sich 
leicht auf fünf Minuten und mehr ausdehnen. Zahlreiche Versuche, bei 
welchen derselbe Arzt, der täglich viele Pockenkranke besorgte, in seiner 
ganzen übrigen Praxis keinen einzigen Fall von Pockeninfection erlebte, 
während an anderen Orten Ansteckungen durch Geistliche und Aerzte 
mehrfach vorgekommen, sprechen wenigstens nicht gegen die Annahme, 
dass diese Art der persönlichen Desinfection nützlich sein könnte, ln 
neuerer Zeit sind Versuche mit Brom, welches bekanntlich sehr rasch ver¬ 
dunstet, und ebenso mit 5 proc. Carbolspray gemacht worden, welche das 
Chlorgas vielleicht verdrängen. Wir dürfen hier nicht vergessen, dass sich 
die verschiedenen Bacterien gegenüber von Färbemitteln verschieden ver¬ 
halten und dass sie wahrscheinlich auch von den sogenannten Desinfections- 
mitteln in sehr verschiedener Weise angegriffen werden. So wenig der 
Mikroskopiker der Gegenwart Alles mit Methyl violett zu färben versucht, 
so wenig wird der Epidemiologe der Zukunft alles mit Sublimat oder mit 
Chlor angreifen wollen. Es giebt keine Universalnährflüssigkeit und kein 
universales Bactericidium, wenigstens nicht für die persönliche Desinfection. 

Ferner verträgt auch der Kranke selber eine nicht unwirksame Des¬ 
infection. Bei Diphtheritis verwendet man dazu Jodtinctur mit lauem 
Wasser zum fleissigen Ausspülen; bei Pocken sind sehr häufige Waschungen 
des Kranken ein des Versuches werthes Verfahren. Noch 1871 wusch ich 
Pockenkranke mit 5 proc. Carbolwasser zweimal täglich und ferner zwei- bis 
viermal mit Wasser — ungestraft. Nachdem ich später die ganz unberechen¬ 
bare Resorptionsfähigkeit der Carbollösungen bei chirurgischen Kranken 
kennen gelernt, verliess ich dieses Mittel grundsätzlich und bediente mich 
der Essigsäure in 5- bis 8 proc. Lösungen und auch des Alkohols mit gutem 
Erfolge. Diese Waschungen haben, abgesehen davon, dass sie wegen ihrer, 
bei Fieber kühlen, nachher lauen Temperatur dem Kranken angenehm sind 
und abgesehen von ihrer desinficirenden Wirkung, auch den Vortheil, das 
Abstauben der Oberhaut zu vermindern. 

Wenn ich bei diesem Anlasse auch noch von der Desinfection der 
Dejecta und der Wäsche spreche, so möchte ich auch hier hervorheben, dass 
es sich lediglich darum handelt, den Anfängen zu wehren. Einzelne Excre¬ 
mente und einzelne Leintücher haben wir noch in unserer Gewalt; Wäsche¬ 
kammern und Hausgruben spotten unserer Maassregeln. Die sanitats- 
polizeiliche Vorschrift des Cantons St. Gallen empfiehlt den Aerzten bei 
Typhus abdominalis fürzusorgen, dass in den Leibschüsseln stetsfort eine 
Lösung von 5 proc. Carbollösung oder von 1:5000 Sublimatlösung bereit 
liege, ferner dass die Wäsche in einer Lösung von 20 bis 25g schwarzer 
Seife auf 10 Liter Wasser durch 12 Stunden eingelegt werde. Nachher 
mögen Dejecta und Wäsche die gewohnten Wege gehen. Insbesondere 
aber möchte ich dankbar der grossen Verbesserung und Vereinfachung der 
Desinfection gedenken, welche Koch, Gaffky und Löffler (Mitthei¬ 
lungen des Deutschen Reichsgesundheitsamtes, S. 322) für Kleider und Bett- 


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II. Section (Berichterstatter Dr. Sonderegger). 257 

stücke, überhaupt für Stoffe vorgeschlagen, der Desinfection durch heisse und 
strömende Wasserdämpfe, die überall leicht einzurichten und sehr viel aus¬ 
giebiger ist als die bisherige Desinfection mit heisser Luft, welche noch 
voriges Jahr an der hygienischen Ausstellung zu London besonders in 
Form des Frazer’schen Desinfeotionswagens eine Rolle spielte. Herr 
Cantonschemiker Dr. Ambühl von St. Gallen wird die Ehre haben, Ihnen 
die Zeichnung eines seit sechs Monaten arbeitenden Apparates zu demon- 
striren. 

Das kleine Resultat meiner kurzen Betrachtung ist wohl die alte 
Wahrheit, dass es bei der Desinfection nicht bloss auf das Mittel, sondern 
auch auf die Methode ankommt, dass die persönliche Desinfection ebenso 
sehr eine Frage der persönlichen Gewissenhaftigkeit als eine Frage der 
Technik ist und dass Aerzte wie Krankenwärter für die Reinheit und Gefahr¬ 
losigkeit ihrer Kleider und ihres Körpers nicht weniger verantwortlich sind, 
als für die Desinfection ihrer Instrumente und Verbandsraittel. 

Befolgen wir bei ansteckenden Krankheiten das gute 
Beispiel der Chirurgen und wir können auch ijirer Erfolge 
theilhaftig werden! 

Dr. G. Ambühl, Cantonschemiker, Inhaber des staatliohen Labora¬ 
toriums für hygienische Untersuchungen (St. Gallen), ergänzte obige Mitthei¬ 
lung. Es handelt sich, sagte er, keineswegs um eine neue Idee, dagegen um 
den Nachweis, dass und wie ein Desinfectionsverfahren angewendet wird, 
welches Koch, Gaffky und Löffler in den „Mittheilungen des Kaiserlich 
Deutschen Gesundheitsamtes, I. Bd. u , angegeben. 

Das Cantonsspital, welches 260 bis 300 Betten hat, benutzte in den 
zehn Jahren seines Bestehens eine Kammer mit heisser Luft von 120° C., 
welche regelreoht gebaut und bedient, dennoch vielfach im Stiche liess. 
(Nur bei vergessenen Zündhölzchen that sie den Dienst gründlicher Ver¬ 
brennung sicher.) Es war daher sehr wohlgethan, die guten Räthe des 
Deutschen Gesundheitsamtes sofort auszuführen und den Desinfectionskessel 
(dessen Zeichnung in y 3 Grösse der Versammlung vorgelegt ist) im Kessel¬ 
hause aufzustellen, welches die einzige künstliche Wärmequelle für den 
Betrieb aller vier Pavillons enthält, Dampf von 2 l /% bis 3 1 /? Atmosphären, 
beziehungsweise von 125° bis 140°C. abgeben, auch einen 38° bis 42°C. 
warmen Winkel abtreten konnte, in welchem der Kessel keiner weiteren 
Umhüllungen bedurfte. Der Kessel ist ein Cyliuder aus verzinktem Eisen¬ 
blech, 115 cm hoch und 80 cm im Durchmesser, kann mithin auch zusammen¬ 
gerollte Matratzen, zahlreiche Wolldecken etc. aufnehmen. Der Dampf 
strömt unten aus zwei seitlichen Oeffnungen in den Kessel, durch den wohl¬ 
befestigten Siebboden und die zu desinficirenden Objecte hindurch und der 
Abdampf wird ins Freie geführt. Der schwach konisch gewölbte Deckel 
trägt einen angenieteten kupfernen Stutzen, mit welchem das, in drehbarer 
Stopfbüchse bewegliche Dampfableitungsrohr durch eine Gewindverschrau- 
bung verbunden wird. Durch drei Scharnierschrauben mit Flügelmuttern 
wird der Deckel auf dem Kesselrand befestigt. Wo wegen geringem Dampf¬ 
drücke ein festerer Verschluss nöthig wäre, könnte durch Vermehrung der 
Schrauben und Einlegen eines Kautschukringes leicht nachgeholfen werden. 

Vierteljahrsschrift för Gesundheitspflege, 1883. ff 


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258 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf. 

Der Apparat arbeitet nach den ausgeführten Maximal temperatur- 
messungen ganz gut. In einem ersten Versuche wurden auf den obern, 
beweglichen (für kleinere Gegenstände berechneten) Drahtsiebboden drei 
Anzüge lose aufgelegt und Maximalthennometer in die Taschen gesteckt 
Nach zehn Minuten Dampfströmung von 2 1 /* Atmosphären zeigten die 
Thermometer 100*5° bis 101° C. (Der Siedepunkt des Wassers steht in 
St Gallen, bei 704mm mittlerem Barometerstand, auf 97*9° C.) Damit 
scheint alles Nöthige erreicht zu sein. 

Ein Versuch mit einem Ballen Packleinwand, 90cm Höhe und 37cm 
Durchmesser, mit 77 Windungen, oben, unten und in der Mitte fest zu¬ 
geschnürt, in welchem sich sechs Thermometer je zwischen 13 Windungen 
befanden, ergab Folgendes: Bei Dampf von 3 Atmosphären und 20 Minuten 
Zeit sank das Manometer auf 2*5 Atmosphären und waren 15 kg Steinkohle 
erforderlich, um den Anfangsdruck wieder herzustellen. Die Thermometer 
standen sämmtlich auf 100° bis 100*5° C. 

Dabei wurden die Kleider und der Leinwandballen kaum feucht, nur 
die oberste Schichte durch Condensirwasser etwas benetzt. Nach wenigen 
Minuten werden die Kleider in dem warmen Raume vollständig trocken 
und zum Anziehen bereit. 

Bei viel geringerer Leistung brauchte der wenig grössere und von 
einer renommirten Maschinenfabrik gebaute Heisseluftkasten 50 kg Stein¬ 
kohle, während dieser Kessel 15; zudem ist dieser jeden Augenblick dienst¬ 
fähig. 

Dr. Vallin (Paris) möchte die Empfehlung des Chlorkastens nicht ohne 
Weiteres unterstützen, weil die Chlordämpfe nur einen zweifelhaften Des- 
infectionswerth besitzen. Schon 1876 hat Stadfeld im Gebärhause zu 
Kopenhagen ein ähnliches Verfahren angewandt, einen weiten Wachstuch¬ 
mantel, unter welchem'Chlor- oder Schwefeldämpfe entwickelt wurden, ohne 
grossen Erfolg davon zu haben. 

Dagegen macht Dr. Sonderegger geltend, dass die Wirkungen des 
Chlor wenigstens bo sicher sind als diejenigen der schwefligen Säure, dass das 
angegebene, von ihm selber seit 1871 benutzte Schilderhäuschen eine viel 
intensivere Einwirkung gestatte als der Wachstuchmantel und endlich, dass 
der Chlorkasten am allerwenigsten für Puerperalfieber passe, weil hier der 
Ansteckungsstoff nicht in der Luft, sondern an Händen, Instrumenten und 
Betten zu suchen und zu bewältigen sei, ganz nach den Methoden von 
Semmelweiss: mit Chlorkalk, oder von Bischoff: mit 5proc. Carbol- 
lösung, oder von Tarnier: mit 1 p. m. Sublimat. Ebenso wenig als bei 
Puerperalinfection möchte er den Chlorkasten an wenden bei Rotz, Milz- 
brand, Wasserscheu, ebenso nicht bei Abdominaltyphus und bei Cholera, 
weil es sich hier um festsitzendere Contagien haudelt, dagegen hat sich der 
Kasten vielfach bewährt — was man so bewähren heisst! — bei den flüchti¬ 
geren Contagien der Pocken, bei Diphtherie und Scharlach; wahrscheinlich 
wäre er bei Flecktyphus des Versuches werth, unter allen Umständen be¬ 
ansprucht er nur die Bedeutung eines Versuches, der zu Besserem auffordern 
und die noch allzuhäufige Sorglosigkeit mindern möchte. 

Dr. Oscar Wyss (Zürich) erklärt, dass er im Kinderspitale Zürich mit 
diesem Verfahren sehr gute Resultate erzielt habe. Seit es augewendet 


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II. Section (Berichterstatter Dr. Sonderegger). 259 

wird, hat die Uebertragung ansteckender Krankheiten dort fast ganz auf¬ 
gehört. (Was leider nicht allen Spitälern ohne Ausnahme nachgerühmt 
werden kann. Ref.) 

Die Schlusssätze lauteten: 

1. Kranke, welche an Pocken, an Flecktyphus oder an Scharlach leiden, 
sind der persönlichen Desinfection mittelst indifferenter oder ungiftiger 
Waschungen zu unterwerfen. 

2. Die persönliche Desinfection der Aerzte und der Krankenwärter, auch 
der Besuchenden, ist bei contagiösen Kranken mit derselben Sorgfalt zu 
machen, wie sie Li ater bei Wunden lehrt. 

S. Bei Pocken, Flecktyphus und Scharlach ist die Anwendung des Chlor¬ 
kastens als Versuch zulässig und empfehlenswerth. 

4. Als Desinfectionsmethode für Kleider und Bettstücke ist der strömende 
Wasserdampf von wenigstens 100° C. vor allem zu empfehlen. 

Auch diese Schlusssätze wurden von der Versammlung angenommen. 

Dr. Bourneville (Paris) spricht hierauf 

Ueber Krankenwärterschulen. 

Der Vortragende hat 1877 gemeinsam mit Dr. Hart die Kranken¬ 
wärterschulen von London, insbesondere diejenige von Westminster besucht 
und dann die Gründung ähnlicher Anstalten in Paris betrieben. Er schil¬ 
dert die Schwierigkeiten, die er za überwinden gehabt und spricht nun über 
die Einrichtung der Wärterschule in der Salpetriere und die gewonnenen 
Resultate, unter welchen er auch die Thatsache hervorhebt, dass seit 1878 
in mehreren Pariser Spitälern auch Laieuwärter verwendet werden. 

Dr. Felix (Bucharest) berichtet, dass dort seit einem Jahre eine Schule 
für barmherzige Schwestern, unter dem Patronate der Königin, errichtet 
worden sei. 

Frau Bowell - Sturge (London) ergänzt die Mittheilungen über die 
Londoner Wärterschulen. Miss Nightingale erzieht Laienwärterinnen, 
andere Schulen sind confessionell, protestantisch. Die aus diesen Schulen 
hervorgegangenen Wärterinnen beziehen jährlich 400 bis 2000 Franken. 
Die Wärterinnen werden allgemein, auch auf den Männerabtheilungen der 
Spitäler, den Wärtern vorgezogen. Zutritt zu den Cursen haben alle Be¬ 
wohnerinnen der Stadt. Ueberdies bestehen noch Curse über Hülfeleistung 
bei Unglücksfallen für die Police-men. Seit 1872 hat Brüssel dieses gute 
Beispiel mit Erfolg nacbgeahmt. 

Dr. Pigeolet (Brüssel) theilt mit, dass auch Lüttich zwei Kranken¬ 
wärterschulen errichtet habe und Brüssel ebenfalls eine zweite gründen 
werde. 

(Die Schweiz hat eine Kranken Wärterinnenschule für barmherzige 
Schwestern in Ingenbohl, Laienwärterinnenschulen zu Zürich und zu Lau¬ 
sanne, Diakonissenanstalten zu Zürich, Bern, Basel (Riehen), Davos und 
St. Loup prös Pompaples. Ref.) 

Der Antrag Bourneville, dass die Anwesenden in ihren Kreisen die 
Gründung von Wärterschulen fördern sollen, fand allgemeine Zustimmung. 


17* 


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260 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf 


Zweite Sitzung. 

Donnerstag, den 7. September. 

Oberst Dr. Ziegler (Bern), Eidgenössischer Oberfeldarzt, behandelt: 

Die Folgen der fehlerhaften Fussbekleidung und ihre 
Bekämpfung. 

Der Vortragende bespricht die hohe Bedeutung und die grosse Zahl 
der Marschunfähigen in Folge wunder Füsse. In der schweizerischen 
Armee werden jährlich 700 bis 800 Mann (d. h. etwa 6 Proc. des Eflfectiv- 
bestandes) wegen Missbildung der Füsse als untauglich entlassen, welche 
ihren wesentlichen Grund in der schlechten Beschuhung hat. 

Bei jungen Kindern, bei Barfussgehenden und bei Menschen mit ratio¬ 
nellem Schuhwerke findet man, dass eine Linie, welche mitten durch die 
Ferse geht, das Köpfchen des ersten Mittelfussknochens der Länge nach 
schneidet, dann das Nagelglied der grossen Zehe in zwei gleiche Hälften 
zerlegt. Beim Gehen spreizen sich die Zehen und die grosse wendet sich 
etwas weniges nach auswärts. 

Beim missgestalteten Fusse fällt diese von der Mitte der Ferse kom¬ 
mende und durch das erste Metatarsusköpfchen gehende Längenaxe nach 
auswärts vom ersten Gliede der grossen Zehe. 

Wenn der Schuhmacher das Maass nimmt, indem er den auf das Papier 
gestellten Fuss umschreibt, versäumt er es, die grosse Zehe etwas nach 
auswärts zu weisen und von der Richtigkeit seiner Arboit fest überzeugt, 
bringt er auch noch eine Aushöhlung für das beginnende Hühnerauge an, 
und allmählich macht er, der Einwärtsrenkung der grossen Zehe folgend, 
den Schuh immer spitzer. 

Nun entwickeln sich unter dem Grosszehengelenke (Metatarso-palanx- 
gelenk) Schleimbeutel, diese entzünden sich; der Nagel wächst ein; die 
übrigen Zehen legen sich übereinander, sind im Schweisse gebadet, die 
Oberhaut wird macerirt, entzündet, verschwürt, und die Nägel schneiden die 
anliegenden Zehen seitlich ein. 

Eine sehr grosse Anzahl farbiger Abdrücke von Fusssohlen zur Ein- 
theilung Einberufener ist in einem Nebengebäude der Reitschule aufgestellt 
und zeigt alle möglichen Variationen des Plattfusses und der Zehenver¬ 
schiebung. ^ 

Vor Allem ist das Engesein, der seitliche Druck, der Schuhe Schuld 
am Einsinken des Fnssgewölbes, am Plattfusse. Ein kleiner, sehr lehrreicher 
Apparat veranschaulicht den Mechanismus dieser Schädigung. Man ver¬ 
bindet zwei Korkpfröpfe durch zwei horizontale in der Wärme gekrümmte 
Fischbeine; ferner verbindet man sie durch zwei senkrechte Fisch beinbogen; 
erstere stellen die Seiten, letztere das Gewölbe des Fusses vor. Drückt man 
nun die horizontalen Bogen gegen einander, so entfernen sich die Kork¬ 
pfröpfe in dem Maasse der Streckung dieser Fischbeine, und die senkrecht 
gestellten Bogen müssen der Verlängerung folgen, d. h. sich strecken, flacher 


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IL Section (Berichterstatter Dr. Sonderegger). 261 

werden. (Es ist der umgekehrte Vorgang wie beim Hängebauche des 
Bucklichten. Ref.) 

Neben der engen Beschuhung ist aber auch das frühzeitige Tragen zu 
schwerer Lasten als eine häufige Ursache des Plattfusses anzusehen. 

Es werden dann die grundlegenden Arbeiten des alten Camper und 
unseres Zeitgenossen Herrn, v. Meyer besprochen. 

Gute Schuhe müssen folgende Eigenschaften besitzen: 

1. Die neben einander gestellten inneren Ränder dürfen sich nur bei 
den Fersen und bei den Fussspitzen berühren, nicht aber am Gross¬ 
zehen-Mittelfussgelenke ; 

2. die Sohle muss 18 mm länger sein als der Fuss, um diesem die 
federnden Bewegungen des Fussgewölbes zu gestatten - r 

3. die Schuhsohle muss sich den Vorsprüngen und Vertiefungen der 
Fusssohle anpassen und muss insbesondere in der Höhlung des Fasses 
glatt sein; 

4. am hinteren Köpfchen deB fünften Mittelfussknochens darf kein 
Druck stattfinden und es muss der ganze äussere Sohlenrand einen 
weiten nach aussen convexen Bogen beschreiben; 

5. Absätze breit und nicht hoch! 

Die Frage, ob Schuhe, Halbstiefel oder Stiefel, kommt erst in zweiter 
Linie, weil die Basis maassgebend ist. 

In der Schweiz ist es einstweilen noch schwer, gutes Schuhwerk ein- 
zoführen, weil der Soldat seine Schuhe selbst anschaffen muss. Abhülfe 
steht in Aussicht. Wo der Staat Alles leistet, sollte rationelles Schuhwerk 
selbstverständlich sein. 

Italien hat sich schon 1876 an der Ausstellung zu Bern durch seine 
guten Militärschuhe ausgezeichnet; in Oesterreich, Russland und Frankreich 
sind diese mittelmässig, selbst schlecht; Deutschland hat überall rationelle 
Beschuhung eingeführt. 

Auch in dieser Frage sollte man bei der Schuljugend schon anfangen, 
weil mancher schwere Schaden im späteren Alter unheilbar ist. Bei Kin¬ 
dern reichen zuweilen schon schlechte Strümpfe aus, Missbildungen zu ver¬ 
ursachen. 

Die von der Versammlung angenommenen Schlusssätze lauten fol- 
gendermaassen: 

1. Die gewöhnlichen Schuhe und Stiefel, sowohl paarig als unpaarig, ent¬ 
sprechen dem Bau des Fusses nicht. 

2. Das Tragen dieser Fussbekleidungen erzeugt nothwendig und direct eine 
falsche Zehenstellung; indirect erzeugt oder begünstigt es eine Menge 
Gebrechen, welche dem Menschen Leiden bereiten und seine physische 
Leistungsfähigkeit herabsetzen. 

3. Diese Gebrechen vermindern jährlich die Zahl der diensttauglichen 
Rekruten um 5 bis 6 Proc. 

4. Dieser Uebelstand kann nur durch eine naturgemässe Pflege und Be¬ 
kleidung des Fusses vom Tragen der ersten Fussbekleidung an beseitigt 
werden. 

5. Die Grundbedingung einer naturgemässen Fusspflege bildet, ausser der 
Stärkung der Füsse durch kaltes Waschen, eine Fussbekleidung, welche 
die natürliche Form des Fusses erhält statt sie zu beeinträchtigen. Vom 
Strumpf muss das Nämliche verlangt werden. 


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262 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf. 

6. Um einer naturgemässen Fassbekleidung an Stelle der fehlerhaften 
allgemeinen Eingang zu verschaffen, empfiehlt sich hauptsächlich: 

a. Belehrung sowohl des Publicums als der Schuhmacher über die 
Wirkungen der gewöhnlichen Fussbekleidungen und über die Kenn¬ 
zeichen des naturgemässen oder rationellen Schuhwerks. 

b. Specialunterweisung der Schuhmacher hierüber und zwar zunächst 
der Militärschuhmacher. 

c. Einführung von rationellem Schuhwerk in allen Anstalten, in welchen 
dasselbe durch den Staat, die Gemeinden oder sonst aus öffentlichen 
Mitteln geliefert wird (Armee, Waisenhäuser, Erziehungs-, Ver¬ 
sorg ungs und Strafanstalten etc.). 

d. Moralische und finanzielle Unterstützung der Schuhgeschäfte, welche 
dem Publicum' wirklich rationelles Sch uh werk liefern; Zwang der 
übrigen durch die Concurrenz, den gleichen Weg einzuschlagen. 

Die sehr lebhafte Discossion wurde eröffnet durch Dr. Both (London), 
der sich seit 25 Jahren mit der Beschuhungsfrage, zunächst zu orthopä¬ 
dischen Zwecken, beschäftigt. Auch er anerkennt v. Meyer’s Ansichten 
und Vorschläge. 

Beim Maassnehmen schiebt er einen Wattepfropf zwischen grosse Zehe 
und die zweite, um die Richtung zu verbessern; auch will er die dem 
hohlen Fusse entsprechende mittlere Sohle ganz weich und biegsam hal¬ 
ten — was Ziegler unnütz, selbst schädlich findet —, ebenso in die 
dem Fu88gewölbe entsprechende Stelle ein kleines Kissen legen u. s. w., 
bis wir beim orthopädischen Schuh angelangt sind. Er zeigt Strümpfe, 
welche nach Art der Fausthandschuhe ein besonderes Fach für die grosse 
Zehe haben. Die Erfinderfreude wurde ihm durch einen Japanesen ver¬ 
dorben, welcher solche Handschuhstrümpfe als alte Mode und japanesische 
Militärordonnanz mitbrachte und trug. 

Roth hatte eine Sammlung rationeller Schuhe ausgestellt, darunter 
sehr zweckmässige Damenschuhe (auf dem Continente sind das weisse 
Raben! Ref.). 

Dr. Ziegler Btellte ausser den Militärschuhen vieler Länder auch eid¬ 
genössische aus, von welchen weniger die neuen, als die in neunzigtägigem 
Dienste angebrauchten lehrreich waren. 

Bei diesem Anlasse trat auch Prof. Jäger (Stuttgart) für seinen Normal¬ 
schuh in die Schranken. Nachdem sie sein grosses Lager von Flanellhem¬ 
den und Nachtgewändern, Bettdecken u. s. w. summt den dazu gehörigen 
homöopathisch-mercantil- spiritistischen Broschüren in der Ausstellung ge¬ 
sehen hatten, imponirte es unseren französischen Collegen, dass er überdies 
auch noch Professor der Physiologie und der Zoologie sei. Selbstverständ¬ 
lich fand der Normalschuh aus Schweissieder mit weicher Sohle als „ chaus - 
sure de luxe“ gebührende Beachtung, sowie auch die Normalkleidung, welche 
bestimmt ist, schöne Körperformen ausnahmsweise auch einmal bei Männern 
(welche solche besitzen) zur Geltung zu bringen. 

Dr. Daily (Paris) führte die Discnssion sofort wieder zum akademischen 
Ernste zurück; er anerkennt die Schlusssätze Ziegler’s, ist aber über die 
hohe Zahl der schweizerischen Fussdifformitäten höchlich erstaunt Der 
Plattfass sei ein Rassenfehler und meistens keine grosse Beeinträchtigung 
der Gehfahigkeit. 


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II. Section (Berichterstatter Dr. Sonderegger). 263 

Dr. Vallin (Paris), der wie Ziegler sehr zahlreiche Abdrücke gemacht, 
widerspricht dem Optimismus Daily’s und 

Dr. Ziegler ergänzt, dass unter den militärfreien Plattfüssen nur 
solche mit ausgesprochenen Deviationen verstanden seien. 

Dr. Axel Lamm (Stockholm) theilt mit, dass seit 1867 der rationelle 
Schuh in Schweden sehr verbreitet sei. 

Dr. Gosse, Professor der gerichtlichen Medicin in Genf, glaubt, dass 
Rasse und Vererbung beim Plattfusse wesentlich betheiligt seien. Bei Anlass 
einer Criminaluntersuchung, bei welcher es sich darum handelte, zu bestim- 
men, ob eine Fussspur von einem Menschen herrühre, welcher niemals Schuhe 
getragen, hat Gosse mehr als 2000 Fussmessungen vorgenommen. Gang¬ 
art und Füsse beeinflussen sich gegenseitig. Die Indier und die Indianer 
laufen auf dem inneren Fussrande, Ferse und Mittelfussköpfchen der grossen 
Zehe, und drehen die Fussspitzen einwärts. Barfüssler bekommen über¬ 
haupt sehr bewegliche, zum Greifen taugliche Grosszehen, ebenso die See¬ 
leute. Plattfüsse sind auf dem Lande sehr häufig und werden oft erst dann 
empfunden, wenn sie in enge Schuhe gesteckt werden. Als er noch Militär¬ 
arzt gewesen, musste Gosse einen Mann wegen PlattfüsBen entlassen, der 
bald darauf das Matterhorn bestieg und sehr oft seine 18 Wegstunden des 
Tages marschirte. Die Nachahmungsepidemie der Mode verderbt unter 
Anderem auch das Schuh werk und die Füsse in hohem Grade, und die 
Bürgerkrone allen Fortschrittes gehört dem, der einmal die Damen und die 
Schuhmacher zum Rationellen zu verführen vermag. 

Dr. Raymondaud (Limoges) wiederholt die alte Klage über die hohen . 
Absätze und ihre chirurgischen Folgen; ihm schliessen sich Mehrere an 
in der Verurtheilung der, selbst auf dem Lande und bei den gröbsten 
Schuhen, zu schmalen Sohlen. Ueberall wird die breite Grundlage zu wenig 
geschätzt! 

Dr. Gosse, Prof, der gerichtlichen Medicin in Genf, spricht hierauf 

Ueber die Wahl des Bodens für Begräbnissplätze. 

Nachdem Genf unter dem Widerspruche vieler Aerzte einen sehr mittel- 
mässigen Grund für eine Friedhofsanlage gewählt, ist der Vortragende mit 
einer Begutachtung beauftragt worden, deren grundlegende Untersuchungen 
in einem grösseren Werke nächstens erscheinen werden. Er betont gegen¬ 
über Vogt, dass lehmhaltiger Boden schlecht ist und die Leichen in Fett¬ 
wachs ( Adipocire ) verwandelt, oft in dem Grade, dass zwölf Jahre nach der 
Beerdigung einzelne Leichen noch ganz kenntlich und die Gesichter wie 
aus Wachs getrieben aussehen. Er bedauert, dass in der Schweiz nicht, 
wie in Italien, die ausgegrabenen Leichen- und Sargüberreste verbrannt 
werden. 

Den besten Friedhofsgrund geben geneigte Flächen mit kalk- und 
kieselhaltigem Erdreich. 

Dr. Pini (Mailand) berichtet, dass in sehr vielen Städten Italiens ein 
guter Friedhofsgrund'gar nicht zu Anden und eben desswegen die günstige 
Aufnahme der Leichen Verbrennung leicht erklärlich ist. 


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264 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf. 

Dr. Christoforis, Präsident der Leichenyerbrennungscommission von 
Mailand, referirte in einem längeren Vortrage 

Ueber Leichen Verbrennung, 

aus welchem hier folgende Data — der in Aussicht stehenden Monographie 
vorgängig — angeführt werden mögen. 

Die Regierung hat gestattet, dass die Asche nicht nur im Columbarium 
auf dem Friedhofe, sondern auch in einer Kirche oder einem Bethause auf* 
bewahrt werden dürfe. 

Dem Vor würfe, dass die Cremation jede nachträgliche gerichtliche 
Leichenuntersuchung abschneide, sucht man dadurch zu begegnen, dass man 
neben dem Crematorium einen Sectionssaal errichtet. In Mailand hat Loria 
zu diesem Zwecke 30000 Franken testirt. (Schwieriger und kostspieliger 
könnte die Frage des wissenschaftlich genauen und praktisch brauchbaren 
Betriebes einer solchen pathologisch-anatomisch-prophy laotisch-forensischen 
Anstalt werden! Ref.) 

Die Cremationsgesellschaft hat sich mit grossem Eifer, aber ohne Erfolg 
bemüht, dem Wunsche Garibaldis, seine Leiche zu verbrennen, gerecht 
zu werden. 

In Italien wurden bisher 306 Cremationen vorgenommen, davon 207 
in Mailand, jedesmal nach einer sehr genauen ärztlichen Leichenschau. 
Dresden hatte von 1874 bis heute 70 Cremationen. 

In der Schweiz hat Zürich Anstrengungen gemacht einen Siemens 
sehen Ofen einzurichten. Finanzielle Schwierigkeiten und das Zusammen¬ 
schmelzen des Vereins von 600 auf 180 Mitglieder haben die Frage ins 
Stocken, wenn auch nicht zur Ruhe gebracht, und jetzt wird mit Mailand 
über einen Gorini’schen Ofen unterhandelt. 

[Diese, Mittags den 6. September vorläufig abgebrochene Verhandlung 
wurde auch den 7., bei einer glanzvollen Festfahrt auf dem Genfer See, im 
Salon des Dampfschiffes, von einer Gruppe warmer Freunde der Cremation 
fortgesetzt und dann den 8. in der programmgemftssen Sectionssitzung zu 
Ende geführt.] 

Dr. Pini (Mailand) und Herr Köchlin-Scliwarz (Paris) befürworteten 
eine Eingabe an alle Regierungen, dass die bisherigen gesetzlichen Hinder¬ 
nisse der Cremation beseitigt werden möchten. 

Dr. Bert (Genua) beantragt den Wunsch für positive Förderung anstatt 
bloss negativer Gewährung. 

Dr. Bergeron (Lyon) wünscht, dass wenigstens in den Spitälern die 
Leichen ansteckender Kranken obligatorisch verbrannt werden. In Lyon 
habe eine Pockenleiche eine jetzt noch in der Stadt wüthende Epidemie 
veranlasst. (Wenn die Sicherheitsvorkehrungen erst bei der Cremation an¬ 
fangen, ist’s jedenfalls zu spät! Ref.) 

Dr. Raymondaud (Limoges) erzählt die Geschichte der Infection 
und des Todes dreier Menschen durch ein milzbrandkrankes Thiercadaver. 
Man beantragte fahrende Verbrennungsöfen nach dem System Lodi. Der 
Vorschlag wurde wegen des Kostenpunktes zurückgewiesen. 

Dr. Vallin (Paris) erinnert daran, dass bei gegenwärtiger Zeit die For¬ 
derung irgend einer obligatorischen Leichenverbrennung das allersicherste 


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II. Section (Berichterstatter Dr. Sonderegger). 265 

Mittel sei, diese in gänzlichen Misscredit zu bringen und für lange unmöglich 
zu machen. Mit der Aussicht auf allfällige Verbrennung gehen die Armen, 
auch die contagiösesten, gar nicht mehr in das Spital, und zudem ist der 
Kranke immer viel gefährlicher als der Todte. Die bisherigen Desinfections- 
methoden müssen genau gehandhabt werden, wenn die Prophylaxe einen 
Werth haben soll. 

Für Anatomieabfalle ist die Verbrennung an der medicinischen Schule 
zu Paris auf den Antrag von Trelat und Bourneville in Aussicht genom¬ 
men und amtlich gestattet worden. 

Dr, Axel Lamm (Stockholm) bittet, die Behandlung der Frage, wie die 
gerichtlich - medicinischen Untersuchungen zu salviren wären, vor dem ge¬ 
summten Congresse zu discutiren, damit die Freunde der Cremation neue 
Beweisgründe an die Hand bekämen, welche auch vor den Parlamenten 
stichhaltig wären. 

Dr. Gosse (Genf) spricht ein wahres und eindringliches Wort zu 
Gunsten der Privatautopsieen überhaupt und ermahnt alle Anwesenden, da¬ 
für Propaganda zu machen. 

Bei der Cremation wäre seines Erachtens das Entwischen eines Ver¬ 
brechers weniger schlimm als die Verurtheilung eines Unschuldigen, und 
er erwähnt des Falles von Orfila, in welchem einem an grossartiger Gehirn- 
hämorrhagie Gestorbenen Blausäure in den Mund geschüttet worden war. Also 
genaueste Autopsie und dann erst Cremation! Diese wäre z. B. für die Bour- 
gogne, wo der Boden für einen guten Friedhof gar nicht zu finden ist, eine 
wahre Wohlthat. 

Der Schlusssatz, einstimmig angenommen, heisst: 

„Im Anschluss an die Wünsche der vorhergegangenen hygieni¬ 
schen Congresse stellt der vierte internationale hygienische Congress 
zu Genf aufs Neue das Ansuchen an die Regierungen, dass sie, in 
Anerkennung der persönlichen Freiheit und der Forderungen der Ge¬ 
sundheitspflege, die gesetzlichen Hindernisse, welche der Cremation 
bis anhin noch in verschiedenen Staaten entgegenstchen, beseitigen 
und dagegen die grossen Vortheile', welche die Cremation bei Epide- 
mieen bietet, erwägen möchten.“ 

Dr. Sormani, Professor der Hygiene zu Pa via, giebt hierauf Mitthei¬ 
lungen über seine 

Medicinisch - statistischen Studien über die Sterblich¬ 
keit in den Armeen. 

Die grosse, lebendig vorgetragene, durch zahlreiche Tabellen und Curven 
illustrirte Abhandlung sagt uns in ihrer Einleitung Folgendes: Die gesammte 
jährliche Todesziffer ist in der preussischen Armee 6 pr. mille, in Frank¬ 
reich 10 pr. mille. Die Ausschlagskrankheiten (acute Exantheme), welche 
in Deutschland fast ganz verschwinden, verursachen viele Todesfälle in 
Italien (Masern) und in Frankreich (Pocken). Die Typhussterblichkeit ist 
am grössten in der französischen Armee, dann in der italienischen, dann in 
der Österreichischen, dann in der preussischen, am kleinsten in der eng¬ 
lischen. Woher kommen diese Unterschiede? (Von der Reinlichkeit! Ref.) 
Der Selbstmord nimmt überhand in Oesterreich, ist selten in Frankreich 


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266 Vierter internationalem Congress für Gesundheitspflege zu Genf. 

und England, häufig, aber doch in Abnahme, in Deutschland. Herzaffectionen 
sind besonders zahlreich in der englischen Armee. 

Schlusssätze: 

Die Nachforschungen über die Sterblichkeit und die Todesursachen in den 
europäischen Armeen ergeben folgendes Resultat: 

1. Die Curve der Sterblichkeit der Armeen folgt mit einem gewissen Pa¬ 
rallelismus derjenigen der Bevölkerung desselben Landes im Allgemeinen. 

2. Die Sterblichkeit beim Militär muss geringer sein, wie diejenige der 
männlichen Bevölkerung gleichen Alters. Das Gegentheil muss als eine 
anormale Thatsache betrachtet werden und verlangt die Anwendung 
energischer Maassregeln. 

8. Die Militärbehörden sind verpflichtet alle von der Hygiene empfohlenen 
Maassregeln anzunehmen und vorzuschreiben, um das Leben und die 
Gesundheit der dem Heere angehörigen Männer zu schützen. 

4. Die mit Ordnung und Wahrheitsliebe verfasste ärztliche Statistik der 
Armeen muss die ärztlichen und Verwaltungsbehörden über die im 
Interesse der militärischen und öffentlichen Gesundheitspflege anzu¬ 
wendenden Maassregeln auf klären. Richtig verstanden wird dieselbe 
Statistik auch dazu dienen, den Einfluss und die Wirkungen der an¬ 
gewendeten Maassregeln, sowie den Grad ihrer Nützlichkeit festzustellen. 

5. Sobald eine Statistik der Erkrankungen und der Todesursachen einem 
hygienischen Zweck dienen soll, müssen die Thatsachen mit Hülfe eines 
ätiologischen Criteriums gesammelt werden. Es würde sehr nützlich sein, 
wenn die Gesundheitsstatistiken aller Armeen dieselbe Classificirung auf 
ätiologischer Grundlage befolgten. 

6. Die in diesen letzten Jahren veröffentlichten Gesundheitsstatistiken hatten 
zuerst das Verdienst die Aufmerksamkeit der Gesetzgeber auf die ausser¬ 
ordentliche Sterblichkeit der Armeen zu lenken. In Folge dieser That¬ 
sachen wurden Maassregeln ergriffen, welche bereits die Sterblichkeit 
vermindert haben. 

7. Die neuesten Statistiken zeigen folgende Krankheiten als die in den ver¬ 
schiedenen Armeen vorherrschenden: 

a» In der italienischen Armee die acuten und chronischen Krank¬ 
heiten der Athmungsorgane, die Tuberculose; sodann 
Abdominaltyphus, Masern, Malaria, Fieber und Malaria- 
cachexie, und die Krankheiten der chylopoetischen Organe. 

b. In der französischen Armee zuerst Abdominaltyphus, dann 
tuberculose Lungenschwindsucht und die acuten Krankheiten 
der Athmungsorgane. 

c. In der österreichischen Armee zuerst die acuten Krankheiten der 
Athmungsorgane, dann die chronischen Erkrankungen derselben 
Organe, die tuberculose Lungenschwindsucht, der Abdominal¬ 
typhus und endlich die Blattern und der Selbstmord. 

d. In der englischen Armee zuerst scrophulöse und tuberculose 
Krankheiten, die Krankheiten der Athmungsorgane und des 
Herzens; sodann die Leiden der Harnorgane und die Verun¬ 
glückungen. 

e. In der deutschen Armee erreichen die Todesfälle durch Selbstmord 
und Verunglückung eine verhältnissmässig grössere Zahl wie in 
den anderen Armeen, aber Todesfälle durch Krankheiten sind in 
der preussischen Armee weniger häufig wie in allen anderen. 

8. Verwaltung und Militärärzte müssen immer vor Allem eine Verminderung 
der Krankheiten erstreben, welche die meisten Todesfälle verursachen. 
Es ist keine Utopie anzunehmen, dass manche Todesursachen, wie 


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II. Section (Berichterstatter Dr. Sonderegger). 267 

Scrophulose, Blattern, Masern, Scharlachfieber, Malariainfection, Scrobut, 
Alcoolismus, Syphilis u. s. w., gänzlich oder fast gänzlich aus den Armeen 
verschwinden können. 

Die Mitglieder des Congresses, welche zu europäischen Armeen gehören, 
sind gebeten, der Section die von ihren respectiven Regierungen zum Schutze 
der Gesundheit der Truppen und Verminderung der Heeressterblichkeit ange¬ 
nommenen Maassregeln gütigst mitzutheilen. 

Die sehr lebendige Discnssion wurde eröffnet von Dr. Valiin (Paris), 
welcher bei dieser, nebenbei sehr gelobten Mortalitätsstatistik auf zwei Fehler¬ 
quellen aufmerksam machte: 1) auf die verschiedene Rigorosität bei der 
Zutheilung in die Armee und 2) auf die verschiedene Häufigkeit der Beur¬ 
laubungen. So haben z. B. Preussen und England eine viel geringere 
Sterblichkeit als Frankreich, aber dieses, welches jährlich 10 pr. mille 
Todesfälle zählt, hat nur 16 pr. mille Beurlaubte, während England und 
Preussen deren 24 bis 26 pr. mille aufweisen. Wer viele Kranke nach 
Hause schickt, hat dann selbstverständlich weniger Todte. 

Nicht kleiner sind die Unterschiede bei der Recrutirung. Bei allgemeiner 
Wehrpflicht nimmt man manchen Recruten an, den man beim Anwerbe- 
oder Miethsystem von England als „zu grosses Risico u ab weisen würde. 
(Eine richtige preussische „ Gestellung u ist wenigstens so wählerisch als ein 
englisches Werbebureau. Ref.) 

Vor 1870 wurden in Frankreich auf 100 Einberufene 36 als dienst¬ 
untauglich wieder entlassen, seit 1870 kaum noch 25! Desswegen ist das 
französische Volk doch nicht stärker als zuvor; auch hat nicht einmal die 
Todesziffer der Armee zugenommen, weil man jetzt 16 bis 18 pr. mille 
Beurlaubte hat gegen 8 pr. mille vor 1870. Schliesslich bringt auch die 
Eintheilung und Benennung der Krankheiten viele Verwirrung. So hat 
jede Statistik einige Haken! 

Die spanischen Aerzte Dr. Cabello (Madrid), Dr. da Cunha Belem 
(Lissabon) und Dr. Jose Ennes (Lissabon) geben fernere Daten, besonders 
auffallend die, dass bei der Besatzung von Lissabon Typhus selten, Lungen¬ 
schwindsucht (auch ganz acute) sehr häufig sei. 

Tollet (Paris) macht auf den mächtigen Einfluss der Casernirung auf¬ 
merksam und stellt in dieser Beziehung die Engländer als Vorbild auf. 

Den Schluss der zweiten Sitzung bildet ein Vortrag von Dr. H. Henrot, 
Professor der Hygiene in Reims, über die 

Prophylaxis der Diphtherie. 

Die von dem Redner aufgestellten Schlusssätze lauten: 

1. Die Sterblichkeit durch Diphtherie nimmt in Frankreich und in mehreren 
Gegenden Europas in erschreckender Weise zu. 

2. Es besteht ein wissenschaftliches Mittel, die Ansteckung durch die Athcm- 
wege für Infectionskrankheiten und besonders Diphtherie zu verhindern, 
nämlich durch den Respirator von antiseptischer Watte. Dieser hält 
am Eingang von Mund und Nase die Contagiumselemente auf, indem er 
die Luft reinigt und filtrirt, sowie der Kohlenfilter das Wasser. Es ist 
Pflicht des Arztes, den Gebrauch dieses Schutzapparates den Schülern, 
Wärtern und anderen Personen zu befehlen, welche durch ihre Berufs¬ 
pflichten gezwungen sind, an seiner Statt auf einem so gefährlichen 


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268 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf 

Posten, wie zum Beispiel in einem durch Diphtherie inficirten Kranken¬ 
saal zu verbleiben. 

3. Die Diphtherie ist nur desshalb in den letzten Jahren so verheerend 
aufgetreten, weil man sie unvollständig behandelt und die häufig 
wiederholten antiscptischen Bepinselungen } hauptsächlich wegen der 
Gefahr dieser Procedur für den Operirenden, vernachlässigt hat. 

Mit einem Schutzapparat, wie der Watterespirator oder jeder andere 
dem gleichen Zwecke entsprechende Apparat, erzielt man folgende Vor¬ 
theile : 

a. Die örtliche Behandlung der Diphtherie rückt wieder auf den ihr 
gebührenden ersten Platz. Sie wird die Heilung einer viel grösse¬ 
ren Anzahl Patienten ermöglichen. 

b. In den Spitälern werden die Oberärzte den jähen Todesfällen durch 
übertragene Diphtherie, welche so häufig und so grausam das ärzt¬ 
liche Personal befallen, ein Ende setzen. ' 

c. Die antiseptiscbe Behandlung der Athemwcge wird in der inneren 
Medicin einen ebenso bedeutenden Fortschritt herbeiführen wie der 
Li st er’sehe Verband in der Chirurgie. 


Dritte Sitzung. 

Freitag, den 9. September. 

Die Sitzung eröffnet Dr. Juillard, Professor der Chirurgie in Genf, 
mit einem Vortrage 

Ueber Spitalbaracken. 

Der Vortragende verfolgt den Ideengang Lister’s, der in seinem alten 
und überfüllten Spitale zu Edinburg die Aufgabe löste, die Wunden für die 
Spitalgifte zu sterilisireu und diese zu zerstören; dann stellt er sich auf 
den Standpunkt der Prophylaxis, welche ausser der örtlichen Desinfection 
Lister’s auch die allgemeinen Lebeusbedingungen regelt und ihren wür¬ 
digen, sehr ruhmvollen Ausdruck gefunden hat in den Barackenlazarethen 
Nordamerikas und Deutschlands. Darauf schildert er die (von sehr vielen 
Congre8smitgliedern besuchten) Zeltbaracken des Genfer Cantonspitals, wo 
die ganze chirurgische Klinik im Winter das Haus, im Sommer aber den 
Garten bewohnt. Die Baracken, gegenwärtig neun, haben einen Bretter¬ 
boden, Va m über der Erde, Wände aus Segeltuchvorhängen, undurchdring¬ 
liches leichtes Dach mit Dachreiter. Die Resultate sind, wie in allen rein¬ 
lich gehaltenen und nach List er 1 sehen Grundsätzen verwalteten Baracken, 
sehr gute. 

Dr. Oscar Wyss, Professor der Hygiene an der Universität Zürich, 
referirt 

Ueber Infectionen im Spital und zumal in Kinder- 
spitälem. 

Der Vortragende giebt eine Reibe von Erlebnissen aus dem vortreff¬ 
lich eingerichteten nnd seit 1S74 von ihm (in ausgezeichneter Weise! Ref.) 
geleiteten Kinderspitale zu Zürich. Die lsolirung der einzelnen contagiösen 


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II. Section (Berichterstatter Pr. Sonderegger). 2G9 

Krankheitsformen ist in den deutschen Spitalern viel selbstverständlicher 
und viel strenger durchgeführt als in den französischen, und es ist desshalb 
sehr bemerkenswerth, dass die ganze Section den Ansichten und Forderungen 
des Referenten einstimmig beipflichtete. 

Die von dem Referenten aufgestellte These lautet: 

In Kinderspitälern ist eine möglichst weitgehende strenge Isolirnng 
aller mit ansteckenden Krankheiten Behafteten anzustreben, sofern man 
solche Anstalten nicht in den Misscredit von Seucheherden bringen will. 

Dr. v. Armaingaud, Professor in Bordeaux, bespricht 

Die Seesanatorien für scrophulöse und rhachitische 
Kinder. 

Referent giebt eine Schilderung der rühmlich bekannten italienischen 
Stationen und berichtet dann über den Betrieb und die Erfolge der franzö¬ 
sischen Station Berk-sur-Mer. 

Prof. d’Espine (Genf) ist so glücklich zu melden, dass auch die vom 
Meere weit abgeschlossene Schweiz wenigstens zwei grössere ^Versuche mit 
solchen Kolonien gemacht hat. Die Tessiner schicken scrophulöse Kinder 
nach dem Lido (Venedig) und die Genfer nach Cette. Wenn in schweren 
Fällen der mehrmonatliche Aufenthalt im Seebade nicht genügt, so kann 
die Genesung wesentlich durch einen Winteraufenthalt au einer milden 
Küste gefordert werden. Der Philanthrop Jean Dollfuss hat zu diesem 
Zwecke einen gelungenen Versuch in Cannes gemacht. 

Ein Arzt aus Russland fügte die beherzigenswerthe Mittheilung bei, 
dass in einigen Gouvernements zu gleichem Zwecke und mit guten Erfolgen 
Waldstationen für scrophulöse Kinder eingerichtet und betrieben werden. 

Die Versammlung trennte sich mit dem lebhaft ausgesprochenen Vor¬ 
sätze, diese sehr wichtige und dankbare Frage weiter zu verfolgen und sie 
zu fördern. 

Die Schlusssätze des Vortrages Armaingaud sind folgende: 

1. Durch die ungeheure Anzahl ihrer Opfer in allen Ländern der Erde, 
bildet die Scrophulosis eine der traurigsten Geissein der Menschheit. 
Die Zerstörung dieses Feindes ist folglich eine der beachtungswürdigsten 
Fragen für die Hygieniker. 

2. Es ist heute ein in der Heilkunde feststehender Satz, dass längeres Ver¬ 
weilen am Meeresstrande und der Gebrauch der Seebäder von so mächtiger 
Wirkung gegen die Entwickelung der Scrophulosis sind, dass durch 
allgemeine Anwendung dieses Mittels die scrophulösen Leiden und deren 
Folgen in grossartigem Maassstabe sich vermindern und die Kraft und 
Gesundheit der Bevölkerungen erheblich gesteigert würden. 

3. Die Seebadheilanstalten, welche seit einigen Jahren in verschiedenen 
Ländern Europas gegründet wurden, sind zur Erreichung dieses Zweckes 
noch ganz ungenügend. 

4. In Folge dieses Missverhältnisses zwischen dem erstrebten Ziele und den 
gegenwärtig dazu verwendbaren Mitteln muss alles aufgeboten werden, 
um die in den schon bestehenden Anstalten erreichten Erfolge, sowohl 
als die Sicherheit und Einfachheit dieser Heilmethode bekannt zu machen 
und dem allgemeinen Publicum die Nothwendigkeit der Vermehrung 
der Seebadanstalten zu beweisen. Referent fordert also die Mitglieder 


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270 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf. 

des Gongresses auf, die Mittel zu berathen, durch welche am besten 
die öffentliche Meinung auf diese Frage gelenkt, die staatliche und Pri- 
vatwohlthätigkeit für diesen Zweck begeistert werden dürfte. 

ß. Folgende Punkte werden der Aufmerksamkeit und dem Nachdenken der 
Hygieniker speciell empfohlen: 

a. Mit welchen Mitteln lässt sich eine genaue oder wenigstens genü¬ 
gende Statistik der Scrophulosis in Bezug auf Morbidität, Sterblich¬ 
keit und geographische Vertheilung, ausserdem für jedes Land eine 
vergleichende Statistik nach Gegenden, Provinzen und kleineren 
Bezirken erlangen? Hier wird besonders appellirt an die Aerzte 
und Gesundheitscollegien der von Scrophulosis am meisten geplagten 
Gegenden und Städte behufs Erlangung von Documenten über die 
speciellen wirtschaftlichen, socialen, gewerblichen etc. Ursachen, 
welche in den betreffenden Orten die aussergewöhnliche Häufigkeit 
der Scrophulosis erklären können. 

b. Die Anzeigen und Gegenanzeigen der maritimen Behandlung sind 
noch nicht mit genügender Schärfe erforscht, einige der bekannten 
Gegenanzeigen noch nicht genügend von den praktischen Aerzten 
berücksichtigt. Man muss unter den Scrophelleiden solche unter¬ 
scheiden, welche zugleich die Cur durch Seeluft und Seebäder, und 
solche, welche nur Seeluft ohne Bäder brauchen. Man muss die 
verschiedenen Zonen der europäischen Küsten, in Betreff ihrer ver¬ 
schiedenartigen Einwirkung auf gleichartige Scrophelleiden ver¬ 
gleichen, speciell die Stationen erforschen, welche scrophulösen 
Schwindsüchtigen zu untersagen sind, ebenso diejenigen, welche als 
Sanatoria für Schwindsüchtige, wie für Scrophulöse, sei es nur als 
Sommeraufenthalt, sei es als Winter Stationen, oder für das ganze 
Jahr Verwendung finden können. 

6. Einer der wichtigsten Punkte wäre der Vergleich des italienischen Systems 
(Aufenthalt von 6 Wochen bis höchstens drei Monaten) mit dem franzö¬ 
sischen (ein oder mehrere Jahre). Die statistischen Daten der betreffenden 
Anstalten wären hierzu nothwendig. 

7. Um das Werk der Seesanatoria zu ergänzen und um Recidive, sowie die 
Wiederkehr der in Tuberculosis umgewandelten Diathese im Jünglings¬ 
alter zu vermeiden, ist es wichtig, nach der Heilung der Kinder nur so 
wenige als möglich den städtischen und gewerblichen Centren zurück¬ 
zugeben und den praktischen Mitteln nachzuforschen, um die grösst- 
möglichste Anzahl dieser Kinder den ländlichen und maritimen Berufs¬ 
arten zuzuführen. 


1 


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III. Section (Berichterstatter Dr. G. Varrentrapp). 


271 


III. Section. 

Beziehungen der Gesundheitspflege zur Physik, 
Chemie, Baukunde und Ingenieurwissenschaft. 

Berichterstatter: Dr. G. Varrentrapp (Frankfurt a. M.). 


Erste Sitzung. 

Dienstag, den 5. September. 

Vorsitzender: Professor Monnier (Genf). 

Als erste Frage kam zur Verhandlung: 

Abfuhr und Siele. 

Herr Alfred Durand-Claye, Ingenieur en chef des ponts et chaussies , 
Professor der Baukunde an der icole des ponts et chaussies und an der icole 
des heaux arts , von der Stadt Paris wesentlich mit der Ausführung des Siel¬ 
systems und speciell mit der Herrichtung der Kieselanlagen auf der Halb¬ 
insel Gennevilliers betraut, hatte das einleitende Referat übernommen. Er 
schilderte zuvörderst den Stand der Städteentwässerungsfrage in den ver¬ 
schiedenen Ländern und sprach sich nach Erörterung des separate System 
unbedingt für das System tout ä Vigout mit landwirtschaftlicher Verwen¬ 
dung der Abwasser aus, wie diese mit so grossem Erfolge auf der Ebene 
von Gennevilliers durchgeführt würde l ). Statt hier eine auszugsweise 
Wiedergabe des äusserst frischen und praktischen Vortrags zu liefern, dessen 
Hauptpunkte übrigens von den nachfolgenden Rednern vielfach berührt 
wurden, verweisen wir um so mehr auf seine gleichlautenden Mittheilungen 
an die Socitii de midecine publique et d’hygüne professionelle in der Revue 
ifhygüne , 1882, S. 331, 424, 521 und 582, als es genannte Zeitschrift in 
ihrem Berichte über deu Genfer Congress selbst thut, S. 804. 

Dr. Brouardel (Professor der gerichtlichen Medicin, Hauptredacteur der 
Annales d'Hygiene publique , Paris) macht auf die grossen Gefahren aufmerk¬ 
sam, welche den Schwemmsielen innewohnen. Bei häufigen Besuchen der 
Pariser Siele habe man in dem grossen Auslasscanale des Boulevard Roche- 


*) Wir werden demnächst in dieser Zeitschrift einen Auszug der neuesten ausführlichen 
officiellen Schilderungen des Erfolgs dieser Rieselanlagen liefern. Für die Ergebnisse der¬ 
selben bis zum Jahre 1876 siehe Bd. VIII, S. 500 bis 522 und Bd. IX, S. 434 bis 467. 

Red. 


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272 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf. 

chouart eine so unbedeutende Strömung gefunden, dass es einiger Minuten 
bedurfte um zu unterscheiden, nach welcher Richtung hin der Strom ging. 
In dem Canale der Strasse Montmartre sah man eine sandige Ablagerung, 
auf welcher das Wasser in dünnen Streifen sich fortbewegte. Das Siel der 
Strasse Papiniere, das Sammelsiel des rechten Ufers, zeigt zwar einen 
reichlichen und raschen Wasserstrom, aber als man darin ein Boot mit der 
Reinigungsschütte in Bewegung setzte, bildete sich einige Schritte vor dem 
Boote eine Sanddüne, welche die Höhe des Wassers überragte. Auf der 
Sielsohle fand man Massen von organischen Stoffen, todte halbverfaulte 
Thierkörper, menschliche Fötus u. dergl., welche gar nicht der Angabe des 
Herrn Trelat entsprachen, dass das Sielwasser vom entferntesten Punkte 
bis zum Austritte des grossen Sammelcanals in weniger als sechs Stunden 
sich fortbewege. An etlichen Stellen wird eine ganze Woche hindurch all¬ 
nächtlich mit Eimern der angesamraelte Schmutz aus den Sielen heraus¬ 
gefördert. Zu dessen Ansammlung giebt freilich die Art, wie die Pariser 
Strassen (auch die macadamisirten) direct in das Siel hinein gefegt werden 
hinlänglich Anlass. Ferner hat das Sielwasser zu verschiedenen Zeiten eine 
sehr verschiedene Höhe, so dass reichliche Gelegenheit zu Ablagerung von 
Schmutz an den Siel wänden gegeben ist, welchen Brouardel im Siele der 
Strasse von Burgund bis zu einer Dicke von einigen Centimetern fand. 
Solchergestalt wird ein äusserst günstiger Herd für die Ansammlung von 
Krankheitskeimen geschaffen. Der Wechsel zwischen der Strassen- und der 
Sielluft ist zeitweise ein sehr lebhafter, so dass die Lampen der Canal¬ 
arbeiter dadurch zuweilen ausgelöscht werden. Bei so lebhaftem Zuge ist 
nicht daran zu zweifeln, dass die Krankheitskeime, welche an den Siel¬ 
wänden angeheftet waren, in die Strasse oder in die Häuser fortgeföhrt 
werden können. Man wähle ein Röhrensystem, ähnlich dem des Herrn 
Berlier in Lyon, das nur für die Excremente bestimmt, weder mit der 
Luft noch mit dem Wasser in Berührung komme und durch Aspiration 
entleert werde. Wenn nach Alphand nur 3 Liter Wasser auf den Kopf 
und den Tag nothwendig sind, um die Aborte rein zu erhalten, so ergiebt 
dies, unter weiterer Zufügung von 6000 cbm Wasser für ganz Paris auf 
den Tag, eine Masse, welche in 1 cbm noch etwa 17 kg Schwefel sauren 
Ammoniaks enthielte, während der halbe Reichthum davon genügte, ein 
rentirendes industrielles Product zu liefern. Vielfach ist bewiesen, dass 
örtliche Epidemieen von Unterleibstyphus den Ausdünstungen der Abtritts¬ 
gruben oder der schlecht unterhaltenen, bald trockenen, bald zu verschiede¬ 
ner Höhe angefüllten Siele ihren Ursprung verdankten. Während der 
Belagerung von Metz und Paris 1870 waren alle für den Ausbruch einer 
Typhusepidemie günstigen Momente gegeben und doch erfolgte dieser nicht, 
was für Metz um so auffallender war, als damals der Typhus unter den 
deutschen Soldaten herrschte. Da wir aber keine deutschen Gefangenen 
machten, wurde auch der Keim nicht in die belagerte Stadt gebracht. 
Aehnliche Gefahr droht bei Ruhr, Cholera u. s. w. Hüten wir uns also 
diese Keime aus den Sielen in unsere Häuser zu übertragen. 

Herr Emil Trelat, Professor der Baukunde (Paris). (Wie Prof. Brou¬ 
ardel in seiner Rede wesentlich den Gedankengang und die Thatsachen wieder" 
gegeben hatte, die in seinem, Namens der am 28. September 1880 eingesetz- 


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III. Section (Berichterstatter Dr. G. Varrentrapp). 273 

ten Ministerialcommission erstatteten Bericht zu finden sind *), so brachte 
auch Herr Trelat wesentlich den Inhalt des Berichtes wieder vor, der von 
ihm in der Sitzung yom 25. Januar 1882 im Anschluss an einen von Herrn 
H. Gueneau de Mnssy an die Socitti de medecine publique et d’hygüne 
professionelle vom 21. November 1880 erstatteten Commissionsbericht der¬ 
selben Gesellschaft vorgetragen wurde 2 ). Wir fügen zu besserem Verständ¬ 
nis unserem Referat einige dem letztgenannten Bericht entnommenen Zahlen¬ 
angaben bei.) 

Unsere Hauptaufgabe gegenüber allem Schmutzwasser ist dessen mög¬ 
lichst rasche Entfernung aus dem Bereich der menschlichen Wohnungen 
und zwar unterirdisch ohne Unannehmlichkeit oder Gefahr für die.Bewohner. 
Diese Forderung ist von den Aerzten aufgestellt, wir Ingenieure haben sie 
nun auszuführen. Unter den Strassen von Paris, mit einer Länge von 
870 km (etwas weniger als die Entfernung von Paris nach Marseille), laufen 
620 km Siele, die in drei grossen Sammelcanälen bei Asniöres und St. Denis 
ausmünden. Dieses Sielsystem ist weder vollständig noch vollkommen. 
Die Siele führen täglich etwa 260000 cbm Schmutzwasser weg; 15 000 Fall¬ 
rohre aus Trennungstonnen münden darin ein; es ist dies etwa Vio der 
täglich erwachsenden menschlichen Excremente. Wenn alle, auch die jetzt 
nach den Depotoirs abgefahrenen, etwa 1650 cbm betragenden Excremente 
in die Siele gelangten, und wenn die nach Paris geführte Wassermenge ent¬ 
sprechend und wie beabsichtigt auf 520 000 cbm erhöht wäre, würde die 
Verunreinigung (die jetzige zu 1 gesetzt) dann 1*0033 oder bei noch mehr 
Wasser (800 000 cbm täglich) selbst nur 1*002 betragen. Die Zunahme 
der Verunreinigung des Sielwassers bei Einführung aller menschlichen Ex¬ 
cremente und bei gleichzeitiger hinreichender Wasserversorgung würde 
sonach ganz unbemerkbar sein. Hiernach müssten unsere Gegner entweder 
überhaupt alle Siele, auch die bestehenden, beseitigen oder sie können sich 
beruhigen, denn die Furcht, dass die Sielwasser in Fäulniss übergehen 
könnten, ist unbegründet, da eine Zeit von sechs Stunden dazu nicht aus¬ 
reicht und dies die längste Zeit ist, welche diese Stoffe in dem Siel ver¬ 
bringen von dem Eintritt in den Hanscanal bis zum Austritt aus dem grossen 
SammelcanaL Die Arbeiten sind im Gange, um die Wasserzufuhr nach 
Paris von 370 000 auf 520 000 cbm und nach Vollendung der Siele noch 
höher zu bringen. Das Gefälle der Siele in Paris geht nicht unter 0*30 auf 
1000 herab, beträgt vielfach 0*60, 0*80 und 1 m auf 1000 m; in Berlin, 


*) Rapport de la Commission de Passainissement de Paris, institu6e par Mr. le ministre 
de Pagriculture et du commerce par arret6 en date du 28 septembre 1880 en vue d’6tudier 
les causes de l’infection signalec dans le d£partement de la Seine ainsi que les moyens d’y 
remedier. Rapport et avis de la Commission. Paris 1881, 4., 222 p. 

Mitglieder dieser Commission waren die Herren C. Girerd (Unterstaatssecretair im 
Ackerbauministerium), Pasteur, Sainte-Clnire Deville, A. Girard, Würtz, Gavar- 
ret, Brouardel, Dubrisay, Fauvel, Schlösing und Paul Girard. 

Wir werden die Schlussfolgerungen dieser Commission an anderer Stelle ausführlich 
mittheilen. 

a ) Mitglieder dieser Commission waren die Herren Bourneville, Durand-Claye, 
Hudelo, Köchlin-Schwartz, H. Gueneau de Mussy, Lamouroux, A. J. Martin, 
Napias, Perrin, A. Proust, Vnllin, Vidal und Trelat. — Siehe Revue d’hygi&ne, 
1882, S. 112 bis 126. 

Vierteljahrsschrift für Gesundheitspflege, 1883. ]g 


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274 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf. 

London und namentlich in Brüssel ist es schlimmer (in dem Frankfurter 
Hauptcanal 0*50 auf 1000, Ref.). In Betreff der Beseitigung der Excremente 
sind wohl folgende Schlüsse die richtigen: Aus dem letzten Syphon des 
Hauses sollen die Excremente dem Strassensiel zugeführt werden und zwar 
in geschlossenem Rohr direct in den Strom des Sieles, der hinreichend 
wasserreich sein muss, die Stoffe bis zur Unschädlichkeit zu verdünnen und 
ohne Aufenthalt bis zum Ausfluss des Sammelcanals fortzuführen. 

Im Sommer 1S80 machten sich in Paris sehr unangenehme Gerüche 
bemerkbar, welche theils den Pariser Sielen, theils den Unrathabladestellen 
in der Umgegend von Paris zugeschrieben und von den Parisern laut und 
allgemein angeklagt wurden. Der Minister ernannte darauf hin die oben 
S. 216 erwähnte Commission (in welcher sich kein Bautechniker befand). 
Herr Trelat sagt: die Herren der Commission haben Alles beachtet, berührt, 
untersucht. Die Berichte bei all ihrer Ausführlichkeit tragen aber den 
Stempel glühender Ueberstürzung an sich. Im Ganzen fand die Commission 
die Siele gut ventilirt und fast geruchlos. Gegen den Einwand, man könne 
wasserdichte Canäle nicht herstellen, giebt Trelat dies abstract zu, da es 
überhaupt kein undurchlässiges Mauerwerk, sondern nur undurchlässige 
Körper gebe; mit dem jetzigen Material und der*jetzigen Herstellungsweise 
könne aber allerdings thatsächlich Undurchlässigkeit erzielt werden. Die 
jetzigen Canäle würden aus den besten Materialien und sehr sorgfältig her¬ 
gestellt; Excremente kämen nur in sehr verdünntem Zustande und vorüber¬ 
gehend mit ihnen in Berührung, ihre Form zeichne sich aus durch Ein¬ 
fachheit, Glätte, Mangel aller Winkel und Ecken, jede Stelle sei dem Auge 
zugänglich, daher jeder Mangel entdeckbar; das gerade Gegentheil der 
alten Gruben und Siele. Von mit der Zeit durchlässig werdenden Abtritt¬ 
gruben darf daher nicht auf dieselbe Mangelhaftigkeit guter Siele geschlossen 
werden. 

Wenn von der Uebertragbarkeit der Krankheitskeime aus den Sielen 
in die Strassen und die Häuser geredet und dabei speciell der von Murchison 
erwähnte Typhusansbruch in der Knabenschule in Colchester hervorgehoben 
werde, so müsse man auch beachten, dass sich dort enge, schlecht her¬ 
gerichtete, unreine, mit stagnirenden Massen angefüllte Canäle vorfanden 
und dass aus einer durch Nachlässigkeit entstandenen Oeffnnng in denselben 
noch durch ein Feuer die stinkende Luft in das Haus eingesogen ward und 
andererseits, dass sobald die Stagnation beseitigt und die baulichen Repara¬ 
turen vorgenommen waren, die Krankheit vollständig verschwand. Als 
einen Beweis, was mit richtigen Sielen für die Gesundheit geleistet werde, 
führt er schliesslich an, dass in Berlin 1879 auf je 65 an das Sielsystem 
an geschlossene Häuser ein Typhusfall vorkam, in den nicht angeschlossenen, 
noch mit Gruben versehenen Häusern aber ein Fall auf je 17 Häuser, ebenso 
im Jahre 1880 ein Fall auf je 45 resp. 9 Häuser. 

Dr. J. Teisßier, Professeur agrige an der medicinischen Facultät zu 
Lyon, hat mit Dr. Arloing Versuche über die Sielwasser in Lyon angestellt. 
Die Abtrittsgruben sind dort noch ganz allgemein, nur das Hospital la Charitö 
sendet alle seine Abwasser direct in die Siele. Trotzdem steigen die Canal¬ 
arbeiter vorzugsweise gern in alle Sielzweige, die mit dem Hospital Zusam¬ 
menhängen, diese seien geruchlos und am leichtesten zu reinigen. Dr. Teis- 


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III. Section (Berichterstatter Dr. G. Varrcntrapp). 275 

sier fand das Wasser dieses Sieles so klar und geruchlos, dass wer nicht 
wusste, woher es kam, es anstandslos getrunken haben würde. Er spritzte 
einigen Meerschweinchen concentrirte Lösung aus einer Abtrittsgrube ein, 
die Thiere fühlten sich davon nicht belästigt, während die mit dem klaren 
Wasser des Charitesieles injicirten in 70 Stunden starben. Es fanden sich 
Mikroben in allen Geweben der gestorbenen Meerschweinchen. Wenn mit 
dem Blute dieser ersten Opfer andere Meerschweinchen injicirt wurden, so 
ward in späterer Reihe solcher Einspritzungen das Gift so mächtig, dass die 
Thiere in zehn Stunden starben. Die anscheinende Klarheit des Sielwassers 
war daher kein Beweis für dessen Reinheit. Teissier fand ferner, dass 
das Sielwasser in Städten mit Abtrittsgruben fast eben so viel Stickstoff 
enthielt als in Städten, wo die Siele auch die menschlichen Excremente auf¬ 
nehmen. Auch stimmten seine Versuche mit denen von Simon und Emme¬ 
rich überein, dass nämlich verdünnte menschliche Excremente, wenn frisch 
eingespritzt, für die Thiere unschädlich blieben, aber nach mehrstündigem 
Stehen selbst in geringerer Dose den Tod herbeiführten. Auf die schleunige 
Entfernung des Sielwassers ist daher grosses Gewicht zu legen. Wenn das 
Sielwasser von vornherein mit specifischen Krankheitskeimen direct von 
Patienten versehen ist, wird keine Klarheit und keine Geruchlosigkeit die 
Thatsache verdecken, dass unter solchen Umständen das Sielwasser gefähr¬ 
lich sei und die Gefahr weit verbreiten könne. 

Dr. E. Vidal, Arzt des Hospital St. Louis, Paris, meinte, es handle sich 
nur noch um die Frage, ob tout ä Vigout, wie die Pariser Ingenieure wollten, 
oder um ein getrenntes Ableitungssystem einerseits für Excremente, Küchen¬ 
wasser und sonstige gährungsfähige organische Stoffe und andererseits für 
das Meteorwasser, denn von Gruben, Filtertonnen u. dergl. könne nicht 
mehr die Rede sein. Die Strassen von Paris werden jetzt viel besser ge¬ 
reinigt als früher, Siele wurden erbaut und ihnen aller Schmutz übergeben, 
damit ist das Uebel aber nicht gehoben, nur örtlich verschoben. Die unge¬ 
sunde Sielluft steht durch tausende von Oeffnungen mit den Strassen und 
den Häusern in ungehinderter Verbindung. Der Unterleibstyphus hat in 
ausserordentlichem Maasse zugenommen, gegenwärtig kommen auf die 
Woche 26 bis 30 Todesfälle und somit 250 bis 300 Erkrankungen an dieser 
Krankheit vor. Noch nie ist Diphtheritis so häufig gewesen als jetzt. Diese 
Krankheit und der Unterleibstyphus sind je nach ihrer Häufigkeit und 
Heftigkeit die besten Gradmesser der gesunden oder ungesunden Verhält¬ 
nisse eines Ortes. Die Ursachen dieser Krankheiten werden durch das 
Wasser oder die Luft verbreitet; das Wasser in Paris aber ist gesund, rein 
und jeder Verunreinigung entzogen. Also muss die Luft der Träger sein. 
Gäbrende organische Stoffe können, direct oder indirect, die Ursache an¬ 
steckender Krankheiten werden, so namentlich die in den Sielen ange- 
sammelten. In Brüssel trat 1868/69 eine heftige Typhusepidemie auf, zu¬ 
meist in den höher gelegenen, wohlhabenderen Stadttheilen. Sie ist der 
Ausdünstung der gährenden Stoffe in den Sielen zuzuschreiben, welche in 
dem trocknen Sommer nicht gehörig ausgespült wurden. Für die Typhus¬ 
epidemie von 1874 in Lyon gilt wohl das Gleiche, obgleich dort der Grund¬ 
satz tout ä Vegout nur vermittelst Filtertonnen Platz greift Neapel mit 
Sielen tout ä Vfyout ist äusserst ungesund und hat viel Typhus. (Wo giebt 

18* 


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276 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf. 

es noch eine so unreine Stadt mit solchem Gestank in jeder, auch breiten 
Strasse? Ref.) Auch in Paris treten drei bis vier Wochen nach Auf hören 
reichlicheren Regens die Typhusfalle in grösserer Häufigkeit auf. In Croy¬ 
don wurden innerhalb weniger Tage mehrere hundert Personen vom Typhus 
ergriffen, besonders in den oberen Stadttheilen, und zwar in Folge von Ver¬ 
unreinigung des zugeleiteten Wassers. Was man auch thun mag, die Siel¬ 
luft bleibt immer gefährlich, ja tödtlich. Immer allgemeiner spricht sich 
die öffentliche Meinung für das separate System aus; Dordrecht und Leyden 
liefern treffliche Erfolge mit ihrem Liernur’schen System. In Amerika und 
England fängt man an, das bisherige Schwemmsielsystem zu verlassen. Das 
separate System entspricht den hygienisohen Forderungen. Man verspricht 
uns Reinigung der Pariser Canäle; dies kann aber nicht täglich geschehen, 
ist überhaupt für 800 km Siele mit 80 000 Abzweigungen unmöglich. 

/ 


Zweite Sitzung. 

Mittwoch, den 6. September. 

Fortsetzung der Discussion vom vorhergehenden Tage. 

Dr. H. Pacchiotti, Professor der Hygiene in Turin, Präsident des 
internationalen hygienischen Congresses von 1880 in Turin, bittet, dass die 
Verhandlungen sich nicht in, nur dieser oder jener Stadt eigenthümliche 
Einzelheiten verlieren; ein internationaler Congress habe sich vorzugsweise 
mit Principien und deren allgemeiner Anwendbarkeit zu beschäftigen. 

Herr Duverdy, Advocat, Paris. Es ist viel von den durch die Siele 
bedingten Gefahren gesprochen worden, aber wenig von der Behandlung 
der Sielwasser. Die Erfahrungen von Paris und Berlin lehren, dass die 
Sinkstoffe in den Sielen rasch genug fortbewegt werden können. Aber ist 
es nicht inconsequent, dass man den Unrath auf das Land ausbreitet, wäh¬ 
rend die Aerzte verlangen, dass er möglichst kurz in den Sielen verbleibe? 
Die Pariser Rieselfelder sind ungenügend, für die 240 000 Gruben würden 
15 000 Hektaren kaum hinreichen. Es ist gar nicht sicher, dass die Ge¬ 
meinde von Gennevilliers auf die Dauer den Ausfluss der Siele wird behal¬ 
ten wollen, sie ist jetzt von den ihr durch die Pariser Gemeinde gebotenen 
Vortheilen geblendet. Die Berliner Rieselfelder sind nicht besser, die 
fertig gestellten sind räumlich völlig ungenügend, das Vieh kann dort nicht 
weiden, es versinkt bis an die Knie. Duverdy kann sich, auf diese 
Erfahrungen gestützt, nur für ein Trennungssystem aussprechen und 
namentlich für ein solches, welches die Excremente der Kranken von denen 
der Gesunden trennt. 

Dr. Varrentrapp (Frankfurt a. M.). Wir sind zu einem internationalen 
Congress versammelt und müssen vorsichtig sein, aus localen selbst wenn 
noch so genauen Beobachtungen allgemeine Schlüsse zu ziehen. So ist 
gestern die Frage nach dem besten System der Entfernung der Abfuhrstoffe, 
nach der besten Constructionsweise der Siele von einem Principe, von 


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III. Section (Berichterstatter Dr. G. Varrentrapp). 277 

einer internationalen Frage zu einer rein localen eingeengt worden, zu einer 
Erörterung über die Mangelhaftigkeit oder Vortrefflichkeit der bestehenden 
Pariser Siele. Man sagt, nicht rasche Bewegung der Sielflüssigkeit finde 
dort statt, sondern Stockung mit reichlichen Niederschlägen. Paris, diese 
grosse Hauptstadt, welche seit vielen Jahrzehnten Genie, Fachkenntniss und 
Geld für hygienische Bauten verwendet wie kaum eine andere Stadt, wird 
immer und für Jedermann höchst lehrreich bleiben, aber die dort gemachten 
Erfahrungen sind doch nicht allein entscheidend für alle Orte, nicht für 
Richtigkeit oder Unrichtigkeit eines Princips. Wenn die Pariser Siele 
mangelhaft sind, so bessere man sie. 

Die Frage bleibt, ob überhaupt Siele, welche nach dem Grundsatz 
tout ä Vigout zur Aufnahme jeder Art von Verbrauchswasser, zur Auf¬ 
nahme des Küchen-, Haus-, Strassen- und Regenwassers ebenso wie der 
menschlichen Auswurfstoffe bestimmt sind, Stagnation zeigen müssen 
oder ob sie nicht durch reichliche und freie Circulation des Sielwassers 
selbst reinigend wirken können. Letzteres bejahe ich. Ich will nicht 
von den Erfahrungen von Hamburg, Danzig und Berlin reden, obgleich 
ich die dortigen Canäle wiederholt besucht und stets rein, ohne Nieder¬ 
schläge gefunden habe. Ich will nur von Frankfurt reden, von wo mir seit 
längeren Jahren eine so zu sagen tägliche Beobachtung zu Gebote steht. 
Das dortige Sielsystem, 1867 begonnen, hat nun eine Länge von 150 km 
und nimmt das Abwasser von 6100 Häusern mit 17 900 Wohnungen und 
23 000 (nicht obligatorischen) Wasserclosets auf; es huldigt vollständig 
dem Grundsatz tout ä Vegout. Ausser bei der Bauarbeit ist noch niemals 
ein Arbeiter mit einem Besen oder sonstigem Werkzeug zum Behuf der 
Reinigung in das Siel hinabgestiegen. Zur Reinigung genügt das von der 
städtischen Wasserleitung für den Hausverbrauch gelieferte Wasser, 15 000 
bis 18000cbm täglich, welches zu verschiedenen Zeiten und an verschie¬ 
denen Stellen durch Schütten gestaut wird. Nur ganz ausnahmsweise giebt 
die Wasserleitung etwas Wasser direct an die Siele ab. Noch niemals hat 
sich in den Sielen, weder in den kleinen noch in den grossen ein Absatz 
gebildet, obgleich die letzteren ein geringes Gefälle bis zu 1:2000 haben. 
Ich lade Sie ein, unsere Siele in Augenschein zu nehmen, Zeit und Ort zu 
bestimmen; Sie werden nirgends einen Niederschlag finden. In längstens 
IV 2 Stunden ist das Verbrauchswasser aus dem entferntesten Hausrohr bis 
zum Ausfluss des Hauptcanals gelangt. Frankfurt hat somit den that- 
sächlichen Beweis geliefert, dass Schwemmsiele erbaut werden können, mit 
vollständiger Circulation und ohne alle Stagnation. 

Sodann ist behauptet worden, Siele könnten nicht wasserdicht her- 
gestellt werden und müssten somit den Untergrund verunreinigen. In 
Hamburg, München und Frankfurt hat man längs der Aussenwand der Siele 
bis unter deren Sohle Nachgrabungen angestellt und nirgends weder dem 
Aussehen nach noch durch chemische Untersuchung eine Verunreinigung 
des umliegenden Bodens entdecken können. 

Ich komme nun zu der vielfach sehr irrthümlich vorgebrachten 
Statistik. Namentlich der Unterleibstyphus soll in den canalisirten 
Städten durch die Sielausdünstungen vermehrt worden sein. In Frankfurt 
haben wir seit 1851 eine sehr genaue Statistik der Todesursachen. 


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278 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf. 

Todesfälle an Typhus haben wir in Frankfurt seit jener Zeit auf je 
100 000 Einwohner gehabt: 


In den Jahren 

Todesfälle 

ln den Jahren 

Todesfälle 

1851 bis 1853 . 

. . 86 

1866 bis 1868 . 

. . 61 

1854 „ 1856 . 

. . 83 

1869 „ 1871 . 

. . 77 

1857 „ 1859 . 

. . 91 

1872 „ 1874 . 

. . 79 

1860 „ 1862 . 

. . 70 

1875 „ 1877 . 

. . 28 

1863 „ 1865 . 

. . 47 

1878 „ 1880 . 
1881 „ 1882 . 

. . 20 
. . 13 


Ins Jahr 1867 fallen die ersten Siel bauten, von 1872 an wurden 
Wasserclosets gestattet, von 1875 an besitzen wir unsere ausgiebige Wasser¬ 
versorgung. 

Aehnliche Abnahme zeigt in den letzten Decennien der Typhus in 
Hamburg 1 ) und Danzig 2 ). 

In Berlin ist ein noch richtigerer Vergleich möglich. Hier ist nämlich 
der Schwemmsieibau in äusserst raschem Fortschreiten begriffen. Die Er¬ 
richtung von Wasserclosets und der Anschluss solcher Häuser an die Siele 
kann damit nicht gleichen Schritt halten. Nun hat die Erfahrung der 
letzten paar Jahre gelehrt, dass in den an das Sielsystem angeschlossenen 
Häusern die Typhussterblichkeit sich auf ein Drittel gegen früher vermin¬ 
dert hat, während sie in den nicht angeschlossenen Häusern nicht herab¬ 
gegangen ist. Kann man noch schlagendere Beweise des Ungrundes der 
oben erwähnten Behauptung, Schwemmsiele mit ihren Ausdünstungen ver¬ 
mehrten die Typhussterblichkeit, verlangen? Ich bin nicht so rasch zu sagen, 
seht die Abnahme der Sterblichkeit von Hamburg, Danzig, Frankfurt, Berlin, 
sie ist augenscheinlich Folge der Schwemmsiele. Gewiss aber berechtigt ist 
der Satz, dass neben anderen Ursachen (bessere Wasserversorgung u. s. w.) 
die Siele mit dazu beigetragen haben. Es mag hier sogar nebenbei be¬ 
merkt werden, dass der Unterleibstyphus seit etwa zehn Jahren überhaupt 
fast allerwärt8 in einer rückgängigen Bewegung begriffen ist. 


*) In Hamburg kamen Todesfälle an 

Abdominaltyphus 
auf 1000 Todesfälle 

1838 bis 1844 yor Sielbau.48'5 

1845 „ 1853 während des Baues.39*5 

1854 „ 1861 in den ersten acht Jahren darnach 29*9 

1862 „ 1869 .. 22*0 

1871 „ 1880 . 13*3:10*5 


2 ) ln Danzig kamen 


Todesfälle 

auf 1000 Einwohner 


1863 bis 1868 vor Sielbauten.38*4 

1869 „ 1871 während des Sielbaues .... 34 6 

1872 „ 1880 nach Sielanlage ..28*8 


Todesfälle an 
U nterleibstyphus 
auf 100 000 Einwohner 
107 
91 
32 

rcsp. 52 


52 nämlich, wenn man die seit 1876 vorgekommenen 131 Todesfälle an Fleck- und an 
Rückfalltyphus hinzurechnet, welche Krankheit vor jener Zeit in Danzig nicht beobachtet 
wurde. 


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IIL Seetion (Berichterstatter Dr. G. Varrentrapp). 279 

Was hat die locale Steigerung des Typhus in Paris *) mit Schwemm¬ 
sielsystem zu thun, da in Paris das sehr mangelhafte System jährlich nur 
unbedeutende Ausdehnung erfahren hat, während andererseits Berlin, Danzig, 
Frankfurt, Hamburg mit ihrem von Jahr zu Jahr ausgedehnteren Siel¬ 
system Abnahme der Typhussterblichkeit offenbaren ? 

Auch Croydon ist vorgeführt worden als Beweis für die Gefahr von 
Schwemmsielen. Ganz richtig: bei mangelhafter Ban weise, Mangel jeder 
Ventilation der Siele ist dort einmal eine Typhusepidemie ausgebrochen. 
Man hat die mangelhafte Bauart verbessert, seitdem ist eine Typhusepidemie 
dort nicht mehr aufgetreten und die Sterbeziffer so gering, wie sigh deren 
nur sehr wenige Städte auf dem Continente und in England erfreuen 2 ). 

Ferner hat man geglaubt, mit der Diphtherie die Gefahren des 
Schwemmsielsystems darthun zu können. Den ersten Anstoss dazu haben 
zwei sehr angesehene Aerzte in Glasgow gegeben. Dr. Fergus folgert aus 
dem Umstand, dass wesentlich erst seit 1840 in England Schwemmsiele 
eingeführt worden seien und dass erst bald nach 1850 Diphtherie in Eng¬ 
land aufgetreten sei, dass die Ausdünstungen der Siele die Ursache da¬ 
von seien. Rasche Logik! Dr. J. B. Rüssel hat beobachtet, dass Häuser 
mit mehreren Wasserclosets stärker ergriffen würden als Häuser mit 
einem Wassercloset. Folglich Wasserclosets gefährlich! Nun aber lieferten 
1857 bis 1870 die ländlichen Districte Schottlands 25Proc. mehr Todesfälle 
an Diphtherie als die städtischen. In England und Wales kamen in den 
Jahren 1858 und 1859 nicht weniger als 6606 und 10 184 Todesfälle an 
Diphtherie vor, während von 1866 bis 1881 dieselben nie mehr die Zahl, 
von 4000 im Jahr erreicht haben. Sind etwa Wasserclosets und Schwemm- 
siele in den letzten 15 Jahren abgeschafft oder sehr vermindert worden? 
In Preussen kamen auf 100 000 Einwohner in den Stadtgemeinden 13, in 


J ) Nach den officiellen Aufzeichnungen von Bertillon liefert Brouardel (Revue 
d’hygiene 1882, S. 953) folgende Uebersicht der Zunahme des Typhus in Paris: 

Todesfälle an Typhus 


1869 . 

absolute 

Zahl 

... 993 . 

1872 . 

... 938 . 

1873 . 

... 952 . 

1874 . 

... 823 . 

1875 . 

. . . 1048 . 

1876 . 

. . . 2032 . 

1877 . 

. . . 1201 . 

1878 . 

... 857 . 

1879 . 

. . . 1101 . 

.1880 . 

. . . 2120 . 

1881 . 

. . . 2133 . 


Bevölkerung 


*) Es kamen 

Croydon 1870 bis 1875 ... 59 534 

„ 1876 „ 1880 . . . 72 540 

Beddington 1871 „ 1880 . . . 3 886 


auf 

100 000 Einw. 
53*4 
490 
49-2 
42*1 
532 
102*2 
58-9 
411 
51*6 
97*3 
95*8 


48'4 


614 


965 


Ref. 


Todesfälle auf 1000 Einw. 
zusammen an zymot. Krankh. 
18*41 3*00 

17*07 2*53 

14*3 2*00 


ln Beddington befinden sich die Rieselfelder des benachbarten Croydon. 


Ref 


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280 Vierter internationaler Congress für Gesundheitspflege zu Genf. 

den Landgemeinden 17 Todesfälle an Diphtherie. In Russland starben in 
einzelnen Jahren und in einzelnen Gouvernements 2000 bis über 4500 Per¬ 
sonen an Diphtherie, im Kreis des Dnieper wurden s /4 der Kinder unter 
10 Jahren weggerafft, mehr als je in England, Deutschland u. s. w. Sind 
am Dnieper die Wasserclos